Jungen Schule

Gibt es einen Krieg gegen die Jungen?

Junge der in der Schule am Boden sitzt.
geschrieben von: Lucas Schoppe

Spezifische Schwierigkeiten, mit denen Jungen in der Schule konfrontiert sind, werden von Erwachsenen noch immer umdefiniert – Jungen hätten keine Probleme, sondern wären ein Problem. Ein aktuelles Beispiel dafür liefert der Spiegel. Angesichts solcher Umdeutungen werden wir als Erwachsene unserer Verantwortung gegenüber Kindern schon lange nicht mehr gerecht.

„Mit Verlaub, aber selten hat mir ein Text bei SPON soviel Anlass dazu gegeben, mich zu echauffieren.“ Das schreibt ein Kommentator über Silke Fokkens Spiegel-Artikel Jungs haben es schwer? Mädchen erst recht! vom 5. Juni 2017. Auch Christian Schmidt, in dessen Blog Alles Evolution der Text diskutiert wurde, zitiert diesen Kommentar. Ich aber hätte dort so viel dazu schreiben können, dass ich lieber gleich einen eigenen Artikel daraus gemacht habe.

Denn es ist ein seltsamer Text, der aber gerade in seinen offensichtlichen Fehlern dabei hilft zu verstehen, wie eines der dringendsten schulpolitischen Probleme der letzten Jahrzehnte bis heute für die Schulpolitik bedeutungslos bleiben konnte: Das Abrutschen von Jungen in der Schule.

Was assoziieren wir mit diesem Bild? A. Trübe Aussichten für Jungen… B. Der wartet bestimmt nur auf ein Mädchen, das ihm den Rucksack trägt.

In Förder- und Hauptschulen sind Jungen weit überrepräsentiert, auf Gymnasien und beim Abitur weit unterrepräsentiert. Sie müssen nachweislich für gleiche Noten oder für Gymnasialempfehlungen bessere Leistungen bringen als Mädchen.

Und: Jungen begehen drei Mal häufiger Selbstmord als Mädchen. 

Fokken erwähnt Schwierigkeiten von Jungen kurz:

Von einer Jungskrise war die Rede. Und ja, wenn Jungen an Lehrer geraten, denen ausmalfreudige Mädchen am liebsten sind, kann das schwierig werden.“

Warum Anekdoten allemal mehr aussagen als Statistiken

Die Spiegel-Autorin dampft hier ein ernsthaftes allgemeines, statistisch nachweisbares Problem zum Ärgernis schrulliger Vorlieben einzelner Lehrer an Grundschulen ein. So kann sie dann gleich darauf auch klarstellen, dass die Statistik ganz gewiss falsch sein müsse und mit ein paar anekdotischen Evidenzen ganz leicht aus dem Weg geräumt werden könne.

Statistisch betrachtet ist das alles richtig – und trotzdem falsch. Statistiker werten Zahlen aus, Eltern hören sich den Schulfrust ihrer Kinder an, und da haben Töchter mindestens genau so viel zu bieten wie Söhne.“

Schlagendes Beispiel: Der letzte „Kneipenabend mit anderen ‚Mädchenmüttern’“. Als wäre es eine ganz absurde Vorstellung, dass Statistiken, über Jahre hinweg erhoben, gesichert, ausgewertet und verglichen, aussagekräftiger sein könnten als die Erfahrungen eines beliebigen Mütter-Stammtisches.

Beliebig ist er bei näherem Hinsehen jedoch keineswegs. Ich kann mir jedenfalls kaum „Kneipenabende von Jungenvätern“ vorstellen, in denen Väter sich gegenseitig in dem Gefühl aufputschten, Jungen würden gegenüber Mädchen in der Schule beständig benachteiligt. Was jedoch Mütter denken, ist für Fokken allemal ganz selbstverständlich ein tieferes Wissen als alle statistischen Daten.

Zum Beispiel müsse Lea immer neben dem unruhigen Thorben sitzen, obwohl es sie selbst störe. Eine seltsame Begründung hätten die Lehrer:

Torben verhalte sich dann ruhiger, und Lea könne ihm helfen, sagt sie. Lea habe sich zwar etwas verschlechtert, aber Torben sei neben ihr besser geworden.“

Das stimmt so vermutlich. Natürlich versuchen Lehrkräfte, die Sitzordnung so zu mischen, dass nicht sämtliche verhaltensauffällige Schüler und Schülerinnen an einem Tisch zusammen kommen. Das hat allerdings mit Mädchen und Jungen wenig zu tun.

Ich setze mal ein paar anekdotische Evidenzen aus der Erfahrung eines Lehrers dagegen. Schon vor etwa zehn Jahren hatte ich mit einer Kollegin darüber gesprochen, dass Mädchen in früheren Zeiten als „Sozialpuffer“ genutzt worden wären, um die unruhigen Jungen etwas zu besänftigen. Ihre Antwort: „Das muss aber schon sehr lange her sein.“

Und was assoziieren wir damit? A. Super, wie die beiden zusammenarbeiten. B. Typisch Junge, erst nimmt er dem Mädchen den Platz weg, und gleich lässt er sie die ganze Arbeit allein machen.

Tatsächlich sind Mädchen sozial nicht weniger auffällig als Jungen, allenfalls anders. Während Jungengruppen in aller Regel auch scharfe Konflikte relativ schnell nach einer Klärung vergessen, werden sie in Mädchengruppen endlos weiter getragen – als hätten sie einen Wert an sich. Während Jungen in aller Regel zufrieden sind, wenn sie eine Hackordnung in der Klasse errichtet und geklärt haben, lassen Mädchengruppen, die sich auf Einzelne eingeschossen haben, keine Ruhe, auch wenn ihr Opfer schon längst sichtbar nicht mehr weiter kann.

Die schlimmste Klasse, die ich als Lehrer jemals erlebt habe, bestand zu zwei Dritteln aus Mädchen.

Natürlich sind auch das Verallgemeinerungen, und ich habe sowohl unter Mädchen als auch unter Jungen weitaus mehr engagierte, mitfühlende, sozial sensible Kinder und Jugendliche erlebt als sozial Auffällige. Wer aber, wie Fockken, mit Klischees argumentiert, muss sich klar sein, dass sie auch die Gegenklischees aufruft.

Die Schulen sind richtig, nur die Jungen sind falsch

Tatsächlich aber lenkt das Eine wie das Andere vor allem von einem anderen Problem ab. Nach dem Eindruck sämtlicher Kollegen, mit denen ich darüber gesprochen habe, nimmt die Zahl verhaltensauffälliger Schüler und Schülerinnen deutlich zu. Gleichzeitig bekommen die Schulen mit regelmäßig erneuerten Prüfungs-, Oberstufen- oder sonstigen Verordnungen beständig mehr zu tun, müssen zur Zeit mit miserabler personeller Ausstattung auch noch Inklusion von Förderschülern und Integration von Flüchtlingen leisten.

Es fehlt rundweg an kompetenten Schulpsychologen, Sozialarbeitern, Experten für Elternarbeit. Lehrkräfte müssen heute nebenbei immer auch sozialpsychologisch tätig sein, und das ist absurd. Das lässt sich am Gegenbeispiel leicht illustrieren: Wie wäre es wohl umgekehrt, wenn Psychotherapeuten die Aufgabe bekämen, sie müssten in einer Therapie ihren Klienten nebenbei auch noch unbedingt Mathematik, Geschichte und Englisch beibringen?

Fokken lenkt von solchen Strukturproblemen der Schule ab, indem sie Geschlechterprobleme daraus macht, die sie dann – wie das in Geschlechterdebatten durchaus zum guten Ton gehört – mit simplen Ressentiments gestaltet.

Dieses doppelte Problem – das Einkochen allgemeiner, dringender Fragen auf Geschlechterfragen, das Einkochen von Geschlechterfragen auf das Sammeln von Ressentiments – prägt auch ihre anderen Beispiele: Jungen würden bei Gruppenreferaten nicht mitarbeiten, dann aber dieselben Noten bekommen wie die fleißigen Mädchen, die natürlich die ganze Arbeit machten. „Warum Referate immer an Mädchen hängenbleiben“ – die URL des Artikels legt nahe, dass das sogar der ursprüngliche Titel des Textes war.

Und was denken wir hier? A. Toll, wie stolz der ist. B. Das hat der doch niemals selbst geschrieben, das war bestimmt eine Mitschülerin.

„Die Mädchen verteilen Aufgaben für zu Hause, auch an die Jungen. Sie erledigen ihren Part aber nicht.“ Wäre es vielleicht, um einmal eine ganz und gar unwahrscheinliche Idee einzuwerfen, unter Umständen denkbar, dass die Jungen sich einen eigenen Part vorgestellt hatten und sich ihn nicht einfach von den Mädchen zuteilen lassen wollten?

Tatsächlich verdeckt Fokkens Fantasie der faulen Jungen die sachlich wichtige Frage der Organisation und Bewertung von Gruppenarbeiten, vor allem aber die der Organisation von Kooperation zwischen Menschen, die radikal unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Das wiederum ist überhaupt kein spezifisches Problem der Schule, sondern prägt auch andere Bereiche der Gesellschaft – und auch in der Schule ist es zunächst eines der Erwachsenen, der Lehrkräfte wie der Eltern.

Die erwachsene Autorin aber macht daraus moralisierend ein Problem, als dessen Ursache sie eine bestimmte Gruppe von Kindern identifiziert. Geschlechterressentiments als Mittel Problemverschiebung, auf Kosten von Jungen.

Schon im nächsten Absatz echauffiert sich Fokken dann, als wäre nichts gewesen, über eine Sportlehrerin, die eine Klasse zum Fußballspielen in eine bessere und eine schlechtere Gruppe einteilt – und die dabei der besseren Gruppe fast ausschließlich Jungen, der schlechteren fast ausschließlich Mädchen zuweist. Das Leistungsprinzip, das sie eben noch so empört vermisst hatte, steht nun plötzlich als ungerecht, gar als Akt der Brutalität da, sobald es sich nicht zu Lasten von Jungen, sondern zu Lasten von Mädchen auswirkt.

Vom Krieg gegen die Jungen

Fokken beschäftigt sich also nicht mit der Situation der Kinder, weder mit der von Mädchen noch mit der von Jungen. Sie fantasiert einfach Klischees aus totgelaufenen Diskursen Erwachsener in die Kinder hinein.

Was lernen unsere Töchter da eigentlich in der Schule? Dass sie sich als Mädchen gefälligst sozial verhalten und eigene Interessen zurückstellen sollen? Dass Jungen die Lorbeeren für die Arbeit der Mädchen einheimsen dürfen? Sollen Mädchen (und Jungen) so auf die Berufswelt vorbereitet werden?“

Alte feministische Klischees vom faulen, schmarotzenden Geschlecht der Männer, recycelt und auf Jungen projiziert: Frauen leisteten die Arbeit, Männer bekämen die Lorbeeren, Frauen hielten soziale Beziehungen aufrecht, Männer wären sozial unterkompetent, Frauen stellten eigene Interessen zurück, Männer schöben eigene Interessen nach vorn – und bei den Kindern sei es halt genauso.

Claudia Pinl war WDR-Mitarbeiterin, taz-Autorin und Bundestagsreferentin der Grünen. Ihr Buch über das „faule Geschlecht“ der Männer, das schmarotzend auf Kosten der Frauen lebe, war 1994 so erfolgreich, dass Pinl noch zwei Nachfolgebände veröffentlichte: „Männer können putzen. Strategien gegen die Tricks des faulen Geschlechts“ und „Männer lassen arbeiten. 20 faule Tricks, auf die Frauen am Arbeitsplatz hereinfallen“. Fokkens Text zeigt, dass solche Ressentiments sich nicht etwa erledigt haben, sondern zu Gemeinplätzen abgesunken sind.

So ist der kurze Text gleich von vier Grundfehlern geprägt: Fokken reduziert dringliche allgemeine Fragen auf Geschlechterfragen – sie reduziert Geschlechterfragen auf Ressentiments – sie hämmert das Geschlechterverhältnis insgesamt in Klischees – und sie projiziert diese ressentimentgeladenen Geschlechterklischees dann auf Kinder und Jugendliche.

Schulen – und auch Eltern, die an der Kooperation mit den Schulen ihrer Kinder interessiert sind – können damit nichts anderes anfangen, als von den realen Problemen, mit denen sie konfrontiert sind, abzulenken.

Denn für die deutlichen Schwierigkeiten von Jungen gibt es schließlich Erklärungen, die überhaupt nicht auf Geschlechterressentiments zurückgreifen müssen. Wenn Kinder in Familien, in Kindergärten und Schulen eine weitgehend weibliche Erwachsenenwelt erleben, dann entwickeln Mädchen ihre Identität weitgehend im Rahmen dieser Erwachsenenwelt – Jungen hingegen müssen dafür den Rahmen verlassen, müssen sich gegen die Erwachsenenwelt entwickeln, die sie erleben, und sich ihr entziehen.

Wer dann Jungen schlicht als faul und widerborstig beschreibt, der konfrontiert Kinder nicht nur selbstverständlich mit den Problemen, die sich aus den Entscheidungen Erwachsener ergeben – sondern er, oder sie, schiebt den Kindern auch noch ebenso selbstverständlich die Verantwortung für diese Probleme zu. Seit Jahren schon kann dieses Argumentations-Muster trotz seiner offenkundigen Feindseligkeit aufrecht erhalten werden, weil es sich mit vertrauten Geschlechterressentiments paart: ein Beleg dafür, wie tief verwurzelt diese Ressentiments für uns sind.

Ob nun Probleme, die Schulen selbst produzieren – oder Probleme, mit denen Schulen von außen konfrontiert werden: In der Perspektive von Fokkens Töchtermütterstammtisch würden sie weitgehend verschwinden, wenn nur die Jungen nicht wären. Die hohe Selbstmordrate von Jungen korrespondiert auf unheimliche Weise mit solchen Fantasien.

Schon lange haben wir den Punkt verpasst, an dem es höchste Zeit gewesen wäre, dass Erwachsene sich auch ihrer Verantwortung gegenüber Jungen wieder erinnern. Stattdessen leben wir selbstverständlich damit, dass diese Verantwortung nicht wahrgenommen wird. Die Folgen dieser Ignoranz werden dann ideologisch eingefangen: von massenmedial verbreiteten Texten wie denen Fokkens über Beiträge in öffentlich-rechtlichen Sendern bis hin zu akademischen Schriften, die zwar wissenschaftlich fragwürdig sind, aber politisch opportune Ergebnisse liefern.

In Schulen hingegen ist es schon lange selbstverständliches Allgemeingut, dass mehr männliche Lehrkräfte gebraucht werden – ganz unabhängig von allen Quotenkalkülen oder gar maskulistischen Überzeugungen, einfach aufgrund pragmatischer Überlegungen. Politisch aber ist dieses Problem weiterhin völlig uninteressant.

Dabei wird es sich noch deutlich verschärfen – auch die Lehramtsstudierenden sind in weit überwiegendem Maße weiblich. Ein Männeranteil von einem Fünftel in einem schulpädagogischen Seminar ist schon viel. Doch nirgends sind Versuche erkennbar, mehr Männer für den Job zu gewinnen – oder zu überlegen, warum der Lehrerberuf, der einmal zu guten Teilen ein Männerberuf war, heute so viele Männer abschreckt.

Ich bin vor einer Weile bei einer Veranstaltung der Deutschen Schachjugend gewesen und war erstaunt, wie groß die Mühe ist, Mädchen für den Sport zu begeistern: Werbung, die sich direkt an Mädchen richtet – Mädchentage – gezielte Ermutigungen – T-Shirts für schachspielende Mädchen… Ich finde das überhaupt nicht schlecht, Schach ist nun einmal faszinierend, und es wäre schade, wenn Mädchen sich dafür nicht interessierten – nur weil der Mädchenanteil notorisch klein ist.

Der Titel einer Broschüre, mit der die Deutsche Schachjugend für mehr Schachspielerinnen wirbt.

Wäre es dann aber nicht umso wichtiger, Männer für den Beruf des Lehrers zu gewinnen, wo sie dringend gebraucht werden? Für die Arbeit in Aufsichtsräten nämlich ist es kaum relevant, welchem Geschlecht die Menschen angehören, die sie verrichten – gleichwohl haben wir dort eine Frauenquote, die mit großem medialen Aufwand eingeführt wurde. Für die Arbeit an Schulen hingegen ist es sehr wichtig, dass die Kinder dort Frauen und Männer erleben – zumal viele auch kaum Kontakt zu ihren Vätern haben. Hier aber ist es für die Bildungspolitik und die Universitäten kaum einmal von Interesse, auch nur die Frage zu stellen, warum eigentlich so wenige Männer diesen Beruf wählen.

Wer dann auch noch stattdessen die Mär von den faulen Jungen verbreitet, die sich auf Kosten der arbeitssamen Mädchen durch die Schule schmarotzen würden – der richtet sich mitsamt dem eigenen Desinteresse in Schützengräben häuslich ein. Dann aber ist die harsche, aus dem Englischen übernommene Formulierung vom „Krieg gegen die Jungen“ zutreffend: Erwachsene wie Fokken führen einen Krieg gegen Kinder, weil sie nicht bereit sind, ihre eigenen Vorurteile zu überprüfen und von liebgewonnenen politischen  Klischees Abschied zu nehmen.

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18 Comments

  • Ich denke, Du tust der armen Silke Fokken Unrecht, Lucas. Eigentlich war der Artikel ganz köstlich, leider aber hat die feige SPON-Redaktion ihn unzulässig gekürzt, um sich selbst zu schützen, wie ich mal eben medienforensisch ermittelt habe.

    Ursprünglich sah der Text nämlich so aus:

    „Neulich, als wir wieder mit unserer #Sheforshe-girlsday-mothersgroup in der „bunten Henne“ ( bei Elvira-Ute und Käwinn ) am monatlichen Stammtisch saßen, um die Versammlungsfördergelder zu versaufen und kräftig herumschwadronierend über die ( wen sonst? ) ablästerten, die bei uns nicht reindürfen ….
    [ SPON-Text hier einsetzen ]

    Und bei der letzten Runde Aperol ( ging schon kaum noch was rein ) sagte ich: ‚Und wißt Ihr was, Schwestern, das tippe ich gleich noch schnell in den Laptop und schon morgen bringt das der Spiegel, wetten? Die Deppen sind so blöd, die hau’n das für uns raus, glaubt mir ( pruuust! ) …..‘

    …. und da haaam wer wieder gelacht!“

    Klar, daß der SPON das aufgrund „besserer Lesbarkeit“ ein wenig redigiert hat, nä?

  • Mal im Ernst:
    „Und ja, wenn Jungen an Lehrer geraten, denen ausmalfreudige Mädchen am liebsten sind, kann das schwierig werden.“
    Scheinbar völlig unverdächtig, daß Frau Fokken hier ihren Mädchen erhebliche Kreativitätsdefizite als mehr oder weniger verdeckt zu nutzenden Vorteil unterstellt, oder? Nach der Methode: Doof kannste gern sein, nur zu helfen mußte Dir wissen“

    „Dass sie sich als Mädchen gefälligst sozial verhalten und eigene Interessen zurückstellen sollen?“
    Ähm, Moment! Ich dachte, die einzigen Gender-AGs, die speziell nur für Jungen designed werden, hätten eben diesen Inhalt. Privilegien abbauen, „geschlechtersensibel“ werden, „weibliche Inhalte“ üben, halt „Männlichkeit überwinden“ u.s.w…..

    Also, ich bin ja nun schon etwas länger aus der Schule raus. Aber ich weiß noch, daß in grauer patriarchaler Vorzeit, als an den Gymnasien noch eine ungefähre Geschlechterparität auch unter den Lehrern herrschte ( auf der Volksschule waren die Damen aber schon längst in der Mehrheit, dammals, Ende 60er, Anfang 70er ), auch schon mal ein paar Problemchen im „grausam sexistisch-konservativen Schuldrill“ auftauchten.
    Daß Sitzordnungen von den Lehrern vorgegeben wurden, gab es aber nur in begründeten Einzelfällen. Hatte wer ein signifikantes Aufmerksamkeitsdefizit, wurde er testeshalber nach vorn gesetzt. Bei unserem Thomas half das, denn es stellte sich heraus, daß er in manchen Frequenzbereichen leicht schwerhörig war, was vorher wohl irgendwie immer übersehen worden war.
    Die wenigen, die durch zuviel Störungen hinderlich für den Rest wurden, kamen im Notfall dann nach ganz hinten, um die Akkustikbarriere zu senken.
    Es gab auch ein paar junge Damen, die selbst mit diesem einfachen Werkzeug nicht richtig umgehen konnten.
    Bruncki ( Englisch und Geschichte, wenn ich mich recht erinnere ), kannte meinen Kumpel Greg und mich schon und war mit insgesamt ungefähr vier recht selbstbewußten Jungs ( Klassengröße about 25 Schüler ) völlig überfordert. Erste Worte zu Beginn des Halbjahrs, beim Betreten der Klasse: „Gregor, Fiete, ab nach hinten, ein Wort und Ihr fliegt raus!“.
    Hat ihr nix genützt, die Lacher der ganzen Klasse waren auf unserer Seite.
    Susat ( ich weiß nicht mehr was die unterrichten wollte … ) „erlaubte“ uns sofort, dem Unterricht von außerhalb des Klassenraums zu folgen, was uns einen Verweis wg. faktischer Unzensierbarkeit einbrachte, da wir ihr Angebot begeistert annahmen.

    Da unser derzeitiger Schulpsychologe ( Herr Land, Warnsignal: „Laaand in Siiiiicht!“ ) von niemandem – auch den Kollegen nicht – wirklich ernstgenommen wurde, es noch kein so kompliziertes Kurs&AG-System gab, gab es aber auch einigen Austausch mit den Lehrern außerhalb des Unterrichts, wo dann auf Augenhöhe Tacheles geredet wurde.
    Da hat man dann im Extremfall schon mal einen zusammen gebechert, böse Kippen gequalmt und spontan und frei ein paar Sachen geklärt. Das blieb dann aber unter uns, Ehrensache!
    Auch die eine oder andere junge Referendarin ( hochpolitische „68er“ übrigens, die uns u.a. „halblegal“ für die „Willy-Wählen!“-Kampagne und den ersten „offiziell nichtstattfindenden“ Lehrerstreik „motivierten“ ), die kurze Zeit nach offizieller Übernahme unsere Klassenlehrerin wurde, hat sich in ungefähr ähnlicher ( etwas „zivilisierterer“ ) Form mit uns zusammengerauft ( und das war gut so, sonst hätte es herbe Eskalationen gegeben ). Beide hießen übrigens Elke und beiden haben wir bei der offiziellen Abnahme der „Lehramtsprobe“ ( keine Ahnung wie der richtige Titel dieser Prüfung ist ) aktiv über die Runden geholfen, wir, als Klasse, wollten die haben und das klappte auch.

    Klar waren auch derzeit schon die „ausmalfreudigen Mädchen“ pflegeleichter, hatten es auch etwas leichter gute Notenschnitte zu erreichen ( verpassten aber auch manchen Jokus ), kamen aber deswegen nicht unbedingt an das obere Ende der Beliebtheitsskala, auch bei den Lehrern eher nicht. Wurden aber auch nicht aktiv ausgegrenzt. Gnadenlos böse Sprüche ( „Na? Hat Sabine-Olga wieder einen Scheck im Hausaufgabenheft?“ ), ja, aber im Ernstfall gehörten sie einfach dazu.
    Gab es akut verhärtete „Toleranzprobleme“, die nervten, sind wir schon in der ersten großen Pause in die Kneipe ggü. geschlichen, wo der Religionslehrer ( Gevatter Parz, mit der dicken Zigarre, der dort besseres zu tun hatte, als zu versuchen, ausgerechnet uns religiöse Inhalte zu vermitteln ) uns auf die naiv-nette wieder einnordete, so daß wir ein paar Tage „erhöhte Sozialität“ an den Tag legten.

    Meine letzten Infos zu dem Thema ( Schulbetriebsklima ) bekam ich vor ca. 10-15 Jahren von einem Kunden, dessen alten Gaul ich beim Beschlagen aufhielt, Wolfgang ( Oberstudienrat im O-brücker Raum ).
    Der erzählte nach getaner Arbeit bei einem Körnchen schon mal von der Damenriege ( so 4-5 Kolleginnen ), die ihn seit Jahren mobbte, weil er ganz offen eine Fußball-AG, extra für die etwas sportlicheren Jungen anbot und auch ( Sonder-)Gruppenfahrten organisierte und leitete, bei denen es nicht um Einübung von Etikettekonzepten, sondern eher um Freizeitvergnügen und Sport ( und so ) ging.
    Er hat sich dann doch nicht versetzen lassen, obwohl er desbez. lange stark unter Druck stand und manchmal einfach nur noch resignieren wollte.

    Fazit: Wenn ich so das dunkle Mittelalter der pösen Zucht- u. Ordnungspädagogik mit dem wenigen vergleiche, was ich über heutige bunte, tolerante, kreative Lernkonzepte und deren Umsetzung so lese, habe ich den Eindruck, das die Konzepte vielleicht kürzer waren, die Bandbreite der Ausführung jedoch bei Bedarf eher größer.
    V.dh. frage ich mich, was besser ist, einfache Regeln, die große individuelle Spielräume eröffnen, oder hochausdifferenzierte Spezialpläne, die den Praxiskorridor zum Gulli verengen.

    Okay, Greg und ich haben die Schule ohne Abi geschmissen, waren einfach nicht ausreichend domestizierbar, mußten raus, Kohle machen, Hörner abstoßen, Praxisinteressen entwickeln. Aber von unseren Lehrern haben wie uns in aller Freundschaft – und „mit einer Träne im Knopfloch“ – verabschiedet und waren ihnen dankbar, besonders für das, was sie uns an nonkonformen Verhaltensweisen mit nur leichter Lenkung ( Grenzen aufzeigen und klären, bevor es knallt, Common sense stärken, Kritik fördern ) durchgehen ließen.

    Niemand wäre je auf die Idee gekommen, uns „unter der Diversityflagge zum Absingen der Genderhymne antreten“ zu lassen.

    Absolut undenkbar!

  • „Wenn Kinder in Familien, in Kindergärten und Schulen eine weitgehend weibliche Erwachsenenwelt erleben, dann entwickeln Mädchen ihre Identität weitgehend im Rahmen dieser Erwachsenenwelt – Jungen hingegen müssen dafür den Rahmen verlassen, müssen sich gegen die Erwachsenenwelt entwickeln, die sie erleben, und sich ihr entziehen.“

    Gut gemacht.

  • @Lucas:

    »Als wäre es eine ganz absurde Vorstellung, dass Statistiken, über Jahre hinweg erhoben, gesichert, ausgewertet und verglichen, aussagekräftiger sein könnten als die Erfahrungen eines beliebigen Mütter-Stammtisches.«

    Dazu gab es eben erst einen interessanten Artikel von Klaus Benesch auf Telepolis, Wissenschaft im Zeitalter des Antiprofessionalismus, in dem es am Ende heißt:

    »Er fürchte, so schreibt Nichols am Ende von „The Death of Expertise“, nicht so sehr das Aussterben jeglichen Expertentums. Ärzte, Anwälte, Ingenieure usw. wird es wahrscheinlich immer geben; was ihm Sorgen macht, ist vielmehr die Tatsache, dass neuerdings kaum jemand mehr bereit zu sein scheint, einmal gefasste Meinungen und Vor-Urteile durch entsprechende Expertise zu revidieren.«

    Insofern liegt die journalistische Arbeit von Silke Fokken eigentlich ganz im Trend der Zeit. 🙂

  • An diesem Blog schätze ich, dass du ausführlich argumentierst – und nicht einfach nur polemisierst!

    Mal was dazu:
    „Lehrkräfte müssen heute nebenbei immer auch sozialpsychologisch tätig sein, und das ist absurd. “
    Nein, das finde ich nicht! Denn die Lehrer sind nun mal am nächsten dran an den Schülern, sie haben durch ihre bloße Präsenz doch potenziell einen viel größeren Einfluss als Schulpsychologen, bei denen man erstmal einen Termin machen muss – das ist sicher eine Mega-Hürde für Mädchen wie Jungen.
    Besser fände ich es, wenn „Sozialpsychologisches“ wichtiger Teil der Ausbildung würde! Insgesamt mehr Lehrerinnen und Lehrer, kleinere Klassen – das wäre doch viel sinnvoller. Stoffvermittlung sollte in Zeiten des Internets nicht die einzige Aufgabe der Lehrpersonen sein!
    Ich bin gelegentlich auf gutefrage.net und erlebe, wie massenhaft dort 11 bis 17-Jährige ihre Fragen rund um ihre Pubertätsprobleme stellen. Das zeigt erschreckend deutlich, wie häufig anscheinend überhaupt niemand da ist, an den sich die Jugendlichen vertrauensvoll wenden können! Ich hab schon öfter mal geraten, doch einen Schulpsychologen oder Vertrauenslehrer zu kontakten – das scheint aber in deren Welt keine Option zu sein, leider.

    Was nun das Hauptthema des Artikels angeht: Woran liegt es denn, dass Männer nicht mehr Lehrer werden wollen? Und: Kann es nicht sein, dass auch die Abstinenz der Väter in Schul- und Erziehungsfragen dazu beiträgt, dass Schulprobleme eher von Frauen „bearbeitet“ werden, egal wie man das nun im Einzelfall bewertet? Engagierte Väter könnten und sollten sich mehr einmischen, wenn sie meinen, ihre Söhne würden benachteiligt. Warum passiert das nicht?

    • „Was nun das Hauptthema des Artikels angeht: Woran liegt es denn, dass Männer nicht mehr Lehrer werden wollen? “

      Arne Hoffmann (Genderama) hatte aus einen Brief von einem Lehrer berichtet:

      Den ersten guten Rat im Einführungsparktikum an einer Schule war: Sei nie alleine mit einer Schülerin in einem Raum! Ich hätte nie gedacht, wie schlimm sich diese permanente Angst auf einen auswirken kann. Es lähmt dich im Umgang mit Menschen (Frauen!). Am liebsten meide ich heute diesen Umgang einfach, dann kann auch nichts passieren.

    • „Engagierte Väter könnten und sollten sich mehr einmischen, wenn sie meinen, ihre Söhne würden benachteiligt. Warum passiert das nicht?“

      Die Frage lässt sich einer Feministin kaum beantworten.
      Feminismus ist verzögertes weibliches erwachsen werden in eine Ideologie gegossen.

    • @ClaudiaBerlin
      ‚Woran liegt es denn, dass Männer nicht mehr Lehrer werden wollen?‘

      Der Staat züchtet Heerscharen von Sozialwissenschaftler heran und vergibt immer wieder Forschungsaufträge an dieselben. Die Frage müsstest Du wohl an diese richten anstatt an den Betreiber und die Leser eines Blogs.

      ‚Kann es nicht sein, dass auch die Abstinenz der Väter in Schul- und Erziehungsfragen dazu beiträgt, dass Schulprobleme eher von Frauen „bearbeitet“ werden, egal wie man das nun im Einzelfall bewertet?‘

      Schon möglich. Wobei sich auch gleich die Frage stellt, wie sehr sich Mütter selbst an ihre Kinder klammern und den Vater auszugrenzen versuchen. Dazu haben sie heute durch das Ehe- und Scheidungsrecht deutlich mehr Möglichkeiten als früher.

      Zumindest bei Trennungen/Scheidungen zeigt sich die Tendenz der sich an ihre Kinder klammernden Mütter dann für den aussenstehenden Beobachter sehr deutlich. Womöglich passiert das auch innerhalb intakter Familien, nur sieht man diese Ausgrenzung des Vaters von aussen nicht so gut.

      Worin besteht aber der Zusammenhang zwischen Deiner Hypothese und der immer weiter schwindenden Neigung von Männern Lehrer zu werden? Das würde mich jetzt echt interessieren. Du postest hier nur eine Andeutung aber führst das nicht näher aus.

      Im übrigen ergriffen Männer in früheren Zeiten weitaus häufiger den Lehrerberuf. Kann man aus dieser Tatsache und Deiner Hypothese schliessen, dass Männer sich früher wesentlich stärker um Schul- und Erziehungsfragen gekümmert haben? Und das ausgerechnet in diesen unsäglichen Patriarchatszeiten als Frauen noch als zuständig für die drei ‚K‘ (Küche, Kinder, Kirche) betrachtet wurden?

      Demgegenüber haben wir heute doch angeblich moderne Familien, in denen sich Männer liebevoll um die Kinder kümmern und die Frauen gleichberechtigt die Rolle des Familienernährers übernehmen. Zumindest behaupten das Familienexperten immer wieder in den Hauptstrommedien. Auch der Staat fördert dieses moderne Rollenmodell (Stichwort ‚Väterzeit‘), welches Experten und Medien frohlockend als frohe Botschaft verkünden. Wie kann es da sein, dass all die kinder- und familienfreundlichen Männer sich davor drücken, den Lehrerberuf zu ergreifen? Werden wir womöglich von Experten und Medien belogen, und bringt die staatliche Förderung gar nix?

      Deine Hypothese ist offensichtlich nur schwer mit der Realität in Einklang zu bringen. Immer schön daran denken, wenn man eine Hypothese aufstellt: Koinzidenzen sind keine Korrelationen, und beide wiederum sind keine Kausalitäten.

    • @Claudia: Willst Du etwa sagen, Müttern ist es egal, wenn ihre Kinder auf der Schule benachteiligt werden? Ziemlich miese Frauenbild, das Du hast. Ich fürchte nur, Du könntest recht haben…

    • @ Claudia „Engagierte Väter könnten und sollten sich mehr einmischen, wenn sie meinen, ihre Söhne würden benachteiligt. Warum passiert das nicht?“ Das finde ich eine sehr berechtigte Frage. Sie unterstellt in meinen Augen auch nicht (so ist sie offenbar von einigen Kommentatoren verstanden worden), dass Mütter und Frauen insgesamt keine Verantwortung hätten.

      Ich halte es ohnehin, schon aus ganz pragmatischen Gründen, für unwahrscheinlich, dass sich bestimmte Geschlechterverhältnisse auf Dauer aufrecht erhalten lassen, ohne dass BEIDE Geschlechter daran mitwirken.

      So sehr Frauen da auch mit in der Verantwortung sind, und einigen Frauen ganz weit vorne: Die Benachteiligung von Vätern im Sorgerecht, z.B., gäbe es nicht , wenn nicht auch Männer daran mitwirken würden. Wenn nicht-verheiratete Väter nicht grundsätzlich das Sorgerecht haben, sondern es (ohne Zustimmung der Mutter) erst auf Antrag und über einen Gerichtsentscheid bekommen können – dann signalisiert das eben auch: Väter müssen ihre Verantwortung nur dann tragen, wenn sie das auch wollen. Offensichtlich gibt es auch eine ganze Reihe von Männern, die das so mit aufrecht erhalten wollen. Und es gibt natürliche eine ganze Reihe von Frauen, die damit wiederum eigene Interessen verbinden.

      Es stimmt allerdings, das wir – wie das Maesi schon sinngemäß schreibt – hier nur spekulieren können. Es hätte ja zum Beispiel längst einmal untersucht werden müssen, warum eigentlich der Männeranteil im Lehramt so winzig wird – mir ist aber keine Untersuchung dieser Art bekannt, und wir haben hier im Blog natürlich nicht die Mittel, sie durchzuführen.

      Meine Spekulation: Tatsächlich haben viele Männer Ängste vor einer offenen Konfrontation oder Konkurrenz mit Frauen, und je stärker ein Bereich von Frauen dominiert wird, desto stärker werden Männer ihn meiden. Das gilt zumindest für Bereiche, in denen diese Konkurrenz stark moralisierend und zu Lasten von Männern vorgeformt ist, beispielsweise durch die Unterstellung, dass Männer im Unterschied zu Frauen grundsätzlich von Dominanzinteressen oder von egoistischen Motiven motiviert wären.

      In erziehungswissenschaftlichen Bereichen werden solche Unterstellungen übrigens bei weitem nicht von allen geteilt, aber das merkt man auf den ersten Blick gar nicht – Thesen wie denen von Kimmel oder Connell offen zu widersprechen, ist in solchen Kontexten nämlich weitgehend ein Tabu. Selbst noch stark jungen- und männerfeindliche Positionen (hier ein Beispiel: https://man-tau.com/2014/02/10/wie-man-bose-kerle-zu-netten-jungs-umbaut-progressive-madchenpadagogik-und-die-nice-guys-engine/ ) sind in diesen Kontexten selbstverständlich akzeptiert, auch wenn ihnen nicht alle zustimmen.

      Ich glaube, dass Männer sich angesichts dessen eher in Bereiche zurückziehen, in denen sie nicht einerseits eine kleine Minderheit sind UND ZUGLEICH mit stark unterstellenden, durchaus auch stark abwertenden Klischees konfrontiert sind.

      Das gilt dann vergleichbar möglicherweise auch für Väter. Wenn nicht einmal die Mütter, die es doch leichter hätten, etwas gegen jungenfeindliche Lehrer und Lehrerinnen sagen – welchen Sinn sollte es dann haben, wenn die Väter es tun?

      Das sind Ängste, und ich finde, von erwachsenen Menschen (Männern und Frauen) wäre durchaus zu erwarten, sich über solche Ängste auch mal hinwegzusetzen – aber was ich schreibe, ist eben der Versuch einer Erklärung, nicht der einer Entschuldigung.

      In meinen Augen aber ist das wesentliche Problem nicht die fehlende Gegenwehr, sondern der fehlende Kontakt von Kindern und Jugendlichen mit Männern. Dass vielen Kindern etwas bis zum Alter von elf Jahren der Eindruck entstehen muss, die reale Erwachsenenwelt außerhalb der Medien bestünde wesentlich aus Frauen – das ist eigentlich ein ziemlich verrücktes sozialpsychologisches Experiment mit ungewissem Ausgang. Vielleicht ist das übrigens auch ein Grund dafür, warum gerade Jungen sich so stark in eine mediale Welt begeben – da begegnen sie immerhin einer Welt, in der es Frauen UND Männer gibt.

      • „In meinen Augen aber ist das wesentliche Problem nicht die fehlende Gegenwehr, sondern der fehlende Kontakt von Kindern und Jugendlichen mit Männern.“
        @Lucas Schoppe:
        Sicher, das ist ein wichtiger Aspekt, aber m.E. nicht der einzige.
        Claudia hinterfragt ja oben schon, ob es richtig ist, mehr Schulpsychologen zu fordern, oder ob der einzelne Lehrer auch in Punkto soziale Grundbildung mehr leisten sollte, weil das die günsigere Konstellation wäre, da er „näher dran“ ist.

        Mir behagt beides nicht. Auch die dritte Möglichkeit, das Fach Sozialkunde auszudehnen, halte ich nicht für eine effektiv richtige Lösung.
        Ich sehe da eine wichtige Kompetenzlücke ( nee, eigentlich nur eine Zeit- und Willenslücke ), bei den Eltern und dem gewachsenen sozialen Umfeld.

        A – Schulpsychologe: Ist m.E. für ernstzunehmende Störungen zuständig ( wenn er dazu ausreichend ausgebildet und erfahren ist, was ich bei dem was man so über die „modernen Laberfächer“ hört, dezent anzweifele. Es scheint z.Zt. eher die Ausschöpfung von Behandlungskontingenten vermittelt zu werden, als unmittelbar praxisbezogene Diagnostik, ist so mein Eindruck ).

        B – Lehrer: Sicher, der ist dem Schüler am nächsten und ja, im akuten Fall von Problemen zwischen den Schülern, oder zwischen Schüler und Lehrer, muß er erstmal versuchen das beste draus zu machen. Aber mehr auch nicht.
        Gerade bei einem immer mehr aufgesplitteten Kurssystem ist er längst nicht ( mehr? ) nahe genug am Schüler. Und das kann auch nicht seine Aufgabe sein.

        Sozialkundeunterricht:
        Nun, wir haben in Sozi ( und Politik, das lief bei uns nicht allzu streng getrennt ) eine Bandbreite von „Ist Roman ein Feigling?“ ( ein alter DDR-Film über Vorder- u. Hintergründe von Courage ) bis Wolfgang Borchart ( „Die lange, lange Strasse lang“, harter Kriegsheimkehrerstoff ), ab spätestens so 5.-6. Klasse abgedeckt. Persönliche Pubertätsprobleme o.ä. von Jugendlichen untereinander kamen aber garantiert nicht vor. Wurden auch in Sexualkunde ( war damals aber auch noch ganz neu und wurde Bio zugerechnet ) nicht thematisiert. Und auch das finde ich ganz okay, da soziale Grundbildung nunmal nicht in formellen Bündeln unterrichtet/gelernt werden kann.

        Was bleibt also? Nichts, was man mal eben per Zusatzausbildung erlernen könnte.
        Denn dazu gehört auch, daß die natürliche Kompetenz beachtet wird.
        Und die liegt ganz klar nicht bei den Lehrern, oder Psychologen.
        Sondern im gewachsenen sozialen Umfeld.
        Wie oben schon zart angedeutet, rechne ich persönliche Pubertätsprobleme ( weil das ein gutes und wohl häufiges und typisches Beispiel ist, das Claudia ja auch anspricht ), resp. die Lösung derselben zur sozialen Grundbildung, vielleicht als deren letzten großen Stoffkomplex, bevor das soziale Wesen Mensch in die Selbstständigkeit entlassen wird.
        Nun mal ganz prinzipiell gefragt:
        Was ist soziale Grundbildung und wie entsteht sie?
        Sie ist die erlernte ( !) Fähigkeit, mit anderen möglichst so klarzukommen, daß keiner mehr als unvermeidbar Nachteile davon hat, sehr grob verkürzt gesagt.
        Wie entsteht sie?
        Weiß keiner so genau, da es dazu keinen bekannten Einstiegspunkt gibt.
        Was man aber weiß ist, daß sie sich naht- u. übergangslos aus dem Bindungserleben ergibt.
        Es geht also um zwei Prozesse, die einander beeinflussend mehr oder weniger parallel ablaufen. Man kann sie nicht voneinander trennen, ohne beide damit qualitativ zu schädigen.
        Sicher ist eine Lehrer-Schüler-Beziehung auch unter dem Bindungsaspekt betrachtbar, aber ich denke, das ist bestenfalls marginal sinnvoll. Eher ist von einem Arbeitsverhältnis auszugehen und das ist ja auch ein schulisches Ausbildungsziel, soweit ich weiß. Durchaus zu Recht, wie ich meine.

        Es bleiben also nur Familie und enges nachbarliches Umfeld gerade für die persönlichsten und intimsten Fragen der sozialen Grundbildung übrig ( und das sind m.E. z.T. die wichtigsten für ein Individuum, da sie die unverzichtbaren Grundlagen für das Verständnis von sich selbst und allen anderen Mitmenschen liefern ), zumal hier die Bindungsanteile erheblich größer und freier sind. Einfach weil die Bindung zur Familie per se viel enger ist und weil die Personen, mit denen das Kind seine intimsten Gedanken teilt immer freiwillig dafür ausgewählt sein sollten ( Vertrauensbasis ).
        Eine willkürlich zusammengesteckte Gleichaltrigengruppe unter Führung einer Fachperson, ist dafür denkbar ungeeignet, das mag zufällig mal Sinn machen ( ganz oben schon angedeutet, in der Beschreibung der grauen Vorzeit meiner Schulzeit ), aber nur, wenn zufällig die Chemie passt. Es kann auch Gegenteiliges bewirken und voll nach hinten losgehen, die Wahrscheinlichkeit ist m.E. ziemlich groß. Man braucht sich dazu nur einmal kaum überspitzt vorstellen, was dabei herauskäme, wenn formelle Sozialkompetenz in Klassenarbeiten benotet würde. Es wäre völlig egal, ob ein Schüler ein guter Mensch ist, mit dem alle bestens auskommen. Es würde reichen, wenn derjenige an der richtigen Stelle sein Kreuz in’s Kästchen macht.
        Er könnte noch so dissozial sein, laut Zeugnis wäre er ein gesellschaftliches Vorbild.
        ( Wenn ich mir dazu noch Muddi Merkel ansehe, wie sie versucht ein Asylantenkind in den Arm zu nehmen, dem sie gerade erklärt hat, daß es wohl abgeschoben wird, kriege ich das Kotzen. Gut, daß die selten mit Kindern zu tun hat! Cem Özdemir’s Forderung nach der Zwangskita deutet auch sehr direkt auf bestenfalls auswendig gelerntes Sozialverhalten hin. Da muß doch was kapputt sein, bei diesen Leuten. )

        Ergo bleibt dafür nur Papa, Mama, Geschwister, Tante, Opa & Co. Die werden aber gerade für Pubertätsprobleme im entsprechenden Alter zunehmend zu weniger beliebten Anlaufstellen.

        Tja, was ist mit der Nachbarschaft?
        Was ist mit den Kinderbanden, die weit aufgefächerten Alters sind und jede freie Minute zusammen verbringen? Wo die älteren den jüngeren durch direkt zu beobachtendes Vorbildverhalten jeden Tag das gewünschte vermitteln? Unbemekrkt zumeist, aber höchstwirkungsvoll.

        Da gäbe es eine relativ gute Bindung, das Vertrauen, die Gelegenheit und mit Glück auch die direkte Kompetenz. Es geht ja meist gar nicht um „spezielle Fachprobleme“, sondern um immer die gleichen Fragen und „Komplikationen“, wie Claudia ja auch konstatiert. Es kommt also mehr auf die richtige Person und den richtigen Moment an.
        Sonst wäre es nicht nötig, daß ausgerechnet auf „gutefrage.net“ ( vom Niveau her fast mit „hilferuf.de“ vergleichbar ) immer die gleichen Fragen gestellt werden, die schon vor mehr als vier Jahrzehnten in der BRAVO von „Dr. Sommer“ beantwortet wurden.

        Nur – wo gibt s die Banden heute noch?
        In den Städten jedenfalls nicht, höchstens mal im Ausländerghetto.
        Und auch auf dem Land ist es ja mittlerweile so, daß man den Eltern einredet, das Kind müsse „von der Strasse weg“, es müsse in die Vorschulkita und auch nach der Schule in „geregelte Verhältnisse“. Sonst könne es ja „keine soziale Grundbildung erlernen“ ( !!! ).
        Zur Not kommt ganz ernsthaft das Argument: „Da draußen ist ja keiner mehr, sind alle in KiTa, Schule, Sportverein, oder hängen vor der Playstation“.

        Bemerkt wer den Fehler?

        Ich fasse mal überspitzt zusammen:
        Wir versuchen Kinder zu sozialisieren, indem wir sie an ihrer Sozialisation hindern. Das müssen wir tun, weil da niemand ist, der das sonst kann.
        Denn die Zuständigen sind damit beschäftigt, sich von uns in ihrer Sozialisation behindern zu lassen, um wenigsten irgendeine Sozialisation zu absolvieren, weil da draußen keiner ist, da sie ja alle hier sind.

        Das kann auf Dauer nur mißlingen!
        Und nein, das ist nicht den Lehrern, nicht den Psychologen und erstrecht nicht den Eltern anzulasten!
        Sondern jenen, die ein – wie auch immer geartetes – Interesse daran haben, daß dieser kinderverachtende Unfug zur Staatsreligion geworden ist!

        Also ich habe „Sozialisationsprobleme“ erst so ab 7. – 8. Klasse erlebt, ungefähr ab dem Zeitpunkt, wo ich nicht mehr im nachbarschaftlichen Verband eingebunden war.

        Vorher funktionierte das uralte pauschale Universalrezept von Muddern perfekt:
        RUT MIDDE GÖRN AN’NE FRÖHJOHRSLUFT!

    • @ Matze Die Anekdoten können es natürlich leicht mit denen von Fokken aufnehmen. Fairerweise möchte ich aber darauf hinweisen, dass es solche sadistischen Typen wie die genannte Religionslehrerin auch unter Männern gibt.

      Ich steuere auch noch einmal eine Anekdote bei, die eben nicht Jungen gegen Mädchen ausspielt, sondern die zeigt, wie unangemessen das Denken in hergebrachten Gender-Kategorien im Kontext Schule sein kann.

      Ich hatte einmal eine Klasse, mit der regelmäßig eine Sozialpädagogin arbeitete, so wie das an dieser Schule in bestimmten Klassenstufen üblich war. Einmal kam die Pädagogin auf die Idee, die Mädchen groß auf einem Poster sammeln zu lassen, was ihnen an den Jungen nicht gefällt – und die Jungen, was ihnen an den Mädchen nicht gefällt.

      Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Mädchen dabei noch verletzender als die Jungen, aber darum geht es gar nicht. Wichtig ist: Geklärt hat das gar nichts, es hat auch keine zuvor verschwiegenen Konflikte offengelegt. Eigentlich haben sich Jungen und Mädchen lediglich gegenseitig Klischees um die Ohren gehauen.

      Das Resultat: Als Klassenlehrer hatten wir dann noch einige Wochen damit zu tun, die völlig unnötigen und unproduktiven Konflikte, die die Sozialpädagogin durch diese Gender-Konfrontation in die Klasse getragen hatte, zu moderieren.

      Hier geht es eben nicht darum, dass Jungen gegenüber Mädchen benachteiligt wären – sondern darum, dass ein konfrontatives Gender-Denken in der Schule eigentlich nur Schaden anrichtet.

      Eben das mag ich allerdings an Schule, unter anderem: Die schnelle Konfrontation mit Konsequenzen. Gender-Feministinen können sich, gerade wenn sie auf das Vokabular und die Diktion Judith Butlers o.ä. zurückgreifen, leicht darüber hinwegtäuschen, wie ausdauernd sie hergebrachte Geschlechterklischees reproduzieren. Wenn mit so etwas aber in der Schule und mit Kindern oder Jugendlichen gearbeitet wird, wird die Klischeehaftigkeit schnell sichtbar, weil es dann nicht um Rationalisierungen geht, sondern um die realen Konsequenzen von Konzepten. Das wird ja auch in einigen von Deinen Beispielen klar.

      Es braucht dann schon ziemlich autoritäre Strukturen, um diese Konsequenzen nicht mehr wahrzunehmen.

      • Und gab es irgendwelche Konsequenzen für diese Sozialpädagogin? Hat sie den Fehler erkannt oder wurde die gleich auf die nächste Klasse losgelassen.

        Ich finde diese Anekdoten nicht mit denen von Fokken vergleichbar.

  • Unter dem Titel: „Strukturen des Missbrauchs am Beispiel der Deprivation von Jungen“ habe ich diesen Beitrag in meinem Blog „Lotoskraft“ rebloggt. Dazu schrieb ich im Vorspann:
    Jungen werden in den Schulen und in der öffentlichen Fürsorge allenfalls noch als ein einzudämmendes Problem wahrgenommen. Hingegen erkennt niemand ihre Not darüber, wie sich unsere Gesellschaft von ihnen abwendet und sie sich selbst überlässt beziehungsweise versucht, ihnen ihre Eigenheiten abzusprechen und ihre männliche Identität abzuerziehen. So töten sich um ein Beispiel zu geben dreimal so viele Jungen selbst als Mädchen, doch es gibt für sie kein Hilfetelefon, wie ich es seit einiger Zeit unter dem Motto: „Rede mit uns, ehe Du Schluss machst. Wir wollen, dass Du überlebst!“, fordere, das sich speziell an Jungen wendet, und es gibt keinerlei erkennbare Absicht irgendeiner bundesweiten Institution, das ein solcher Notruf umgesetzt und dauerhaft finanziert werden sollte; ein Notruf, der im übrigen ebenso speziell für Männer dringend notwendig ist.
    Diese Missachtung und gesellschaftlich geduldete Diskrimination von Jungen ist eine gewollte Deprivation und damit eine fortwährende Misshandlung. Sie beginnt in den Kindergärten und setzt sich in den Schulen und Universitäten fort; und die Täter sind überwiegend Täterinnen; denn in Erziehung und Bildung haben längst Frauen das sagen, und die verweigern Jungen jegliches Verständnis und Mitgefühl. Dieses Verhalten aber zeigt alle Muster strukturellen Missbrauchs, der, geschähe gleiches mit Mädchen, sofort und nachhaltig skandalisiert und angegangen werden würde. Die Haltung unserer Gesellschaft gegenüber Jungs war allerdings schon immer deprivierend; so wurden Jungen durch alle Zeiten in den Heldentod geschickt, und so sorgt sich auch kaum jemand um das Stricherproblem oder die Verwahrlosung von Jungen in unseren Städten. Jungen scheinen somit der notwendige Abfall einer besseren Welt zu sein, den wir uns bewusst leisten.

  • „Wenn Kinder in Familien, in Kindergärten und Schulen eine weitgehend weibliche Erwachsenenwelt erleben, dann entwickeln Mädchen ihre Identität weitgehend im Rahmen dieser Erwachsenenwelt – Jungen hingegen müssen dafür den Rahmen verlassen, müssen sich gegen die Erwachsenenwelt entwickeln, die sie erleben, und sich ihr entziehen.“

    Lies mal das Buch „Familie sein dagegen sehr“ von dem Familientherapeuten Robin Skynner und John Cleese – ja, genau dem aus der Monty Python-Truppe.
    Etwas Genialeres hab ich nie wieder gelesen, als diese ernste Wanderung durch das menschliche Leben aus psychologischer Sicht.
    Skynner beschreibt die Situation ähnlich, als eine Situation, bei der die Kinder bei der Mutter auf einer Seite der Brücke der Geschlechter stehen und der Vater auf der anderen, der „Männer“-Seite.
    Irgendwann muss der Junge über die Brücke zum Vater, während das Mädchen brav auf der mütterlichen Seite bleiben darf und das Leben als Kontinuum erlebt.
    Der Junge erfährt einen ersten Bruch in seiner Vita und nicht jeder schafft den Weg über die Brücke.

    Leider ist das Buch schon etwas betagt (1988), aber wohl immer noch im Antiquariat zu kriegen.
    https://www.amazon.de/Familie-sein-dagegen-sehr/dp/3873872889

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