Abschied von den Grünen

tl; dr: Keine andere Partei entfernt sich in ihrem Selbstbild so weit von ihrer realen Politik wie Die Grünen. Um mit diesem Widerspruch leben zu können, greift die Partei auf eine politische Geschlechtermystik zurück.

Als ich noch zur Schule ging, hatte unsere Familie beim Mittagessen ein Ritual: Die Zeit des Essens und die Zeit hinterher verbrachten wir mit politischen Diskussionen, in denen meine Eltern sozialdemokratische Positionen vertraten und ich mit Positionen der Grünen dagegen hielt. Tatsächlich habe ich die Grünen wohl häufiger gewählt als jede andere Partei, bis heute – auch wenn ich sie nun schon eine ganze Weile nicht mehr wähle.

Darin übrigens bestätigen mich Grüne immer wieder selbst. Mark hat hier ja gerade erst das grüne Wahlprogramm analysiert und die Partei seinerseits als „unwählbar“ bezeichnet.  Vor einigen Tagen habe ich dann dieses Poster entdeckt:

läuft

Nun ist es natürlich grundsätzlich ein Beleg für Ressentiments und nicht für seriöse Politik, ganze Gruppen von  Menschen mit Kloschüsseln zu assoziieren – auch dann, wenn es sich bei diesen Gruppen um die FDP bzw. um Männer handelt. Mir ist allerdings auch klar, dass es vielen Männern schlicht zu blöd wäre, sich über so etwas aufzuregen. Das Plakat sagt gleichwohl viel aus über eine Partei, die es in anderen Fällen schon als „Sexismus“ geißelt, wenn ein Politiker eine Politikerin als „gut aussehende, schwarzhaarige Dame“ bezeichnet.

Ich wähle die Grünen auch deswegen nicht mehr, weil ich mir sicher bin, dass sie eben die Ressentiments brauchen, die sich in dem Plakat und in den offenen Doppel-Standards ausdrücken. Sie brauchen diese Ressentiments wiederum, weil bei den Grünen Selbstbild und reale Politik noch weiter auseinanderklaffen als bei allen anderen Parteien.

Einfach formuliert: Wer Grüne wählt, wählt eine Phantasie, keine reale Politik.

 

Was die Grünen mit Marlboro gemeinsam haben

Zweifel hätte ich natürlich schon haben müssen, als die Unterstützung Grüner für Pädophile Schlagzeilen machte. Damals aber habe ich das als überschießenden, fehlgeleiteten Idealismus abgetan, mit dem auch noch jede gesellschaftliche Randgruppe integriert werden sollte.

Stärker fiel es mir später dann auf, dass die Grünen gleich nach dem Beginn ihrer Regierungsbeteiligung Kriegseinsätze der Bundeswehr verantworteten. Der Einsatz war völkerrechtswidrig, hatte kein UN-Mandat,  und er war der erste Krieg, an dem sich die Bundesrepublik direkt beteiligte. Auch wenn die Zeit zehn  Jahre später gute Gründe für diesen „linken Krieg“ fand, hätte die grüne Haltung für ihre Unterstützer eigentlich unverzeihlich sein müssen.

Die Partei hatte gerade eben erst einen pazifistischen Wahlkampf geführt, im Wahlprogramm eine drastische Senkung der Militärausgaben (S. 10) gefordert und ausdrücklich eine „Zivilisierung und Entmilitarisierung der internationalen Politik“ (S. 134) sowie „verbindliche Verfahren zur politischen Durchsetzung der Menschenrechte und nichtmilitärischen Konfliktschlichtung“ (S. 135).

Ganz unzweideutig formulierten die Grünen einige Monate vor ihrem Beschluss zum Kriegseinsatz: „Militärische Friedenserzwingung und Kampfeinsätze lehnen wir ab.“ (S. 135)

Die Distanz zwischen grüner Selbstpräsentation und grüner Politik war so gigantisch, dass Joschka Fischer in einem durchaus zynischen rhetorischen Overkill sogar die Erinnerung an den Holocaust benutzte, um sie zu überbrücken.

Immerhin hielt die rot-grüne Regierung dann Deutschland aus dem irren Irak-Krieg heraus – das ist, neben dem Atom-Ausstieg, bis heute in meinen Augen ein großes Verdienst. Ganz im Widerspruch zum grünen Image, für eine irgendwie menschlichere, irgendwie linke Politik zu stehen, standen aber die Agenda-Reformen, also „Hartz IV und die rabiatesten Reformen des Sozialstaats“ – so wiederum die Zeit einige Jahre später.  Unter anderem fanden sich dadurch auch Menschen, die jahrzehntelang in die Sozialsysteme eingezahlt hatten, nach nur einem Jahr Arbeitslosigkeit in der Sozialhilfe wieder – so als ob sie niemals Beiträge geleistet hätten.

Die Reformen wurden nicht in offenen demokratischen Debatten entwickelt und diskutiert, sondern in einer eigens eingesetzten Kommission unter der Leitung des VW-Personalvorstands Peter Hartz. Das hat unter anderen die bizarre und einzigartige Folge, dass Deutschland seine Sozialsysteme heute ausgerechnet nach einem vorbestraften Automobilmanager benennt.

Der grüne Sonderparteitag stimmte diesen Reformen mit neunzigprozentiger Mehrheit und damit noch deutlicher als der SPD-Sonderparteitag zu.  Anders als die Sozialdemokraten aber sind die Grünen damit niemals in ernsthafte Schwierigkeiten gekommen. Es ist eben stillschweigend selbstverständlich, dass diese Partei eine Partei der Besserverdienenden ist – ohne dass dies das Selbstbild als irgendwie linke, humane Alternative zu anderen Parteien stören würde.

Was mich wiederum stört, ist nicht einmal, dass die Grünen eben keine radikal andere, radikal menschlichere Politik als andere machen – sondern dass sie und ihre Anhänger gegen alle realen Konsequenzen ihrer Politik an der Vorstellung festhalten, für eine solche humane Alternative zu stehen. Wer Grüne wählt, weil sie für eine irgendwie menschlichere Politik stünden – der agiert ungefähr so vernünftig wie jemand, der Marlboro statt Camel raucht, weil ihm viel an Freiheit und Abenteuer liegt.

 

Die Nutzbarmachung von Kindern

Das gilt auch auf Landesebene. Im bundesweiten Bildungstest, der die Kenntnisse neunter Klassen in Deutsch und den Fremdsprachen gemessen hat, stürzte das grün-rot regierte Baden-Württemberg gerade erst regelrecht ab.  Sicher hat die Regierung nicht innerhalb weniger Jahre die Substanz der baden-württembergischen Schulen zerstört. Es ist aber anzunehmen, dass der grün-rote, irritierend stark auf Sexualität fixierte Bildungsplan“ und die heftigen Auseinandersetzungen darum die Schulen erheblich belastet und verunsichert haben.

Dieser Bildungsplan hatte ganz unnötige Frontstellungen etabliert – und das wohl mit dem Kalkül, dass die Landesregierung sich so als progressive Kraft präsentieren könne, die sich entscheiden gegen reaktionäre Strömungen des Landes stellt. Damit hatte sie allerdings einem Schaukampf, der niemandem ernsthaft helfen konnte, den Vorzug vor einer Schulpolitik gegeben, die an den realen Erfordernissen der Schulen orientiert ist.

Auf kommunaler Ebene habe ich ähnliches erlebt – auch wenn ich natürlich weiß, dass das in anderen Städten und Gemeinden anders sein kann. Die Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, wurde über zehn Jahre lang von einem grünen  Bürgermeister regiert. Für eine ganz unnötige Straßenbahnverbindung wurden in dieser Zeit Hunderte von Bäumen gefällt, unter anderem eine alte, sehr eindrucksvolle Allee, die einmal auf beiden Seiten der Straße am Ortseingang stand. Gleich reihenweise gingen Geschäfte an der jahrelang bestehenden Baustelle pleite. Widerstand gab es gegen die Pläne zu Beginn allein in der CDU – bis die Partei vom damaligen Ministerpräsidenten Wulff eingenordet wurde, der auf EU-Fördergelder für die Straßenbahn spekulierte.

Die Grünen verhielten insgesamt nicht schlimmer als die anderen Parteien – aber sie waren eben auch kein bisschen besser, humaner, demokratischer oder ökologischer, und sie trugen über ihren Bürgermeister die wesentliche Verantwortung.

Das Selbstbild der irgendwie besseren Partei lässt sich nach meiner Erfahrung so auf keiner Ebene aufrechterhalten. Der Preis dafür ist sehr hoch, wenn die Grünen es trotzdem tun – beispielsweise dadurch, dass sie mehr als jede andere Partei Kinder für ihre Werbung benutzen.

Werbeplakat die Grünen

Kinder stehen hier offenbar für eine politische Unschuld, die mit einer irgendwie anderen, besseren Politik identifiziert werden kann. Ihre Nutzbarmachung für die Parteienwerbung ist aber nun einmal besonders zynisch bei einer Partei, in deren Umfeld sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche über Jahre hinweg systematisch verübt und aus der heraus diese Gewalt politisch unterstützt wurde.

Doch auch hier ist die Bilderwelt der Imaginationen und Selbstpräsentationen so weit von den realen Konsequenzen realer Politik entfernt, dass den Grünen der Zynismus ihrer Parteiwerbung gar nicht auffällt.

 

Vom Nutzen und Nachteil einer politischen Geschlechtermystik

Da aber das Selbstbild als irgendwie andere, irgendwie humanere Partei nicht durch reale Politik bestätigt werden kann, muss die Partei dieses Bild anderswo befestigen. Eine wesentliche Funktion hat dabei eine politische Geschlechtermystik.

Den eingangs zitierten scharfen polemischen Angriff auf die FDP, in der angeblich nicht genügend Frauen kandidieren würden, führen die Grünen so, als ob sie selbst auf diesem Gebiet keine Schwächen hätten.

Gerade erst hatten sie eine Urwahl ihrer Spitzenkandidaten als Farce inszeniert. Katrin Göring-Eckardt trat dort konkurrenzlos als einzige Frau an – und da niemand seine Stimmen an zwei der männlichen Kandidaten geben durfte, war sie faktisch schon gewählt, bevor die Wahl überhaupt begonnen hatte.

Während die CDU, die sich niemals zu einer Frauenquote durchringen konnte, seit über zehn Jahren eine parteiintern unangefochtene Kanzlerin stellt, schaffen die grünen Frauenförderer es nicht einmal, für eine zentrale Wahl mehr als nur eine Kandidatin zu finden.

Die Frauenquote sorgt bei den Grünen kaum für eine Steigerung des politischen Engagements von Frauen – der Frauenanteil liegt bei 38%, ist damit kaum höher als in der Anfangszeit der Partei und von 50% stabil weit entfernt. Quote und Frauenstatut sorgen jedoch dafür, dass die Partei sich nach außen hin als Frauenpartei präsentieren kann.

Politisch nutzbar aber wird dies jedoch erst durch eine korrespondierende, ressentimentgeladene Darstellung von Männern – und dies nicht nur in einzelnen Äußerungen wie der des stellvertretenden Hamburger Parteivorsitzenden Michael Gwosdz, dass alle Männer „potenzielle Vergewaltiger“ seien.

Zum Frauentag zelebrierten die Grünen Weiblichkeit als Zukunft, Männlichkeit als Vergangenheit: Männer haben Denkmäler, Frauen haben Zukunft.

gitte schoeller

Das bündelt gleich mehrere Ressentiments. Männer erscheinen hier als Machthaber, die dafür gesorgt haben, dass ihnen reihenweise Denkmäler gebaut werden – aber auch als erstarrt, bewegungslos. Dass Frauen im Unterschied dazu eine Zukunft haben, spielt auf den Topos vom „Ende der Männer“ an, der durchaus genüsslich von Hanna Rosin  berühmt gemacht wurde.

Das sind, ebenso wenig wie die Assoziation von Männern mit einem Pissoir, keine Entgleisungen, sondern überlegte Werbekampagnen. Frauen und Männer werden hier auf eine Weise dargestellt, als ginge es nicht um reale Menschen, sondern um allgemeine Ideen – und so lässt sich die kaum unterschwellige Gewaltsamkeit der Darstellung auch übersehen.

Frauen stehen hier für das, womit sich die Grünen seit Beginn ihrer Partei identifizieren möchten: für eine irgendwie andere, menschlichere und eben dadurch zukunftsträchtigere Politik. Männer hingegen stehen für das Traditionelle, Erstarrte, für Machtfixiertheit. Dass sich die humane Kraft des Weiblichen noch nicht überall zeigen konnte, lässt sich dann auch leicht erklären: Sie wird eben von den Bedingungen einer Männerherrschaft – noch – verdeckt.

Mit dieser politischen Geschlechtermystik fangen die Grünen den gigantischen Widerspruch zwischen dem Selbstbild einer anderen, humaneren politischen Kraft und den realen Konsequenzen ihrer realen Politik ein. Männlichkeit steht dabei immer für die Strukturen, die überwunden werden sollen. Selbst für die 62% der männlichen grünen Parteimitglieder repräsentiert sie das Andere, das, wovon sich die Partei abgrenzt, um ihr positives Selbstbild bewahren zu können.

Mit dieser Bildlichkeit aber überzeugen die Grünen zunehmend nur noch sich selbst – was angesichts der Selbstbezüglichkeit dieser Strukturen keine Überraschung ist. Als ich bei Twitter die grünen Geschlechterphantasien wieder auf reale Menschen bezog, war die Resonanz sofort relativ groß.

Besonders gefreut hat mich die Antwort einer Frau:

Das ist eben wesentlich realistischer als eine Phantasie, in der Vergangenheit, Hinfälligkeit, Erstarrtheit und Machtfixiertheit als männlich, Humanität und Zukunftsfähigkeit als weiblich imaginiert werden: Interessen von Männern und Frauen sind aneinander gekoppelt, und wer die Interessen der einen grundsätzlich verletzt, verletzt auch die Interessen der anderen. Vor allem verletzt er die Interessen der Kinder.

Das aber sind Überlegungen, die viel zu realitätsbezogen sind, als dass sie in der grünen Geschlechtermystik einen Platz finden könnten.

  1. Als dereinst die Piraten erwähnenswert waren wunderte mich immer wie Grüne es in Talkshows schafften diese konsequent wie Kinder zu adressieren. Also nur die Herren. Da wurde geduzt und in der Anrede der andere als ‚Jungs‘ herabgewürdigt, als sei dies eine selbstverständliche Form des Umgangs miteinander in einem öffentlichen Forum.
    Schade natürlich auch, dass sich die Piraten das Verhalten ihnen gegenüber nie verbaten.

    Antwort

  2. „Quote und Frauenstatut sorgen jedoch dafür, dass die Partei sich nach außen hin als Frauenpartei präsentieren kann. … Mit dieser Bildlichkeit aber überzeugen die Grünen zunehmend nur noch sich selbst“

    Das ist insofern konsequent, als inzwischen die Wählerschaft der Grünen klar von Frauen dominiert wird, s. z.B. die Darstellung der historischen Verschiebungen in der Wählerzusammensetzung von BW: http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/Service/Veroeff/Monatshefte/PDF/Beitrag16_06_05.pdf Frauenanteil dort zuletzt 55%. Nach meiner Erinnerung war die Wählerschaft der Grünen auch bei diversen anderen neueren Wahlen ähnlich frauendominiert.

    Die Wahlkampagne der Grünen war auch schon bei der BTW 2013 klar auf das „Marktsegment“ Frauen, i.d.R. im öffentlichen Dienst arbeitend, feministisch und mit FH-Abschluß, fokussiert. Dieser Klientel will man gefallen, daß man damit die geringen eigenen Chance in anderen Marktsegmenten weiter reduziert, ist nicht weiter schlimm.

    Konsequent wäre es, wenn die Grünen mit der Feministischen Partei DIE FRAUEN fusionieren würden. Programmatisch passen beide Parteien nahtlos zueinander, gemeinsamer Name sollte der Klarheit wegen „Feministischen Partei DIE FRAUEN“ sein.

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    1. @ mitm „als inzwischen die Wählerschaft der Grünen klar von Frauen dominiert wird“ Umso seltsamer ist es ja, dass die Parteibasis immer noch, und stabil, zum allergrößten Teil aus Männern besteht. Die grüne Urwahl war ja unter anderem auch deswegen so peinlich, weil sie den Eindruck erweckte, dass das Engagement von Männern in der Partei deutlich größer ist als das von Frauen: Drei Männer konkurrierten miteinander um einen Posten, während sich für den anderen Posten nur eine einzige Frau fand, die (ohne dabei lachen zu müssen) so tat, als würde auch sie an einer ernsthaften Wahl teilnehmen.

      Eigentlich pflegen die Grünen damit das Geschlechtermodell der klassischen, gehobenen gutbürgerlichen Ehe: Der Mann ist für die Arbeit zuständig, und damit versorgt er auch die Frau, die ihrerseits vorwiegend repräsentative Funktionen hat. Es ist skurril, dass eine solche Partei anderen beibringen möchte, wie moderne Geschelchterrollen aussehen sollten.

      Antwort

      1. „Geschlechtermodell der klassischen, gehobenen gutbürgerlichen Ehe:“

        Im Endeffekt läuft es darauf hinaus. Wobei das hier natürlich keine paarweisen Aushandlungen sind, sondern empirisches Wahlverhalten.

        Ich weiß jetzt nicht, welche Gründe die Grünen-Wähler (m bzw. w) dazu bewegen, nicht nur die Grünen zu wählen, sondern sogar Parteimitglied zu werden. Wenn es hier keine wesentlichen Geschlechtsunterschiede gibt, zeigt der Rückgang des Frauenanteils von 55% auf 38% ganz deutlich: Frauen sind weitaus seltener bereit als Männer, sich politisch aktiv zu engagieren, und zwar selbst dann, wenn 1. eine Partei intern eine Gender-Apartheit praktiziert und den Frauen alle erdenklichen Vorteile einräumt und wenn 2. die Frauen feministisch drauf sind, wovon ich bei den Grünen-Wählerinnen ausgehe.

        D.h. bei halbwegs normalen Verhältnissen (50% weibliche Wähler, keine Gender-Apartheit) ist mit einem Frauenanteil von unter 30% zu rechnen. Das relativiert den scheinbar niedrigen Frauenanteil unter den Parteimitgliedern der anderen Parteien.

  3. Frauen haben Zukunft, Männer gehören der Vergangenheit an. Was ein bescheuerter Beitrag zur Geschlechterdebatte! Zum Glück versenken sich die Grünen mit solchem Unsinn selbst in der Vergangenheit, denn sowas braucht nun wirklich niemand.

    Antwort

  4. Dazu meine 2¢ als ehemaliger Grünen-Stammwähler: über die Haltung zum Kosovo-Krieg kam es in meinem engsten Freundeskreis zu schweren Verwerfungen, weil ich zwar die begründende Rhetorik (und das konkrete militärische Vorgehen: erst Nothilfe geltend machen, aber dann erst mal eine Woche lang in aller Ruhe die serbische Industrie bombardieren) abgelehnt, den Krieg gegen Milosevic aber im Grundsatz für rechtfertigbar gehalten habe (es war ja »nur« ein russisches Veto, woran das UNO-Mandat damals scheiterte).

    Damals war ich auf der Seite von Fischer – weil mich die grünen Fundamentalisten schon seit längerem zur Verzweiflung getrieben hatten und ich Jutta Ditfurth auch mal live erlebt habe. Fischers Auschwitz-Analogie zu Srebrenica war zwar maßlos, aber innerhalb der inflationierten internen Moralkonkurrenz der Grünen wohl unausweichlich, um den Anspruch der grünen Fundamental-Pazifisten überbieten zu können. Insofern würde ich Fischers Analogie nicht so sehr als »zynischen Overkill« einschätzen, sondern als eine von der inneren Konfliktdynamik der Grünen getriebene »moralökonomische« Notwendigkeit.

    Die Diskrepanz zwischen programmatischen Ansprüchen und realpolitischem Verhalten bei den Grünen hatte meines Erachtens immer auch viel mit der strukturellen Spaltung der Grünen in »Fundis« und »Realos« zu tun – der programmatische Purismus war meistens der Brocken, den die Realos den Fundis hinwerfen mussten, um sie bei Laune zu halten, während (und damit) die »Realpolitik« was ganz anderes machen konnte. Die starke grüne Zustimmung zu den Hartz-Reformen wundert mich aber auch insofern nicht, als die Grünen immer schon eher den Mittelstand repräsentiert haben, insbeondere die (wie Bourdieu das nennen würde) kleinbürgerliche Klassenfraktion mit hohem Anteil an kulturellem Kapital.

    Auf den Punkt getroffen finde ich die Einschätzung der Funktion der »Frauenthemen«: »Männlichkeit steht dabei immer für die Strukturen, die überwunden werden sollen.« Das ist (wie ich schon einmal gebloggt habe) in meinen Augen tatsächlich ein funktionales Äquivalent zum Antisemitismus in seiner Entstehungsphase in Deutschland und Österreich am Ende des 19.Jahrhunderts. Es eignet sich zur Artikulation gefühlter, aber nicht verstandener Zusammenhänge. Und obendrein unterläuft und verhindert diese Art von symbolischer Repräsentation des »Schlechten« gerade dessen angemessene Analyse. Auf diese Weise sind »Frauenthemen« ein immerwährender Quell moralischer Legitimation für politische Akteure, die hinsichtlich ernsthafter Reformen nichts mehr auf die Reihe kriegen. Darum funktioniert dieses Muster auch parteiübergreifend.

    Da diese Art der »Moralökonomie« aber zum Wesenskern der Grünen als einer Partei des »moralischen Unternehmertums« gehört, ist es nur folgerichtig, wenn sie von einer Erosion dieses Musters besonders stark betroffen sind.

    Antwort

    1. @ djadmoros „den Krieg gegen Milosevic aber im Grundsatz für rechtfertigbar gehalten habe“ Es ging mir gar nicht um die Rechtfertigung dieses Krieges, das wäre noch einmal ein eigenes Thema – sondern um die Position der Grünen.

      Die hatten sich im Wahlkampf so eindeutig gegen Kriegseinsätze positioniert, dass es vor diesem Hintergrund schlichtweg nicht drin war, wenig später für einen Kriegseinsatz zu stimmen. Noch dazu war das ein Bruck mit der bisherigen deutschen Zurückhaltung – die Grünen waren hier gemeinsam mit der SPD Wegbereiter für eine Politik, gegen die sie mit ungeheurer Empörung auf die Straße gegangen wären, wenn Union und FDP sie betrieben hätten.

      Diese Schwenk betraf zudem nicht ein Seitenthema, sondern ein Kernthema der Partei. Vergleichbar wäre es, wenn die FDP nach einem Steuersenkungswahlkampf dann kurz nach der Wahl plötzlich bei einer Verstaatlichung der Schlüsselindustrien mitmachen würde. Es ist bis heute rätselhaft, wie die Grünen damit eigentlich durchgekommen sind.

      Wenn die Grünen denn den Krieg richtig fanden, dann gab es für sie eigentlich nur eine klare Möglichkeit: Nämlich deutlich zu machen, dass ihre Position im Wahlkampf falsch und haltlos war. Das aber hätte eine erhebliche moralische Depotenzierung – oder auch: moralische Abrüstung – bedeutet. Die Partei hätte sich eben nicht mehr als grundsätzlich pazifistische, irgendwie bessere und zivilere Alternative zu den anderen Parteien darstellen können.

      Was Fischer stattdessen gemacht hat, war eben das Gegenteil. Er hat in einem moralischen Überbietungswettkampf die Erinnerung an den Holocaust als größten verfügbaren Trumpf benutzt und die Erinnerung damit durchaus instrumentalisiert. Statt moralischer Depotenzierung eine noch weitere moralische Aufladung.

      Dabei wäre es eigentlich gut gewesen, einfach klarzustellen, dass es eben zu politischen Entscheidungen gehören kann, schuldig zu werden – egal, wie sie getroffen werden. Statt den Fundis Auschwitz entgegenzuhalten, hätte es vielleicht auch der Hinweis getan, dass ebenso auch Menschen schuldig werden, die vor politischer Verantwortung ausweichen, obwohl sie sie übernehmen könnten.

      Es wäre dabei allerdings unweigerlich deutlich geworden, dass die Grünen eben keine grundsätzlich reinere, humanere Alternative zu den anderen Parteien sind, sondern eine Partei unter anderen, grundsätzlich mit eben demselben Potenzial zur Inhumanität.

      Damit fängt es dann eigentlich erst an, interessant zu werden: Wie lässt sich denn auf dieser Grundlage eine humane Politik entwerfen? Eine sinnvolle Arbeitshypothese wäre es, davon auszugehen, humane Politik eben nicht dadurch entwickeln zu können, dass ganzen Gruppen von Menschen ihre Humanität abgesprochen wird.

      Antwort

      1. @djad @Lucas

        Einen Einspruch habe ich zu vermelden:

        Als die Bombardierung Serbiens begann, nämlich 1999, waren die sogenannten „Fundis“ bereits lange aus den Grünen ausgetreten.

        Ich würde das Ende der Fundis mit dem Austritt von Ebermann, Trampert und Ditfurth in den Jahren 1990/91 datieren.
        Und damit war der linke, bzw. „ökosozialistische“ Flügel der Grünen Geschichte.

        Gruß crumar

      2. Was Fischer stattdessen gemacht hat, war eben das Gegenteil. Er hat in einem moralischen Überbietungswettkampf die Erinnerung an den Holocaust als größten verfügbaren Trumpf benutzt und die Erinnerung damit durchaus instrumentalisiert. Statt moralischer Depotenzierung eine noch weitere moralische Aufladung.

        Genau deshalb halte ich die Grünen für erbärmlich. Es gab durchaus Gründe, um eine militärische Intervention zumindest ernsthaft zu erwägen. Ein Genozid, vergleichbar mit dem Holocaust fand aber nicht statt, Massaker hingegen schon. Mir zeigt das in aller Deutlichkeit, dass den Grünen nur eines wirklich wichtig ist: Ihr Selbstbild als die Gerechtertsten der Gerechten. Ihre Selbstgerechtigkeit, ihre Bigotterie – einfach unerträglich. Die Grünen sind die Erben der Frömmeler in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft. Kleinkariert und borniert, dogmatischer als die Katholische Kirche. Jede noch so unbedeutende Frage kann nur als Teil der Ideologie beantwortet werden.
        Fischer konnte nicht überzeugen, indem er auf Massaker verwies und deshalb eine militärische Intervention für nötig propagierte, nein, er musste den Holocaust und das „nie wieder“ anführen, damit die grünen Seelchen weiterhin ruhig schlafen konnten.

  5. Besser spät, als nie 😉

    Meine endgültige Abkehr von den Grünen wurde besiegelt, als ich nach der Schröder-Wahl die rot-grüne Koalitionsvereinbarung gelesen hatte (ich war im Vorfeld schon immer weiter von der Realo-Partei abgerückt). Deshalb überraschte mich der Kossovo-Einsatz kaum mehr. Die Irak-Verweigerung war die einzige Überraschung (immerhin eine positive).

    Gute Gründe für die ‚linken Kriege‘ sehe ich keine (s.u.). Ich will jedoch den rosa-grünen Parlamentariern zugute halten, dass diese wohl regelmäßig durch perfekt geplante und inszenierte geheimdienstliche PsyOps „kriegsreif“ weich geklopft werden (dank Wikileaks ist das zumindest für den Afghanistan-Krieg belegt, s.u.). Das ist zwar eine Erklärung, aber keine Entschuldigung!

    Geleaktes CIA-Dokument belegt Kriegspropaganda
    Mörderische Allianz von NATO und westlichem Feminismus
    „Krieg und Frauen haben sich medial endlich versöhnt!“. Der Politikwissenschaftler Jörg Becker über Feminismus und junge Mädchen in der politischen Propaganda zur Erhöhung der Kriegsbereitschaft
    https://www.heise.de/tp/features/Geleaktes-CIA-Dokument-belegt-Kriegspropaganda-3373777.html

    Siehe auch:
    Deutschlands Weg in den Kosovo-Krieg
    Es begann mit einer Lüge (WDR)

    Antwort

  6. Toilettenfetisch ist nicht nur grün, sie finden sich mit dieser Paraphilie in einem größeren Kreis, wie die Angebote auf diesen Suchbegriff zeigen. Nur was hat Stehpinkeln für Frauen noch mit Politik zu tun? Die Grünen bieten es jedenfalls an (<a href="https://perchtoldsdorf.gruene.at/themen/demokratie/frauen-fruehstueck-sa-6-mai-2017-um-9-30-uhr"siehe hier). Einen „pipifeinen“ Vormittag bieten sie an, wem da nicht das Frühstück im Halse stecken bleibt, der ist bei dieser Neurose richtig. Aber sich zugleich über versiffte öffentliche Toiletten mokieren, als wären es die Frauen nicht selbst, die ihre Toiletten in diesem Zustand hinterlassen. Und es wird auch nicht bei einer Toilette für alle besser werden, sondern nur für die Männer schlechter; denn deren Toiletten sind, wie jeder Klomann und seine Klofrau bestätigen werden, stets sauber und benützbar.

    Fazit, Toilettenpolitik ist für Männer nachteilig, weswegen sie grüne Frauen fordern!

    Ja, das sind die Sorgen, die eine dekadente Gesellschaft hat. 400 im alten Rom war es nicht anders, ehe die Goten und Vandalen einfielen …

    Antwort

  7. Tut mir leid, habe den Link nicht mit korrektem geschlossen, darum hier nochmal der Link zum pipifeinen Vormittag der Stehpinkler*innen: https://perchtoldsdorf.gruene.at/themen/demokratie/frauen-fruehstueck-sa-6-mai-2017-um-9-30-uhr

    Antwort

  8. Sollte man Leuten, die mit „Muschimützen“ auf dem Kopf rumlaufen und glauben, derartiges sei ein wertvoller Beitrag zur politischen Debatte, politische Verantwortung übertragen? Ich denke, nein, das sollte man nicht tun.

    Antwort

      1. @ Willibald Der verlinkte Text ist allerdings ein Sammelsurium an Klischees und Unterstellungen. „dass es bei der Psyche der Frau immer um Anpassung geht“ – „Daher sind Kriminelle, Gangster und Massenmörder immer attraktiver für Frauen, als hart arbeitende ehrliche Männer.“ – „Es ist auch ein Fehler des westlichen Mannes, der Frauen die Wählerstimme gab“ – „Als ein gleichgroßes Mitspracherecht in der politischen Sphäre eingeräumt wurde, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis unsere Gesellschaft in den Ereignishorizont des eigenen Zusammenbruchs hineingezogen wird.“ usw.usw.usw.

        Was daran deutlich wird: Wenn Ressentiments von rechts aus formuliert werden, sind sie nicht besser als die von links – und Ressentiments gegen Frauen sind nicht besser als Ressentiments gegen Männer.

      2. @Willibald, @Lucas:

        Beim »Schlüsselkindblog« hat mich es gegruselt: die Art der Blogposts ist nicht viel anders als bei den »Störenfriedas«. Exakt derselbe radikale (weibliche) Subjektivismus: »Männer sind so scheiße, wie ich das fühle!« bei den Friedas, »Ausländer sind so scheiße, wie ich das fühle!« bei den Schlüsselkindern. Sogar – trotz Berufung auf die Biologie – derselbe Konstruktivismus: »Sie und mach anderer echauffierter Kommentator … müssen lernen, dass die „Realität“, von der nicht nur sie hier schwadronieren, immer nur eine „gemachte und aufbereitete Wirklichkeit “ darstellt. „Fakten belegen“ bedeutet i.d.R. fast ausschließlich vorab von eindeutig „interpretierten“ (zensierten) Quellen zu zitieren.«

        Es gibt wenige Erleuchtete (»Lichtgestalten«) und ansonsten nur einen universellen Verblendungszusammenhang, der genauso total ist wie »das Patriarchat« bei den Friedas und anderen Radfems. Wer die Dinge anders sieht, wird zum »vom Establishment durchgeklonten Troll« abgestempelt. Was man an einzelnen Blogposts inhaltlich diskustieren könnte (zum Beispiel den verlinkten Artikel), wird durch eine solche »Diskussionskultur« zunichte gemacht, die im Grunde schon im Motto angekündigt wird: »If you don’t like what we post, don’t read it and carry your ass somewhere else«. Also nicht: »if you don’t like it, present your own arguments.« Sondern: »Just fuck yourself off!«

        Der einzige Unterschied zum Radikalfeminismus liegt in der unterschiedlichen Wahl des Weltfeindes.

        Snowflakes.

      3. @djadmoros Das fand ich beim Lesen ganz genau so. Und der Vergleich mit den Störenfriedas passt gut. Alle Probleme lassen sich dadurch erklären, dass man einfach eine Gruppe von Menschen findet, die daran Schuld sind. Hier wie dort.

      4. @Lucas, djad: „.. genauso total ist wie »das Patriarchat« bei den Friedas und anderen Radfems“.

        Da sind wir offenbar unabhängig von einander zur inhaltlich identischen Bewertung gekommen ;-), s. https://allesevolution.wordpress.com/2017/04/22/selbermach-samstag-235-22-04-2017/#comment-288798

  9. Ich komme zur Zeit morgens immer an diesem Plakat vorbei und frage mich, wie das wohl verstanden werden muss. Die Freiheit zu sichern ist sicherlich ehrenwert. Aber was heißt das für die Grünen. Sind die nicht die ersten, die einen gehässigen Kommentar abgeben, wenn die Polizei versucht hat, die Freiheit zu sichern?

    Abgebildet ist eine junge Frau mit ärmellosem Sommerkleid. Soll nur ihre Freiheit gesichert werden (so wie auf dem passenden Bild zum Thema Bildung nur Mädchen abgebildet sind)? Und welche Freiheit soll gesichert werden? Ihre Freiheit zum Tagträumen im Sonnenschein? Die Freiheit ein ärmelloses Kleid anzuziehen ohne Angst, belästigt zu werden?

    Wenn ich eine politische Kraft suchen würde, die meine Freiheit sichert, würden mir die Grünen nicht einfallen.

    Antwort

  10. In der NZZ lese ich gerade eine exzellente, zu diesem Blogpost passende Beschreibung der „tektonischen Verschiebungen“ in der deutschen politischen Landschaft:
    Rebellion gegen die linke Sonntagspredigt
    Gastkommentar von Reinhard Mohr 29.4.2017
    https://www.nzz.ch/meinung/intellektuelle-landschaft-in-deutschland-rebellion-gegen-die-linke-sonntagspredigt-ld.1289401

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