Familie

Erwachsene: Lasst endlich die Kinder in Ruhe….

Bild zeigt ein Buch mit junger Frau auf dem Cover
geschrieben von: Lucas Schoppe

…und hört ihnen stattdessen ab und zu einmal zu

Am 3. März veröffentlichte ein Nutzer bei Twitter ein Foto von einer Geschichte aus einem Deutschbuch für die zweite Klasse – mit dem Kommentar, dadurch sei sein „Glaube an die Menschheit wieder hergestellt“ worden. Heute, nicht einmal zwei ganze Tage später, hat der Tweet über 6600 Likes erhalten und wurde sogar Grundlage eines Artikels in der Huffington Post. Dort findet sich auch der vollständige Text.

glaube-an-die-menschheit

Ich habe bei Twitter ein paar Mal versucht zu beschreiben, warum ich die Geschichte überhaupt nicht schön, sondern kitschig und autoritär finde. Allerdings unterstützt sie ein Familienbild, das nach gängiger politischer Sitzordnung als progressiv gilt – daher hatten wohl einige Mitdiskutanten den Eindruck, ich würde sie kritisieren, weil mir ein konservatives Bild lieber wäre.

Tatsächlich aber geht es um etwas ganz anderes, nämlich um ein herablassendes und seltsam gefühlloses Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern, das sowohl einen progressiven wie einen konservativen Hintergrund haben kann – und das Kindern in keinem Fall gerecht wird.

 

Fabian vermisst seine Mutter – und muss verstehen, dass er damit falsch liegt

Da die Mutter bis zum Freitag verreist ist, erzählt der kleine Fabian am Frühstückstisch traurig, dass sein Vater, die Schwester Franziska und er „gar keine richtige Familie mehr“ seien. Franziska aber berichtet von einem Mädchen, das nur noch einen Vater und keine Mutter mehr habe – und der Vater der Kinder macht schnell deutlich, das auch das eine „ganz richtige Familie“ sei.

boys-tears

Ist das nun klischeehaft, empowernd oder einfach bescheuert? Ein rosafarbenes Mädchenshirt einer Marke, die sich politisch progressiv gibt und die ausgerechnet Lookhuman heißt.

Die Kinder erzählen dann noch von einem Jungen mit „zwei Mamas“, von Kindern mit „zwei Mamas und zwei Papas“, einem Jungen, der „eine Mama und eine Oma“ hat, und von zwei Kindern, die gar keine Eltern mehr hätten und bei den Großeltern lebten.

„’Ist das eine richtige Familie?’, fragt Fabian.
‚Aber ja’, antwortet Papa.
‚Alle, die sich lieb haben
und füreinander sorgen, sind eine Familie.’“

So endet die Geschichte, die damit beginnt, dass ein Junge seine Mutter vermisst – und die darin ausläuft, dass der Vater eine allgemeine Definition des Begriffs „Familie“ liefert. Warum sollte jemand an einer solchen Geschichte etwas auszusetzen haben – wenn er denn nicht auf einem konservativen Familienbild besteht, nach dem ausschließlich die Konstellation Vater-Mutter-Kinder eine Familie bilden könne?

Mir fielen die Geschichte und die vielen begeisterten Kommentare dazu auf, weil ich den Eindruck hatte, dass sich darin allgemeine Schwierigkeiten des Umgangs Erwachsener mit Kindern zeigen.

Offenbar merkt beispielsweise keiner der begeisterten Leser, dass der Junge traurig ist, seine Mutter vermisst – und dass diese Gefühle für den Rest des Textes überhaupt keine Rolle mehr spielen, obwohl sie die ganze Geschichte überhaupt erst motivieren. Dass Fabian findet, seine Schwester, sein Vater und er seien gar keine richtige Familie mehr, wird ganz selbstverständlich nicht als Ausdruck seiner Trauer gewertet – sondern als Statement für ein konservatives Familienbild, das im Rest des Textes korrigiert werden müsse.

Damit aber sind Erwachsene – der Vater in der Geschichte ebenso wie die begeisterten Leser – ganz in ihren eigenen, politischen Angelegenheiten vertüdelt und nehmen den Jungen faktisch nicht mehr wahr, und ohne es überhaupt zu merken, dass sie ihn nicht wahrnehmen.

pro-feminism

Wer schon einmal nebenbei, und sei es nur für fünf Minuten, etwas von Familiensystemen gehört hat, der weiß auch: Aus einem System kann kein wichtiger Aspekt entfernt werden, ohne dass die gesamte Struktur des Systems aus dem Gleichgewicht gerät und sich ändern muss. Dasselbe gilt, wenn ein Teil hinzugefügt wird – es wird nicht einfach angedockt, sondern strukturiert das gesamte System neu. Familien, die ein zweites oder drittes Kind bekommen haben, könnten darüber viel erzählen.

Wer also glaubt, Systeme ließen sich beliebig neu- und umdefinieren, dem fehlt der Sinn für wesentliche Strukturen des Lebens und des Zusammenlebens. Der kleine Fabian drückt hier eben einfach nur aus, dass er die Mutter vermisst – der Lesebuchtext aber geht mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit darüber hinweg und erweckt den Eindruck, die Trauer würde lediglich aus einer unvorteilhaften familienpolitischen Überzeugung des Kleinen resultieren.

So gefühllos könnten Erwachsene natürlich auch aus einer konservativen Position heraus agieren. Wer zum Beispiel davon überzeugt ist, dass homosexuelle Männer keine guten Väter oder lesbische Frauen keine guten Mütter sein können – der wird sich möglicherweise ebenso politisch borniert über die Bedeutung hinwegsetzen, die Eltern für ein Kind haben.

Das wird nur noch deutlicher angesichts der Tatsache, dass die fehlenden Eltern bei den meisten der genannten Kinder ja nicht nur bis zum kommenden Freitag verreist, sondern möglicherweise tot sind oder die Familien verlassen haben. Eben das ist den begeisterten erwachsenen Lesern auch ganz bewusst – ginge es hier tatsächlich ganz allgemein nur um eine kurze Abwesenheit der Mutter, dann müssten daran schließlich keine Grundsatzfragen zu Familienmodellen diskutiert werden.

Wie aber sähe der Text aus, wenn die Mutter nicht nur bis zum Freitag verreist wäre?

„Es ist so schlimm, dass Mama tot ist!“ – „Ach, macht doch nix. Sind wir halt eine Ein-Elter-Familie.“

Damit, dass der Junge im Text seine Trauer ausdrückt, wird er zum bloßen Stichwortgeber für politische Stellungnahmen Erwachsener, die für ihn vermutlich ganz irrelevant sind – sie bringen ihm die Mutter ja nicht zurück. Tatsächlich ist dieser Text gar nicht für Kinder geschrieben, sondern dient der Selbstberuhigung Erwachsener. Er steht zwar in einem Lesebuch für Grundschulen – aber es ist ein Text, in dem sich Erwachsene über die Köpfe von Kindern hinweg miteinander verständigen.

 

Zaunpfähle in blau und rosa – oder umgekehrt

Ebenfalls am 3. März berichtete der Spiegel über die Verleihung des „Goldenen Zaunpfahl“ 2017, mit dem „das Produkt oder die Werbung, die am schlimmsten mit Geschlechterklischees spielt“, gekürt werden. In der Jury für diesen „Negativpreis für Sexismus“ sitzt ironischerweise unter anderem die Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski, die in ihren wöchentlichen Texten regelmäßig viel Erfahrung mit der Produktion von Geschlechterklischees sammelt.

In diesem Jahr wird der Klett-Verlag mit dem Goldenen Zaunpfahl ausgezeichnet – für Geschichten zum Lesenlernen, die sich in einer Version an Jungen, in einer anderen Version an Mädchen richten.

Tatsächlich sind die Bücher enorm klischeehaft aufgemacht. Das Jungenbuch ist in blau gehalten und zeigt einen Polizisten, Piraten und einen Außerirdischen auf dem Titel – das Mädchenbuch benutzt statt blau rosa und zeigt eine Prinzessin im rosa Kleid, dazu natürlich ein Pferd und einige andere Tiere sowie aus nicht so recht ersichtlichen Gründen einen rosafarbenen Mixer.

Die Bloggerin und Autorin Antje Schrupp schreibt zum Goldenen Zaunpfahl in der Zeit in ihrem Artikel Gegen den Geschlechterblödsinn:

„Wir sollten das zugeben: Indem wir Gendermarketing tolerieren, zementieren wir Rollen, behindern wir Kinder in ihrer freien Entfaltung. Wir machen es ihnen schwer, zu ihren eigenen, individuellen Vorlieben und Stärken zu finden, indem wir sie schon als Babys darauf trimmen, dass sie als Mädchen dies und als Jungen das zu wollen hätten. Und dafür gibt es eigentlich nur eine logische Erklärung: dass es uns letztlich egal ist. Unsere Kinder sind uns egal. Wir legen keinen Wert darauf, dass sie ihre persönlichen Vorlieben frei und offen herausfinden.“ 

Ich finde es absolut bedenkenswert, was Schrupp hier schreibt, und erkläre auch gleich, wieso ich das finde. Vorher aber muss ich noch eine Verwirrung loswerden. Eben diese Antje Schrupp ist eine der einflussreichsten Differenzfeministinnen des Landes, sie arbeitet sich in ihren Texten ab an Unterschieden zwischen Männern und Frauen und tritt auch schon mal dafür ein, dass Rechte – sogar Menschenrechte – geschlechtsspezifisch unterschiedlich zugeteilt werden sollten. Warum ist nun ausgerechnet sie gegen den „Geschlechterblödsinn“?

Zum Vergleich ein ganz anderes Beispiel von „Gendermarketing“ – eine „Weltgeschichte für Leserinnen“, ebenfalls zufällig am 3. März dieses Jahres erschienen.

leserinnen

Das Geschichtsbuch richtet sich ausdrücklich an Mädchen und hat das Ziel, die Weltgeschichte „um all ihre vergessenen Heldinnen“ zu ergänzen. Warum das für Jungen uninteressant sein sollte, weiß ich auch nicht.

Auch dieses Buch benutzt Geschlechterklischees, dreht sie nur um: Es ist in blau gehalten, und Frauen erscheinen hier als aktiv und heldenhaft, nicht als passive Damsels in Distress. Ist das nun ein positives Gegenbeispiel gegen die Bücher aus dem Klett-Verlag, weil es zwar auch Geschlechterklischees verwendet, aber auf die richtige Weise?

Gerade eine feministisch inspirierte Politik sortiert die soziale Wirklichkeit entlang von Geschlechterkategorien – sei es in der Besetzung von Gleichstellungsbeauftragten, in Quotenregelungen oder in der geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Zuteilung basaler Rechte.

Das reicht unerschrocken bis ins Deppert-Kuriose. Wer als Mann bei Veranstaltungen der Grünen ein Rederecht erhalten möchte, gerät manchmal in die Situation, erst einmal eine Frau finden zu müssen, die pro forma einen kleinen Satz sagt – weil er als Mann nämlich kein Rederecht hat, wenn nicht ebenso viele Frauen wie Männer sprechen.

Bild zeigt ein T-Shirt

Befürworter des Gender Mainstreaming betrachten Geschlechterkategorien auch schon einmal als „omnirelevant“, was diesen Kategorien bei Licht betrachtet eine Stellung verleiht, die früher allein Gott vorbehalten war: Worum es auch immer geht, es ginge immer zugleich auch um Geschlechterkategorien.

Die Gender Forschung hätte große Schwierigkeiten, öffentliche Mittel zu akquirieren, wenn sie nicht in den Parteien viele Akteure vorfände, die an eben diese „Omnirelevanz“ von Geschlechterkategorien glauben.

Wer aber gewohnheitsmäßig die soziale, politische, ökonomische, wissenschaftliche und juristische Welt nach Geschlechtern sortiert – der muss eben damit leben, dass früher oder später auch andere politische Akteure auf diese Sortierung zurückgreifen, sie aber anders interpretieren. Das Problem der Jury, die den Goldenen Zaunpfahl zuteilt, ist nicht die Verwendung von Geschlechterklischees – sondern dass es in ihren Augen des falschen Geschlechterklischees sind, die verwendet werden.

So ist denn das Gender Marketing nicht etwa ein Backlash gegen Gender Mainstreaming, Gender-Feminismus und Gender Studies, sondern ein Teil derselben Familie. Gleichsam ein ungezogener Verwandter, der nie so recht einsehen möchte, worum es der Familie eigentlich geht.

 

Autoritär von rechts und links

Einengend für Kinder können aber alle diese Richtungen sein. Ein Vater beispielsweise berichtet schuldbewusst darüber, dass er in seiner Erziehung seiner Tochter gegenüber versagt habe, weil sie gern mit rosafarbenem Spielzeug spiele. Als ob sie damit etwas Schlimmes täte.

Wissenschaftlerinnen der Fachhochschule Erfurt entwickeln aus öffentlichen Mittel  und mit einer studentischen Gruppe zusammen ein Computerprogramm für Schulen, in dem Jungen lernen sollen, dass sie in ihren traditionellen Rollen grundsätzlich respektlos, gewalttätig, aggressiv und dominant wären. Natürlich ist das Programm dann gern beim Umlernen behilflich.

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Die offenkundigen schulischen Nachteile von Jungen werden durch einige gendergeübte Wissenschaftler pauschal mit typisch männlichem, aber in der Schule deplatziertem Dominanzverhalten wegerklärt.

Auch solche Positionen engen Kinder ein. Unser Sohn beispielsweise erklärt ausdauernd schon seit Jahren, dass die Farbe rosa seine Lieblingsfarbe wäre – gefolgt von der Farbe lila. Dass ihm ab und zu einmal ein Klassenkamerad gesagt hat, rosa sei eigentlich keine Jungenfarbe, interessiert ihn nicht. Wenn ich ihn frage, ob er lieber ein grünes Drachenbad oder eher ein rosafarbenes Prinzessinnenbad hätte, bevorzugt er mal das eine, mal das andere.

Er hat aber auch lange und mit enormer Begeisterung Fußball gespielt. Als wir einmal ein Buch gelesen haben, in dem – politisch korrekt – etwa die Hälfte der Kinder im Fußballverein Mädchen sind, bemängelte er sofort, dass das nicht stimmen würde. Auch dort, wo Jungen und Mädchen noch zusammen spielen, ist nämlich nur ungefähr jedes zwanzigste Kind weiblich.

Mittlerweile spielt er Schach, und zwar so gut, dass ich kaum noch eine Chance gegen ihn habe. Aber natürlich merkt auch er bei Tournieren und Meisterschaften, dass Schach weitgehend eine Jungen- und Männerangelegenheit ist. Warum auch immer.

Es wäre falsch, ihn in der einen oder anderen Richtung zu begrenzen. Ob er nun Klischees erfüllt oder Klischees konterkariert – er muss sich in einer Erwachsenenwelt orientieren, die es ihm nicht leichter macht, wenn sie ihm dabei willkürlich Möglichkeiten verweigert.

Allerdings sind Kinder – das merke ich vor allem als Lehrer – tendenziell konservativ, und das mit gutem Grund. Schließlich sind sie existenziell von Erwachsenen abhängig und darauf angewiesen, dass diese Erwachsenen eine zumindest halbwegs stabile Ordnung in ihrem Leben gefunden haben. Sie sind insbesondere davon abhängig, dass diese Erwachsenen sich zumindest grundsätzlich darüber bewusst sind, welche Konsequenzen ihre Entscheidungen für ihre Kinder haben.

Es wird Kindern nicht gerecht, wenn stattdessen Erwachsene progressiver oder konservativer Überzeugungen Kinder nach ihrem politischen Bilde formen wollen. Anstatt Kindern zuzuhören und ihre Situation zu realisieren, leben Erwachsene damit ihre eigenen Kämpfe, ihre Borniertheiten und Orientierungslosigkeiten an ihren Kindern aus.

Natürlich sind Erwachsene – wie in der eingangs zitierten Geschichte – immer in der Situation, damit das letzte Wort haben zu können. Die Fragen von Kindern aber sind damit noch lange nicht beantwortet. Ob nun in progressiver oder konservativer Version, ist diese Haltung vor allem – autoritär.

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24 Comments

  • Top, wie immer. Stimmt, es geht überhaupt nicht um die Gefühle des Jungen. Insofern vielleicht empirisch korrekt: Da zeichnet sich der Empathy-Gap schon ab. Wer weiß, vielleicht war es kein Zufall, dass die Autoren die Rolle des traurigen Kindes einem Jungen zugewiesen haben. Dessen Gefühle lassen sich einfach besser ignorieren.

    Eine formelle Anmerkung noch:

    „Tatsächlich aber geht es um etwas ganz anderes, nämlich um ein herablassendes und seltsam gefühlloses Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern, das sowohl einen progressiven wie einen konservativen Hintergrund haben kann – und das Kindern in KEINEM Fall NICHT gerecht wird.“

    Ich nehme an, diese doppelte Verneinung war nicht gewollt, oder?

  • Wie bereits erwähnt halte ich Deine Interpretation für fragwürdig. Ich finde die Debatte am Frühstückstisch erfrischend und hätte sie als Vater vmtl ähnlich geführt. Niemand spricht Fabian ab seine Mutter zu vermissen. Aber es ist gut, dass er etwas über das Leben lernt, das über seine eigenen Emotionen und Befindlichkeiten hinausgeht.

    • Der Junge lernt durch den Vater vor allem, dass seine Gefühle nichts wert sind. Was hindert den Vater denn daran, einfach anzuerkennen, dass für den Jungen die Familie ohne Mutter unvollständig ist – außer seiner eigenen väterlichen Borniertheit? Ist doch nichts Schlimmes – und steht überhaupt nicht im Widerspruch zu anderen Familienmodellen.

      • Der Junge lernt durch den Vater, dass sein Familienbild einseitig ist. Der Junge ist an dieser Stelle wohl eher der Bornierte oder besser Unwissende, in seiner eigenen Welt Gefangene.

      • Im übrigen sind es die Kinder, die hauptsächlich diskutieren. Die Schwester fängt an. Fabian steigt mit ein. Zählt Familien auf.
        Deine Interpretation, der Vater würde dem Jungen eine Meinung diktieren, ist daher sehr weit hergeholt.

      • @Adrian

        Zuerst aber Lob an Lucas für den schönen Artikel! 🙂

        Ein Lesebuch für Kinder ist ein von Erwachsenen „gescriptete“ Realität, nicht das Abbild dieser oder ihrer Realität. Die Rollenverteilung nach Geschlecht in einem solchen Script ist kein Zufall, sondern Produkt eines Autors, einer Autorin.
        In dieser Verteilung drückt sich das geschlechtliche Selbstverständnis des Autors, der Autorin aus, sein/ihr politisches Weltbild etc. aus.
        Das Einverständnis der Leser und Leserinnen mit der Botschaft des Textes beruht auf ihren eigenen Geschlechterstereotypen, die der Autor/die Autorin natürlich voraussetzt.

        Woran hakt also die Formulierung, die das Einverständnis der Leser mit dem Text m.E. prima ausdrückt: „Aber es ist gut, dass er etwas über das Leben lernt, das über seine eigenen Emotionen und Befindlichkeiten hinausgeht.“?

        Geschlecht getauscht:

        „Aber es ist gut, dass SIE etwas über das Leben lernt, das über IHRE eigenen Emotionen und Befindlichkeiten hinausgeht.“ klingt in diesem Kontext ausgesprochen unsensibel.

        Weil hier offensichtlich die Tochter Adressat der Botschaft ist, die eigenen Emotionen und Befindlichkeiten nicht so wichtig zu nehmen.
        Eine solche Ansprache hätte die Leser und Leserinnen nicht erfreut, weil es den Fokus vom Ziel auf die eingesetzten Mittel zur Erreichung des Ziels lenkt und ihnen klar geworden wäre, dass diese einem Kind nicht angemessen sind.

        Die kindliche emotionale Befindlichkeit als Ist-Zustand souverän zu ignorieren und diese Befindlichkeit dem Ziel und Soll-Zustand unterzuordnen, „etwas über das Leben“ zu lernen funktioniert nur, wenn das Kind ein Geschlecht hat – ein männliches Geschlecht.
        Und ebenso verhält es sich auch mit dem Sender der Botschaft, den du richtigerweise als Vater, also als Mann identifizierst.

        Die Leser und Leserinnen möchten sich selbst mit dem „progressiven“ Gehalt der Botschaft identifizieren, um als „progressiv“ identifiziert zu werden und sich wechselseitig darin zu bestätigen.
        Während ihnen die selektiv auf ein Geschlecht zugeschnittene Grundlage der Geschichte jedoch nur beweisen kann, wie traditionell und konservativ ihre Weltsicht ist.

        Gruß crumar

    • „Niemand spricht Fabian ab seine Mutter zu vermissen“

      Ich habe die ganze Affäre nicht mitbekommen und bin sozusagen unverbrauchter Erstleser – ich fand die Antworten auf Fabians Frage völlig deplaziert, so hätte auch in der Realität niemand geantwortet.

      Fabians Aussage spricht eindeutig von „wir“, er meint seine konkrete Mutter und diese konkrete Familie, nur über die Abwesenheit konkreter Menschen kann man traurig sein. Eine sinnvolle Antwort wäre gewesen, ihn irgendwie zu trösten und zu sagen, daß es ja nicht lange dauert und er mit seiner Mutter telefonieren kann.

      Die Antworten in der Geschichte verschieben den Begriffsrahmen und machen aus Fabians auf konkrete Personen bezogenen Aussage ein allgemeinpolitisches Statement „Ohne [genau eine] Mutter ist eine Wohngemeinschaft keine richtige Familie.“ Wenn die Mutter gar nicht verreist gewesen wäre, wäre das eine richtige Interpretation gewesen, so aber nicht.

      Wie deplaziert die Antworten sind, merkt man daran, daß die Mutter gar nicht zurückkommen bräuchte bzw. genausogut gestorben sein könnte.

      Man kann von mir aus gerne für Patchwork-Familien werben, aber nicht so. Vermutlich reagiere ich auf solche Verschiebungen von Begriffen oder Begriffsrahmen deshalb allergisch, weil ich mich zu lange mit feministischer Propaganda befaßt habe.

      • @Adrian: Ich hielte es für angemessen, wenn du ganz analog dazu wie du „für dich sagst, dass [du] die Diskussion weder deplatziert noch unsensibel hältst“, es dem Jungen zugestehst, dass er „ganz für sich selbst findet dass sie ohne Mama keine richtige Familie sind“ und dass er traurig ist weil Mama nicht da ist.

        Woher nimmst du die Vermessenheit, die Gefühle des Jungen abzukanzeln als „Borniertheit“, Unwissenheit“, und ihm zu diagnostizieren er wäre „in seiner Welt gefangen“?

        Für dich selbst misst du mit anderem Maß:

        Ich kann nur für mich sagen, dass ich die Diskussion weder für deplatziert noch unsensibel halte.

        Ich begrüße ein solche Einstellung, aber bitte gesteh sie auch anderen Menschen, in diesem Fall dem Jungen in der Geschichte, zu.

      • Aber ich nehme Abstand vom Thema. Ich habe keine Absicht hier irgendwelche Gefühle zu verletzen oder die Dominanz der klassischen heterosexuellen Familie zu untergraben.

    • Adrian,
      Als Vater tröstet man als erstes das Kind, zumindest als so ein Vater wie ich mich definiere 😉

      Das bedeutet nicht, dass man die Weltsicht des Kindes nicht auch erweitert. Mein Sohn wusste schon was schwul ist, da konnte er kaum sprechen. Doch hier war die Situation eben eine ganz andere, er sah im Bahnhof einen Mann mit langen Haaren und fragte mich ob es ein Mädchen ist. Als ich fragte warum er daran zweifeln würde das es ein Mädchen ist, sagte er, das Mädchen hat einen Bart :):):)… So entwickelte sich eine Situation in der ich ihm erklären konnte das es eben viele Möglichkeiten gibt, und nicht alles so eng eingeschränkt werden kann und das z. B. auch ein Mann und noch ein Mann sich so mögen können wie die Mama und ich etc. pp.

      Trotzdem, in dem Beispiel hätte ich als erstes das Kind getröstet wenn es die Mama vermisst UND HERNACH dann gesagt, übrigens, kann es nicht auch… Von daher sehe ich es ähnlich wie Lucas. Kinder sollen die Klappe halten und funktionieren, sie sind Projektionsfläche für die Sichtweise der Erwachsenen und sonst nichts. Von daher dummes Beispiel, mehr nicht…

      Besser wäre es z. B. gewesen eine Scheidungsfamilie zu nehmen, weil hier die Familie z. B. eine Veränderung vorgenommen hat. Aber auch hier zuerst trösten bitte 😉

  • Hat dies auf Lotoskraft rebloggt und kommentierte:

    Aus meiner Erfahrung heraus halte ich Familie für etwas ganz schlechtes und als einen Hort des Bösen. Aus meiner Beobachtung heraus sehe ich, das wieder anders und empfinde Familie, wenn sie denn funktioniert, für etwas segensreiches und schützenwertes, vor allem schützt Familie vor der Unbill des Staates und der Mitwelt. Außerdem plädiere ich aus meiner Beobachtung heraus für ein konservatives Familienbild mit Papa, Mama, Kind und Großeltern sowie Tanten und Onkel – und einem Missbrauchsbeauftragten (bitter ironisch gemeint). Alle anderen Patchworkmodelle, auch die zu vernachlässigenden wenigen mit gleichgeschlechtlichen elterlichen Bezugspersonen, halte ich für prekär für ein Kind. Ein Kind braucht Stabilität und Normalität, alles andere ist für ein Kind problematisch.

    Schlimm finde ich auch, wie der Einwand des Jungen in der Geschichte, dass er seine Mutter vermisse, abgebügelt wird, mit Hinweisen auf noch ganz andere Systeme, die zudem extrem selten sind, aber in der Geschichte alltäglich erscheinen. Offensichtlich ist der Fabian der Depp, der zerbrochenen Familie. – Zur Erinnerung: 1 % der Menschen sind homosexuell. Es gibt demnach in Deutschland ca. 800.000 homosexuelle Männer und Frauen. Nur ein Bruchteil von ihnen lebt in festen Partnerschaften und noch weniger in Partnerschaften, in denen auch Kinder aufwachsen.

    Zudem finde ich es, um ein Beispiel für die familiäre Missachtung von Fabian extrem respektlos und herabwürdigend, wenn der sexuelle Missbrauch, den ich durch Mutter und Vater erlebte, damit relativiert würde, dass es noch viel ärgere Fälle von sexueller Gewalt gäbe.

    Kinder wurden durch alle Zeiten hindurch instrumentalisiert und indoktriniert von der Kadetten- und Haushaltsschule, zur HJ und BDM bis hin zur FDJ, um ein bestehendes Weltbild – naturalmente das beste aller Zeiten – zu perpetuieren. Und weil das nicht aufhört und ideologische Borniertheit, religiöse wie politische, stets in den Kindern nur die eigene Zukunft sieht und nicht die der Kinder, habe ich den Artikel rebloggt; in der schwachen Hoffnung, dass dem einen oder anderen Bornierten aufgeht, dass besser ist, den Kindern ihre Welt selbst entdecken zu lassen, damit der, jede Selbstständigkeit drosselnde, Faden der Bevormundung reißt und Kinder zu ziemlich freien Menschen heranwachsen können. Eltern, Erzieher und Erwachsene sollten Begleiter der Kinder sein und nicht ihre Trimmer und Zurichter.

    • „Und weil das nicht aufhört und ideologische Borniertheit, religiöse wie politische, stets in den Kindern nur die eigene Zukunft sieht und nicht die der Kinder, habe ich den Artikel rebloggt; ….“

      Danke, Lotosritter!
      Du beschreibst hier ziemlich genau die Gegenextreme zum von mir unten Beschriebenen.
      Verständlich und es freut mich, daß Du dabei nicht in ein einseitiges Bild verfällst, sondern differenziert da herangehst.
      Aber im obigen Zitat kreuzt sich der dahinterstehende Sinn, meine ich. Weshalb ich es noch einmal mit meinen Worten formulieren möchte:

      Kinder sind nicht „unsere Zukunft“!
      Sie sind ihre eigene Gegenwart!
      Und als solche besonders schützenswert,
      denn nicht sie sind für ihre Existenz – oder gar unsere – verantwortlich,
      sondern wir für ihre!

      Der Spruch: „Kinder sind unsere Zukunft“, ist m.E. eine moderne Tarnform des Spruches:
      „Wer die Jugend hat hat die Zukunft“.

      Und der Spruch geht auf Napoleon Bonaparte zurück und war, so sagt man, das familienpolitische Lieblingszitat des Mannes aus Braunau am Inn.

      Heute sind es hauptsächlich die rötlich-grünlichen Diversitätsfetischisten, die ihre angebliche „Kinderliebe“ kundtun, indem sie mit solchen Formeln um sich werfen.

      • Hi, Fiete, danke für die Differenzierung. Ja, ich stimme zu: Kinder sind nicht „unsere Zukunft“!
        Sie sind ihre eigene Gegenwart! Und als solche besonders schützenswert, denn nicht sie sind für ihre Existenz – oder gar unsere – verantwortlich, sondern wir für ihre!

        Ist der Satz von Dir?, dann werde ich ihn mit entsprechendem Verweis in meinen Zitatenschatz einreihen.

        Servus M. M.

      • @ Matthias:
        „Kinder sind nicht „unsere Zukunft“!
        Sie sind ihre eigene Gegenwart! Und als solche besonders schützenswert, denn nicht sie sind für ihre Existenz – oder gar unsere – verantwortlich, sondern wir für ihre!“

        Ja, diese Formulierung ist von mir. Sie erschien mir, als ich schwerst davon genervt war, daß es plötzlich in Mode kam, Kinder offen als Rentenvieh zu bewerten.
        Seit den 70ern spätestens wußten wir alle, daß wir zuviele Menschen auf der Welt und zu sehr auf Großstädte konzentriert sind.
        Und plötzlich laberten angeblich linke Ideologen die BILD-Zeitungsformel nach, nach der Deutschland ausstürbe und niemand unsere Rente bezahlen würde u.s.w..
        Als ich dann noch diese Dummformel „Kinder sind unsere Zukunft“ in riesengroßen Regenbogenlettern auf der Wand eines AWO-Kindergartens lesen mußte, bekam ich das menthale kalte Kotzen. Der Rest ( der Zusammenhang mit Bonaparte u.s.w. ) ist ein wenig Internetrecherche.

        Aber erwähnen brauchst Du mich nicht, das ist m.E. „open source“, zumal ich den Spruch schon seit jetzt locker acht Jahren und oft gestreut habe.

  • @ Lucas

    Tatsächlich aber geht es um etwas ganz anderes, nämlich um ein herablassendes und seltsam gefühlloses Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern, das sowohl einen progressiven wie einen konservativen Hintergrund haben kann – und das Kindern in keinem Fall gerecht wird.

    In diesem Fall verfehlst Du das Thema, oder sagen wir besser, die Problematik. Wäre ich der Lehrer und Du der Schüler, könnte ich dir, obwohl sonst sehr gewissenhaft und mit guten Leistungen glänzend, nur ein knapp genügend bescheinigen.

    Wenn wir uns diese Konversation als reales Ereignis denken, dann kann ich deinem hauptsächlichen Einwand – unsensibler Umgang mit dem Gefühl des Jungen – einigermassen folgen, solange ich den Elefanten im Raum übersehe. Es geht einzig und allein, ganz offensichtlich, nur darum, eine politische Botschaft zu übermitteln, die da wäre: Alle Formen des Zusammenlebens abseits des traditionelle Verständnisses von Familie – Sammelbegriff Patchworkfamilien – sind gleichwertig.

    Die erste Frage, die ich mir stelle ist nicht, ob ich der Aussage so zustimme, sondern ob hier eine politische Beeinflussung sichtbar wird, die nicht an die Schule gehört. Die Sache ist nur dann harmlos, wenn ich den gesamten gesellschaftspolitischen Kontext ausblende und mich so ganz dumm stelle, so in der Art: Es geht doch nur um gegenseitigen Respekt, um Akzeptanz von Vielfalt u.s.w. So wie es dem Feminismus doch nur um Gleichberechtigung geht und die NPD doch nur das Deutsche Volk schützen will und wer kann schon etwas dagegen haben, wenn das Volk vor Gefahren geschützt wird?

    Nein, das ist ein kleines Mosaiksteinchen eines grossen Bildes, einer Ideologie, die sich anmasst, sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ihrer politischen Maxime zu unterwerfen – Gender mainstreaming, die sogenannte gesellschaftliche Querschnittsaufgabe, Es ist dieser Kontext, der fragwürdig ist, nicht die in diesem Fall gemachte konkrete Aussage.

  • Ich denke, der Junge hat in der Geschichte zwei Funktionen

    a) Stichwortgeber
    b) Setzen einer emotionalisierten Situation (Sehnsucht nach einer vermissten aber geliebten Person), in die sich Zweitklässler leicht einfühlen können, um ausgehend vom emotionalisierten Zustand der Leser anschließend die politisch korrekte Botschaft besser verankern zu können.

    Alles in allem sind das rhetorische Kniffe, um die Botschaft leicht an das Kind zu bringen. Wie der Figur des Jungen am besten über seine Traurigkeit hinweg geholfen werden könnte, ist für die Autoren sicher völlig irrelevant gewesen. Kurz nachdem sie die Figur erschaffen hatten, war sie – der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen – auch schon wieder uninteressant.

    Ja, es zeigt, wie gefühlskalt Ideologen seien können, aber so richtig überraschend ist diese Erkenntnis nicht.

    Noch ein Wort zu Antje Schrupp: „… Wir legen keinen Wert darauf, dass sie ihre persönlichen Vorlieben frei und offen herausfinden. …“ Ich habe den Eindruck, Frau Schrupp und Konsort*innen legen auch keinen Wert darauf, herauszufinden, welche persönlichen Vorlieben Kinder haben, denn wenn sie sich nach den gängigen Stereotypen verhalten, wird ihnen oder zumindest ihren Eltern vermittelt, dass sie irgendwie falsch wären. Die Ergebnisoffenheit ist nur so lange vorhanden, wie das gewünschte Ergebnis herauskommt. Weicht das Resultat davon ab, muss eine verdammenswerte äußere Einflussnahme stattgefunden haben.

    • „Noch ein Wort zu Antje Schrupp: „… Wir legen keinen Wert darauf, dass sie ihre persönlichen Vorlieben frei und offen herausfinden. …““
      Ich denke, selbst wenn es so klingt, als ob die Schruppsche mit „Wir“ hier „die Gesellschaft“ meint ( was per se eine Dummdreistheit ist ), so ist das ein Irrtum. Sie bedient sich vermutlich gezielt dieses Stilelements, um zu übertünchen, daß sie mit „Wir“ tatsächlich sich selbst und ihre Lieblingsbezugsgruppe ( „Die sich in Opferprivilegien suhlen“ ) adressiert.
      Ihr sonstigen Texte lassen m.E. keine andere kontextuelle Erfassung zu ……

    • BGH, nicht BVerfG, @Matthias.
      Aber dadurch wird nix besser, im Gegenteil ist es ein Rückschritt.
      Das Adoptionsrecht hat sich nicht nach Status und Wünschen der Adoptionswilligen zu richten, sondern nach den Bedürfnissen und besten Interessen des Kindes.
      Wenn der Bruder nunmal schwul und nicht verheiratet ist, so muß er trotzdem der erste sein, in der Liste der Kandidaten, dann vielleicht die ebenfalls unverheiratete Tante und erst wenn eine innerfamiliäre Adoption völlig unmöglich ist, sind Personen des erweiterten Umfelds in Betracht zu ziehen und zwar ebenfalls zunächst ungeachtet ihres Familienstandes ggü. dem Staat o. der Kirche.

      Ja, ich weiß, ich bin ein Familien-Dinosaurier. Und es ist mir klar, daß der Wirtschaftszweig Kinder- u. Sorgehandel ganz andere Geschäftsinteressen verfolgt und die Marktlage längst eine völlig andere ist. Spätestens seit in den einschlägigen Adoptionsforen dermaßen Gedrängel herrscht, daß manche Kinderwünscher am liebsten ein Paar Eltern ausschalten würden, um endlich an IHREN KINDERBESITZ zu kommen, ist klar, daß auch unsere Obergerichte davon beeinflusst werden.
      Ginge es nach mir, würden Menschen mit starkem emotionalem Kinderwunsch auf den Adoptionslisten höchstens in letzter Reserve geführt, wenn überhaupt.
      Da wäre der schwule Bruder dem unfruchtbaren Ehepaar von drei Strassen weiter unbedingt vorzuziehen.

  • Mist, erster Kommentar abgestürzt ( Scheiß-Windows-Shortcuts! ), also gibt es jetzt die „Gedächtnisprotokoll“-Version, die nie so richtig gelingt.

    Der Post von Schoppe spricht einige wesentliche Aspekte der heutigen Familienproblematik an, ohne sie genau zu benennen. Bei der Bandbreite des Artikels ist dann klar, daß es eine ebensolche an Kommentaren gibt, wobei auffällt, daß scheinbar auch einige der Mitkommentatoren eher diffus den Eindruck haben „da stimmt doch was nicht, aber was?“.
    Besonders bei Adrian, der sonst ja oft sehr schnell, knapp und exakt auf den Punkt kommt, war das m.E. deutlich.

    Okay, es handelt sich bei Überschrift und erstem Beispiel ( die Geschichte mit Fabian ) sozusagen um mein „Leib- u. Magenthema“. V.dh. hatte ich quasi einen gewissen Vorsprung und es insofern einfacher.

    Denn die fast gleiche Überschrift ist Titel eines Buches und stand auch mal als Überschrift über dem letzten Video von Wolfgang Bergmann, welches der kurz vor seinem Tod im Hospiz aufnahm.
    https://www.youtube.com/watch?v=NKi0LGJBgpg

    Trotzdem versuchte ich, wie vermutlich die meisten hier im Thread, zunächst mal die Fehler in den Worten zu suchen, die Vater und Schwester von Fabian äußern, was aber, m.E. der ganz falsche Ansatz ist.

    Die Frage muß eher lauten: „Was fehlt hier?“
    Oder: „Was wird verschwiegen?“
    Oder zumindest: „Was könnte hier schief gelaufen sein?“

    Also: „Wie hätte einer der einschlägigen ‚Familiensoziopsychologen‘ ( Bergmann, Hüther, Juul oder so ) die Geschichte geschrieben, was hätte er hervorgehoben und wie hätte er die Sache aufgelöst?“

    Sie beginnt ja schon mit einer Unregelmäßigkeit, nämlich, daß ein 8-jähriger Junge am Frühstückstisch mit seiner Familie – lediglich die Mutter ist kurzfristig nicht da – eine eindeutige Störung zeigt. Und zwar eine massive Triangulationsstörung. Und logischerweise nicht nur er!
    In Fachprache: Er hat eine mangelnde Fähigkeit loszulassen, was in dieser Konstellation darauf hinweist, daß schon sein Urvertrauen gestört sein muß.
    Der normalerweise nahtlose Übergang von Bindungserleben zu sozialer Grundbildung hat irgendwo einen Knick – ich vermute schon in den ersten Lebensjahren – erhalten.

    Dieser Fehler im familiären System hätte zuerst erklärt werden müssen. Bspw. können die Eltern in den ersten Lebensjahren des Kindes getrennte Wege gegangen sein, und/oder einen Dauerstreit vor den Kindern ausgefochten haben. Irgendwo muß die starke Unsicherheit des Jungen und die scheinbar vollignorante Kaltschnäuzigkeit von Vater und Schwester ja herkommen.

    Anders gesagt: Die Familie ist kaputt!
    Ob sie nun gerade im Absturz begriffen ist, oder im Gegenteil versucht, sich davon zu erholen, ist unbekannt.
    Sicher ist aber, es liegen ernsthafte Schäden vor und die sind mit Sicherheit nicht in kompetenter Behandlung. Die Familienmitglieder können sich – und damit auch dem Sohn/ Bruder – nicht helfen. Woran das nun im speziellen Fall genau liegen mag, ist hier nicht so wichtig, aber es ist typisch, denke ich. Wenn man sich die Lehrpläne, Literatur, politischen Debatten u.s.w. zu den relevanten Themenbereichen mal anschaut, wird einem schlecht, mir zumindest.
    Dadurch wäre auch das Verhalten von Vater und Schwester erklärbar. Sie wissen es nicht besser. Selbst wenn sie eine andere, u.U. bessere Basis ( mal gehabt ) haben, so ist diese vermutlich von ideologischem Unfug ( den sie ja auch selbst äußern ) massiv überlagert.

    Und da schließt sich der Kreis auch schon, denn die Autoren der Geschichte verbreiten ja dieses gestörte systemische Bild als Aufhänger für ihr gewünschtes Ideal-Weltbild, welches m.E. völlig schräge ist.
    Da wird „Familie“ definiert – grob überspitzt – als: „….hat einen Kühlschrank“. ( Ich glaube, Renate Schmidt hat dieses extrem verkürzende Motto mal als erste öffentlich gebracht ).

    Falsch, weil undifferenziert, dementsprechend überpauschalisiert und so gar nicht sinnvoll anwendbar.

    Sicher, es gibt die „Hells-Angels-Family“, es gibt Konzernfamilien, es gibt „Pflegefamilien“ und früher gehörten auch Knecht und Magd irgendwie zur Familie. Nur handelt es sich dabei um Surrogatbegriffe, die etwas annähernd ( und i.d.R. attributiert ) beschreiben sollen, für das es keinen korrekten Begriff gibt.

    „Die Familie“ ( sogesehen die echte ) hat ursprünglich zwei Bedeutungen, die heute noch Sinn machen, nämlich: die „Großfamilie“, mit Onkels, Tanten, Großeltern u.s.w. und die „Kernfamilie“, also Eltern und Kind.
    Wobei Eltern immer gegengeschlechtliche direkte Vorfahren des Kindes sind.
    Und die haben eine ganz spezielle Bindung zum Kind, die nicht mal eben ersetzt werden kann. Das wurmt die heutigen Familiengegner sehr und wird hart bekämpft, z.B. mit Texten wie dem eingangs von Schoppe zitierten, aber dadurch wird die gesellschaftliche Situation nur immer weiter verschlechtert.

    Um auf das Beispiel zurückzukommen: Was hätte man besser machen können?
    Ich denke, schon spätestens in der ersten Störungsphase wäre es wichtig gewesen, daß die Eltern sich bewußt werden, was für das Kind wichtig ist und wie sie ihm das garantieren können. Und das ist keineswegs „…der Kühlschrank“!
    Damit sind wir wieder beim Urvertrauen und der Fähigkeit loszulassen.
    Das Urvertrauen ist nämlich keineswegs „irgendsoein esotherischer Spökenkram“, wie es heute scheinbar vielfach geglaubt wird, sondern ein wesentliches Bindungselement, vielleicht das wichtigste. Es erlaubt dem Kind sich auf „seine Welt“ zu verlassen und nicht ständig in Angst leben zu müssen. Und nur wenn das gelingt, kann es loslassen lernen. Denn „Loslassen“ bedeutet nicht im Geringsten, zu irgendetwas blitzartig Distanz aufzubauen, sondern ganz im Gegenteil, eine Bindung auch bei kurzfristiger Distanz ( im Extremfall sogar beim Tod des Bindungspartners ) vertrauensvoll zu erhalten.

    Genau das gelingt im Beispielfall nicht. Im Gegenteil vermitteln die Erklärungsversuche von Vater und Schwester ja zusammengefasst, daß es gar keine Familie gäbe, sondern nur ein Wort, das man willkürlich setzen kann, wie man möchte, was ja auch der wesentliche Inhalt der modernen Familienpolitik ist ( die mit dem Kühlschrank, you know? ).

    Die Mutter könnte also im Laufe der Woche in einen Flickenteppich umziehen, die Schwester von der netten Schwulen-WG nebenan aufgenommen werden und der Papa und Fabian wären dann wohlmöglich eine mindestens genau so „richtige Familie“, wenn nicht noch mehr…….
    Jeder macht, wozu er spontan Lust hat. Niemand ist verlässlich.

    Kein Wunder also, wenn der Junge zutiefst verstört ist!
    Er kann sich auf gar nichts verlassen!
    Er wird, als soziales Wesen, auf das nackte Individuum reduziert und das schon im zarten Alter von ca. 8 Jahren!
    Und er weiß, daß er ein Kind ist!

    Niemand vermittelt ihm, daß die Mama ihn liebt und er sicher sein kann, daß sie bald wieder da ist, auch Vater und Schwester bringen sich nicht selbst als Beispiel ein und stellen ihr Vertrauen als Vorbildfunktion hin.
    Das wäre aber die normale Reaktion gewesen, etwa: „Die paar Tage muß die Mama jetzt mal ohne uns klar kommen, sie weiß ja, daß wir hier auf sie warten und uns darauf freuen, wieder als Familie zusammen zu frühstücken. Sie ist ja auch jetzt unsere Familie, genau wie wir hier „.
    Positive Motivation ist das Stichwort. Dem Jungen klar machen, daß familiäre Bindung immer auch Verantwortung bedeutet, die alle für alle gern übernehmen. Wobei auch er durchaus ein wenig gefordert werden sollte ( „Die paar Tage halten wir ohne Mama aus, wir haben ja noch uns, die Mama hat da schon eher Grund uns zu vermissen“ ).
    Erst dadurch wird er ja zum insofern vollwertigen Familienmitglied, also zum aktiven und wichtigen Bestandteil des Systems, von dem aus er den Rest der Welt entdecken und erkunden kann.

    Familie ist die Basis und insofern auch der „Bunker“ ihrer Mitglieder, welche umgekehrt die Familie erst aktiv bilden.

    Ein Surrogat kann nie ein Original ersetzen!

    Lasst die Kinder in Ruhe!

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