Feindbild Mann

TagesWoche: Aufforderung zu mehr Verweiblichung

Uralter Plattenspieler
geschrieben von: Mark Smith

Der Journalist Gabriel Brönnimann fordert in der Online-Ausgabe der Schweizer TagesWoche eine vermehrte Verweiblichung der Gesellschaft – konkret: Männer sollen von Frauen lernen, damit sie bessere Menschen werden.

Repetitive Dauerbeschallung im Medien-Mainstream

In Zeiten von Weltfrauentag, Equal Pay Day und Women‘s March ist der Medien-Mainstream (Uwe Krüger) voll von Lobpreisungen, Kampfrhetorik und Symbolpolitik zugunsten des Feminismus. Mann weiß längst nicht mehr, wie er sich zu verhalten hat, um dem Medien-Mainstream ein bisschen Gegensteuer zu geben. Und vor allem: Es ist eine fortwährend wiederkehrende Dauerbeschallung, der man ausgesetzt ist, zumal anhaltend dieselben Themen und Argumente vorgetragen werden und man muss sich in der Geschlechterdebatte allmählich fragen, ob es den Journalisten nicht selbst langweilig wird, wenn sie fortwährend dieselbe Melodie ihren Rezipienten vorträllern. Da haben wir beispielsweise im Schweizer Fernsehen die Sendung mit dem hochkarätigen Titel „Sternstunde Philosophie“ und denkt dabei aus linker Perspektive so an Leute wie Jürgen Habermas, Alain Badiou, Noam Chomsky oder  Slavoy Zizek, die der Sendung ihre Aufwartung machen: aber nein, wen treffen wir an? Laurie Penny unter dem Titel und dem Vorspann:

Nett bitten? Reicht nicht mehr! Die nächste Revolution wird feministisch sein – da ist sich Laurie Penny sicher. Aber bis dahin gibt es noch viel zu tun, denn was bisher erreicht wurde, ist stets auch in Gefahr wieder verloren zu gehen.“

Das ist annähernd das Gleiche, wie wenn man Gossen-Goethe, also den BILD-Kolumnisten Franz Josef Wagner, in den Stand eines Philosophen erheben würde.

Aber kommen wir zu Gabriel Brönnimann, der in seinem Kommentar in der Online-Ausgabe der Tages Woche unter dem Titel „Wir brauchen mehr Verweiblichung“ der Auffassung ist, dass die Männer bloß dann zu besseren Menschen werden, wenn sie sich ein Beispiel an den Frauen nehmen.

Die Argumentation von Brönnimann lautet zusammengefasst wie folgt:

Gabriel Brönnimann

  • Frauen haben es nicht einfach: Mann muss schon beinahe frohgemut sein, wenn man keine ist;
  • Frausein bringt fortwährend mehr Nach- als Vorteile und Ausnahmen bestätigen die Regel. Beispiele für Nachteile sind:
  • Häusliche Gewalt: Frauen sind im Verhältnis 3:1 häufiger Opfer im Vergleich zu Männern;
  • Frauen verdienen weniger als Männer;
  • Frauen verrichten die meiste Hausarbeit;
  • Frauen verzichten in Paarbeziehungen zugunsten des Mannes auf Karriere;
  • Frauen haben in der Arbeitswelt, zumal kaum in Führungspositionen vertreten, die Arschkarte gezogen, da sie in den Geschäftsleitungen nur 8% ausmachen;
  • Kriminalität: Männer begehen ca. 90% der Straftaten;
  • Frauen sind die besseren Menschen, weil sie weniger Rechtspopulisten wählen und Donald Trump wäre in den USA ohne Männer, die mehrheitlich ihn wählten, nicht Präsident geworden;
  • Frauen sind die besseren Menschen, zumal sie sich tendenziell eher für ökologischen Anliegen einsetzen oder sich vermehrt gegen soziale Benachteiligungen engagieren etc.
  • Diese Missstände sollen dadurch verändert werden, indem im Kleinen beginnt, was im Grossen leuchten soll und meint primär das interaktionale Verhalten der Männer. Dabei bezieht sich Brönnimann auf sprachwissenschaftliche empirische Studien (die jüngste Studie ist dabei 25 Jahre alt und die älteste doch schon 41 Jahre), die zu folgenden Feststellungen gekommen sind:
  • Frauen legen in Konversationen vermehrt Wert darauf, dass Gesprächspartner abwechselnd sprechen;
  • Männer dagegen schweigen oder unterbrechen vielfach;
  • Männer wechseln vermehrt das Thema in gemischtgeschlechtlichen Gruppen;
  • Männer unterbrechen Frauen systematisch und dominieren grundsätzlich das Gespräch;

Quintessenz aus diesen Befunden: Männer müssen lernen, besser zuzuhören und Frauen nicht so häufig ins Wort fallen.

Brönnimann zeichnet hier ein sehr einseitiges Bild, was das Geschlechterverhältnis anbelangt, deshalb prüfen wir es nachfolgend einmal auf seine Stichhaltigkeit:

Was für Nachteile haben Männer im Vergleich zu Frauen?

Zeigt obdachlosen Mann

Nachteil Männer: Obdachlosigkeit

  • Männer sterben im Durchschnitt 4-5 Jahre früher als Frauen;
  • Männer machen 3x häufiger Selbstmord als Frauen;
  • Männer sind öfters obdachlos als Frauen;
  • Männer sind häufiger Alkoholiker als Frauen (ca. 66%);
  • Männer sind häufiger drogenabhängig als Frauen (ca. 66%);
  • Männer sind häufiger spielsüchtig als Frauen (ca. 90%);
  • Männer sind häufiger von Doping und Aufputschmittel abhängig als Frauen (80%);
  • Männer sind um ein Vielfaches vermehrt betroffen von Berufskrankheiten und Arbeitsunfällen als Frauen;
  • es besteht ein massiver Gender Education Gap, also ein geschlechterspezifisches Bildungsgefälle zu Ungunsten der Jungen (insbesondere für gleiche Leistungen werden Jungen schlechter bewertet als Mädchen);
  • Männer werden bei Straftaten härter bestraft als Frauen;
  • Zwangsdienste wie Militärpflicht, Zivildienst und Zivilschutz bestehen nur für Männer;
  • Männer werden gerade bei schweren Straftaten wie Mord, Totschlag, Raub und Körperverletzung 1,5 mal häufiger Opfer als Frauen;
  • Geschlechtsspezifische Hilfsangebote im medizinischen und psychosozialen Bereich bestehen vor allem für Frauen (Frauenhäuser, Frauengesundheit, Gewaltprävention etc.);
  • was Väterrechte bzw. Väterangelegenheiten anbelangt, sind Männer im Nachteil im Vergleich zu Frauen;
  • usw., usf.

Ich könnte noch viel mehr aufzählen und verweise deshalb auf Manndat: „Was wir wollen“.

Hand aufs Herz Gabriel Brönnimann: Sind Sie immer noch der Auffassung, dass Ausnahmen (Nachteile der Männer) die Regel bestätigen? Oder sind das nicht sehr viele und gravierende Ausnahmen, in denen Männer Nachteile im Vergleich zu Frauen haben?

Ungerechte Verteilung der Haus- bzw. Care-Arbeit

Zur Hausarbeit bzw. zur Care-Arbeit: Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn die gesamte gesellschaftliche Arbeit gerecht aufgeteilt würde, wobei sich dann die Frage stellt, was „gerecht“ überhaupt heißt. Aber: Wird eine Frau dazu gezwungen, mit einem Mann im gleichen Haushalt zu leben und dessen Care-Arbeit zu übernehmen? Wird eine Frau dazu gezwungen, vermehrt zu Hause zu bleiben und keiner Erwerbsarbeit nachzugehen? Nicht? Ich wüsste nicht, was es den Staat angeht, wie sich Männer und Frauen im Privaten organisieren? Der Staat hat höchstens Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Männer und Frauen Familie und Beruf so gut wie möglich vereinbaren können, wie aber später die konkrete Ausgestaltung dieser Rahmenbedingungen aussieht, geht den Staat wie den Feminismus überhaupt nichts an. Das liegt in der freien Übereinkunft der Menschen, die ihre privaten Angelegenheiten ohne Zwang und Einmischung selber regeln.

Gender Pay Gap: Ein Irrtum wird zehn Jahr alt

Zeigt kleine Kasse mit Geldbündeln

Zum Gender Pay Gap, den Gabriel Brönnimann in seinem Text außerdem angesprochen hat: Gerade gestern ist im „linken“ Online-Magazin Telepolis ein Artikel von Thomas Moser unter dem Titel „Ten Years Gender Pay Gap-Mistake – Ein Irrtum wird zehn Jahre alt“ erschienen, der wie unzählige andere Artikel zum Schluss kommt, dass es sich beim Gender Pay Gap um keine Diskriminierung handelt (es handelt sich vor allem um ein Scheingefecht), sondern höchstens um unterschiedliche individuelle Entscheidungen der Frauen und Männer und um ein (strukturelles) Problem der Vereinbarung von Beruf und Familie. Wenn alle lohnrelevanten Faktoren berücksichtigt werden, verdienen Frauen und Männer quasi gleich viel.

Zu den Geschäftsleitungen und ihrem unterschiedlichen Geschlechteranteil

Auch hier haben wir vorrangig ein Problem der noch ungenügenden Rahmenbedingungen zur Vereinbarung von Familie und Beruf. Der Rest dürfte vornehmlich an individuellen Entscheidungen liegen, die bei Männern und Frauen unterschiedlich sind: Wenn Frauen eine andere Work-Life-Balance als Männer bevorzugen und folglich andere Prioritäten in ihrem Leben setzen bzw. unterschiedliche Präferenzen besitzen, dann wird sich das eben horizontal (Segregation in der Arbeitswelt durch Männer- und Frauenberufe) und vertikal (Führungspositionen) auswirken. Selbstverständlich spielen Normen, Werte, Stereotypien, Traditionen und Interaktionen ebenso eine Rolle, aber: auch wenn diese einmal vollständig aufgebrochen sind, heißt dies noch lange nicht, dass nun zwischen Männern und Frauen Ergebnisgleichheit herrschen muss, sondern Ergebnisungleichheit kann sich ebenfalls aus unterschiedlichen individuellen Präferenzen bzw. Prioritäten ergeben.

Zur höheren Kriminalitätsbelastung der Männer

Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man sagt, dass die Kriminalitätsbelastung bei Männern viel höher ist als die der Frauen. Würde ein linkes Medium ebenfalls damit argumentieren, die Kriminalitätsbelastung der Ausländer, der Personen mit Migrationshintergrund oder der Flüchtlinge sei viel höher als die der Schweizer, der Deutschen etc. und deshalb sollten sich diese Ausländer an den Deutschen ein Vorbild nehmen? Selbstverständlich nicht! Man würde Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus schreien. Übrigens: Alter, Wohnort, soziale Schicht sind ebenfalls ganz wichtige Parameter, die einen großen Einfluss auf die Kriminalitätsbelastung haben.

Dieselbe verquere Logik mit der höheren Kriminalitätsbelastung der Männer habe ich übrigens bereits ausführlicher im Text „Hanna Herbst erklärt die Welt“ thematisiert.

Die politischen Präferenzen der Frauen sind anders als die der Männer

Männer sollen sich also ein Vorbild an Frauen nehmen, weil diese weniger häufig Rechtspopulisten wählen und auch sonst irgendwie ökologischer und sozialer eingestellt sind. Tia: Bayern sollte sich offenbar desgleichen an den politischen Präferenzen von Gabriel Brönnimann orientieren und gegebenenfalls ebenfalls die ländlichen Gegenden, die Agglomerationen, diejenigen Menschen, die wenig kulturelles Kapital besitzen etc., usf., usf. Ich vermute, dass die FDP und die SVP in der Schweiz oder die AfD und die CSU in Deutschland sicherlich konträrer Auffassung sind: Frauen sollen sich an den Männern orientieren. 🙂

Zu den Ursachen und den Lösungsvorschlägen

Die Ursachen und die Lösungsvorschläge verortet Brönnimann auf den Interaktionen zwischen den Geschlechtern: Männer sollen sich im interaktionalen Verhalten ein Vorbild an den Frauen nehmen und weniger dominant sein, vermehrt die Frauen aussprechen lassen und diesen zuhören. Das ist sicherlich keine schlechte Idee, wenn man sich gegenseitig zuhört und ebenfalls aussprechen lässt, aber ich befürchte, die Probleme der Männer und Frauen werden sich damit größtenteils nicht lösen lassen.  Zumal diese Vorschläge alle auf der Mikroebene angesiedelt sind und beispielsweise die Meso- und Makroebene außen vor lassen. Soziale Systeme, also z.B. das Schulsystem, haben eine eigene systemische Logik bzw. Rationalität, die unabhängig von den Interaktionen der Menschen auf diese einwirken. Verkürzt könnte man argumentieren: Die Gesellschaft, als das umfassende soziale System, wird zwar durch die Interaktionen der Individuen immer wieder neu gebildet, aber sie besteht gleichzeitig außerhalb und über den Köpfen der Menschen und wirkt mit ihren systemeigenen Funktionsgesetzlichkeiten auf diese ein und beeinflusst sie dementsprechend.

Fazit: Wie wärs mit einer Brille für Gabriel Brönnimann?!

Analog zur Kampagne von Manndat („eine Brille für Schwesig“), die der Chefin  des Bundesministeriums für Familie, Jugend, Frauen und Senioren Manuela Schwesig eine Brille für ihre Kurzsichtigkeit empfiehlt, was die Belange von Jungen und Männern anbetrifft, dürfte ebenfalls eine Brille für den Journalisten Gabriel Brönnimann die richtige Therapie der Wahl sein.

Als Journalisten bei einem linken Printmedium würde ich mir vor allem folgende Aussagen von Thomas Moser zu Herzen nehmen:

„Mit einer konstruierten Zahl werden Frauen und Männer gegeneinander ausgespielt.“ (…)

„Hinter der Geschlechter-Frage verschanzt sich der Reichtum und versteckt sich die soziale Ungleichheit. Der Gender-Pay-Gap ist eine Falle. Eine Geschlechter-Falle – eine ‚Gender-Pay-Trap‘ sozusagen. Damit sie funktioniert, muss der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen künstlich höher beziffert werden, denn selbst sechs Prozent taugen nicht zum Skandal. Und den braucht man, um vom eigentlichen Skandal abzulenken.“

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3 Comments

  • Virtue signalling is the conspicuous expression of moral values by an individual done primarily with the intent of enhancing that person’s standing within a social group.

    Virtue signalling („Tugendsignallisierung“) ist der offensichtliche Ausdruck moralischer Werte mit der primären Absicht, das Ansehen in einer sozialen Gruppe zu fördern (enhancing that person’s standing within a social group). Ich denke, das beschreibt ziemlich genau das, was Brönnimann tut. Brönnimann befriedigt Erwartungshaltungen, die Männern seit 40 Jahren tagtäglich von feministischer Seite kommuniziert werden, meist oder fast ausschliesslich in der Form des Appells.Ist so ähnlich wie in der Kirche. Einer predigt von der Kanzel herab und verkündet die frohe Botschaft, der Rest hört zu und schweigt, lediglich unterbrochen von Lobgesängen.

    Mann oh Mann, bin ich ein Zyniker geworden!

  • Aus dem thematisierten Artikel:

    „Auch wenn Mann froh ist, keine Frau zu sein, dürfte er von Frauen ruhig ein, zwei Dinge lernen. Mann würde deshalb nicht zur Frau. Aber höchstwahrscheinlich zu einem besseren Menschen.“

    Das würde ich sogar unterschreiben. Wobei ich allerdings „besseren“ durch „vollkommeneren“ ersetzen würde.

    Durch pauschale Ablehnung und Abwertung weiblich konnotierter Sichtweisen und Handlungsmuster verbaut sich Mann selber Entwicklungspotential.

    Aber witzig ist ja echt die nachfolgende Begründung:

    „Warum, das zeigt schon ein Blick in die Verbrechensstatistik. Laut Schweizer Strafjustiz waren im Jahr 2015 von 109’960 abgeurteilten Personen 98’898 Männer und 11’062 Frauen. Verhältnis: 89,94 zu 10,06 Prozent.“

    Was kann Mann also von Frau lernen: Wie man sich nicht erwischen lässt XD

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