man tau-Wochenshow

Die man tau-Wochenshow vom 14. Mai 2017

Bild zeigt Xavier Naidoo
Xavier Naidoo
geschrieben von: Mark Smith

Nachfolgend findet Ihr eine Presseschau der letzten Woche und zwar Beiträge, die wir gelesen haben und selbst für lesens- oder überhaupt nicht lesenswert finden und gerade deswegen kommentiert werden sollten.

Auch wenn wir einen Artikel für lesenswert halten, heißt dies selbstverständlich nicht, dass wir allen Aussagen darin zustimmen und dasselbe Prinzip gilt umgekehrt für diejenigen Artikel, die wir nicht so toll finden: auch dort können Aussagen drin stehen, die wir befürworten. Wenn Sie diese wöchentliche Presseschau für hilfreich halten, dann bitte in den Social-Media-Kanälen teilen oder einfach Bekannten und Freunden weitersagen.

  • Karneval der Kulturen

Mexikanerkostüme und Rastazöpfe werden als inakzeptable „Cultural Appropriation“ gebrandmarkt. Hinter solchem Aktivismus steckt irregeleitetes Traditions- und Rassendenken.

Vorbei die Zeit, als man noch unbekümmert Indianer spielen durfte oder sich als solcher verkleiden. Wenn der Nicht-Indianer, pardon: Nicht-Native-American, zum Federschmuck greift, womöglich noch mit dem Kriegsbeil in der Hand, nennt man das neuerdings „Cultural Appropriation“. Das Political-Correctness-Lexikon der Studentenzeitschrift Unicum übersetzt den Begriff als „Aneignung kultureller Merkmale einer ethnischen Gruppe“.

Nach Mikroaggressionen, Safe Spaces und Trigger Warnings kommt auch dieser Trend von jungen identitätspolitischen Aktivisten an US-amerikanischen Hochschulen. Es sei problematisch, die traditionellen Insignien anderer Gruppen zu kopieren, da man sich so in Richtung Rassismus bewege oder jedenfalls die Gefühle Betroffener verletze. Hellhäutige Amerikaner hätten z.B. eine Art Erbschuld für die Ermordung von US-Ureinwohnern (offenbar selbst, wenn ihre Vorfahren erst später eingewandert sind) und daher sei einschlägige Kostümierung unstatthaft.

Quelle: novo-argumente

Anmerkung Mark Smith: Der Artikel ist zwar nicht von letzter Woche, aber einfach zu gut und deshalb sogar an erster Stelle. Unglaublich, was an den US-amerikanischen Universitäten immer wieder neu ausgeheckt wird. Der US-Imperialismus  und die mörderische Geopolitik der USA dürfte vermutlich an den US-amerikanischen Universitäten kaum ein Thema sein, umso lieber beschäftigt man sich dort mit Triggerwarnungen, Safe Spaces, Mikroaggressionen und neuerdings nun mit „Cultural Appropriation“. Verkehrte Welt oder die Welt spinnt!


  • Das „Twitter-Mädchen“ im Syrienkrieg

Bei der Rollenverteilung in Gut und Böse greifen erfahrene Spindoctors gerne auf kleine Mädchen zurück, die zuverlässig Sympathien für die leidende Partei und Hass auf die denunzierte Partei liefern (vgl. Geleaktes CIA-Dokument belegt Kriegspropaganda – Junge Mädchen in der politischen Propaganda).

Legendäres Beispiel ist „Krankenschwester Nayira“ die 1990 in einem Video heulend „bezeugte“, wie irakische Soldaten Babys aus Brutkästen geworfen hätten. Diese von Medienvertretern unkritisch aufgesogene Story bewirkte in der Öffentlichkeit eine Stimmung, die den USA das Bombardement auf die Ölfelder des Irak politisch ermöglichte. Tatsächlich waren die „Babys“ in Wirklichkeit Puppen, die „Krankenschwester“ die Tochter des kuwaitischen Botschafters. Regie dieser infamen Propaganda-Inszenierung führte die PR-Agentur Hill & Knowlton.

Während das Leben der nur inszenierten Babys damals immerhin für einen Kriegsgrund taugte, spielte die halbe Million echter irakischer Kinder, die durch das US-Embargo ohne Medikamente verreckte, für die westliche Wertegemeinschaft keine Rolle. Bill Clintons damalige Außenministerin Madeleine Albright kommentierte 1996 ungerührt, dieses Opfer sei es wert gewesen. Die zynische Kriegerin führt heute eine politische Beratungsfirma in strategischer Partnerschaft mit dem grünen Warlord Joschka Fischer, der den Deutschen den Jugoslawienkrieg verkaufte, und unterstützt Warlady Hillary Clinton, die lügend und lächelnd über Leichen geht.

Quelle: Telepolis

Anmerkung Mark Smith: Wichtiger Beitrag von Markus Kompa über Informationskrieg, Politische Kommunikation und Kriegspropaganda in Zeiten geopolitischer Aktivitäten im Nahen und Mittleren Osten.


  • Macron: „In fünf Jahren gibt es keine Gründe mehr, Extremisten zu wählen“

Nach der krachenden Wahlniederlage will Marine Le Pen den Front National zu einer neuen politischen Kraft mit neuem Namen umformen

Man kann nur hoffen, dass die Politik des neuen französischen Präsidenten besser ist als seine Reden. Zweimal hat Emmanuel Macron in der Nacht seines großen Erfolges eine Rede an le peuple français gerichtet. Einmal kurz nach 21 Uhr, dann, nicht ganz zwei Stunden später, an der Louvre-Glas-Pyramide vor einer größeren Menge seiner Anhänger. Beide Reden waren getragen von Pathos und inhaltsleeren Gemeinplätzen.

Zur ersten Rede wurde in der Fernsehdiskussion bei France 2 in der Politikerrunde angemerkt, dass Macron gut daran getan habe, jegliche Siegerattitüde zu vermeiden und sich verhalten zu präsentieren. Das sei staatsmännisch, so müsse ein Präsident auftreten. Bei der zweiten Rede war Macron etwas lockerer, er lächelte.

Quelle: Telepolis

Anmerkung Mark Smith: Für Thomas Parny sind vor allem die 12% leeren Stimmzettel und die 25% Enthaltungen ein klares Zeichen, dass die Mehrheit Macrons weniger überwältigend ausgefallen ist, als dies dem ersten Anschein nach macht.


  • Paris und Kiel: Die Sozialdemokratie endgültig auf dem Abstellgleis

Die beiden Wahlen von gestern zeigen erneut, dass Sozialdemokraten in ganz Europa eine höchst gefährdete Art sind. Begreifen sie nicht schleunigst, dass sie sich vollständig vom Neoliberalismus trennen müssen, ist ihr Schicksal besiegelt.

In Frankreich ist das passiert, was man erwarten konnte und ich will nicht wiederholen, was ich vor 14 Tagen dazu gesagt habe (hier). Der neue Präsident wird in wenigen Tagen in personeller Hinsicht darlegen müssen, wie sein neuer/alter Weg aussieht. Überraschungen sind nicht ausgeschlossen, aber nach allem, was man auch am Wahlabend von prominenten Mitgliedern seiner „Bewegung“ hören konnte, wird sein Programm in der Sache ein ziemlich trauriger Mix aus Angebots- und Nachfrageelementen sein, die sich niemals zu einer Strategie vereinen werden, mit der es gelingen kann, die französische Wirtschaft aus der Rezession oder gar aus der sklavischen Abhängigkeit vom unsinnigen deutschen Diktat in Sachen Wirtschaftspolitik zu führen.

Quelle: Makroskop

Anmerkung Mark Smith: Mein Lieblingsökonom Heiner Flassbeck über die Sozialdemokraten in Deutschland. Natürlich dürfte das Wunschdenken von Flassbeck sein, wenn er den Sozialdemokraten rät, sie sollten sich schleunigst vom Neoliberalismus verabschieden, sonst hätten sie überhaupt keine Zukunft mehr. Die Sozialdemokraten werden weiter wursteln wie bisher und die Wähler sollten sich eigentlich fragen, weshalb braucht es diese Partei überhaupt noch, wenn sie sich kaum von der CDU unterscheidet.


  • Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens

In Syrien geht es nicht um „Werte“, sondern um Interessen. Geopolitik ist dabei das Schlüsselwort. Sie erklärt, warum aus dem Aufstand eines Teils der syrischen Bevölkerung gegen das Assad-Regime in kürzester Zeit ein Stellvertreterkrieg werden konnte. Auf syrischem Boden kämpfen die USA und Russland, aber auch der Iran und Saudi-Arabien und nicht zuletzt die Türkei um Macht und Einfluss – schreibt Michael Lüders.

Kriege werden erzählt, nicht anders als Geschichten. Die jeweiligen Erzählungen bestimmen das Bild in unseren Köpfen, unsere Sicht auf Konflikte. Wir wissen, oder wir glauben zu wissen, wer schuldig ist und wer nicht, wer die Guten sind und wer die Bösen. Im Falle Syriens ist die vorherrschende Sichtweise in etwa diese: Das verbrecherische Assad-Regime führt Krieg gegen das eigene Volk, unterstützt von den nicht minder skrupellosen Machthabern in Moskau und Teheran. Die syrische Opposition, gerne als „gemäßigt“ bezeichnet oder als „das“ syrische Volk schlechthin wahrgenommen, befindet sich in einem verzweifelten Freiheitskampf, dem sich der Westen nicht verschließen kann. Andernfalls stünde seine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, würde er seine „Werte“ aufgeben, ja verraten. Längst hätten wenigstens die USA militärisch intervenieren sollen, im Namen der Freiheit!

Quelle: Die Freiheitsliebe

Anmerkung Mark Smith: Michael Lüders ist einer der wenigen Journalisten und Publizisten, der es wagt, ein anderes Narrativ über die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten zu erzählen, als dies sonst der Medienmainstream praktiziert.


  • USA: Landkreise mit einer Lebenserwartung wie im Sudan

Nach einer Studie nimmt in den USA nicht nur die Einkommensungleichheit zu, sondern auch der Unterschied in der Lebenswartung.

Wenn es größere Einkommensunterschiede innerhalb einer Gesellschaft gibt, kann dies verkraftet werden, solange die Schere zwischen den Superreichen und den Armen nicht zu weit auseinander geht und die Menschen am unteren Ende der Einkommensverteilung nicht abgehängt werden und in Armut versinken. Kaum erträglich scheint es aber, wenn dazu noch die Lebenserwartung nicht nur um Jahre, sondern sogar um Jahrzehnte auseinanderdriftet. Das ist so zwischen Ländern, aber auch innerhalb von Ländern. Wer Pech hat und in die falsche Schicht am falschen Ort geboren wurde, kann auch in den reichen Industriestaaten damit rechnen, mitunter 20 Jahre kürzer zu leben als jemand, der in einem reichen Haushalt aufwächst (Die reichsten Engländer können 19 Jahre länger gesund leben als die ärmsten). In Deutschland kann der Unterschied bis zu 10 Jahren betragen, die jemand kürzer bzw. länger lebt (Selber schuld: Arm, kränker und früher Tod ).

Quelle: Telepolis

Anmerkung Mark Smith: Mehr als 70% der Unterschiede in der  Lebenserwartung lassen sich durch Ethnie, Bildung und Einkommen erklären. Leider spielt im linksliberalen Mainstream ökonomisches und kulturelles Kapital kaum mehr eine Rolle, wenn es um Ungleichheit geht, weil ja andere identitätspolitische Kategorien Vorrang geniessen.

  • Ende der Political Correctness. Geht’s dem Anstand an den Kragen?

Rassistische und sexistische Bemerkungen werden in Wahlkämpfen eingesetzt. Experte Nobert Bolz zum Paradigmenwechsel.

SRF: Wie definieren Sie Political Correctness?

Norbert Bolz: Als politischen Moralismus und als Sprachhygiene: ein neues Jakobinertum. Es geht also um den Tugendterror von Leuten, die alle politischen Fragen zu moralischen Fragen verkürzen und alle Andersdenkenden dann vor ein Tribunal rufen. Das funktioniert über einschüchternde Sprachtabus, die eine allgemeine Verunsicherung darüber erzeugen, was man überhaupt noch sagen darf.

Die AfD-Politikern Alice Weidel sagte kürzlich, die politische Korrektheit sei auf den «Müllhaufen der Geschichte» zu werfen. Stimmen Sie ihr zu?

Das Problem ist: Wer der AfD in irgendeiner Sache zustimmt, macht sich in Deutschland zum Rechtsextremen.

Politisch korrekt bedeutet auch, keine rassistischen oder sexistischen Witze zu machen. Ist es denn Ihrer Meinung nach falsch, auf einen gewissen Anstand zu pochen?

Den politisch Korrekten geht es nicht um Anstand, sondern um eine Sprachpolitik, die Andersdenkende zum Schweigen bringt. In Amerika nennt man das «Silencing».

Quelle. SRF.ch

Anmerkung Mark Smith: Gutes und wichtiges Interview mit Norbert Bolz über Political Correctness als politischer Moralismus und neues Jakobinertum.


  • Eltern wollen traditionell leben

Laut einer Studie der Zeitschrift Eltern haben Familien andere Bedürfnisse, als sie oft von der Politik bedient werden.

Eltern in Deutschland klagen über Druck, ihre Kinder frühzeitig in eine Kita zu geben, anstatt sie selbst zu betreuen. Zudem wächst die Zahl derer, die eine traditionelle Rollenverteilung von Mann und Frau bevorzugen, ergab eine Studie.

Gemeinsam mit den Demoskopen von Kantar Emnid hat die Zeitschrift Eltern Familien zu deren Erfahrungen mit dem Spannungsfeld von Beruf und Familie befragt. Die wichtigsten Ergebnisse der repräsentativen Studie im Überblick:

  • 86 Prozent aller Befragten sind der Meinung, Familien müssten sich heute eher dem Arbeitsmarkt anpassen als umgekehrt.
  • 84 Prozent sagen, es werde von ihnen erwartet, ihr Kind möglichst früh in eine Kindertagesstätte zu geben.
  • Nur elf Prozent der Eltern wollen innerhalb des ersten halben Jahres nach der Geburt wieder arbeiten. 51 Prozent finden hingegen eine Babypause von mindestens zwei Jahren richtig.
  • Nur 29 Prozent geben an, mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf keine oder fast keine Probleme zu haben. 2013 lag dieser Wert noch bei 42 Prozent.

Quelle: Pro

Anmerkung Mark Smith: Politisches Establishment und Zivilgesellschaft wollen offenbar nicht immer dasselbe: geht vermutlich auch unter das Stichwort Maternalismus, wenn den Menschen nahelegt wird, wie sie am besten leben sollen.


  • Suzie Grime: „Ich habe von meiner Mutter gelernt, mir keinen Bullshit gefallen zu lassen“

Von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sind wir noch meilenweit entfernt, sagt Youtuberin Suzie Grime. Wir haben mit ihr über Hass im Netz und darüber gesprochen, wer sie in ihrem Leben besonders geprägt hat.

„Die Masse an Anti-Feministen und Trollen ist nicht langsam gestiegen, sondern nahezu explodiert“

Sie ist bunt, sie ist laut und sie schert sich nicht so sehr darum, was sie vermeintlich sollte und was nicht. Angesprochen wird einfach alles, was der Youtuberin Suzie Grime wichtig ist und sie beschäftigt – und genau deshalb ist  Mode ebenso ein Thema, wie Kiffen, Period Shaming oder Sexismus. Mit ihren Videos, die vor allem Spaß beim Zusehen machen, aber durchaus auch nicht vor politischen Themen zurückschrecken, erreicht sie ziemlich viele junge Menschen, denen sie damit aus dem Herzen spricht – aber leider auch ganz viele Trolle.

Quelle: Edition f

Anmerkung Mark Smith: Ich weiß zwar nicht, wie alt Suzie Grime ist, aber ich tippe, sie ist noch voll in der Adoleszenz. Als vordringlich erachtet sie, dass beispielsweise der Gender-Care-Gap geschlossen wird oder härtere Strafen bei sexualisierter Gewalt oder dass Männlichkeit neu definiert wird. Ich wüsste wieder einmal nicht, was es die Gesellschaft oder die Politik angehen, wie Privatpersonen ihre Haus- bzw. Sorgearbeit aufteilen; wie schon 100mal gesagt: Es ist keine Frau dazu gezwungen, mit einem Mann zusammen zu leben oder Kinder zu haben: alles freiwillig. Und was es die Gesellschaft oder die Politik angeht, wie jemand seine Männlichkeit aufbaut oder nicht aufbaut, modifiziert oder nicht modifiziert, geht ausserdem auch eine Suzie Grime nix an. Ich würde das alles unter dem Schlagwort Maternalismus subsumieren.


  • Der Sieg von Macron wird die Krise der EU vertiefen

Sieben Irrtümer über den Wahlausgang in Frankreich.

Allenthalben herrscht Jubel über den Ausgang der französischen Präsidentschaftswahlen – mit dem Sieg von Emmanuel Macron im zweiten Wahlgang am 7. Mai. Nicht nur bei den Bürgerlichen, im demokratischen und teilweise auch im linken Lager gibt es ein positives Echo. Natürlich hat der Wahlausgang den einen Aspekt: Die Kandidatin der extremen Rechten – eine Rassistin und eine Förderin des Neofaschismus – wurde nicht französische Präsidentin. Gut so! Doch sollten Demokraten und Linke das Ergebnis dieser Präsidentschaftswahlen mit Skepsis betrachten. Im Folgenden sieben Irrtümer bei der Bewertung der Wahl in Frankreich.

Quelle: Rubikon

Anmerkung Mark Smith: Sieben Irrtümer sieht Winfried Wolf bei der Bewertung des Sieges von Macron bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Ein Irrtum sieht er darin, dass die Linke immer noch davon ausgeht, dass die EU eine liberale und demokratische und friedensliebende Veranstaltung sei. Mit dem Sieg von Macron sieht er einen Steigbügelhalter der deutschen Kapitalinteressen und dem internationalen Finanzsektor, dies könne dazu führen, dass die EU quasi deutsch-national gekapert und zu einem Kerneuropa-Staat unter deutscher Vorherrschaft transformiert würde mit entsprechender Militarisierung. Dieses Szenario dürfte nicht so falsch sein, da Europa ökonomisch und politisch längst von Deutschland dominiert wird und bislang fehlt nur noch die entsprechende Militarisierung.


Xavier Naidoo und die Marionetten

  • Medienhetze gegen Systemkritik

Wenn ein prominenter Akteur den schmalen Pfad der politischen Orthodoxie verlässt, erschlagen ihn die Medien.

Xavier Naidoo ist einer der erfolgreichsten Sänger Deutschlands. Allerdings hat er einen Makel: Seine politischen Äußerungen missfallen einer Medienlandschaft, die sich Pluralismus auf die Fahnen schreibt, aber politische Meinungsvielfalt nur dann gutheißt, wenn sie sich in jenem engen Korridor bewegt, in dem die vorherrschende Sicht auf die Dinge als unantastbar gilt.

Gedanken zu einem Musterbeispiel bedenklicher journalistischer Einstimmigkeit.

„Marionetten“, das ist der Titel eines neuen Liedes von Xavier Naidoo und den Söhnen Mannheims. Das Stück handelt von Abgeordneten des Bundestages, die aus Sicht Naidoos Marionetten sind – Marionetten, an den Fäden von mächtigen Personen im Hintergrund.

Was diese Äußerungen für eine Medienlandschaft bedeutet, der Herrschaftskritik allenfalls noch als eigentümliches Relikt einer längst vergangenen Zeit bekannt ist, liegt nahe: Xavier Naidoo überschreitet, so der Tenor der derzeitigen Berichterstattung, eine Grenze – eine Grenze, die nicht hätte überschritten werden dürfen.

Und so formiert sich ein Journalismus, der anstelle von Aufklärung, Dialog und sachlicher Berichterstattung zu jenen Instrumenten greift, mit denen ein maximaler Grat an publizistischer Gewalt erreicht werden kann.

Quelle: Rubikon

Anmerkung Mark Smith: Xavier Naidoo hat offenbar wieder einmal etwas gesagt, was man in Deutschland nicht sagen sollte bzw. sagen darf. Am besten stimmt man dann in den Chor des Medienmainstreams ein oder man hält die Klappe, damit man selbst nichts vom Dreck abbekommt. Ich sehe die Sache jedoch so: Entweder ist eine Aussage durch die Meinungsfreiheit gedeckt und dann sehe ich nicht ein, weshalb dann quasi jemand medial mundtot gemacht werden soll oder sie ist durch die Meinungsfreiheit nicht gedeckt und wäre somit straf- oder zivilrechtlich zu ahnden. Marcus Klöckner bringt m.E. gute Argumente hervor, weshalb die Medien-Schlammschlacht gegen Xavier Naidoo deplatziert ist.

  • Xavier Naidoo und das „besetzte Land“

Wieder mal ist die Aufregung groß: Popstar Xavier Naidoo hat sich doch tatsächlich erneut politisch „rechts“ geäußert! Ein Skandal – so zumindest liest man es in diesen Tagen in vielen Medien. Sein aktueller Song „Marionetten“, in dem er Abgeordnete als „Steigbügelhalter“ und „Sachverwalter“ im Dienste von „Puppenspielern“ bezeichnet, lässt die Gemüter hochkochen. Keine echte Demokratie in Deutschland? Das kann ja wohl nicht sein!

Spiegel Online ist sich sicher: Der Sänger positioniere sich „endlich unverstellt als der rechtspopulistische Hetzer und Verschwörungstheoretiker, für den ihn viele schon lange gehalten haben“. Und für das Hamburger Abendblatt ist Naidoo „in Wirklichkeit vor allem wohl ein sehr deutscher Neurotiker“.

Quelle: NachDenkSeiten

Anmerkung Mark Smith: Auch Paul Schreyer kann dem Medien-Bashing gegen Xavier Naidoo nichts Positives abgewinnen und ist somit einer der Wenigen, die wieder einmal gegen den Strom schwimmen und zwar mit guten Argumenten.

  • Alles nur ein Missverständnis

Der Sänger hat den oberbürgermeisterlichen Demokratietest bestanden. Er darf weiter antisemitische Verschwörungstheorien trällern.

Nach dem Treffen zwischen dem Oberbürgermeister und den Söhnen Mannheims habe der Sänger Xavier Naidoo das Gefühl, „das Wort für die Kunst ergreifen zu müssen“, schrieb er am Dienstag auf seiner Facebook-Seite. Die Diskussion um den neuen Söhne-Song „Marionetten“ sei lediglich auf Missverständnisse zurückzuführen – bei dem Text handele es sich „um eine zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen, bewusst überzeichnet“.

Alles also nur Zuspitzung, Überzeichnung, Missverständnis. Eine klassisch relativierende Nicht-Entschuldigung. Die nichts wert ist, da Naidoo seit Jahren vollkommen bewusst mit genau den Ressentiments spielt, von denen er sich jetzt scheinheilig distanziert. Die übliche Ausrede nach Rassismus- und Antisemitismusvorwürfen ist auch dabei: Naidoo schätze sich glücklich, „viele Freunde jeglicher Nationalität und jeglichen Glaubens“ zu haben. Damit beweist er erneut, dass er kein Verständnis dafür hat, wie Antisemitismus funktioniert.

Quelle: taz

Anmerkung Mark Smith: Ganz anders sieht dies selbstverständlich die taz, die bei solchen Themen immer ganz genau weiss, was richtig und was falsch ist und vor allem, wer die Guten und wer die Bösen sind. Die Guten sind dabei bei der taz meist die, die eine hegemoniale diskursive Position vertreten. Die taz zeigt eigentlich schon längst auf, dass sie bei gesellschaftlich harten Themen wie Politischer Ökonomie, Geopolitik, Krieg und Frieden etc. längst zu einem Heuchler- und Mainstreammedium geworden ist, das sich bei diesen Themen nicht mehr gross von der BLÖD unterscheidet.


  • „Wir haben die Emanzipation nur halb gar gewollt“

Ein Gespräch mit Antje Schrupp über pseudofeministische Argumente, kurzsichtige Maßnahmen und warum nicht alle Frauen Ingenieurinnen werden müssen.

ZEIT ONLINE: Frau Schrupp, wie bewerten Sie die Frauenpolitik der Bundesregierung in den vergangenen vier Jahren?

Antje Schrupp: Ich glaube, die jetzige Bundesregierung unterscheidet sich nicht wesentlich von den 20, 30 Jahren davor. Grundsätzlich ist das Problem an allen politischen Maßnahmen zur Gleichberechtigung, dass sie nur einzeln geplant werden und nicht das große Ganze der Geschlechterverhältnisse im Blick haben.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Schrupp: Es geht meist nur um offensichtliche Ungerechtigkeiten. Wenn der Status der Frauen, die gesetzlich oder wirtschaftlich benachteiligt sind, lediglich an den der Männer angeglichen wird, löst das nicht das grundsätzliche Problem. Das ist gut an der Diskussion über den Gender Pay Gap zu sehen. Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern lässt sich zwar beziffern auf diese 20 bis 22 Prozent, aber die Ursachen für diesen Pay Gap sind vielseitig.

Auch die Einführung des Elterngeldes war kontraproduktiv. Was sich auf den ersten Blick gut anhört, bedeutet in der Umsetzung, dass Frauen mit guten Berufen und gut bezahlten Arbeitsplätzen mehr Geld vom Staat bekommen als arme Frauen. Der größte Skandal war aber, dass der Mindestbetrag von 300 Euro, den Hartz-IV-Empfängerinnen bekommen, nun auch noch mit Hartz IV verrechnet wird. Den armen Frauen ist das Elterngeld also gestrichen worden, während den reichen Frauen mehr Elterngeld gegeben wurde. Und das alles mit pseudofeministischen Argumenten, man wolle Frauen und Männer gleichstellen.

Quelle: ZEIT

Anmerkung Mark Smith: Antje Schrupp durfte auch wieder einmal ein Interview in der ZEIT geben. Mir ist ja Schrupp nicht sooo wahnsinnig sympathisch, aber hier im Interview macht sie doch noch einen relativ vernünftigen Eindruck und fällt nicht gleich in die Opferrolle, wie das sonst häufig bei den Medien-Feministinnen zu beobachten ist. Aber weshalb nun die Sorge- oder Carearbeit quasi auch noch durch die Politik durchdrungen werden soll, ist für mich völlig unverständlich. Wer wie viel Sorgearbeit leistet, geht den Staat primär nichts an und ist m.E. auch primär nicht die Aufgabe des Gemeinwesens, sondern privater Akteure. Erst wenn die privaten Akteure sich selbst nicht mehr helfen können, hat das Gemeinwesen subsidiär einzuspringen.


  • Will oder kann Schäuble nicht verstehen?

So ist das, wenn ein Mensch – wenngleich in hohem Alter – partout nicht lernen will: Er sagt immer wieder die gleichen falschen Sachen und macht sich lächerlich. Wie aber kann es sein, dass die Deutschen sich einen Finanzminister leisten, der Jahr um Jahr immer wieder Sachen sagt, die eindeutig falsch sind?

Und wie kann es sein, dass es in den gesamten großen Medien offenbar keinen logisch denkenden Menschen mehr gibt, der das Falsche auch falsch nennt? Und wie kann es sein, dass die kleinere Koalitionspartei das einfach hinnimmt, und zwar auch genau jetzt, wo es drauf ankommt, mit dem neuen französischen Präsidenten auf eine Weise zu reden, die Kommunikation unter vernünftigen Menschen ermöglicht und nicht sofort wieder Öl in das ohnehin lodernde europäische Feuer gießt.

Quelle: Makroskop

Anmerkung Mark Smith: Das eigentliche Problem der Eurokrise, der schlechten ökonomischen Entwicklung in Europa, der deflationären Tendenzen etc. sieht Flassbeck vor allem in der Austeritätspolitik und in Deutschland, das seit Jahren Lohndumping betreibt auf Kosten aller anderen Länder und dadurch einen exorbitanten Leistungsbilanzüberschuss hat. Was nach Flassbeck vermutlich den Euro und die EU auseinanderbrechen lässt. Ok, Flassbeck hat die Tendenz zur Schwarzmalerei, aber m.E. einer der besten Ökonomen auf der Welt. Wer ein bisschen mehr wissen will, soll sich doch mal das folgende Video anschauen.


  • Ohne Schwarzweiß-Malerei geht gar nichts mehr

Ein neues ideologisches Zeitalter

Wer Gutes über Russland berichtet, gilt als „Putinversteher“. Wer Probleme der Europäischen Union anspricht, wird zum „Europafeind“. Und zum „Globalisierungsgegner“, wer globale Missstände anprangert. Schriftsteller Bodo Morshäuser über Kampfbegriffe des Mainstream.

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde ein paar Jahre lang der Traum geträumt, das Zeitalter der Ideologien, Demagogie und Propaganda sei vorüber. Heute gehört diese Hoffnung der Vergangenheit an. Wir leben längst im nächsten ideologischen Zeitalter. Ohne Schwarzweiß-Malerei geht gar nichts mehr.

Wenn gegen globale Missstände demonstriert wird, für die die neoliberale Auslegung der Globalisierung verantwortlich gemacht wird, hören solche Demonstranten oft, sie seien „Globalisierungsgegner“. Obwohl die Mehrheit nur eine andere Art von Globalisierung als die bestehende will, und nicht vorhat, ihre in China gefertigten iPhones wegzuwerfen. Mit der Titulierung „Globalisierungsgegner“ soll genau dieser Veränderungswille bestritten werden.

Oder wenn gesagt wird, die EU, so, wie sie besteht, bringe zu viele Probleme und müsse verändert werden, kommt es häufig vor, dass selbsternannte „Pro-Europäer“ rufen, diese Kritiker seien „Europagegner“ oder „Europafeinde“. Obwohl Veränderungen der EU aus Sorge um ihren Weiterbestand gefordert werden. Aber genau das soll mit solchen Kampfbegriffen in Zweifel gezogen werden. Übrigens abgesehen davon, dass die EU nicht Europa ist.

Quelle: Deutschlandfunk Kultur

Anmerkung Mark Smith: Super Essay von Bodo Morshäuser über ein neues ideologisches Zeitalter, das vor allem mit Kampfbegriffen operiert und somit jegliche Debatte und Diskussion zum Scheitern verurteilt. Es geht dabei primär um diskursive Ausgrenzung und nicht um Habermasschen Diskurs bzw. Deliberation.


  • Trump erfüllt die Erwartungen – der Superreichen!

Was neben der US-Anti-Russland-Hysterie droht, übersehen zu werden: Donald Trump tut alles für die Superreichen – mit Erfolg.

Die NZZ kann frohe Botschaften verkünden: «Der Umsatz der im S&P-500-Index enthaltenen Konzerne dürfte in dem Zeitraum (1. Quartal, Red.) um 13% und der Gewinn um 9% gestiegen sein. Allen vorangestürmt waren die Konzerne der Technologiebranche, die trotz ihrer enormen Größe abermals beachtliche Umsatz- und Gewinnzuwächse verbuchen konnten.»

Man liest richtig: Die Umsatz- und Gewinnzuwächse stiegen «trotz» der enormen Grösse der Konzerne. Ist unser kapitalistisches Wirtschaftssystem denn so konstruiert, dass üblicherweise die Kleinen gewinnen?

Quelle: Infosperber

Anmerkung Mark Smith: Dass Trump und die Millionäre und Milliardäre gut zusammenpassen, dürfte kein Geheimnis sein, auch wenn ein großer Teil des politischen Establishments in den USA gegen Trump war. Trump war ein Quereinsteiger in die Politik und hat das politische Establishment übergangen, das war demzufolge ein interner Machtkampf zwischen einem Newcomer und dem politischen Establishment, aber sonst haben sie hinsichtlich der politischen Inhalte mehr oder weniger das Heu auf der gleichen Bühne. Dementsprechend: Den kleinen Leuten wird es in den USA unter der Präsidentschaft Trump nicht viel besser gehen oder dann höchstens auf Kosten der peripheren Länder dieser Welt.

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5 Comments

  • Ich mag den Xaver mit seinen christlichen Jammerballalladen ja gar nicht.
    Aber die Zusammenrottungen auf Diaspora zum gemeinsamen Gepöbel ( eigentlich reines Mobbing, aber da Naidoo wohl kaum auf Diaspora vertreten ist, fällt die direkte Schädigung weg ) gingen mir dermaßen auf den Sack, daß ich mich kurzfristig entschlossen habe ( sozusagen OT, da eigentlich gar nicht mein Interessenbereich ) meine 2 Groschen auch noch dazuzuranten.
    Klickst Du hier:
    https://fietes2groschen.blogspot.de/2017/05/je-suis-naidoo.html

    Bei Antje Schrupp fällt mir auf, daß in den letzten paar Jahren bei externen Interviews anfängt Zurückhaltung zu üben, nicht wirr drauflos zu blubbern und eigentlich gar nichts klares mehr zu fordern.
    Ob das ein Fortschritt ist, ich weiß es nicht. Ich vermute eher, sie braucht die Publicity, die ihr Prinzessin-auf-der-Erbse-Geschreibsel und ihre 80%-Quoten-Forderungen immer wieder mit dem Hintern umreißen.
    Insofern natürlich schon ein Fortschritt im Sinne einer leichten Disziplinierung.

  • Suzie Grime ist laut bento vom Oktober 2016 25 Jahre alt. http://www.bento.de/tv/youtuberin-suzie-grime-hat-stress-mit-dem-lka-919178/ Es ist zur Zeit ja relativ normal, dass sich erwachsene Menschen bewusst als pubertär inszenieren. Es hängt vielleicht mit dem Medium zusammen, Youtuber werden nun einmal vor allem von Kindern und Jugendlichen zu Stars gemacht.

    Xavier Naidoos Lied finde ich sehr simpel in seinen Ressentiments gegen die Politik. Die Reaktion darauf ist aber noch aus einem weiteren Grund interessant: Eben das, was Naidoo vorgeworfen wird, gehört seit Jahrzehnten zu Basisklischees linker Politik.

    Die Unterstellung beispielsweise, dass Politiker nur Marionetten des Großkapitals seien. Der Glaube, dass sie die Bevölkerung nicht vertreten, sondern gegen sie agieren würden („Volks-in-die-Fresse-Treter“ heißen die Volksvertreter in Lied). Die unterschwellige oder offene Ankündigung, dass diese Verhältnisse umgestürzt würden. Die Rede von „Babylon“ ist zudem Standard im Reggae.

    Die Söhne Mannheims wenden sich immerhin noch direkt an die „Volksvertreter“ und geben sich – bei Einsicht – gesprächsbereit. Das ist deutlich harmloser als zum Beispiel das, was Ton, Steine, Scherben gesungen hat (Managerin: Claudia Roth). „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wendet sich nicht einmal mehr an DIE DA OBEN, sondern nur noch an, die, dich sich ihnen entgegen stellen, gern auch mit Gewalt. Im Rauch-Haus-Song singt dann „Mensch Meier“: „Wenn die das Rauch-Haus wirklich räumen, bin ich aber mit dabei / Und hau den ersten Bullen, die da auftauchen ihre Köppe ein.“

    Das Lied Naidoos ist dämlich, aber ich finde auch einen großen Teil deutschsprachigen Hip-Hops textlich dämlich, und früher schon fand ich Naidoos Texte ziemlich schwer erträglich. Die Reaktion darauf aber ist interessant, sie zeigt die Hilflosigkeit einer heutigen, oft gut etablierten Linken, darauf zu reagieren, dass ihre Rhetorik und ihre Topoi von Rechten ziemlich reibungslos übernommen werden können.

    Diese Hilflosigkeit hängt auch mit fehlender Ehrlichkeit zusammen: Wer im Marsch durch die Institutionen längst flächendeckend angekommen ist, ist eben kein Revoluzzer mehr und kein „Systemkritiker“, sondern selbst Bestandteil des Systems, gegen das andere sich wenden.

    Da schließt sich dann vielleicht der Kreis zu Grimes pubertärer Selbst-Inszenierung im öffentlich-rechtlichen FUNK-Projekt: Die Infantilität lenkt eben davon ab, dass sie längst Teil eines Establishments ist, das vor allem – langweilig ist.

    • @ Lucas Schoppe

      „Das ist deutlich harmloser als zum Beispiel das, was Ton, Steine, Scherben gesungen hat (Managerin: Claudia Roth). „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wendet sich nicht einmal mehr an DIE DA OBEN, sondern nur noch an, die, dich sich ihnen entgegen stellen, gern auch mit Gewalt. Im Rauch-Haus-Song singt dann „Mensch Meier“: „Wenn die das Rauch-Haus wirklich räumen, bin ich aber mit dabei / Und hau den ersten Bullen, die da auftauchen ihre Köppe ein.““

      Genauso wie große Denker manchmal leider auch großen Unsinn reden können, können auch große Künstler manchmal schlechte Kunst – in diesem Fall eine dumme Gewaltphrase – produzieren.
      Und trotzdem sollte die notwendige Kritik in beiden Fällen m.E. nicht dazu führen, ihre Leistungen und Errungenschaften zu übersehen.

      Ich hoffe, ich darf mir erlauben, die Sache etwas zu kontextualisieren und trotz der berechtigten Kritik an der genannten Textpassage des „Rauch-Haus-Songs“, die ich ebenfalls ablehne, meine anarchistischen Genossen (die ich leider nie persönlich kennengelernt habe) zu verteidigen .

      Songs von Ton Steine Scherben und Rio Reiser haben in sehr seltenen Fällen mißlungene Texte (wie bei der genannten Passage des Rauch-Haus-Songs), dafür aber viele, viele großartige Texte. Rio Reiser war unter anderem dazu in der Lage anarchistische Ideen in einer Art und Weise in Songtexte umzusetzen, wie es, zumindest im deutschsprachigen Raum, sonst niemand konnte.

      Dies mag für dich als Sozialdemokrat wenig Relevanz haben, für Mitglieder der anarchistischen Bewegung hat es diese aber.
      Ich persönlich halte viele Texte von Ton Steine Scherben und Rio Reiser für wichtiger als Regalmeter an links-intellektueller Literatur (was nicht heißt, dass ich letztere nicht ebenfalls schätzen würde).

      Ich möchte nun zwar nicht die Unterschiede zwischen sozialdemokratischer und anarchistischer Perspektive auf die herrschende Klasse, die in deinem Kommentar mitschwingt, im Detail analysieren, möchte aber zumindest kurz erwähnt haben, dass ich durchaus der Ansicht bin, dass die anarchistische Theorie gute Gründe für die Annahme hat, dass Mitglieder der politischen und ökonomischen Herrschaftseliten im Regelfall durch rationale Argumente nicht zu erreichen sind. Das hat gemäß anarchistischer Theorie sowohl evolutionär-psychologische als auch soziologische Gründe, die wir Anarchisten für empirisch reichhaltig bewährt halten. Es handelt sich dabei keineswegs um unreflektiertes Schwarz-Weiß-Denken.

      Kommen wir zuerst zu dem Song „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Man muss dies keineswegs zwangsläufig als gewaltsam interpretieren und falls man dies doch tut, kann es zumindest naheliegend sein, Gewalt gegen Menschen dabei auszuschließen.

      Viele Anarchisten denken bei dieser Textpassage eher an die bekannte Formulierung Michael Bakunins, dass eine soziale Revolution sich gegen Stellungen und Positionen, aber nicht gegen Menschen richten sollte. Zu zerstören seien die gesellschaftlichen Strukturen, die Herrschaft und Ausbeutung erzeugen, während die Menschen zu schonen seien.

      In diesem Sinne war es z.B. in den anarchistisch kontrollierten Regionen während des Spanischen Bürgerkriegs oftmals den ehemaligen Kapitalisten erlaubt in den nun kollektivierten und basisdemokratisch kontrollierten Betrieben als gleichberechtigtes Mitglied weiter mitzuarbeiten, (oftmals sogar in einer koordinierenden Funktion).

      In anarchistischer Perspektive sind es primär bestimmte gesellschaftliche Strukturen und Organisationsformen, die die Menschen „kaputt machen“, oder wie es der deutsch-jüdische Anarchist Gustav Landauer in Bezug auf den Staat formulierte:

      „Einen Tisch kann man umwerfen und eine Fensterscheibe zertrümmern; aber die sind eitle Wortemacher und gläubige Wortanbeter, die den Staat für so ein Ding oder einen Fetisch halten, den man zertrümmern kann, um ihn zu zerstören. Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält.“

      Nun gab es in den 70er Jahren in der damaligen linken Szene leider auch Personen, die den Song „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ tatsächlich als gewaltlegitimierend deuteten und im Anschluss an das Abspielen des Songs randalierten.
      Ton Steine Scherben reagierten darauf, indem sie das Stück nicht mehr spielten:

      „Die Scherben hatten immer weniger Lust „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, zu spielen, der Song war einfach zu agitatorisch, zu destruktiv (…) Auch Norbert Krause, der Textdichter hatte sich inzwischen von seinem Werk distanziert.“

      (aus: Kai Sichtermann, Jens Johler, Christian Stahl – Keine Macht für niemand. Die Geschichte der Ton Steine Scherben, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2000, S. 84)

      Der „Rauch-Haus-Song“ entstand zu einer Phase als die Mitglieder von Ton Steine Scherben viel mit der linken Szene der Hausbesetzer zu tun hatten und viele Leute kannten, die Erfahrungen mit Polizeigewalt gemacht hatten. Wie sich solche genau abgespielt hat, kann ich nicht beurteilen, es wäre eine Aufgabe für Historiker sorgfältig für die entsprechenden Kontexte zu rekonstruieren von welcher Seite jeweils die Gewalt ausging, wie darauf reagiert wurde, ob sie sich gegenseitig hochgeschaukelt hat usw.

      Gleichzeitig gab es damals die Gruppe Bewegung 2. Juni, die den m.E. gravierenden Fehler machte, an die ethisch wie pragmatisch nicht zu rechtfertigende traditionelle Strömung des insurektionalistischen Anarchismus (d.h. bewaffneter Kampf) anzuknüpfen anstatt zu versuchen die konstruktive Tradition des Anarchismus, nämlich den Massen-Anarchismus wieder zu beleben. Zwei Mitglieder der Bewegung 2. Juni waren damals von der Polizei erschossen worden, Thomas Weisbecker und Georg von Rauch. In der linken Szene ging das Gerücht um, beide seien unbewaffnet gewesen, als sie erschossen wurden, was nach heutigem Kenntnisstand m.W. aber als zweifelhaft erscheint.
      In einem Teil der damaligen linken Szene war die Vorstellung verbreitet, der Staat würde mit immer gewalttätigeren Mitteln gegen linke Oppositionelle vorgehen. Und es war in dieser Atmosphäre von Paranoia, in der auch die Mitglieder von Ton Steine Scherben zeitweise die Auffassung akzeptieren, dass z.B. Gewalt gegen Polizisten, die versuchen, ein besetztes Haus zu räumen oder Gewalt gegen Mitglieder der herrschenden Klasse legitim sei. Zu dieser Zeit entstand der „Rauch-Haus-Song“.

      „Das lies bei vielen den Verdacht aufkommen, dass es sich hier (beim Tod von Thomas Weisbecker und Georg von Rauch) um eine gezielte Racheaktion gehandelt habe. Auch die Scherben hatten diesen Verdacht. (…) Den Staat kannte man von Demonstrationen her, da schlug er mit dem Knüppel zu. Andererseits, die Propagierung von Gewalt, bewaffnetem Widerstand, Untergrundkampf und der „historischen Notwendigkeit Köpfe rollen zu lassen“, war den Scherben auch nicht unbedingt sympathisch. Je technokratischer und kaltblütiger die RAF und die Bewegung 2. Juni ihre Aktionen planten und durchführten, desto größer wurde der Zweifel am Sinn der Sache. (…) Es gab noch einen anderen, einen inneren Konflikt, der Rio mehr quälte, als viele seiner Fans ahnten. Er war, seit er mit zwölf oder dreizehn Jahren ein Erweckungserlebnis hatte, gläubiger Christ und las täglich in der Bibel. Wer sich damals in der linken Szene als Christ geoutet hätte, wäre für gaga gehalten worden. Religion sei das „Opium des Volkes“ hatte Marx geschrieben, und wenn die Einnahme von Drogen auch sonst schwer in Mode war, Religion war es nicht.
      Dass Rio sich in der Bibel gut auskannte, konnte allerdings keinem, der seine Texte hörte, verborgen bleiben. Der Konflikt, in den Rio durch die RAF geriet, war der zwischen Bibel und Mao-Bibel, zwischen Christentum und Kommunismus. War es einem Christen erlaubt, dabei zuzuschauen und womöglich sogar zu unterstützen, dass Menschen umgebracht wurden, auch wenn es „Feinde der Revolution“ waren, „Feinde des Volkes“? Andererseits, wenn man an die Revolution glaubte und sie befürwortete, konnte man sich dann einbilden, die Sache würde unblutig über die Bühne gehen? (…)
      Rio: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass wenn die Massen plötzlich erwachen und zu den Schaltzentralen der Macht ziehen und sagen, gebt die Macht her, dass die dann sagen, ja, okay, ist in Ordnung, hier habt ihr sie. Das konnte ich mir nicht vorstellen.“
      Wegen der Gewaltfrage kam es sogar zum Konflikt mit Gerd Möbius, mit dem Rio sonst in politischer Hinsicht immer übereinstimmte.
      (…)
      „Gewalt gegen Sachen, ja – Gewalt gegen Menschen, nein“, dieser Formel, die in der Linken immer weiter um sich griff, verschrieben sich schließlich auch die Scherben.“

      (aus: Kai Sichtermann, Jens Johler, Christian Stahl – Keine Macht für niemand. Die Geschichte der Ton, Steine, Scherben, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2000, S. 81 f.)

      Rio Reiser war ein Vertreter des christlichen Anarchismus. Ich selbst bin kein Christ, sondern mit 16 Jahren aus Überzeugung aus der Kirche ausgetreten, aber ich akzeptiere auch religiöse Anarchisten (die es übrigens in allen Weltreligionen gibt) als Genossen (jedenfalls solange sie nicht zwanghaft versuchen mich zu bekehren).

      Drei Jahre nach dem „Keine Macht für Niemand“-Album (auf dem sich der „Rauch-Haus-Song“ befindet) erschien das Ton Stein Scherben- Album „Wenn die Nacht am tiefsten“. Dieses enthält in dem Song „Komm an Bord“ sogar eine – offenkundig christlich-motivierte – Textpassage, die zur Feindesliebe aufruft und somit jeder Gewalt gegen Menschen eine Absage erteilt:

      „Jeden, den ich hassen will, kann ich lieben. Jeden, den ich lieben will, kann ich lieben.“

      Man kann wohl vermuten, dass sich die Abkehr vom Glauben an die Legitimität von Gewalt gegen Menschen noch wesentlich schneller vollzogen hätte, wenn damals bereits die entsprechenden Bestände zur Geschichte, Theorie und Praxis des Anarchismus vorhanden gewesen wären, die es heute gibt. Aber damals begann die außerparlamentarische Linke erst damit den Anarchismus wieder zu entdecken.

      Ansonsten hätte man Rio Reiser z.B. ein Buch wie

      Sebastian Kalicha (Hg.) – Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung

      http://www.graswurzel.net/verlag/ca.shtml

      oder

      Sebastian Kalicha – Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus. Auf den Spuren einer revolutionären Theorie und Bewegung

      http://www.graswurzel.net/verlag/ga2.php

      in die Hand drücken können und dadurch unmittelbar den gewaltkritischen Persönlichkeitsanteil ansprechen und bestärken können, der sich später ja auch durchgesetzt hat.

      • Lieber Leszek, vielen Dank für die Einordnung der Textpassagen, das ist sehr interessant!

        Ich hatte überhaut nicht die Absicht, Rio Reiser oder Ton Steine Scherben zu verdammen. Ich weiß auch, dass es eine lange Gewaltdiskussion gibt, die durchaus nicht immer strunzdumm war und die differenziert hat. Ich kann mich selbst an Debatten aus der ökologischen Bewegung erinnern, als z.B. Vorschläge kamen, Strommasten umzusägen etc.

        Ich konnte dem nie etwas abgewinnen, halte auch die Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen für trügerisch. Ich weiß aber, dass man mit einer Position strikter Ablehnung politischer Gewalt in einigen linken Kontexten leicht als liberal-bürgerlicher Schwätzer dastehen konnte, der zwar klug redet, aber kneift, wenn es ernst wird.

        Heute geht es mir vor allem darum, wie selbstverständlich Menschen, die sich für links halten, diese Geschichte vergessen haben – oder wie selbstverständlich sie davon ausgehen, das, was sie selbst getan oder bejubelt haben, sei etwas ganz anderes als das, was gerade von rechts kommt.

        Rhetorisch knüpfen Rechte heute an traditionelle linke Topoi an. Einige Passagen aus Trumps Antrittsrede zum Beispiel hätten reibungslos in traditionelle kämpferische linke Reden gepasst (er hat diese Topoi dann halt nationalistisch gewendet). Ich finde linke Reaktionen auf dieses Phänomen bislang sowohl hilflos als auch selbstgerecht.

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