Was hat Frau Funk eigentlich gegen alte weiße Männer?

Wie ich einmal ein unbekanntes Gedicht von Mirna Funk entdeckte

Kaum bin ich aus meinen Abitur-Korrekturen aufgetaucht, da merke ich auch, dass ich schon wieder eine Aufregung verpasst habe. Die Edition F. – Edition Frau, Edition Feminismus, Edition Frech, oder so – führt ein Gespräch mit der vormals weitgehend unbekannten Dichterin Mirna Funk – und plötzlich wird darüber spekuliert, ob das „F.“ nicht auch für so etwas wie „Faschismus“ stehen könnte, während sich Menschen über Frau Funk aufregen, die zuvor noch nie etwas von ihr gehört hatten. Was war passiert?

spd

„Wir müssen eine feministische Terror-Gruppe gründen und die alten weißen Männer aus dem Weg schaffen.“ Ob diese Herren damit gemeint sind? Würden sie jedenfalls wenigstens ab und zu mal Edition F. lesen, dann würden sie vermutlich nicht mehr gar so zufrieden in die Kameras schauen.

Sie hatte im Interview darüber spekuliert, dass die Zeit der alten weißen Männer vorbei sei, soziale Netzwerke weiblich seien, Frauen dort „narzissmus-frei“ kommunizieren könnten, während die Männer sich noch einmal kurz aufbäumten – „Wie ein Tier kurz vorm Tod.“ Damit das auch bestimmt niemand überliest, baute die Edition F. aus diesem Zitat auch den Titel des Textes:

Die alten weißen Männer bäumen sich noch mal auf – wie Tiere kurz vorm Tod.“

Nun ist es ja ein häufig zu beobachtendes Phänomen sozialer Kommunikation, dass viele Menschen Tiervergleiche übel nehmen – vor allem dann, wenn sie mit Todeswünschen kombiniert sind. Frau Funk legt zudem auch Wert darauf, dass sie den Tod der alten weißen Männer nicht nur mit interesselosem Wohlgefallen feststellt, sondern ihn sich herbeiwünscht.

Wir müssen eine feministische Terror-Gruppe gründen und die alten weißen Männer aus dem Weg schaffen.“

Nun ist die Wut junger oder mittelalter Frauen auf alte weiße Männer ja nicht neu. Als der bedeutende jüdische Historiker Fritz Stern, der 1938 mit seiner Familie gerade noch den Nazis entkommen war, im Mai 2016 neunzigjährig starb, kommentierte die Historikerin Anka Hájkova:

die alten straighten weißen Männer sterben. Nun können wir die Geschichte revolutionieren!“  

Die Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski gab sich im November desselben Jahres etwas friedlicher und schrieb:

Der weiße mittelalte heterosexuelle Mann gilt nicht mehr in allen Bereichen als unhinterfragbare erste und einzige Wahl.“

Damit habe er ein Problem, aus dem er aber ja vielleicht etwas lernen könne.

Ob boshaft, brachial oder bieder: In jedem Fall erscheint der alte weiße Mann als jemand, der lange Zeit wichtige Positionen besetzt gehalten hat, für den es jetzt aber an der Zeit wäre, sie jüngeren Frauen freizugeben. Das lässt sich natürlich auch ein wenig narzissmushaltiger interpretieren: Junge Frauen, die hochbegabt und revolutionär unsere Zukunft in sich tragen, würden längst unsere Geschicke leiten, wenn nicht die alten weißen Männer ihnen den Weg versperren würden.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese Position von vielen jungen und älteren Frauen geteilt oder auch nur gekannt wird – gleichwohl ist sie als wiederkehrendes Motiv erkennbar erfolgreich, warum auch immer.

Weshalb aber die Aufregung über Frau Funk, wenn sie doch eigentlich nur ein Motiv aufgreift, das schon lange in gesellschaftspolitischen Diskursen herumgeworfen wird? Glaubt etwa jemand ernsthaft, sie würde tatsächlich Terrorgruppen gründen und Männer töten wollen?

Bald nach der Veröffentlichung versuchte sich die Edition F. jedenfalls schon an Schadensbegrenzung. Der Tiervergleich wurde kommentarlos aus der Überschrift herausgenommen, die Forderung nach einer Terrorgruppe wurde ebenso kommentarlos mit der hinzugefügten Bühnenanweisung „(lacht)“ als Scherz markiert. Wozu das allerdings nötig war, verstehe ich nicht ganz – wenn ohnehin niemand die Forderung nach Terrorgruppengründung ernst genommen hat, warum ist dann diese nachgeschobene Entschärfung nötig?

Könnte es vielleicht sein, dass selbst die Edition F.-Verantwortlichen das Gefühl haben, so ganz vollständig ernst-frei sei die Äußerung nun doch nicht gewesen?

Jedenfalls wird nun das Klischee des harmlosen Weibchens bedient, das allerhand idiotische, gewaltsame oder verrohte Sätze sagen kann und das dabei doch niemals ernst zu nehmen ist. Für mich blieb etwas anderes irritierend. Zwar glaube ich nicht, dass Frau Funk für die nähere Zukunft tatsächlich die Beiseiteschaffung alter weißer Männer plant – aber allein schon die Tatsache, dass darüber öffentlich und ohne Konsequenzen Witze gerissen werden können, erodiert Empathie. Egal, was immer auch Männer erleben – sie sollen sich nicht so haben, es geht ihnen doch gut. Alles Spaß.

Dann aber dachte ich daran, dass Frau Funk doch eine Dichterin ist und dass es ganz falsch ist, ihre Sätze humorlos und stur wörtlich zu nehmen, als handle es sich dabei um Gebrauchsanweisungen. Es ist wichtig, andere Ebenen zu suchen als die oberflächlichen politischen, auf denen langweilige Menschen stur behaupten, wer über das Töten von Menschen rede, der rede über das Töten von Menschen.

Und als ich so noch überlegte, profitierte ich von einem großen Glücksfall: Ich fand ein Gedicht von Mirna Funk. Ganz ehrlich – ich habe dieses Gedicht nicht selbst geschrieben, sondern lediglich entdeckt.

(Zwar habe ich es genaugenommen in meinem eigenen Kopf entdeckt, aber es ist verfasst ganz in ihrem Sinne – was schon an den Bezügen auf ihr Interview deutlich wird.)

Frau Funk wird es sich sicher auch gern zuschreiben lassen – man hört nämlich, dass die alten weißen Männer aus der aspekte-Redaktion ihr für das Gedicht gern den aspekte-Literaturpreis zukommen lassen würden. Mit der Begründung, so wörtlich, dass dort

die humane Substanz ihrer vielverhetzten Äußerungen deutlich werde, die von Hatern im Netz so gern und kalkuliert übersehen worden ist.“

Die alten weißen Männer des deutschen Buchhandels erwägen gar eine Auszeichnung mit ihrem Friedenspreis, um – so wörtlich –

ein deutliches Statement zu setzen in einer Zeit, die sonst allzu sehr von Hass und Hetze geprägt ist.“

Ich bin also sehr froh, das Gedicht hier weltexklusiv präsentieren zu können. Mögen die, die sich jetzt noch über Frau Funk aufregen, daraus lernen und ein bisschen zur Ruhe kommen.

 

Vom Wegschaffen der Tierkadaver (lacht)

Tote alte weiße Männer
Sitzen in der U-Bahn rum,
Machen immer breite Beine,
Reden immer viel und dumm.

Schauen Frauen auf die Hintern
Und erklären dann die Welt.
Jeder nur ein Nebentierchen,
das sich für den Helden hält.

Und natürlich fragt sich niemand
Wem sie so die Welt versauen:
Schönen, guten, erz-humanen,
Wundertollen jungen Frauen!

Diese Frauen sind die Zukunft.
Grandios! Narzissmus-frei!
Weiblich sind soziale Netze,
Männlich ist: Wir sind vorbei.

Doch kaum freut sich eine Frau mal,
Weil ein alter Jude geht
Und (zu spät) den Posten freigibt,
Der schon lange ihr zusteht –

Und kaum wünscht mal eine Frau sich
Freundlich lachend Terror her,
Der mit alten Männern Schluss macht:
Macht MANN ihr das Leben schwer!

Da empören sich die Hater,
Wüten rottend gegen sie,
Schreien etwas von „Faschismus“ –
WHM verstehen nie:

Hass ist immer bei den Herrschern,
Während wir voll Liebe sind.
Hassende – Ihr werdet brennen,
Wenn die Liebe erst gewinnt.

 

Tatsächlich hat Robert Gernhardt all dies schon vor Jahren viel besser auf den Punkt gebracht – das würde sicher auch Frau Funk zugestehen. Noch so ein alter weißer Mann übrigens, bei dem es unendlich schade ist, dass er nicht mehr da ist.

  1. Porsche fahren ist übrigens bei Edition F. auch feministisch, gerade gestern gelesen. Vermutlich ist dort alles feministisch, was man gerade toll findet. Frage mich, was das Zielpublikum dieses Onlinemagazins ist: vermutlich die berühmt-berüchtigte liberale urbane Mittel- und obere Mittelschicht, die kosmopolitan, „weltoffen“ und vordergründig für viel Diversity ist, aber sonst etwa so kritisch ist wie die BLÖD. 🙂

    Antwort

    1. Porsche fahren ist ganz klar anit-kapitalistisch!

      Antwort

      1. Stümmt, Jetzt, wo Du es sagst, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Mirna Funk ist voll ab der Rolle. 🙂

        Mirna Funk
        „Porsche fahren ist Feminismus“
        http://www.deutschlandradiokultur.de/autorin-mirna-funk-porsche-fahren-ist-feminismus.970.de.html?dram:article_id=375087

    2. „Vermutlich ist dort alles feministisch, was man gerade toll findet.“ Ich glaube, das passt tatsächlich gut. Das Label „Feminismus“ wird gerade tatsächlich für alles Mögliche verwendet: Für Beyoncés sexy Selbstinszenierungen inmitten leichtbekleideter Frauen – für das islamische Kopftuch, das in islamischen Ländern zentrales Symbol der Unterdrückung von Frauen ist – für infantile Selbstdarstellungen erwachsener Frauen (Suzie Grime „Auf Klo“, Anne Wizoreks „Feminismus Fuck Yeah“, …) – für Tausende von Stellen in öffentlichen oder öffentlich finanzierten Institutionen – für die Verbreitung bekloppter Geschlechterressentiments („alte weiße Männer töten, hihihi“) – aber auch noch für sehr ernstzunehmende Positionen wie die von Elisabeth Badinter oder Camille Paglia.

      Eigentlich ist mit dem Label also gar nichts mehr anzufangen, weil es viel zu Unterschiedliches umfasst – ob es nun zustimmend oder ablehnend gebraucht wird. Es ist einfach ein Verkaufslabel – global assoziiert mit „Gleichberechtigung“ und „Emanzipation der Frau“. Ob aber das, was heute als Feminismus verkauft wird, damit tatsächlich etwas zu tun hat – das ist völlig unwichtig. So wie es in der Marlboro-Werbung ja auch immer völlig egal war, was denn nun eigentlich Zigaretten mit „Freiheit“ oder „Abenteuer“ zu tun haben sollten.

      Antwort

  2. Die alten weißen Männer des deutschen Buchhandels

    Hat da jemand Martin Schulz gesagt?

    Das mit dem Aspekte-Literaturpreis, der „shortlist“: Ich dachte, das sei ein Witz. Wieder mal reingefallen.

    Alte weisse Männer
    klingt für mich wie Penner
    sind verschlagen und gemein
    drum halten wir sie klein

    jaja, ich weiss, ich bin kein Dichter. Das beruht übrigens auf einem Missverständnis. Als ich noch klein war und in Windeln lag, erschien mir eine gute Fee und fragte mich, was ich werden wolle. Ich sagte, ich will dichter werden! 😦

    Antwort

    1. Egal, wie dicht Du bist – Goethe war dichter!

      Antwort

    2. mgtow vögeln

      ein überschriftiger umschlag um
      ein gedichtenklau von
      ernsten jandeln
      in kr“henf“ßen

      „von bank in belvedere

      steht da in gras ein amsel
      da nähern sich das amselbock
      von sankt elisabeth das clock
      irgendwann machen gong gong

      dies rühren nicht das amselpaar
      besser zu sagen das amselzwei
      denn zwischen ihnen das distanz
      schon überwunden noch nicht sei

      sie zweifellos ihn merken
      und das amselbock ebenso sie
      und er ein paar schritten jetzt machen
      und sehr gespannt sein das sein sie

      dann er machen den fortflug hops
      haben gesehen von das amsel genug
      und ich zu amselbock sagen brav mann
      du haben wie ich es hätten getan

      denn ein nähern sein ein sich ängsten
      doch ein fliehen ein sich ermutigen sei
      so ich hassen den längsten lebensteil mein
      und den blutigen sonnenschein ich fliehen“

      Fazit und Selbsterkenntnis:

      Ich wäre, ach, ein Dichter wohl?
      Ich reimte schräg! Ich reimte hohl!
      Ach, wäre ich ein Dichter noch:
      ich pfeifte auf dem letzten Loch!

      Antwort

    3. Zum Abschluss eine Wagenladung Klischees zum Thema »Starallüren«:

      (P.S.: da gibt’s englische Untertitel, ich hoffe, die muss man nicht manuell einschalten)

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