Der WDR und der Hass auf Jungen

Hass? Ist das nicht sehr übertrieben? Selbst wenn eine journalistische Sendung mal danebenliegt, muss doch sicher nicht gleich von „Hass“ geredet werden?

Das stimmt. Nur ist die Rede von der Hassrede zur Zeit so einflussreich, wird institutionell so stark gefördert und wird sogar so weit und bis in die Gesetzgebung hinein getrieben, dass es sich lohnt, ihre Maßstäbe auch einmal an eine Positionen anzulegen, die nach ihrem Selbstverständnis des Hasses ganz unverdächtig sind.

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Laien sehen hier lediglich zwei freundliche Kinder. Dem Experten aber bleibt die arrogante Neigung zur Faulheit nicht verborgen.

Nur 8,7 % aller Lehrkräfte an den Grundschulen Nordrhein-Westfalens sind nach Angaben des statistischen Landesamts zum vergangenen Jahr männlich – ein neues Rekordtief. Im Morgenecho des WDR hat die Journalistin Annika Franck in der Sendung Kleine Helden in Not Ursachen und Folgen davon auf eine Weise erläutert, die ihre Sendung tatsächlich als „Hassrede“ qualifiziert. Diese Zuordnung würde selbst selbst sicher überraschen – nach einschlägigen Definitionen dieses Begriffs ist sie aber zwingend.

Unterrichten Männer nicht in den Grundschulen, weil ihnen der Beruf nicht männlich genug ist?

Das behauptet jedenfalls der Wissenschaftler Marcel Helbig, der seit Jahren erklärt, dass Jungen an ihren offensichtlichen schulischen Schwierigkeiten selbst Schuld seien. Das hat ihn mittlerweile sogar für eine Professur qualifiziert.

Wie auch in vielen seiner anderen Erklärungen gibt er damit eine Vermutung als überprüften Sachverhalt aus. Die These hätte allerdings auch dann Schwächen, wenn er sie ehrlich als Vermutung darstellen würde. Denn wie sollte damit erklärt werden, dass der Anteil der Männer im Grundschullehramt kontinuierlich gesunken ist? Liegt Männern heute mehr als Männern aller anderen Zeiten besonders viel daran, nur männliche Berufe zu ergreifen?

Ich habe vor einer Weile einmal mit einem Schüler und seiner Mutter gesprochen – er würde gern Kindergärtner werden, die Mutter findet auch, dass ihm das liegen würde – aber sie befürchtet, dass er damit Verdächtigungen auf sich ziehen könnte. Möglicherweise meiden einige Männer den Beruf unter anderem also auch, weil sie Angst davor haben, scheel angeschaut oder als pädophil verdächtigt zu werden: Das erklärt zumindest, warum die Zahl der Männer im Beruf seit Jahren zurückgeht.

Eine Ursache für den schlechten Leumund männlicher Grundschul- und Kindergartenpädagogen sind sicher die realen Missbrauchsskandale bei der katholischen Kirche, bei den Grünen oder in der Odenwald-Schule. Eine andere ist das Klischee, dass jeder Mann, der sich mit Kindern beschäftigt, ein potenzieller Kindesvergewaltiger wäre.

Für Helbig ist die Kritik solcher Klischees, die erst in den letzten Jahrzehnten kräftig verbreitet wurden, kein Thema. Sein eigenes Generalthema hat er gefunden:  Die Probleme, die Männern oder Jungen in der Schule begegnen, seien auf überholte Männlichkeitsbildern in ihren Köpfen zurückzuführen.

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Leider geben Väter ihre eigenen Männlichkeitsbilder oft ungeprüft an die Jungen weiter.

Hat der massive Männermangel in Kindergärten und an Grundschulen tatsächlich keinen Einfluss auf den Bildungserfolg von Kindern?

Das Geschlecht habe eindeutig keinen Einfluss, behauptet Franck, und sie bezieht sich wohl auch damit auf Helbig. Der wiederum begründet seine Meinung mit Studien, in denen Schulen, die einen sehr großen Frauenüberschuss haben, und Schulen, die einen extrem großen Frauenüberschuss haben, miteinander verglichen werden. Er stellt in diesen Vergleichen – was niemanden ernsthaft überraschen kann –  fest, dass er keine nennenswerten Unterschiede feststellt. Daraus zieht er dann den Schluss, dass das Geschlecht der Lehrkräfte keine Rolle spiele.

Tatsächlich aber kann er daraus lediglich den Schluss ziehen, dass es keinen großen Unterschied macht, ob Kinder von einem einzelnen Lehrer oder einer einzelnen Lehrerin unterrichtet werden. Das behauptet aber eigentlich auch niemand. Thomas Gesterkamp beschreibt das Problem in einer anderen Sendung, die am selben Tag bei WDR2 ausgestrahlt wurde: Kinder würden insgesamt in ihren ersten zehn Lebensjahren ein erhebliches „Defizit an Männlichkeit“ erleben, hätten oft weder in ihren Familien noch in den Bildungsinstitutionen verlässlich vorhandene männliche Bezugspersonen.

Ob ein solches Defizit an Männlichkeit eine Rolle spielt, könnte Helbig nur überprüfen, wenn er Grundschulen mit einem starken Frauenüberschuss mit Grundschulen vergleichen würde, in denen Männer und Frauen zahlenmäßig ausgeglichen unterrichten – und am besten auch noch mit Grundschulen, die einen starken Männerüberschuss haben.

Seine Argumentation ist also ungefähr so stichhaltig wie die eines Menschen, der den Klimawandel mit dem Hinweis leugnet, dass es im Winter schließlich immer noch kälter werde. Das stimmt – es hat nur mit der These, die widerlegt werden soll, nicht viel zu tun.

Zugleich räumt Helbig übrigens seltsamerweise ganz selbstverständlich ein, dass in der Mathematik und in Naturwissenschaften weibliche Lehrkräfte für Mädchen sehr wichtig wären. Der naheliegende Gedanke hingegen, dass die offenkundigen Nachteile von Jungen in den Schulen etwas mit dem Mangel an männlichen Lehrkräften zu tun haben könnten, kann beruhigt bei Seite gelegt werden.

Für die Nachteile von Jungen finden sich nämlich ganz andere Gründe.

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Und dann auch noch heulen! Jungen verstehen oft nicht, dass sie für ihre Schwierigkeiten selbst verantwortlich sind.

Ist tatsächlich die „Faulheit der Jungen“ für die Bildungsmisserfolge von Jungen verantwortlich?

Auch das behauptet Franck ausdrücklich, wohl ebenfalls mit Bezug auf Helbig, der mit dieser These schon seit Jahren durch Massenmedien tingelt. Anstrengungsbereitschaft passe in den Augen der Jungen nicht zu ihrer Geschlechterrolle, Streber würden verächtlich angesehen.

Jemandem „Faulheit“ nachzusagen, ist aber natürlich nicht einfach eine wertfreie sachliche Feststellung, sondern ein moralisierender Vorwurf. Ich habe in pädagogischen Bereichen – und eigentlich auch außerhalb davon – noch nie eine Situation erlebt, die durch moralisierende Vorwürfe erheblich verbessert worden wäre, aber schon viele, die sich durch solche Vorwürfe verhärteten. Wenn überhaupt, dann könnte ein solcher Vorwurf an einen einzelnen Schüler einen Sinn ergeben. Wenn aber eine ganze Gruppe von Menschen ein bestimmtes Verhalten zeigt, dann ist die sachliche Frage nach den Bedingungen davon wesentlich sinnvoller als das pauschale Moralisieren.

Helbig entdeckt solche bedingenden Strukturen allein in den Köpfen der Jungen selbst: Traditionelle Männlichkeitsbilder, nach denen Anstrengung irgendwie unmännlich sei. In all den Jahren, in denen er diese These schon vertritt, ist dem Wissenschaftler allerdings noch nie aufgefallen, dass er sich diese traditionellen Männlichkeitsbilder selbst ausgedacht hat.

Anstrengungslose Wirkung jedenfalls ist in der Tradition weiblich, nicht männlich konnotiert: als Schönheit oder, noch einschlägiger, als Anmut. Schiller zum Beispiel stellt dieser die männliche „Würde“ gegenüber, die anders als die Anmut von Anstrengung und Selbstüberwindung geprägt sei.

Typische männliche Kleidung betont die Funktionalität für verschiedene Arbeitszusammenhänge – typisch weibliche Kleidung hingegen signalisiert eher, dass eine Frau nicht unbedingt körperlich arbeiten muss: Unpraktisch lange Haare, Schmuck, Ketten, lange Fingernägel, Röcke, die den Beinen keinen Schutz bieten. Das Mädchenideal der Prinzessin wiederum ist ein Mensch, der selbst nicht arbeiten muss, sondern der von anderen bedient wird.

Wer das für die Ebene der Klischees feststellt, kann deswegen noch lange nicht behaupten, das Frauen oder Mädchen tatsächlich fauler wären als Männer oder Jungen. Dasselbe gilt dann natürlich auch umgekehrt. Helbig hat damit ein doppeltes Problem: Er macht erstens keinen Unterschied zwischen Klischees und realen sozialen Bedingungen, und zweitens bekommt er auch noch die Klischees durcheinander.

Tatsächlich projiziert er abfällige Männlichkeitsbilder – Männer würden viel von sich halten, gern auch eine große Klappe haben, hätten aber wenig zu bieten – schlankweg auf Jungen.

Wenn aber reale Jungen sich gegenüber anderen auszeichnen, sei es im Fußball, im Tanzen, in der Musik oder in anderem – dann eben nicht durch etwas, was anstrengungslos möglich ist. Das nämlich könnte jeder andere wiederholen und würde so gleichsam keinen Vorteil auf dem Markt bieten.

Jungen heben sich gegenüber anderen Jungen hervor durch ein Können, das nicht einfach reproduzierbar ist, weil lange Arbeit und Übung dafür notwendig ist. Bevor der Einwand kommt: Mädchen machen das auch – nur bei denen behauptet ja auch kein Wissenschaftler, dass die einfach das faule Geschlecht wären.

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Es ist Jungen bekanntlich sehr wichtig, sich nicht anstrengen zu müssen.

Woran liegen denn dann die schlechteren Leistungen der männlichen Schüler?

Ob männliche Schüler tatsächlich schlechtere Leistungen erbringen, ist gar nicht ganz klar. Tendenziell werden Jungen bei gleicher Leistung schlechter benotet als Mädchen und erhalten seltener eine Empfehlung für das Gymnasium. Das leugnet übrigens nicht einmal Helbig – er versucht lediglich zu erklären, dass diese Ungleichbehandlung irgendwie ja auch ganz in Ordnung sei, weil Mädchen nun einmal fleißiger wären. Womit sich sein Argument übrigens in den Schwanz beißt.

Eine Verachtung für Streber aber gibt es tatsächlich unter Schülern – und nach meiner Erfahrung als Lehrer hat Helbig recht damit, dass sie unter Jungen stärker ausgeprägt sei als unter Mädchen. Das muss aber nicht mit Faulheit erklärt werden – es ist vermutlich einfach Ausdruck einer geringeren Bereitschaft zur Anpassung an die Bedingungen der Institution. Jungen erbringen besondere Leistungen, auch – und nicht allein in Computerspielen – enorme Leistungen, nur eben nicht unbedingt gerade die Leistungen, die in der Schule von ihnen verlangt werden.

Das wiederum lässt sich sehr gut durch das Frauenmonopol des ersten Lebensjahrzehnts erklären. Mädchen wie Jungen erleben die Erwachsenenwelt als eine weibliche Welt – aber Mädchen können ihre Identität in der Identifikation mit dieser Erwachsenenwelt entwickeln, Jungen hingegen müssen dafür Distanz zur Welt der Erwachsenen aufbauen.

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Sind denn nicht trotzdem die Bildungsnachteile der Jungen ganz harmlos? Schließlich verdienen Männer doch im Schnitt später trotzdem mehr als Frauen.

Nach diesem Argument Francks sind Bildungsnachteile von bestimmten Kindern ganz in Ordnung, wenn diese Kinder es nur später schaffen, diese Nachteile irgendwie zu kompensieren. Vielleicht ist damit eigentlich auch nur gemeint: Es mag ein paar Bildungsnachteile von Jungen geben – aber die können vernachlässigt werden angesichts der gravierenden Nachteile, die Frauen gegenüber Männern haben.

Mehr noch: Für Helbig begründet sich die ihnen nachgesagte Faulheit der Jungen sogar wie von Zauberhand dadurch, dass sie Jahre später beim beim „Eintritt ins Berufsleben“ feststellen, „dass ihnen die Faulheit nicht grundsätzlich geschadet hat“.

Dabei ist das Verhalten von Kindern allerdings auf Strukturen zurückzuführen, in denen sie leben und die von Erwachsenen geprägt wurden – das Verhalten Erwachsener hingegen in viel größerem Maße auf eigene Lebensentscheidungen. Es gibt deutliche Hinweise dafür, dass sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen die traditionelle Erwartung stabil erhalten hat, dass grundsätzlich der Mann für das Familieneinkommen verantwortlich sein sollte.

Männer arbeiten daher nach der Geburt von Kindern mehr als vorher und stecken mehr Energie in die Erwerbsarbeit, als sie für sich allein bräuchten – bei Frauen ist es tendenziell umgekehrt. Die Bundesärztekammer führt beispielsweise den deutlichen Ärztemangel unter anderem darauf zurück, dass Ärztinnen deutlich weniger arbeiten als Ärzte, der Arztberuf aber mittlerweile zu einem weiblichen Beruf geworden sei.

Auch das bedeutet nun nicht, dass Frauen fauler als Männer wären – sondern nur, dass sich traditionelle Aufteilungen der Arbeit in Partnerschaften trotz oder gerade wegen einer modernen Familienpolitik bemerkenswert stabil gehalten haben. Weil aber damit Männer weiterhin im Schnitt die wesentliche Last der finanziellen Reproduktion ihrer Familien tragen, wäre es erst recht wichtig, dass die Bildung und Ausbildung von Jungen ebenso ernst genommen wird wie die von Mädchen.

Während jedoch Präferenzen erwachsener Frauen umgehend in politische Appelle umgemünzt werden („Vereinbarkeit von Familie und Beruf“), sind Wissenschaftler wie Helbig und Journalistinnen wie Franck darum bemüht, die Bildungsnachteile männlicher Kinder als deren persönliches Problem hinzustellen, das keine Reaktion der Bildungspolitik nötig mache.

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Ist es nicht trotzdem sehr übertrieben, hier von Hate Speech zu sprechen?

Es gibt tatsächlich auch in meinen Augen gute Gründe dafür, die Mode nicht mitzumachen, jede stark abweichende politische Meinung öffentlich als Äußerung von „Hass“ zu qualifizieren. Allerdings wird diese Redeweise ja selbst aus der Bundesregierung heraus stark unterstützt – Hate Speech solle deutlichere Strafen nach sich ziehen als bisher. Daher lohnt es sich, einmal einen Blick in eine einschlägige Definition zu werfen.

Der Linguist Anatil Stefanowitsch schreibt für die Amadeu Antonio Stiftung über „Hassrede“:

„Im einfachsten Fall ist die Herabwürdigung/Verunglimpfung ein expliziter Teil der Aussage, z.B. in ‚(Alle) Griechen sind faul’.“

Politische Gruppen hingegen verwendeten die

„Strategie der impliziten Hassrede häufig: Wenn eine Partei etwa ständig betont, dass Migrant/innen willkommen seien, ‚solange sie sich an unsere Gesetze halten’, ist dies ja zunächst eine fast schon trivial harmlose Aussage, denn selbstverständlich sollen sich alle Menschen an Gesetze halten. Die Aussage wird aber dadurch zu einer Verunglimpfung von Migrant/innen, weil sie nur dann einen Sinn ergibt, wenn wir annehmen, dass Migrant/innen sich normalerweise nicht an Gesetze halten.“

Im Vergleich dazu ist also die ausdrückliche Rede von der „Faulheit der Jungen“ ein eindeutiger Fall der expliziten Hassrede. Franck wiederholt die am selben Tag noch in einer anderen Sendung des WDR2.

Dass es Frauen und Männer an den Schulen gibt, ist für Franck vor allem wichtig, um „Stereotype abzubauen“ – auch wenn Helbig es gar nicht so leicht findet, Kinder zu „ent-stereotypisieren“. Wie beide es schaffen, innerhalb weniger Minuten engagiert für den Abbau von Geschlechterstereotypien einzutreten und zugleich mit dem Gestus größter Selbstverständlichkeit von der Faulheit der Jungen zu sprechen, ist mir bis heute noch nicht ganz klar.

Doch selbst für einen solchen eindeutigen Fall, der nach den derzeit gängigen Maßstäben zweifellos als Hassrede zu werten ist, hielte ich eine Bestrafung der Urheber für übertrieben. Mir würde es schon reichen, wenn diese Hassrede nicht auch noch aus Gebühren (im Radio) oder aus Steuermitteln (an den Universitäten) gefördert würde. Wie lässt es sich denn zum Beispiel gegenüber Eltern von Jungen rechtfertigen, dass sie die klischeehafte öffentliche Herabwürdigung ihrer eigenen Kinder, bitteschön, auch noch zu finanzieren hätten?

Schockierend ist dabei vor allem, wie sehr Erwachsenen ein Gefühl dafür verloren gegangen ist, dass sie Kindern gegenüber eine Verantwortung tragen. Denn in Stefanowitsch’ eindeutigem Beispiel wird immerhin noch gegen Erwachsene  (Griechen“) gehetzt – in der WDR-Sendung hingegen sind Kinder das Ziel. Mehr noch: Die Funktion solcher Beiträge ist offenkundig, Legitimationen dafür zu entwickeln, den betroffenen Kindern auch in Zukunft den nötigen erwachsenen Beistand zu verweigern, den sie  so offensichtlich brauchen.

In diesem Fall finde ich es daher nicht übertrieben, von „Hassrede“ zu sprechen.

  1. Ich habe mal eine Zeit lang im Prüfungsamt einer pädagogischen Fakultät gearbeitet und kann bestätigen: ca. 90% der Grundschullehramts-Studenten sind Frauen; ähnlich ist es wohl bei Kindergarten-Erziehern. Ich würde das allerdings als Ergebnis des Versuchs, Männer als potentielle Belästiger aus diesen Berufen herauszumobben.

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  2. „Mädchen wie Jungen erleben die Erwachsenenwelt als eine weibliche Welt – aber Mädchen können ihre Identität in der Identifikation mit dieser Erwachsenenwelt entwickeln, Jungen hingegen müssen dafür Distanz zur Welt der Erwachsenen aufbauen.“

    Dies ist im wesentlichen die mikrosoziologische Erklärung für die Unterdrückung der Frauen von Chodorow in „The Reproduction of Mothering“ (1978) auf der Basis der Einführung männlicher und weiblicher Persönlichkeiten: Mädchen identifizieren sich mit ihren, die Kinder allein aufziehenden Müttern und deren Verhalten, während sich Jungen dagegen abgrenzen, was überscharfe Ich-Grenzen für Jungen und Empathie für Mädchen zur Folge habe, so daß hiernach die individuelle psychologische Entwicklung der Kinder ausreichen soll, um die Herrschaftsverhältnisse zu reproduzieren (object relations theory). Väter verdienen nur das Geld und sind sonst abwesend. Man nennt das auch „psychoanalytischer Feminismus“.

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    1. @Elmar:

      Ich denke, so allgemein, wie Lucas das beschreibt, handelt es sich um eine kulturelle Universalie. Chodorows These ist da schon spezieller, allein schon darum, weil sie den abwesenden Vater ins Zentrum rückt, der ja ein historischer Sonderfall ist – unter Bauern und im »Alten Handwerk« ist der Vater üblicherweise anwesend. Chodorow beschreibt die typische Konstellation unter Arbeitern und Angestellten in der modernen Gesellschaft. Und die Objektbeziehungstheorie stammt ursprünglich von Melanie Klein und bildet eine selbständige (nicht notwendig feministische) Schule der Psychoanalyse.

      Feminismus in der Psychoanalyse hat unterschiedliche Formen und ist nicht auf eine bestimmte Schule beschränkt. Juliet Mitchell beispielsweise verteidigt Freud als einen Kritiker der patriarchalen Gesellschaft, während andere Autorinnen ihn stärker negativ sehen.

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      1. „Ich denke, so allgemein, wie Lucas das beschreibt, handelt es sich um eine kulturelle Universalie.“

        vs

        „unter Bauern und im »Alten Handwerk« ist der Vater üblicherweise anwesend. “

        = Widerspruch?

      2. @Elmar:

        »Widerspruch?«

        Nein, weil er entscheidende Punkt der Wechsel des Jungen von der mütterlichen Gemeinschaft mit Frauen in die Männergemeinschaft ist. Kulturell variabel ist der Grad der Konflikthaftigkeit und die Bedeutungsschwere, die dem zugemessen wird, aber das Grundmuster ist dasselbe. Ob der Vater anwesend oder abwesend (»abwesend« meint hier nicht vollständig abwesend im Sinne von »abserviert«) ist, ist nachrangig: er steht generell für die Welt »draußen«, auf die der Junge stärker als das Mädchen verwiesen ist.

        Die »Distanz zur Welt der Erwachsenen«, von der Lucas spricht, wäre in diesem Kontext dadurch vermittelt, dass der Junge anders als das Mädchen eine stärkere Erfahrung eines Bruchs und Wechsels macht. In den Initiationsriten primitiver Gesellschaften wird häufig die »Neugeburt« des Jungen in die Gemeinschaft der Männer stark betont.

  3. Der Feminismus der zweiten und dritten Welle ist halt tatsächlich eine suprematistische, mit einem Herrschaftsanspruch verbundene Ideologie. Dazu gehört, dass es eine Gruppe gibt, deren postulierte Minderwertigkeit den eigenen Herrschaftsanspruch rechtfertigt.

    Zum Kolonialismus (und zur Sklaverei) gehörte die Überzeugung, die »Neger« müssten von Weißen regiert werden, weil sie selbst zur Zivilisation unfähig seien.

    Zu den Ressentiments des deutschen Kleinbürgertums gehört der Anspruch, der eigene Wohlstand sei durch eigenen »Arbeitsfleiß« im Unterschied zu südeuropäischer »Faulheit« gerechtfertigt.

    Und für den Feminismus sind es halt die Männer – gleich welchen Alters. Nur, dass kaum jemand die Analogie sehen will, weil unsere Feministinnen erfolgreich und zielsicher den alten bürgerlichen Mythos von der weiblichen Unschuld beerbt haben.

    Außerdem ist wenigstens der »progressive« Teil der Gesellschaft an den Gedanken gewöhnt, dass »Zivilisation« eine Entwicklungsrichtung hat, insofern begünstigt auch das die Idee, dass eine stärkere »Verweiblichung« der Gesellschaft eben eine Zunahme von Zivilisiertheit impliziere.

    Und da – abgesehen von den Spielarten eines Neoprimitivismus – kaum jemand wirklich »unzivilisiert« sein will, fressen auch Männer den entsprechenden Propagandistinnen diese Botschaft aus der Hand. Helbig ist ja ein weichgespültes Milchgesicht, der sieht so opportunistisch und angepasst aus wie er ist.

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  4. Eine Gesellschaft, die Jungen vernachlässigt, die junge Männer nicht fordert und fördert, hat keine Zukunft. (Junge) Männer die keine Aufgaben haben, die keine Herausforderungen kennen, werden bestenfalls illoyal und schlimmstenfalls destruktiv und werden sich gegen die Gesellschaft wenden.
    Die ganze Frauenförderung ist volkswirtschaftlich überflüssig und gesellschaftlich langfristig schädlich, wenn sie auf Kosten der Jungen/Männer erfolgt.

    Antwort

    1. Ja, dass sehe ich aus so, die sich selbst erfüllende Prophezeiung (trifft nicht so ganz, der Begriff „Prophezeiung“). Aber so schafft sich der Feminismus die Argumentation für morgen (…und werden sich gegen die Gesellschaft wenden). Das ist ja das Schöne daran, es wird verhindert, dass Jungen gut ausgebildet zum Konkurrenten für die lukrativen Jobs werden, sie werden in die „Unterschicht“ gedrängt und agieren entsprechend, und zeigen damit wieder auf, wie notwendig doch der Feminismus ist um sich gegen diese haarigen, ungebildeten Biester zur Wehr setzten zu können. Heureka, das perpetuum mobile… und wenn es nach hinten losgeht (wg. Worklifebalance, andere Prios der Damen etc.) und good-old-germany immer weiter in der Rangliste der Nationen (Erfindungen, Bildung, Wirtschaftsleistung, …) nach hinten durchgereicht wird und der Wohlstand sinkt, wer ist daran schuld? (Da muss ich jetzt mal gaaanz scharf 5 Minuten nachdenken…). -so, oder so ähnlich-

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  5. „Strategie der impliziten Hassrede häufig: Wenn eine Partei etwa ständig betont, dass Migrant/innen willkommen seien, ‚solange sie sich an unsere Gesetze halten’, ist dies ja zunächst eine fast schon trivial harmlose Aussage, denn selbstverständlich sollen sich alle Menschen an Gesetze halten. Die Aussage wird aber dadurch zu einer Verunglimpfung von Migrant/innen, weil sie nur dann einen Sinn ergibt, wenn wir annehmen, dass Migrant/innen sich normalerweise nicht an Gesetze halten.“

    Stefanowitsch ist ein Schwätzer. Mit dieser Aussage wird genau das ausgesagt, was die Aussage aussagt, dass nämlich diejenigen Migranten, die sich nicht an die Gesetze halten, nicht willkommen sind. Viel naheliegender ist, dass damit implizit gefordert wird, dass diejenigen, die (schwerwiegende) Straftaten begehen, ihr Aufenthaltsrecht verwirken. Es geht mir hier nicht um eine Migrationsdebatte, sondern um diese elende Anschmiererei, die er genau so gegen Feminismuskritiker anwendet.

    Es ist genau diese Art der Diffamierung, die er gegen alle anwendet, deren politische Ausrichtung er nicht mag, u.a auch gegen jeden Kritiker des Feminismus. Kritik am Feminismus wird bei ihm zu Frauenfeindlichkeit und Kritik an der Migrationspolitik zu Fremdenfeindlichkeit. Unlautere Motive unterstellen kann man immer. Die obige Aussage aber ist kein Beleg dafür. Und wenn ich das hier so feststelle, dann mit der Bemerkung, dass meine Kritik an derartig destruktiver Kommunikation keineswegs als Plädoyer für eine repressive Migrationspolitik verstanden werden sollte. Man muss sich heutzutage prophylaktisch gegen Unterstellungen aussprechen. Dem Mann ist Fairness in der politischen Auseinandersetzung völlig fremd. Ein Opportunist, der auf der dritten Welle des Feminismus surft.

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  6. Wenn Professor keine bessere Erklärung als „individuelle Faulheit“ der Jungen hat, ist er anscheinend zu faul, nach einer plausiblen Erklärung zu suchen.
    Den angeblichen Gender pay gap dafür anzuführen, dass das ja alles gar nicht so schlimm sei, ist geradezu zynisch. Was hat der individuelle Junge/Mann oder vielleicht gerade der schwierige Schüler vom späteren Durchschnitt? Sicher keine Garantie, dass sich seine Probleme im Jugendalter später schon irgendwie magisch ausgleichen werden. Ebensogut könnte man die weitaus größere Zahl von Suiziden, Schul-/Ausbildungs/Studienabrecher etc. bei jungen Männern nennen und überlegen, ob die mit der Einseitigkeit der Vor- und Grundschulpädagogik zusammenhängen könnte.

    Interessant an der Parallele zu Chodorow ist offenbar, dass es erstens in den 1970ern noch weit mehr Grundschullehrer gegeben hat (bei mir, Einschulung 1978 war es in der Grundschule 50:50 oder vielleicht 40:60 zugunsten von Frauen, jedenfalls sicher nicht 20:80 und auf dem Gymnasium eher 80:20 zugunsten männlicher Lehrer), die Umgebung ab 6-7 also lange nicht so weiblich war wie heute. Und zweitens dass das, was damals die (mutmaßlich zu überwindende) restriktive Rollenfindung der Mädchen erklären sollte, heute ein Problem für Jungen (aber keins mehr für Mädchen) sein soll.

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  7. […] Schoppe ergründet auf seinem Blog man tau mit dem Beitrag „Der WDR und sein Hass auf Jungen“, ob es sich bei dem Beitrag um eine Hassrede (Hate Speech) handelt. Ausgangspunkt ist ein […]

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