Populismus

Reihe Rechtspopulismus (3): Politikstil und Rhetorik

Bild zeigt im geschriebenen Wort: Rhetorik
geschrieben von: Mark Smith

Im dritten Teil der Reihe „Rechtspopulismus“ wird der Politikstil bzw. die Rhetorik dieses politischen Phänomens erörtert. Wer die bisherigen Teile der Reihe Rechtspopulismus verpasst hat, kann diese unter den folgenden Links nachlesen:

Reihe Rechtspopulismus (1): Erste Annäherung

Reihe Rechtspopulismus (2): Ideologie

Der charismatische Führer als Sprachrohr der „schweigenden Mehrheit“

Silvio Berlusckoni - Rechtspopulist

Silvio Berlusconi als Vertreter des italienischen Rechtspopulismus und gleichzeitig charismatischer Führer.

Hauptmerkmal des Rechtspopulismus ist sein verabsolutierter Anspruch auf Repräsentation des Souveräns bzw. der gesamten Bevölkerung. Fortwährend dadurch implementiert, indem vom „Volk“  oder beispielsweise von der „schweigenden Mehrheit“ gesprochen wird, deren unterdrückte Interessen der charismatische Führer aufnimmt und artikuliert. Appelliert wird an die durchaus existenten Emotionen wie Ärger, Wut, Verunsicherung, Angst, Enttäuschung etc. seiner potentiellen Wählerschaft mit der Zusicherung, ihre Interessen und Anliegen gegenüber der herrschenden Elite in Worte zu fassen bzw. zu repräsentieren und überdies die politischen Verkrustungen einer „politischen Elite“ aufzubrechen. Dabei ist die Distanz zwischen dem charismatischen Volkstribun, der als Advokat und Sprachrohr der „schweigenden Mehrheit“ auftritt, und dem als Einheit propagierten Volk aufgehoben.

Volkstümliche Sprache und Habitus

Der rechtspopulistische Volkstribun gibt sich dementsprechend volkstümlich: einer, der dieselbe Sprache spricht wie seine Wähler, einer zum Anfassen, einer, der aus „dem Volk“ stammt und demzufolge seiner Position als Führer Legitimation verschafft.

Insbesondere mithilfe einer unerschrockenen und volkstümlichen Sprache wird die Auflösung der Distanz zwischen dem Volk und dem charismatischen Führer erreicht; dabei werden vorwiegend unterschwellige Stimmungen der Bevölkerung aufgenommen und tabu frei artikuliert. Die Äußerungen sind dabei häufig antielitär und antiintellektuell, gepaart mit einem indifferent gestrickten Gesellschaftsbild und einer Freund-Feind-Rhetorik.

Appell an direktdemokratische Beteiligungsformen

Mit ihrem Appell nach verstärktem Gebrauch direktdemokratischer Beteiligungsformen, geht es den Rechtspopulisten insbesondere darum, die Bevölkerung gegen die politische Elite zu mobilisieren. Ungeachtet dessen, dass sich die Rechtspopulisten gerne als Anti-Partei-Partei mit Bewegungscharakter inszenieren und vermehrt basis- bzw. direktdemokratische Elemente fordern, sind die innerparteilichen demokratischen Strukturen vielfach nur rudimentär ausgebildet und haben folglich eher einen akklamatorischen Charakter.

Tabubruch als zentrales rhetorisches Stilmittel

Bild zeigt im geschriebenen Wort: Rhetorik

Als bedeutendstes rhetorisches Stilmittel der Rechtspopulisten kann wahrscheinlich der beabsichtigte Tabubruch bezeichnet werden. Mit diesem markiert er die eigene Rolle als Außenseiter und zeigt zugleich an, dass er sich traut, etwas zu sagen und aufzubegehren. Eintracht, Harmonie, konsensualer Diskursstil und im weitesten Sinne „political correctness“ sind das gesellschaftspolitische Übel schlechthin. Zumal sich der charismatische Führer traut, auszudrücken, was „die schweigende Mehrheit“ nur hinter vorgehaltener Hand zu artikulieren vermag, wird er als authentischer „Mann des Volkes“ wahrgenommen. (Bauer 2016: 12 ff.)

Der Stil der Populisten ist griffig-parolenhaft (Leibeigene der Gen-Industrie, Polit- Nomenklatura), demagogisch, simplifizierend (keine Gnade für die Täter), provokativ, maßlos übertreibend und emotionalisierend (zu Tode gespart, Globalisierungsdiktatur). Scheinbar einfache und radikale Lösungen (statt „faulen Kompromissen“) treten an die Stelle einer Analyse der gesellschaftlichen Komplexität.“ (Bauer 2016: 14)

Ein weiteres Merkmal der Rechtspopulisten ist ihre Selbststilisierung zu einem Opfer, das verfolgt und ausgegrenzt wird, obwohl es insbesondere bei der Parteielite vielfach überhaupt keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass sie zu einer verfolgten und ausgegrenzten Gruppe gehören würden. Hingegen werden wirkliche Opfer, die von Marginalisierung und Stigmatisierung betroffen sind, vielfach verhöhnt oder als Übertreibungen abgetan.

Spiel mit den Ängsten, Schwarzmalerei und Sündenböcke

Weitere rhetorische Stilmittel sind das Spiel mit den Ängsten (Untergang des Abendlandes wird beschworen), der Einsatz von Metaphern (Hexenjagd, Schlachtfeld, Globalisierungsmafia) oder die Verwendung von biologistischen Analogien (Ungeziefer, Melkkühe, Sündenböcke) sowie Verschwörungstheorien (z.B.: Flüchtlingskrise sei mithilfe gewisser Mächte in Gang gesetzt worden, um Deutschland zu schaden).

Der Politikstil des Rechtspopulismus konstituiert sich des Weiteren mithilfe des vielfach selbst inszenierten Skandals und mittels fortwährend propagierter Krisenerscheinungen. Mit der gütigen Beihilfe von auflagen- und sensationserheischenden Boulevardmedien, lässt sich diese Schwarzmalerei bzw. dieser Defätismus, ungeachtet dessen, ob der angeprangerte Missstand überhaupt vorhanden oder wie groß dieser real wirklich ist, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit beträchtlich vergrößern. Die populistische Boulevardpresse betreibt hier vielfach das Agenda-Setting für die Rechtspopulisten, indem diese die Themen der Boulevardpresse aufnehmen und politisch weiter „ausschlachten“ (Bauer 2016: 14). Um seine fortwährend zur Schau gestellte Empörung (Empörungsbewirtschaftung) über gesellschaftliche Missstände zu rechtfertigen, braucht der Rechtspopulismus gleichsam Feindbilder, die zugleich eine enge Beziehung zwischen dem Volk und dem charismatischen Volkstribun herstellen.

Hauptfeind aller Rechtspopulisten ist das Establishment, die ‚politische Mafia‘ (Vlaams Belang), die ‚Viererbande‘ (Le Pen), die ‚nomenclatura‘ (Bossi), die ‚Altparteien‘ (Haider).“ (Priester 2012)

Die Sündenbockfunktion kann quasi jede natürliche Person oder jede gesellschaftliche Gruppe übernehmen und ist folglich austauschbar – beliebt sind jedoch vor allem Minderheiten wie kriminelle Ausländer (Kriminaltouristen), kriminelle Flüchtlinge (Asylkriminelle), abgehobene Intellektuelle (Elfenbeinturm), Sozialhilfeempfänger (Sozialschmarotzer), Invalide (Scheininvalide), Künstler (entartete Kunst), jedoch auch die „classe politique“ oder sonstige missliebige gesellschaftliche Gruppen. Diese Gruppen werden quasi für alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Missstände verantwortlich gemacht und sie werden des Betrugs, der Korruption der Lüge oder der Kriminalität etc. beschuldigt.

Dämonisierung statt rationale Analyse

Bild zeigt einen Dämon in gemalter Form

Diese Dämonisierung bestimmter Gruppen und Personen sowie die Feinbilderzeugung und Sündenbockproduktion verbunden mit einer Empörungsbewirtschaftung treten an die Stelle einer rationalen Analyse der gesellschaftlichen und ökonomischer Umwälzungen (fortschreitende Modernisierung und sozialer Wandel). Reale oder teilweise eingebildete Ängste und Befürchtungen der Bevölkerung werden somit für die eigene politische Agenda instrumentalisiert, indem einfache Schuldzuweisungen oder Verschwörungstheorien mittels politischer Kommunikation (insbesondere der  Medien) in die Öffentlichkeit eingespeist werden und folglich ebenfalls eine Entlastungsfunktion besitzen (einfache Erklärungen für gesellschaftliche Probleme und Missstände). (Bauer 2016: 18)

Moralisierung und Personalisierung der Politik

Ein zentrales Merkmal der Rhetorik bzw. des Politikstils des Rechtspopulismus ist somit neben der Emotionalisierung die Moralisierung der Politik. Das Handeln der politischen und gesellschaftlichen Akteure wird infolgedessen nicht im Zusammenhang mit strukturellen Ursachen und Bedingungen gesehen, wie z.B. Globalisierung, Individualisierung oder sozio-ökonomische und makroökonomische Kategorien und Interdependenzen, sondern gleichsam in einem moralisch aufgeladenen Universum personifiziert. Diese moralische Personalisierung ist eine Gemeinsamkeit aller Rechtspopulismen und somit explizit oder unterschwellig immer vorhanden. (Priester 2012)

Fortsetzung: Reihe Rechtspopulismus (4): Ursachen des Rechtspopulismus

RSS
Follow by Email
Google+
https://man-tau.com/2017/02/20/reihe-rechtspopulismus-3-politikstil-und-rhetorik/
PINTEREST
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

33 Comments

      • Ich haette dem Autor gewuenscht, dass er etwas durchschauen wuerde. Bei Dir, Leszek, ist eh Hopfen und Malz verloren. Anstatt etwas wirklich analysieren und verstehen zu wollen, biegt sich Mark die Wirklichkeit so zurecht, dass es sein sozialistisches Wohlfuehlsueppchen passt.

        Ich hatte in seinem ersten Beitrag der Reihe ja schon gewarnt, dass er das Thema ganz falsch anfaengt. Wer von Hamburg nach Rom will und sich erst mal nach Island einschifft, der hat gute Chancen im Packeis stecken zu bleiben und nirgendwo anzukommen.

        Ich lese Schoppe eigentlich ganz gerne, da er die links-liberale Seite oft recht rational darstellt. Bei dieser Serie werde ich mich jetzt aber ausklinken, denn gegen absichtliche Unlogik und Irrationales kann man nicht mehr vernueftig argumentieren, das ist halt Glaubenssache.

  • „Hauptmerkmal des Rechtspopulismus ist sein verabsolutierter Anspruch auf Repräsentation des Souveräns bzw. der gesamten Bevölkerung.“ Das steht in einem direkten Widerspruch dazu, dass er zugleich konsequent auf eine Freund-Feind-Rhetorik baut.

    Es gibt dann keine gemeinsame Perspektive, in der sich unterschiedliche Interessen koordinieren ließen – das war ja mal, z.B., die Bedeutung von „Nation“ als einem gemeinsamen politischen Raum. Statt dessen gibt es eine imaginierte Gemeinsamkeit, die sich erst in der GEGNERSCHAFT gegen den gemeinsamen Feind definieren kann. So hat z.B. Fichte die Nation in seinen „Reden an die deutsche Nation“ bestimmt.

    Das heißt: Der Anspruch auf Repräsentation der „gesamten Bevölkerung“ lässt sich nur erheben, wenn die so dringlich nötigen „Feinde“ gar nicht als Angehörige dieser Bevölkerung wahrgenommen werden. Sei es als Fremde oder als Verräter. So zerstört dann gerade der Anspruch auf eine Repräsentation des „Ganzen“ die Perspektive eines Gemeinwohls oder der Kooperation im Lichte gemeinsamer Interessen.

    Allerdings finde ich, dass solche Strukturen durchaus auch bei linken Populisten zu finden sind. Was ist für Dich, @ Mark, dabei das Besondere am Rechtspopulismus?

    • @Schoppe

      Ist für mich noch schwierig zu sagen, was das Besondere am Rechtspopulismus ist, wenn man es dann auch gegenüber dem Linkspopulismus abgrenzen möchte, weil ich kenne natürlich den Rechtspopulismus hier in der Schweiz sehr gut, der durch die SVP praktiziert wird, aber Linkspopulisten gibt es momentan eher weniger.

      Aber: Die Anti-Eliten-Haltung bzw. die Anti-Establishment-Haltung gibt es beim Links- wie Rechtspopulismus.
      Eine scharfe Grenzziehung zwischen Freund und Feind gibt es ebenfalls beim Links- wie Rechtspopulismus; also Feindbilder- und Sündenböcke.
      Auch einen charismatischen Führer gibt es vielfach bei den Rechts- wie Linkspopulisten.
      Auch Emotionalisierung, Moralisierung, Personalisierung, Einsatz von Metaphern, Feindbilder, Sündenböcke etc. finden wir links wie rechts. Vermutlich wird auch der beabsichtigte Tabubruch links wie rechts etwa ähnlich sein.

      Den Unterschied sehe ich schon mehr eben ideologisch: beim Linkspopulismus sind die Feindbilder ja nicht die Fremden oder marginalisierte und stigmatisierte Gruppen, sondern die Geld- und Finanzelite, die Rassisten, Sexisten, Homophobiker etc. Und Linkspopulisten sind sicherlich weniger antimodernistisch eingestellt, haben eher ein liberales Weltbild und weniger ein konservatives, sind eher auf die Stadtbevölkerung bezogen und weniger auf die Landbevölkerung.
      Verkürzt würde ich sagen: Beim Politikstil und der Rhetorik gibt es kaum Unterschiede zwischen Links- und Rechtspopulismus, jedoch der Inhalt bzw. die Ideologie bzw. das Weltbild und die Mentalität sind primär verschieden.

    • „Der Anspruch auf Repräsentation der „gesamten Bevölkerung“ lässt sich nur erheben, wenn die so dringlich nötigen „Feinde“ gar nicht als Angehörige dieser Bevölkerung wahrgenommen werden. Sei es als Fremde oder als Verräter. So zerstört dann gerade der Anspruch auf eine Repräsentation des „Ganzen“ die Perspektive eines Gemeinwohls oder der Kooperation im Lichte gemeinsamer Interessen.“

      Volle Zustimmung.

    • @Schoppe:
      „„Hauptmerkmal des Rechtspopulismus ist sein verabsolutierter Anspruch auf Repräsentation des Souveräns bzw. der gesamten Bevölkerung.“ Das steht in einem direkten Widerspruch dazu, dass er zugleich konsequent auf eine Freund-Feind-Rhetorik baut.“

      Allerdings finde ich, dass solche Strukturen durchaus auch bei linken Populisten zu finden sind.

      Es wäre schon mehr als seltsam, wenn dem nicht so wäre.
      Da ich gerade immer mal etwas „Zwangsfreizeit“ habe, lese ich gerade ein Buch, das ich recht erhellend finde. Es heißt „Kriegstrommeln“ ist von Mira Beham und bei DTV erschienen ( mit Unterstützung ausgerechnet der Friedrich-Ebert-Stiftung, aber egal, der Inhalt zählt ).
      Es beginnt mit den primitiven Anfängen der gedruckten Kriegspropaganda in den USA Anno 1871-71 und ich bin jetzt ungefähr in Guernica gelandet. Als oller Holist versuche ich natürlich auch mal die auftauchenden Personen und Interessengruppen quasi synonym durch andere zu ersetzen und die beschriebenen Abläufe ein wenig auf heutige Verhältnisse hoch zu interpolieren.
      Und der Effekt ist erstaunlich. Keineswegs überraschend, aber doch eben staunenswert. Man bemerkt, daß schlimmste Befürchtungen, die man gern als „populistische Panik“ beseite schieben würde, vermutlich noch viel zu zwanghaft optimistisch sind.
      Und, daß sich wahrscheinlich sehr wenig an Systemik und Methodik der Propaganda verändert hat.
      Ein wesentlicher Unterschied scheint mir zu sein, daß der Zentralismus als Ziel und Steuerungsorgan von Agit-Prop-Aktivitäten vermutlich immer mehr abbaut, also daß die medialen Hauptakteure heute eher auf Interessenkonglomerate setzen. Ein sehr geschickter Schachzug, wie ich meine, wenn er auch vordergründig schwerer steuerbar erscheint.

      Manchmal denke ich, ein Kern der heutigen Mainstream-Populismusdebatten ist Ausdruck einer Entwicklung, die möglw. darauf hindeutet, daß die großen politischen Akteure befürchten, daß ihr eigener Populismus ( egal welcher Couleur und Richtung ) ihnen entgleiten könnte. Das würde auch mit z.Zt. sich entwickelnden Aktivitäten zur Lenkung und Beschränkung der Internetfreiheiten zeitlich einigermaßen zusammenpassen.

      Anders gesagt: die Lage ist insgesamt komplexer geworden, die technischen Möglichkeiten sind es aber auch. Kann sein, dazwischen findet gerade eine Art Wettrennen statt.

      Überspitzt formuliert: Gesinnung, Moral, Hysterie, Vernunft laufen hektisch um die Wette und bedienen sich immer rücksichtsloser sämtlicher zur Verfügung stehender Dopingmittelchen.

      Schaun mer mal wer die nächste Etappe gewinnt.

  • Wäre es meine Aufgabe, ein soziales oder politisches Phänomen x zu analysieren, dann würde ich das ungefähr so machen:

    Ich würde nicht fragen, welche Merkmale bei x in der Realität vorkommen, sondern welche Merkmale x von jedem anderen y unterscheiden. Denn einerseits muß ich sicherstellen, daß es überhaupt x gibt. Und ich kann nur wissen, daß es x gibt, wenn ich etwas über x sagen kann, das ich nicht zugleich auch über ein anderes y sage. Und andererseits möchte ich ja x analysieren, d.h. ich möchte Gründe dafür angeben, worauf die x identifizierenden Eigenschaften zurückzuführen sind und wie genau sie in Abhängigkeit von was hervorgebracht werden.

    Wenn du das auch – so ganz abstrakt – für eine sinnvolle Strategie hälst, dann können wir jetzt mal deinen Text durchgehen und nachsehen, inwiefern er diese Strategie realisiert: Ich greife nur mal ein paar Beispiele heraus:

    „Hauptmerkmal ist sein verabsolutierter Anspruch auf Repräsentation des Souveräns bzw. der gesamten Bevölkerung.“

    Tut das der Feminismus mit Hilfe seines Instrumentes des gender mainstreaming nicht auch? Und tun wir als Maskulisten nicht dasselbe, indem wir behaupten, daß nur wir das Ideal der Geschlechtergleichheit richtig verstehen? Sind deshalb Feministen und wir beide rechtspopulistisch und kann das überhaupt sein, wenn Feminismus und Maskulismus in einer Gegenerschaft zueinander stehen?

    „Appelliert wird an die durchaus existenten Emotionen wie Ärger, Wut, Verunsicherung, Angst, Enttäuschung etc. seiner potentiellen Wählerschaft mit der Zusicherung, ihre Interessen und Anliegen gegenüber der herrschenden Elite in Worte zu fassen“

    Vor allem die zweite Welle des Feminismus tut genau das, insofern er eine Abwertung der Frauen durch Männer als Quelle der Frauenunterdrückung auszumachen meint. Das scheint also für Rechtspopulismus gar nicht charakteristisch zu sein.

    „Mit ihrem Appell nach verstärktem Gebrauch direktdemokratischer Beteiligungsformen, geht es den Rechtspopulisten insbesondere darum, die Bevölkerung gegen die politische Elite zu mobilisieren.“

    Ich nehme an, du möchtest deutlich machen, daß der Rechtspopulismus irgendwie falsch liegt oder nicht legitim ist. Aber wenn das so ist, dann solltest du dieses Merkmal nicht als Begründung dafür benutzen. Denn ist es nicht in jeder Demokratie – völlig unabhängig von Rechts/Links oder populistisch/unpopulistisch normal, daß das Staatsvolk sich gegen eine politische Elite wehrt, die sich vom Volk entfernt hat und einen Dreck um den Willen des Volkes schert? Und wäre das dann auch nicht-legitim und zwar im selben Sinne wie es der Rechtspopulismus wäre?

    „Der Politikstil des Rechtspopulismus konstituiert sich des Weiteren mithilfe des vielfach selbst inszenierten Skandals und mittels fortwährend propagierter Krisenerscheinungen.“

    Die Supermacht USA tut sowas in den letzten Jahrzehnten eigentlich dauernd und der Krieg gegen den Terror hat sich als langlebiges Mittel erwiesen, um Ängste zu schüren und Straftaten unter dem Deckmantel politischer Notwendigkeit zu begehen. Und ich denke nicht mal, daß das nur für die USA gilt. Alle Supermächte werden sich tendentiell so verhalten und das alles hat wenig mit Rechtspopulismus als vielmehr mit einem Propagandakrieg zu tun, der permanent gegen die universelle Supermacht der öffentlichen Meinung geführt wird.

    Die anderen Beispiele deines Textes sind analog.

    Mein Eindruck ist: Die von dir benutzte Literatur ist nicht so vorgegangen, daß sie sich unvoreingenommen gefragt haben, wie man Rechtspopulismus charakterisieren könnte, um danach mit dieser ergebnisoffenen Methode loszugehen und jeden Politiker auszumessen, ob er ein Rechtspopulist ist, sondern sie haben es genau umgekehrt nach der sog. Schweinetheorie gemacht. Sie haben sich das dreckigste Politschwein ausgeguckt, das sie finden konnten und ihm den Begriff des Rechtspopulismus maßgerecht auf sein politisches Handeln definiert.

    Und obwohl ich mit luisman ja sonst eher selten einer Meinung bin, muß ich ihm hier recht geben: Der ganze Text taugt nichts und ist tendenziös.

    • @ Elmar

      Du schreibst:

      „Ich würde nicht fragen, welche Merkmale bei x in der Realität vorkommen, sondern welche Merkmale x von jedem anderen y unterscheiden. Denn einerseits muß ich sicherstellen, daß es überhaupt x gibt. Und ich kann nur wissen, daß es x gibt, wenn ich etwas über x sagen kann, das ich nicht zugleich auch über ein anderes y sage. Und andererseits möchte ich ja x analysieren, d.h. ich möchte Gründe dafür angeben, worauf die x identifizierenden Eigenschaften zurückzuführen sind und wie genau sie in Abhängigkeit von was hervorgebracht werden.

      Wenn du das auch – so ganz abstrakt – für eine sinnvolle Strategie hälst, dann können wir jetzt mal deinen Text durchgehen und nachsehen, inwiefern er diese Strategie realisiert: Ich greife nur mal ein paar Beispiele heraus:“

      Das sehe ich in dieser Absolutheit nicht so wie Du. Du gehst davon aus, dass ein Merkmal entweder vorhanden oder nicht vorhanden ist. Und nur dann ein Unterschied überhaupt diskutiert werden kann. Wenn z.B. die Arbeiter 30% der Bevölkerung ausmachen und davon 55% der Arbeiter die Rechtspopulisten wählen, dann kann ich sagen, dass die Arbeiter überdurchschnittlich die Rechtspoulisten wählen und kann dann auch Gründe dafür angeben, weshalb das so ist. Nur sind die Gründe jeweils so vielfältig, dass ein Arbeiter aus dem gleichen Grund, wie einer die Rechtspopulisten wählt, eben gerade nicht die Rechtspopulisten wählt.
      Es gibt also Konvergenzen und Divergenzen bei einem Merkmal und nicht nur entweder oder oder.

      • @Mark

        „Das sehe ich in dieser Absolutheit nicht so wie Du.“

        Nein. Mit dieser sozialwissenschaftlichen Standardschwammigkeit kannst du mich nicht abspeisen. Und weil ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erwarte, daß dir das klar ist, sehe ich darin den ersten Anflug von Bösartigkeit. Ich kann übrigens auch denken, daß du nett sein willst. Dann aber bist du doof – ist deine Entscheidung. 😉

        Denn offenbar gibt es nicht mehr als drei Unsicherheiten bei der Verwendung von Prädikaten. Ich geb dir mal kritische Beispiele:

        „Ist der Mond bewohnt, wenn 2x im Jahr für 2 Monaten dort Teams von Astronauten arbeiten?“ (semantische Unschärfe)
        Schrödinger Katze (epistemische Unschärfe bei semantischer Trennschärfe)
        Einige, aber nicht alle Hunde sind so groß wie kleine Ponys. (modale Unschärfe bei bei semantischer Trennschärfe, i.e. Hunde lassen sich nicht durch ihre Größe charakterisieren, denn die schwankt in der Realität stark)

        Und dein Beispiel mit den Arbeitern realisiert keine dieser Unschärfen und ist daher nicht geeignet irgend eine Art des Fehlens von Absolutheit zu charakterisieren. Stattdessen geht dein Arbeiterbeispiele eigentlich an jedem wichtigen Punkt vorbei:

        „Wenn z.B. die Arbeiter 30% der Bevölkerung ausmachen und davon 55% der Arbeiter die Rechtspopulisten wählen“

        Na ja … die Frage war, woher wir wissen können, ob sie Rechtspopulisten wählen, wenn wir keine vernünftigen Kriterien haben, Rechtspopulisten zu erkennen.

        „dann kann ich sagen, dass die Arbeiter überdurchschnittlich die Rechtspoulisten wählen“

        Ja, aber charakerisiert nicht DIE Arbeiter, sondern es charakterisiert einen Arbeiter, rechtpopulistisch zu wählen, der rechtspopulistisch wählt und denjenigen Arbeiter nicht, der das nicht tut. Und – noch wichtiger – es charakterisiert den rechtspopulistisch wählenden nicht als Arbeiter. Insbesondere wählt kein Arbeiter z.B. zur Hälfte rechtspopulistisch und zur anderen nicht.

        Auch der Rechtspopulismus wird nicht dadurch charakterisiert, daß er von 55% der Arbeiter gewählt wird. Denn höchstens was die Arbeiter als Arbeiter charakterisiert – z.B. eine soziale Lage – charakterisiert den Rechtspopulismus und in der Lage können auch Nicht-Arbeiter sein.

        „und kann dann auch Gründe dafür angeben, weshalb das so ist. Nur sind die Gründe jeweils so vielfältig, dass“

        Ja, aber die Motive der Arbeiter sind was Psychologisches. Der Rechtspopulismus hingegen ist keine Person und daher hat er auch keine Psychologie. Stattdessen ist er – falls es ihn gibt – eine politische Position, deren Inhalt nicht mit dem Motiv zusammenfällt, aus dem er wählt wird. Wäre es anders, dann gäbe es soviele Rechtspopulismen wie es Motive gibt, ihn zu wählen und es würde durch die Wahl keinerlei Einigkeit und den rechtspopulistischen Wählern hergestellt werden. Doch das Gegenteil beobachten wird.

        „Es gibt also Konvergenzen und Divergenzen bei einem Merkmal und nicht nur entweder oder oder.“

        Aus dem, was du gesagt hast, kann man das offenbar nicht folgern. Auch sind die Begriffe „Konvergenz“ und „Divergenz“ hier völlig falsch gewählt, weil sich ihr linguistischer Sinn von einer Approximation herleitet. Ein näherungsweises Zukommen eines Prädikats zu einem Gegenstand – als pendant zur semantischen Unschärfe wie sie bei Farbprädikaten vorkommt – ist aber auf Wahrnehmungsprädikate beschränkt. Denn nur Wahrnehmungsprädikate sind primär zum Klassifizieren da, alle abstrakteren Prädikate wie z.B. „ist bewohnt“ sind vor allem zum Unterscheiden da – deshalb sie echte Fälle von Unentscheidbarkeit zeigen. Politische Einordnungen sind aber nicht auf dem Level der Wahrnehmungsprädikate angesiedelt, sondern sie sind abstrakt. Und damit gilt für sie: „Entweder-Oder“ oder „unbestimmt“ – nie aber „so ein bißchen.“.

        Sozialwissenschaftler machen das fast immer falsch – leider.

      • @Elmar

        Ich habe leider nicht immer diese Zeit, die ich bräuchte, um Dir wirklich tiefgreifend zu antworten. Aber ich werfe mal den Begriff „Idealtypus“ in die Runde und würde sagen, dass wir am ehesten mit diesem Begriff weiterkommen würden.
        https://de.wikipedia.org/wiki/Idealtypus

        Wie gesagt: Du stellst sicherlich gute und berechtigte Einwände auf, aber mir fehlt wirklich die Zeit, hier eingehend und tiefgreifend darauf einzugehen.

        Übrigens möchte ich ja ein paar Interviews machen mit Leuten, die sich mit Männerrechten befassen. Wenn Du Zeit und Lust hast, dass ich ein schriftliches Interview mit Dir führen kann, dann bitte melde Dich doch mal unter der folgenden E-Mail-Adresse:

        mark_smith@gmx.net

    • @Elmar

      Ich würde sagen, ich habe die wichtigste, mit wissenschaftlichem Anspruch versehene, deutschsprachige Literatur über Rechtspopulismus ausgewertet. Das sind ca. fünf Autoren, die im deutschsprachigen Raum immer wieder auftauchen und somit würde ich sagen, das, was ich hier bringe, ist zumindest in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur die Mehrheitsmeinung. 🙂 Das heisst natürlich nicht, dass sie nicht trotzdem tendenziös ist, aber das wäre eine andere Frage. 🙂

      • „Ich würde sagen, ich habe die wichtigste, mit wissenschaftlichem Anspruch versehene, deutschsprachige Literatur über Rechtspopulismus ausgewertet.“

        Das glaube ich. Aber das allein scheint uns nicht weiterzuhelfen bei der Frage, wie wir Rechtspopulismus erkennen oder bekämpfen können.

        „Das sind ca. fünf Autoren, die im deutschsprachigen Raum immer wieder auftauchen und somit würde ich sagen, das, was ich hier bringe, ist zumindest in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur die Mehrheitsmeinung.“

        Ich bin tief erschüttert – wirklich. Ich bin sicher, daß es gute Soziologen gibt und ich bin auch sicher, daß wir mit zunehmender, technologischer Entwicklung viel stärker auf ihre Arbeit angewiesen sein werden, als wir heute meinen.

        Aber was diese fünf zu bieten haben, ist … ähm …. nicht hinreichend.

      • Der Denkfehler, die bestätigenden Aspekte eher als die abgrenzenden Aspekte zu sehen ist menschlich sehr verbreitet.
        Insofern ist es nicht überraschend, sollten diese fünf Autoren diesem anfällig geworden sein.

        Gerade heute, wo die Grenzen zwischen Rinks und Lechts immer mehr verschwimmen – insbesondere auf methodischer Ebene – ist es vermutlich hilfrech immermehr auf die Abgrenzung zu achten.
        (Wobei natürlich das Konzept „alle in einen Sack und ordentlich drauf“ durchaus auch adäquat sein könnte)

        Den einzigen Unterschied den ich aktuell noch zwischen Links’außen‘ und Rechts’außen‘ sehe ist, dass zweitere ganz konsequent jährlich Menschen ermorden.
        (Könnte aber auch daran liegen, dass erstere dazu kognitiv zu sehr herausgefordert sind)

  • @ Mark

    Ein stets wiederkehrendes Motiv bei kritischen Anmerkungen zu deiner (m.E. lesenswerten und interessanten) Artikelreihe zum Rechtspopulismus scheint das Fehlen eines systematischen Vergleichs von Rechtspopulismus und anderen Formen des Populismus zu sein.
    Wie wäre es mit einem eigenen Artikel dazu am Ende der Reihe?
    (Bei Karin Priester, auf die du dich manchmal beziehst, gibt es ja z.B. solche Vergleiche.)

    • @Leszek

      Klar, könnte man machen, muss ich mir überlegen! 🙂 Ich finde den Linkspopulismus eben in Europa nicht sooo wahnsinnig relevant. Am ausgeprägtesten findet man ihn in Südamerika und hier natürlich der verstorbene Hugo Chavez.

      • „Ich finde den Linkspopulismus eben in Europa nicht sooo wahnsinnig relevant.“

        Nur mal zur Sicherheit nachgefragt:

        Du würdest diejenigen, die wir heute als Neo-Linke, regressive Linke oder postmoderne Linke klassifizieren, nicht als Populisten einstufen?

  • Servus TV in Österreich hat sich getraut, einen Vertreter der Neuen Rechten (Martin Lichtmesz) zu einer Talkshow über Trump einzuladen.

    Am unangenehmsten fand ich dabei tatsächlich den als »Publizist und Philosoph« angekündigten Wolfram Eilenberger, der ziemlich angepisst war, dass er mit »so einem wie« Lichtmesz in derselben Runde sitzen musste und dessen Diskussionsverhalten (m. E. erwartbar) darin bestand, Analysen, die auf den eigentlichen Rechtsradikalismus im engeren Sinne durchaus zutreffen, mit großer Geste von oben herab auf ein viel weiteres Feld der Rechten (also den »Rechtskonservatismus«) auszudehnen – eine typische Denunziationsstrategie.

    In derselben Runde saß auch ein FPÖ-Vertreter, der recht abgebrüht und souverän aufgetreten ist, während Lichtmesz (Ende Zwanzig) auf mich noch ein bißchen wie ein aufgeregter Primaner gewirkt hat.

  • Noch in Hinweis:

    https://jungsundmaedchen.wordpress.com/2017/02/20/neuer-mausfeld-vortrag-die-angst-der-machteliten-vor-dem-volk/

    Mausfeld charakterisiert etwa ab 50:40min den Rechtpopulismus als Verklammerungsbegriff, als rethorisches Mittel der Eliten, um eine Kritik des Populismus an den Eliten von vornherein zum Geistigen Sperrgebiet zu machen.

    Sowas in der Art habe ich auf diesem blog ja schon vor einiger Zeit vermutet.

    Wie auch immer – sollte das der Fall sein, dann wäre es nicht verwundertlich, daß unsere 5 Autoren sich vergeblich bemühen.

    • @ Elmar
      Wie alle Vorwürfe, kann selbstverständlich auch der Vorwurf des Populismus ein Kampfbegriff bzw. ein Herrschaftsinstrument sein. Ich verweise untenstehend auf Moshe Zuckermann.
      Noch kurz zu Mausfeld: Ich finde, Mausfeld ist sicherlich ein sehr kritischer Kopf und liegt vermutlich in vielen Dingen richtig. Nur denkt mir Mausfeld zu fest finalistisch bzw. intentional, das mag damit zusammenhängen, dass er ja Kognitionspsychologe ist. Er ist mir aber eben auch zu wenig „dialektisch“, wenn Du dann untenstehend Zuckermann siehst, dann zeigt dieser eben schön diese Dialektik auf: Antisemitismus als Übel und Vorwurf des Antisemitismus als Herrschaftsinstrument.
      Noch einmal zu Mausfeld: Mausfeld befürwortet ja die Elitenkritik, nur ist hier m.E. doch wieder das Problem, dass er die Strukturen vergisst und quasi personalisiert. Für ihn müssen ja quasi nicht die Strukturen geändert werden, sondern die Eliten sind beim ihm wahrscheinlich moralisch korrupt. Nur werden wir die Eliten austauschen können, die werden schnell wieder so, wie die alten Eliten. Es liegt also doch zumindest in einem grossen Teil auch an den Strukturen.

      Antisemit!: Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument
      Antisemitismus ist eine der verruchtesten Formen moderner Ideologien. Diese Behauptung bedarf heutzutage keines Nachweises mehr, zu katastrophal waren seine Auswirkungen, als dass sie in Abrede gestellt werden könnte. Die Ächtung von Antisemitismus ist ohne jeden Zweifel eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Problematisch und kontraproduktiv wird es dort, wo ein vermeintlich kritischer Diskurs in herrschaftliches Bekenntnis umschlägt, wo Anti-Antisemitismus politisch missbraucht wird, wo sich eine vermeintlich kritisch auftretende Rezeption als ideologisch entpuppt.
      Moshe Zuckermann wagt eine Analyse dieser Entwicklung. Für ihn steht fest, dass die Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs als Parole im vermeintlichen Kampf gegen Antisemitismus „in eine fürchterliche Epidemie umgeschlagen ist.“ Längst schon sei sie zum Totschlag-Ideologem eines durch und durch fremdbestimmten Anspruchs auf politisch-moralische Gutmenschlichkeit geronnen. Ob man diese Epidemie heilen kann, wird sich erst erweisen müssen. Dass man sie erklären muss, scheint dringlicher denn je.
      https://www.amazon.de/Antisemit-Ein-Vorwurf-als-Herrschaftsinstrument/dp/3853713181

      • Tut mir leid, da konnte ich nicht folgen:

        „Nur denkt mir Mausfeld zu fest finalistisch bzw. intentional, das mag damit zusammenhängen, dass er ja Kognitionspsychologe ist. Er ist mir aber eben auch zu wenig „dialektisch“,“

        Kommt mir seltsam vor: Weder verstehe ich die Worte, noch scheint es mir einen in sich selbst richtigen Denkstil zu geben.

        Den Zusammenhang mit dem Antisemitismus sehe ich auch gar nicht. Bitte noch einmal einfacher und zum Mitschreiben erklären. 😉

  • @Elmar

    Ich meine eigentlich nicht den Denkstil von Mausfeld selbst, sondern, wie er denkt, dass die Welt funktioniert. Entweder funktioniert die Welt materialistisch/mechanistisch, der Mensch ist somit Träger der Struktur und wird durch diese voll determiniert oder die Welt funktioniert nach einem Finalismus, der Mensch setzt sich Zwecke und Ziele und quasi jegliche Erscheinung der sozialen Welt ist durch rationale Zwecksetzung des Menschen verursacht. Ich denke, Mausfeld präferiert vor allem ein finalistisches Weltbild, es kommt immer die Frage auf: Cui bono. Er kann sich nicht vorstellen, dass es eben auch Strukturdynamiken gibt, die selbstverständlich von intentionalen und nichtintentionalen Handlungen in Gang gesetzt werden, aber schlussendlich zu Strukturen führen, die niemand so gewollt hat.

    Der Finalismus kann leicht in verschörungstheoretisches Denken führen, weil jegliche Erscheinung der sozialen Welt nur noch als intentional intressengleitet angeschaut wird und quasi „dunkle“ Mächte (Strippenzieher, die man nicht sieht, aber quasi alles lenken können durch ihre Macht) verursacht sind.

    • Okeeeeeee …. also: Mausfeld denkt jetzt zu finalistisch, d.h. wir sind deiner Meinung nach „determinierter“ als es uns Mausfeld glauben machen will, weil es Strukturen gibt, und er denkt zu wenig dialektisch und ein Beispiel für bessere Dialektik wäre „Antisemitismus als Übel und Vorwurf des Antisemitismus als Herrschaftsinstrument.“ – was vermutlich diese Strukturen im Beispiel ausleuchtet. Richtig verstanden?

      Die Strukturen, mit denen ich so zu tun habe, sind entweder physikalisch oder begrifflich. Vermutlich meinst du keines von beidem. Wie könnte man sich die Wechselwirkung von Personen mit den von dir angenommenen Strukturen vorstellen?

      • @Elmar

        Ich mache es mir jetzt ein bisschen einfach: Ich meine Transintentionalitäten des Sozialen und verweise einmal auf folgendes Buch:

        „Gegenstand des Buches sind die „nicht-intendierten Folgen“ von Kommunikationsverkettungen und Handlungsinterferenzen, die gleichsam „hinter dem Rücken“ der Akteure maßgebliche Auswirkungen auf soziale Ereignisse und Strukturen haben.“

        https://books.google.ch/books/about/Die_Transintentionalität_des_Sozialen.html?id=gL8R7FXcDRQC&redir_esc=y

        • Nee, nee, nee …. „Kommunikationsverkettungen und Handlungsinterferenzen“ … das ist eine Sache der Gründe, um zu handeln. Daraus ergeben aber so lange keine Strukturen, bis gezeigt ist, daß diese Gründe entweder in irgendeinem Sinne unhintergehbar sind oder in dem Sinne zwingend sind, als sie zu ignorieren zugleich allgemeine Rationalitätsprinzipien verletzen würde.

          Und “ gleichsam “hinter dem Rücken” der Akteure maßgebliche Auswirkungen auf soziale Ereignisse und Strukturen haben.“ läßt offen, wie die Natur dieser Auswirkungen vermittelt wird, wie sie beschaffen ist.

          Ok, ich kann natürlich das Buch lesen. Vielleicht hiflt mir das weiter.

        • Moment mal …. in der Einleitung zu dem Buch heißt es:

          „Für die vierte und vorerst letzte Kränkung – dass die Folgen des Handelns vom Handelnden nicht vollkommen kalkuliert werden
          können – gibt es nicht den einen großen Namen, der mit ihr verknüpft ist; vielleicht weil immer schon der ganz unmittelbare Augenschein zwingend vermittelt hat, wie
          wenig wir beim Handeln wissen, wohin es fUhrt. Wir wollen uns in diesem Band allein mit der letzten Kränkung beschäftigen.“

          Und die Stukturen, von denen hier geredet wird haben, damit zu tun? Versteh ich das richtig?

      • @Elmar
        Nein! Es ging jetzt hier mehr um Mausfeld! Ich habe bei ihm den Eindruck, dass er denkt, alles, was in der sozialen Welt geschieht, sei quasi intentional bedingt: Also die Eliten haben die Macht und deshalb führt ihr intentionales Handeln dazu, dass die Medien die Menschen manipulieren oder indoktrinieren etc. Bei ihm habe ich den Eindruck, dass er jegliches Ereignis oder jegliche Folgen auf intentionale Akteure (vor allem) Eliten zurückführt. Mir ist im Zusammenhang von Mausfeld bei Facebook aufgefallen, dass die Leute, die Mausfeld toll finden, quasi alles und jedes als Verschwörung sehen und hinter jedem Terroranschlag vermuten, dass dies nur eine Fals-Flag Aktion war, wie natürlich auch 9/11 etc., usw., usf. eine Fals-Flag-Aktion war. Das heisst: Kritisches Denken kann schnell einmal in verschwörungstheoretisches Denken umschlagen, wenn man denkt, dass soziale Phänomene nur aufgrund intentionaler Handlungen zustandekommen.

      • „Bei ihm habe ich den Eindruck, dass er jegliches Ereignis oder jegliche Folgen auf intentionale Akteure (vor allem) Eliten zurückführt.“

        Aber das ist nicht wirklich seine Entscheidung. Dafür gibt es empirische Belege, die Debatten in Foreign Policy, dem WSJ, die Rezeption des Exceptionalismus in der amerikanischen Forschungslandschaft. Das alles ist keine rationale Rekontruktion und es geht dabei auch nicht um Interpretationsspielräume.

        „Mir ist im Zusammenhang von Mausfeld bei Facebook aufgefallen, dass die Leute, die Mausfeld toll finden, quasi alles und jedes als Verschwörung sehen“

        … weil sie versuchen auf rationalem Weg eine Alternativerklärung zu konstruieren. Aber die Belege sind dünn und in der Regel versuchen sie auch nicht, welche zu finden.

        „Das heisst: Kritisches Denken kann schnell einmal in verschwörungstheoretisches Denken umschlagen, wenn man denkt, dass soziale Phänomene nur aufgrund intentionaler Handlungen zustandekommen.“

        Wenn man „rationale Rekonstruktion“ und „induktiv belegte Schlußfolgerungen“ auseinanderhält, dann man man deine Schlußfolgerung in keiner Weise ziehen.

      • @ Mark & Elmar

        „Das heisst: Kritisches Denken kann schnell einmal in verschwörungstheoretisches Denken umschlagen, wenn man denkt, dass soziale Phänomene nur aufgrund intentionaler Handlungen zustandekommen.“

        Sicher. Ob dies bei Mausfeld aber der Fall ist, sei mal dahingestellt, ich habe ihn bisher nicht so verstanden.

        Um das Verhältnis von gesellschaftlichen Strukturen einerseits und konkreten personalen Herrschaftsakteuren andererseits fundierter und genauer zu bestimmen, ist ja die sozialwissenschaftliche Elitenforschung wichtig.

        Bezüglich der aktuellen ökonomischen und politischen Herrschaftseliten hat z.B. die elitesoziologische Strömung der Power Structure Research (Herrschaftsstruktur-Forschung) – die sich ideengeschichtlich wesentlich ausgehend von Werken des Soziologen C. Wright Mills und des Politikwissenschaftlers Franz Neumann (letzterer gehörte zur Frankfurter Schule) entwickelt hat – wichtige Beiträge geleistet:

        https://de.wikipedia.org/wiki/Power_Structure_Research

        In Deutschland hatte z.B. der leider kürzlich verstorbene Elitesoziologe Hans Jürgen Krysmanski zu diesem Thema gearbeitet, ich hatte ja auf „Alles Evolution“ hin und wieder Texte von ihm verlinkt, z.B. diese hier:

        https://web.archive.org/web/20091230054148/http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31762/1.html

        https://www.heise.de/tp/features/Ueber-die-Identitaet-der-Glaeubiger-des-Schuldners-Staat-wird-nie-gesprochen-3383849.html

        https://www.heise.de/tp/features/Die-Geldelite-verselbstaendigt-sich-3396191.html

        Auch der US-amerikanische Sprach- und Sozialwissenschaftler Noam Chomsky hat Beiträge zur Power Structure Research geleistet.

        Nun ist gerade aktuell ein Sammelband mehrerer deutschsprachiger Elitesoziologen zum Thema Power Structure Research erschienen – ich habe mir das Buch vor ein paar Tagen gekauft und lese es gerade – und ich wollte die Gelegenheit nutzen um an dieser Stelle darauf hinzuweisen, falls euch (oder andere Leser) das Thema vielleicht interessiert:

        Björn Wendt / Marcus B. Klöckner / Sascha Pommrenke / Michael Walter (Hrsg.) –
        Wie Eliten Macht organisieren, Bilderberg & Co.: Lobbying, Think Tanks und Mediennetzwerke

        http://www.thalia.de/shop/home/suche/?sq=wie+eliten+macht+organisieren&sswg=ANY&timestamp=1489145661470

        Das Buch bietet in mehreren Kapitel von verschiedenen Autoren sowohl eine Einführung in die Geschichte als auch in aktuelle Forschungsergebnisse und Theorien der Elitesoziologie in der Tradition der Power Structure Research, (Hans Jürgen Krysmanski hatte noch das Geleitwort für das Buch geschrieben).

        Das Buch ist aufgeteilt in 4 Hauptteile mit jeweils mehreren Artikeln zu folgenden Oberthemen:

        Soziologie der Machteliten: 60 Jahre »The Power Elite«
        Wie Eliten Herrschaft reproduzieren: Die Struktur der (symbolischen) Machtungleichgewichte
        Wie Eliten Macht organisieren: Bilderberg und Co. – Elitenzirkel, Thinktanks, Lobbying
        Wie Eliten und Journalisten Politik machen: Medienmacht und Demokratie

        Das Inhaltsverzeichnis kann hier eingesehen werden:

        http://www.vsa-verlag.de/uploads/media/www.vsa-verlag.de-Wendt-ua-Wie-Eliten-Macht-organisieren.pdf

      • @ Leszek

        Danke für den Buchtipp – werde ich mir kaufen!

        Habe in den letzten Wochen mal zwei Bücher von Michael Hartmann gelesen. So zur Einführung für die Eliteforschung finde ich die auch nicht schlecht.

        https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Hartmann_(Soziologe)

        Zu Mausfeld: Ja, er hat schon gute Sachen, auf der anderen Seite finde ich es immer ein bisschen merkwürdig, dass wirklich sehr viele Verschwörungsfreaks auf ihn abfahren. Da habe ich dann eben immer den Eindruck, dass die Strukturen zuwenig behandelt werden, wenn das so viele Verschwörungsfreaks anzieht.

        Möchte aber hier auf man tau mal noch etwas machen über die Verschwörungsfreaks (also Daniele Ganser etc.).

Leave a Comment