Geschlechterdebatte Identitätspolitik

Patricia Purtschert über Gender und Kolonialismus

Pippi Langstrumpf am Boden sitzend und rauchend mit zwei anderen Jungs.
geschrieben von: Mark Smith

In einem Interview mit der taz über Gender und Kolonialismus zeigt Patricia Purtschert, Professorin für Geschlechterforschung an der Universität Bern, wieder einmal sehr gut auf, weshalb Identitätspolitik (Frauen, Peoples of Color, Lesben, Schwule, Transmenschen etc.) allein genommen eine unzulängliche politische Strategie ist, um nachhaltige konstruktive gesamtgesellschaftliche Veränderungen zu bewirken.

Ich habe mich übrigens bereits einmal mit Patricia Purtschert auseinandergesetzt (Schwarze Identitätspolitik = gut vs. weiße Identitätspolitik = böse?). Nachfolgend eine Auseinandersetzung mit ihren Aussagen aus dem taz-Interview; Teile des Interviews, die mir unwichtig erschienen, wurden dabei weggelassen.

Gerechtigkeit hat immer mit Macht zu tun

taz.am wochenende: Frau Purtschert, warum sind Sie Genderforscherin geworden? Was treibt Sie an?

Patricia Purtschert: Die Frage nach Gerechtigkeit. Und die hat immer mit Macht zu tun: Wie werden über Geschlechterrollen und -bilder Hierarchien hergestellt, die sich auf das Leben sehr unterschiedlicher Menschen auswirken?

Das Konzept der Gerechtigkeit ist ein normatives Konzept und das Konzept der Macht ein deskriptives und analytisches. Ob nun normative Fragen ständig mit Macht zu tun haben, ist eine Behauptung, es fehlt jedoch jegliche Begründung dafür, dass Macht fortwährend in einem Konnex mit Gerechtigkeit steht. Wenn beispielsweise Kinder dieses oder jenes nicht tun dürfen, das Erwachsenen gestattet ist, heißt dies mitnichten, dass gesetzlich verankerte Verhaltensrestriktionen bei Kindern mit Macht zu tun haben müssen, sondern das mag mit entwicklungspsychologischen Tatsachen begründet werden, die bei Kindern eben anders als bei Erwachsenen sind.

Sie wollen also verstehen, warum die Welt ungerecht ist.
Ja, um dann einen Hebel zu finden, um die Verhältnisse zu ändern. Für mich war dieser Hebel der Feminismus. Wobei ich schnell gemerkt habe, dass ich mich auch mit anderen Perspektiven auf Ungleichheit auseinandersetzen will und muss. Etwa mit dem Rassismus als zentralem Element der modernen Gesellschaftsordnung.
Also zunächst die Erkenntnis, in einem Patriarchat zu leben. Und dann die, in einer von Kolonialismus geprägten Welt zu leben.
Ja, für mich war das so. Das Buch, das in mir den Wunsch nach dem Verstehen struktureller Ungerechtigkeit ausgelöst hat, war übrigens Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“.
Ein Klassiker!
Ich war jung und lebte eine Zeit lang in Berlin – auch ein Klassiker, vermutlich. Da bin ich auf das Buch gestoßen. Es ist ein sehr schönes Buch für den Einstieg. Die Analyse Beauvoirs ist geprägt von ihrer Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, von Rassismus und Antisemitismus. In ihrem Buch steht dieser Strang parallel zur feministischen Analyse, aber beim Lesen merkt man, dass in eine gesellschaftliche Analyse beides mit einfließen muss, dass beides untrennbar miteinander verbunden ist. Bis heute sind das die Gebiete, die mich am stärksten interessieren – zusammen mit den Queer Studies, also der Frage nach Sexualität, die ja eng verschränkt ist mit derjenigen nach Geschlecht.

Demgemäß haben wir bei Purtschert die Konzepte Sexismus, Patriarchat, Rassismus/Antisemitismus und Geschlecht. Wo bleibt aber beispielsweise Klasse/Schicht/Milieu? Das heißt: politisches, soziales, ökonomisches oder kulturelles Kapital etc.? Auch Kolonialismus könnte mit Konzepten wie Geopolitik oder Imperialismus etc. ergänzt bzw. angereichert werden. Wo bleiben politische Strukturen (Demokratie vs. Diktatur oder Postdemokratie), ökonomische Strukturen (Neoliberalismus vs. Keynesianismus oder Wirtschaftsdemokratie)? Wo bleiben Cleavages wie Stadt vs. Land (also Föderalismus vs. Zentralismus), wo bleiben die Sozialpolitik, die Bürgerrechte (Meinungsfreiheit, Datenschutz, staatliche Überwachung, Unschuldsvermutung etc.), wo bleiben die Umweltpolitik, Militarisierung, Friedenspolitik sowie andere Populationen wie die Behinderten oder die körperlich und psychisch Kranken, die Arbeitslosen, die Drogen-, Alkohol- und Medikamentenabhängigen etc., usw., usf? Wenn man den Fokus auf identitätspolitische Konzepte wie Geschlecht, Sexualität und im weitesten Sinne Ethnie/Religion/Nationalität und hier vornehmlich auf Diskriminierung legt, dann verlieren sämtliche anderen Konzepte an Bedeutung.

Überempfindlichkeit von Queer- und Postkolonialismus-Studien

Queer- und Postkolonialismus-Studien geraten immer wieder unter Hysterie-Verdacht. In deutschen Medien kursieren Geschichten über eine ausufernde Überempfindsamkeit an amerikanischen Uni-Campi. Sie haben bei Judith Butler in Berkeley studiert – haben Sie das auch so wahrgenommen?
Nein. Was mir in Berkeley aber auffiel, war, dass dort die verschiedenen Diskriminierungsfragen viel stärker zusammen verhandelt wurden. In diesem Kontext fiel mir erst auf, wie wenig wir in der Schweiz darüber sprechen, welche Folgen der Kolonialismus für unsere Gesellschaft hatte.
Die Schweiz hatte ja auch keine Kolonien.
Das ist eine beliebte Behauptung. In Deutschland sagte man: Wir hatten wenige Kolonien, und nur für kurze Zeit. In Frankreich heißt es: Wir waren eine gute Kolonialmacht. Das sind alles Varianten kolonialer Amnesie. Eine bessere Antwort für die Schweiz wäre: Das Land war zweifellos und auf vielfältige Weise in den Kolonialismus eingebunden.
Aber eher als Profiteur denn als Täter …
Auf wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene gab es eine enge Zusammenarbeit mit den Kolonialmächten. Mich interessiert aber besonders der kulturelle Aspekt des Kolonialismus, die Art und Weise, wie er Teil unserer Alltagskultur geworden ist. Ich habe mir Kinderbücher angeschaut: Welche Bilder von weißen und nichtweißen Menschen werden dort gezeichnet, welche Vorstellungen von Fortschritt, Zivilisation, Handlungsmacht wird Kindern dadurch vermittelt?

Es ist interessant, dass Purtschert gerade die USA bzw. Berkeley als Vorbild für die Synopse von Diskriminierungsfragen nimmt. Purtschert vergisst möglicherweise den US-Imperialismus bzw. deren imperiale Geopolitik mit über 1000 Militärstützpunkten auf der gesamten Welt, um Rohstoffe und Absatzmärkte für die USA und den Westen zu sichern. Haben die Mehrheit der Republikaner und Demokraten in den USA etwas gegen diesen US-Imperialismus? Lieber wird doch in den weichgespülten gendersensiblen Universitäten der USA über Safe Space, Mikroaggressionen, Triggerwarnungen und Cultural Appropriation palavert und die Makroaggressionen (US-Imperialismus) oder die neoliberale Ökonomie und der nur gering ausgeprägte Sozialstaat in den USA (in gewissen Gebieten der USA ist der Unterschied bei der Lebenserwartung zwischen den materiell gut und weniger gut Gestellten bei 20 Jahren) wird bloß am Rande behandelt oder ausnahmslos negiert.

Sollen Bücher mit rassistischen Stereotypien umgeschrieben werden?

Soll man Bücher, die rassistische Stereotype bedienen, umschreiben?
Warum nicht? Es scheint eine koloniale Nostalgie weißer Deutscher oder SchweizerInnen zu geben, die nicht bereit sind, gemeinsam mit denen, die verletzt werden von solchen Bildern, unsere Kultur umzuarbeiten.
Aber literarische Werke im Rückgriff zu bereinigen, ist ein Eingriff in künstlerische Autonomie!
Es geht nicht darum, dass Geschichten nicht mehr erzählt werden dürfen – ich finde es aber produktiv, sich Alternativen zu überlegen. Ich habe selbst zwei Kinder im Vorlesealter und keine Lust darauf, sie aktiv in eine rassistische Welt hinein zu sozialisieren!
Astrid Lindgrens Geschichte von Pippi Langstrumpf in Taka-Tuka-Land geriet vor einiger Zeit in Kritik, unter anderem, weil dort ein „Negerkönig“ vorkommt. Pippi Langstrumpf ist allerdings auch ein Kinderklassiker. Wie handhaben Sie das zu Hause?
Ich lese Pippi gern vor, es gibt leider noch immer wenig solch starker Mädchenfiguren – allerdings habe ich den Teil mit „Taka-Tuka-Land“ weggelassen und das mit meiner Tochter auch diskutiert. Anderes habe ich spontan geändert, etwa die Witze über Leute in Ägypten oder Indien, die den ganzen Tag auf den Händen laufen oder lügen.
Wie haben Sie das gelöst?
Ich habe die Zürcher lügen lassen, die Berner auf Händen laufen… Es ist nur ein bisschen Gedankenarbeit.

Ob das jetzt so viel besser ist, wenn Ägypten und Indien beispielsweise mit Bayern oder Baden-Württemberg ausgetauscht wird, wage ich zu bezweifeln. Der Grundmechanismus der Stereotypenbildung und ev. der Feindbilderzeugung wird ja damit nicht grundsätzlich außer Kraft gesetzt: mittels Verfremdung kann dies zwar bei gewissen Personen ein Aha-Erlebnis auslösen, jedoch bei anderen wiederum nicht.

Geht es dabei um Schuld?
Es geht vor allem um asymmetrische Beziehungen und die Art und Weise, wie Machtunterschiede in unserer Gesellschaft aufrechterhalten und normalisiert werden. Das sehen Sie auch bei den gängigen Geschlechterrollen: Nehmen Sie die Schlümpfe: Nur eine Schlumpffigur ist weiblich, die ist blond und schön. Und dann gibt es ungefähr fünfzig männliche Schlümpfe. Übersetzt heißt das: Als männliche Figur kann man alles sein, witzig, erfinderisch, verträumt, künstlerisch begabt, väterlich-bestimmend – ein Universum von Möglichkeiten. Während es bei der weiblichen Figur ein Modell gibt, das zudem stark von heterosexuell konnotierten Äußerlichkeiten, der Wirkung aufs männliche Geschlecht geprägt ist.

Ich kenne mich freilich bei Puppen und Schlümpfen etc. nicht aus, aber es gibt doch sicherlich noch einige andere Puppen, die als weibliches Wesen gelesen werden können 😉 und eine Vielfalt (Diversity) von Rollenmodellen verkörpern – oder? Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, sollte dem nicht so sein.

Bei aller Emanzipation gibt es auch gewaltige Rückwärtsbewegungen

Ärgern Sie sich als queere Mutter, Feministin und Kolonialismusforscherin eigentlich dreimal so viel wie andere?
Ich ärgere mich den ganzen Tag! Dauernd! Denn bei aller Emanzipation gibt es auch gewaltige Rückwärtsbewegung. Zu meiner Kinderzeit gab es viel weniger geschlechterspezifische Spielzeuge. Heute werden Legos für Mädchen und Jungen angeboten. Bei der Kinderüberraschung gibt es nun das „Classic Ei“ und das rosarot markierte „Mädchen-Ei“ – eine allgemeine Sorte und eine extra für Mädchen. Eine Reproduktion von Stereotypen.

Purtschert könnte sich immerhin die Frage stellen, ob dieses jahrzehntelange „Gendergedöns“ (David Berger) und die Identitätspolitik nicht dazu beigetragen haben, dass sich Rollenstereotypien teilweise auflösen, jedoch den paradoxen Effekt haben, diese wiederum zu reproduzieren.

Ist das nicht deprimierend, immer wieder von vorn anfangen zu müssen?
Die Feministin Sarah Ahmed hat die Figur der feminist killjoy kreiert – eine feministische Spielverderberin, die auftaucht und den Finger drauflegt –, durchaus eine Figur, in der ich mich wiedererkenne. Es geht um den Wunsch, Dinge zu verändern, zu sagen: Ich willige nicht ein in diese neuen Angebote, sich unterzuordnen und mitzuspielen. Diese Normalisierung von Rassismus, Sexismus, Homophobie mitzumachen. Wenn alle lachen, ist die Killjoy diejenige, die sagt: „Dieser Witz ist nicht lustig, er ist verletzend!“

Das dürfte freilich ebenso eine Frage des Geschmacks sein und nicht allein der Moral, welche Witze man lustig oder weniger witzig findet. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Frau Purtschert „Schwarzen Humor“ jeglicher Couleur nicht besonders mag und für derlei Ambivalenzen und Ambiguitäten wenig Feingefühl besitzt.

Ist das nicht eine blöde Rolle, die humorlose Nervensäge zu spielen?
Es ist nicht so, dass Killjoys nicht lachen. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen einem Lachen, das Ungleichheitsverhältnisse verstärkt, und einem, das diese in Frage stellt.

Wenn Purtschert sehen würde, wie Matthias Richling Alice Schwarzer veräppelt (weißer, heterosexueller Mann veräppelt lesbische, feministische Frau = ungleiche Machtbeziehung und dann ausgerechnet beim Thema Vergewaltigung), dann würden ihr wohl die Augen rollen.

Werden Nöten anderer Bevölkerungsgruppen übersehen?

Seit dem Wahlsieg Trumps mehren sich die Stimmen, die sagen: Vielleicht sehen wir zu viele Diskriminierungen – und haben dadurch die Nöte anderer Bevölkerungsgruppen nicht gesehen.
Dem würde ich vehement widersprechen. Der Populismus kam nicht aus dem Nichts – er hat eine lange Vorgeschichte. Die SVP in der Schweiz etwa betreibt seit 20 Jahren ausländerfeindliche, rassistische Politik und hat sich damit zu einer der wichtigsten Kräfte im Land hochgearbeitet. Auch Trumps Sieg war kein absoluter Bruch. Vor ihm gewannen schon Ronald Reagan und George W. Bush mit minoritätenfeindlicher Politik Wahlen.

Diese Antwort mag überhaupt nicht zu überzeugen. Gewiss kam der Rechtspopulismus nicht aus dem Nichts und hat eine lange Vorgeschichte. In Europa begann er m.E. in den 1980er Jahren, als der Keynesianismus durch den Thatcherismus und die Reaganomics allmählich durch den Neoliberalismus abgelöst wurde. Sicherlich ist der Rechtspopulismus kein rein ökonomisches Phänomen und somit nicht bloß eine Verteilungskrise. Gesellschaftliche Individualisierungsschübe, kulturelle Globalisierung und politische Repräsentationskrisen etc. sind zusätzliche zentrale Ursachen in Westeuropa; in Osteuropa sind ökonomische und politische Transformationsprozesse ab den 1990er Jahren dafür verantwortlich. Identitätspolitik hat allerdings mitgeholfen, dass Personen, die von relativer oder absoluter Deprivation betroffen und der ökonomische Globalisierung vermehrt ausgesetzt sind sowie wenig kulturelles Kapital besitzen, zunehmend von den linken Parteien zu den Rechtspopulisten abgewandert sind.

Diese Politik wird ziemlich erfolgreich verkauft mit dem angeblich vergessenen weißen Arbeiter.
Wer soll das sein? Es ist ein Riesenrückschritt, dass jetzt so getan wird, als stünden auf der einen Seite die Minderheiten, also Frauen – schon da wird deutlich, wie absurd der Begriff Minderheiten ist –, Schwule, Lesben, People of Colour, um die man sich gekümmert hat. Und auf der anderen Seite der Arbeiter, den man als weißen Mann zeichnet, und die ökonomische Frage, die man darüber vergessen hat. Ökonomische Ungleichheit ist aber untrennbar verflochten mit den Anliegen sogenannter Minderheiten. Das zeigt sich etwa bei der Diskussion um Transmenschen die dargestellt werden als diejenigen, die es übertreiben.

Ich frage mich immer wieder, weshalb Frauen als Minderheit bezeichnet werden?! Das scheint ein semantischer Trick des Queer-Feminismus zu sein: Man tut so, wie Frauen eine Minderheit wären, damit man sich offenbar als Opfer inszenieren und dabei verschleiern kann, selbst für die vergangene und gegenwärtige Politik in den USA und Europa mitverantwortlich zu sein. Frauen sind nummerisch als Souverän die Mehrheit und haben in repräsentativ demokratischen Systemen sämtliche politischen Mittel zur Verfügung, um Veränderungen in kulturellen, politischen und ökonomischen Bereichen durchzusetzen. Die Empörung von Purtschert ist scheinheilig: Sie weiß genau, dass der Primat der Identitätspolitik bei gewissen Parteien, die Bevölkerungsschichten, die wenig kulturelles und/oder ökonomisches Kapital besitzen oder von relativer Deprivation betroffen sind, in die Armen der Rechtspopulisten getrieben hat. Und dabei haben insbesondere in Deutschland die linken Parteien eine unrühmliche Rolle gespielt.

Sind Transgender-Toiletten ein Luxusproblem?

Sie meinen die Diskussion über Transgender-Toiletten, die oft als stellvertretend für angebliche Luxusdiskussionn in der Linken herhalten muss.
Da geht es aber um handfeste Gewalt! Wenn Sie als Transmensch in die eine oder andere Toilette gehen, können Sie sehr unschöne Dinge erleben. Und es geht oftmals um ökonomische Probleme: dass Menschen nach ihrer Transition etwa keine Stelle mehr finden. Die Entkoppelung von wirtschaftlichen Fragen und Geschlechterpolitik ergibt am Ende überhaupt keinen Sinn.

Das ist gewiss unschön, wenn Transmenschen unangenehme Dinge erleben, wenn sie aufs Klo müssen. Ich könnte mir jedoch gut vorstellen, dass Drogenabhängige oder Obdachlose sowie andere Populationen desgleichen viel Gewalt erleben, wenn sie auf ein öffentliches Klo müssen oder sich sonst im öffentlichen Raum bewegen. Aber dazu hört man ja wohl von den gendersensiblen identitätspolitischen Akteuren aus dem linken Lager nicht viel.

Der Bevölkerungsanteil der Transmenschen an der Gesamtbevölkerung macht jedoch ca. 0.13% aus. Es dürfte verständlich sein, wenn ein bedeutender Teil der Bevölkerung, der unter absoluter oder relativer Deprivation leidet, den Eindruck bekommt, von gewissen Parteien, wie beispielsweise den Grünen, nicht repräsentiert zu werden und dann von Luxusproblemen sprechen, wenn die Problematik bloß 0.13% der Gesamtbevölkerung betrifft.

Selbst von Links gibt es Kritik: Der Soziologe Harald Welzer etwa kritisiert, dass die progressive Minderheitenpolitik der „neuen Liberalen“ von Blair bis Clinton nur ein Feigenblatt war für die Durchsetzung einer neoliberalen Sozial- und Wirtschaftspolitik. Und die Linke sich dafür einspannen ließ. Ist da nicht was dran?
Sich solche Fragen zu stellen, ist wichtig. Es gibt mittlerweile gute Studien darüber, wie emanzipatorische Forderungen in neoliberale Systeme inkorporiert wurden: Dass etwa die Flexibilisierung von Arbeitszeiten, eine wichtige feministische Forderung der Neuen Frauenbewegung, am Ende dazu führte, dass Arbeitgeber jetzt ständig Zugriff auf Arbeitnehmerinnen auch zu Hause haben. Da fand gewissermaßen ein Hijacking feministischer Positionen für eine neoliberale Agenda statt.

Wenn ein Hijacking feministischer Positionen durch den Neoliberalismus geschieht, dann wird Frau Purtschert offenbar hellhörig, aber sonst schlummert sie vermutlich lieber in ihrem gendersensiblen und identitätspolitischen Dämmerschlaf weiter, solange es nicht ihre Lieblingsklientel betrifft.

Führt Identitätspolitik zur Aufspaltung des linken Lagers?

Aber führt Identitätspolitik nicht zu einer Aufspaltung des linken Lagers in partikulare Befindlichkeiten und Rollen?
Das ist eine Außenperspektive derer, die anscheinend das Gefühl haben: Jetzt haben alle geredet, jetzt reicht’s aber mal. Es wird aber niemals reichen. Schauen Sie sich die Entwicklung der Demokratie an. Die Forderungen nach Gleichheit gingen einher mit der Verbannung von Frauen ins bürgerliche Heim unter Verweigerung bürgerlicher Rechte. Oder die Sklaverei: Die war gängige Praxis in einer Zeit, als unsere moderne Demokratie ihren Anfang nahm. Die Vorstellung menschlicher Gleichheit galt zunächst nur für besitzende, weiße, sesshafte, nichtjüdische Männer und wurde erst nach und nach geöffnet.

Das ist sicherlich alles richtig, was Purtschert hier sagt, bloß macht es keinen Sinn, das Eine zu tun und das Andere zu lassen. Soll heißen: Wer bei Deprivationen bei einem gewissen Teil der Bevölkerung unsensibel wird, muss sich nicht wundern, wenn diese dann auf die Heilsversprechen der Rechtspopulisten anspringen.

Rechte wurden ja aktiv erkämpft – von den benachteiligten Gruppen gegen die Privilegierten.
Ja, deshalb sind Einwände von People of Color, von Frauen, von Lesben, Schwulen und Trans nicht marginal, sondern betreffen unsere ganze Gesellschaft.

Ich verstehe es, wenn man sagt, dass Lesben, Schwule und Transmenschen ev. noch nicht gleichberechtigt sind, was Familie und Kinder anbelangt und bei People of Color, was Diskriminierung (manifester und strukturelle Rassismus) betrifft, aber die Frauen haben, was politische und ökonomische Angelegenheiten anbelangt, alle politischen Mittel in der Hand, um Veränderungen vorzunehmen, falls sie mit dem gegenwärtigen Zustand nicht einverstanden sind. Was Purtschert offenbar nicht begreift, ist, dass Diskriminierung und Benachteiligung nicht bloß Transmenschen, People of Color oder Homosexuelle betreffen können, sondern viele andere Gruppierungen ebenso. Mit dieser reduktionistischen Identitätspolitik wird der Blick auf weitere Problemlagen verstellt, sodass sich dann schlussendlich verschiedene marginalisierte und benachteiligte Gruppen gegenseitig bekämpfen: im Sinne von „teile und herrsche“. Außerdem geraten Phänomene wie Neoliberalismus, Postdemokratie, Abbau von Bürgerrechten, Lobbyismus, Zentralismus, Hierarchien, Wirtschaftsdemokratie, Finanzkapitalismus bzw. Casinokapitalismus, Umweltproblematik, Krieg und Frieden etc., usw., usf. mehr oder weniger aus dem Blickfeld, wenn man sich mit Identitätspolitik begnügt.

Ist der Feminismus nicht auch ein wenig schlumpfig, gewissermaßen?
Vielleicht. Aber das Tolle an neuen Phänomenen wie #Aufschrei oder den Women’s Marches ist, dass die Stimmen vielfältiger werden. Es gibt einen neuen, jungen, intersektionalen Feminismus, der sagt: Es gibt nicht nur eine Erzählung, nicht nur eine Diskriminierungserfahrung. Und er sagt auch: Wir wollen unsere Differenzen nicht hierarchisieren. Sondern die Komplexität der Verhältnisse aushalten.

Die #Aufschrei-Kampagne war Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus vom Feinsten und unterscheidet sich nicht groß von populistischer Kriminologie und medialer Skandalisierung, wie sie gerne von Rechtspopulisten im Kontext von Ausländerkriminalität und sogenannten „kriminellen Asylanten“ praktiziert wird.

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12 Comments

  • Schade, das soviel Platz und Gedanken verschwendet wurden um auf die dumm dreisten Sprüche einer priviligierten Tussi einzugehen. Wer liest, wo die Dame studiert hat, wundert sich nicht weiter. Da studiert jemand an einem Institut, das reichen Weißen und ihren paar farbigen und/oder armen Feigenblättern vorbehalten ist, behauptet für Gerechtigkeit zu sein und zeigt offen ihre Verachtung für die Arbeiterklasse. „Wer soll das sein?“ Tolles Beispiel für eine Neoliberale Tussi, die sich als „links“ tarnt.

  • Ich kann mich meinem Vorredner nur anschließen!
    Diese Frauen sind so scharf auf Gleichberechtigung ect. dann sollen sie bitte auch die harten Arbeiten der Männer ( Bau, Landwirtschaft, Straßenbau, Forst ect. ) übernehmen!
    Die Männer arbeiten sich ihre Knochen kaputt und haben eine kürzere Lebenserwartung!
    Die Drecksarbeit machen die Anderen!

  • Dieser Typ Feminismus hat den Betrug des Publikums und den Selbstbetrug auf ein neues Level gehoben.

    Du stellst hier richtig fest: „Ich frage mich immer wieder, weshalb Frauen als Minderheit bezeichnet werden?! Das scheint ein semantischer Trick des Queer-Feminismus zu sein: Man tut so, wie Frauen eine Minderheit wären, damit man sich offenbar als Opfer inszenieren und dabei verschleiern kann, selbst für die vergangene und gegenwärtige Politik in den USA und Europa mitverantwortlich zu sein.“

    Allein der weibliche Anteil der Bevölkerung in Deutschland ist 51%.
    Frauen stellen ergo die *Mehrheit der Bevölkerung* und so zu tun, als stellten sie eine Minderheit, ist kein „semantischer Trick“, es ist eine LÜGE.
    Man sollte m.E. immer wieder herausstellen, hier wird auf (pathologischem) Niveau gelogen und betrogen.

    Die Art, wie ihre Ideologie mit (historischen) Fakten umgehen möchte und umgeht, erweist sich beim Einwurf der Interviewerin: „Die Schweiz hatte ja auch keine Kolonien.“
    Sie antwortet daraufhin: „Das ist eine beliebte Behauptung.“
    An dieser Stelle hätte die kritische Nachfrage sein müssen: „Sie *behaupten* also, die Schweiz *hatte* Kolonien?“
    Entweder es ist als *historischer Fakt* verbürgt, dass die Schweiz im Besitz von Kolonien war – oder eben *nicht*.
    Man kann herausfinden, ob eine „Behauptung“ *wahr* oder *falsch* ist.
    Wenn man das *will*.

    Das Problem ist hier m.E. nicht, sie lässt etwas in der Schwebe, was ein Blick in diverse Geschichtsbücher ein für alle mal klären könnte.
    Der Knackpunkt ist ihre unterkomplexe *und* kontrafaktische US-Ideologie.
    M.E. gibt es nicht nur den politischen und militärischen US-Imperialismus, sondern auch einen *gesellschaftstheoretischen Imperialismus*.

    Demzufolge alle *spezifischen Probleme* der US-amerikanischen Gesellschaft gar keine *besonderen* Probleme eben dieser Gesellschaft und ihre Geschichte usw. sind, sondern sich diese beliebig verallgemeinern lassen.
    Dass sich der *spezifische Rassismus* der USA, der auf der Geschichte der Sklaverei in den USA basiert und institutionell durch rassistische Gesetzgebung bis weit in das 20. Jahrhundert fortgeführt worden ist, auf die ganze Welt als Erklärungsansatz für Rassismus übertragen lässt, ist nicht nur als Theorie falsch, sondern führt notgedrungen auch politisch ins Nirwana.

    Da Purtschert aber in den USA studiert hat und in den hiesigen Medien eine „copy&paste“-Mentalität vorherrscht, wird unverdrossen so getan, als wären die USA *das* Paradebeispiel für den Entwicklungsweg einer *modernen* Gesellschaft. Es ist die naive und kontrafaktische Haltung, wonach eine „Neu! Aus USA!“ entdeckte oder bestehende Problemlage relevant sei für die „restliche“ Welt.

    Um dem zu entgegnen, ein wenig Empirie:

    Die Bevölkerungszusammensetzung in den USA nach Bevölkerungsgruppen in %:

    White: 61,6
    Hispanic: 17,6
    Afro-American: 13,3
    Asian: 5,6
    Natives: 1,3

    Nachdem das Land der Ureinwohner erfolgreich gestohlen und diese eliminatorisch dezimiert worden sind, hat natürlich in einem ein Land, das sich selbst als *Einwanderungsland* bezeichnet keine Bevölkerungsgruppe das Recht auf Dominanz. Bzw. alle haben anteilig z.B. das Recht auf politische Repräsentation.

    Jedoch unterscheidet sich das drastisch von der Bevölkerungszusammensetzung in Deutschland:

    79% der Deutschen sind Deutsche ohne Migrationshintergrund
    11,5% sind Deutsche mit Migrationshintergrund und
    9,5% sind Ausländer

    Nur um die Zahlen mal in eine Verhältnis zu setzen:

    Die 13,3% Afroamerikaner in den USA entsprechen einer Größenordnung von 42,4 Millionen Menschen, alle ausländischen Menschen in Deutschland *zusammen* 7,7 Millionen. Die sich aus einer Vielzahl von Herkunftsnationen zusammensetzen und daher keinen einheitlichen Block bilden (auch nicht nach Hautfarbe).

    Angenommen ich setze, dass die Hälfte der Deutschen mit Migrationshintergrund so farbig sind wie ein Toastbrot im Mondschein, dann wird es Angesichts eines Anteils von wenigstens 85% „whiteness“ schwer fallen, nach Hautpigmenten zu sortieren.
    Es ist völlig sinnlos, aus „whiteness“ ein Privileg zu machen, wenn 85% der Bevölkerung damit als privilegiert angesehen werden können.
    Natürlich sind die deutschen SJW in den Medien irrational genug diesen Unsinn zu versuchen, weil copy&paste eine MiniMax-Strategie ist: Minimaler Arbeitsaufwand, maximaler Ertrag in Form von Zeilenhonorar.

    Auch hat ihre Aussage, es ginge „um asymmetrische Beziehungen und die Art und Weise, wie Machtunterschiede in unserer Gesellschaft aufrechterhalten und normalisiert werden“ einen eingebauten bug, denn ihr: „Wir wollen unsere Differenzen nicht hierarchisieren. Sondern die Komplexität der Verhältnisse aushalten.“ ist einfach nur eine weiterer Betrug und Selbstbetrug.

    Nach ihrer Ideologie gibt es nicht nur eine Hierarchie der Opfer, sondern auch eine der Täter und die sind selbstverständlich weiß, männlich, alt und heterosexuell.
    „Komplexität auszuhalten“ würde bedeuten zur Kenntnis zu nehmen, dass auch Schwarze durchaus geneigt sind, tödliche Gewalt gegen Menschen dunklerer Hautfarbe anzuwenden, wenn es ins politische Kalkül passt:

    „Die US-Regierung hatte Anfang Juli eine Statistik veröffentlicht, laut der die Obama-Administration in den Jahren 2009 bis 2015 insgesamt 473 Einsätze gegen „terroristische Ziele“ durchgeführt hat, bei denen insgesamt zwischen 2.372 und 2.581 Kombattanten getötet worden seien, aber nur 64 bis 116 Unbeteiligte. Organisationen wie die New America Foundation oder das Bureau of Investigative Journalism schätzen hingegen, dass in Obamas Amtszeit zwischen 200 und 1.000 Zivilsten durch US-Drohnen starben. Alle Zahlen beziehen sich auf Gebiete, in denen die USA nicht offiziell Krieg führen.“
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-08/terrorbekaempfung-drohnen-krieg-us-regierung-handbuch/seite-2

    Und wenn zwei „Minderheiten“ auf einer politischen Linie sind, dann kann das für ein Land voller dunkelhäutiger Menschen ein echtes Desaster werden:

    „Für US-Außenministerin Hillary Clinton war es eine Stunde des Triumphs. „Wir kamen, wir sahen, er starb“, sagte Clinton in einem verstörenden Interview lachend vor laufender Kamera. Sie hatte US-Präsident Barack Obama zur Intervention gedrängt und gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy und dem britischen Premier David Cameron eine internationale Allianz gegen Gaddafi geschmiedet. Kurz vor Gaddafis Tod war sie nach Tripolis gereist, wobei sie sich in einem Militärflugzeug mit einer Sonnenbrille hinter Aktenbergen fotografieren ließ. Diesmal, so die Botschaft, hatten die USA alles richtig gemacht.“
    http://www.n-tv.de/politik/So-versank-Libyen-im-Chaos-article18853481.html

    Nicht wirklich – auch dieser „regime change“ hatte katastrophale Resultate:

    „Die Vereinten Nationen geben an, dass es bis August 2015 435.000 Binnenflüchtlinge gab, während rund eine Million Menschen das Land Richtung Tunesien verlassen haben.
    Rund 2,4 Mio. Menschen in Libyen brauchen humanitäre Unterstützung, während rund 1,2 Mio. an Mangelernährung leiden oder hungern (die meisten davon im seit 2014 umkämpften Bengasi). Rund 250 000 Flüchtlinge aus anderen Ländern halten sich in Libyen auf, die oftmals gewaltsamen und sexuellen Übergriffen ausgeliefert sind oder zur Zwangsarbeit herangezogen werden. Über 3000 Menschen seien auf der Flucht nach Europa über das Mittelmeer gestorben.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Bürgerkrieg_in_Libyen_seit_2014
    .
    Das sind nur *zwei* Fakten aus dem politischen Geschehen der letzten Jahre die beweisen, die SJW-Ideologie und die des intersektionalen Feminismus ist notwendig gezwungen, die sie verantwortenden Akteure und Akteurinnen zu ignorieren, um ihre Lebenslügen aufrecht zu erhalten.
    Der Status als unschuldiges Opfer der Verhältnisse – die man nicht selber aktiv geprägt hat, sondern denen man passiv ausgesetzt ist – lässt sich nur unter *Leugnung* der Tatsache erhalten, für die „gegenwärtige Politik in den USA und Europa mitverantwortlich zu sein“.

    Aber lasst uns doch über „something completely different“ reden, was unendlich viel wichtiger ist!
    Mark, der bekennend heteronormative CIS-Mann, stellt in der Zwischenüberschrift die Frage: „Sind Transgender-Toiletten ein Luxusproblem?“
    Die Interviewerin: „Sie meinen die Diskussion über Transgender-Toiletten, die oft als stellvertretend für angebliche Luxusdiskussionn in der Linken herhalten muss.“
    Und die Antwort lautet natürlich: „Da geht es aber um handfeste Gewalt!
    Wenn Sie als Transmensch in die eine oder andere Toilette gehen, können Sie sehr unschöne Dinge erleben.“

    Und jetzt bitte ich euch, meine Frage zu beantworten: Wann habt ihr das letzte Mal von der aktuellen politischen und humanitären Lage in Libyen in den Medien gehört?

    Die realitätsferne Inszenierung der Toilettenfrage für Transmenschen als „handfeste Gewalt“ ist die eine Seite des Skandals – steht diese „Gewalt“ auf der gleichen Stufe, wie unter Mangelernährung zu leiden oder zu hungern?!
    Die andere, dass hier gezielt die Aufmerksamkeit des Publikums auf völlig irrelevante Probleme gelenkt wird.
    „Aufmerksamkeit“ ist eine Währung; sie für Schein- und Luxusprobleme zu verausgaben zieht sie von denjenigen (politischen) Problemen ab, die damit quasi aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwinden.

    Niemand braucht einen *solchen Feminismus* zu „hijacken“, zu kapern, etc. um ihn für eigene Zwecke zu benutzen.
    Eine weitere Lebenslüge.
    Dieser Feminismus ist „as is“ das perfekte Werkzeug für Propaganda gegen Fakten und ein manipulatives Instrument zur (Durch-)setzung von völlig belanglosen und irrationalen Diskursen.

    Gruß crumar

  • Nur ein kurzer Einwurf: Mathias Richling ist nicht heterosexuell. Das weiß ich aufgrund von direktem Kontakt mit ihm.

  • Hallo zusammen,

    ich bin von der ganzen Gender-Thematik mit einem ziemlichen Gruseln fasziniert und schockiert, mit was für einem Geschwafel öffentliche Gelder verschwendet werden. Daher verfolge ich ab und zu entsprechende Artikel und Blogs.

    Besonders fasziniert bin ich von der Unkenntnis und Ignoranz, mit der im Bereich Gender-Forschung immer wieder agiert wird, wenn man historische Bezüge oder Zusammenhänge nicht kennt und dann gänzlich andere und falsche Schlußfolgerungen zieht.

    Im vorliegenden Artikel liefert Frau Purschert ein triviales Beispiel solcher Unkenntnis, welches in ihrer Einfachheit einen bezeichnenden Hinweis auf den Umgang mit komplexeren Erkenntnissen liefern kann.

    Als alter Nerd habe ich schon vor langer Zeit die Comics der Schlümpfe gelesen …

    Zitat: „Nehmen Sie die Schlümpfe: Nur eine Schlumpffigur ist weiblich, die ist blond und schön. Und dann gibt es ungefähr fünfzig männliche Schlümpfe. Übersetzt heißt das: Als männliche Figur kann man alles sein, witzig, erfinderisch, verträumt, künstlerisch begabt, väterlich-bestimmend – ein Universum von Möglichkeiten. Während es bei der weiblichen Figur ein Modell gibt, das zudem stark von heterosexuell konnotierten Äußerlichkeiten, der Wirkung aufs männliche Geschlecht geprägt ist.“

    Der Grund, aus dem Schlumpfine der einzige weibliche Schlumpf ist, besteht darin, dass sie eigentlich kein wirklicher, sondern nur ein adoptierter Schlumpf ist.
    Sie wurde von Gargamel, dem bösen Zauberer und Widersacher der Schlümpfe, wie ein Homunkulus künstlich geschaffen und belebt, damit sie für ihn das Schlumpfdorf findet und dort Zwietracht säht.
    Schlussendlich kann sie von Papa Schlumpf von der Beherrschung durch Gargamel befreit werden und wird von ihm von der schwarzhaarigen und großnasigen Version in die blonde Schlumpfine verwandelt, die in der Folge immer wieder alle Schlümpfe um ihren kleinen Finger wickelt und von ihnen alles bekommt, was sie haben möchte.
    Schlumpfine ist in den alten Comics nicht immer nur eine nette Blondine, sondern teilweise auch berechnend und ausnutzend.

    Die sexuelle Komponente wird von Frau Purtschert noch einmal speziell angesprochen und besteht in den Comic-Zeichnungen aus vier unterschiedlichen Aspekten: 1. Blonde Haare, 2. Kleinere Nase, 3. Kleid, 4. Hochhackige Schuhe.
    Eindeutig sehr sexuell betonte Attribute.

    Siehe auch:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Smurfette,
    http://de.schlumpf.wikia.com/wiki/Schlumpfine

    Über die verschiedenen Aspekte und Hintergründe einer Welt von Schlümpfen, die vor Schlumpfine keine weiblichen Schlümpfe kannte, lässt sich bestimmt trefflich streiten.
    Und eine ernsthafte und faktenbasierte Diskussion über die Zeit, in der diese Zeichnungen entstanden und die Rahmenbedingungen und die Lebenswirklichkeiten, in denen Zeichner und Publikum lebten und die zur Entstehung dieser Comics führten, stelle ich mir durchaus interessant vor.

    Aber da die Schlümpfe von Frau Purtschert selbst ins Spiel gebracht wurden, die entweder eine mangelhafte Kenntnis der Hintergründe aufweist, oder bewusst mit fehlerhaften Argumenten arbeitet, liegt die aktuelle folgerung wohl eher darin, ihre Argumente, Aussagen und Folgerungen mit Vorsicht zu geniessen.

    Viele Grüße und viel Spaß bei der wissenschaftlichen Recherche dieser Comics
    Michael

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