Schwarze Identitätspolitik = gut vs. weisse Identitätspolitik = böse?  

 

Unter dem Titel „It’s identity politics, stupid!“ hat sich Patricia Putschert (Professorin für Gender Studies und Co-Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Bern) in einem Essay mit Identitätspolitik insbesondere im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl in den USA auseinandergesetzt. Mit dem Historiker Eric Hobsbawm im Gepäck wird ein Versuch unternommen, die Schwächen der Argumentation herauszuarbeiten.

Der Vorspann des Essays lautet dabei wie folgt:

In Zeiten eines post-identitären Liberalismus und einer weissen rassischen Identitätspolitik, die auf Verteidigung von Privilegien zielt, werden die ursprünglichen Ziele von Identitätspolitik umkodiert. Ein Essay über Identitätspolitik als Ausgangspunkt einer Gesellschaftskritik, in der partikulare Interessen nicht negiert, sondern abgebildet werden.

PP schreibt:

Identitätspolitik ist in aller Munde. Seit der Wahl Donald Trumps wird in den Feuilletons jenseits und diesseits des Atlantiks darüber diskutiert, ob Hillary Clintons Niederlage auch der Tatsache zugeschrieben werden muss, dass ihre Kampagne explizit unterprivilegierte Gruppen adressiert hat: Frauen, LGBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*) oder People of Color.

Bei diesen Ausführungen fällt besonders auf, dass beispielsweise Klassen, Schichten, Milieus, Konfessionen etc. als mögliche unterprivilegierte Gruppen fehlen. Dies könnte ev. damit zusammenhängen, dass Hillary Clinton vorrangig die Gruppen einbezogen hat, die ihr am meisten am Herzen liegen. Dies wäre allerdings bereits ein erster Hinweis darauf, dass ihr andere unterprivilegierte Gruppen weniger wichtig sind und ihr Anliegen partikularistisch ist und keiner universalen Programmatik folgt.

Mark Lilla und der postidentitäre Liberalismus

PP schreibt:

In einem vielbeachteten Artikel fordert der Historiker Mark Lilla einen post-identitären Liberalismus, der sich auf gemeinschaftliche Werte zurückbesinnt, statt sich an partikularen Anliegen zu orientieren. Ähnlich argumentieren sozialistisch orientierte Linke: Angesagt sei eine gemeinsame Klassenpolitik, die den Fokus über alle Differenzen hinweg auf ökonomische Ungleichheit richte. Diese Einwände sind nicht neu. Seit Jahren zeichnen westliche Medien das Zerrbild einer Identitätspolitik, gemäss der privilegierte Linke den eigenen Lebensstil zum politischen Gravitationszentrum erklärten und dabei sämtliche drängenden Fragen der Zeit ausblenden würden.

Warum sollte dies bloss Zerrbild sein? Setzt sich die privilegierte Linke immer und überall für Frieden und gegen Militarisierung und Krieg ein? Gegen Waffenlieferungen, für gerechte Handelsbeziehungen weltweit und insbesondere für die Länder Afrikas und den sogenannten 2.- und 3.-Weltländer (die eigentlichen Ursachen für Fluchtgründe)? Setzt sich die privilegierte Linke immer und überall dafür ein, dass die Schere bei den Einkommen und Vermögen weltweit und innerhalb der Nationalstaaten zwischen Klassen, Schichten, Milieus etc. nicht mehr weiter aufgeht? Ist sie immer und überall gegen prekäre Arbeitsbedingungen, Leiharbeit, Niedriglohnarbeit, für Wirtschaftsdemokratie, gegen Postdemokratie, für transnationale Öffentlichkeit, gegen EU-Demokratiedefizit etc. Im Übrigen alles Themen, die  Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit etc. fördern können, weil diese Probleme geschickt von Rechtspopulisten für ihre politische Agenda instrumentalisiert werden.

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Liebe SPD,

Ein Brief eines Sozialdemokraten, der auf gar keinen Fall SPD wählt

Gerade las ich bei Arne Hoffmann einen Artikel darüber, dass die SPD auf männliche Wähler pfeife – mitten in die Euphorie über den Kanzlerkandidaten Schulz hinein. Hoffmann stellt gegenüber, was die SPD in Nordrhein-Westfalen für Frauen zu tun gedenke – ein langer prall gefüllter Absatz – und was sie für Männer tun will: Auch ein langer Absatz, der aber ganz leer bleibt.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie das polemisch und unsachlich finden. Ich kann aber ein paar Erfahrungen beisteuern, die zeigen, dass es das nicht ist. Mehr noch: Das Verhältnis von Männern und Frauen, wie es die SPD beschreibt, sagt weit über Geschlechterbeziehungen hinaus etwas über Ihre Partei aus, das Sozialdemokraten eigentlich in Panik versetzen müsste.

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Von gleichen Pflichten ist heute keine Rede mehr. Gleiche Rechte sind durch „Gleichstellung“ ersetzt worden. Aber sonst ist fast alles geblieben, wie es war.

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Die Ökonomie der Romantik

Whit Stillmans Jane Austen-Verfilmung Love & Friendship spiegelt unsere Geschlechterpolitik überraschend gut wieder

Ohne ihn wäre ich ganz allein unter Frauen gewesen. Er saß im Kinosessel direkt vor mir, ein älterer Herr, der vielleicht – einfach schon zu schwach zur Gegenwehr – einfach mit ins Kino gezerrt worden war. Ansonsten saßen vor, hinter und neben mir nur Frauen.

Das ist eigentlich schade. Jane Austen hat bei manchen Deutschen den Ruf, eine frühe Version Rosamunde Pilchers zu sein, aber in der englischen Literaturwissenschaft sind ihre Romane längst als grundlegend anerkannt. „Lady Susan“ allerdings ist ein kaum bekannter Briefroman, den Austen vermutlich als sehr junge Frau geschrieben hat. Er ist mit Kate Beckinsale in der Titelrolle als „Love & Friendship“ verfilmt worden und im vergangenen Monat in die Kinos gekommen.

Bei näherer Betrachtung ist es sehr seltsam, dass lauter Frauen und nicht lauter Männer im Kinosaal saßen.

Im Mittelpunkt des Filmes steht nämlich eine Frau, die so bissig, zynisch und ironisch präsentiert wird, als wäre sie der Fantasie eines ganz besonders schlecht gelaunten Männerrechtlers entsprungen. Eines ihrer zentralen Themen – das ökonomische Kalkül romantischer Liebe – hat Austen wohl an keiner anderen Figur mit einer solchen Schärfe durchgespielt wie an ihrer Lady Susan. Weiterlesen

Franziska Schutzbach: Über männliche Abwehr feministischer Kritik (Teil I)

In einem sehr langen Interview mit der Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach im Online-Magazin FICKO geht es insbesondere über männliche Abwehr feministischer Kritik. Die nachfolgende Auseinandersetzung mit dem Interview gibt einen guten Einblick in die Widersprüche und Schwächen der Schutzbachschen Argumentation.

Das Interview im Online-Magazin FICKO ist wirklich sehr, sehr lang und wurde deshalb bei diversen Stellen gekürzt, die für eine thematische Auseinandersetzung nicht sonderlich fruchtbar sind. Publiziert wird die Auseinandersetzung mit dem Interview in drei Teilen.

Welches Geschlecht die Täter haben, ist für Schutzbach interessant

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Weshalb ist das Geschlecht bei Tätern so wichtig?

FS schreibt im Zusammenhang der Aufschrei-Kampagne:

Ja, es kamen Argumente wie, wir würden die Probleme der Männer vergessen und sie pauschal zu Tätern machen. Oder wir würden lügen. Aber nicht nur, es gab auch viel Solidarität von Männern, Bereitschaft zu kritischer Selbstreflexion. Es sind auch neue Verbindungen entstanden.

Die Kritik dürfte m.E. richtig sein, zumal Männer durch den „Aufschrei“ mehr oder weniger pauschal zu Tätern gestempelt wurden. Wie würde FS reagieren, wenn man pauschal erzählen würde, sämtliche Ausländer seien potentiell oder überdurchschnittlich kriminell oder alle Menschen darüber hinaus auffordern würde, über ihre Erlebnisse mit Ausländerkriminalität in den sozialen Medien zu berichten? Oder wie wäre es, wenn man über Kindstötungen einen Aufschrei lancieren würde und alle Menschen über das Internet einladen würde, sie sollten doch über Vorkommnisse und Erfahrungen berichten, zumal Frauen hier wohl zu 2/3 bis ¾ der Täter ausmachen? Wenn möglich noch sehr emotional, moralisierend und auf Empörungsbewirtschaftung aus.

Außerdem wurde ebenfalls Kritik an diesem Aufschrei dahingehend geäußert, dass er populistisch ist, demnach dasselbe gemacht wird, wie wenn die Rechtspopulisten Ausländerkriminalität thematisieren: vornehmlich mit viel Emotionalität, Moralisierung und Empörungsbewirtschaftung. Der Mediensoziologe Kurt Imhof hätte möglicherweise von Bauchstalinismus gesprochen. Außerdem: Die Rolle der Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer wurde vermutlich überhaupt nicht thematisiert. Obschon man weiß, dass neuere Studien darauf hinweisen, dass Männer annähernd so zahlreich Opfer von sexueller Gewalt werden wie Frauen oder dass Männer gleichermaßen häufig Opfer von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz werden wie Frauen. Das wird von Feministinnen wie FS schlichtweg nicht thematisiert, dass Frauen ebenfalls Täterinnen sind.

FS schreibt:

Und ja, auch Männer sind von sexualisierter Gewalt betroffen, keine Frage, aber das ändert noch nichts daran, dass auch die Gewalt an Männern meistens von anderen Männern ausgeht. Täter sind zu einem hohen Prozentsatz Männer.

Was hilft es den männlichen und weiblichen Opfern, wenn man weiß, dass, falls das überhaupt richtig sein sollte, Männer größtenteils die Täter sind? Was hilft das einem Opfer von Gewalt, wenn es weiß, dass der Täter eine Frau oder ein Mann gewesen ist? Gewiss: Für die Prävention von Straftaten mag das eine Rolle spielen, aber sicherlich nicht für die Opfer. Und abermals: weshalb eskamotiert FS Frauen als Täterinnen? Weshalb ist es kein Thema, dass Frauen wahrscheinlich genauso zahlreich Gewalt gegenüber Kindern und alten Menschen ausüben wie Männer? Oder die häusliche Gewalt! Wenn wir auf die Quantität fokussieren: weshalb werden Frauen als Täterinnen häufig außen vor gelassen? Ich verweise einmal auf die Dissertation von Bastian Schwithal: „Weibliche Gewalt in Partnerschaften. Eine syntologische Untersuchung“.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht vielfach ebenfalls von Frauen gegenüber Männern aus. Zudem, wenn wir die neueren Studien einbeziehen, bei denen Männer fast gleich häufig wie Frauen von sexueller Gewalt betroffen sind, dann dürfte hier ein erheblicher Anteil der Täterinnen Frauen sein. Es dürfte demnach ein erhebliches Tabu geben, dass Männer überhaupt als Opfer und Frauen als Täterinnen wahrgenommen werden.

FS schreibt:

Männer müssen akzeptieren, dass das strukturell ist, und dass sie daran arbeiten müssen. Männliche Gewalt ist ein Problem, das man nicht anderen in die Schuhe schieben kann. Sie hat unter anderem mit bestimmten Männlichkeitsidealen zu tun. Oft wenden Männer Gewalt an, wenn sie diese Ideale nicht erreichen, sie versuchen, ihre real erlebte Schwäche mit Gewalt auszugleichen.

Das ist eine interessante Aussage: Wenn z.B. von gewissen Feministinnen darauf hingewiesen wird, Frauen würden in bestimmten Bereichen benachteiligt bzw. diskriminiert (Gläserne Decke, Care-Arbeit, Gender Pay Gap), dann sind das vielfach Benachteiligungen, die strukturell erklärt werden und folglich müssen die Maßnahmen, die Abhilfe schaffen sollen, auf die Strukturen wirken und nicht bloß am einzelnen Individuum ansetzen. Es wird folglich nicht gesagt, dass Frauen individuell selbst schuld sind, an dem beanstandeten Zustand, sondern strukturelle Begebenheiten werden ins Feld geführt und Maßnahmen zur Verbesserung der Situation müssen an den Strukturen ansetzen.

Wenn aber Männer offenbar strukturell vermehrt Täter bei Straftaten sind, dann wird freilich anerkannt, dass wir hier bekanntermaßen ebenfalls ein strukturelles Problem haben, aber die Lösung des Problems wird individualisiert und die Schuld einzig und alleine dem individuellen Mann aufgebürdet oder ergänzend der Gesamtpopulation der Männer, obwohl es nicht intelligibel ist, weswegen nicht ebenfalls Frauen, gleichermaßen wie Männer, diese Strukturen aufrechterhalten. Wer sagt beispielshalber, dass nicht ebenso Frauen und Mütter dafür verantwortlich sind, zumal sie massgeblich zur Sozialisation und Erziehung der Männer beitragen?

Eine solche widersprüchliche Argumentation müsste eigentlich auch FS stutzig machen: Wo Frauen Probleme haben oder machen, sind vielfach Strukturen verantwortlich und schuld und vereinzelt bis nie die individuelle Frau selbst; bei den Männern gilt der umgekehrte Fall.

Sexualisierte Gewalt eine Form von Machtausübung?

FS schreibt:

Sexualisierte Gewalt ist aber auch eine Form der Machtausübung, bei der es gezielt um Herabsetzung und Demütigung von Frauen (manchmal anderen Männern) geht, und nicht um Sex.

Das mag sein, dass es bei sexualisierter Gewalt in gewissen Fällen um eine Form von Machtausübung gehen kann, aber ich halte es für einen Mythos, dass dies in den meisten Fällen so ist. Herabsetzung und Demütigung können demnach ohne Sex durchgeführt werden, dazu braucht es keine Vergewaltigung. Abgesehen davon, dass Herabsetzung und Demütigung ebenfalls mittels psychischer Gewalt vollzogen werden und sich die Frage stellen würde, wie oft Frauen hier Täterinnen sind.

 Gibt es eine Kollektivschuld?

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Gibt es eine Kollektivschuld?

FS schreibt:

Männer sind dafür verantwortlich, sich zu fragen, was hier eigentlich abgeht. Klar geht es auch um die Frauen und ihre Rolle. Und auch darum, dass Männer sich als Opfer (einer bestimmten Männlichkeit) begreifen. Aber erstmal geht es um eine klare Übernahme von Verantwortung, ohne Wenn und Aber, darum, dass Männer selbstkritisch fragen: Was ist da los bei uns? Warum wird Männlichkeit und männliches Selbstbewusstsein oftmals über die Herabsetzung von anderen hergestellt?

Leider geht es hier abermals bloß um Frauen als Opfer und Männer als Täter und Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer werden gleichsam gänzlich ausgeblendet. Es ist indes richtig, dass sich ein Mann oder eine Frau, wenn sie eine Straftat begangen haben, fragen sollten, was ihre individuelle Verantwortung dabei ist. Gleichzeitig kann es für Täter sinnvoll sein, wenn man schaut, was sind gesellschaftliche Strukturen, die ein solches Tatverhalten begünstigen oder eher hemmen. Und es kann freilich ebenso sinnvoll sein, wenn Männer und Frauen, die keine Straftat begangen haben, darüber nachdenken, welches die gesellschaftlichen Ursachen für derartige Straftaten sind. Aber: Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb bei Straftaten, die vermehrt von Männern begangen werden, bloss Männer darüber reflektieren sollen, welche gesellschaftlichen Strukturen dafür verantwortlich sind, dass gewisse Männer vermehrt Straftaten begehen im Vergleich zu Frauen. Oder Männer hier quasi alleine in Sippenhaft genommen werden. Wer sagt, dass nicht Mütter und Erzieherinnen zu einem beträchtlichen Teil dafür verantwortlich sind, dass Männer im Vergleich zu Frauen überdurchschnittlich gewisse Straftaten begehen? Man weiss aus der Kriminologie, dass die Faktoren Alter, Geschlecht, soziale Schicht/Klasse/Milieu, sowie Wohnort und bei gewissen Delikten auch soziokulturelle Faktoren (z.B. relative Deprivation) eine zentrale Rolle spielen, die sich hemmend oder fördernd auf die Kriminalitätsbelastung auswirken können. Es ist nicht einsehbar, dass allein Jugendliche und junge Erwachsene, die überproportional in die Kriminalität verstrickt sind, gleichsam alleine reflektieren sollen, welche Strukturen und Interaktionen zu einer grösseren Kriminalitätsbelastung führen oder die unteren Schichten nun vor allem die Aufgabe erhalten, zu reflektieren, welche Strukturen und Interaktionen dafür verantwortlich sind, dass ihre Kriminalitätsbelastung überdurchschnittlich hoch ist. Wer sagt, dass nicht vielfältigste Faktoren dafür verantwortlich sind, dass schlussendlich Männer bei gewissen Straftaten überdurchschnittlich involviert sind im Vergleich zu Frauen und Frauen mithilfe ihres Verhaltens bzw. ihrer Interaktionen mit Männern derartige Strukturen mithelfen zu reproduzieren?!

Männer erleben auch Sexismus – trotzdem keine strukturelle Benachteiligung

 FS schreibt:

Sicher erfahren Männer Sexismus, werden teilweise auf ihr Geschlecht reduziert, erleben Benachteiligung. Aber dass ihnen daraus als Gruppe ein gesellschaftlicher und struktureller Nachteil entsteht (zum bsp. ökonomisch, beruflich), stimmt nicht. Es ist einfach nicht so, dass dadurch ein gesamtgesellschaftliches Ungleichgewicht zuungunsten der Männer entsteht.

Selbstverständlich gibt es auch bei Männern Benachteiligungen die gesamtgesellschaftlich zu einem Ungleichgewicht führen:

Zumal Männer in der Regel viel härtere und gesundheitsschädlichere Arbeiten durchführen „müssen“ im Vergleich zu Frauen: Arbeiten (Strassenbau, vermutlich ein grosser Teil des Bausektors und industrielle wie handwerkliche Berufe), bei denen Männer in der Regel bereits mit 50-55 Jahren in die Frühpensionierung gehen müssen, weil sie invalid sind. Oder Männer eben 3x häufiger Selbstmord begehen oder 90% der tödlichen Berufsunfälle erleiden oder 4-5 Jahre früher sterben als Frauen, viel häufiger obdachlos sind als Frauen sind etc.  Hier haben wir ein gesamtgesellschaftliches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und weshalb das nicht relevant sein soll, ist wahrlich nicht einsehbar.

Das Männlichkeits-Ideal ist schuld, dass Männer Benachteiligungen haben

 FS schreibt:

Weiter ist es so, dass Benachteiligung von Männern oft aus dem vorherrschenden Männlichkeits-Ideals resultiert (sterben in Kriegen, werden krank und gehen nicht zum Arzt). Was ich sagen will: es ist nicht die Schuld der Frauen oder Feministinnen, dass Männer Schlachten führen. Oder sich als Manager zu Tode arbeiten. Oder zu schnell Auto fahren.

Woher weiss FS, dass Benachteiligungen von Männern oft aus dem vorherrschenden Männlichkeits-Ideal resultieren. Gibt es darüber vielfältige repräsentative empirische Studien, die alle zum gleichen Ergebnis gekommen sind? Und was ist ein Männlichkeits-Ideal genau? Und wer bestimmt, was ein Männlichkeits-Ideal ist? Gibt es nur ein Männlichkeits-Ideal oder mehrere? Wenn Präventionsmassnahmen gegen Unfälle im Strassenverkehr durchgeführt werden, spielt es da eine Rolle, ob die Autofahrer selbst Schuld sind oder nicht? Und werden solche Präventionsmassnahmen nur durchgeführt, wenn die Autofahrer nicht selbst Schuld sind und sonst ist es egal?

Wer ist schuld daran, dass Männer Schlachten führen? Frauen haben seit Jahrzehnten das Wahlrecht in den meisten Ländern Europas. Deutschland und viele andere Länder in Westeuropa sind repräsentative Demokratien, somit bestimmen auch die Frauen (sind mehr als 50% des Souveräns), was in der Politik geht und was nicht. Frauen sind also genau gleich mitverantwortlich dafür wie Männer, dass primär Männer in den Krieg ziehen müssen und nicht Frauen. Auch Frauen sind mehrheitlich dafür, dass es eine Armee gibt und dass offenbar vor allem Männer eine Militärdienstpflicht haben. Es ist schon interessant: Wenn Männer Benachteiligungen haben, dann sind Frauen absolut unschuldig daran und wenn Frauen Benachteiligungen haben, sind Frauen auch absolut unschuldig, aber die Männer sind schuld daran, wenn Frauen Nachteile haben und auch Schuld daran, wenn sie selbst Nachteile haben. Frauen sind immer Opfer und nie Täterinnen und Männer immer Täter und nie Opfer oder dann selbstverschuldete Opfer. FS soll doch mal diese Argumentationskette mit repräsentativ empirischen Studien belegen, sonst muss davon ausgegangen werden, dass dies leere Behauptungen sind.

Männer erfahren keine Unterdrückung, sondern nur Frauen

 FS schreibt:

Männer müssten sich nicht aus weiblicher Unterdrückung befreien, ihr Befreiungskampf ist ein anderer, vor allem von eigenen Identitätskonzepten der Stärke und Überlegenheit.. Und das macht es vermutlich für Männer komplexer, sie können keine Unterdrückung beklagen durch eine weibliche Herrschaft. Weil sie sind es ja selbst, die mehrheitlich an den so genannten Schaltstellen der Macht agieren (die These von der angeblichen Feminisierung der Gesellschaft ist ein Mythos). Sie müssen also ein Stück weit an ihrem eigenen Ast sägen. Ein schwieriges Unterfangen. Weil sie ja auch immer wieder viele Credits bekommen in diesen Positionen.

Aus welcher männlichen Unterdrückung müssen sich heute Frauen befreien? Frauen stellen seit Jahrzehnten mehr als 50% des wahl- und stimmberechtigten Souveräns und sie können somit ganz legal und demokratisch alle Gesetze ändern, die dafür sorgen, dass Benachteiligungen aufgehoben werden, sollten sie irgendwo benachteiligt sein. Wenn sie das nicht machen, dann ist es kein Problem der Männer, sondern ein Problem der Männer und Frauen. Das Gleiche gilt für männliche Geschlechtsrollen und -identitäten und sonstige strukturelle Bedingungen, die die Sozialisation der Männer steuern. Frauen sind durch ihre Interaktionen und Handlungen mitbeteiligt an der Reproduktion von männlicher Identität, männlichen Geschlechterrollen und sonstigen Strukturen. Eine fein säuberliche Trennung von gesellschaftlichen Veränderungen ist, solange nicht eine vollständige Apartheid zwischen Männern und Frauen herrscht, ein Ding der Unmöglichkeit. Sollten alle Männer getrennt von Frauen leben, dann wäre ein solches Ansinnen von FS berechtigt, nicht aber, wenn sie auf Mikro-, Meso- und Makroebene mit den Männern in Interaktionen, Institutionen und überindividuellen Strukturen verbunden sind.

Strukturell können auch Frauen in Westeuropa keine Unterdrückung durch Männer mehr beklagen, weil sie politisch alle Möglichkeiten dazu haben, irgendwelche Unterdrückungsverhältnisse, sollte es diese geben, zu verändern, weil sie ja mehr als 50% des wahl- und stimmberechtigten Souveräns ausmachen.

Weshalb sind denn die Männer vermehrt an den Schaltstellen der Macht als Frauen? Und überproportional an den Schaltstellen der Macht zu sein, heisst noch lange nicht, dass diese Leute zum Vor- bzw. Nachteil eines Geschlechts agieren. Noch einmal: Die Frauen stellen mehr als 50% des wahl- und stimmberechtigten Souveräns dar. Das heisst, wenn Frauen nur Frauen in die Legislative wählen (Bund, Kanton [Länder], Gemeinde [Kommune]), dann haben sie innert kürzester Zeit eine satte Mehrheit von Frauen in der Legislative. Das Gleiche gilt für die Exekutive und Judikative: Entweder wird die Exekutive und Judikative direkt durch den Souverän gewählt oder durch die Legislative. Und wenn wir in Legislative, Judikative und Exekutive innert kürzester Zeit eine satte Frauenmehrheit haben, dann kann diese Frauenmehrheit auch in allen Politikfelder intervenieren: Sie kann Quoten im privaten wie im staatlichen Sektor festlegen für Führungspersonen usw. usf. Weshalb passiert das nicht: Weil dies offenbar nicht alle Frauen so wollen oder wünschen. Das heisst: Wenn die Schaltstellen der Macht vermehrt durch Männer besetzt sind, dann ist dies nun einmal Ausdruck der Mehrheit des Souveräns, bei dem Frauen mehr als 50% stellen und somit folglich vollständig mitverantwortlich an Unterdrückungen sind, sollte es irgendwelche Unterdrückungen geben.

Militärdienstpflicht der Männer ergibt kaum Nachteile

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Militärdienstpflicht eher mit Privilegien verbunden?

FS schreibt:

Die Wehrpflicht in der Schweiz für Männer kann man zum Beispiel durchaus als Sexismus sehen. Gleichwohl sind damit ja auch Karrieren und gesellschaftliches Prestige möglich. Es erwachsen einem keine schwerwiegenden Nachteile, im Militär gewesen zu sein, während man das eben als Frau ökonomische und andere Nachteile erfährt, wenn man 10 Jahre lang auf die Kinder aufgepasst hat.

Nun kann man sich fragen, weshalb Frauen 10 Jahre lang auf ihre Kinder aufpassen. Es ist keine Frau dazu gezwungen, Kinder auf die Welt zu stellen, ist vollständig freiwillig. Außerdem könnte die Frau sagen, der Mann solle zu Hause bleiben oder der Mann soll genau gleich viel Arbeit in die Care-Arbeit investieren wie die Frau selbst auch. Wenn dies der Mann nicht macht, dann sollten Frauen halt vorher schauen, dass sie nicht mit einem solchen Mann ein Kind haben oder eine Familie gründen. Des Weiteren gilt das Gleiche wie oben: Frauen haben politisch alle Mittel in der Hand, um Änderungen einzuleiten, sollten sie irgendwo benachteiligt sein.

Auch beim Militärdienst fehlt leider bei FS die Empathie für Männer, die sie sonst immer bei Frauen aufbringt: Es gibt Männer, die wollen aus unterschiedlichsten Gründen keinen Militärdienst leisten: das können ethische, religiöse, politische oder psychische Gründe sein. Als es in der Schweiz noch keinen Zivildienst gab, mussten Männer entweder schauen, dass ein Arzt sie untauglich für den Militärdienst schreibt oder sie mussten den Militärdienst verweigern, was jedoch hiess, dass sie in der Regel eine unbedingte Gefängnisstrafe von ca. 5-9 Monaten erhielten. Sie waren also nachher vorbestraft und waren in der bürgerlichen Welt geächtet oder bekamen teilweise auch keinen Job mehr. Es ist auch heute noch so, wer keinen Zwangsdienst leisten will (Militärdienst, Zivildienst, Zivilschutz) etc,, bekommt eine Gefängnisstrafe. Für eine bestimmte Anzahl von Männern hat somit die Dienstpflicht sehr einschneidende Auswirkungen auf ihr Leben, die die Frauen eben nicht haben. Und selbstverständlich tragen auch Frauen dazu bei, dass Männer weiterhin Zwangsdienste leisten müssen, von denen Frauen befreit sind.

Männer sind das Allgemeine – Partikularität ist nicht ihr Ding

FS schreibt:

Es fällt Männern viel schwerer, sich als partikular zu begreifen, kulturgeschichtlich hat der Mann kein Geschlecht. Die Rolle der Partikularität haben Frauen, sie sind der Körper, das Geschlecht, der Mann steht für Geist, für Vernunft, Objektivität und Neutralität. Der Mann steht für das Allgemeine, die Frau für das Partikulare, das Andere. Deshalb waren ja Frauen auch bei der Deklaration der Menschenrechte nicht mit gemeint. Mit Mensch war der Mann gemeint. Der Mann als Mensch hat kein Geschlecht, das ist, was viele Männer bis heute empfinden, sie erleben sich als geschlechtlos, ihre Position als unmarkiert. Nur die anderen sind markiert. Und sie erleben es als Degradierung, wenn sie über ihre Geschlechtlichkeit nachdenken sollen, über ihre eigene Partikularität. Über die eigene Geschlechtlichkeit nachzudenken bedeutet, zu realisieren, dass unsere Wahrnehmung von der Welt eben gerade nicht neutral oder allgemein ist.

Es stellt sich schon einmal die Frage, ob diese Kulturgeschichte überhaupt richtig ist. Wenn man das Buch „Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der Negativen Andrologie“ von Christoph Kucklick heranzieht, ergibt sich eben eine andere Kulturgeschichte und der Mann ist sehr wohl markiert:

„Hinter der Gender-Debatte steht die Überzeugung: In der Moderne inszeniert sich der Mann als rationales Alphatier, die Frau gilt als seine andere: als emotional und minderwertig. Diesen Mythos dekonstruiert Christoph Kucklick mit einem systemtheoretischen close reading kanonischer Texte zum Geschlechterverhältnis aus der Zeit um 1800. Er bringt eine ganz andere Redeordnung ans Licht: die negative Andrologie, in der der Mann als abschreckendes Produkt der Modernisierung erscheint: als gewalttätig, unmoralisch und triebgesteuert. Sogar Fichtes Deduktion der Ehe – bislang gelesen als Manifest des Machismo – kann so neu verstanden werden: als Anleitung zur Zivilisierung der „bösen Männer“.“

Abgesehen davon, dass es im Mittelalter und Neuzeit die Ständegesellschaft sowie später Klassen und Schichten gab, sodass auch hier wohl jedem Mann klar werden musste, dass seine Sichtweise (des jeweiligen Standes oder der jeweiligen Schicht und Klasse) nur eine partikulare sein konnte und nicht Allgemeingültigkeit beanspruchen konnte. Des Weiteren ist fraglich, ob die Kulturgeschichte der Moderne überhaupt die unteren und mittleren Klassen ausreichend repräsentiert, zumal diese nur rudimentär schreiben und lesen konnten und noch viel weniger Zeit hatten, dicke Bücher zu schreiben, sodass die Kulturgeschichte eben vor allem eine Kulturgeschichte des Adels, des Klerus oder des Bürgertums ist, aber sicherlich nicht primär die der Bauern, Arbeiter, Handwerker etc. Ferner ist es fraglich, eine diskursive Ordnung, die im 18., 19. und 20. Jh. vielleicht eine gewisse Wirkmächtigkeit hatte, einfach „freihändig“ auf die heutige Zeit zu übertragen und zu sagen, diese Geschlechterordnung würde auch heute noch die Sozialisation der Geschlechter nachhaltig bestimmen. Um hier überhaupt valide Aussagen machen zu können, müssten empirische Untersuchungen getätigt werden.

Viel wirkmächtiger scheint mir der auch heute noch dominante Sozialisationsmodus der Externalisierung bei Männern zu sein: Das heisst, das „Innen“ wie Gefühle, Emotionen, Hilflosigkeit, Trauer etc. sind für den Mann eher gefährlich, er holt sein Selbstvertrauen, seine Selbstbestätigung, sein Selbstbewusstsein also nicht aus dem „Innen“, sondern aus äusseren Tätigkeiten wie Berufserfolg, Schulerfolg, materielle Symbole wie Auto, Motorrad, Immobilien, Besitz, Sport etc.

FS schreibt:

Als Mann oder männlich sozialisierte Person entwickelt man spezifische Perspektiven auf die Welt, das einzugestehen, fällt nicht leicht, wenn man sich gewöhnt ist, die eigene Sicht für neutral und allgemein zu halten.

Wie gesagt, halte ich bereits die Prämissen dieser Aussagen für nicht zutreffend oder zumindest ohne jegliche empirische Absicherung und ad hoc ist nicht nachvollziehbar, weshalb es schwierig sein sollte, die eigene Sichtweise als eine partikulare anzusehen.

FS schreibt:

Ich halte es aber für einen entscheidenden Schritt, die Begrenztheit, Partikularität und auch Gewordenheit der eigenen Perspektive zu reflektieren. Ich glaube, man kann sich nur auf andere wirklich einlassen, andere verstehen, wenn man die eigene Sicht nicht für universell hält. Wenn man also den Radius öffnet, indem man die eigene Begrenztheit erkennt.

Ja, man kann die andere Sicht der Menschen verstehen, wenn man eine gewisse Empathie hat, die nicht nur eine kognitive Perspektiveübernahme impliziert, sondern desgleichen eine emotionale etc. Aber wie gesagt: Empathie heisst hier das Losungswort und wer keine Empathie für sich selbst aufbringen kann/darf, der wird ebenfalls Schwierigkeiten haben, Empathie bei anderen Menschen für deren Perspektive zu zeigen.

Teil 2 folgt am Montag, den 30. Januar 2017

 

AfD und Neonazismus

Nie geraten die Deutschen so sehr außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen. Kurt Tucholsky

Die AfD war auch hier im Blog war immer mal wieder Thema, in Artikeln wie in Kommentaren. Ich selbst hatte gerade erst skizziert, warum die AfD in meinen Augen überhaupt keine seriöse Option ist.

Nun hat Björn Hocke, Sprecher der AfD in Thüringen, in Dresden eine Rede gehalten, die von der Bild-Zeitung sogleich als „Nazi-Rede“ geführt wurde. „Kein Einfluss für das Neonazipack!“, forderte ebenso schnell der SPD-Politiker Ralf Stegner. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschlands, formulierte im Ton ziviler, aber inhaltlich ebenso scharf:

„Die AfD zeigt mit diesen antisemitischen und in höchstem Maße menschenfeindlichen Worten ihr wahres Gesicht“.  

Auch aus der AfD-Spitze selbst aber wurde Höcke deutlich kritisiert.

Ich habe mir die Rede, die über einen Facebook-Account zugänglich ist, angehört (einige Passagen können in stellenweise etwas ungenauen, aber nie verfälschenden Transskriptionen hier nachgelesen werden).

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Schatten können manchmal etwas gemein sein.

Tatsächlich bezieht Höcke Positionen, die so oder ähnlich schon lange Teil der deutschen Diskussion über den richtigen Umgang mit der Vergangenheit sind. Er spitzt sie aber in wesentlichen Punkten zu, und, mehr noch: Er versucht sie in den Mittelpunkt einer politischen Bewegung zu stellen, die mit den Traditionen des bundesdeutschen Selbstverständnisses radikal bricht. Der Vorwurf, dass er Nazi-Positionen beziehen würde, ist in diesem Fall nicht einfach nur Rhetorik zur Diffamierung eines politischen Gegners. Weiterlesen

Hanna Herbst erklärt die Welt

Die 1990 geborene Journalistin Hanna Herbst hat in einem Artikel im Online-Magazin Vice (30. September 2016) über den weißen Heteromann geschrieben – und sie meint es gut mit ihm; also: eine fast maternalistische „weißer Heteromann“-Versteherin.

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Das Übel der Welt: der weisse Heteromann

Der Titel Ihres Artikels lautet wie folgt:

Wir sollten nicht den weißen Heteromann bekämpfen, sondern seine Strukturen

Das würde demzufolge heißen: Hanna Herbst et al. bekämpfen den weißen Heteromann und freilich die gesamte Population der weißen Heteromänner. Das könnte man indessen bereits als Eingeständnis werten, dass demnach doch ein Kampf gegen die weißen Heteromänner stattfindet; ein Kampf, der möglicherweise häufig mit Hass einhergeht, obgleich dies ja fortwährend von gewissen Feministinnen abgestritten wird.

Die Frage würde sich sodann stellen; was sind eigentlich Strukturen? Und welche Strukturen besitzt der weiße Heteromann? Und lassen sich solche gesellschaftlichen Strukturen akkurat trennen: Hier die Strukturen der weißen Heterofrau, da die Strukturen des weißen Heteromanns usw., usf.?

HH schreibt im Vorspann des Artikels weiter:

Viele Männer haben aufgehört, mitzudiskutieren. Bevor sie etwas Falsches sagen, sagen sie lieber nichts. Oder sie sagen, dass sie dafür schämen, ein Mann zu sein.

Also doch: Weiße Heteromänner werden offenbar dämonisiert, und es wird ein Feindbild geschaffen, wenn sie scheinbar nichts mehr sagen und sich dafür schämen, dass sie ein Mann sind. Das finde ich interessant: Das wird ja von gewissen Feministinnen andauernd bestritten.

Dämonisierung der Männer mittels Kriminalitätsbelastung

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HH schreibt:

Was haben Mord, Steuerhinterziehung, Körperverletzung, rechtsextremistische Gewalttaten, Vergewaltigungen, Raub und Sachbeschädigung gemeinsam? Die Verursacher sind zum Großteil Männer. Im vergangenen Jahr wurden in Österreich laut Statistik Austria 29.511 Personen rechtskräftig verurteilt. 85,5 Prozent davon waren männlich.

Bloß frage ich mich, weshalb bringt die Autorin gleich zu Beginn ihres Textes die Kriminalbelastung (Verurteilungsquote) ins Spiel und außerdem aufgeschlüsselt nach dem Geschlecht? Weshalb nicht auch nach Alter, Wohnort, soziale Schicht/Klasse/Milieu, Nationalität, Konfession etc.? Bei Nationalität und Konfession könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass dies für die Autorin mutmaßlich ein Tabu ist – dementsprechend politisch außerordentlich unredlich. Wenn wir mit einer Verfremdung arbeiten und die Population der Männer durch „Ausländer“ ersetzen, dann sieht es wie folgt aus.

Was haben Mord, Steuerhinterziehung, Körperverletzung, rechtsextremistische Gewalttaten, Vergewaltigungen, Raub und Sachbeschädigung gemeinsam? Die Verursacher sind zum Großteil Ausländer. Im vergangenen Jahr wurden in Österreich laut Statistik Austria 29.511 Personen rechtskräftig verurteilt. 85,5 Prozent davon waren Ausländer.

Würde Hanna Herbst eine solche Aussagen tätigen? Oder hätte sie Angst, dass sie ev. als Rechtspopulistin oder als fremdenfeindlich taxiert würde?

Aber sehen wir uns an, was diese Zahlen exakt aussagen:

Von den 29‘511 Personen, die in Österreich verurteilt wurden, sind 85,5% Männer, das heißt: 25‘100 Männer. In Österreich gibt es insgesamt ca. 4‘350‘000 Männer, das bedeutet, dass 0.6% aller Männer verurteilt wurden; 99.4% der Männer wurden infolgedessen nicht verurteilt.

Frauen machen 14.5% der Verurteilten aus: folglich ca. 4‘279 Personen. Die Gesamtzahl der Frauen in Österreich beträgt ebenfalls ca. 4‘350‘000. Das heißt: 0.1% der Frauen wurden verurteilt oder 99.9% wurden folglich nicht verurteilt. Frauen und Männer sind somit mit über 99% nicht verurteilt worden.

Es dürfte unverkennbar sein: Die Autorin Hanna Herbst möchte mit ihrem Beispiel der Verurteilungsquote eine Verknüpfung (Konnotation?) von der gesamtgesellschaftlichen Kriminalität zu der Population der Männer schaffen. Wenn die Autorin dasselbe Prozedere bei der Population der Ausländer oder bei einer Konfession machen würde, würde ihr in ihrem gesellschaftlichen Milieu wahrscheinlich der Vorwurf der Fremdenfeindlilchkeit und des Rechtspopulismus gemacht. Bemerkenswert ist jedoch folgendes: Wenn sie bei Männern eine Dämonisierung vornimmt, dann muss sie keineswegs mit einem derartigen Vorwurf rechnen.

Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …

HH schreibt:

Versteht mich nicht falsch: Ich habe Freunde, die Männer sind. Auch mein Nachbar ist ein Mann und der ist eigentlich ganz nett. Ich habe nichts gegen Männer. Und ich gehe sogar einen Schritt weiter: Ich denke, dass wir einigen von ihnen ab und zu Unrecht tun, ohne es bewusst zu merken.

Selbstverständlich verstehen wir die Autorin nicht falsch, zumal wir die Wörter „Mann“ und „Männer“ mit anderen Populationen austauschen (Verfremdung), sodass unverkennbar wird, was Hanna Herbst gewissermaßen meinen könnte – also:

Versteht mich nicht falsch: Ich habe Freunde, die Ausländer/Juden/Moslems sind. Auch mein Nachbar ist ein Ausländer/Jude/Moslem und der ist eigentlich ganz nett. Ich habe nichts gegen Ausländer/Juden/Moslems. Und ich gehe sogar einen Schritt weiter: Ich denke, dass wir einigen von ihnen ab und zu Unrecht tun, ohne es bewusst zu merken.

Demzufolge – die Verfremdung weiter gesponnen: „Hannah Herbst hat nichts gegen Ausländer, Juden oder Moslems, zumal die eigentlich ganz nett sind. Aber offenbar bloß eigentlich und ab und zu könnte es sein, dass sie einigen (natürlich bloß einigen, zu großzügig will sie jetzt auch wieder nicht sein) Unrecht tut.“

Ich könnte mir gut vorstellen, dass, wenn Hannah Herbst derlei Aussagen in ihrem angestammten sozialen Milieu machen würde, sie als Rassistin, Antisemitin oder Moslemhasserin bezeichnet würde; weshalb dies jedoch bloß bei gewissen Populationen der Fall ist und bei anderen nicht, ist irgendwie unverständlich.

Das neue Feindbild: alte, weiße Männer und Männerrechtler

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Der weisse Heteromann als neues Feindbild

HH schreibt:

Nicht den Hasspostern dieser Welt, nicht den rückwärts gewandten, alten (oder unverständlicherweise auch jungen), nach außen hin verklemmten, weißen Heteros, die glauben, Diskriminierung gebe es nicht, nur weil sie diese selbst noch nie gespürt haben. Nicht den paranoiden und in Selbstmitleid badenden Männerrechtlern, die in Gleichberechtigung eine Bedrohung für ihre Vormacht und Männlichkeit sehen.

Gibt es beispielsweise keine Hassposter, die Frauen sind? Oder People of Color oder Homosexuelle? Sind die ausnahmslos anständig, freundlich, angenehm und liebenswürdig?

Und woher weiß die Autorin, dass alte, weiße Männer rückwärtsgewandt sind? Gibt es keine rückwärtsgewandten Frauen oder Homosexuelle etc.? Woher weiß die Autorin, dass es weiße Heteros gibt, die glauben, Diskriminierungen gebe es nicht? Wie viele sind das wohl? Hat sie darüber hinaus empirisch repräsentative Untersuchungen, die allesamt zum selben Ergebnis kommen? Und gewisse Frauen und Feministinnen sind demzufolge nicht paranoid, wenn sie offenbar eine gesamte Population, demnach die weißen Heteromänner dämonisieren und eine Bedrohung in Männerrechtlern sehen, wenn diese sich für Benachteiligungen, Diskriminierungen und Problemlagen von Männern einsetzen?

HH schreibt:

Aber weil es genau diese Männer gibt und weil viele von ihnen laut sind, scheren wir manchmal alle weißen, privilegierten, heterosexuellen, im Westen sozialisierten Männer über einen Kamm. Und damit schaden wir (für Gleichberechtigung Kämpfenden) uns schlussendlich selbst.

Und wie viele Männer gibt es derzeitig von diesen Männern genau? Und weshalb sind außerdem allein weiße heterosexuelle Männer im Westen privilegiert? Gibt es keine weißen heterosexuellen Frauen, die privilegiert sind? Gibt es keine weißen homosexuellen Frauen, die privilegiert sind? Haben Frauen kein kulturelles, soziales, ökonomisches oder z.B. politisches Kapital? Ist ein weißer, heterosexueller obdachloser Mann privilegiert? Oder ein weißer, heterosexueller Mann, der Harz 4 bekommt oder psychisch oder körperlich krank oder behindert ist oder sonst kaum ökonomisches, kulturelles oder politisches Kapital besitzt?

Nicht weiße Heteromänner sind das Feindbild, sondern ihre Strukturen

HH schreibt:

Wir kämpfen nicht gegen den weißen, westlichen Heteromann und manchmal kommt mir vor, vergessen wir das. Wir kämpfen gegen die Strukturen, die er (sich) geschaffen hat und gegen die, die nicht bereit sind, etwas an diesen Strukturen zu ändern. Wir kämpfen gegen die, die eine Gleichberechtigung nicht tolerieren wollen oder ihr aktiv entgegenwirken und ja, das sind zu einem großen Teil weiße Heteromänner.

Wiederum: was sind weiße, westliche Strukturen der Heteromänner? Und was genau sind Strukturen? Und haben dementsprechend die weißen Heteromänner andere Strukturen als die weißen Heterofrauen? Haben alle nach Geschlecht getrennt ihre eigenen Strukturen? Österreich ist eine repräsentative Demokratie (politische Strukturen) und die wahlberechtigten Frauen machen über 50% des Souveräns aus: Das heißt, die Frauen haben sämtliche politischen Möglichkeiten/Mittel in der Hand, die Strukturen, die ihnen nicht behagen, zu modifizieren. Wenn sie hier keine Mehrheit erhalten, dann sind insbesondere ebenso die Frauen an der Aufrechterhaltung dieser Strukturen verantwortlich! Die Frauen müssten sich folglich vorab einmal selbst an der Nase nehmen, wenn sie nicht wählen gehen oder Personen wählen, die keine Veränderung der Strukturen wollen.

Auch weiße, männliche Hetero sollten ein Mitspracherecht haben

HH schreibt:

Aber wenn wir allen, die weiß, männlich und hetero sind, jegliches Mitspracherecht verweigern, schließen wir damit Leute aus der Diskussion aus, die dasselbe Recht haben sollten, an ihr teilzunehmen wie jede andere.“

Richtig, das wäre dann sonst Sexismus mit umgekehrten Vorzeichen. Aber dass man das überhaupt extra erwähnen muss?! Weil der Feminismus will ja Geschlechtergerechtigkeit – oder?

Verständnis entgegenbringen, damit sie nicht zu den Männerrechtlern abwandern

HH schreibt:

Wahrscheinlich werden wir diejenigen, die sich trotzdem noch mit Feminismus auseinandersetzen und am Diskurs teilhaben wollen, nicht an Männerrechtler verlieren. Aber wir verlieren sie im Kampf um die Unterstützung. Ja, mit manchen muss man gar nicht diskutieren. Ja, manchen kann mit voller Kraft entgegentreten, manchen muss man nicht zuhören, über manche kann man drüberfahren—und zwar mit Freude und Inbrunst, weil ihr Verhalten viel zu lange toleriert wurde.

Was ist außerdem daran so übel, wenn Männer sich für Menschenrechte oder Gleichberechtigung einsetzen, bei denen sie bislang diskriminiert wurden im Vergleich zu den Frauen? Man weiß z.B., dass Männer für dasselbe Delikt härter bestraft werden als Frauen oder Männer vielfach Zwangsdienste wie beispielsweise Militärdienst leisten müssen im Gegensatz zu Frauen oder dass Frauen früher pensioniert werden als Männer usw., usf.

HH schreibt:

Aber denen, die dabei sein wollen, sollten wir vielleicht manchmal mit ein wenig Verständnis begegnen. Damit wir die Gräben nicht tiefer machen, sondern zuschütten.

Ich würde ergänzend ein bisschen weitergehen: Ich würde insbesondere ebenfalls den Männerrechtlern Verständnis entgegenbringen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen, die sich jedoch ebenso für Benachteiligungen, Diskriminierungen und Problemlagen von Männern stark machen; es dürfte gegebenenfalls mit der Gleichberechtigung für alle schneller vorangehen, wenn man sich nicht gegenseitig bekämpft.

Fazit

Hanna Herbst versucht zu Beginn ihres Artikels die gesamte Männerpopulation in Verbindung mit Kriminalität zu bringen (Verurteilungsquote) und sie demzufolge zu dämonisieren. Ein bekanntes politisch-rhetorisches Stilmittel, wie es insbesondere der Rechtspopulismus fortwährend handhabt, um die Migration oder die Asylgesuche zu begrenzen.

Des Weiteren trachtet sie danach, pauschal Frauen als Opfer, Diskriminierte und Benachteiligte zu framen, wenngleich die Frauen mit über 50% des wahlberechtigten Souveräns seit vielen Jahrzehnten sämtliche politischen Mittel in der Hand haben, um alle Benachteiligungen bzw. Diskriminierungen mittels politischer Steuerung bzw. Intervention aufzuheben, sollten Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern auf Diskriminierung beruhen. Das heißt: Frauen sind wie die Männer allesamt an der Konservierung der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen mitverantwortlich. Und sollten Homosexuelle und beispielsweise People of Color rechtliche diskriminiert sein, dann sind Frauen wie Männer gleichermaßen dafür verantwortlich.

Es ist ein rhetorisch-politischer Trick, wenn sich Frauen wie Hanna Herbst aus ihrer Verantwortung exkulpieren wollen, indem sie sich symbolisch auf die Seite der People of Color oder der Homosexuellen stellen und gleichzeitig die weißen Heteromänner für sämtliches Übel der Welt verantwortlich machen, obschon ihre Population, die Frauen, sämtliche politischen Mittel in der Hand haben, alle Diskriminierungen, falls dergleichen vorhanden sind, aus der Welt zu schaffen und sie demzufolge ebenso wie die Männer die gesellschaftlichen Strukturen konservieren und reproduzieren.

Ich werde diesen Text Hanna Herbst zukommen lassen, und es würde mich selbstverständlich freuen, wenn eine Debatte diesbezüglich zustande kommen würde.

 

Rape Culture gegen rechts!

Wie Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski Werbung für die AfD macht

Eigentlich war ich ja der Meinung, über Margarete Stokowski schon genug geschrieben zu haben. Ihr Buch wird zudem von Anja Kümmel in der Zeit als „unendlich wichtig“ gefeiert, die Autorin selbst wird von der Süddeutschen Zeitung  als „deutsche Laurie Penny ins Gespräch gebracht – wobei nicht ganz klar ist, ob das eher als Lob oder als Beleidigung gemeint ist.

Sie hat eine wöchentliche Kolumne in Spiegel, die zumindest auf mich den Eindruck macht, dass Frau Stokowski große Schwierigkeiten hat, sich jede Woche erneut etwas dafür einfallen zu lassen. Solch eine Kolumne ist ja eigentlich ein ungeheures Privileg – und es tut mir leid für die so in Anspruch Genommene, dass sie es vorwiegend als Belastung empfinden muss.

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Gefängnisse waren eigentlich lange kein Mittel der politischer Auseinandersetzung mehr. Eine Spiegel-Kolumnistin hätte das gern geändert

In dieser Woche aber passt Frau Stokowskis Kolumne beunruhigend gut in eine politische Landschaft, in der die Auseinandersetzung mit dem Gegner nicht mehr mit Argumenten, sondern dem Versuch der persönlichen Schädigung geführt wird. Sie empfiehlt dafür „mal locker-flapsig, mal kühl-analytisch“ (Zeit) die Vortäuschung sexueller Straftaten. Aber nur ganz ironisch, natürlich.

Oder? Weiterlesen