Film

Sexueller Missbrauch als Welterfolg

Bild zeigt einen Spiegel im Spiegel im Spiegel .... mit einer jungen Frau.
geschrieben von: Lucas Schoppe

Ein Rückblick auf Fifty Shades of Grey

Der gigantische Erfolg der Trilogie Fifty Shades of Grey, deren zweite Verfilmung im Februar in die Kinos kam, ist vor allem aus einem Grund interessant: Er ist ein eindrucksvolles und bedrückendes Beispiel dafür, wie teilnahmslos mit dem sexuellen Missbrauch von Jungen – und dem sexuellen Missbrauch durch Frauen – umgegangen wird. Gerade weil der große Hype um den Film vorbei ist, lohnt sich ein ruhiger Rückblick. Außerdem wird es Zeit, dass sich auch einmal Männer mit dieser seltsamen Geschichte beschäftigen…

Ich fahre nun schon seit Jahren jeden Monat ungefähr 2000 Kilometer mit der Bahn. Vor einigen Jahren fiel mir über viele Wochen hinweg ein seltsames Phänomen auf: In jedem Großraumwagen, in dem ich fuhr, saß mindestens eine Frau, die den Roman Fifty Shades of Grey las. Immer Frauen – niemals Männer, und dies über Monate hinweg.

Die offiziellen Zahlen bestätigen den Eindruck. Von der Trilogie wurden weltweit etwa 100 Millionen Exemplare verkauft, in Deutschland allein 5,7 Millionen. In Großbritannien war der erste band noch vor allen Harry Potter-Büchern das schnellste jemals verkaufte Taschenbuch.

Die Verfilmung des ersten Teils spielte weltweit 567,9 Millionen Dollar ein, in den USA startete er besser als die Hunger Games-Verfilmung, in Deutschland erlebte er den besten Filmstart seit dem James Bond-Film Skyfall.  Der zweite Teil hatte in Deutschland bis am ersten Wochenende schon über eine Million Besucher – oder eher: Besucherinnen.

Wie aber passt dieser gigantische Erfolg zu einer Handlung, die um eine jahrelange Erfahrung des sexuellen Missbrauchs kreist – nämlich um die sexuelle Zurichtung eines pubertierenden Jungen durch eine erwachsene Frau? Die deutschsprachige Bloggerin Volksverpetzer, auf deren Text Arne Hoffmann hinweist,  schreibt zum Start des zweiten Films:

Bücher und Filme wie 50 Shades of Grey marginalisieren einerseits sexuellen Missbrauch und laden andererseits krankhaftes Verhalten mit sexuellen Fantasien auf.

Daran zeige sich, „wie wenig männliche Missbrauchsopfer ernst genommen werden“.

Schon zum Start des ersten Films hatte Lisa Ludwig bei Vice ihre „Fassungslosigkeit“ beschrieben:

Über die Art und Weise, mit welcher Nonchalance die Autorin sexuellen Missbrauch an Minderjährigen mit halbgaren Sadomaso-Fantasien vermengt—und wie kritiklos und unreflektiert die Filmemacher diesen moralischen und literarischen Schmutz auch noch übernehmen.

Das Schlimmste sei nicht die Unterwürfigkeit der weiblichen Protagonisten, sondern die Art und Weise, „wie der Film mit seinem männlichen Hauptcharakter umgeht.“

Die Pointe der Geschichte ist nicht die Dynamik von Dominanz und Unterwerfung – sondern die vollständige Befreiung vom Realitätsprinzip.

Als vor etwa 10 Jahren die Twilight-Buchreihe ein ähnlich gigantischer Erfolg war, hatte ich tatsächlich den ersten Band gelesen: Ich dachte, als Lehrer sollte ich wissen, wofür sich eigentlich so viele Schülerinnen so ausdauernd begeisterten. Fifty Shades of Grey begann später als Twilight-Fanfiction, und die Vorstellung war für mich abschreckend, dass sich dort der Kitsch von Twilight mit pornografischen Sado-Maso-Phantasien verband. So wäre ich niemals auf die Idee gekommen, eines der Bücher zu lesen oder einen der Filme anzusehen – wenn ich nicht Texte wie die oben zitierten gelesen hätte.

Für den ersten Film, den ich nun finster entschlossen gesehen habe, brauchte ich mehrere Anläufe. Nach nicht einmal fünfzehn Minuten hatte ich schon das Gefühl, mehr als zwei Stunden abgesessen zu haben. Kein einziger Satz, keine einzige Geste stimmt hier – alles wirkt aufgesetzt, kalkuliert, klischeehaft. Er spielt pubertäre Phantasien aus wie ein James Bond-Film, nimmt sich darin aber völlig ernst und hat nie die ironische Selbstdistanz, ohne die Bond-Filme ganz lächerlich wären.

Es gäbe überhaupt keine Grund, sich diesen Film anzuschauen – wenn er nicht tatsächlich ein eindrucksvolles und bedrückendes Beispiel für den Umgang mit dem sexuellen Missbrauch von Jungen wäre. Nachdem ich ihn in mehreren Etappen zu Ende gebracht hatte, dachte ich: Eigentlich wäre es längst höchste Zeit gewesen, dass auch Männer sich für diese Geschichte interessieren und mitreden.

Wenn sie denn angesichts der erregten, intensiven Begeisterung über den Film denn überhaupt zu Wort kommen.

 

„Ich wurde als Junge sexuell missbraucht.“ – „Ohje. Heißt das, ich bin nicht die Einzige für dich?“

In der Szene, in der Christian Grey der jungen Studentin Anastasia Steele von seiner Erfahrung des sexuellen Missbrauchs erzählt, gehen beide durch ein malerisches Waldstück und halten schließlich an einem malerischen See. Diese Szene ist gewiss eine der unehrlichsten und unstimmigsten Szenen im Kino der Gegenwart, aber sie hat eine innere Logik.

Christian berichtet, dass er im Alter von fünfzehn bis einundzwanzig Jahren von einer Freundin seiner Mutter sexuell erzogen worden sei – im Sinne einer Sexualität von Dominanz und Unterwerfung, bei der er den submissiven Part zugeteilt bekam. Auf die dominante Seite gewechselt, wiederholt er dieses Muster nun zwanghaft, unfähig zu einem dauerhaften menschlichen Kontakt außerhalb der sexuellen Exerzitien, für die er zugerichtet wurde.

In der Szene aber ist das kaum ein Problem. Die Mutter hat angeblich niemals etwas vom sexuellen Missbrauch durch ihre Freundin erfahren, Christian hält noch heute freundschaftlichen Kontakt zu dieser Frau. Lisa Ludwig kommentiert:

Alles in Ordnung. Er wollte es ja auch. Das hat ihn erst zu diesem sexy und zugleich tiefgründigen Biest gemacht, das er jetzt ist. Denn Missbrauch ist kein Verbrechen, sondern macht Menschen erst so richtig begehrenswert und interessant. Wohoo! Nächste Szene.“

Das stimmt, bis auf den allerletzten Satz. Tatsächlich ist die Szene hier nämlich noch nicht zu Ende, weil Anastasia Steele noch ein großes Problem bedrückt. Sie weiß nicht, ob sie in der Reihe von sexuellen Partnerinnen Christians nicht nur eine unter vielen ist. Er aber versichert ihr, dass er noch nie eine Frau – so wie sie – mit einem Hubschrauber zum ersten Date abgeholt und dass er noch nie mit einer Frau eine ganze Nacht verbracht habe. Die Szene in einer Kurzfassung:

„Ich bin als Junge von einer müttlerlichen Freundin über Jahre hinweg und bis ins Erwachsenenalter hinein sexuell missbraucht worden.“ – „Hmm. Jetzt aber mal was anderes: Sag mal, bin ich eigentlich die Einzige für Dich?“ – „Aber natürlich, Du bist etwas ganz Einzigartiges.“ (küsst sie)

Das ist kommunikativ so daneben, dass eigentlich irgendeinem der vielen Beteiligten hätte auffallen müssen, wie vieles hier nicht stimmt. Es hat aber eine innere Logik.

Die sexuelle Ausbeutung von Kindern und auch Jugendlichen durch Erwachsene ist ja eben gerade deshalb so destruktiv, weil sich hier nicht zwei annähernd gleichstarke Menschen begegnen, sondern weil die Perspektive des Kindes und Jugendlichen ganz in der des Erwachsenen verschwindet. Es ist eine Einverleibung.

Die Szene setzt diese Logik fort. Christian erzählt gerade von einer Erfahrung, die ihn für sein Leben geprägt hat und die er offenbar kaum einordnen kann. Gegen Ende des Films bezeichnet er sich selbst in der titelgebenden Zeile verzweifelt als „fifty shades of fucked up“ – und bringt das allenfalls damit in Zusammenhang, dass er als Sechsjähriger adoptiert wurde, nicht aber mit der Missbrauchserfahrung.

In der Szene am See aber verschwindet die lebensbestimmende Erfahrung wie selbstverständlich hinter Anastasia Steeles Bedürfnis, sich ihre Einzigartigkeit bestätigen zu lassen.

Das wiederum entspricht der Logik des ganzen Films. Wenn Christian sie zum ersten Date, tatsächlich, mit dem Hubschrauber abholt, dann wiederholt das pubertäre Fantasien aus James Bond-Filmen. Dort aber ist die überkandidelte Technik-Begeisterung motiviert durch ebenso überkandidelte Ziele – es geht selbstverständlich immer um die Rettung der Welt, und dafür lohnt sich natürlich jede Materialschlacht. Bei Fifty Shades of Grey aber ist deren Ziel allein, die Frau zu beeindrucken und ihr ein gutes Gefühl zu verschaffen – das ist hier immer schon Motivation genug, ganz gleich, worum es geht, und ganz ohne Sinn für die absurde Maßlosigkeit.

Auch der BDSM-Sex, der ja ohnehin lediglich als Konsequenz seelischer Traumata erscheint, ist hier eigentlich kaum von Interesse. Ebenso wenig geht es um eine Dynamik von Dominanz und Unterwerfung. Beides wird funktionalisiert für etwas ganz anderes: Mittelpunkt der Geschichte ist die vollständige Befreiung der Frau vom Realitätsprinzip.

 

Die Frau ohne Eigenschaften und der Mann als Spiegel

Warum eigentlich verfällt der Selfmade-Millionär Christian Grey, der von Frauen wieder und wieder als unwiderstehlich attraktiv beschreiben wird, ausgerechnet der unscheinbaren, unsichereren Anastasia Steele – einer Frau, die englische Literatur studiert, aber im Interview kaum eine Frage formulieren kann? Dass diese Frage überhaupt keine Rolle spielt, hat Fifty Shades mit dem Vorbild Twilight gemein: Auch dort ist es keine Überlegung wert, warum sich eigentlich gleich zwei männliche Übermenschen – der Vampir Edward und der Werwolf Jacob – unendlich in die unscheinbare Heldin Bella Swan verlieben.

Bella und Anastaia sind beide als Frauen ohne Eigenschaften konzipiert. Sie wirken nicht durch das, was sie sind – sondern dadurch, dass sie überhaupt sind. Es wäre viel zu nahe am Realitätsprinzip, die Frage zu stellen, warum das nicht ebenso auch für alle anderen Frauen gilt, die doch schließlich auch existieren. Bella und Anastasia sind reines Potenzial, noch nicht geprägt durch Auseinandersetzungen mit der Welt, in der sie leben, noch nicht begrenzt durch getroffene Entscheidungen.

Als ein solch gottgleiches Wesen ist Anastasia eben das Gegenteil von Christian, der zwar längst ungeheuer erfolgreich seinen Weg in der Welt gegangen ist, der aber in seinen Ängsten und seinem Zwangsverhalten unfähig ist, die ihm gegebenen Möglichkeiten zu nutzen.

Am Ende des Films setzt Anastasia sich diesen Zwängen ganz aus und befreit sich damit zugleich. Sie bittet Christian, sie zu bestrafen – er fragt nach, ob sie es auch wirklich möchte – spannt sie dann auf eine Vorrichtung und schlägt sie zehn Mal mit einem Leder auf den nackten Hintern. Verletzt und empört geht Anastasia – er möchte ihr noch hinterherkommen, bleibt aber fügsam stehen, als sie schlicht „Nein“ Sagt.

Im Kontext wird deutlich, wie absurd und irreal diese Szene ist. Gezeigt wird die Fantasie einer Frau – entworfen nach dem Vorbild eines Welterfolgs, der von einer Frau für Frauen und Mädchen geschrieben wurde – ausformuliert für Frauen – populär gemacht durch Frauen – zigmillionenfach auf der ganzen Welt von Frauen gekauft – von einer Frau verfilmt – mit vielen Millionen Zuschauerinnen auf der ganzen Welt. Doch all diese Frauen können sich ihre ureigenen sexuellen Fantasien als Fantasie eines Mannes fantasieren – als Fantasie von Christian Grey, der die unschuldige Anastasia Stele seinen Zwangsgedanken unterwirft.

So wie sich Anastasia am Ende verletzt und unterschwellig angewidert von Christian Grey distanziert, als ob sie selbst mit den sexuellen Dominanz- und Unterwerfungs-Ritualen gar nichts zu tun gehabt hätte – so haben auch Leserinnen und Zuschauerinnen die Möglichkeit, ihre eigenen Fantasien auf das Konto männlicher Machtbedürfnisse zu buchen. Dass Männer von alledem überhaupt nichts bemerken und daher auch nicht dazwischen reden können, bringt sie gar nicht erst in die Verlegenheit, ihre Funktion als Spiegel verschwitzter weiblicher Sex- und Gewalt-Fantasien womöglich zu stören.

Die Fantasie der Unterwerfung unter eine männliche Dominanz entlastet Frauen so von der Erwartung, ihre eigenen Bedürfnisse überhaupt auch nur als eigene zu identifizieren oder gar Verantwortung dafür zu übernehmen. Das gilt auch für den sexuellen Missbrauch Christians. Anastasia bezeichnet dessen mütterliche Freundin ausdrücklich als „Kindsmissbraucherin“ – muss sich aber selbstverständlich niemals Gedanken darüber machen, dass sie selbst die Konsequenzen dieses Missbrauchs erregt und genüsslich genießt.

 

Feminismus, Antifeminismus und die Befreiung von der lästigen Realität

Einen „latenten Antifeminismus“ entdeckt die Bloggerin Volksverpetzer in der Geschichte, und das ist erklärlich. Wer den Feminismus als Austreten der Frauen aus der Unmündigkeit und der Leitung durch Männer versteht, dem muss diese Geschichte einer weiblichen Unterordnung unter einen Mann zwangsläufig als antifeministisch erscheinen.

Nun ist der heutige Feminismus allerdings so widersprüchlich, dass jede denkbare feministische Position immer zugleich auch in irgendeinem Sinn antifeministisch ist – und umgekehrt. Das kann jeder leicht zu Hause ausprobieren, indem er einmal versucht, eine feministische Position zum muslimischen Kopftuch zu formulieren, die zugleich Alice Schwarzer und Anne Wizorek gefallen würde.

So hat dann eben auch Fifty Shades deutliche feministische Anteile. Die Fantasie, Frauen seien rundweg und unausweichlich patriarchalen Machtstrukturen unterworfen, entlastet von eigenen Verantwortungen, und sie entbindet vom Realitätsprinzip. Nicht nur ist die Rede vom Patriarchat empirisch unbegründet, mehr noch: Da die gesamte umgebende soziale Realität angeblich durch männliche Machtstrukturen geprägt ist, wird die Treue zum Realitätsprinzip gleichsam zur Kollaboration mit dem Feind. Die eigentliche, reine, unberührte, wirklich humane Realität ist immer irgendwo anders.

So zeigt dann Fifty Shades, was vom heutigen Feminismus übrig bleibt, wenn ihm der ideologische Überbau weggetrocknet ist. Auf der einen Seite steht eine Frau, die rein und heilend bleibt, was immer sie auch tut – auf der anderen Seite ein Mann, der machtfixiert und tief gestört ist und der ohne die heilende Kraft der Frau verloren wäre. Dass eben dieser Mann die gesamte ökonomische Basis des Geschehens im Alleingang bereit stellt, spielt ebenso wenig eine Rolle wie die Frage, wodurch diese umfassende Versorgungsleistung eigentlich möglich wird.

Dass diese Konstruktion insgesamt von der Geschichte eines jahrelangen sexuellen Missbrauchs eines pubertierenden Jungen durch eine erwachsene Frau motiviert ist, sichert die Machtverhältnisse immer schon ab: Ganz gleich, was der Mann auch tut – er tut es unter dem Zwang, zu wiederholen, was eine Frau ihm getan hat. Wohin er auch immer rennt – wie im Märchen vom Igel und Hasen ist die Frau gleichsam immer schon da. Das heißt: So vollständig und so erregt sich die Frau auch in die Unterwerfung hineinsehnt, hat sie doch immer die letzte Kontrolle über das Geschehen.

Dabei wird der sexuelle Missbrauch nicht einmal als bloße sexuelle Initiation verharmlost. Die katastrophalen Folgen für Christian, seine Bindungsunfähigkeit, seine Ängste und Zwänge sind jederzeit deutlich. Der sexuelle Missbrauch eines Jungen durch eine erwachsene Frau erscheint hier nicht etwa deshalb als akzeptabel, weil seine Konsequenzen harmlos wären – sondern deshalb, weil seine Konsequenzen in dieser Geschichte so unendlich geil sind.

Die Verantwortung für diese Geilheit wiederum kann jederzeit imaginativ auf Christian Grey selbst geschoben werden. Auch das setzt die Psychodynamik eines sexuellen Missbrauchs fort.

Dass eine solche perverse Konstruktion zu einem gigantischen Welterfolg werden konnte, ist nur durch ein Klima erklärlich, in dem Leserinnen und Zuschauerinnen sich umfassend der Verantwortung für das, was sie tun, enthoben fühlen können. Eine solche Realitäts- und Verantwortungsentlastung ist nicht rundweg „antifeministisch“, ganz im Gegenteil: Der heutige Institutionen-Feminismus, der Frauen durchweg als Diskriminierte in den Strukturen einer männlichen Herrschaft hinstellt, trägt zu diesem Klima der Realitäts- und Verantwortungsentlastung erheblich bei.

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30 Comments

  • „Sie weiß nicht, ob sie in der Reihe von sexuellen Partnerinnen Christians nicht nur eine unter vielen ist.“

    Was für ein Narzissmus!

    „Am Ende des Films setzt Anastasia sich diesen Zwängen ganz aus und befreit sich damit zugleich. Sie bittet Christian, sie zu bestrafen – er fragt nach, ob sie es auch wirklich möchte – spannt sie dann auf eine Vorrichtung und schlägt sie zehn Mal mit einem Leder auf den nackten Hintern. Verletzt und empört geht Anastasia – er möchte ihr noch hinterherkommen, bleibt aber fügsam stehen, als sie schlicht „Nein“ Sagt.“

    Hä? Ist das Frauenlogik? Sie: Küss mich! Er küsst sie -> Sie ist sauer.

    „Im Kontext wird deutlich, wie absurd und irreal diese Szene ist. Gezeigt wird die Fantasie einer Frau – entworfen nach dem Vorbild eines Welterfolgs, der von einer Frau für Frauen und Mädchen geschrieben wurde – ausformuliert für Frauen – populär gemacht durch Frauen – zigmillionenfach auf der ganzen Welt von Frauen gekauft – von einer Frau verfilmt – mit vielen Millionen Zuschauerinnen auf der ganzen Welt. Doch all diese Frauen können sich ihre ureigenen sexuellen Fantasien als Fantasie eines Mannes fantasieren“

    Einrahmen!

  • „Warum eigentlich verfällt der Selfmade-Millionär Christian Grey, der von Frauen wieder und wieder als unwiderstehlich attraktiv beschreiben wird, ausgerechnet der unscheinbaren, unsichereren Anastasia Steele – einer Frau, die englische Literatur studiert, aber im Interview kaum eine Frage formulieren kann? Dass diese Frage überhaupt keine Rolle spielt, hat Fifty Shades mit dem Vorbild Twilight gemein: Auch dort ist es keine Überlegung wert, warum sich eigentlich gleich zwei männliche Übermenschen – der Vampir Edward und der Werwolf Jacob – unendlich in die unscheinbare Heldin Bella Swan verlieben.“
    Das Ganz wird in meinen Augen noch interessanter wenn man das mit einer typisch feministischen Kritik vergleicht: Der Kritik an der Darstelung von „Frauen als Belohnung“ in Literatur, Medien und Computerspielen. Kritisert werden ja dabei männliche Fantasien, in denen ein Mann für seine Heldentaten mit seiner Traumfrau belohnt wird.

    Selbst wenn man sich nicht damit zufrieden gibt, dass das Ganz ja nur eine Fantasie ist, muss man bei der Darstellung hier ja dennoch feststellen dass die Fantasien vieler Frauen noch inhumaner sind. Denn während der Mann wenigstens etwas tun will um seine Traumfrau zu bekommen, schwebt der Frau vor dass sie den Traummann einfach so erhält.

    Da hier außerdem männliche und weibliche Fantasie zu dem Konsens gelangen, dass der Mann etwas für Frau tun muss, kann man daran auch schön erkennen woher die von Feministinnen kritisierte weibliche Passivität kommt: Nämlich nicht daher dass die Frau zu dieser gezwungen wird sonden daher, dass Männer und Frauen gleichermaßen den Mann zur Aktivität zwingen.

    • @Marcus: „Denn während der Mann wenigstens etwas tun will um seine Traumfrau zu bekommen, schwebt der Frau vor dass sie den Traummann einfach so erhält.“

      Das die Maenner permanent um die Frau kreisen (und die Frauen permanent um sich selbst), sieht man doch auch hier im Blog — kreist doch alles um die Frauen. Und dann wundert man sich, dass sich nie was aendert.

    • @ Marcus Ich habe auch an Computerspiele gedacht, und besonders an scharfen Vorwürfe wie die Anita Sarkeesians. Da wird es schon als massiver Sexismus präsentiert, wenn ein Frauenhintern in enger Hose weit ins Blickfeld gerückt wird – ohne weiter zu erwähnen, dass männliche Helden-Hintern genauso präsentiert werden.

      Hier allerdings wird ein Junge zum Sexspielzeug hergerichtet, im Film genießt die Hedlin die Konsequenzen, in der Realität genießen zigmillionen Leserinnen und Zuschauerinnen die Konsequenzen – aber alles okay, kein Sexismus weit und breit.

      Es ist möglicherweise gerade das Sich-Einrichten in einer passiven Haltung, durch das diese Verantwortungs-Verweigerung möglich wird.

  • Als ich das erste Mal von dem Buch Fifty Shades of Grey las, bloggte ich noch nicht über sexualisierte Gewalt von Frauen gegenüber Jungen. Damals genügte mir die gelegentlich veröffentlichte Abscheu, die das erste Buch begleitet. Damals entsetzte mich zugleich die Gier mit der offensichtlich ein weibliches Publikum dieses Buch nachfragte, in dem es über den Missbrauch eines pubertierenden Jungen durch eine Kinderschänder oder präziser gesagt eine Hebephile, also eine kriminelle Jungenschänderin, ging. Ich nahm diese Verkommenheit zur Kenntnis und setzte mich nicht weiter damit auseinander, obgleich diese massenhafte Verkommenheit (über 100 Millionen verkaufte Exemplare) auf ein unübersehbares Verlangen der Leserinnen weist, zumindest den sexuellen Missbrauch von Jungen und die erotische Macht über das männliche Geschlecht zu phantasieren.

    Erschreckend daran scheint mir vor allem die Gewöhnlichkeit dieser Verkommenheit; schließlich sind es ganz gewöhnliche Frauen, die hier beim Lesen dieses Femipornos zumindest ihre Phantasie befriedigen, in der gerade die seelische und sexuelle Beschädigung eines Mannes durch eine Frau ursächlich für die „Erotik“ ist. Die wieder missbrauchende Frau als Heilerin des ursächlichen Missbrauchs? Wie abartig …

    Drei Jahr später erschreckte mich gleichermaßen Alissa Nuttings Pädophilie-Roman „Tampa“. Einigermaßen versöhnte mich hingegen die Kritik, die dieses Buch mehrheitlich eindeutig ablehnte; andererseits widerte mich auch der Vergleich mit eben jenen Fifty Shades von Grey an, durch den erkennbar der eine Missbrauch mit dem anderen verharmlost respektive geheilt werden sollte.

    Ich habe keines dieser Bücher gelesen und keinen dieser Filme gesehen. Ich werde das auch nicht nachholen. Gleichwohl kommt mit die skizzierte Geschichte sehr bekannt vor. Als Junge wurde ich nicht nur von der Mutter von Meins vergewaltigt – sie war sozusagen meine erste Frau – sondern ich erlebte auch anhaltende sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt durch ältere, vollkommen durchschnittliche Frauen. Mir ist also die Gier reiferer Frauen nach „Frischfleisch“ nicht unbekannt, und ich muss aus dieser Erfahrung heraus sagen, Frauen kennen, sobald sie einen Jungen ficken wollen ebensowenig, wenn nicht gar noch weniger ein Nein, als es notgeile alte weiße Böcke kennen, die im Gegensatz zu notgeilen alten weißen Weibern von Feministen als die exemplarischen Schänder und Vergewaltiger dargestellt werden.

    Jedenfalls habe ich, lieber Schoppe, Ihren Artikel in meinem Blog „Lotoskraft“ rebloggt und danke Ihnen für Ihren wertvollen Beitrag und harre der Dinge, wann sich Frauen in ihrem „Kollektiv“ endlich für die physische, psychische und sexuelle Gewalt verantwortlich fühlen, die sie Jungen und Männern alltäglich antun. Auf die „Frauenministerin“ Schwesig muss ich dabei wohl nicht zählen, denn unsere Empörung beweist ja nur, dass das goutieren hebephiler Vergewaltigungsphantasien die richtige Konsequenz auf die Beschädigung der Männlichkeit durch die Weiblichkeit ist (siehe Twitter #argumentierenwieschwesig).

  • @Lucas Schoppe:

    Vielen Dank für diesen großartigen Artikel! Mich hat es schon länger gejuckt, zu diesem Thema etwas zu schreiben, aber die Idee ist auf meiner Prioritätenliste nie bis ganz nach oben gelangt. Daher aus hiermit gegebenem Anlass zumindest ein paar Ergänzungen.

    Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal auf das Buch gestoßen bin, war der Grund, dass man in einer bekannten Karlsruher Buchhandelsfiliale buchstäblich kaum drum herum kam: da das Buch Backsteinformat hatte, ließ es sich mit geschätzt zwölf bis fünfzehn Exemplaren pro Lage baustatisch stabil zu runden Türmen aufmauern, derer zwei den Eingangsbereich versperrten und die Kunden um sie herum zwangen. Das müssen drei- bis fünfhundert Exemplare gewesen sein, ich glaube, nicht mal Harry Potter wurde auf diese Weise angeboten. Da ich einen Vollständigkeitsfetisch habe, habe ich mir daraufhin die englischsprachige Ausgabe als dreibändige Kassette angeschafft – aber mangels literarischer Anziehungskraft nicht einmal den ersten Band zu Ende gelesen. Den Film (Teil 1) habe ich dann erst Anfang des Jahres angeschaut.

    Ich finde, dass Deine Analyse hier ins Schwarze trifft, weil sie sehr schön die eigentliche Obszönität herausarbeitet, die ein gutes Stück unterhalb der Oberfläche versteckt liegt. Wie treffend diese Analyse ist, lässt sich indirekt durch einen Blick auf Alice Schwarzers Meinung zu diesem Buch bestätigen (unter anderem in einem Artikel und einem Interview) – anhand der Art und Weise, in der Schwarzer an dieser Oberfläche stehen bleibt.

    Zunächst einmal bringt Schwarzer das Thema des weiblichen Masochismus aus der Gefahrenzone: »Doch in Wahrheit ist „Shades of Grey“ keine Geschichte über weiblichen Masochismus, sondern eine über männlichen Sadismus.« Der männliche Sadismus ist das »Feuer«, mit dem Frauen spielen können, wenn sie es rechtzeitig wieder zu löschen wissen, »bevor es echt ernst wird«. Damit emanzipiert sich Ana Steele vom weiblichen Masochismus, denn dieser ist ein Produkt patriarchaler Unterdrückung, »der Versuch der Seele …, real erlittene Erniedrigung und Schmerz umzumünzen und lustvoll zu besetzen«. Das entspricht Schwarzers Haltung zu sadomasochistischen Vorlieben und Praktiken: sie sind im Prinzip pervers, aber man kann sich ihnen mit Milde nähern, wenn man sie in therapeutischer Perspektive betrachtet. Und da Sadomasochismus ihr zufolge im Kern nur als Pathologie verstanden werden kann, registriert sie zumindest in einem Nebensatz auch, dass der männliche Protagonist eine »schwierige Kindheit« hatte.

    Natürlich ist für sie auch die öffentliche Aufmerksamkeit für das BDSM-Thema eine männliche Angelegenheit. Den phänomenalen Erfolg des Buches bei Frauen blendet sie aus – sie hat eine andere Erklärung:

    » Wie aber lässt sich dann die Fülle von SM-Darstellungen in Medien, Literatur, Film und Kunst erklären? Sie scheint das Wunschdenken gewisser Männer zu sein. Die, die sich in ihren Chefsesseln oder Hausherr-Positionen von emanzipierten Frauen bedroht sehen. Die, die Frauen eben lieber auf allen Vieren imaginieren als ihren aufrechten Gang zu akzeptieren.«

    Nachdem das also in erwartbarer Weise geklärt ist, erstreckt sich ihr Lob schließlich auch auf die Autorin:

    »Da erlaubt sich die 48-jährige Autorin, Mutter zweier Kinder, ihren Liebesträumen und sexuellen Fantasien freien Lauf zu lassen. Gleichzeitig achtet sie penibel darauf, dass ihre Protagonistin nicht den Überblick verliert, den Kopf auf den Schultern behält.«

    Wer – wie ich – der Meinung ist, dass Alice Schwarzer in analytischer Hinsicht noch nie besonders helle war, darf sich darin bestätigt fühlen: Schwarzer nimmt die Erzählung von »Shades of Grey« beim Wort, »at face value«. Die von der Autorin in Anspruch genommenen Voraussetzungen für die Erzählbarkeit dieser Geschichte in dieser Form wird von Schwarzer nicht weiter beachtet – insbesondere auch nicht, dass die Art der »schwierigen Kindheit« des männlichen Protagonisten nicht vom Inhalt der erzählten Geschichte getrennt werden kann. Dass es sich um den sexuellen Missbrauch eines Jugendlichen durch eine ältere Frau handelt, wird von Schwarzer zur Gänze unterschlagen. Es passt nicht in ihr ideologisches Schema, und es hat bei ihr gewissenmaßen Tradition:

    Schwarzers erstes, epochemachendes Buch von 1975, »Der kleine Unterschied«, ist eine kommentierte Sammlung von Interviews mit Frauen, von denen eines einen Fall sexuellen Mißbrauchs einer Tochter durch ihren Vater thematisiert: im zweiten der Protokolle des »Kleinen Unterschieds« stellt sich im Verlauf des Gesprächs heraus, dass »Renate A., 33 Jahre, Hausfrau und Putzfrau, fünf Kinder, Ehemann Hilfsarbeiter« im Alter von elf oder zwölf Jahren von ihrem Vater über einige Jahre hinweg sexuell missbraucht worden ist. Die Tochter hatte dieses Trauma als »sexuelle Aufklärung« rationalisiert: »Ich weiß nur noch, dass er mich aufgeklärt hat. Aber richtig, gleich mit Kontakt, und so, dass ich geblutet hab.« (Schwarzer 2002, S. 40)

    Als Schwarzer nachhakt, stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um einen länger anhaltenden sexuellen Missbrauch gehandelt hat: »Der Vater nötigte das kleine Mädchen mit einer Mischung aus Drohungen und Lockungen, mit Schlägen und Geschenken dazu, es sich gefallen zu lassen und zu schweigen.« (a.a.O.) Mit fünfzehn Jahren gelingt es der Tochter, aus dieser Missbrauchsbeziehung auszubrechen, indem sie sie der Mutter schildert, die den Vater daraufhin anzeigt. Im Kommentar zu diesem Protokoll weist Schwarzer darauf hin, dass es dennoch die Tochter ist, die sich ein schlechtes Gewissen macht, weil der Vater zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. »Nicht der Vater, sondern das ausgelieferte kleine Mädchen hat deswegen noch ein schlechtes Gewissen – es wird ihr von ihrer Umwelt aufgezwungen, die ihr die ›Schande‹ zuschreibt, nicht dem Vater. Sie ist die Nutte.« (a.a.O., S. 50 f.)

    Im Bedürfnis, diese Skandalisierung noch zu steigern, schreibt Schwarzer sodann:

    »Man stelle sich den Fall umgekehrt vor: Mutter missbraucht jahrelang Sohn. Niemand hätte den Jungen verachtet, die Mutter aber wäre reif für die Psychiatrische gewesen – aus der man bekanntlich schwerer wieder herauskommt als aus dem Gefängnis.« (a.a.O., S. 51)

    Als Alice Schwarzer dies im Jahre 1975 schreibt, ist Andreas Marquardt, geboren 1956, ein Kampfsportler und gewalttätiger Zuhälter und damit ein Inbegriff des von Schwarzer angeprangerten »Patriarchats«, bereits neun Jahre lang, vom siebten bis zum sechzehnten Lebensjahr, von seiner Mutter sexuell missbraucht worden. Eine Chance, dafür auch nur Glauben zu finden, geschweige denn seine Mutter juristisch zur Rechenschaft zu ziehen und ins Gefängnis zu bringen, hatte er zu dieser Zeit nie, selbst nach der Jahrtausendwende war es für ihn noch schwierig genug. Seine Mutter hat er als Erwachsener, drei Wochen vor ihrem Tod, noch damit konfrontiert. Zu einer juristischen Aufarbeitung kam es darum aber nicht mehr.

    Was Alice Schwarzer hier behauptet, könnte daher von der Realität nicht weiter entfernt sein: die Drohungen von Marquardts Mutter, ihren Sohn »ins Heim zu stecken« oder ihn der Lüge zu bezichtigen, waren, wenn man die Resultate vergleicht, wesentlich effektiver, als sie es bei dem geschilderten Missbrauch der Tochter durch ihren Vater gewesen war:

    »Na, was meinst Du wohl, wem man mehr glaubt, einer Mutter oder dem missratenen Sohn, der nichts anderes als seinen Sport im Kopf hat? Sieh dich vor, mein Bürschchen! Was du vorhast, ist Verrat. Plapperst du auch nur ein Sterbenswörtchen aus, gebe ich dich weg, ich sorge dafür, dass du ins Heim kommst.« (Marquardt 2015, S. 246)

    Anders als das Mädchen hatte dieser Junge damals, in denselben 1970er Jahren, nicht die geringste Chance, mit 15 Jahren eine Anschuldigung auszusprechen und seine Mutter zur Rechenschaft ziehen zu lassen. Marquardts Mutter wäre nicht »in die Psychiatrische« gekommen – die Gesellschaft hätte jede Anklage gegen sie als Ungeheuerlichkeit »gegenüber der eigenen Mutter« empfunden – und damit den anklagenden Sohn verachtet. Nicht für das, was ihm widerfahren ist, sondern dafür, dass er ausgesprochen hätte, was ihm widerfahren ist – etwa so wie noch in den 1990er Jahren, als er wegen seiner Gewaltexzesse gegen Frauen vor Gericht stand:

    »Als der Richter mich fragte, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen hätte, erzählte ich die Geschichte mit Mutter. Vermutlich reagierte er genauso skeptisch wie die meisten Leute im Saal, das war an den verständnislosen Blicken abzulesen. Was erzählt der Typ denn da über seine Mutter? So was macht eine Mutter doch nicht! Alle schauten mich an, als würde ich mich mit einer Gruselgeschichte interessant machen wollen.« (Marquardt 2015, S. 215 f.)

    Der Unterschied zwischen beiden Fällen besteht in einem gesellschaftlichen Tabu, welches den sexuellen Missbrauch durch Mütter für unmöglich erklärt, während dem Mann dasselbe ganz selbstverständlich zugetraut wird – ein Tabu, das Schwarzer nicht nur nicht hinterfragt, sondern aktiv reproduziert. Man könnte nun einwenden, dass das eben nicht dem damaligen Stand des Wissens entsprach und es darum unfair sei, Schwarzer diesen Vorwurf zu machen. Tatsächlich ist es aber bis zum heutigen Tag schwer, dieses Tabu zu überwinden, und zwar wesentlich darum, weil eine feministische Ideologie tatkräftig zu seiner Befestigung beigetragen hat.

    Und diese Ideologie reproduziert Schwarzer bis zum heutigen Tag – hier am Gegenstand von »Shades of Grey«. Im Schutze der Ideologie, das Frauen »so etwas« niemals tun könnten und würden, reproduzieren und sanktionieren hier zwei Frauen, Alice Schwarzer und Erika Leonard, die Struktur sexuellen Mißbrauchs von Jungs durch Frauen.

    Zitate aus:

    Marquardt, Andreas; Lemke, Jürgen (2007, 2015), Härte. Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt. Mit einem neuen Nachwort von Jürgen Lemke. Berlin: Ullstein

    Schwarzer, Alice (1975, 2002), Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich. Beginn einer Befreiung. Frankfurt a. M.: Fischer

    • „Wir glauben, daß viele von uns der Störung unterliegen, das Menschen-Mögliche zu übersehen, weil wir uns von dem Menschen-Unmöglichen lähmen lassen“, hat Ruth Cohn einmal geschrieben. (Ruth Cohn und Anita Ockel 1981)“ – Quelle: Frauen als Täterinnen, Michelle Elliott (Hrg.), Ruhnmark 1995

      Man sah nicht hin, oder nur dort hin, wo es opportun erschien, um seine eigene Geschichte zu stricken und beim damals angesagten Marsch durch die Institutionen an die Fetttöpfe zu gelangen. Obgleich das Literaturverzeichnis in dem Buch auch zeigt, dass es zu Beginn der 80er Jahre bereits genügend Literatur zum Thema sexuellen Missbrauchs durch Frauen gab und das tabuisierte Thema schon länger bekannt und untersucht worden war.

      Ja, es ist ein Verdienst von Schwarzer und den Feministen, dass dieses Thema weiter bis heute tabuisiert wurde. So halten sich manche Feministen zwar zugute, dass sie die päderastischen Bestrebungen innerhalb der Grünen Bewegung skandalisierten und damit den Missbrauch an Jungen öffentlich machten. Doch es ging dabei um Männer als Täter und nicht um weibliche Täter. Das Thema ist bis heute Mokita. Es ist unanständig, darüber zu sprechen.

      Die Feststellung von Marquardt war damals unter Jugendlichen allbekannt. Kein sexuell missbrauchter Junge, egal von Mann oder Frau, hätte es gewagt, sich an das Jugendamt zu wenden; denn dann wäre er bis zu seinem 21. Lebensjahr in einem Erziehungsheim verschwunden.

    • » Wie aber lässt sich dann die Fülle von SM-Darstellungen in Medien, Literatur, Film und Kunst erklären? Sie scheint das Wunschdenken gewisser Männer zu sein. Die, die sich in ihren Chefsesseln oder Hausherr-Positionen von emanzipierten Frauen bedroht sehen. Die, die Frauen eben lieber auf allen Vieren imaginieren als ihren aufrechten Gang zu akzeptieren.«

      Schwarzer weiss wieder mal alles ganz genau. Ich hingegen stelle mir die Frage, ob bei Männern, die;
      1. in Chefsesseln und/oder Hausherrpositionen (?) sind und
      2. SM-Praktiken ausleben,

      die dominante oder doch mehrheitlich die devote Rolle bevorzugt wird. Das ist bei Schwarzer immer wieder erstaunlich: Sie kann jedes Phänomen, ob real oder nur in ihrer Einbildung existent, augenblicklich in ihr ideologisches Denkgebäude einordnen. Fragen wie die von mir gestellte kommen ihr gar nicht in den Sinn. Bei ihr sind alle Fragen des Lebens endgültig beantwortet.

  • Fast alle Frauen, die ich näher kennenlernen musste, werden vermutlich dieses Buch gelesen haben. Retrospektiv betrachte scheinen sie auf dieses „nimm mich“ nur zu warten. Und sie, Wortspiel, waten noch immer, in diesem Konglomerat zwischen Sehnsüchten und dem Team Gina Lisa, umher und treten weiter alle im Schlamm herum (und haben dabei ihre Vergewaltigungsphantasien).

    Männer domestizierte man von Kindesbeinen an, bloß um nur ja auf die Befindlichkeiten von Frauen zu achten. Aber Letztgenannte wünschen sich dieses scheinbar gar nicht … trauen es sich aber selbst nicht zu, diesen Wunsch zu artikulieren. Verkehrte Welt, wie ich denke.

  • Technische Anmerkung:
    wenn ich die Seite lade, fängt im Hintergrund die Filmmusik an zu spielen (nervt ziemlich..) und ich kann sie nicht abstellen, außer indem ich Javascript deaktiviere (NoScript)
    Wenn man Javascript deaktiviert, verschwinden aber die Kommentare.

    Daß man die Kommentare immer separat anklicken und öffnen muß, ist so oder so nervig, warum werden die nicht gleich gezeigt?

  • @ mitm

    Also das Problem mit der Hintergrundmusik habe ich nicht. Aber gut, kann dies mal dem Webdesigner sagen, was er dazu meint.
    Wie meinst Du das, dass Du die Kommentare immer separat anklicken und öffnen müsst? Also was ist anders als vorher?

    • Ist bei mir auch so: der erste Klick auf einen Kommentarlink wechselt nur zum Artikel. Um zum Kommentar selbst zu kommen, muss man nochmal draufklicken. War vor dem Relaunch nicht so. Hintergrundmusik kommt bei mir aber auch nicht.

    • „…Kommentare immer separat anklicken“

      Ich habe es gerade noch mal probiert, „immer“ war falsch, korrekt wäre gewesen, „immer, wenn ich gerade Javascript abgeschaltet habe“ bzw. die temporären Berechtigungen bei NoScript widerrufen habe. Letzteres mache ziemlich häufig, wenn ich irgendwo recherchiert habe und auf dubiose Seiten komme, die man nur noch mit eingeschaltetem Javascript anzeigen kann.

      Bzw. aktuell, um diese nervige Filmmusik zu beenden. (ich habe gestern einen System-Update gemacht, anscheinend ist jetzt ein neues Shockwave Flash Plugin mit anderen Voreinstellungen vorhanden, muß ich noch herausfinden.)

      Wenn ich in dem Zustand z.B. auf https://man-tau.com/comments/feed/ mir einen der neuen Kommentare ansehen will, z.B. Deinen mit diesem Link: https://man-tau.com/2017/04/01/sexueller-missbrauch-als-welterfolg/comment-page-1/#comment-9980 dann wird bei mir die Seite so gezeigt, daß unten nur ein Kasten erscheint, in dem die aktuelle Anzahl der Kommentare angezeigt wird.

      Der lokale Anker #comment-9980 wird nicht gefunden (vermutlich ist er noch nicht geladen), der Browser bleibt oben auf der Seite stehen. Ich mußte also nach unten scrollen, den Link in der Box anklicken (der funktioniert nur mit eingeschaltetem Javascript, ggf. muß man die Seite jetzt noch einmal neu laden), offenbar wurden erst danach die Kommentare geladen. Ich kann dieses Verhalten aber im Moment nicht zuverlässig reproduzieren. So oder so erscheint mit der Schalter, mit dem man die Kommentare anzeigen oder verstecken kann, die Wurzel der Probleme, der ist eigentlich verzichtbar.

  • Oh man, jetzt übertreibst Du aber. Man darf ja nicht vergessen, dass dieses ganze Buch nur eine weibliche Wichsfantasie ist und alle darin beschriebenen „Tatsachen“ Teil dieser subjektiven Fantasie sind.

    Frauen lieben Arschlöcher. Aber sie lieben diese Arschlöcher nur, wenn sie glauben können, dass diese Arschlöcher in Wirklichkeit doch ein Herz aus Gold haben und nur wegen xyz so sind. Und ihre Liebe, die Liebe der Frau, kann sie davon heilen. Jede Missbrauchsbeziehung, wo er sie verprügelt und sie trotzdem bei ihm bleibt hat irgend so ein Schema laufen. Aus der Position des Mannes würden PUAs vom Zusammenspiel von Attraction und Comfort sprechen.

    Wenn er ihr also auftischt, dass er missbraucht wurde, dann ist das nur sein Vulnerability-Game. Er bietet ihr ein wenig Comfort. Und sie glaubt das nur allzugern, denn so kann sie sich die Faszination ihrer Pussy für seine dunklen Seiten als etwas Gutes zurechtrationalisieren.

    Oder kurz gesagt: Dass Christian Grey sexuell missbraucht wurde, ist nur ihre Fantasie. Man muss kein Mitleid mit diesem Christan Grey haben, dem ist nichts Schlimmes passiert.

    • @lh:

      »Man darf ja nicht vergessen, dass dieses ganze Buch nur eine weibliche Wichsfantasie ist und alle darin beschriebenen „Tatsachen“ Teil dieser subjektiven Fantasie sind. (…) Wenn er ihr also auftischt, dass er missbraucht wurde, dann ist das nur sein Vulnerability-Game«

      Hier verwechselst Du ja wohl schlicht zwei Ebenen: selbstverständlich ist das ganze Buch »subjektive Fantasie«. Ist ja auch ein Roman! Wenn Du aber behaupten wolltest, dass Deine »PUA«-Interpretation tatsächlich einen Hintergedanken der Autorin trifft, müsstest Du das am Text belegen (also am Buch, nicht am Film). Oder ein Interview mit der Autorin beischaffen, das diese Deutung hergibt. Ansonsten ist der Missbrauch innerhalb der Fiktion Realität. Denn Anzeichen für eine entsprechende Distanz der Autorin zu ihrer Fiktion sehe ich nicht.

      • Die Autorin hat natürlich keinen blassen Schimmer, was in dem Mann vorgehen könnte, der ihre große Fick-Fantasie ist. Genau das will ich bei Interpretation des Werkes berücksichtigen.

        Ich habe selbst schon mehrfach beobachten können, was für absurde Theorien Frauen dazu entwickeln, wenn man ihnen gegenüber auf die richtige Art ein Arschloch ist. Der Kopf sagt „geht gar nicht“, aber die Pussy sagt „Ja, Ja, Ja!“. Die Frau braucht dann irgendeine Theorie um das Kopfproblem in den Griff zu bekommen. In der Regel fantasieren die dann von etwas Missbrauchartigem, was diesen eigentlich so guten Mann so verdorben hat und er ja gar nichts dafür kann, dass er so ist.

        Die weibliche romantische Fantasie schlechthin ist es, den großen, bösen, verschlossenen Mann mit ihrer Liebe zu besänftigen, zu öffnen und zu „heilen“. Aber der Mann ist überhaupt nicht krank (sondern ein Mann) und „heilen“ bedeutet in PUA-Sprache „Betaisierung“.

      • @lh:

        »In der Regel fantasieren die dann von etwas Missbrauchartigem, was diesen eigentlich so guten Mann so verdorben hat und er ja gar nichts dafür kann, dass er so ist.«

        Eben! Und wenn das nicht nur eine private Phantasie ist, sondern ein Weltbestseller, dann stellt sich durchaus die Frage nach der ethischen Angemessenheit einer solchen Konstruktion. Und genau damit befasst sich Schoppes Artikel.

      • Wenn wir hier davon ausgehen, dass es sich um eine Sex-Phantasie handelt, dann will ich doch sehr nachdrücklich darauf hinwirken, dass wir sexuelle Phantasien nicht ethischen Kriterien unterwerfen. Dabei kommt niemand gut weg und es kann allenfalls lustfeindlich sein.

      • @lh:

        »… dann will ich doch sehr nachdrücklich darauf hinwirken, dass wir sexuelle Phantasien nicht ethischen Kriterien unterwerfen.«

        Und ich möchte sehr nachdrücklich darauf hinwirken, dass diese Befreiung von ethischen Kriterien beim Thema Kindesmißbrauch ja wohl endet.

      • Aber den Unterschied, ob sie davon phantasiert ein Kind zu missbrauchen oder ob sie ihrem Fantasie-Fick eine Missbrauchsvergangenheit andichtet erkennst Du schon?

      • @lh:

        »Aber den Unterschied, ob sie davon phantasiert ein Kind zu missbrauchen oder ob sie ihrem Fantasie-Fick eine Missbrauchsvergangenheit andichtet erkennst Du schon?«

        Natürlich – aber genau das ist doch das von Schoppe diskutierte Szenario: die Autorin dichtet ihrem Fantasie-Fick etwas an, und Millionen von Leserinnen (100 Millionen Auflage schon 2014) finden nichts dabei, sich dieser Fantasie anzuschließen. Dass in der Realität aus so einem Mißbrauch wahrscheinlich kein behutsamer, einfühlender SM-Dom entsteht, sondern ein mit Kampfsport überkompensierender, Frauen vermöbelnder Andreas Marquardt, das hat ziemlich sicher keine dieser Leserinnen auf dem Radar. Was diese Leserinnen stattdessen auf dem Radar haben, ist das sexistische Klischee, dass der Mißbrauch für den Jungen so etwas wie eine sexuelle Initiation darstellt. Christian Grey hat halt eine härtere Version davon erwischt, aber – cooool!! Das macht ihn doppelt sexy!

        Denn zugespitzt haben wir es mit der weiblichen Aussage zu tun: »Es interessiert uns nicht, was sexueller Missbrauch für männliche Opfer tatsächlich bedeutet. Und interessiert nur, welchen Nutzen wir aus dieser Fantasie ziehen können!« Und nun die Umkehrübung: wäre das anders herum denkbar? Rhetorische Frage, oder?

      • Denn zugespitzt haben wir es mit der weiblichen Aussage zu tun: »Es interessiert uns nicht, was sexueller Missbrauch für männliche Opfer tatsächlich bedeutet. Und interessiert nur, welchen Nutzen wir aus dieser Fantasie ziehen können!«

        Ganz richtig, aber so sind Frauen halt. Darüber muss ich mich nicht aufregen, sondern nur Konsequenzen ziehen. Und es gibt wirklich schlimmere Erscheinungsformen dieses weiblichen Denkens als einer Fiick-Fantasie eine Missbrauchsgeschichten-Fantasie anzuhängen.

        In Fantasien kommt niemand zu Schaden. Wenn man daher Fantasien moralisch bewertet, dann geht es dabei notwendig um Gesinnungsethik und Virtue Signalling und eben nicht die Verhinderung von tatsächlichem Leid oder so was. Denn letzteres gibt es dabei nicht. Gegen eine solche Ethik habe ich aber sehr grundsätzliche Bedenken. Denn offenbar ist ihr einziger Nutzen, sich über „den Sünder“ erheben zu können und eine Berechtigung zu bekommen, ihn schlecht behandeln, über ihn herziehen zu dürfen.

    • @lh:

      »Ganz richtig, aber so sind Frauen halt.«

      Diese Aussage fällt für mich unter die Inkommensurabilitätsthese, die ich ablehne (Diskussion darüber bei AE)

    • Ich schalte mich in diese Diskussion mal ein, auch wenn es dafür schon recht spät ist. Jetzt hab ich aber erst die Ruhe dazu, nachdem die letzte Woche sehr voll war.

      „Wenn er ihr also auftischt, dass er missbraucht wurde, dann ist das nur sein Vulnerability-Game. Er bietet ihr ein wenig Comfort.“ Dafür gibt es keinen Beleg. Erzählungen über eigenen sexuellen Missbrauch als Teil eines Game zu verwenden, wäre auch in sich wieder sehr extrem und erklärungsbedürftig. Ganz abgesehen davon, dass sexueller Missbrauch ein ungeeignetes Thema ist, um „Comfort“ herzustellen.

      Hinter dieser Interpretation steht ein bestimmtes Bild von Frauen. Frauen werden als eine Art von Maschine gesehen, bei der der Fachmann nur die richtige Art von Knöpfen drücken muss, um zu gewünschten Resultaten zu gelangen. Ich empöre mich gar nicht darüber („frauenfeindlich!!“), weil ich weiß, dass eine ganze Menge Frauen über Männer ebenso denken. Entspricht ja dann auch wiederum IHREN Erfahrungen. Frauen können z.B. sicherlich die Erfahrung machen, dass viele Männer auf weibliche Brüste reagieren wie eine Maschine auf einen Knopfdruck.

      Es erwartet nur eben viel zu wenig, wenn das alles ist. Ich würde schon von Männern wie von Frauen erwarten, dass sie in der Lage sind, sich nicht allein von Instinkten leiten zu lassen – sondern auch ein basales Vermögen zur rationalen Überlegung zu haben. Wenn Christian Ana von einer Erfahrung des Missbrauchs erzählt, dann mag sie ja Zweifel haben, ob das stimmt – aber die Erzählung ganz zu ignorieren und völlig auf die eigenen Bedürfnisse konzentriert zu sein, ist armselig.

      Daher bin ich auch derselben Meinung wie djadmoros weiter unten: Dass Frauen nicht in der Lage sein sollten, Männer zu verstehen, und umgekehrt – das glaube ich nicht. Es wird ihnen nicht alles präsent und nachvollziehbar sein – aber wer ÜBERHAUPT NICHT in der Lage ist, wesentliche Erfahrungen von einem Menschen des anderen Geschlechts zumindest einigermaßen einzuordnen, der bleibt in einer kindlichen Position auf sich selbst fixiert.

      So bleibt von der Verteidigung der „Fifty Shades“ gegen den Vorwurf, sexuellen Missbrauch zu verharmlosen, nur die Vorstellung übrig – dass von Frauen erwachsenes Verhalten eh‘ nicht zu erwarten sei. Die Vorstellung aber ist überhaupt nicht haltbar.

  • Es ist zwar schon etwas spät, aber vielleicht liest meinen Beitrag ja noch jemand:
    Obwohl ich die Bücher nie gelesen und den Film nicht gesehen habe, haben mir Freundinnen vom Inhalt erzählt. Und keine einzige hat den sexuellen Missbrauch eines Jungen durch eine erwachsene Frau heruntergespielt. Ich denke der Missbrauch nimmt im Gegensatz zu der Beziehung zwischen den Protagonisten rein umfänglich eine so untergeordnete Rolle ein, dass er „untergeht“ (mir fällt kein anderes Wort dafür ein. Untergehen klingt zu hart). Er wurde deshalb von meinen Freundinnen gar nicht angesprochen. Und keine von ihnen ist ein empathieloses Monster.
    Damit möchte ich sagen: würden die selben Menschen die von Fifty Shades begeistert sind, einen Film sehen oder ein Buch in die Hand bekommen in dem solcher/ähnlicher Missbrauch im Vordergrund steht und sogar verherrlicht wird, würden sie sich natürlich angewidert abwenden. Bei Fifty Shades geht es eben um etwas anderes…

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