Kriminologie Väter

Mütter im Gefängnis: Opfer und noch einmal Opfer

Bild zeigt ein Gefängnis von innen.
geschrieben von: Mark Smith
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Frauen dürfen in unserer Gesellschaft offenbar nie Täterin sein. Auch wenn sie verurteilt wurden und im Gefängnis einsitzen, sind sie primär einmal Opfer der Umstände bzw. der Gesellschaft. Der Dok-Film „Double peine über Mütter im Gefängnis und deren Kinder reproduziert wieder einmal dieses Narrativ. Die Frage stellt sich sogleich: wo sind denn nun die Unterschiede zu den Vätern, die im Gefängnis einsitzen?!

Interview mit der Filmemacherin Léa Pool in der Frauenzeitschrift „annabelle“

Die Journalistin Miriam Suter von der Schweizerischen Frauenzeitschrift „annabelle“ hat sich in einem Interview mit der schweizerisch-kanadische Regisseurin Léa Pool über deren neusten Dok-Film „Double peine“ unterhalten. In diesem Film porträtiert Léa Pool inhaftierte Mütter mit ihren Kindern in den USA, Kanada, Nepal und Bolivien. Das Interview dreht sich insbesondere auch um die Frage, was sich am Justizsystem ändern muss, damit die besondere Situation von Müttern im Gefängnis und deren Kindern adäquat berücksichtigt wird. Das Besondere an dieser Situation (Mütter im Gefängnis) soll laut der Filmemacherin Léa Pool darin liegen, dass wenn Mütter ins Gefängnis müssen, ihre Kinder oft mitbestraft würden, zumal sie von der Gesellschaft geächtet, vom Justizsystem nicht genügend begleitet und vom Vater verlassen werden.

Bild zeigt ein Gefängnis von innen.

Die Botschaft des Filmes „Double peine“

Die Filmemacherin sagt dazu im Interview:

Ich will den Kindern eine Stimme geben. Ihnen einen Platz geben und zeigen, dass sie sich nicht schämen oder verstecken müssen. Und ich versuche aufzuzeigen, dass große Missstände bestehen. Viele Kinder von inhaftierten Müttern werden allein gelassen mit der Situation. Das Problem ist, dass man eine Mutter, die ins Gefängnis muss, nicht gleich behandeln kann wie einen Vater.

(…)

Ich habe während der Recherchen und der Dreharbeiten gemerkt, dass es einen grossen Unterschied gibt zwischen Müttern und Vätern, die zurückbleiben, wenn der Partner oder die Partnerin inhaftiert wird: Geht der Vater ins Gefängnis, bleiben die Mütter bei den Kindern zuhause und sorgen weiterhin für sie, gehen den Vater besuchen und so weiter. Plakativ formuliert: Geht die Mutter ins Gefängnis, verschwinden die Väter und lassen die Kinder allein. Je nach Land kommen die Kinder dann in ein Heim oder bleiben sogar bei den Müttern im Gefängnis. Das führt dazu, dass sie sich mitschuldig fühlen. Und das fällt auch auf die Mutter zurück, die gleichzeitig den Schmerz der Inhaftierung trägt und die Sorge um ihr Kind. Darum habe ich den Film «Double peine», Doppelter Schmerz, genannt.

Also: Der einzige Unterschied zwischen den Vätern und den Müttern, die im Knast sitzen, scheint zu sein, dass Väter die Kinder verlassen, wenn die Mutter einsitzt und falls der Vater inhaftiert ist, die Mutter sich um die Kinder sorgt. Das ist eine Behauptung der Filmemacherin und müsste mit empirischen Untersuchungen verifiziert bzw. falsifiziert werden und falls dem wirklich so ist, wäre den Ursachen dieses Phänomens nachzugehen und wie dies ev. verändert werden könnte.

Die Kinder müssen folglich ins Heim oder sitzen sogar mit den Müttern im Gefängnis ein, wenn diese straffällig werden. Dass Kinder desgleichen mit den Müttern im Gefängnis bleiben, dürfte vermutlich weder in Kanada, noch in den USA, noch in Europa der Fall sein. Ich denke, das dürfte eine Besonderheit in Bolivien und/oder in Nepal sein.

Dieser behauptete Unterschied soll nun also rechtfertigen, dass das Justizsystem straffällige Mütter anders behandelt als straffällige Väter. Straffällige Mütter sollen dementsprechend eine Sonderbehandlung vom Justizsystem erhalten im Vergleich zu straffälligen Vätern. Dieser Unterschied zwischen inhaftierten Müttern und Vätern soll nun außerdem dafür verantwortlich sein, dass Kinder anders auf diese Situation reagieren: Bei inhaftierten Müttern sind Kinder ebenso besonders betroffen. Wie wir weiter unten noch sehen werden, dürften  in Europa hier kaum Unterschiede vorhanden sein, was die Betroffenheit der Kinder anbelangt, wenn die Mutter oder der Vater inhaftiert sind.

Anders als der Vater soll die Mutter einen „doppelten Schmerz“ (double peine) haben: (1) Der Schmerz der Inhaftierung (was beim Vater nicht anders sein dürfte) und (2) den Schmerz um das Kind (auch das dürfte beim inhaftierten Vater nicht anders sein). Der Film baut dementsprechend mit seinem Titel (doppelter Schmerz) bereits auf einem mythischen Narrativ auf, das Unterschiede zwischen inhaftierten Vätern und Müttern propagiert, die in der Realität kaum vorhanden sind.

Die größten Probleme der Kinder von inhaftierten Vätern bzw. Müttern

Die Filmemacherin sagt im Interview:

Eines haben alle gemeinsam: Sie vermissen ihre Mütter. Aber natürlich gibt es Unterschiede. Für Mädchen im Teenageralter ist es zum Beispiel wichtig, dass sie sich mit ihren Mütter über Themen austauschen können, die sie als weibliche Teenies beschäftigen. Egal, ob schwerwiegend oder nicht.

Das dürfte bei inhaftierten Vätern nicht anders sein: Alle Kinder werden vermutlich ihre Väter vermissen und für Jungs im Teenageralter wäre es genauso wichtig, dass sie sich mit ihren Vätern über Themen austauschen können, die sie als männliche Teenies beschäftigen, egal, wie schwerwiegend diese sind. Aber es ist schon interessant: Die gendersensible Filmemacherin ist mal primär für ein Geschlecht sensibel; das männliche Geschlecht, die Väter und Jungen, werden nicht thematisiert und Gemeinsamkeiten bei Vätern und Müttern bzw. Mädchen und Jungen werden überhaupt nicht gesehen.

Die Besonderheit der straffälligen Mütter und deren Kinder

Die Filmemacher sagt im Interview:

Eins haben alle diese Länder gemeinsam: Bei gerichtlichen Entscheidungen wird der Fakt, dass eine Frau Kinder hat, stets außen vor gelassen. Das ist eine schwierige Diskussion. Frauen begehen in der Tendenz eher Verbrechen wie Diebstähle oder Drogenhandel, gerade in den Ländern, in denen ich gedreht habe. Und das rührt oft daher, dass diese Frauen selber Opfer sind – Opfer der Gesellschaft. Viele von ihnen sind arm und lassen sich zu einer Straftat verführen, weil sie damit etwas verdienen können. Stellen Sie sich vor, Sie sind Mutter und können ihr Kind kaum durchfüttern. Nun kommt jemand mit einem Angebot auf Sie zu: Schmuggel diese Drogen für mich über die Grenze und ich gebe dir dafür genug Geld, um dein Kind ein Jahr lang ernähren zu können. Würden Sie das ablehnen?

Der Fakt, dass inhaftierte Väter ebenfalls Kinder haben, wird folglich vom Justizsystem besonders berücksichtigt? Wie wir weiter unten noch sehen werden, ist dies keineswegs der Fall. Und die Unterschiede zwischen inhaftierten Frauen und Männern sind außerdem überhaupt nicht so groß, wie uns die Filmemacherin weiß machen will. Die gendersensible Filmemacherin sieht dementsprechend vor lauter Bäume (Besonderheiten) den Wald (Allgemeinheit) nicht mehr richtig.

Straffällige Frauen sind demzufolge primär einmal Opfer: Sie sind jedoch nicht bloß Opfer der Gesellschaft (Armut), sondern sie lassen sich außerdem noch verführen (sie werden dementsprechend gleichsam überlistet von den Umständen). Und auffallend: Frauen sind dabei nicht aktiv: „jemand kommt mit einem Angebot auf die Mutter zu“. Straffällige Mütter sind nur passiv, sie werden ja verführt, haben nie selbst einen Gedanken daran vergeudet, dass man mit Schmuggel Geld verdienen und man selbst aktiv werden könnte. Bei Vätern, die straffällig werden, sind die Umstände selbstverständlich vollständig anders als bei Müttern. Wenn Väter straffällig werden, dann machen sie das primär und in erster Linie aus Habgier, niedrigen Motiven und Selbstbereicherung, jedoch sicherlich nicht infolge Armut oder altruistischen Motiven. Der gendersensible Blick der Filmemacherin scheint mir ein bisschen unsensibel auf einem Auge zu sein.

Was sich ändern muss

Die Filmemacherin sagt im Interview:

Eine Mutter, die wegen Diebstahls im Gefängnis sitzt, hat zu mir gesagt: «Warum können sie uns nicht einfach elektronische Fussfesseln anlegen? So könnten wir trotzdem zuhause bei den Kindern bleiben.» Und vielleicht wäre das eine Möglichkeit. Natürlich ist das keine Universallösung, und ich bin auch dafür, dass man Mörderinnen mit Gefängnis bestraft. Aber man müsste die Frage stellen: Wie gefährlich ist die Frau für die Bevölkerung? Gäbe es auch eine andere Möglichkeit als Haft im Gefängnis? Zudem spielt der Faktor, dass in den entscheidenden Positionen vor allem Männer sitzen, auch eine Rolle. Ich bin überzeugt, dass die Lage anders wäre, wenn es mehr Frauen in den Regierungen und Gerichten gäbe.

Nichts gegen Fußfesseln, aber weswegen sollten hier bloß inhaftierte Mütter profitieren (Sonderrechte) und nicht desgleichen Väter? Also, der gendersensible Blick will hier vorzugsweise Vorrechte und Privilegien für Frauen einführen.

Das Gleiche kann man bei inhaftierten Vätern fragen und nicht nur bei Müttern: wie gefährlich diese überhaupt für die Gesellschaft sind?!

Also: Wenn in den entscheidenden Positionen (Gerichte und Regierung) Frauen sitzen würden, dann wäre klar, dass die Sonderrechte (rechtliche Privilegien) für straffällige Mütter bereits lange eine Tatsache wären. Soll wohl heißen: Solange das Patriarchat am Ruder sitzt, werden weibliche Sonderrechte bösartigerweise verhindert und deshalb Frauen an die Macht, damit Sonderrechte für Frauen eingeführt werden.

Die Situation inhaftierter Väter und Mütter und deren Kinder in Deutschland

Gemäß  t-online.de gibt es in Deutschland ca. 100‘000 Kinder, die davon betroffen sind, dass ein Elternteil inhaftiert ist. Dies dürfte bei 90-95% der Kinder der Vater sein, zumal der Anteil der Frauen an der Gefängnispopulation nur ca. 5-10% beträgt. Kinder von Strafgefangenen werden vielfach selbst diskriminiert und stigmatisiert, sie werden folglich für die Fehler ihres Vaters oder ihrer Mutter bestraft.

Eine europaweite auf Kinder fokussierte Studie, bei denen ein Elternteil im Gefängnis sitzt, ist nun diesem Phänomen nachgegangen, das lange vernachlässigt wurde. Bei rund 75% dieser Kinder werden psychische bzw. somatische Auffälligkeiten festgestellt wie Depressionen, Konzentrationsschwierigkeiten, Einnässen, emotionale Schwierigkeiten, Verhaltensstörungen oder Alpträume etc. Der Gefängnisaufenthalt hat dementsprechend für einen großen Teil der Kinder beträchtliche gesundheitliche Folgen und spezifische Betreuungsangebote sind spärlich vorhanden. Eine Lobby für diese Gruppe gibt es kaum, eine psychosoziale Betreuung der Kinder der Inhaftierten durch den Strafvollzug ist nicht existent. Vielfach ist es dem Zufall überlassen, wenn sich Schulpsychologen oder Jugendämter um sie kümmern.

Das heißt: Wenn die Mutter oder der Vater im Gefängnis sitzen, werden die Kinder und vielfach ebenfalls der andere Elternteil mitbestraft.

Fazit

Zumindest für Deutschland und einen großen Teil Europas dürfte der Dok-Film von Léa Pool „Double peine“ für Kinder von Vätern oder Müttern, die im Gefängnis sitzen, nicht repräsentativ sein. 90-95% der Kinder sind davon betroffen, dass ihr Vater im Gefängnis sitzt und nicht die Mutter und sie leiden demzufolge unter der Situation, dass der Strafvollzug bzw. das Justizsystem nicht adäquat auf die Inhaftierung einer Mutter reagiert, sondern er bzw. es reagiert nicht angemessen auf die Situation von inhaftierten Vätern und Müttern und deren Kinder. Die gendersensible Perspektive ist in diesem Fall äußerst unsensibel und verstellt den Blick auf die Gesamtproblematik. Vielmehr verdeckt der Film die Hauptproblematik von Kindern, deren Elternteil im Gefängnis einsitzt, zumal dies zu 90-95% den Vater betrifft, der inhaftiert ist und nicht die Mutter.

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10 Comments

  • Tja, wer Gerechtigkeit gegenüber einer Frau haben will muss selbst Hand anlegen.
    Das mag hart klingen, ist aber Teil der traurigen Wahrheit, die erklärt weshalb mit der Verzahnung von Feminismus in der Politik, die Zahl der von ihrem (in auswegsloser Situation gefangener) Partner getöteten Frauen zunahm.

    • „Tja, wer Gerechtigkeit gegenüber einer Frau haben will muss selbst Hand anlegen.“ Das ist nun echter Quatsch. Erstens eine Verharmlosung von Selbstjustiz, und die dann zweitens noch verbunden mit einem pauschalen Ressentiment (Frauen würden nicht bestraft).

      Wenn Richter zudem Frauen milder als Männer beurteilen, muss das nicht am Feminismus liegen. Es kann auch einfach ein altes, traditionelles paternalistisches Verhalten sein gegenüber Frauen, die einfach nicht wirklich ernst genommen werden – auch als Täterin nicht.

      „Der Feminismus ist schuld, wenn mehr Männer ihre Frauen umbringen.“ – Mit einer solchen Logik kann man nur die überzeugen, die schon überzeugt sind. Alle anderen werden das im günstigen Fall für Schwachsinn halten und im ungünstigeren Fall für gefährlichen Schwachsinn. Ein Mann, der eine Frau tötet, ist selbst verantwortlich für das, was er tut, und er ist ein Straftäter, kein Hersteller von Gerechtigkeit.

      • Ja? Ist das so Herr Männerrechtler?
        Was ist denn mit dem Mann, der vielleicht mit einer Gewalttäterin zusammenlebend bleiben muss, weil er sonst die Kinder in deren Händen alleine lässt.

        Der ist dann selbst Schuld, wenn nach Jahren der Kessel platzt und die Frau dann im Streit zu Tode kommt.

  • „Eine Mutter, die wegen Diebstahls im Gefängnis sitzt, hat zu mir gesagt: «Warum können sie uns nicht einfach elektronische Fussfesseln anlegen? So könnten wir trotzdem zuhause bei den Kindern bleiben.» “ Es ist erstaunlich, wie fest verdrahtet traditionelle Geschlechterbilder sind, die offenbar auch von den Machern des Dokumentarfilms nicht in Frage gestellt werden. Auch eine Straftäterin ist hier in allererster Linie – Mutter. Und die Strafe sollte nicht so gestaltet werden, dass sie ihrer EIGENTLICHEN Identität als Mutter in die Quere kommt.

    Warum sollte ein Mann das nicht ebenso sagen können? Ein Mann könnte eine elektronische Fußfessel bekommen mit der Auflage, sich nur zwischen Wohnung und Arbeitsplatz zu bewegen, und damit würde er auch seine traditionelle Familienfunktion erfüllen können.

    Insgesamt ist es ja tatsächlich sinnvoll, über Alternativen zu Gefängninsstrafen nachzudenken. Gefängnis ist teuer, es ist für die Resozialisierung sehr schlecht geeignet (es ist eher eine De-Sozialisierung), und es greift massiv in basale Rechte ein. Vorausgesetzt, dass jemand keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, wären Alternativen zur Gefängnisstrafe oft sicher sinnvoll.

    Und das ist für mich einer der wichtigsten Punkte des Artikels: „Die gendersensible Perspektive ist in diesem Fall äußerst unsensibel und verstellt den Blick auf die Gesamtproblematik.“ Große Teile des Problems werden durch die Fixierung auf Besonderheiten von Müttern im Gefängnis ausgeblendet – und, vor allem: Die Frage nach der Angemessenheit und Funktion von Strafe wird umgewandelt in einer Frage nach dem Geschlechterverhältnis.

    Und das wird dann auch noch in den bekannten Mustern dargestellt – EIGENTLICHE Straftäter sind Männer, die Frauen in die Kriminalität hineinziehen.

    Das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass eine Gender-Perspektive oft nicht nur wenig austrägt – sondern dass sie sogar ausgesprochen kontraproduktiv sein kann und wichtigere Perspektiven verdeckt.

    • „Insgesamt ist es ja tatsächlich sinnvoll, über Alternativen zu Gefängninsstrafen nachzudenken. Gefängnis ist teuer, es ist für die Resozialisierung sehr schlecht geeignet (es ist eher eine De-Sozialisierung), und es greift massiv in basale Rechte ein. Vorausgesetzt, dass jemand keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, wären Alternativen zur Gefängnisstrafe oft sicher sinnvoll.“

      Das ist ein interessantes Thema. Für Alternativen zu Gefängnis und Strafrecht wird ja z.B. im Kontext der Kritischen Kriminologie und der abolitionistischen Strafrechtstheorie argumentiert – m.E. z.T. mit guten Argumenten, (wobei es m.E. aber auch Grenzen der Funktionalität der alternativen Ansätze gibt).

      Der Psychologe und Anarchist Paul Goodman plädierte dafür, das Einsperren von Menschen als Sanktion auf gefährliche Gewalttäter zu beschränken und ansonsten alternativen Sanktionen und Streitregelungsmechanismen (z.B. Schadenswiedergutmachung oder gemeinnützige Arbeit) stets den Vorzug zu geben.

      Paul Goodman:

      „Das einzige rationale Motiv, jemanden einzusperren, besteht darin uns vor bösen Wiederholungstaten zu schützen. (…) Und was für einen Sinn gibt es, diejenigen Menschen in Gefängnisse einzusperren, die einmalige Untaten begangen haben, wie in den meisten Fällen von (…) Verbrechen aus Leidenschaft oder von Totschlag? (…) Sicher sollten die Menschen das Übel, das sie anderen zugefügt haben, büßen oder sühnen, ihre Schuld abtragen und dann „resozialisiert“ werden. Das passiert allerdings wohl eher, wenn man versucht, sie in der Gemeinschaft zu akzeptieren, statt sie zu isolieren (…).

      Es gibt gewohnheitsmäßige Gesetzesbrecher und „psychopathische Persönlichkeiten“, von denen man annehmen kann, dass sie ähnliche oder schlimmere Taten wieder begehen. (Solche Menschen wird es meiner Meinung nach unter allen gesellschaftlichen Bedingungen geben.) Es wäre unrealistisch davon auszugehen, dass die anderen Menschen darauf nicht panisch reagieren würden; deshalb müssen wir jene einsperren, damit sie nicht gelyncht werden. (…) Warum nicht ehrlich sagen: „Wir sperren euch schlicht darum ein, weil wir uns vor euch fürchten. Das ist nicht unbedingt persönlich gemeint, und wir bedauern euch. Also, wie können wir es so einrichten, dass es von euch aus gesehen so schmerzlos (…) wie möglich abläuft?“

      (Aus: Paul Goodman – Stossgebete und anderes über mich, EHP-Verlag, 1992, S. 97)

      Der Strafrechtstheoretiker Stefan M. Häßler argumentiert in seinem lesenswerten Buch „Abolitionismus. Vision oder visionäre Wirklichkeit Von der radikalen Idee bis zu den heutigen Modellen außergerichtlicher Konfliktschlichtung“ für die Anwendung außergerichtlicher Formen von Konfliktschlichtung und Wiedergutmachung für kriminelle Handlungen außerhalb des Spektrums schwerer Gewalttaten:

      „Täter-Opfer-Ausgleich und Wiedergutmachung sind Streitregelungsmechanismen ohne strafähnlichen Charakter, mit denen auf Strafe verzichtet wird. Die Wiedergutmachung und der Täter-Opfer-Ausgleich überlappen sich begrifflich und in der Praxis in weiten Teilen. Während der Täter-Opfer-Ausgleich als „eigenständiger Bereich der Mediation im Rahmen des Strafrechts“ anzusehen ist, stellt die Wiedergutmachung in Form eines materiellen Schadensausgleichs, als sogenannte Schadenswiedergutmachung im engeren Sinne, den „Kristallisationskern“ eines jeden Täter-Opfer-Ausgleichs dar. Mit der Schadenswiedergutmachung wird demnach der Erfolgsunwert der Tat beseitigt. Die Schadenswiedergutmachung stellt sich „als adäquater Inhalt des Ausgleichs“ dar und ist auf eine konkretisierbare Leistung gerichtet. Der Täter-Opfer-Ausgleich geht darüber hinaus, indem durch kommunikative interpersonelle Konfliktbereinigung auch die ideellen Tatfolgen ausgeglichen werden, die sich in Form von Ängsten, Wut, Trauer, Verständnislosigkeit oder Enttäuschung über das Geschehene zeigen.“

      (aus: Stefan M. Häßler – Abolitionismus. Vision oder visionäre Wirklichkeit. Von der radikalen Idee bis zu den heutigen Modellen außergerichtlicher Konfliktschlichtung, Dissertation.de-Verlag, 2006, S. 169 f.)

      Ich stimme den genannten Positionen von Paul Goodman und Stefan M. Häßler weitgehend zu.

      Jedoch scheinen bezüglich des Bereichs der schweren Gewalttaten alternative Sanktionsformen jenseits schwerer Strafen, einschließlich Gefängnisstrafen, in manchen Fällen nicht funktional zu sein (worauf Paul Goodman in dem Zitat ja auch hingewiesen hatte).

      Bei manchen Kategorien schwerer Gewalttaten scheinen schwere Strafen sich bislang besser zu bewähren als alternative Sanktionsmöglichkeiten.
      Der Gutachter Andreas Maneros, der u.a. zwei interessante Bücher zu rechtsradikalen Gewalttätern (sowie Bücher zu vielen anderen Deliktformen) verfasst hat, bemerkt hierzu:

      „Alle, ausnahmslos alle rechtsextremistischen Gewalttäter, die ich gesehen habe, zeigten als gemeinsame Merkmale die Angst. Sowohl in ihren Äußerungen als auch in unseren speziellen Untersuchungen zeigten sie Angst, Angst und nochmal Angst. Angst vor den Konsequenzen, die sie zu tragen haben, vor dem Gefängnis, in dem sie vielleicht für lange Zeit bleiben müssen. Sie haben Angst zu vielen Jahren Haft verurteilt zu werden. Und sie sind bereit, alles zu tun, um diese Konsequenzen zu vermeiden oder zu vermindern. Und um die Härte des Gesetzes zu mildern, sind sie bereit, zu leugnen, Schuld zu verschieben, ihren Tatanteil zu reduzieren, die Tat zu bagatellisieren. Sie haben höllische Angst. Auch dann, wenn sie das Gegenteil behaupten. Auch dann, wenn sie das Gegenteil grölen. Auch dann, wenn sie sich vor Gericht, auf der „Gerichtsbühne“ anders zeigen.

      Ich muss das hier eindeutig und klar und unmißverständlich sagen: Strafe auf Bewährung wird von rechtsradikalen Gewalttätern als Freispruch verstanden.
      Strafe auf Bewährung wird als Sieg gefeiert.
      Strafe auf Bewährung kann manchmal als eine Anstiftung zu neuen Straftaten verstanden werden.
      (…)

      Ich stelle nicht die guten Absichten des Richters in Abrede, wenn er zu der Entscheidung kommt, eine Strafe auf Bewährung auszusetzen. Vor allem bei den 15-, 16- und 17-Jährigen. Aufgrund meiner Erfahrung im Umgang mit Rechtsradikalen und aufgrund unserer Untersuchungsergebnisse muss ich jedoch feststellen, dass eine milde Strafe auf Bewährung die gegenteilige Wirkung haben kann. Nicht Abschreckung vor weiteren Taten, sondern Ermutigung dazu. (…) Mit der Bewährungsstrafe wird (…) die Waffe der Angst nicht richtig eingesetzt. Denn gerade die Angst der Rechtsradikalen, ihre Angst vor Haftstrafe, ihre Angst vor den Konsequenzen ihres Handelns, die sie in sich zu verschließen versuchen, muss genutzt werden. (…)

      Verwarnung oder Verurteilung zu „gemeinnütziger Arbeit“, soziale Maßnahmen, Reha-Maßnahmen – was auch immer als Alternative zu Haftstrafen denkbar ist -, all dies wurde bei den meisten hier erwähnten rechtsextremistischen Gewalttätern schon vorher eingesetzt. Die Biographien zeigen aber: mit wenig oder keinem Erfolg. (…)
      Nur harte Strafen beeindrucken rechtsextremistische Gewalttäter.

      Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Ich plädiere nicht für schärfere Gesetze. Nicht für restriktivere Gesetze. Die brauchen wir nicht. (…) Sondern ich plädiere für die vollkommene Ausschöpfung der Möglichkeiten, die das Gesetz schon jetzt vorgibt.“

      (aus: Andreas Maneros – Hitlers Urenkel. Rechtsradikale Gewalttäter – Erfahrungen eines wahldeutschen Gerichtsgutachters, Scherz Verlag, 2002, S. 195 f.)

      Man kann wohl davon ausgehen, dass Maneros Analyse neben schweren rechtsradikalen Gewalttätern auch noch auf andere Kategorien schwerer Gewalttäter zutrifft. Welche dies sind, wäre empirisch genau zu ermitteln. In solchen Fällen kann m.E. vernünftigerweise nicht anders argumentiert werden, als dass der Schutz der Bevölkerung hier Vorrang haben muss und dass schwere Strafen, einschließlich (je nach Schwere der Tat) Gefängnisstrafen, in entsprechenden Fällen zu rechtfertigen sind.

  • Wieder einmal wird ein eigentlich nicht genderbezogenes Problem lieber gegendert. als versucht, es zu lösen. Kennt man ja.

    Aber wer Anwalt straffälliger Frauen ist, kann nur dafür danken, dass „in den entscheidenden Positionen“ nicht mehr Frauen sitzen. Denn die dürften ihren Geschlechtsgenossinnen in der Regel mit weniger Beschützerinstinkt entgegen treten. Was die Dame also eigentlich beklagt ist, dass in den Positionen nicht mehr Feministinnen oder genauer gesagt, Sexististinnen sitzen.

  • Frauenfreundliche Doppelstandards gibt es in Deutschland im Familienrecht seit mindestens 35 Jahren. Das grundgesetzwidrige Fernhalten nichtehelicher Väter von der elterlichen Sorge ihrer Kinder wurde 2003 vom BVerfG ausdrücklich mit der „besonderen Situation“ nichtehelicher Mütter begründet.
    Bis heute müssen alle Väter sich das Menschenrecht, ihre Kinder vertreten und betreuen zu dürfen, von den Müttern oder Richtern absegnen lassen.
    2008 wurde im Unterhaltsrecht für Ehefrauen der – ebenfalls gesetzeswidrig in den späten 80ern sukzessive eingeführte – BGH-Grundsatz: „Einmal Arztfrau, immer Arztfrau“ aufgegeben – und 2010 abgeschwächt wieder eingeführt.

    Von besonderem „Leiden“ in der Rechtsprechung kann bei Frauen also keine Rede sein.

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