Film Geschlechterpolitik

Die Ökonomie der Romantik

Graphik verdienen Frauen weniger
geschrieben von: Lucas Schoppe

Whit Stillmans Jane Austen-Verfilmung Love & Friendship spiegelt unsere Geschlechterpolitik überraschend gut wieder

Ohne ihn wäre ich ganz allein unter Frauen gewesen. Er saß im Kinosessel direkt vor mir, ein älterer Herr, der vielleicht – einfach schon zu schwach zur Gegenwehr – einfach mit ins Kino gezerrt worden war. Ansonsten saßen vor, hinter und neben mir nur Frauen.

Das ist eigentlich schade. Jane Austen hat bei manchen Deutschen den Ruf, eine frühe Version Rosamunde Pilchers zu sein, aber in der englischen Literaturwissenschaft sind ihre Romane längst als grundlegend anerkannt. „Lady Susan“ allerdings ist ein kaum bekannter Briefroman, den Austen vermutlich als sehr junge Frau geschrieben hat. Er ist mit Kate Beckinsale in der Titelrolle als „Love & Friendship“ verfilmt worden und im vergangenen Monat in die Kinos gekommen.

Bei näherer Betrachtung ist es sehr seltsam, dass lauter Frauen und nicht lauter Männer im Kinosaal saßen.

Im Mittelpunkt des Filmes steht nämlich eine Frau, die so bissig, zynisch und ironisch präsentiert wird, als wäre sie der Fantasie eines ganz besonders schlecht gelaunten Männerrechtlers entsprungen. Eines ihrer zentralen Themen – das ökonomische Kalkül romantischer Liebe – hat Austen wohl an keiner anderen Figur mit einer solchen Schärfe durchgespielt wie an ihrer Lady Susan.

 

Universelle Wahrheiten und schrecklich störende Fakten

„It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.“

Es wäre eine universell anerkannte Wahrheit, dass ein unverheirateter und vermögender Mann notwendig auf der Suche nach einer Ehefrau sein müsse: Das ist der wohl berühmteste Satz von Austen und der Eingangssatz von Pride and Prejudice.

Mrs Bennet hofft dort gleich zu Beginn, sie würde eine der fünf unverheiraten Töchter gewinnbringend an den neuen Nachbarn Mr. Bingley verehelichen können. Allerdings nimmt sie diese Hoffnung als einen Wunsch Bingleys wahr und erhebt diese Projektion dann auch noch in den Stand eine universell anerkannten philosophischen Wahrheit.

Vor allem: Genau im Mittelpunkt des Satzes steht der Begriff possession, Besitz. Kern der romantischen Heiratsträume und des damit einhergehenden Philosophierens ist ein ökonomisches Kalkül.

Das prägt die Ironie von Austens Texten: Die ehrenwerte Selbstdarstellung der Personen, beständig zum Moralisieren bereit, ab und zu in romantische Katastrophen abstürzend – und direkt darunter, kaum verborgen, ein primitives, rohes Bedürfnis nach Besitz und Status. In ihrem Briefroman Lady Susan  hat Austen dieses materialistische Skelett ihrer romantischen Figuren besonders zynisch ausgestellt. Das gilt auch für die Verfilmung Whit Stillmans.

Lady Susan (Kate Beckinsale), Mitte dreißig, frisch verwitwet und Mutter der sechzehnjährigen Frederica (Morfydd Clark), quartiert sich in der Residenz von Charles und Catherine Vernon ein, dem Bruder ihres Mannes und dessen Ehefrau.

Catherines jüngerer Bruder Reginald (Xavier Samuel) kommt dazu und verliebt sich schnell in die als gewissenlose Verführerin verschriene Susan. Die zieht ihrerseits eigentlich den verheirateten Mr. Manwaring (Lochlann O’Mearáin) vor, was aber ihrem umsichtigen Flirt mit Reginald keinen Abbruch tut.

Auch Frederica trifft unerwartet ein – sie ist aus dem Internat, in das Susan sie verfrachtet hatte, geflohen, um den Heiratsplänen zu entgehen, die ihre Mutter für sie geschmiedet hat: Sie soll die Frau des pompös-dummen, aber vermögenden Sir James Martin (Tom Bennett) werden.

Am Ende ist es Susan selbst, die Sir James heiratet. Ganz offensichtlich ist sie nämlich von Manwaring schwanger geworden. Der aber, gerade von seiner vermögenderen Frau getrennt, kann sie nicht ernähren – und so erzählt sie dem gutgläubigen Sir James gleich am Morgen nach der Hochzeitsnacht, dass er sie geschwängert habe.

Frederica wiederum heiratet Reginald, in einem deutlich romantischeren Rahmen.

Diese Wirrungen wären langweilig, wenn nicht Susans offener, zynischer Materialismus mit  ihrer steifen Umgebung frontal kollidieren würde. Für Andreas Busche in der Zeit fehlen ihr, wie anderen Figuren des Regisseurs, „jegliche soziale Filter, die in Alltagskonversationen ihrem Narzissmus und ihrer blasierten Ignoranz vorgeschaltet wären“. Beckinsale verkörpere

„Lady Susans obsessives Statusbewusstsein und ihren unreflektierten Snobismus mit verschlagener Ahnungslosigkeit, hinter der immer wieder blanke Niedertracht zum Vorschein kommt.“ 

„Er ist bereit, das Wichtigste zu geben, was er besitzt: sein Vermögen.“ Das schärft Susan zum Beispiel ihrer Tochter ein, deren Ankunft auf dem Landgut der Vernons ihr sichtlich auf die Nerven geht: Sie solle nun doch bitteschön bald Sir James heiraten und sich durch ihre Verachtung für ihn nicht irritieren lassen. Dass die Ehe doch ein lebenslanger Bund sei, wie Frederica einwendet, beeindruckt Susan nicht: „Nicht nach meiner Erfahrung.“

Ihre Vertraute und Freundin, Mrs. Johnson (Chloë Sevigny), habe mit ihrem Ehemann allerdings einen schweren Fehler gemacht: „Er ist zu alt, um lenkbar zu sein, und zum Sterben zu jung.“

Von der Fixierung auf eigene Bedürfnisse lässt sie sich weder durch moralische Bedenken noch durch störende Tatsachen abbringen. „Fakten sind etwas Schreckliches.“

 

Der Donald Trump der romantischen Komödie

Dass sie damit nicht einfach nur als Monster inmitten liebenswerter Menschen erscheint, hat einen einfachen Grund: Susan tut in ihrer egoistischen Beschränktheit eigentlich nichts Anderes als das, was andere um sie herum auch tun – sie tut es nur ungehemmter, offener, schamloser und ohne moralisierende Umkleidung. Susan ist gleichsam der Donald Trump des romantischen Historienkomödie.

Sir James zum Beispiel räsonniert wichtigtuerisch und ahnungslos über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen und erklärt, dass nur Männer zum Betrug in der Ehe neigen und Frauen dazu gar nicht fähig wären. Vermutlich werden es ihm viele gönnen, dass Susan ihm ein Kuckuckskind unterschiebt.

Lucy Manwaring reagiert auf die Affäre ihres Mannes mit Susan nicht wie eine traurige oder wütende Frau, sondern wie ein verzweifeltes, trotziges Kleinkind, dem jemand ein Spielzeug geklaut hat.

Catherine wiederum trägt es Susan bleibend nach, dass diese kurzzeitig versucht hatte, sich Catherines eigener Heirat mit Charles in den Weg zu stellen.

Ihr sympathischer Bruder Reginald ist hingerissen und verliebt angesichts von Susans oberflächlicher Flirterei mit ihm, und er nimmt die unscheinbare, aber offen verliebte Frederica kaum wahr.

Die sympathische Frederica wiederum versucht, Reginald einzuspannen, um ihre Mutter davon abzubringen, sie mit Sir James zu verheiraten. Natürlich erscheint Frederica dabei nicht als manipulativ, sondern als hilflos und hilfsbedürftig. Sie versichert dem jungen Freund der Mutter bei dieser Gelegenheit auch, dass sie eigentlich gar nicht heiraten, sondern selbstständig sein und als Lehrerin arbeiten wolle.

Allerdings tut sie den ganzen Film über nichts mehr, um dieses Vorhaben zu realisieren, und mündet schließlich stimmig und hoffnungsvoll in der versorgenden Ehe mit dem wohlhabenden Reginald.

Nicht nur die materielle Versorgung, sondern auch und vor allem die Zugehörigkeit zu einem gehobenen Stand wird hier den Frauen durch ihre Ehen – Susan mit Sir James, Frederica mit Reginald, Susans Vertraute Alicia mit Mr. Johnson – garantiert.

Warum aber haben die wohlhabenden Männer eigentlich ein Interesse an einer solchen Ehefrau? Schließlich treffen sie kein Arrangement wie in einer der späteren kleinbürgerlichen Ehen, in denen der Mann das Geld verdient und die Frau dafür Haus und Kinder versorgt. Dafür haben die Familien hier Bedienstete. Die Frau hat eigentlich nichts zu tun – und ihre entsprechende Selbstbezüglichkeit und Realitätsferne karikiert Austen genüsslich in Figuren wie der Mrs Bennett aus Pride and Prejudice.

Gerade der fehlende Nutzen dieser Frauen aber ist geeignet, eine Zugehörigkeit zu einem gehobenen Status deutlich zu signalisieren. Dass jemand selbstverständlich einen anderen erwachsenen Menschen mitversorgen kann, ohne eine reale Gegenleistung dafür verlangen zu müssen – das setzt eben beachtliche Ressourcen voraus. Der weitaus größte Teil der zeitgenössischen Männer konnte sich eine Ehe wie die, die bei Austen geschlossen werden, gar nicht leisten – und der weitaus größte Teil der zeitgenössischen Frauen hatte niemals die Möglichkeit, ein solches gepflegt unnützes Leben zu führen.

Diese Art der asymmetrischen Versorgerehe mag als deutliches Statuszeichen sehr aussagekräftig gewesen sein – dadurch allein aber konnte sie den Beteiligten in ihrer unmittelbaren Lebenswelt wohl kaum als überzeugendes Modell erscheinen. Dafür war es nötig, sie mit Phantasien einzukleiden, sie mit einer Bedeutung zu versehen, die über das bloße Statussignal hinausreichte.

Anders formuliert: Die romantischen Phantasien, die wir heute bei Austen genießen können, sind gleichsam das Fleisch auf dem Skelett des ökonomischen und statusfixierten Kalküls, das für sich allein genommen kaum reizvoll wäre.

Die Frau wird dann, gerade weil sie durch das Vermögen des Mannes aus der Logik der materiellen Reproduktion herausgehalten wird, zum Inbegriff eines unschuldigen Menschseins. Weil sie aber unschuldig in einer zynischen Welt ist, braucht sie auch den Schutz des Mannes, der sich in dieser Welt besser auskennt: Der Damsel in Distress entspricht als Gegenstück der ehrenwerte, welterfahrene Mann, der sie ausnutzen könnte, der sie aber stattdessen beschützt und umsorgt. Mr. Darcy.

Warum aber sind diese antiquierten Geschlechterphantasien noch heute reizvoll? Mehr noch: Warum ist ein heutiges Kinopublikum an Protagonistinnen interessiert, die so lebten wie bestenfalls zwei Prozent der damaligen Frauen – aber deutlich weniger an den übrigen 98 Prozent?

 

Der Staat als Super-Mr. Darcy

Möglicherweise haben Austens Geschlechterbilder eben mehr mit unseren eigenen Bildern zu tun, als wir es wissen wollen. Wir amüsieren oder ärgern uns über den eng korsettierten, blasierten, heuchlerisch moralisierten Umgang zwischen Männern und Frauen bei Austen – und merken darüber gar nicht, dass wir uns dort selbst zusehen.

Es wirkt pompös, wichtigtuerisch und komisch, wenn Sir James, Kuckucksvater mit Ansage, darüber räsonniert, dass eine Frau unfähig zum Betrug sei. Seine Position entspricht aber den Positionen, die heute in der politischen Diskussion um Scheinvaterschaften von Männern vertreten werden, die nicht etwa den Betrug von Frauen, sondern das Misstrauen von Männern verurteilen.

Dass Frederica davon redet, Lehrerin und selbstständig werden zu wollen, ist nicht Austens Text entnommen, sondern wird im Film hinzugefügt. Sie möchte sich gern als selbstständige junge Frau sehen, ohne aber etwas dafür zu tun – genauer: Wir möchten sie heute als selbstständige junge Frau sehen, sind aber gar nicht so genau daran interessiert, was für diese Selbstständigkeit eigentlich nötig ist.

Das ist dann schon eine Projektion heutiger Geschlechterphantasien in Austens Kosmos, die dort aber gut hineinpasst. Der Wunsch ist ja wichtig, Frauen ebenso wie Männer als selbstständige Menschen sehen zu wollen – nur gehört eben die Frage nach der realen, ökonomischen Basis dieser Selbstständigeit dazu.

Das Bundesfamilienministerium hat beispielsweise gerade eine Studie veröffentlicht, nach der im Durchschnitt ein Mann im Laufe des Lebens etwa doppelt so viel Geld erarbeitet wie eine Frau.

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Das Ministerium kommt gar nicht auf die Idee, zu diesem Anlass nach der ökonomischen Basis der Selbstständigkeit zu fragen. Statt dessen werden die Daten dort im Sinne des romantischen Damsel in Distress-Motivs interpretiert und als Hinweis als Diskriminierung von Frauen in einer feindlichen Männerwelt interpretiert.

Heute wie zu Austens Zeiten spiegeln solche Geschlechterbilder die Lebenswirklichkeit nur eines Teiles der Bevölkerung – sie prägen aber weitgehend die Politik. Wenn staatliche Institutionen zu Tausenden, in Gleichstellungsstellen, Frauenhäusern oder Gender Studies-Lehrstühlen, mit der Sorge für Frauen befasst sind, die Männer aber für sich selbst sorgen lassen: Dann agiert der Staat wie ein Super-Mr.Darcy.

Wenn ein Ministerium familiäre Gewalt gegen alle seriösen Studien allein als Gewalt von Männern gegen Frauen interpretiert, dann reproduziert es damit eben die Geschlechterbilder, die bei Austen noch Karikaturen waren: die Frau als hilflos-zerbrechliches Geschöpf, der Mann als unempfindlicher tumber Tor.

Es täte dieser Politik offenbar gut, wenn sie nicht nur die Gesellschaft verändern wollte, sondern ab und zu auch einmal misstrauisch gegenüber sich selbst wäre – wenn sie also ab und zu überprüfen würde, ob sie nicht an eben den romantischen Geschlechterbildern kleben geblieben ist, die sie mit überlegenem Gestus auf das Konto einiger rückständiger, ewiggestriger und anti-emanzipatorischer alter weißer Männer verbuchen möchte.

Es täte ihr auch gut, sich weniger auf Repräsentationen zu konzentrieren (Wie werden Frauen in der Werbung dargestellt? Ist die grammatikalische Struktur unserer Sprache sexistisch? …) und stärker auf die ökonomische Basis, auf der Menschen leben und die sie sich fortlaufend erarbeiten müssen.

Ganz gewiss täte es ihr gut, einmal den Gedanken durchzuspielen, dass diese ökonomische Basis nicht allein von Macht und Ohnmacht, Herrschaft und Unterdrückung, sondern von pragmatischen Zwängen strukturiert wird, denen die so starken Männer nicht weniger unterliegen als die Frauen, die des staatlichen Schutzes angeblich so dringend bedürfen.

Ganz knapp formuliert: Die Geschlechterverhältnisse, über die sich Jane Austen schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts lustig gemacht hat, werden heute in Deutschland – und nicht nur dort – als unverzichtbare Orientierungen einer progressiven, emanzipatorischen Politik verkauft. Es wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit nützlich, wenn sich daran einmal etwas ändern würde.

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18 Comments

  • „Dafür haben die Familien hier Bedienstete. Die Frau hat eigentlich nichts zu tun…“
    Die heutigen Bediensteten heissen Zentralheizung, Waschmaschine, Kuehlschrank, Staubsauger, Zweitwagen, au-pair, usw. Heute haben nicht nur die 2% der elitaeren Frauen nicht viel zu tun, sondern die grosse Mehrheit. Der damalige arrogante Nihilismus dieser Frauen ist ein Massenphänomen geworden.

    • @all

      Ich fand es so köstlich, ich möchte es gerne hier teilen:

      Wie Lucas im Artikel schrieb:

      „Das Bundesfamilienministerium hat beispielsweise gerade eine Studie veröffentlicht, nach der im Durchschnitt ein Mann im Laufe des Lebens etwa doppelt so viel Geld erarbeitet wie eine Frau.“

      Einem Link aus Genderama zur „Welt“ gefolgt und siehe da (Herv. von mir):

      „Die Wunscharbeitszeit liegt für Frauen im Schnitt bei 24 und für Männer bei 35 Stunden – tatsächlich arbeiten Frauen aber nur 22 und Männer satte 43 Stunden.“
      https://www.welt.de/politik/deutschland/article161483720/Vaeter-haben-das-Schuften-satt.html

      Der Absatz steht – und das ist schwer zu toppen – unter einem Bild von Schwesig mit dem Bildtitel: „Manuela Schwesig nimmt Männer in die Pflicht“.

      Dyskalkulie scheint ein Massenphänomen zu werden, denn erstens ist 43 „etwa doppelt so viel“ wie 22 – daher ist die rationale Erklärung, warum Männer doppelt so viel verdienen mit der annähernd doppelten Zeit, die sie mit Erwerbsarbeit verbringen bereits erbracht.

      Aber wenn es in der „Welt“ davor heißt:
      „Die meisten jungen Eltern wollen inzwischen ein Familienmodell, in dem beide Elternteile gleichermaßen für Haushalt, Kinder und Geldverdienen zuständig sind.“
      scheinen sich hier Rechenschwäche und Wunschvorstellung die Waage zu halten.

      Arbeitet ein Paar auf der oben geschilderten Grundlage, dann haben sie ein Haushaltseinkommen basierend auf 65 Stunden Erwerbsarbeit und gleichermaßen für Geldverdienen zuständig sein bedeutet, beide arbeiten 32,5 Wochenstunden.

      Das wäre – in meinen Augen – gerecht.

      Was aber heißt, Frauen müssten 10,5 Stunden in der Woche mehr mit Erwerbsarbeit verbringen und Männer 10,5 Stunden weniger.
      Während meine Vorstellung von Gerechtigkeit für Männer ihren Wunschtraum quasi übererfüllt, liegt er satte 8,5 Stunden über dem, was Frauen für sich herbei phantasieren.

      Hach, immer diese empfundenen Gerechtigkeitslücken!

      Gruß, crumar

      • Es ist m.E. noch viel schlimmer, Crumar.
        Ich vermute, die SPD hält Frauen per se für dumm, faul und nur in beschützenden Werkstätten zu gebrauchen. Und sowieso nur mit Druck von Männern im Nacken, sonst geht gar nix.
        Denn – und das fällt mir seit spätestens Schwesigs Amtsantritt immer mehr auf den Wecker – sie regt sich immer heftiger über das niedrigere Einkommen der Durchschnittsfrauen auf, behauptet aber im gleichen Satz stets ( mit absoluter Konsequenz! ), daß diese Frauen auch tatsächlich genau so viel weniger verdienen würden.
        Aber heißt es nicht schon seit sehr langer Zeit in sehr großen Teilen der Welt sinngemäß: Jeder soll bekommen was er verdient?
        Ist das nicht eine der tragenden Säulen nahezu jedes gesellschaftlichen Gerechtigkeitsempfindens?
        So wtf regt die rotbraunen Genossen daran so auf?
        Und wieso sollen ausgerechnet die Männer das ändern? Und wie?
        Sollen die etwa ihre Partnerin morgens zur Arbeit prügeln und abends losmeckern, wenn sie nicht ein paar Überstunden gemacht hat?
        Sollen sie ihr sogar das Kochen, oder Aufräumen verbieten ( „Schatz, Du weißt doch, daß Du sonst morgen keinen Extramehrwert für die Sozis einzahlen kannst und dann werden die wieder sauer und prügeln auf uns Männer ein, deshalb koche jetzt nur noch ich, basta!“ )?

        Eine bessere Erklärung, als daß sie Sozn meinen, eine Frau braucht einen männlichen Antreiber, sonst kann die SPD keine Luxusorgien mehr veranstalten, fällt mir dazu nicht mehr ein.
        Darauf deutet auch dieser extrem seltsame Satz hin, daß jede Mutter flugs wieder „zurück“ an irgendeinen Schreibtisch müsse. Die Männer müssten dafür Sorge tragen ( weil Frauen dazu zu schlau, oder zu blöd sind? Ich rätsele noch ).
        Wozu soll das gut sein, außer um die Ausgaben für das Kind um ein mehrfaches zu erhöhen und es deutlich höheren Risiken auszusetzen?
        Mal ganz davon zu schweigen, daß eine Friseuse i.d.R. gar keinen Schreibtisch hat, eine Lageristin auch nicht und ich glaube die Aldikassiererin und die Köchin auch nicht.
        Aber Schreibtisch klingt ja nach entspannter Automatik-Karriere, nicht wahr?

        Warum sollen Eltern nicht mehr selbst entscheiden dürfen, wie sie in ihrem speziellen Umfeld ihre Kinder am besten groß kriegen?
        Zu billig?
        Zu wenig Folgekosten?
        Zu klare Daten im BIP, wenn sich so viel Vernunft durchsetzt?

        Zu viele denkfähige Mitbürger gar?

        Tja, ein schlimmes Mysterium, keine Ahnung was tatsächlich dabei rauskommt, aber es ist schlimm und wird schlimmer, das scheint mir sicher zu sein.

      • @Fiete
        „daß jede Mutter flugs wieder „zurück“ an irgendeinen Schreibtisch müsse.“

        Zurueck an den Herd ist patriarchal, zurueck an den Schreibtisch ist feministisch und hip.

        Und klar dass es der Schreibtisch ist und nicht das Produktionslager oder Weintrauben ernten. Die letzteren waeren ja produktive Arbeit und das ist genauso pfui fuer Feministinnen wie kochen.

      • @ Crumar „Während meine Vorstellung von Gerechtigkeit für Männer ihren Wunschtraum quasi übererfüllt, liegt er satte 8,5 Stunden über dem, was Frauen für sich herbei phantasieren.“

        Es gab tatsächlich einmal eine Zeit, in der Sozialdemokraten Menschen deutlich gemacht haben, dass Ihnen ihre Emanzipation etwas abverlangt. Vergisst man heute sehr leicht. Das Credo der Arbeiterbildungsvereine war nicht „Egal wie Du Dich anstrengst, die unfaire Gesellschaft legt Dir sowieso Steine in den Weg, also kannst Du es auch gleich sein lassen.“ Eher war es: Die Politik hat die Aufgaben Dir Möglichkeiten zu schaffen – aber Du hast Dich in den Stand zu setzen, sie auch zu nutzen. Ich weiß eigentlich gar nicht, woher die Verachtung der heutigen SPDler für die Sozialdemokratie kommt.

        @ Fiete „Und wieso sollen ausgerechnet die Männer das ändern? Und wie?
        Sollen die etwa ihre Partnerin morgens zur Arbeit prügeln und abends losmeckern, wenn sie nicht ein paar Überstunden gemacht hat?“

        Es geht ja gar nicht darum, etwas zu ändern. Ich stelle mir ein junges Paar vor., dem seit Jahren eingehämmert worden ist, Männer würden für dieselbe Arbeit fast ein Viertel mehr verdienen als Frauen. Wenn die nun vor der Entscheidung stehen, wie sie ihre Arbeit aufteilen wollen – dann wären sie doch schön bescheuert, die Erwerbs- und Hausarbeit und die Kindessorge zu gleichen Teilen unter sich aufzuteilen. Oder gar ihr Leben so zu organisieren, dass die Frau das Geld verdient und der Mann für das Kind sorgt. Sie hat es da draußen doch so viel schwerer als er, und beide haben damit dann so viel weniger Geld! Wer Schwesig und co. Glauben schenkt, kann sich eigentlich vernünftigerweise nur für das konservative Familienmodell entscheiden, in dem der Mann das Geld ranschafft und die Frau zu Hause bleibt.

      • @Lucas

        „Es gab tatsächlich einmal eine Zeit, in der Sozialdemokraten Menschen deutlich gemacht haben, dass Ihnen ihre Emanzipation etwas abverlangt. Vergisst man heute sehr leicht. Das Credo der Arbeiterbildungsvereine war nicht „Egal wie Du Dich anstrengst, die unfaire Gesellschaft legt Dir sowieso Steine in den Weg, also kannst Du es auch gleich sein lassen.“ Eher war es: Die Politik hat die Aufgaben Dir Möglichkeiten zu schaffen – aber Du hast Dich in den Stand zu setzen, sie auch zu nutzen. Ich weiß eigentlich gar nicht, woher die Verachtung der heutigen SPDler für die Sozialdemokratie kommt.“

        Es wird eine Zeit kommen, Lucas, in dem dieser Absatz zitiert werden wird.
        Schwör, Alder! 😉

        In einer Zeit, als die gute alte Abeiterbewegung (TM) noch intakt war, war es klar, dass sich das Proletariat in seinen Bildungsanstrengungen nach einer Decke strecken muss, die das Bürgertum zunächst einmal vorgegeben hat.
        Die faule Ausrede, es handle sich um eine „gläserne“ hätte sich niemals gehalten, sie nicht durchstoßen zu wollen, es nicht wenigstens zu versuchen, auf diese alberne Idee wäre niemand gekommen.

        Es wäre aber umgekehrt auch niemand auf die Idee gekommen, Politiker (aus den Arbeiterparteien) aus der Verpflichtung zu entlassen, diese Möglichkeiten politisch zu schaffen.
        Aktuelle Studien, die bescheinigen, die soziale Herkunft eines Kindes zeichnete seinen weiteren Lebensweg vor, indem diese den Zugang zu den Bildungsinstitutionen diktiert und beschränkt wären als eine Blamage der Politik dieser Parteien empfunden worden.
        Ungeachtet des Geschlechts dieses Kindes.

        Niemand hätte sich getraut, seinem eigenen Klientel und deren Kindern die sozialen Verhältnisse, die ihm diese Beschränkung aufzwingen als eigene Schuld aufzuerlegen und genau das passiert mit dem Label, es handle sich um „bildungsferne Schichten“.
        Als wäre „Distanz“ ein Naturschicksal, das zwischen „Bildung“ und „Schicht“ steht.

        Ich habe eine Menge Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen kennengelernt, die sich für eine solche Aussage von SPDlern in Grund und Boden schämen.
        Es wäre schön, wenn die sich allmählich melden würden und die SPD wieder zu einer sozialdemokratischen Partei machen.

        Gruß crumar

  • @Schoppe:

    »Er ist zu alt, um lenkbar zu sein, und zum Sterben zu jung.«

    Ein wunderschöner Satz: er illustriert den kommunikativen back channel, den es zu allen Zeiten des sogenannten Patriarchats gegeben haben dürfte (nicht dem politischen Feminismus, aber zumindest einem Teil der historischen Frauenforschung ist das auch bewusst), und der sich hinter der Fassade der Geschlechterhierarchie verbirgt, die sich damit eben nicht als simple Hierarchie, sondern als mal mehr, mal weniger und mal gar nicht verzerrte asymmetrische Komplementarität erweist.

    »Die Geschlechterverhältnisse, über die sich Jane Austen schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts lustig gemacht hat, werden heute in Deutschland – und nicht nur dort – als unverzichtbare Orientierungen einer progressiven, emanzipatorischen Politik verkauft.«

    Geduld, Geduld. Dafür gibt es uns Männerrechtler. Wir wühlen und höhlen, bis diese Kathedrale der Ideologie in den Hades hinab kollabiert.

  • @djadmoros

    Geduld, Geduld. Dafür gibt es uns Männerrechtler. Wir wühlen und höhlen, bis diese Kathedrale der Ideologie in den Hades hinab kollabiert<

    Oder es gibt eine der klitzekleinen Katastrophen und die Dinge geraten wieder ins Lot, die Frauen, besonders unsere Lieblicnge werden nach Männern schreien, betteln und flehen.

    Im Rheingraben brodelt es verdächtig, der Laacher See hat kritische CO2 Ausgasungen.
    Vor der Küste Neapels ist ein Supervulkan in eine kritische Phase eingetreten
    Der Yellowstone hat sich um 70cm gehoben
    San Andreas Fault und New Madrid Fault zeigen sich kritisch und eine Entladung ist seit längerem Überfällig
    Ein X-Flare ist statistisch schon länger überfällig
    Das Finanzsystem tanzt auf Messers Schneide und da das linke Establishment Trump absägen will und Obama ihm riesige Probleme untergeschoben hat, braucht Yellen nur die Zinsschraube drehen, was sie schon angekündigt hat.
    Nur eines davon und schon wirds faktisch. Richtig faktisch.

      • Nein, its me myself. Ich heiss so wie ichs dranschreib und die aufgezählten Dinge sind der aktuellen Berichterstattung entnommen. Es traut sich bloß keiner 2+2 zusammenzuzählen und darüber nachzudenken, daß in Zeiten des Umbruchs und gesellschaftlichen Niedergangs meist noch natürliche Verwerfungen hinzukommen. Da sind ein paar nette Dinge in der Pipeline, und ein oder zwei werden sehr wahrscheinlich in den nächsten 1-2 Jahrzehnten ein Problem. (den Kometen hab ich weggelassen, da bemüht sich die Wissenschaft grade den wegzuerklären, soll aber sehr knapp werden)

  • Da kennt jemand seine Jane Austen nicht sehr gut und nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit. Die selbstbezogenste Person in P&P ist nicht Mrs. Bennet, sondern Lady Catherine deBorg. Mrs. Bennet ist eine Familienmutter, die dem Haushalt vorsteht und versuchen muss ihre mittellosen Töchter zu verheiraten, weil der Vater für sie nie gespart hat und sein Vermögen nach seinem Tod an einen fernen männlichen Verwandten geht und die Töchter dann ohne Auskommen wären. Austen kannte das sehr gut, denn auch sie war von Zuwendungen ihrer männlichen Verwandten abhängig. Hätten ein Bruder nicht im Seekrieg fette Beute gemacht und wäre der andere nicht reich adoptiert worden, wäre sie völlig mittellos gewesen.
    Dass die Tochter der Tochter eines Herzogs (Lady Susan, wäre sie nicht die Tochter eines Herzogs, wäre sie Lady Nachname, nicht Lady Vorname) Lehrerin werden will, ist absurd und nachträglich eingefügt. Hätte sie sich um einen so „niedrigen“ Job bemüht, wäre sie sofort als Flittchen verdächtigt worden und hätte nirgend wo mehr einen Fuß auf den Boden bekommen.
    Sorry, so verführerisch es auch sein mag, aber Jane Austens Stories und heutige Verhältnisse haben nur gemeinsam, dass Menschen die Akteure sind, die Standesgesellschaft des Englands am Ende des vorvorletzenden Jahrhunderts und die heutige Gesellschaft haben ansonsten herzlich wenig mit einander zu tun. Allerdings kann man alles so hinbiegen, dass es passt.

    • @ Hugh Waldem Ich glaube, dass die Bedingungen bei Austen mit heutigen Bedingungen deutlich mehr zu tun haben als, z.B., mittelalterliche Epen es haben.

      Es ist eine Gesellschaft der beginnenden Moderne, und dieser Umbruch wird eigentlich in jedem Roman deutlich. Die Ironie, für die Austen ja berühmt ist, entsteht in meinen Augen gerade durch die Kollision zweier Logiken: Einerseits einer Repräsentationslogik, für die es völlig irrelevant ist, was Menschen tatsächlich tun, leisten, wollen – und einem eher bürgerlichen Realitätsprinzip, dem es vor allem um den realen Erfolg von Handlungen geht und in dessen Licht ein guter Charakter angesichts seiner Handlungsfolgen bewertet wird.

      Daher spielen die Texte auch ständig, und im immer neuen Variationen, das Schein-Sein-Thema durch. Darcy z.B. gewinnt eben gerade dadurch, dass er sich nicht darum schert, als was er erscheint, sondern um die realen Folgen seiner Handlungen.

      Emma Woodhouse richtet hingegen in „Emma“ eben gerade dadurch Schaden an, dass sie – ganz in einer Standeslogik verfangen – ihre Freundin Harriet zu verkuppeln versucht und sie dabei von einem Mann abbringt, der zwar ihr Glück sein könnte, der aber Emmas hochfliegenden romantischen Fantasien einfach nicht gut genug ist.

      Usw. Natürlich ist es trotzdem wichtig, auf die Logiken hinzuweisen, in denen Austens Romane spielen und die wir heute gar nicht mehr kennen. Unabhängig davon sind Austens Texte aber jenseits aller mehr oder weniger romantischen Projektionen in eine vergangene Zeit in meinen Augen tatsächlich auch noch heute lohnend.

  • Auf den Film bin ich jetzt gespannt.

    Die Schriftstellerin Jane Austen war mir immer suspekt, da ich den Eindruck hatte, dass ihre anscheinend typischerweise weiblichen Fans aus ihren Romanen „erbauliche“ Moralvorstellungen bis hin zu Handlungsanweisungen ziehen wollten. Das ist nicht unbedingt die Literatur, die ich schätze, also liess ich das lieber links liegen. Jetzt allerdings ärger ich drüber, denn dann könnte ich die Filmkritik hier mit einem direkten Eindruck der mutmasslichen Intentionen der Jane Austen sekundieren. Aber das leisten ja auch andere, wie zB dieser Essay hier, der mir stimmig erscheint (über mein eigenes Vorurteil hinaus), der Austen zuallerst als anweisende Moralistin sieht:

    „Underneath the veneer of romantic comedy that helped them sell, her novels are deeply serious morality plays. They are moral education masquerading as entertainment.“

    Unter „Austen’s Moral Vision“ folgt dann:

    „…. Austen’s moral education is far more direct. Her novels analyse and teach a virtue ethics for bourgeois life – the kind of life that most of us live today. …..

    …. Austen celebrates and promotes a solidly middle-class ethics, and this, together with her use of literary narrative (and her femininity?), may explain why her moral philosophy is rarely recognised as such. …..“

    https://philosophynow.org/issues/94/Reading_Jane_Austen_as_a_Moral_Philosopher

  • Möglicherweise bin ich zu sehr sensibilisiert, aber schaut euch mal das Bild etwas genauer an. Der Mann steht auf einem grösseren Berg Geld als die Frau, das springt ins Auge. Aber – so ganz unscheinbar und auf den ersten Blick kaum bewusst wahrnehmbar – hat er auch seine Hände in den Hosentaschen, was doch symbolisch für Nichtstun steht, während sie einen Aktenkoffer trägt und sicher gerade zu einer unheimlich wichtigen Vorstandssitzung unterwegs ist.

  • Als ein Bewunderer von Jane Austen, musst ich zuerst eingestehen, wie verwundert ich war, als ich nach Deutschland kam und merkte, dass ihre Meisterwerke als billige Romance-Literatur galt. Dabei geht es um tiefe, einsichtsvolle, gesellschaftliche Satire, um Einblicke ins Menschsein, die von der Banalität des Alltags der „leisure class“ spielerisch verdeckt und dadurch letztendlich hervorgeboen werden.

    Erstaunlich ist auch, wieviele Anliegen der Männerrechtler Anklang in den Werken von Austen und andere weibliche Schriftsteller der Periode, wie Eliot und Wollstonecraft, finden. Vor über 200 Jahren hat Wollstonecraft geschrieben, dass Frauen nur dadurch befreit werden können, indem sie auf ihre Privilegien verzichten. Wie viel attraktiver und gerechter wäre der Feminismus nicht, wenn seine Vorfechter die Werke seiner vermeintlichen Heldinnen tatsächlich gelesen hätten?

    Glaubt man, wie fast jeder auf dieser Welt, hingegen an diese Idealisierung der Frau, lässt sich alles rechtfertigen. Selbst Männerhass. Selbst brutale Vergewaltigerinnen als Heldinnen feiern. Alles.

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