Film Frauen

Von männlicher Sehnsucht nach weiblicher Stärke – Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“

Bild zeigt Szene aus dem Film Wonder Woman.
geschrieben von: Lucas Schoppe

Es gehört zu einem beliebten Klischee des heutigen Feuilletons, dass Männer Angst vor starken Frauenfiguren hätten. Der Erfolg des Superheldenfilms Wonder Woman, der am Donnerstag in den deutschen Kinos angelaufen ist, zeigt eher das Gegenteil: Starke Frauenfiguren sind für Männer sehr reizvoll und bedienen womöglich sogar eine Sehnsucht nach der starken Frau.

Wie ich einmal den Film „Wonder Woman“ bei einem „Männerabend“ anschaute

Die bloße Planung einer Gruppe liberaler Männer in der FDP taugt noch immer als eine erhebliche Provokation. „Die haben halt auch Angst vor starken Frauen.“  So erklärt Petra Herrmann, Journalistin des Bayerischen Rundfunks, in der Sendung FDP-Männer gründen Männerkreis gegen Genderwahn die Tatsache, dass der Film Wonder Woman in Tunesien und dem Libanon verboten ist. Das stimmt zwar so nicht – der Film ist dort verboten, weil die Hauptdarstellerin Gal Gadot Israelin ist und in den israelischen Streitkräften gedient hat. Es passt aber auch so gut in ein beliebtes Motiv des heutigen Feuilleton, dass Herrmann den Gedanken auf gar keinen Fall ungenutzt vorbeiziehen lassen kann, ob nun falsch oder nicht: Männer hätten Angst vor starken Frauen.

So ventilierte das amerikanische und europäische Feuilleton schon bei der letzten Mad Max-Verfilmung aufgeregt des Gerücht, „Männerrechtler“ hätten zum Boykott des Films aufgerufen, weil ihnen die Figur der Imperator Furiosa (Charlize Theron) zu stark geraten sei. Auch hier war die Geschichte zu schön, als dass die beteiligten Journalisten sich allzu lang durch die störende Zusatzinformation hätten aufhalten lassen, an dem Gerücht stimme gar nichts.

Das Desaster von Paul Feigs Film-Flop „Ghostbusters“ führten seine Verteidiger ebenfalls auf Frauenfeindlichkeit zurück. Männer hätten es nicht ertragen, dass die klassischen vier Heldenrollen des Originals in der Neuverfilmung von Frauen besetzt worden wären. Dass der Film vielleicht einfach missglückt war, weil er sich für die Ironie und die Entwicklungslogik des immer noch beliebten Originals überhaupt nicht interessierte, konnte jedenfalls nicht der Grund für seinen gigantischen Misserfolg beim Publikum sein.

Der große Erfolg von Patty Jenkins‘ Film Wonder Woman, der sich schnell an die Spitze der US-Kinocharts setzte und der bei der Filmkritik-Sammlung Rotten Tomatoes eine positive Bewertung von 92% der gesichteten Kritiken hat, passt allerdings nicht recht zur These der männlichen Angst vor starken Frauen. Daher erwähnt Herrmann davon auch gar nichts und schaut lieber nach Tunesien und in den Libanon, wo die Männer eben auch Angst vor starken Frauen haben, so wie bei uns halt, besonders die der FDP, irgendwie.

Ich war am Vorabend des offiziellen Kinostarts am 15. Juni in einer Vorführung, die als „Männerabend“ annonciert war. Das bedeutete nicht etwa, dass Frauen – als Gegenstück zu Frauenvorführungen, die eigentlich nicht von Männer besucht werden sollten –  keinen Zutritt gehabt hätten, sondern dass ich im Kino beim Kauf einer Flasche Bier eine zweite gratis dazubekommen hätte, was ja in der Tat typisch männlich ist. Aber immerhin kalkuliert das Kino offensichtlich, dass der Film insbesondere Männer anlockt, und es hatte recht damit: Der Saal war ziemlich voll, das Publikum war gemischt, Männer waren erkennbar in der Überzahl – und trotz der starken weiblichen Superheldin blieb jeder Protest aus.

Möglicherweise hatten die Männer nur Angst davor, in der Anwesenheit von Frauen ihre Angst vor starken Frauen zuzugeben – aber, soweit ich das im Dunkeln des Kinos erkennen und an den Reaktionen hören konnte, hatten sie ziemlich viel Spaß dabei. Könnte es also sein, dass die ehrwürdige, vielfach erprobte (d.h.: von einer Zeitung oder Sendung in die nächste weiter gereichte) These von der Angst der Männer vor den starken Frauen – falsch ist?

Das Mädchen von der Insel gewinnt den ersten Weltkrieg

Diana ist zu Beginn des Filmes ein junges Mädchen, das als einziges Kind auf der Amazoneninsel Themyscira lebt. Zeus, so wird erklärt, habe diese Insel mit seiner letzten Kraft geschaffen, als er den Kriegsgott Ares besiegt, aber nicht vernichtet habe. Praktischerweise ist Themyscira von einem dichten Nebel als Schutz umgeben, so dass Ares die Amazonen, die hier Kämpferinnen für den Frieden in einer männlich dominierten Kriegswelt sind, nicht finden kann.

Diana erlernt die Kampfkunst, gegen den Willen ihrer Mutter, der Königin. Als sie nach Jahren des Trainings erkennt, dass ihre Kräfte die der anderen weit übersteigen, geht sie erschrocken zum Meer – und sieht dort ein abstürzendes Flugzeug. Außerhalb der Insel des griechischen Mythos tobt nämlich der erste Weltkrieg, und der englische Agent Steve Trevor (Chris Pine) entkommt knapp seinen deutschen Verfolgern, stürzt ins Wasser – und wird von Diana gerettet.

Natürlich ist schon das eine Umkehrung traditioneller Rollen, bei denen es schließlich üblich ist, dass der Herr die Dame rettet. Die anderen Amazonen verteidigen kurz darauf ihre Insel gegen die angreifenden Deutschen, die Steve durch den Nebel verfolgten. Auf Pferden und mit Pfeil und Bogen besiegen sie die Soldaten und ihre Gewehre, wenn auch mit großen Opfern – unter ihnen die Kriegerin Antiope (Robin Wright), Dianas Mentorin und Trainerin in der Kampfkunst: Sie stirbt, als sie Diana vor einer Kugel rettet.

Der Kontrast zwischen antiker Welt und Moderne, zwischen Frauen und Männern ist hier zugleich auch einer zwischen einen klassischen Heroismus und einer modernen Kriegsführung. Später wird Diana, die Steve in seine Welt auf der Suche nach dem Kriegsgott Ares folgt, eine Runde britischer Generäle wütend kritisieren: Anstatt mit ihren Soldaten in die Schlacht zu reiten, würden sie von sicheren Räumen zynisch aus über das Schicksal ihrer Männer entscheiden.

Dianas Einsatz macht am Ende des Films schließlich den soldatischen Opfertod nicht unnötig, sorgt aber dafür, das er wieder einen Sinn hat – den er im stumpfen Vernichten auf den Schlachtfeldern verloren hatte.

Das ist ein durchaus reaktionärer Strang des Films: Gegen die moderne Kriegsführung, in der Menschen der unendlichen Übermacht der Kriegsmaschinerie ausgeliefert sind, spielt er genretypisch keine zivile Ordnung aus, sondern einen überkommenen Heroismus. „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ – mit Brechts Satz lässt sich eben keine anständige Superhelden-Geschichte erzählen.

Diana beschimpft Steve sogar, als er sie daran hindert, den deutschen General Ludendorff zu töten – und sie behält Recht. Kurze Zeit später zerstören die Deutschen auf Ludendorffs Befehl ein ganzes Dorf bei einem Gasangriff. Es tut dem Film allerdings gut, dass Dianas Heroismus so gebrochen ist: durch ihre Hilflosigkeit angesichts des Sterbens, deutlich häufiger aber auch einfach durch Ironie.

„Ihr habt doch sicherlich Gewehre“, ruft Steve gleich zu Beginn des Filmes, als die Amazonen mit Pfeil du Bogen auf die Deutschen stürzen. Später, in London, findet Diana nach langem Anprobieren endlich ein passendes Kostüm einer Frau des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts – und verdirbt es sogleich wieder, weil sie darauf besteht, ihr Schwert und ihren Schuld dazu zu tragen.

Die Ironie tut auch dem Verhältnis der Hauptfiguren gut. Diana hat zwar noch nie einen Mann gesehen, aber gleich zwölf Bände zu körperliche Begierden gelesen – was sie Steve erzählt, während er neben ihr liegt und sich bemüht, seine eigene Lust auf sie unter Kontrolle zu halten.

Dass die Ironie deutlich weniger bemüht wirkt als im Ghostbusters-Remake, hat einen einfachen Grund: Die Frau wird hier als stark präsentiert, ohne dass dadurch der Mann – wie in Feigs Film – herabgesetzt und lächerlich gemacht würde. Ganz im Gegenteil: Gerade weil Diana stark und eigenständig ist, werden hier auch die Männer wieder handlungsfähig.

Wonder Woman zwischen den Männern, mit denen sie gemeinsam kämpft. Diese Fotografie aus dem ersten Weltkriege betrachtet sie in der Rahmenhandlung des Films, die in der heutigen Zeit spielt.

Als Diana im schon Monate andauernden Stellungskrieg zwischen Briten und Deutschen einfach den britischen Schützengraben verlässt und auf die deutschen Stellungen losmarschiert, und als sie dabei die deutsche Kugeln allesamt mit ihren metallenen Armbändern abwehren kann – da begreift Steve sofort. Er ruft den anderen zu, dass sie das Feuer auf sich zöge – und die Männer springen nun ebenso aus den Schützengräben hervor und können schließlich die deutschen Stellungen überrennen.

Natürlich ist das eine pubertäre Fantasie – eine heldenhafte Figur mit Superkräften, die ganz allein eine Schlacht entscheidet. Es spielt aber eben eine Rolle, dass diese Figur eine Frau ist.

Von männlicher Sehnsucht nach weiblicher Stärke

Schon seit vielen Jahrzehnten suchen eben nicht nur Frauen, sondern auch Männer nach neuen Möglichkeiten ihrer männlichen oder weiblichen Identität. Schon die wichtigsten männlichen Schauspieler der Fünfziger Jahre – James Dean, Marlon Brando, Montgomery Clift, Paul Newman – verbanden klassische Männlichkeitsattribute wie Kraft oder Mut mit Attributen, die zuvor eher zur Femme Fragile der Zwanziger Jahre gepasst hätten: Verletzbarkeit, Nervosität, Sensibilität, besonders bei Clift und Dean auch Zartheit.

Der Rock’n’Roll der Zeit legte gleich reihenweise neue Variationen von Männlichkeit vor: als männliches Sexsymbol (Presley), als bebrillter Nerd (Buddy Holly), als Männer, die Rassenschranken (Chuck Berry) oder Geschlechterschranken (Little Richard) übertraten.

Dass Männer schon seit Jahrzehnten, und schon lange vor der zweiten Welle des Feminismus, nach neuen Rollen suchten, ist verständlich: Die Erfahrung der radikalen Hilflosigkeit auf den Schlachtfeldern der Weltkriege, der extremen Sinnlosigkeit einer ins Endlose getriebenen männlichen Disponibilität machte Neu-Orientierungen dringend. Der soldatische Opfertod wurde vielleicht als Heldentat fantasiert – in den Weltkriegen aber war von der heroischen Männlichkeit lediglich eine Verfügbarkeit als Kanonenfutter geblieben.

Wer aber als Mann aus dieser Verfügbarkeit herauswachsen will, ist dabei auch auf Frauen angewiesen, die ihrerseits ihre Rollen verändern. Der fantasierte Heldentod ist eben auch immer der männliche Tod für die schutzbedürftige Frau. Wer als Mann aus der Disponibilität hinaus will, der braucht starke Frauen, die für sich selbst sorgen können und die nicht auf Schutz und Versorgung durch den Mann angewiesen sind.

So ist es ganz genau falsch, wenn Männern unterstellt wird, sie hätten Angst vor starken Frauen. Das Gegenteil ist richtig: Filme wie Wonder Woman, Resident Evil, die Alien-Reihe, die legendäre Fernsehserie Buffy, aber auch Spiele wie schon vor vielen Jahren Tomb Raider mit Lara Croft spekulieren auf eine männliche Sehnsucht nach der starken Frau.

Gal Gadot, inszeniert als Wonder Woman

Natürlich sind diese Frauenfiguren auch jeweils sehr attraktiv. Es kommt ja gerade darauf an, dass sie nicht einfach nur ein Kumpel ist, sondern dass der Mann sie als Partnerin begehren und zugleich als stark und eigenständig erleben kann.

Dass – auf andere oder ähnliche Weise – auch weibliche Sehnsüchte nach starken Rollenbildern angesprochen werden, ist dazu kein Widerspruch, sondern eine komplementäre Ergänzung.

Weibliche Figuren werden eben nicht dann kritisiert, wenn sie stark sind – sondern wenn ihre Stärke unrealistisch, desinteressiert und plakativ konstruiert wird oder gar auf antimännlichen Ressentiments aufbaut.

Die Helden des ursprünglichen Ghostbusters-Film zum Beispiel sind zu Beginn des Films vier erwachsene Männer und Hochstapler, die noch immer mit ihrer Pubertät beschäftigt sind – und am Ende des Films waren sie zu Menschen gereift, die ernsthafte Heldentaten begehen konnten. Die vier Frauen des Remakes hingegen sind schon zu Beginn perfekt, und ihre ganze Entwicklung besteht darin, dass sie das erkennen. Eine blinde Idealisierung von Frauen macht zugleich jede glaubwürdige Entwicklung der Figuren unmöglich – denn wohin sollten sie sich entwickeln, wenn sie doch immer schon perfekt sind?

Eben das konnte dann auch am letzten Star Wars-Film kritisiert werden: Anders als Luke Skywalker braucht die Heldin dort keine Entwicklung, sondern kann von Beginn an alles, was sie braucht.

Diana aber ist eben eine ganz andere Figur. Sie muss jahrelang lernen, um eine Kämpferin zu werden – und im ersten Konflikt des Films setzt sie die Chance auf eine solche Ausbildung gegen ihre eigene Mutter durch.

Der Film führt dann noch eine ganz andere Entwicklung vor: Diana, die nur Frauen gekannt hat, fühlt sich schließlich für alle verantwortlich, für Männer wie für Frauen. Die Liebesbeziehung zu Steve ist zugleich ein Türöffner in eine Welt, in der Männer und Frauen gemeinsam leben. Die Grundlogik von Dianas Entwicklung ist es, dass sie ihren Safe Space Themyscira verlässt – nicht, dass sie Safe Spaces einfordern würde.

Der feministische Vorwurf, Männer hätten Angst vor einer solchen Stärke, geht also so weit fehl wie nur möglich. Tatsächlich wäre es für Männer erlösend, wenn Frauen eine solche Stärke entwickeln würden. Es sind eher Feministinnen selbst, die heute Schwierigkeiten mit solchen Frauenfiguren haben. Es wäre jedenfalls kaum vorstellbar, dass Diana als Wonder Woman durch die U-Bahnen New Yorks oder Madrids spaziert und Männer auf Schilder aufmerksam macht, die breitbeiniges Sitzen verbieten. Oder dass sie ihr Agieren in der Justice League darauf beschränken würde, dort eine Frauenquote einzufordern.

Eine Frauenfigur wie Wonder Woman, die ihrerseits auch schon in den Vierziger Jahren während des zweiten Weltkriegs entwickelt wurde, ist ein Beispiel für eine seit Jahrzehnten andauernde Transformation von Geschlechterrollen, an der sowohl Männer als auch Frauen arbeiten und an der beide ein Interesse haben. Diese Entwicklung wurde durch Feministinnen nicht initiiert, und heute wird sie von ihnen auch eher behindert als gefördert.

Ihre eigene Angst vor weiblicher Stärke unterstellen sie Männern als Angst vor starken Frauen.

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17 Comments

  • Meine Vermutung ist, dass die „Angst vor starken Frauen“, die manche Feministinnen so gerne postulieren, letztlich nur ein Symptom der Emotionalisierung und Pathologisierung unerwünschter Meinungen ist.

    Es fällt mir häufig auf, dass andere Meinungen nicht inhaltlich diskutiert werden, indem man etwa Gegenargumente bringt oder seinen eigenen Standpunkt besser begründet, sondern dass der Gegner emotionalisiert („Du hast nur was gegen Deine Chefin, weil Du Angst vor starken Frauen hast“) oder gar pathologisiert wird („wer sowas sagt, muss krank im Kopf sein“). In jedem Fall drückt sich der Sprecher damit vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung und drängt den Gegner in die Defensive, denn instinktiv wird der widersprechen – und schon dreht sich die Diskussion nur noch um Gefühle und psychologische Gesundheit des Kritikers, nicht mehr um die Kritik.

    Verfolgt man Diskussionen im Internet, könnte man auf den Gedanken kommen, diese Emotionalisierung um jeden Preis, die sich jeglichen Argumenten verschließt, sei typisch weibliches Verhalten. Es wirkt, als könnten Frauen sich gar nicht vorstellen, dass man einen Standpunkt mit etwas anderem begründen könnte als mit Gefühlen. Vielleicht eine Art Projektion: Sie selbst haben keine anderen Gründe für ihre Meinung als Angst und Hass, darum unterstellen sie es auch anderen.

    Zum Glück besteht die Welt nicht nur aus dem Internet und diejenigen, die im Internet am präsentesten sind, sind es meist nicht in der übrigen Welt. Im realen Leben sind mir glücklicherweise noch keine Frauen begegnet, die jegliche Meinungsäußerung auf Gefühle reduzieren. Auch Frauen können durchaus argumentieren und auf emotionale Unterstellungen verzichten.

    So ist es kein Wunder, dass eine bestimmte Sorte Frauen im Internet jegliche Kritik an „Wonder Woman“ auf irgendwelche einfachen Gefühle reduziert, denn komplexere Gedankengänge verstehen sie womöglich nicht; andererseits ist es wenig überraschend, dass Männer und Frauen in der Welt da draußen sich wunderbar von diesem Film unterhalten lassen können, ohne all jenen eine pathologische Angst zu unterstellen, denen er nicht gefällt.

    • @ Peter Harthausen „In jedem Fall drückt sich der Sprecher damit vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung und drängt den Gegner in die Defensive, denn instinktiv wird der widersprechen“ Das ist mir auch schon aufgefallen: Es gibt eine Tendenz, unwillkomenne Äußerungen anderer nicht als Aussagen über eine empirische Realität wahrzunehmen, sondern allein als ein Symptom ihrer inneren Verfassung. Es kann zum beispiel schon als „frauenfeindlich“ bezeichnet werden, wenn jemand einfach nur eine stärkere Aufmerksamekeit für spezifische Notlagen von Männern oder Jungen fordert. Natürlich ist das nicht frauenfeindlich – aber allein schon der Vorwurf lenkt ab von der empirischen Realität, um die es dabei eigentlich gehen soll.

      Dahinter steht m.E. eine größere Tendenz – nämlich ein Glaube, der in postmodernen Positionen rituell vertreten wird: Es gäbe eigentlich keine gemeinsame empirische Realität, mehr noch, es sein ein Ausdruck von Herrschaftsinteressen, den Anspruch zu erheben, über die Realität etwas Allgemeingültiges aussagen zu können. Was dann bleibt, sind lediglich persönliche Perspektiven und Befindlichkeiten. EIN Problem dabei ist, dass Vertreter dieser Position für gewöhnlich anderen dieselbe Selbst-Fixiertheit unterstellen, die sie selbst kennzeichnet.

  • Die Amazonen der griechischen Mythologie hatten wohl kein reales Vorbild. Vermutlich waren damit die Hethiter gemeint. Nichtsdestotrotz gab es unter den Skythen viele Reiterinnen und die kämpfende Frau ist bei germanischen Volksstämmen durch viele übereinstimmende Berichte belegt. Tacitus beschreibt den Eindruck, den die Frauen der Kimbern und Teutonen auf römische Soldaten machten, als sie gemeinsam mit den anderen Kriegern in die Schlacht zogen. 800 Jahre später beschrieb Einhard, der Chronist Karls des großen, dass die sächsischen Aufständischen von ihren Frauen mit freiem Oberkörper im Kampf unterstützt wurden. Die Franken konnten die Sachsen in jener Schlacht erst bezwingen, als deren Frauen ihrerseits mit freiem Oberkörper die fränkischen Reihen schlossen. Wenn aber die kämpfende, starke Frau bereits in Beschreibungen aus einer Zeit, die heute von vielen Menschen mit Frauenfeindlichkeit assoziiert wird, einen solch bedeutenden Raum einnimmt, dann kann hat der Wunsch von Männern nach starken Frauen nicht nur als popkulturelles Phänomen wahrgenommen werden, sondern scheint tief verwurzelt zu sein.
    Dennoch werden solcherlei Indizien von Feministinnen – wie ich sie wahrnehme – nicht zum Anlass genommen werden, sich vom Bild des unsicheren Mannes zu distanzieren, der Angst vor starken Frauen habe. Und das liegt meines Erachtens nicht daran, dass die „starke Frau“ zum sinnentleerten Beschämungsbegriff geworden ist, wie Peter Harthausen vorschlägt (icch hoffe, ich habe das nicht falsch verstanden).
    Ich denke, dass es eher an der unterschiedlichen Wahrnehmung dieses Begriffs liegt.
    Für einen Mann ist eine starke Frau eine Person, die ein Ziel hat, das sie als gerecht empfindet, und dieses Ziel gemeinsam mit den Männern an ihrer Seite mit Nachdruck und eigenem EInsatz verfolgt, so wie das anscheinend auch „Wonder Woman“ in dem besprochenen Film tut. Eine starke Frau kann in diesem Bild eine Soldatin oder eine Familienmutter sein.
    Im Feminismus, so wie ich ihn wahrnehme, kann es aber keine gemeinsamen Ziele von Frauen und Männern geben, weil jeder Mann Teil einer Unterdrückunggstruktur sein kann oder ist. Wenn dem aber so ist, dann kann eine „starke Frau“ ausschließlich im Gegensatz zu den Männern ihrer Gemeinschaft arbeiten. Da die „starke, feministische Frau“ ja gegen das System und Unterdrückungsstrukturen arbeitet, kann sie sich nicht alleine auf ihre Leitung verlassen, sondern muss fordern.
    Leute, die unabhängig von ihren Leistungen Belohnungen fordern und mit schmutzigen Tricks arbeiten, um sich gegen andere durchzusetzen, kennen Männer aber auch aus ihren eigenen Reihen. Diese Leute werden von ihnen aber nicht als „starke Männer“, sondern als Ar… armselige Narzisten wahrgenommen. Im Gegensatz zu den männlichen Narzisten können „starke Frauen“ aber auf ein starkes Netzwerk feministischer Lobbygruppen und politische Schützenhilfe zurückgreifen. Wie aber soll jemand, der egoistische Ziele mit Hilfe einer Armada von interessenvertretungen verfolgt, als stark wahrgenommen werden?
    Da aber aus feministischer Sicht das Patriarchat wahrhaftig existiert, werden sich Feministinnen und die meisten Männer an dieser Stelle niemals auf einen gemeinsamen Nenner einigen können.
    Ich kenne übrigens genügend wirklich starke Frauen, mit denen ich gerne Seit‘ an Seit‘ arbeite – mit vollständig bedecktem Oberkörper 😉

    • @turbulent_flow:

      Ich finde das historische Thema in diesem Zusammenhang äußerst spannend. Über die historischen Quellen kann man im Einzelfall wohl lange diskutieren. Ich denke aber, dass die „starke Frau“ entgegen dem heute kolportierten Patriarchatsmärchen eher der historische Normalfall gewesen ist. Zum einen muss man zwischen Kompetenz und Performanz unterscheiden: dass Frauen üblicherweise nicht kämpfen, muss nicht bedeuten, dass sie es niemals nicht können, und wenn im Falle der Kimbern und Teutonen nicht nur die männlichen Kriegerverbände unterwegs sind, sondern die kompletten Sippen mit Kind und Kegel, dann liegt es auch nahe, dass die „Weiber“ notfalls ebenfalls zur Waffe greifen, wenn es ans Eingemachte geht. Ebenso macht es Sinn, wenn bei einem Nomadenvolk auch die Frauen reiten können, auch wenn die städtischen Griechen das für barbarische Exotik halten. Und die Sachsen befanden sich gegen die Franken auch in einem Existenzkampf, da macht es durchaus Sinn, wenn sie Frauen in die Kämpfe einbezogen haben.

      Aber man muss für die »starke Frau« auch nicht zwingend das Modell der Kriegerin heranziehen. Gerade in einer klaren geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung haben Frauen ihren eigenen Kompetenzbereich gehabt und aus diesem heraus auch Einfluss auf die Entscheidungen der Männer gehabt, wie z. B. das auch von Feministinnen gern zitierte Beispiel der Irokesen zeigt. Ähnliches kann man wohl auch über den vormodernen Haushalt der Bauern und Bürger im Rahmen einer nominell patriarchalen Sozialordnung sagen. Den grundsätzlichen Kategorienfehler des feministischen Patriarchatsmythos sehe ich darin, dass aus diesem Blickwinkel eine asymmetrische Komplementarität zwangsläufig stets und jederzeit als Hierarchie missdeutet wird, wobei dann die männliche „Sorte“ von Kosten, nämlich die Arten der Disponibilität, sowohl in den Prämissen als auch in den Folgerungen unter den Teppich gekehrt werden – aus rein definitorischem Zwang heraus.

      »Im Feminismus, so wie ich ihn wahrnehme, kann es aber keine gemeinsamen Ziele von Frauen und Männern geben, weil jeder Mann Teil einer Unterdrückunggstruktur sein kann oder ist.«

      Genau das bringt das analytische Elend des Feminismus auf den Punkt. Es bedeutet nämlich, dass Geschlecht als einzige maßgebliche Strukturkategorie des Sozialen übrig bleibt, während alles, was von Begriffen wie »Klasse«, »Stand«, »Schicht« etc. impliziert wird, nämlich ein gemeinsames Interesse von Männern und Frauen, geradewegs als Hochverrat gilt, weil nämlich »Klassensolidarität« eine Solidarität auf Gegenseitigkeit ist, während die darin auch implizierte Solidarität von Frauen mit Männern dem Feminismus als Anathema, als Ketzerei gilt. Genau das ist im Innersten des »bürgerlichen Feminismus« der Grund, warum diese nur vermeintlich »unterdrückten« Frauen im Gegenteil in höchstem Maße erfolgreich in die Herrschaftsnetzwerke der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft kooptiert worden sind.

      • „Gerade in einer klaren geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung haben Frauen ihren eigenen Kompetenzbereich gehabt und aus diesem heraus auch Einfluss auf die Entscheidungen der Männer gehabt, wie z. B. das auch von Feministinnen gern zitierte Beispiel der Irokesen zeigt.“
        Dazu hatte ich erst kürzlich auf Gamestar einen Blog gelesen, in dem jemand genau das Beispiel der Irokesen aufgegriffen hat, um die Behauptung zu widerlegen, dass das Fehlen von Frauen unter Kriegern irgendetwas mit einer männlich dominierten Welt zu tun hat (falls es jemanden interessiert, der Blogbeitrag hat den Titel: „Frauen als Kriegerinnen: Eine Machtfrage?“). Was der Verfasser nicht geschrieben hatte und ich daran aber so interessant finde, ist die Tatsache dass die Irokesen oft als eine frühe Inspiration des Feminismus beschrieben werden und sich aktuell aber als Gegenargument zu vorhandenen feministischen Diskursen verwenden lassen. Bestimmtes Wissen, dass innerhalb des Feminismus existiert, scheint man dort offenbar auch ziemlich schnell zu vergessen.

        • @Marcus Frank:

          Ich kannte den Gamestar-Artikel nicht, aber der Verfasser »Jeremir« bringt die Sache kurz und knackig auf den Punkt. Genau dieser Widerspruch findet sich in der feministischen Literatur: einerseits werden sie als Kronzeugen für eine »Frauenmacht ohne Herrschaft« im gleichnamigen Sammelband von Ilse Lenz von 1995 angeführt, und zugleich schaut man geflissentlich darüber hinweg, dass die Irokesen einen Ruf als besonders kriegerisches Volk hatten und der Kampf selbstverständlich auch dort Männersache war. Dass es auch unter solchen Bedingungen eine klare geschlechtsspezifische Rollenverteilung gibt, die zwar egalitär, aber dennoch asymmetrisch ist, wird nicht problematisiert. Schön zu sehen, dass auch »Gamer« ein feines Gespür für solche Widersprüche haben. Aber die Szene hat ja immerhin auch »Gamergate« durchstehen müssen.

  • Die Mär vom Nicht-Ertragen können der „starken Frau“ erinnert mich an eine Episode aus meiner eigenen Geschichte. Ich habe drei Kinder mit einer Frau, die während der Ehe gemerkt hat, dass sie lesbisch ist. Sie hat deswegen die Ehe nach knapp 7 Jahren verlassen. Die Kinder habe ich allein erzogen, woran sie mich weitere 7 Jahre mit ständigen gerichtlichen Auseinandersetzungen erfolglos, aber sehr zermürbend zu hindern versucht hat. Unterhaltszahlungen hat sie nicht eingesehen, trotz Hochschulabschluss im Sozialwesen.

    Das Problem war, dass sie ihr Bekenntnis zur eigenen Homosexualität irgendwie als schuldhaft empfunden und sich auch der Ehe gegenüber als irgendwie wortbrüchig empfunden haben muss. Das konnte und wollte sie nicht auf sich sitzen lassen: deswegen hat sie gegen mich die abstrusesten Vorwürfe konstruiert: dass sie schließlich schuldlos an allem sei, weil sie nichts für all das könne, ich aber sie in ihrer Entwicklung behindert hätte und so weiter – da kamen viele in langen Nächten entworfene Schuldzuweisungen, die teilweise auch in feministischen Zirkeln gesponnen worden.

    Der interessanteste Vorwurf war jedoch, dass es für mich eine narzisstische Kränkung bedeute, dass sie lesbisch sei und damit mich als Mann und damit auch symbolisch alle anderen Männer im tiefsten Inneren ablehne: damit könne ich nicht umgehen. Ich war in diesen Dingen jedoch sehr viel weiter als sie. Für mich war Homosexualität auch damals schon weder Schuld noch Krankheit noch sonstiger Fehler: das war einfach so, und dass weder sie noch ich das vor der Ehe bemerkt hatten, war Mist – aber eben einfach nur Pech.

    Aber ich hatte überhaupt keine Chance, gegen dieses Argument des „Du empfindest – in diesem Fall mal lesbische – Frauen als Bedrohung“ anzukommen: es war für sie und ihre Freundinnen einfach zu schön, es klang wunderbar tiefenpsychologisch, das konntest du in jeder „Petra“ und „Gala“ nachlesen. Nur: das war’s nicht. Dass sie mich mit ihren Ansprüchen, anfänglichem Kindesentzug, ihrem Hass und dem vollkommen einäugigen Jugendamt und den andauernden Gerichtsterminen verfolgte: das war mein Problem. Davon wollte sie sich und alle anderen ablenken, dazu brauchte sie die Vorstellung, ich käme mit ihrer Homosexualität nicht klar.

    So weit meine persönlichen Erfahrungen zum Thema „Männliche Angst vor starken Frauen“. Frauen wissen, wovor Männer Angst haben und Schulz.

  • Ich habe den Eindruck, daß man sich als Mann mit der Hauptdarstellerin sehr gut identifizieren kann (und nur dann ist ein Film ein Erlebnis), liegt ganz einfach daran, daß sie idealtypische männliche Eigenschaften verkörpert: Kraft, Mut, Eigenständigkeit, Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Altruismus.

    Daß sie außerdem noch sexuell hochattraktiv ist, ist die Sahnehaube obendrauf bzw. der Traum vieler Männer, genausoviel Attraktion zu erzeugen wie Frauen.

    Mir ist daher eigentlich unklar, wie sich Frauen mit der Hauptdarstellerin identifizieren können. Alleine ihre körperliche Stärke dürfte der Alltagserfahrung so stark widersprechen, daß die Immersion zerstört wird. Aber bei Pippi Langstrumpf hat es ja auch mit der Identifikation geklappt.

  • Ich halte diesen Topos der »männlichen Angst vor starken Frauen« ebenfalls für ziemlich verräterisch. Für mich riecht das zehn Meter gegen den Wind nach Projektion, die aus der eigenen Unsicherheit heraus entsteht: es sind ihrer selbst unsichere Frauen, die dieser Projektion bedürfen. Sie dient der Selbstvergewisserung von Frauen, die den Unterschied zwischen stark und schrill nicht verstehen, denn es erklärt negative Reaktionen von Männern auf das eigene Verhalten mit einem Defizit der Männer, nicht mit einem Defizit des eigenen Verhaltens.

    Einer der Gründe hierfür dürfte sein, dass der vom Feminismus ausgehende Erwartungsdruck an weibliches Verhalten überwältigend sein kann und viele Frauen ein persönliches Ungenügen angesichts feministischer Erwartungen von der starken, unabhängigen Superfrau verspüren. Die Rollenerwartungen des Feminismus an die Frauen sind so hart, unbarmherzig und rigide wie die des »Patriarchats« nur je waren – »Die Feigheit der Frauen« lautet bekanntlich Bascha Mikas einschlägige Publikumsbeschimpfung zum Thema.

    Was dann zu dem Versuch verleitet, eine Rolle der »modernen, emanzipierten Frau« auszufüllen, in die frau eben oft genug nicht passt. Und das Gefühl dieses Ungenügens muss dann externalisiert werden – indem es zum Problem der Männer erklärt wird.

    »Wonder Woman« werde ich morgen mit meinen Kindern anschauen, dann gebe ich voraussichtlich noch mal meine 2ct zur Diskussion dazu.

    • „Ich halte diesen Topos der »männlichen Angst vor starken Frauen« ebenfalls für ziemlich verräterisch.“

      Ich halte das notorische Gerede von „männlicher Angst / Krise / Desorientierung / …“ inzwischen für einen Teil der feministischen Die psychologischen Kriegführung, insb. wenn sie von den einschlägigen feministischen Medien kommen. In den seltensten Fällen stellen die Diskussionsbeiträge zu diesen Schlagworten neue psychologische oder soziologische Erkenntnisse dar.

      Wie propagandistisch der Begriff „männlichen Angst vor starken Frauen“ ist, merkt man vor allem daran, daß der Begriff „Stärke“ völlig unklar ist und nach Belieben verschoben werden kann. Wieder mal die klassische Hypnose- bzw. Propagandatechnik Ambiguität.

      • @mitm:

        Deine These von der »psychologischen Kriegsführung« halte ich für zutreffend. Das ist in meinen Augen das erwartbare Resultat einer »strukturellen Selektion« von Ideologinnen in Ämter und Einflusspositionen. Knapp gesagt: wer den größten Erfolg hatte, auf dem Ticket der feministischen Ideologie Karriere zu machen, weist zugleich die stärkste ideologische Fixierung und den größten pragmatischen Machtinstinkt auf, weil ein Mangel an innerer Anfechtung und eine hohe taktische Gewaltbereitschaft diesen Erfolg begünstigt. Und sobald die ersten Netzwerke von den »Alpha-Weibchen« etabliert sind, können anschließend auch die »Beta-Weibchen« (ein Großteil des heutigen Netzfeminismus) hinzu kooptiert werden. Aber alle werden dasselbe ideologische Lied singen und dasselbe taktische Verhalten an den Tag legen.

  • Zitat: „Es wäre jedenfalls kaum vorstellbar, dass Diana als Wonder Woman durch die U-Bahnen New Yorks oder Madrids spaziert und Männer auf Schilder aufmerksam macht, die breitbeiniges Sitzen verbieten. Oder dass sie ihr Agieren in der Justice League darauf beschränken würde, dort eine Frauenquote einzufordern.“

    Das ist wohl auch der Grund warum altbackene Nazis als Gegner präsentiert werden, und nichts zeitgemässes. Vermutlich haben die Macher des Films gedanklich alles durchgespielt … Wonder Woman als SJW, RapeCulture-Vernichterin, Zerschlagerin des Patriarchats … und sind zu dem Schluss gekommen dass das alles nicht funktioniert – und als Verlegenheitslösung hat man halt mal wieder alte Nazis aus der staubigen Ecke geholt; da kann man nix falsch machen.

    Zitat: „Ihre eigene Angst vor weiblicher Stärke unterstellen sie Männern als Angst vor starken Frauen.“

    Da ist keine Angst, das ist Unwille. Die wissen ganz genau mit wieviel Mühen das verbunden ist und was da dann alles an Privilegien wegfällt.

    • @Peter

      In dem Fall stimmt das aber nicht. Die Handlung spielt WW1 – natürlich sind die Deutschen die Bösen und Chris Pine spielt die Rolle des „United States Army Air Service captain“.

      Das sind – falls es damit nicht schon klar ist – die Guten (TM).

      Im Original spielt das Comic selbstverständlich WW2 und „Steve Trevor was an Office of Strategic Services officer in the United States Army Air Service Corps who became stranded on Wonder Woman’s homeland and developed a close relationship with the heroine.“

      OSS war der Vorläufer der – „Wir sind die Guten!“ – CIA.

      Woner Woman a. Hand in Hand mit der CIA wäre aber doch ein wenig zu viel, selbst für den heutigen Feminismus, gewesen und b. hätte die Handlung in WW2 sehr stark an Captain America erinnert.

      Gruß crumar

  • Ich habe den Eindruck, daß man sich als Mann mit der Hauptdarstellerin sehr gut identifizieren kann (und nur dann ist ein Film ein Erlebnis), liegt ganz einfach daran, daß sie idealtypische männliche Eigenschaften verkörpert: Kraft, Mut, Eigenständigkeit, Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Altruismus.

    Daß sie außerdem noch sexuell hochattraktiv ist, ist die Sahnehaube obendrauf bzw. der Traum vieler Männer, genausoviel Attraktion zu erzeugen wie Frauen.

    Mir ist daher eigentlich eher unklar, wie sich Frauen mit der Hauptdarstellerin identifizieren können bzw. welche Frauen das können. Alleine ihre körperliche Stärke dürfte der Alltagserfahrung fast aller Frauen so stark widersprechen, daß die Immersion zerstört wird. Aber bei Pippi Langstrumpf hat es ja auch mit der Identifikation geklappt.

    • @ mitm „Mir ist daher eigentlich eher unklar, wie sich Frauen mit der Hauptdarstellerin identifizieren können bzw. welche Frauen das können. Alleine ihre körperliche Stärke dürfte der Alltagserfahrung fast aller Frauen so stark widersprechen, daß die Immersion zerstört wird.“ Es sind Bilder, wie im Märchen. Kinder glauben ja auch nicht wirklich, dass sie eine Hexe in den Ofen stoßen – oder in einen hundertjährigen Schlaf fallen – oder dass sie sich in Tiere verwandeln können.

      So stark, wie Wonder Woman ist, ist auch kein Mann. Mit der Stärke können sich Menschen identifizieren, weil sie für die Fähigkeit und die Bereitschaft steht, Widerstände zu überwinden – sich Risiken auszusetzen – sich durchzusetzen. Im Film kann das eben am Einfachsten durch körperliche Stärke repräsentiert werden.

      So erkläre ich mir das zumindest (mit freundlichem Hinweis auf Bruno Bettelheims „Kinder brauchen Märchen“).

  • War gerade im Kino, nun also meine 2ct zum Film:

    Ich fand ihn ziemlich gut! Das wichtigste fand ich, worauf Lucas schon hingewiesen hat, dass die Superheldin einen eigenen Lern- und Reifungsprozess durchmacht. Ebenfalls wichtig finde ich, dass der Hauptbösewicht unter den Menschen eine Frau ist, nämlich »Dr. Poison«, und dass der Film nicht aus politischer Korrektheit davor zurückgeschreckt ist, eine Frau zur »Giftmischerin« zu machen. Ohne diesen weiblichen Bösewicht ist der männliche Bösewicht, Ludendorff, nämlich ein Nichts, weil er zwar den Einsatz der Waffe befehlen, sie aber nicht entwickeln kann. Auch damit vermeidet es der Film, »Gut« und »Böse« einfach auf die Geschlechter aufzuteilen, es bleibt zwischen den Geschlechtern in der Balance.

    Und Dianas Lernprozess ist kein beliebiger: man kann ihn in meinen Augen ein Stück weit als eine Initiation in die Welt der Männer verstehen, denn wenn sie dahin gebracht werden will, »wo der Kampf am stärksten ist«, weil sie dort ihren Widersacher Ares vermutet, dann lässt sie sich auf das ein, was spezifisch Männer in diesem Krieg durchmachen, ohne dass die Leiden der Zivilbevölkerung dabei uner den Tisch fielen. Wenn ihr auf dem Landungssteg zu dem Schiff, das sie und ihre Gruppe über den Kanal bringen soll, die Traumatisierten und Invaliden des Großen Kriegs entgegenwanken, die endlich in die Heimat dürfen, dann tritt sie in die Welt des disponiblen Mannes ein, und das Entsetzen, das sie äußert, ist glaubwürdig in Szene gesetzt. Diana lernt, dass ihre weibliche Weltrettungsphantasie (zu der sie als Superheldin ermächtigt ist) einen Preis hat, der im Kontakt mit der Realität besteht, und in dieser Realität sind Männer nicht nur Urheber, sondern auch primäre Opfer des Kriegs.

    Aber anders als eine Feministin lässt sie sich auf dieses Elend ein, sie verlässt, wie Lucas sagt, ihren safe space. Dass sie dabei aufgrund ihrer Kräfte praktisch unverwundbar ist, ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Sie verschafft den Menschen den Sieg nicht im Alleingang, sondern eröffnet nur eine Gelegenheit, die von ihren Mitstreitern immer noch selbständig genutzt werden muss, um zum Erfolg zu führen. Sie führt Veränderungen herbei, um diejenigen, mit denen sie kooperiert, dabei mitzunehmen, anstatt sie zu Zuschauern oder bloßem Gefolge zu machen.

    Diese »starke Frau« ist somit geradewegs eine Ohrfeige für den Feminismus, denn (und auch hier stimme ich Lucas zu) sie hat es nicht nötig, Männer zu dämonisieren oder lächerlich zu machen, weil sie ihrer selbst sicher genug ist, um sich ihrerseits nicht vor starken Männern zu fürchten. Und auch die einzige »Tussi« der Handlung tritt im letzten Viertel des Films nur ganz kurz auf, damit Diana ihr zu Tarnungszwecken das Ballkleid abnehmen kann. Diana selbst erzeugt im Verlauf ihres Lernprozesses einige absurde Szenen, die sie aber nicht als Person lächerlich machen, sondern die sich durch den Kontext der »aufeinanderstoßenden Kulturen« zur Ironie abmildern.

    Mein Sohn hat sich übrigens über das Opfer der männlichen Hauptfigur am Ende des Films geärgert, er hätte sich wohl über etwas mehr Schlauheit gefreut, mit der der Held dem Tod doch noch von der Schippe springt und dennoch die Mission erfüllt. Aber da hatte der Film nur die Wahl zwischen dem Klischee des Opfertods und dem Klischee des Happy End. Letzteres hätte wohl impliziert, dass Diana anschließend nicht mehr »unbemannt« (Gegenteil von »unbeweibt«) gewesen wäre – was wiederum ihre Rolle als charismatische Heldin eingeschränkt hätte, denn charismatische Helden »gehören« ihrer Gefolgschaft und sind ihr verpflichtet, nicht einem einzelnen Menschen. Meine Tochter war jetzt aber doch nicht mit dabei, ihre Meinung hätte mich auch sehr interessiert.

    Insgesamt schafft es der Film durch seine »Realitätsbindung« (die nicht in der historisch absurden Ludendorff/Dr. Poison-Fiktion besteht, sondern in der Anbindung an die Kriegswirklichkeit), das Thema der »Superkräfte« in der Balance zwischen buchstäblicher und metaphorischer Anwendung zu halten. Die Superkräfte lassen sich hier als moderne Inkarnation des charismatischen Helden mit göttlichen oder wenigstens halbgöttlichen Kräften verstehen, dessen Aufgabe darin besteht, der Gemeinschaft neue Wege zu weisen, indem er die Tradition umwirft. Darin geht der Film über andere Superheldenkonstruktionen hinaus, die sich darauf beschränken, simple narzisstische Allmachtsphantasien zu inszenieren.

    Auch in dieser Version kann man die Botschaft des Films immer noch für reaktionär halten, denn natürlich besteht er immer noch aus den emotionalen Klischees des Beschützens der Schwachen, des Heldenmuts, der Selbstüberwindung und eben auch des Opfers. Aber die Katharsis des Zuschauers ist zumindest insofern mehr als bloßes Surrogat, als der Film durch seine »Konstruktion« der Geschlechter eine Perspektive anbietet, die uns unser feministisch durchideologisierter Alltag verweigert.

    • „Wenn ihr auf dem Landungssteg zu dem Schiff, das sie und ihre Gruppe über den Kanal bringen soll, die Traumatisierten und Invaliden des Großen Kriegs entgegenwanken, die endlich in die Heimat dürfen, dann tritt sie in die Welt des disponiblen Mannes ein, und das Entsetzen, das sie äußert, ist glaubwürdig in Szene gesetzt.“ Die Szene finde ich auch sehr wichtig. Ich hatte sie in meinem Text rausgelassen, weil er eh schon lang genug war – aber sie ist mir stark im Gedächtnis geblieben.

      Die Kamera geht hier auf Dianas bzw. Gadots Gesicht, und darin spiegelt sich die Männer wieder, die an ihr vorbeihumpeln: Entsetzen, Überforderung, Trauer, und unbedingte Empathie drückt sie hier aus. Das ist für das Genre enorm wichtig, weil da der Respekt der Superheldin vor den verletzlichen Menschen deutlich wird – ohne solche Szenen bleiben Helden unnahbar.

      Was Geschlechterdarstellungen angeht, ist der Kontrast zum heutigen Feminismus und seiner regressiven Male Tears-Häme so groß wie nur möglich. Besonders gut gefällt mir dabei, dass eine weibliche Regisseurin und eine weibliche Hauptdarstellerin sind, die diese Szene so hinbekommen. Der medial gern vermittelte Eindruck, Feministinnen würden für DIE Frauen stehen, ist auch hier offensichtlich falsch.

      Diese feministische Perspektive hatte bei den Ghostbusters wiederum ein Mann übernommen, Regisseur Paul Feig. Da sind Männer tatsächlich durch die Bank weg Witzfiguren, und der Böse des Films ist natürlich auch männlich. Feig hatte sich seinen Mega-Flop redlich verdient.

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