Allgemein Bildung Medien Terror

Wie die ARD einmal versuchte, über Antisemitismus zu reden

geschrieben von: Lucas Schoppe

Die Antisemitismus-Dokumentation Auserwählt und ausgegrenzt hat zumindest eines erreicht: Der WDR zeigte sie, nachdem sie nach einem Coup der Bild-Zeitung ohnehin zugänglich geworden war – verpackte sie aber in eine Diskussion, in der sich der WDR-Programmchef Schöneborn überdeutlich von der Dokumentation seines eigenen Hauses distanzierte, obwohl sie in den sozialen Netzwerken zu einem Zuschauererfolg geworden ist, den der eigentlich vorgesehene Sender arte niemals hätte erwarten können. Ich habe mir die Diskussion angeschaut und einmal darauf geachtet, was ihm denn eigentlich Kritiker eigentlich vorwerfen. das Ergebnis sagt über die Kritiker mehr aus als über den Film selbst.

Jörg Schönenborn checkt Fakten und verheddert sich im Selbstverständlichen

Gleich im ersten Teil des Gesprächs irritiert WDR-Programmdirektor seine Zuhörer Jörg Schönenborn mit einer rätselhaften Äußerung. Moderatorin Sandra Maischberger fragt ihn, ob denn ein Film über Anti-Semitismus nicht „pro-jüdisch“ sein müsse – und er antwortet versonnen und gedankenvoll, er müsse vor  allem „im Kern pro-menschlich“ sein. Unklar bleibt, ob er damit meint, dass der von ihm so kritisierte Dokumentarfilm „Auserwählt und ausgegrenzt“ nicht pro-menschlich ist.

Natürlich hat jemand, der sich auf Menschlichkeit (oder Pro-Menschlichkeit, was immer das sein mag) beruft, auf jeden Fall und immer recht, wenn es auch zuweilen arg selbstverständlich wirken mag. Es gibt schließlich nicht viele Zeitgenossen, die frohgemut erklären würden, contra-menschlich zu sein.

Bedeutet aber beim Thema Antisemitismus „pro-menschlich“ zu sein nicht, vor allem auf der Seite der Opfer dieser Obsession zu stehen – in diesem Fall also: pro-jüdisch zu sein? Was möchte der WDR-Programmdirektor uns also eigentlich sagen? Dass Antisemiten auch Menschen seien und bestimmt auch ihre Gründe hätten?

Oder dass auch andere Menschen leiden würden, nicht nur Juden? Das bestreitet ja auch niemand – nur könnte Schönenborn Juden ja trotzdem zumindest zugestehen, dass sie unter Antisemitismus mehr leiden als andere.

Die wohlwollendste Interpretation seiner Äußerung, die mir einfällt: Wer Antisemitismus ablehne, müsse deswegen noch nicht allem zustimmen, was die israelische Regierung tut. Warum aber schafft es jemand, der seit Jahren in einer massenmedialen Schlüsselposition viel Geld verdient, einfach nicht, eine solche Selbstverständlichkeit auch klar zu formulieren?

Übrig bleibt die verstörende Erfahrung, dass ein WDR-Programmdirektor es auch auf direkte Nachfrage vermeidet, sich beim Thema Antisemitismus mit Juden loyal zu erklären. Ob er das nun aus Inkompetenz tut oder aus politischem Kalkül, ist nicht zu entscheiden – beides wäre aber ein Grund, ihm seinen Posten so schnell wie möglich abzunehmen.

Auch bei anderen Äußerungen Schönenborns hatte ich den Eindruck, dass in seinem eigenen Interesse lieber niemand allzu intensiv fragen sollte, was er eigentlich meint. „Wir haben ihn [den Film] ganz bewusst in Auftrag gegeben.“ Wie beruhigend zu wissen, dass beim WDR Filmaufträge nicht einfach so aus Versehen erteilt werden. Wichtig wäre hier aber doch: Was haben WDR und arte denn genau beauftragt? In welcher Hinsicht hat der Film diesen Auftrag nicht erfüllt?

Denn immerhin behauptet Schönenborn ja, der Film habe so gravierende Mängel, dass er nicht habe gesendet werden können. Er schließt das sogar mit einem guten Witz ab: „Unser Gut ist die Glaubwürdigkeit.“

Diese Glaubwürdigkeit unterstreicht der WDR durch einen „Faktencheck“, den ich bisher so noch nie bei einer öffentlich-rechtlichen Dokumentation gesehen habe – und wäre sie auch noch so windig gewesen. Michael Wolffsohn erinnert zum Beispiel an den ZDF-Film „Eine Bank regiert die Welt“, in der die Bank Goldman-Sachs realitätsfremd als heimlicher Weltenlenker präsentiert worden sei – ganz ohne zusätzliche Kommentare.

Der Faktencheck des WDR zur arte-Dokumentation über Antisemitismus. Ich kenne eine ganze Menge öffentlich-rechtlicher Sendungen, die einen solchen Faktencheck bitter nötig gehabt hätten. Warum ist er dem WDR bei diesem Thema plötzlich so wichtig?

Als ich mir den „Faktencheck“ zur Dokumentation dann angeschaut habe, musste ich sofort an das Verhalten eines sehr schlechten Lehrers denken, der einen Schüler nicht mag und der daher dessen Texte mit dem unbedingten Willen liest, dort möglichst viele Fehler zu finden. Das reicht beispielweise bis zu dem seltsamen Vorwurf, dass er bei der Darstellung von Richard Wagners gehässiger antisemitischer Schrift „Das Judenthum in der Musik“ einen Aufsatz eines emeritierten Heidelberger Germanistik-Professors nicht beachtet habe.

Dieser Faktencheck hat offensichtlich selbst einen Faktencheck nötig. Sehr bald wollte der WDR das dann auch alles gar nicht so gemeint haben:

Es gab Zeiten, in denen ein „Faktencheck“ bedeutete, dass Fakten auf ihre Richtigkeit hin gecheckt wurden – und nicht, dass jemand beständig „Ich seh das anders“ dazwischen rief.

Jetzt müsste jemand den verantwortlichen Journalisten nur noch jemand kurz den Unterschied zwischen einem „Faktencheck“ und einem unverbindlichen „Angebot von Gegenthesen“ erklären, dann könnten wir diesen seltsamen Teil des Abends verlassen. Es gab schließlich noch andere seltsame Teile, die auch ein bisschen Aufmerksamkeit brauchen.

Insgesamt wird deutlich: Die Verantwortlichen beim WDR und bei arte werden – wenn denn Herr Schönenborn da repräsentativ ist – das unangenehme Gefühl nicht ganz los, in ihrem Umgang mit dem Film und mit dem Thema Antisemitismus unprofessionell, politisch voreingenommen und unehrlich zu wirken. Anstatt aber eigene Fehler einzuräumen, verhalten sie sich wie sehr schlechte Chefs und schieben die Schuld für ihr eigenes Versagen auf Menschen, die von ihnen abhängig sind.

Schönenborn versucht, den Film seines eigenen Senders diskursiv hinzurichten, ohne dafür im Laufe des Abends auch nur ein halbwegs nachvollziehbares Argument nennen zu können – und selbstverständlich auch, ohne dass die so scharf angegriffenen Autoren ein Recht auf Gegenrede hätten. Es ist nur verständlich, dass die Autoren mittlerweile rechtliche Schritte gegen den Sender ankündigen.

Norbert Blüm und die Fliegenfänger

Schon Wolffsohn wundert sich mit gutem Grund darüber, dass statt der Autoren Norbert Blüm zu dem Gespräch eingeladen wurde. Der wiederum beweist seine Fachkompetenz schon in seinem allerersten Satz, als er dem Film eine „Logik der Rache“ unterstellt. Was er damit meint, wofür sich denn die Filmemacher rächen wollten, und wodurch sie sich den eigentlich rächen – das ist dann schon wieder ganz egal.

Mädchen am Pessach-Fest. Dass das Judentum – im Kontrast zur christlichen Religion der Liebe – eine Religion der Rache und Vergeltung wäre, gehört zu den uralten antijüdischen Klischees christlichen Ursprungs. Das Gebot der Nächstenliebe stammt übrigens aus der jüdischen Bibel, nicht erst aus dem Neuen Testament.

Zu seinem eigenen Unglück redet Blüm einfach weiter: Er wollte nicht als Antisemit bezeichnet zu werden, nur weil er das Finanzkapital kritisiere – er lehnt den Gebrauch der Erinnerung an Auschwitz als „Keule“ ab – und er verwahrt sich dagegen, mit Julius Streicher verglichen zu werden, was zwar niemand getan hatte, was aber einfach mal gesagt werden musste.

Ob Blüm ein Antisemit ist oder nicht, ist völlig egal. Wichtiger ist: Auch wenn es Blüm Wert darauf legt, nicht antisemitisch zu sein, wiederholt er fast zwanghaft ältere und neuere Klischees der Judenfeindschaft.  Herr Blüm, woran denken sie beim Begriff „Finanzkapital“? – Juden! – Und woran denken Sie beim Begriff „Juden“? – Rache! – Und was fällt Ihnen bei Auschwitz ein? – Keule!

Ich weiß nicht, ob sich noch jemand an die recht ekligen Leimbänder erinnert, die einmal an Zimmerdecken  gehängt und als Fliegenfänger genutzt wurden. Im Raum des öffentlichen Gesprächs über Judentum und Antisemitismus hängen jedenfalls viele judenfeindliche Klischees ganz genau so wie solche Leimbänder herum. Norbert Blüm wiederum verhält sich wie jemand, der schnurstracks und entschlossen durch diesen Raum läuft, sein Ziel fest vor Augen – der schließlich am Ende ankommt, über und über mit den klebrigen Bändern bedeckt – und der dann mit unschuldiger Mine fragt: „Ist was?“

Seit wann ist es eigentlich „links“, Holocaust-Überlebende niederzubrüllen?

Ebenso unschuldig ist eine Frau, die im Film zitiert wird: Die Israelis würden mit den Palästinensern das wiederholen, was die Nazis mit den Juden gemacht hätten. Rolf Verleger, ehemals Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, kritisiert hier die Dokumentation scharf: Die Frau habe ein sehr ernsthaftes, kritisches Anliegen gehabt, der Film habe es aber ironisiert („Diese Holocaust-Vergleich wurde ihnen von Brot für die Welt präsentiert“).

Dabei wäre eben dieses Zitat ein guter Anlass für die Überlegung gewesen, wo denn eine Kritik an israelischer Politik aufhört, rational zu sein, und beginnt, klischeehaft und zwanghaft zu werden. Die Siedlungspolitik oder Schikanen von Israelis gegen Palästinenser, so sehr diese auch demütigend sind, sind schließlich nicht gleichzusetzen mit der industriellen Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten.

Die Aktivistin benutzt hier Israel also als Projektionsfläche für deutsche Erfahrungen, und zudem für besonders negative Erfahrungen. Wer aber die deutsche Geschichte so in die Politik des Staates Israel hinein fantasiert, kann weder dieser Geschichte noch der israelischen Politik gerecht werden.

Der Vergleich von Israelis mit Nazis dient offensichtlich einer deutschen Schuldabwehr. Wer aber in dieser Weise die israelische Politik als Senkgrube benutzt, um dort die belastenden Erfahrungen der deutschen Geschichte zu entsorgen – der wird niemals ein faires Urteil über diese Politik fällen können. Auch dann nicht, wenn er sich subjektiv als besorgter Freund Israels wahrnimmt.

Budapest. Das Mahnmal erinnert an Juden, die 1944 und 1945 am Donauufer von ungarischen Pfeilkreuzlern erschossen wurden, die mit den Nazis verbündet waren.

Eine Konsequenz solch einer moralisierenden Schuldabwehr erlebte gerade die 82jährige Holocaust-Überlebende Deborah Weinstein an der Berliner Humboldt-Universität. Bei einem Podiumsgespräch wurde sie von Aktivisten der tief antisemitischen Israel-Boykott-Bewegung BDS niedergebrüllt. Diese Aktivisten nehmen die faschistoide, abstoßende Gewaltsamkeit ihres Verhaltens eben deshalb nicht wahr, weil sie hoch-moralisierend – wenn auch mit amoralischen Konsequenzen – Israel auf die Schurkenrolle festgelegt haben. Das ist gerade für Deutsche so schuldentlastend, dass sie dann nichts mehr dabei finden, eine Holocaust-Überlebende brüllend am Sprechen zu hindern.

Gemma Pörzgen und die fundierte deutsche Dänemark-Kritik

Auftritt Gemma Pörzgen, Journalisten, die es schafft, zu einem an seltsamen Äußerungen ohnehin reichen Abend noch ein paar ganz besonders schräge und gedankenlose Ideen beizusteuern. Sehr viel Wert legt sie vor allem darauf, dass zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik sauber unterschieden werden müsse.

Aber warum eigentlich? Wer etwa Menschenrechtsverletzungen durch israelische Politik kritisieren möchte, der braucht dafür keinen Antizionismus. Ganz im Gegenteil: Es ist ja gerade die Pointe von Menschenrechten, dass sie universell gelten und dass ihre Beachtung nicht nur einer einzelnen Regierung abverlangt werden kann, sondern auch, zum Beispiel, ihren Gegnern.

Zu Herzls Zeiten hatte Antizionismus gewiss einen Sinn. Kritik an der Idee, Juden aus der Diaspora in einem eigenen Staat Israel zusammenzuführen, wurde auch von Juden selbst geübt, sei es auch politischen oder aus religiösen Gründen.

Heute aber ist die Situation nun einmal ganz anders. Der Staat Israel existiert jetzt schon seit fast siebzig Jahren. Wer ihm heute das Recht auf seine Existenz abspricht, der kann auch wissen, dass ein Ende Israels nach menschlichem Ermessen in einem gigantischen Massenmord münden würde. Warum sollte es nötig sein, Positionen, die das befürworten, sorgfältig von antisemitischen Positionen zu unterscheiden?

Weil – so könnte Pörzgen argumentieren (tut sie aber nicht, ich lege ihr nur gutwillig ein Argument in den Mund, damit sie eines hat) – Antizionismus Israel selbstverständlich nicht das Recht auf seine Existenz abspräche, sondern lediglich eine jüdische Suprematie nicht akzeptiere.

Nun hat, zum Beispiel, Sigmar Gabriels Freund, der Palästinenserpräsident Abbas, noch vor wenigen Jahren von einem palästinensischen Staat geträumt, in dem kein einziger Jude mehr lebe, sei er nun Zivilist oder Soldat.  

Auf der einen Seite haben wir einen Palästinenserpräsidenten, der ganz wie die Judenfeinde der Hamas davon träumt, sein Land judenrein zu machen – und auf der anderen Seite den Staat Israel, der Religionsfreiheit garantiert und dessen Bevölkerung zu 20% aus Arabern besteht. Angesichts dieser Konstellation auf die Unterstellung einer jüdischen Suprematie fixiert zu sein, wäre ganz sinnlos.

Erklärlich ist der Begriff „Antizionismus“ nur in einem grausamen Sinn – als Bezeichnung für eine Haltung, die das Existenzrecht Israels ablehnt. „Antisemitismus“ ist dann ein allgemeiner Begriff, „Antizionismus“ einfach eine besondere Erscheinungsform davon.

Zum Thema „Israelkritik“ wiederum hat Arno Frank schon Passendes im Spiegel geschrieben:

Warum aber ist Israelkritik so beliebt, dass das überhaupt ein Wort sein kann: Israelkritik? Gibt es auch Palästinakritik? Warum ist Chinakritik nicht einmal ein Begriff und Sudankritik purer Nonsens?“ 

Nun wäre allerdings Chinakritik noch nachvollziehbar – schließlich ist das Land einer der wichtigsten Akteure der internationalen Politik, so dass es völlig verständlich wäre, wenn Deutsche sich beständig damit auseinandersetzten. Israel aber ist ein kleines Land, fast so klein wie Dänemark – und das ist immerhin ein Nachbarland Deutschlands. Wo also bleibt eigentlich die so dringend notwendige, längst überfällige fundierte deutsche Dänemark-Kritik?

Tatsächlich geht es eben nicht um eine allgemeine Israel-Kritik, die überhaupt keinen Sinn hätte, sondern um Kritik an jeweils konkreten Aspekten der israelischen Politik. Das wiederum hätte zu einer interessanten Frage führen können: Wo hört eine solche Kritik auf, eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit der israelischen Politik zu sein, und wo beginnt sie, judenfeindliche Klischees zu wiederholen? Lassen sich dafür Kriterien nennen?

Zu solchen Fragen aber kommt Pörzgen gar nicht. Stattdessen hält sie am Ende der Sendung fest:

Ich bin nicht der Ansicht, dass die immer nach Auschwitz fahren müssen – denn das ist sozusagen unsere deutsche Auseinandersetzung damit.“

Man solle doch nicht alle Menschen, zumal Muslime, auf ein „Narrativ“ verpflichten, „das ein zutiefst deutsches ist“.

Mit „Narrativ“ meint sie offenbar die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen – die Fahrt nach Auschwitz steht wohl stellvertretend für schulische Besuche in Gedenkstätten ehemaliger Konzentrationslager.

Schon der israelische Palästinenser und Experte für muslimische Judenfeindschaft, Abraham Mansour, weist Pörzgen darauf hin, dass doch auch muslimische Migranten Deutsche seien und solche Besuche erleben müssten – vergebens.

Dabei ist Pörzgens ganze Argumentation krumm. Warum sollten denn nicht-muslimische deutsche Schüler einen Anteil an der Schuld und eine Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus haben – muslimische aber nicht? Schließlich sind, und schon seit Jahrzehnten, sämtliche Schüler in Deutschland offensichtlich unschuldig an den Verbrechen. Wieso sollte jemand, der etwa im Jahr 2000 geboren wurde, eine Schuld an Verbrechen tragen, die 1945 und in den Jahren zuvor verübt wurden?

Warum eigentlich sollte das muslimische Deutsche nichts angehen? Eine Besuchergruppe in Auschwitz.

Wenn sich auch Jugendliche und junge Erwachsene im heutigen Deutschland mit dem Holocaust auseinandersetzen müssen, dann nicht etwa, weil sie persönlich schuldig wären – das ergäbe gar keinen Sinn. Diese Auseinandersetzung gehört aber zur politischen Kultur Deutschlands und Europas. Wer sich in dieser Kultur zurechtfinden will, der wird sich zwangsläufig mit dem Holocaust beschäftigen müssen – völlig unabhängig davon, ob er nun Christ, Atheist, Muslim, Buddhist oder, dann aber aus anderer Perspektive, Jude ist.

Für Pörzgens Position habe ich nur eine Erklärung, die nicht besonders freundlich ist: Wenn sie darauf besteht, dass muslimische Kinder mit dem „deutschen Narrativ“ Auschwitz nicht konfrontiert werden sollten, dann versucht sie, es ihnen zu ersparen, in Juden auch einmal etwas anderes als Täter und Unterdrücker zu sehen.

Unklar bleibt in der Diskussion bis zum Ende, welches Problem denn nun eigentlich Schöneborn, Pörzgen, Blüm oder Verleger mit dem Film haben. Sicher, mit manchen politischen Positionen sind sie nicht einverstanden – aber wenn nur gesendet werden dürfte, womit politisch alle einverstanden sind, dann müssten die Sender tatsächlich – wie Wolffsohn an einer Stelle zynisch einwirft – nur noch Restbilder senden. Obwohl es in unserer heutigen Kultur der politischen Empfindlichkeit vermutlich auch dann Menschen gäbe, die sich über dessen Farbzusammensetzung beschweren.

Die Selbstverständlichkeit, dass eine noch nicht fertige Dokumentation an einigen Stellen nachgebessert werden muss, reicht nicht als Erklärung für die umfassende, ja wütende Ablehnung.

Erklärlich wird diese Ablehnung für mich nur dadurch, dass der Film es erschwert, Antisemitismus allein als ein Problem von Rechtsradikalen zu betrachten. Auch an Muslime lässt sich Antisemitismus nicht vollständig delegieren – wenn auch im Film klar wird, dass aufgrund der offenen antisemitischen Gewalt von Muslimen viele französische Juden ihr Land verlassen.

Antisemitismus erscheint in diesem Film als eine feindselige Haltung, die sich in allen Gruppen der Gesellschaft wiederfindet – auch in Gruppen, die von ihrer eigenen Humanität überzeugt sind, die auf Kirchentagen oder in Friedensgruppen oder in linken politischen Organisationen arbeiten. Dass auch diejenigen, die sonst gewohnheitsmäßig, sorgenvoll und moralisierend mit dem Finger auf andere zeigen, selbst als fragwürdig dastehen – das ist wohl eine Provokation, die für öffentlich-rechtliche Sender unerträglich war.

Oder, einfacher ausgedrückt: Das offene Sprechen über Antisemitismus ist dort ein Tabu, nicht aber der Antisemitismus selbst.

RSS
Follow by Email
Twitter
Google+
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

42 Comments

  • Insgesamt finde ich die Argumentation von Schoppe nicht sehr überzeugend. Ich werde das dann später bei Gelegenheit noch ausführlicher darlegen.
    Was mir fehlt ist folgendes:
    Es dürfte sicherlich vollständig richtig sein, dass es Antisemitismus gibt und dies eine Problematik ist und dass es diese hüben wie drüben (links, rechts, oben wie unten) gibt.
    Es dürfte jedoch auch klar sein, dass der Vorwurf des Antisemitismus eine mächtige Waffe sein kann, um Kritiker mundtot zu machen, die beispielsweise völkerrechtswidrige Praktiken an Israels Politik kritisieren. Wer das Völkerrecht bewusst bricht, wie beispielsweise Israel, der hat selbstverständlich nicht Freude daran, wenn dies immer wieder in Erinnerung gerufen wird. Und eine mögliche Maßnahme dagegen kann eben der Antisemitismusvorwurf sein. Selbstverständlich kann auch dieser Gedankengang wiederum zu einer Immunisierungsstrategie führen, was zu berücksichtigen ist.
    Aber solche Gedankengänge werden bei Schoppe überhaupt nicht thematisiert:
    Was mir auch noch fehlt ist in diesem Fall die Machtfrage: Welches Narrativ ist quasi hegemonial? Ist das Narrativ der Freude Israels oder der Freunde Palästinas hegemonial? Klar, eine solche Dichotomie kann für viele Leute überhaupt nicht zutreffen, weil sie sich nämlich auf einen universalen menschenrechtlichen Standpunkt stellen und es egal ist, wer Menschenrechtsverletzungen begeht.
    Deshalb, um Multiperspektivität zu wahren, empfehle ich das folgende Video von Moshe Zuckermann:
    https://www.youtube.com/watch?v=BrhnL__YyCg

    • „Wer das Völkerrecht bewusst bricht, wie beispielsweise Israel …“

      Sag mal, kann man das Völkerrecht auch unbewusst brechen?

        • Dann gib mir doch ein Beispiel für einen unbewussten Völkerrechtsbruch?

          Hast Du nicht vielmehr, unbewusst, die Völkerrechtsbrüche durch Israel damit noch negativer dargestellt?

          Frag Dich mal, warum das so ist. So ähnlich wird mit Feindbildern immer gearbeitet, ob bewusst oder unbewusst …

          • Wäre schön, wenn Du zwischen Deskription und Präskription unterscheiden könntest. Meine Aussage war deskriptiv. Wer Siedlungen illegal baut und schon längst weiss, dass dies völkerrechtswidrig ist handelt, eben ganz klar mit Vorsatz und somit bewusst. Es ist aber gut möglich, dass Israel ab und an palästinensische Gebiete beschießt, wo erst im Nachhinein festgestellt werden kann, dass zumindest fahrlässig gehandelt wurde, weil Zivilisten getroffen wurden und der Einsatz z.B. unverhältnismäßig war. Bist Du Experte bezüglich Feindbilder? Nö, habe ich selbstverständlich nicht, scheint eher auf Deinem Mist gewachsen zu sein.

          • „Bist Du Experte bezüglich Feindbilder? “

            Und nun? Bist Du es denn?

            Und deshalb ist meine Einschätzung warum genau weniger wert? Oder hast Du die Karte der Autorität als Argument gezückt?

            Du bist wohl kein Experte im Zuhören, bzw Lesen.

            Ich habe nicht gesagt, daß Israel das Völkerrecht NICHT bewusst bricht, ich fragte wer es denn unbewusst bricht.

            Legitime Ziele anzugreifen und ohne Wissen Unbeteiligte zu treffen, ist nicht gegen das Völkerrecht.

            Ich habe darauf hingewiesen, daß es Dir wichtig war auf dies Unbewusste hinzuweisen, ob bewusst oder nicht, weiß ich nicht.

            Wir gehen aber so langsam gaaanz weit vom Thema, denn es geht um Judenhass, nicht um Israel und seine oft falsche Politik.

        • Gut, wir kommen nicht weiter.

          Mir geht es hier nicht ums Völkerrecht, sondern eben um dessen angeblich extra bewusstem Bruch.

          Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß es EINE Regierung auf der Welt gibt, deren eigenen Experten diese nicht auf einen möglichen Völkerrechtsbruch hinweisen.

          Daher denke ich, eigentlich jeder Völkerrechtsbruch ist ein bewusster Völkerrechtsbruch.

          Das war eigentlich mein Punkt. Das war mein Hintergedanke und daher störte mich der besondere Hinweis auf „bewusste“ Völkerrechtsbrüche Israels als relativierender Kommentar unter einem Kommentarartikel zu eine Ferhnsehrunde zur Erklärung der fast verhinderten Ausstrahlung über eine ungeliebte Doku über Judenhass.

          • Du wirst sicher auf den Punkt kommen, oder vielmehr auf die Punkte die Dir gefallen …

            Nur, … in Deinem Linkartikel kommt wie oft Völkerrechtsbruch, gar bewusster Völkerrechtsbruch, vor?

            Ich glaube Du hast meine Kritik nicht verstanden. Und die von Schoppe auch nicht, … aber wir werden sehen.

          • Was soll die Verhärtung, Jungs?
            Mark hat ja gesagt, er will in Ruhe nochmal dazu Stzellung nehmen, so what?
            Ich glauibe ja erstmal nicht, daß er mit dem Zusatz „bewußt“ eine Relativierung betreibenwollte, eher eine ( möglw. unterschwellige ) Betonung, sonst nix. Aber schaun mer mal…

            Ganz ehrlich, ich finde den Post auch mindestens unausgegoren, was aber Gründe haben mag. Und wer weiß, vielleicht sagt Lucas ja noch was ergänzend dazu.

            Ja, ich weiß, es hat sich schon mal wer totrelativiert und der lebt nicht mehr.
            Aber manchmal machen die nachgeschobenen Ergänzungen ja auch die Würze des Breies aus, der einem vorher wie Haferschleim mit viel Salz erschien.

          • „Was soll die Verhärtung, Jungs?“

            Hattest Du wirklich den Eindruck?

            Glaub mir! Einem ernsthaftem Antisemiten gehe ich ganz anders an! Allein aus Eigenschutz!!

    • @Mark

      Ich bin der Meinung, deine Einschätzung: „Insgesamt finde ich die Argumentation von Schoppe nicht sehr überzeugend.“ ist noch schmeichelhaft.

      Lucas hat m.E. nicht im Blick, dass er nicht etwa zu einem beliebigen Thema recherchiert, sondern dass alle vorgefundenen Informationen sich in einem politischen Raster befinden, das sich wiederum einer politischen Positionierung verdankt.

      Und weil ihm das nicht bewusst ist, kommt er zu fragwürdigen Labeln, die wiederholen, was er der Gegenseite vorwirft.

      Er schreibt bspw.: „Bei einem Podiumsgespräch wurde sie von Aktivisten der tief antisemitischen Israel-Boykott-Bewegung BDS niedergebrüllt. Diese Aktivisten nehmen die faschistoide, abstoßende Gewaltsamkeit ihres Verhaltens eben deshalb nicht wahr, weil sie hoch-moralisierend – wenn auch mit amoralischen Konsequenzen – Israel auf die Schurkenrolle festgelegt haben.“

      Ich habe den verlinkten Artikel gelesen – es waren a. insgesamt drei Aktivisten auf dieser Veranstaltung, b. ein Störer wurde nach draußen geführt. Es gab also keinen gruppierten Auftritt mit dem Ziel, diese Veranstaltung zu sprengen oder zu verhindern.
      Daraus eine „faschistoide oder gewaltsame“ Vorgehensweise zu machen geht entschieden über das konkrete Ereignis hinaus.
      M.E. bewusst.

      Entscheidend ist aber zweierlei, es gibt keine einheitliche Gruppierung namens „BDS“, dies ist keine parteiförmige Organisation, sondern das Label kann sich jeder umhängen, der im diesem Sinne aktiv wird.

      Was will denn nun BDS, wer hat es ins Leben gerufen und welche Ziele werden verfolgt? Dazu die englischsprachige Wikipedia:

      „On 9 July 2005, a broad spectrum of over 170 Palestinian non-governmental organizations initiated a campaign for a boycott, divestment and international sanctions against Israel in support of the Palestinian cause. According to the call, the BDS campaign urges various forms of non-violent punitive measures against Israel until it complies with the precepts of international law. These measures should bring about:

      Ending its occupation and colonization of all Arab lands and dismantling the Wall;
      Recognizing the fundamental rights of the Arab-Palestinian citizens of Israel to full equality; and
      Respecting, protecting and promoting the rights of Palestinian refugees to return to their homes and properties as stipulated in UN Resolution 194.

      The BDS campaign is organised and coordinated by the Palestinian BDS National Committee.“

      Dass Lucas hingegen von einer „tief antisemitischen“ Organisation „weiß“, hat er der *deutschsprachigen* Wikipedia zu BDS verdanken, die diese Information ein wenig anders darstellt.
      Nämlich zum Beispiel mit der interessanten Auslassung dieses Satzteils:

      „BDS campaign urges various forms of non-violent punitive measures against Israel until it complies with the precepts of international law.“
      Dass sich Israel also gemäß internationalem Recht verhält und dass es um gewaltfreie Maßnahmen zur Erreichung dieses Ziels geht.

      Oder der Unterschlagung auf was sich „palästinensischen Flüchtlingen und deren Nachkommen die Rückkehr in ihre frühere Heimat und zu ihrem Eigentum“ zu ermöglichen beruft, nämlich auf die UN Resolution 194.

      Das ZIEL dieser selektiven Form der Darstellung ist es, den folgenden Satz am Schluss der Einführung und am Anfang des Artikels unterzubringen, der bereits vorgibt, wie der Rest zu lesen ist:

      „Politikwissenschafter ordnen die Ziele der Kampagne als antizionistisch (gegen einen jüdischen Staat gerichtet) bis antisemitisch ein.“

      Jetzt kann man auch den *Sinn* der Auslassungen erkennen – man muss die Einleitung gewissermaßen rückwärts lesen.

      Die Einstufung als „antizionistisch bis antisemitisch“ durch „Politikwissenschaftler“ würde OHNE Auslassung sowohl internationales Recht, als auch UN-Resolutionen betreffen und für ganz so blöd hält man die Leser der deutschsprachigen Wikipedia dann doch nicht.

      Sich in Sachen Israel-Palästina-Konflikt in der deutschsprachigen Wikipedia zu informieren ist SINNLOS. Die ist fest in der Hand von rechten Pro-Israel Ideologen und Antideutschen. Man kann die Artikel nur interessehalber daraufhin untersuchen, wie die Arbeit von „spin doctors“ funktioniert.

      Gruß crumar

      • @Crumar

        Die Problematik ist m.E. die, dass unterschiedlichste Narrative im Umlauf sind, übrigens auch über BDS. Und nun den Befürwortern von BDS einfach Antisemitismus zu unterstellen, verkürzt m.E. die Problematik massiv. Deshalb plädiere ich bei solchen Geschichten auf Multiperspektivität, also dass möglichst viele Narrative unterschiedlichster Akteure dargestellt werden.
        Ich lese auf der Homepage der BDS Schweiz beispielswiese folgendes:

        „Das Recht, sich durch BDS für die Rechte der PalästinenserInnen einzusetzen, wird von der EU sowie den Regierungen der Niederlande, Irlands und Schwedens öffentlich anerkannt. Über 200 renommierte Jurist_innen und Rechtsgelehrte aus verschiedenen europäischen Ländern inklusive der Schweiz haben im Dezember 2016 eine Erklärung verabschiedet, die BDS als rechtmässige Ausübung der Meinungsfreiheit anerkennt. Robert Kolb, der als Rechtsberater für das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA tätig war, meint dazu: „Das Recht von BürgerInnen, sich für BDS einzusetzen, ist wesentlicher Bestandteil der Grundrechte, die durch den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte geschützt werden.“
        https://www.bds-info.ch/index.php?id=121&items=3193

        Sind nun die EU, Schweden, Niederlande und Irland sowie die 200 renommierten Rechtsgelehrten alles Antisemiten?
        Also, die Sache ist komplex und wir werden es hier auf diesem Blog nicht annähernd erschöpfend thematisieren bzw. ausdiskutieren können.

      • @ Mark und Crumar Ihr dürft mich hier im Blog gern auch direkt ansprechen.

        Der Gebrauch des Begriffs „Bewegung“ für BDS impliziert ja schon, dass es hier keine einheitliche Partie gibt. Natürlich ist BDS antisemitisch – es geht dort nicht um eine reale Lösung realer Konflikte, sondern um die Fiktion, alle Konflikte würden sich in Luft auflösen, wenn nur Israel dazu gezwungen werden könnte, anders zu agieren. Das ist eine klassische Projektion. Da diese Projektion mit dem bewussten Wunsch der Schädigung – internationale Isolation Israels, wirtschaftliche Schwächung – verbunden ist, ist sie nicht allein eine Fantasie ohne Konsequenzen, sondern wesentlicher Bestandteil einer feindseligen Politik.

        Der BDS-Auftritt in der Humboldt-Uni ist abstoßend, und es gibt keinen vernünftigen Grund, den zu verharmlosen. Endlich können Deutsche den noch verbliebenen Holocaust-Überlebenden das Maul stopfen und sich dabei noch moralisch überlegen fühlen: Wer nicht auf die Idee kommt, dass eine solche Haltung antisemitisch ist, stellt sich absichtlich blind. Dass nicht alle BDS-Aktivisten so agieren würden, acht die Sache nicht besser – von denen ist ebenso zu erwarten, dass die solche Aktionen klar kritisieren, wie das auch von anderen Gruppen verlangt wird.

        Was den Text angeht: Er beschäftigt sich mit den Gründen, die von den Gegnern der Dokumentation dafür angegeben werden, dass sie nicht gesendet werden sollte. Dabei geht es nicht um nötige Verbesserungen – Wolffsohn fragt in dem Gespräch ja wiederholt, warum die lange Wartezeit nicht für das Einfordern von Verbesserungen genutzt wurde.

        Welche Verbesserungen nötig wären, hab ich in einem anderen Kommentar schonmal geschrieben. Es geht nicht, dass NGOs schwer schuldhaftes Verhalten unterstellt wird, ohne dass diese NGOs eine Möglichkeit zur Stellungnahme bekommen. Und: Es müsste klarer werden, dass nicht jedes Ressentiment gegenüber Juden und Israel einfach nur eine Erscheinungsform desselben ewigen Antisemitismus ist. Was die Ressentiments ja immer noch nicht legitim machen würde.

        Darum aber ging es den Kritikern, einschließlich Schöneborn, nicht. Es ging darum, diesen Film gar nicht erst verfügbar zu machen. Ich wiederum habe geschaut, welche Gründe dafür angegeben werden – und die sind äußerst mager, und sie lassen sich nur aufrecht erhalten, wenn an den Film ganz andere Maßstäbe angelegt werden als an andere öffentlich-rechtliche Produktionen (sei es nun zum selben Thema oder zu ganz anderen Themenbereichen).

        Das Ergebnis ist verrückt. Da berichtet die Dokumentation z.B. darüber, dass in Frankreich schon seit Jahren Juden das Land verlassen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen – aber ein Film darüber wird gestoppt, unter anderem mit der Begründung, dass er Wagners antisemitischer Schrift über das Judentum in der Musik Antisemitismus attestiert, ohne einen Aufsatz eines emeritierten Germanistik-Professors dazu zur Kenntnis zu nehmen.

        Das heißt: Die Diskussion über sehr brisante und sehr bedrückende soziale Bedingungen wird zu einer Diskussion über ihre mediale Repräsentation. Ob beabsichtigt oder nicht, das lenkt ab. Dass wiederum ist zuallererst der Tatsache zu verdanken, dass arte und WDR hier nicht seriös agiert haben.

        Zum oben angesprochenen Thema des bewussten oder unbewussten Völkerrechtsbruch: Das ist m.E. keine so wichtige Unterscheidung, weil Regierungen ohnehin auf jeden Fall abverlangt werden muss, dass sie wissen, was sie tun. Dass jemand verstärkend auf einen „BEWUSSTEN Völkerrechtsbruch“ aufmerksam macht, kann dann ja gleichwohl immer noch sein.

        Der Punkt, um den es geht, ist m.E. ein anderer – und Mark oder Crumar, den blendet Ihr aus. Wer, in welchem Konflikt auch immer, das Recht des anderen auf eine Existenz nicht anerkennt, der begründet damit eine Logik der Interaktion, die keine vernünftigen Folgen mehr haben kann.

        Er verhindert zum Beispiel pragmatische, realitätsgerechte Erwägungen – schließlich erkennt er gar nicht an, dass der andere Teil derselben Realität ist wie er selbst. Empirische Daten sind immer nur so weit wichtig, wie sie die immer schon bestehende Meinung begründen, ohne die Existenz des anderen würden sich alle bestehende Probleme verflüchtigen.

        Es gibt auch keine Verträge, die auf der Anerkennung basieren, dass beide Seiten bei aller Gegnerschaft ein rationales Eigeninteresse haben. Das Eigeninteresse des anderen wird ja grundsätzlich delegitimiert. Der wiederum gerät in eine Situation, in der der Selbstschutz Vorrang vor allem anderen haben muss.

        Auf die Situation übertragen: Wer für die Anerkennung des Existenz Israels Friedensverträge zur Bedingung macht, ist an Frieden tatsächlich nicht interessiert. Wer, wie die Hamas, Israels Existenz ablehnt, wird nur destruktiv agieren können.

        Es ist auch für die Maischberger-Diskussion kennzeichnend, dass es überhaupt keine Rolle spielt, wie stark es die Logik der Interaktion verändert, wenn viele Akteure das Existenzerecht eines anderen Akteurs nicht anerkennen. Dass dabei eine ganz andere Interaktion entsteht als etwa die zwischen scharfen Gegnern, die aber gleichwohl gegenseitig ihre Existenz selbstverständlich anerkennen.

        Gerade linke „Israelkritiker“ diskutieren oft so, als würde Israel irgendwie in einer ähnlichen Situation wie Deutschland sein, umgeben von Partnern. Das ist nicht antisemitisch, aber wird der Situation trotzdem nicht gerecht.

        Noch etwas zu Pörzgen, die unter allen Beiträgen der Diskussion die seltsamsten beisteuert. Der Holocaust als „deutsches Narrativ“, das Muslime angeblich nichts anginge: Die Erinnerung an den Holocaust wird von ihr aufgelöst in kulturrelativistische Beliebigkeit, eingepackt in modischer postmoderner Begrifflichkeit. Das ist einfach eine neue Schlussstrich-Debatte, die diesmal von links, oder pseudo-links kommt. Daher wird sich diese Schlussstrich-Position vermutlich auch stärker durchsetzen als frühere, einfach weil es ihr an entschiedenen Gegnern fehlt (wie Habermas bei Nolte, oder Bubis bei Walser).

        Warum die Erinnerung an den Holocaust eine so wichtige Position hat, dass sie nicht einfach in eines von beliebig vielen „Narrativen“ verwiesen werden kann, ist natürlich trotzdem begründungspflichtig und -fähig. Bei Pörzgen bleibt für solche Begründungen aber kein Platz, weil auch die immer nur in ein bestimmtes „Narrativ“ gehörten.

        Crumar, auch bei Deiner Rede von Spins und Gegen-Spins spielt es dann eben gar keine Rolle mehr, dass es ja eine gemeinsame Realität gibt, auf die sich verschiedene Perspektiven beziehen – wer was anderes glaubt, folgt eben einfach dem falschen Narrativ. Der Ausweg dazu ist nicht die Superposition, die allein die Realität richtig wiedergibt. Eine Lösung setzt aber voraus, überhaupt erst einmal anzuerkennen, dass die Perspektiven der anderen existieren.

        Um das gleich vorwegzunehmen: Natürlich ist das jeder Seite abzuverlangen. Dass es z.B. Druck gab, die Tagung „50 Jahre Besatzung“ (u.a. mit Moshe Zuckermann) in Frankfurt zu verhindern, ist nicht legitim. https://www.rubikon.news/artikel/50-jahre-israelische-besatzung-in-palastina-eine-tagung-in-frankfurt Wer sich aber darüber aufregt, ohne sich überhaupt dafür zu interessieren, welche Konsequenzen die Nicht-Anerkennung Israels für die Interaktion hat – der agiert nicht integer.

        Die Diskussion um den Film folgt, seltsamerweise, derselben Logik der Nicht-Anerkennung. Es geht nicht darum, wie der Film hätte verbessert werden müssen – sondern darum, dass es ihn gar nicht erst hätte geben dürfen. Auch Schönenborn versucht lediglich, den Film aus dem eigenen Haus öffentlich hinzurichten (was er offenbar auch tut, um das eigene Verhalten zu legitimieren). Es wäre ja stattdessen auch möglich gewesen, nicht nur auf die Fehler, sondern auch auf Verdienste des Films hinzuweisen. Dass er das nicht macht, zeigt, dass es hier um eine kritische Auseinandersetzung gar nicht geht.

        • @Lucas

          Ob die Hamas das Existenzrecht Israels politisch anerkennt ist sicherlich wichtig, nur ist die praktische Anerkennung der Palästinenser, so lange die Besatzung andauert und die Siedlungstätigkeit fortschreitet die relevante Frage.

          Denn damit hätte sich das Existenzrecht eines *palästinensischen Staates* erledigt. Zumal ich gerne darauf hinweisen möchte, dass es die Hamas erst seit 1987 gibt, die mit der Gründung der ersten Intifada entstand und in Gaza regiert. 1987 wurde die Besatzung zwanzig Jahre alt und – wie gesagt – davor gab es keine Hamas. Die PLO hat Israel 1993 anerkannt; welche substantiellen Fortschritte hat es seitdem für die Palästinenser gegeben? Solche Argumentationsfiguren kenne ich einfach schon länger.

          Dass die israelische Seite eine sehr spezielle Auffassung von sehr exklusiv israelischen Rechten hat, steht im israelischen Grundgesetz an erster Stelle: „1. Jerusalem, complete and united, is the capital of Israel“ und das sieht die Völkergemeinschaft hartnäckig anders – Ost-Jerusalem gehört den Palästinensern.

          Demzufolge ist „dazu gezwungen werden könnte, anders zu agieren“, nämlich konform zu internationalem Recht und UN-Resolutionen tatsächlich ein unterstützenswertes und legitimes Ziel. Nur fraglich, ob es durch die BDS-Kampagne konkret erreicht werden kann. Das macht die Kampagne an sich und die angestrebten Sanktionen aber nicht antisemitisch.

          Ich habe auf der Web-Site der Kampagne für Deutschland nachgeschaut und keinen Aufruf zu einer solchen Aktion an der Uni gefunden, von daher ist für mich fragwürdig, dass medial davon ausgegangen wird, es wäre der Kampagne zuzuschreiben. Und ja, das halte ich für einen medialen spin.

          Die Kampagne „Bestandteil einer feindseligen Politik“ zu nennen ist vor dem Hintergrund der fortwährenden Blockade des Gaza durch Israel und dem Checkpoint-System im Westjordanland sowie der Siedler Schikanen eine Verkehrung von Ursache und Wirkung. Die Lebensrealität der Palästinenser in Israel ist *geprägt* durch eine „feindselige Politik“ Israels. Zu tun, als hätten die Palästinenser die identischen Möglichkeiten wie Israel, das Existenzrecht von Israel praktisch in Frage zu stellen, wie umgekehrt Israel das der Palästinenser ist einfach falsch und stellt die Realität auf den Kopf. Wo ist denn die palästinensische Armee und Luftwaffe, die dies bewerkstelligen könnte?
          Die militärischen Machtmittel sind in den Händen Israels und fertig. Hier verhandeln keine Akteure auf gleicher Augenhöhe und die dort lebenden Israelis sind auch nicht in der Situation der Juden in den 1930er Jahren.

          Demzufolge halte ich das von dir geschriebene: „Eine Lösung setzt aber voraus, überhaupt erst einmal anzuerkennen, dass die Perspektiven der anderen existieren.“ insofern für kontrafaktisch. Die deutsche Wikipedia ist nur ein Beispiel für den medialen Kampf darum, dass es *eine* Perspektive gibt und alle anderen Perspektiven sind „antisemitisch“. Das hat nicht nur Moshe Zuckermann verhindert, sondern vor ihm schon Norman Finkelstein; beides Juden – Zuckermann ist zudem Israeli.

          Das von dir gesagte: „Die Diskussion um den Film folgt, seltsamerweise, derselben Logik der Nicht-Anerkennung. Es geht nicht darum, wie der Film hätte verbessert werden müssen – sondern darum, dass es ihn gar nicht erst hätte geben dürfen.“ ordne ich völlig anders ein.
          Es geht nicht um „Anerkennung“, sondern die propagandistische Vorgehens- und Funktionsweise des Films ist prinzipiell vorhersehbar. Der „Faktencheck“ zählt für mich keine Diskreditierung und Diffamierung des Pro-palästinensischen Lagers auf, die ich nicht schon kennen würde (fünfte Kolonne der Hamas bspw. oder Nazis wg. dem legendären Großmufti, der nach dem zweiten Weltkrieg für die PLO gearbeitet hat, die dummerweise erst 1964 gegründet worden ist usw. usf.).
          Lucas, das sind alles uralte, längst widerlegte Mythen aus dem Lager der rechten Pro-Israelis, die hier im Minutentakt präsentiert und kritisiert werden.
          Eben darum glaube ich auch nicht, dass der Film wegen der beabsichtigten „Kontroverse“ nicht gezeigt worden ist, sondern weil er in längst bekannter Manier die gleiche Leier spielt, Kritik an Israel und Zionismus mit Antisemitismus vermengt usw. usf.

          Der Film ist – so wie ich es aus dem Faktencheck ersehen kann – in der Tat überflüssig, ihn überhaupt mit öffentlichen Geldern finanziert zu haben war tatsächlich der Fehler.

          Gruß crumar

        • @Schoppe

          Dann erkläre mir doch mal den Unterschied zwischen einem Boykott, den Israel betrifft und wenn er Iran, Irak, Russland etc. betrifft. Einmal ist es Antisemitismus und einmal ist es vollständig in Ordnung?

          • @Mark

            Außerdem kauft die ganze Welt bei Juden wie bekloppt!
            Die Waffenexporte Israels in die ganze Welt:

            2014 – 5,66 Milliarden USD
            2015 – 5,7 Milliarden USD
            2016 – 6,5 Milliarden USD

            Man kann ja über ihn sagen was man will, aber der Inder als Kunde kann ja nun schlecht antisemitisch sein!

            Wenn die Hamas die Waffen vom Iran bekommt und der diese aus Israel kauft (siehe Iran-Contra-Affäre), dann wäre das m.E. ein Zeichen guten Willens.
            Oder?!

            Gruß crumar

        • @ crumar Du stellst Israel als Riesen dar, der mit dem kleinen Volk der Palästinenser umspringt, wie er will. Dass lauter arabische Staaten, plus Iran, darum herum liegen und mitmischen, und wiederholt die Vernichtung Israels nicht nur angekündigt haben, sondern auch umsetzten wollten, übergehst Du galant.

          Es wird keine israelisch-palästinensische Lösung geben, die nur Israel und Palästina einbezieht – soviel ist, glaube ich, klar, ganz unabhängig von allen jeweiligem Spins. Für das, was mir wichtig ist, ist es ansonsten auch gar nicht nötig, alles zu verteidigen, was die israelische Politik so tut – ob nun Schikanen gegen die Palästinenser oder die Siedlungspolitik.

          Wichtig ist mir, zu realisieren, wie sich das Agieren unter Bedingungen der angedrohten Existenzvernichtung ändert. Dafür ist es eben auch wichtig einzugestehen, dass Israel es nicht nur mit den Palästinensern zu tun hat, sondern mit einer ganzen Reihe von Staaten, die seine Existenz durchaus vernichten könnten.

          Die Ignoranz gegenüber internationalen Verträgen, etwa was den Status von Jerusalem angeht, ist u.a. eine Konsequenz aus eben dieser Situation. Die Entwicklung zum Sechstagekrieg zum Beispiel ist bei vielen Israelis gespeichert als Situation, in der internationale Schutzzusagen nicht eingehalten wurden, das Land auf sich selbst gestellt war und handeln musste.

          Erstens: Unsere Existenz ist dringlich bedroht – Zweitens: Im Zweifelsfall können wir uns nur auf uns selbst verlassen. – Wer diese Haltung schlecht findet, sollte nun wirklich nicht gerade eine internationale Boykottkampagne starten.

          Zum BDS: Mark, ich habe Boykotte gegen Russland oder den Irak nicht befürwortet. Was den Iran angeht, weiß ich eh nicht mehr, was richtig sein könnte. Jedenfalls ist ein Boykott in einer vielfältig vernetzten Weltwirtschaft ein kriegerischer Akt, der verharmlost wird, wenn er als eine Art zivilen Ungehorsams hingestellt wird. Finde ich generell kaum zu legitimieren.

          Der BDS, der Israel grundsätzlich mit dem Südafrika der Apartheid gleichsetzt, möchte aus Israel einen Pariah-Staat machen. Witschaftsboykotte – aber auch eine Isolation in Kunst und Wissenschaft: Keine Auftritte in Israel, Isolation der israelischen Wissenschaftler. Auch deshalb finde ich es übrigens dämlich, wenn eine pro-israelische Lobby einen Auftritt von Zuckermann in Frankfurt verhindern will.

          Schon die BDS-Gleichsetzung mit Südafrika ist irre. Es gibt reihenweise Staaten, in die jemand mit einem israelischen Stempel im Pass nicht einreisen kann (Iran, Kuweit, Libanon, Syrien), in anderen kann es zumindest problematisch werden. Es geht also nicht mal um Israelis – sondern um Menschen irgendeiner Nationalität, die einfach irgendwann im Laufe ihres Lebens mal in Israel waren. Aber die BDS-Genies kommen daher und machen ausgerechnet Israel als Apartheitsstaat aus.

          Arabische Israelis haben volle Bürgerrechte, es gibt Religionsfreiheit. Darüber hinaus gibt es aber eben auch alltägliche Diskriminierungen. Was aber sollte Israel denn machen, um die BDSler zufrieden zu stellen? Egal, was die israelische Politik tun würde – es gäbe immer eine Möglichkeit, klarzustellen, dass gerade DAS noch nicht reicht. BDS ist auf Endlosigkeit hin angelegt.

          Und: Ein solcher Boykott gegen Israel ist ein anderer Boykott als einer gegen Russland. Israel ist ein kleines Land, und es ist existenziell bedroht – unter solchen Bedingungen bedeutet ein internationaler Pariah-Status etwas ganz anders, als es ein Boykott für Russland bedeuten würde.

          Die BDS-Moralisten müssen sich um sowas natürlich nicht bekümmern. Dabei wäre es, z.B., Roger Waters‘ eigenes Ding, wenn er halt nicht in Israel auftreten würde. Aber er, und andere, setzten eben andere Künstler unter massiven öffentlichen Druck, bis hin zu Drohungen, und das ist nicht mehr legitim: Radiohead (die sich klar gewehrt haben), Paul McCartney, Rolling Stones, Madonna, Elton John – alle wurden vor Israel-Auftritten von den BDS-Humanisten unter erheblichen Druck gesetzt, das Land zu meiden.

          Und übrigens auch die Eagles of Death Metal. Deswegen, und weil das Bataclan lange jüdischen Eigentümern gehörte (die jahrelang bedroht wurden), finde ich die These des Films, das Anschlagziel sei nicht zufällig gewesen, gar nicht hergeholt. Bisschen peinlich halt für die guten Menschen vom BDS.

          Warum kann Waters nicht statt Israel die USA boykottieren? – da gäbe es nun wirklich mehr als genügend Gründe, angefangen mit dem Drohnenkrieg. Damit aber würde er halt, anders als in Israel, auf einen großen Markt verzichten, so weit geht es mit Moral und Gesellschaftskritik denn doch nicht, kann ja nun auch wirklich niemand verlangen.

          Aber abgesehen von der Polemik: Die BDS-Kampagne gegen Israel ist willkürlich, und sie trifft ein kleines Land, das eh schon bedroht ist. Natürlich muss man das nicht antisemitisch nennen, dann kann man sich aber auch gleich noch mal ein altes Titelbild der Titanic anschauen: http://www.titanic-magazin.de/postkarten/karte/schrecklicher-verdacht-war-hitler-antisemit-0702-2116/

          Was soll (@ Crumar) schließlich der Hinweis, die Aktion in der Humboldt-Uni sei auf der Homepage von BDS nicht angekündigt? Du hattest doch selbst Wert darauf gelegt, dass BDS eine Bewegung sei, keine einheitliche Partei – da sind solche dezentralen Aktionen doch jederzeit möglich. Es gibt meines Wissens bislang auch keinerlei Distanzierung davon.

          Dass Israel Waffen verkauft, geht übrigens an meinem Punkt vorbei. Ich muss nicht alles gut finden, was Israel macht, um es irre zu finden, an seinem Existenzrecht zu rütteln. Und das ist m.E. eben DER zentrale Punkt. Dass dazu auch ein palästinensisches Existenzrecht gehört, ist ja in vielen Bereichen der israelischen Gesellschaft ja längt klar. Das Problem ist nur, dass es entsprechende Haltungen auf der anderen Seite nicht gibt – oder wenn, dann nur in winzigen Ansätzen.

          • @Schoppe

            Ich sehe das Meiste ziemlich anders als Du, ich habe jedoch nicht die Zeit dazu, mich umfassend mit Deiner Argumentation auseinanderzusetzen. Abgesehen davon, dass dies viele Leute vor mir bereits viel besser und umfassender gemacht haben, als ich es könnte. Deshalb kann ich den Menschen nur raten, nehmt andere Sichtweisen und Narrative wahr (Multiperspektivität heißt das Losungswort), als sie insbesondere vom deutschen Medienmainstream kommen und lest vor allem auch die israelischen Dissidenten zu diesem Thema wie

            Gideon Levy
            https://de.wikipedia.org/wiki/Gideon_Levy

            Ilan Pappe
            https://de.wikipedia.org/wiki/Ilan_Pappe

            Moshe Zimmermann
            https://de.wikipedia.org/wiki/Moshe_Zimmermann

            Avi Shlaim
            https://de.wikipedia.org/wiki/Avi_Shlaim

            Uri Avnery
            https://de.wikipedia.org/wiki/Uri_Avnery

            etc.
            oder geht auch mal auf das
            Palästina-Portal, gerade auch zu diesem Thema:
            http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Auserwaehlt_ausgegrenzt_Der_Hass_auf_Juden_in_Europa_arte.htm

            Und lest insbesondere auch das Buch von Moshe Zuckermann:
            Antisemit!: Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument
            https://www.amazon.de/Antisemit-Ein-Vorwurf-als-Herrschaftsinstrument/dp/3853713181

            Und dazu noch einmal ein kurzes Interview mit Moshe Zuckermann:
            https://www.youtube.com/watch?v=-pj9Fx2mV_E

          • @Lucas

            Folgendes: „Du stellst Israel als Riesen dar, der mit dem kleinen Volk der Palästinenser umspringt, wie er will. Dass lauter arabische Staaten, plus Iran, darum herum liegen und mitmischen, und wiederholt die Vernichtung Israels nicht nur angekündigt haben, sondern auch umsetzten wollten, übergehst Du galant.“ kann ich einfach nicht ernst nehmen.

            Wie ich bereits schrieb, ist die Frage der militärischen Macht in den Grenzen Israels geklärt.
            Israel repräsentiert die 15. stärkste Militärmacht auf diesem Planeten, gegen die die Palästinenser nichts, gar nichts aufzubieten haben.
            Kein benachbarter arabischer Staat ist im Besitz von Nuklearwaffen und alle wissen, Israel ist es.

            Israel konnte sich auch den Luxus erlauben, Trägersysteme nach Süd-Afrika zu verscherbeln – natürlich in den Zeiten der Apartheid.
            Die „existenzielle Bedrohung“, die immer wieder ins Spiel gebracht wird, hat auch 1967 nicht existiert.
            Ägypten war knietief im Jemen involviert und das sollte der (sehr fähige) israelische Geheimdienst gewusst haben, denn Israel hat die Gegenseite mit Waffen beliefert.
            Auch der Krieg von 1947 ist völlig anders abgelaufen, als dir medial verkauft worden ist.

            Was du mir gerade erzählst, IST das offizielle Narrativ.
            Das kenne ich schon.

            Gruß crumar

          • @ Mark Nein, ich finde den verlinkten Zeit-Artikel gut. „Die Kritik an Israel bietet Antisemiten eine nützliche Projektionsfläche, um ihren klassischen Antisemitismus zu tarnen. Andererseits ist aber nicht jede Kritik an der israelischen Politik und dem Umgang mit den Palästinensern zwangsläufig Antisemitismus.“ Deshalb hatte ich ja auch in meinem Text schon geschrieben, dass es Kriterien dafür geben müsste, wo denn eine Kritik an israelischer Politik – und sei es eine unsachliche und uninformierte – noch politische Kritik ist, und wo eine Grenze zum Antisemitimus überschritten wird.

            Richtig ist auch die Kritik an dem Film, dass ganz unterschiedliche Formen einer Feindseligkeit gegen Juden oder gegen Israel gleichermaßen als Erscheinungsform desselben Antisemitismus hingestellt werden, als ob alles irgendwie dasselbe wäre.

            Lücken hat der Text, wo er es bei kaum merklichen Andeutungen belässt, aber konkret hätte werden müssen. Etwa im Fazit, dass der Film „keinen konstruktiven Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland“ leiste. Hier trifft in der Tat der Vorwurf, dass der Film den Antisemitismus von rechts nicht deutlich genug herausstelle – am Anfang kommt ein wenig was von Elsässer etc, von einigen seiner Anhänger, die sich auf die Protokolle der Weisen von Zion beziehen – und das war es dann. Ich hatte hier gerade in einem anderen text eine Statistik für Berlin aus dem Jahr 2015 verlinkt, aus der klar wurde, dass über 90% der judenfeindlichen Übergriffe von rechts kamen.

            Französische Juden allerdings – und darauf geht der Film ausführlich ein, der Zeit-Artikel aber gar nicht – verlassen schon seit Jahren jährlich zu mehreren Tausenden ihr Land, weil sie sich dort nicht mehr sicher fühlen. Dort sind es, so die Süddeutsche 2015, „fast ausnahmslos Jugendliche oder junge Männer aus muslimischen Familien, die für die antisemitischen Übergriffe verantwortlich sind.“
            http://www.sueddeutsche.de/politik/juden-in-frankreich-man-hasst-uns-wir-sind-freiwild-1.2298810
            Auch die SZ beeilt sich zu versichern, dass das nicht den Islam insgesamt diskreditiere – bringt aber die bedrohliche Zunahme der Übergriffe mit der 2. Intifada in Zusammenhang. Die Verbindung, die der Film zwischen der Situation im Nahen Osten und dem Antisemitismus in Europa zieht, ist sachlich begründet und nicht als polemische Finte abzutun.

            Der Zeit-Artikel führt den muslimischen Antisemitismus auf einen „muslimischen Nationalismus“ zurück, der durch den Zuzug von Juden nach Palästina „herausgefordert“ worden sei. es wäre auch zur Einordnung der europäischen „Israelkritk“ wichtig gewesen, zumindest ein paar dürre Hinweise darauf zu geben, was dieser „muslimische Nationalismus“ den bedeutet hatte und hat.

            Zum Beispiel die Vertreibung von Juden aus arabischen Ländern, plus Iran, im 20. Jahrhundert – Hunderttausende, mit den Ziel, dass möglichst kein Jude mehr bleibe. Die Nazis hatten so etwas als „judenrein“ bezeichnet.

            Solche Informationen sind wichtig, um das Agieren von solchen Bewegungen wie BDS bewerten zu können. Die stellen sich auf die Seite einer Politik, die jahrzehntelang völlig selbstverständlich einem Ideal der ethnischen Säuberung gefolgt ist – und von dort aus denunzieren sie dann Israel hochmoralisierend als „Apartheidstaat“.

            Das ist dann eben mehr als nur eine uninformierte Kritik, das ist eine starre Zuordnung von Gut-Böse-Mustern, die sich durch Informationen gar nicht weiter stören lässt. Ich würde daher mal selbst einen Vorschlag machen, wo Kritik nicht mehr nur Kritik ist, sondern antisemitisch ist.

            Erstens dann, wenn Israel oder Juden als Projektionsfläche genutzt werden, wenn das Bild, das von Israel bzw. Juden gezeichnet wird, durch neue Informationen überhaupt nicht mehr geändert werden kann.

            Zweitens, wenn diese Projektion durchgehend in abwertender Absicht erfolgt, insbesondere der moralischen Verdammung. Auch der Hinweis, dass an Israel bzw. Juden allgemein andere Maßstäbe angelegt werden als an andere, ändert nichts an der Verurteilung, weil sie ohnehin auf Projektionen beruht. (Was übrigens, nebenbei bemerkt, logisch keineswegs ausschließt, dass es auch realitätsgerechte Gründe für Vorwürfe geben kann).

            Drittens, wenn Juden bzw. Israelis grundsätzlich Empathie verweigert wird. Dazu gehört zum Beispiel, es ihnen abzusprechen, dass sie aus ihrer Perspektive nachvollziehbare und legitime Gründe für ihr Verhalten haben, selbst wenn man selbst diese Perspektive für fehlerhaft halten mag. Dazu gehört selbstverständlich auch, für Leiderfahrungen unempfindlich zu sein, wenn es Leiderfahrungen von Juden sind (rationalisiert z.B. dadurch, dass sie irgendwie selbst Schuld hätten). Dazu kann auch gehören, Israel prinzipiell als übermächtig zu beschreiben und so Handlungszwänge der israelischen Politik ebenso zu leugnen wie Erfahrungen des Bedrohtseins oder der Schutzbedürftigkeit. Das kennen wir auch aus anderen Zusammenhängen. (Dieser dritte Punkt passt auch, @ crumar, zu deinem letzten Kommentar.)

            Ich finde das etwas besser als den Drei-D-Test, den auch Wolffsohn anführt (Dämonisierung – Doppelstandards – De-Legitimierung), auch wenn es sich weit überschneidet. Aber in einer Dämonisierung ist m.E. eine De-Legitimierung eh schon enthalten.

            Jedenfalls ist das für mich der Grund, warum ich BDS eindeutig als antisemitisch einordne, weil einfach alles auf diese Bewegung zutrifft.

            Für mich ist mein Artikel hier nicht so weit off-topic, wie er aussieht, weil es um zwei Themen geht, die ich auch sonst sehr wichtig finde.

            Erstens um eine Linke, die nicht – ich weiß langsam nicht, ob ein „nicht mehr“ eigentlich angebracht wäre – in der Lage ist, Ungerechtigkeit zu beschreiben oder Leiderfahrungen wahrzunehmen, wenn sie nicht ihren immer schon bestehenden Täter-Opfer-Zuordnungen entsprechen. Das gilt andersherum auch für die antideutsche Linke, die – wie ich glaube – die Dokumentation mit-inspiriert hat. Die hat durchaus ein Verdienst darin, das Thema eine linken Judenfeindlichkeit sehr nachdrücklich verfolgt zu haben – sie ist aber in anderen Täter-Opfer-Zuordnungen gefangen und hat damit andere Empathie-Unfähigkeiten entwickelt.
            Aus aktuellem Anlass: Ein neues Beispiel für Judenfeindlichkeit einer intersektionalistischen Linken beschreibt gerade die New York Times: https://www.nytimes.com/2017/06/27/opinion/im-glad-the-dyke-march-banned-jewish-stars.html

            Zweitens geht es um die Frage, was überhaupt zum Teil eines öffentlichen Diskurse wird und was ausgeblendet bleibt. Die Änderungen, die der unfertige Film benötigt hätte, sind nicht so gigantisch, dass es dafür gerechtfertigt wäre, die Dokumentation gleich ganz unter Verschluss zu halten. Es geht hier nicht um Kritik – sondern darum, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem Film offenkundig eben gar nicht öffentlich geführt werden, der Film unzugänglich bleiben sollte. Das ist – auch verglichen mit anderen Produktionen zum Thema, die selbstverständlich gesendet wurden – überhaupt nicht zu verstehen. Dazu kommt, dass Schönenborn über die Autoren (und übrigens auch über die verantwortliche Redakteurin beim WDR, die den Film abgenommen hat) auf eine vernichtende Weise spricht – dass er sein vernichtendes Urteil aber überhaupt nicht konkret begründet.

            Auch das ist genereller Eindruck, den ich habe – nicht bei jedem Thema, aber auch nicht nur beim Thema Antisemitismus – dass im öffentlichen Diskurs Positionen fehlen, die in meinem privaten Umfeld (und das ist ganz sicher nicht radikal, sondern ganz gesittet mit deutlich rot-grünem Einschlag) völlig selbstverständlich vorhanden sind. Dass diese Abschottung des öffentlichen Diskurses auch auf – hier ansonsten völlig unnötige – erhebliche Rufschädigungen zurückgreift, macht sie natürlich nur noch schlimmer.

            Ansonsten fällt mir auf, dass zu der Frage des israelischen Existenzrechts nichts kommt. Für mich ist an diesem Punkt u.a. wichtig, dass seine Betonung es ja überhaupt nicht nötig macht, Leid von Palästinensern oder Schuld von Israelis zu leugnen, dass damit aber gleichwohl die projektive Dämonisierung Israels gestört wird. Wer sich in seiner schieren Existenz bedroht sieht, agiert anders als jemand, der sich darüber keine Gedanken macht.

            Dass es israelische Dissidenten gibt, ist ja gut und wichtig. Es wäre halt schön, wenn es sie auch auf arabischer Seite gäbe und wenn die dort auch Professuren bekommen könnten.

          • @ Schoppe

            Leider gehst Du wieder zielsicher an der Hauptkritik von Moshe Zimmermann in der Zeit und der taz vorbei: Moshe Zimmermann spricht von:

            „Propaganda als Dokumentation“
            „Wenn bloße Propaganda dem Zuschauer als Dokumentation angeboten wird, dann ist das ein Problem. Das, was der Film als Zeugen bietet, ist mehr oder weniger repräsentativ für die Richtlinie der israelischen Propaganda oder der israelischen Politik. Hier wird der Versuch unternommen, für den Antisemitismus die Linken, die Araber und die Muslime verantwortlich zu machen. Man identifiziert Antisemitismus weitgehend mit Israelkritik. Das ist nicht nur einseitig, sondern im Prinzip falsch. Die Hauptgefahr, wenn es um Antisemitismus geht und um Rassismus, kommt noch immer aus dem rechten Flügel und nicht von Randgruppen wie Flüchtlingen, Einwanderern und Linken.“
            http://taz.de/Antisemitismusexperte-ueber-Arte-Doku/!5421197/

            Nur schon aus diesen Gründen ist es berechtigt, den Film überhaupt nicht zu bringen, aber da bist Du entweder naiv oder hast Tomaten auf den Augen. 🙂

          • @Mark Smith:

            »Die Hauptgefahr, wenn es um Antisemitismus geht und um Rassismus, kommt noch immer aus dem rechten Flügel und nicht von Randgruppen wie Flüchtlingen, Einwanderern und Linken.«

            Das ist doch reine Scholastik! Wenn ein erheblicher Teil des politischen Islam antisemitische Propaganda verbreitet, dann ist er Teil dieses »rechten Flügels«, ebenso die betreffenden »Linken«.

            Zimmermann wendet eine Definition auf »Antisemitismus« an, die lautet: »Nur echt mit Hakenkreuz!« Das ist aber kein Argument, das ist eine Immunisierungsstrategie! Die Tomaten befinden sich damit auf den Augen Zimmermanns!

          • @djadmoros

            Zimmermann & Shimon Stein stellen offenbar auf einen Bericht der Expertenkommission ab. Ich weiss zwar nicht, was darin steht, aber offenbar ein anderes Narrativ, als was der Film zeigt.

            „Der Vergleich zwischen dem Bericht der Expertenkommission und dem Film beweist: Letzterer leistet keinen konstruktiven Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland.“
            http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-06/antisemitismus-deutschland-dokumentation-israelkritik/seite-2

          • Die Hauptgefahr, wenn es um Antisemitismus geht und um Rassismus, kommt noch immer aus dem rechten Flügel und nicht von Randgruppen wie Flüchtlingen, Einwanderern und Linken.

            In Frankreich fühlen sich mittlerweile viele Juden nicht mehr sicher und zwar wegen fanatischer Muslime.
            Ich habe den Verdacht, dass die Verantwortlichen von arte gerne eine Doku gesehen hätten, die ihre Wahrnehmung bestätigt, eine Doku, die den Judenhass in Europa beim front nationale, der AfD, den Schwedendemokraten etc. verortet.

            Und ich bin mir sicher, eine solche Doku wäre problemlos durchgegangen und es wäre nie der Vorwurf erhoben worden, es fehle der Judenhass von Teilen der Muslime in Frankreich.
            Die Doku ist viel mehr ein Meinungsbeitrag mit klar parteiischer Positionierung als eine Doku, die sich um einen neutralen Standpunkt in Sachen Israel bemüht. Da ist die Kritik auch berechtigt. Aber die Empörung der Verantwortlichen von arte ist ziemlich amüsant, wenn ich mir die feministische Propaganda vergegenwärtige, die von arte ausgeht.

          • @ Pjotr

            Ich habe bisher von keinen Kritikern des Films gelesen, dass es diesen Antisemitismus aus muslimischer Ecke nicht gibt oder dieser kein Problem sei. Die Frage stellt sich nur, wie repräsentativ dieser für die gesamte Situation ist. Für Deutschland ist offenbar der Film nicht repräsentativ.

            Viel gravierender finde ich jedoch folgende Kritik: Wer seine Zeugen so aussucht, wie es das israelische Propagandaministerium auch tun würde, der muss sich einfach den Vorwurf gefallen lassen, dass dies nix mit einem guten qualitativen Journalismus zu tun hat.

            Hier gilt für mich wie für viele Leute folgender Aphorismus:

            „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache.“

          • @ Pjotr: Ich denke, man muß dabei immer im Kinterhopf behalten, daß Arte nicht zuletzt ein französischer Sender ist. Das macht die Sache nicht richtiger, oder besser, ist aber so.

          • @ Mark Wenn ich schreibe, dass Zuckermann bei seiner Kritik wichtige Aspekte ausblendet, dann gehe ich ja nicht an seiner Kritik vorbei, sondern finde sie nur nicht rundweg schlüssig. Ich hatte schon verstanden, worauf er hinaus will.

            Ich hatte noch öfter mal an einen Punkt gedacht, den Pjotr hier formuliert hat – dass nämlich der Film zu stark die Situation im Nahen Osten mit der Situation in Europa vermische. Das ist, wie ich glaube, eine wichtige Kritik.

            Allerdings nicht so, dass Israel völlig hätte ausgeblendet werden müssen. Ein Punkt hätte aber expliziter sein müssen. Bei allen Verbindungen, die es zwischen europäischer Judenfeindlichkeit und der Feindschaft gegen Israel gibt: Wer Antisemitismus ablehnt, ist deshalbb noch nicht gezwungen, die israelische Politik gut zu finden. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber angesichts der Freund-Feind-Strukturen, die politische Debatten heute prägen, konnte gut der Eindruck entstehen, dass der Film etwas anderes nahelegt. Mit minimalen Änderungen hätte das verbessert werden können.

            Kritiklosigkeit gegenüber israelischer Politik einzufordern ist für die Position des Films auch gar nicht nötig. Um erkennen zu können, dass der europäische Judenhass eben auch ein Hass von links ist, muss man einfach nur wahrnehmen, dass erstens Israel nicht allein schuldig ist an den Konflikten mit Palästinensern und arabischen Staaten, und dass zweitens die Weigerung muslimischer Staaten der Region, die Existenz Israels anzuerkennen, eine gemeinsame Lösung unmöglich macht. Das sind Selbstverständlichkeiten, die aber eben sowohl im muslimischen Judenhass wie im Antisemitismus von solchen Bewegungen wie BDS einfach keinen Platz haben.

            Mir war übrigens die Passage zu Blüm auch deswegen wichtig, weil ich es tatsächlich in fast allen Fällen ganz unnötig finde zu entscheiden, ob nun eine bestimmte PERSON antisemitisch ist oder nicht. Antisemitismus ist eher ein Diskursphänomen – bestimmte antijüdische Ressentiments werden einfach weiter getragen, für Selbstverständlichkeiten gehalten, ohne das Menschen selbst merken, welche Ressentiments sie verbreiten. „Die Juden sollen uns Auschwitz nicht mehr vorrechnen – ich rechne ihnen doch auch nicht vor, dass sie unseren Messias umgebracht haben“ hab ich mal, sinngemäß, so im Spiegel gelesen.

            Ganz wichtig dabei finde ich, dass Leute, die sich als links einordnen, einigermaßen sensibel dafür werden, wo und wie sie Israel als Projektionsfläche benutzen. Wenn Du, @ Mark, zum Beispiel Israel ein „Propagandaministerium“ unterschiebst, dann ist das eine Projektion, die auch als Provokation oder Ironie nicht angeht. Es transportiert zu viel an echten, bösen Unterstellungen, als dass wir damit leichthändig provozieren könnten: Dass Israel als Nazi-Reich imaginiert wird, dient immer wieder so offensichtlich einer Schuldabwehr, dass auch jemand, der so etwas gar nicht beabsichtigt, einen solchen Vergleich nicht einfach so anstellen sollte.

            Projektiv finde ich auch schon die Rede von israelischen „Dissidenten“. Israel ist weder Nazi-Deutschland noch Sowjetunion, es ist keine gleichgeschaltete Gesellschaft und kein uniformer Block (auch kein uniformer Block des Guten).

            Ressentimentgeladen ist zudem die Weigerung, irgendetwas, was die israelische Politik tut, als Reaktion auf Bedingungen zu verstehen, die durch Palästinenser und arabische Staaten gesetzt werden. Wenn Ihr hier, auch @Crumar, nicht mal akzeptiert, dass Israelis sich in ihrer Sicherheit beeinträchtigt sehen und dass dies Entscheidungen beeinflusst – dann kommen dabei Positionen heraus, die sich aus der politischen Realität herausgebeamt haben und die nur noch projektiv sind. Seite an Seite mit Laurie Penny, was ja immerhin mal was Neues ist.

            Überhaupt nicht verständlich finde ich, wenn jemand es vermeidet, die Nicht-Anerkennung von Israels Existenzrecht als ernsthaftes Problem zu akzeptieren. Das hat ja Folgen weit über eine formale Position hinaus. Ein Beispiel:

            Ich hab neulich den Roman „Aftershock“ von Tamar Verete-Zahavie kennen gelernt. Angelehnt an einen realen Terroranschlag, erzählt die israelische Autorin von einem Mädchen, dass ihre beste Freundin bei einem Selbstmord-Terroranschlag verliert, der von einem etwa gleichaltrigen palästinensischen Mädchen begangen wird. Um mit der Situation irgendwie zurecht zu kommen, setzt sich die Protagonistin schließlich auch mit dem Leid der anderen Seite, der Palästinenser auseinander. Das Buch hat in Israel einen Preis erhalten, angeblich hat es das israelische Erziehungsministerium das Buch auch zur Lektüre an Schulen empfohlen. http://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Buecher.php?id=1424923

            Mir blieb das auch deswegen im Gedächtnis, weil es in so starken Kontrast steht zu den Meldungen über palästinensische Schulbücher, in denen Israel nach einer von Abgeordneten des Bundestags beauftragten Untersuchung gar nicht vorkommt, nicht einmal auf Karten. Auch das sind Informationen, die wieder als „Narrativ“ oder als „Spin“ interpretiert und daher ausgeblendet werden können (weil das Mideast Freedom Forum, das die Untersuchung durchgeführt hat, offen Partei für Israel ergreift). Sie passen aber eben sehr gut zu einer Politik der Nicht-Anerkennung.
            http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/in-palaestinensischen-schulbuechern-existiert-israel-nicht-15081678.html

            „Hass“ ist im Kern die Weigerung, die Existenz eines anderen überhaupt anzuerkennen. Wenn die Untersuchung so stimmt, dann wird in Palästina (und ganz gewiss nicht nur dort) gezielt und systematisch eine Politik des Hasses organisiert. Es ist ja schön, wenn dann auf der anderen Seite Menschen – und übrigens keine „Dissidenten“ – versuchen, beide Perspektiven wahrzunehmen. Es wird nur allein zu keinem friedlichen Prozess beitragen, weil die Partner auf der Gegenseite fehlen.

            So hat der Film schon sehr richtige Vorwürfe erhoben, er hat sie nur womöglich nicht auf den Punkt gebracht: Aktivisten, die Israel als Reich des Bösen, als Nazi-Reich, als Apartheidstaat imaginieren, unterstützen damit eine Politik, die im Nahen Osten friedliche Perspektiven blockiert und die dazu beiträgt, den dort organisierten Judenhass auch nach Europa zu tragen. Dass es daneben weiterhin einen originären europäischen Judenhass gibt, steht dazu nicht im Widerspruch, und es gibt keinen Grund, das eine gegen das andere auszuspielen.

            Der Vorwurf betrifft eben nicht nur BDS-Spinner, sondern auch so anerkannte Organisationen wie „Brot für die Welt“. Daher ist das, was die Dokumentation vorführt, relevant. Es wäre ein Fehler gewesen, Antisemitismus als rein rechtes Phänomen zu beschreiben.

          • Ich habe bisher von keinen Kritikern des Films gelesen, dass es diesen Antisemitismus aus muslimischer Ecke nicht gibt oder dieser kein Problem sei. Die Frage stellt sich nur, wie repräsentativ dieser für die gesamte Situation ist. Für Deutschland ist offenbar der Film nicht repräsentativ.

            Inwiefern „nicht repräsentativ“? Die Doku wirft i.m.h.o lediglich Schlaglichter, beleuchtet einige Aspekte. Man kann sich fragen, warum die europäische Linke in den Fokus geriet. Die Antwort ist sehr naheliegend.

            Die Doku ist proisraelisch. Die Gefahr für Juden in Europa durch Antisemitismus wird vor allem bei muslimischen Immigranten oder deren Nachkommen verortet. Die europäische Linke ist in ihrer klaren Mehrheit israelkritisch und immigrationsbefürwortend sowie unkritisch gegenüber den Muslimen Europas, Stichwort „islamophob“ und teilweise propalästinensisch. Eigentlich ganz einfach aufzudröseln.

            Ich habe kein Problem mit Meinungsbeiträgen und erwarte Ausgeglichenheit nur insofern, dass die Gegenseite auch Gelegenheit erhält, ihre (parteiische) Sicht darzulegen.

            Was mir missfiel ist vor allem die Sequenz, in der ein Israeli gezeigt wurde, der im Westjordanland ein Geschäft betreibt und auch Araber beschäftigt. Der Araber äusserte sich sehr positiv über seinen (jüdischen) Arbeitgeber.

            Hier werden zwei Ebenen vermischt. Einerseits die persönliche, andrerseits die politische. Auf der persönlichen Ebene glaube ich ohne weiteres, dass dieser Arbeitgeber ein anständiger Mensch ist und seine Angestellten, auch die Araber, fair behandelt. Auf der politischen Ebene aber bleibt die Tatsache bestehen, dass die Besiedelung des Westjordanlandes Völkerrechtsbruch ist.

            Daran ändert die Fairness des jüdischen Arbeitgebers, so wie vom arabischen Angestellten geschildert, nichts. Hier werden Dinge vermischt, die nicht vermischt werden sollten und hier hat die Doku tatsächlich einen propagandistischen Einschlag.

          • @Schoppe & Pjotr

            Ich habe nicht die Zeit, hier umfassend darauf einzugehen, deshalb wie fast immer noch einmal ein paar Kritiken des Films – im Sinne, dass immer auch andere Narrative zur Kenntnis genommen werden sollten.

            Wenn Kritik zum Tabu wird
            Unterirdisches journalistisches und wissenschaftliches Niveau: Der Film »Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa«
            https://www.jungewelt.de/artikel/313362.wenn-kritik-zum-tabu-wird.html

            »Es werden Pseudoprobleme diskutiert«
            Über den Film »Auserwählt und ausgegrenzt« sowie den ­konstruierten Zusammenhang zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus. Gespräch mit Rolf Verleger
            https://www.jungewelt.de/artikel/313232.es-werden-pseudoprobleme-diskutiert.html

            „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“: Ein Machwerk
            http://der-semit.de/auserwaehlt-und-ausgegrenzt-der-hass-auf-juden-in-europa-ein-machwerk/

            Ein kaum zu überbietendes Zerrbild vom Nahostkonflikt
            https://www.neues-deutschland.de/artikel/1054225.ein-kaum-zu-ueberbietendes-zerrbild-vom-nahostkonflikt.html

    • „Es dürfte jedoch auch klar sein, dass der Vorwurf des Antisemitismus eine mächtige Waffe sein kann, um Kritiker mundtot zu machen, die beispielsweise völkerrechtswidrige Praktiken an Israels Politik kritisieren. “

      Genau so kann eben auch die Umkehr eine solche Waffe sein, in dem man eben Antisemitismus damit abtut das es doch bitte berechtigte Kritik an Israel geben kann. Beispiele gibt es genug von Lucas oben.

      Bei aller berechtigten Kritik an Israel und dem Umgang mit den Palestinensern, doch hier wollen wir eben nicht vergessen das
      1. Israel bisher keinen Krieg angefangen hat, wenn auch völkerrechtswiedrige Vergeltungsschläge.
      2. Kein Isreali von sich aus auf die Idee gekommen ist gleich ganz Jerusalem zu besetzen; sondern dies war nun einmal eine Folge von Ereignissen an denen Israel eher wenig gedreht hat, ausser einen Krieg zu gewinnen.
      3. Ich bisher noch nicht gehört habe das Isreal seine Nachbarn ins Meer treiben möchte etc. pp.

      Sieht man sich die geostrategische Lage dort einmal an, so kann man sicherlich auch als Kriegsdienstverweigerer erkennen warum Isreal ein strategisches Interesse daran hat z. B. das Westjordanland zu halten… Keine 20 Kilometer und schon ist Israel von einer feindlichen Armee in zwei Teile geteilt. China, ich sag nur Tibet, und die Tibeter waren da ganz lieb und haben nicht China angegriffen, werden bei uns mit weniger Inbrunst verteidigt wie die Palestinenser, bei denen bis heute diverse Organisationen lieber jeden Juden Tot sehen wollen. Warum?

  • Habe den Film neulich via Youtube gesehen.

    Finde die „Forderung“ das er hätte „Ausgewogen“ sein müssen ähnlich relevant, wie die (mir bisher noch eher selten aufgefallene, in diesem Sinne: hypothetische) Forderung, eine * Dokumentation müsse ausgewogen sein.

    „Oder, einfacher ausgedrückt: Das offene Sprechen über Antisemitismus ist dort ein Tabu, nicht aber der Antisemitismus selbst.“

    Ja, und deshalb kann unser neuer Strahlemann auch Applaus klatschen wenn nur richtig (d.h. gegen die richtigen) gehetzt wird.

  • „Sehr viel Wert legt sie vor allem darauf, dass zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik sauber unterschieden werden müsse.

    Aber warum eigentlich?“

    Äh, warte mal – was?
    Warum wenigstens eine sehr grobe Unterscheidung ( nicht ) besser ist, als gar keine, oder was soll das heißen?
    Und was ist mit Kritik an Christen, Moslems oder Jesiden ( werden, obwohl angebl. Christen, von den Moslems allgemein als Satanisten betrachtet )? Soll man die auch mit „Israelkritik“ in einen Topf werfen? Alles semitische Religionsformen, habe ich mal so gelernt.
    Verstehe ich überhaupt nicht.

    „Bedeutet aber beim Thema Antisemitismus „pro-menschlich“ zu sein nicht, vor allem auf der Seite der Opfer dieser Obsession zu stehen – in diesem Fall also: pro-jüdisch zu sein?“
    Wohl eher „pro Opfer“, denke ich. Auch da würde ich wenigstens grob zu unterscheiden versuchen.
    Ich muß mich doch nicht mit einer – ausgerechnet – der ganz großen Sekten solidarisch erklären, weil deren Angehörige zu einem großen Teil mal Opfer waren. Und heute sind sie es nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr, als die diversen Opfer anderer „moderner“ Anti…ismen.

    Jeder Mensch braucht einen Glauben ( Objektivität wäre für uns innerhalb weniger Tage tödlich, hat mal jemand „berechnet“ ). Glauben äußert sich i.d.R. als Religion, oder etwas was dieselben Bedingungen erfüllt.
    Da die meisten Menschen in dem Sinne nunmal lieber Tütensuppe essen, als selbst zu kochen, nehmen fast alle irgendein Angebot irgendeiner Sekte an, bevorzugt der ganz großen, weil das vermutlich so etwas wie Glaubwürdigkeit suggeriert.
    Das kann man niemandem übel nehmen, weil es halt eine typisch menschliche Unzulänglichkeit ist.
    V. dh. finde ich die Verballhornung „pro-menschlich“ durchaus korrekt und wesentlich hochwertiger, als die unbegründete Zielvorgabe „pro-jüdisch“, denn das könnte ich niemals sein, genau wenig wie z.B. prochristlich, probuddhistisch, pro Spaghetti-Monster ( obwohl ich das für ein wirklich bestechendes Angebot halte ).

    Natürlich muß man den Staat Israel als solchen einfach akzeptieren. Er kontrolliert in dem Land die Panzer, die Justiz und das institutionelle Wesen, ist also ein Staat und das schon lange. Abwickeln von vollendeten Tatsachen ist immer ein erhebliches Problem.
    Das ändert aber nix an der historischen Sichtweise, daß da vorher keiner war, es also auch kein Recht gab, ihn zu errichten. Wenn wir schon 70 Jahre alte Gewohnheits-Rechte einfach defakto hinnehmen müssen, müssen wir auch noch ältere respektieren, also, daß dort gewohnheitsmäßig diverse Jahrhunderte kein Staat Israel war. Allein das reicht wohl als Begründung aus, um ein fiktives „biblisches Anrecht“, dort einfach einen Staat zu errichten und zu sagen: „Das steht uns historisch zu, weil irgendwer, den wir als unseren Vorfahren bezeichnen, dort mal angebl. einen Staat hatte.“, als absolut lächerliche Farce zu erkennen.
    Ein Regime, das so einen Flachwitz als offiziellen Grund für seine Völkerrechtsbrüche nennt, hat m.E. keinen vernünftigen Grund, sich auch noch als Vertretung sakrosankter Opfer zu betrachten. Erstens sind auch Opfer nicht sakrosankt und zweitens ist dieses Regime nicht deren Vertreter.

    Dieses pseudoethisch angeeignete Opferabo geht mir langsam ernsthaft auf den Sack.

    Ergo unterscheide ich sogar sehr streng:
    Juden sind zu akzeptierende Angehörige irgendeiner einer ziemlich dusseligen Sekte.
    Nazismusopfer sind genau das und sonst mal gar nichts.
    Und ein Atomwaffenstaat, der Völkerrecht bricht, ist auch ein solcher und hat von mir nichts, aber wirklich gar nichts zu erwarten.

    Gesinnungsvorbedingungen für eine Debatte darf es nicht geben!
    Sonst hätten Gesterkamp, Kemper und Rosenbrock u.w. auch Recht, wenn sie sagen: „Sprecht nicht mit Maskus!“.

    Ich habe Interesse daran mit einem Zeugen Jehovas über Gartenbau zu sprechen, über die politischen Ansichten eines Juden zu reflektieren, einen Moslem bei seiner Arbeit als LKW-Fahrer zu begleiten, mit einem Methodisten eine lustige Aktion zur Kritk am Unendlichkeitsgriff zu imaginieren und mit Atheisten über Glaubenssysteme an sich zu labern ist auch oft lustig.
    Ach, den christlichen Bikerpastor habe ich ganz vergessen. Ich mag ihn nicht mehr leiden, weil er sich mir ggü. als pseudohumanitärer Spinner erwiesen hat. Aber immerhin hat er – warum auch immer – mir vorher mal eine Chance gegeben meine Ansicht über Familienunrecht in seiner – ziemlich großen – FB-Fangemeine zur Diskussion zu stellen, das war ja auch schon mal was.

    Deshab finde ich die meisten Staatsysteme trotzdem in vielen Punkten ziemlich Scheiße.
    Deshalb gehe ich noch lange in keine Kirche.
    Deshalb lehne ich Missionarismus, welcher Art auch immer, trotzdem vehement ab ( führt letztendlich immer zu Mord und Totschlag ).

    Diese Zwangsintegrationen:
    Masku=Nazi
    Konservativ=Nazi
    Pro-Israel=Nazi
    Contra-Israel=erstrecht Nazi
    Kinderrechtler=Nazi
    Biker=Nazi
    Volksmusiker=Nazi
    Spricht mit „besorgten Bürgern“=Nazi
    etc.pp.

    …sind das Problem!
    Denn es ist ja klar, daß man Nazis alle einsperren, vertreiben, vergasen und was-weiß-ich-noch muß. Bleibt am Ende aber keiner mehr über, jedenfalls keiner, der noch zu irgendetwas den Mund aufmacht.

    Das Rezept, Humanität, Gleichheit, Freiheit u.s.w. mit der Guillotine zu erwirken, hat sich schon vor ein paar Jahrhunderten als reichlich blöde Schnapsidee erwiesen.

    • „Das Rezept, Humanität, Gleichheit, Freiheit u.s.w. mit der Guillotine zu erwirken, hat sich schon vor ein paar Jahrhunderten als reichlich blöde Schnapsidee erwiesen.“

      Schön!! Was willst Du uns mit diesem Unsinn sagen?

      Wer will das heute mit der Guillotine machen?

      Wer genau? Wen meinst DU? ???

      Warum redest Du so einen Unsinn?? Was soll das?

      Ehrlich!! Ich verstehe Dich nicht ….

  • Die Diskussion hier in diesem Blog über die Doku „Auserwählt und ausgegrenzt“ zeigt, was an der Doku problematisch war, nämlich die Vermengung des Themas Antisemitismus mit der Rechtfertigung israelischer Politik.
    Es wäre besser gewesen, man hätte kontroverse Stimmen dazu für sich sprechen lassen. Was den Konflikt zwischen Israel und Palästinensern anbelangt, hatte nur eine Seite Gelegenheit, ihr (parteiische) Sicht der Dinge darzulegen. Für ein solch emotional befrachtetes Thema ist das nicht optimal und der Sturm der Entrüstung vorhersehbar.
    Allerdings gab es auch positive Aspekte, Informationen, die man sonst kaum je mitgeteilt bekommt. Als Beispiel sei die Tatsache angeführt, dass sich die Anzahl der palästinensischen Flüchtlinge, d.h all jener Menschen, die als solche anerkannt werden, sich im Laufe der Jahrzehnte vervielfacht hat, sich der Flüchtlingsstatus sozusagen vererbt. Das ist zumindest bemerkenswert.

    • @ Pjotr Es gibt einige Stellen, an denen der Dokumentation noch eine Überarbeitung gut getan hätte. Zum Beispiel in diesem Punkt. Judenfeindlichkeit in Europa, besonders die unter Linken und unter Muslimen, lässt sich ohne Blick auf den Palästina-Konflikt nicht vernünftig darstellen. Es wäre aber wichtig gewesen, ganz klar zu stellen, dass der Film nicht mal so eben nebenbei auch diesen Konflikt angemessen analysieren kann – sondern dass er eben daher erwähnt wird, weil er für eine Auseinandersetzung mit europäischer Judenfeindschaft wichtig ist.

      Allerdings ist es eben nicht so, dass er hier völlig einseitig ist. Es werden zum Beispiel junge Palästinenser (Studenten, oder in dem Alter von Studenten) interviewt, die sich ihrer eigenen Regierung gegenüber kritisch äußern und die an einem vernünftigen Verhältnis zu Israel interessiert sind. Das ist sicher eine einseitige Stichprobe – aber sie bedient nicht das Klischee, alle Palästinenser wären verhetzte Judenfeinde.

      Pörzgen hat auch Unrecht in dem Punkt (aus einem Interview, das hier in der letzten Wiche in der Wochenshow verlinkt war), dass das leid von Palästinensern nicht gezeigt wird. Der Film zeigt zumindest die Armut – macht dafür dann aber eben nicht Israel verantwortlich. Es ist voreingenommen, wenn jemand das leid von Palästinensern nur unter der Bedingung wahrnimmt, daraus eine Anklage gegen Israel bauen zu können.

      Mein Punkt ist: Der Film hat Macken, die offensichtlich hätten ausgebessert werden können. Er hat aber auch Qualitäten – was man wirklich nicht über alle Beiträge im Fernsehen sagen kann. Für den Entschluss, ihn gar nicht zu senden, sind bis heute keine vernünftigen Argumente genannt worden.

  • Der schöne, humorvolle (!) Aufsatz macht mir wieder mal klar, was für ein fieser heuchlerischer Möpp dieser Blüm doch ist 🙂

    Ich hätte mir die „Diskussion“ selbst nicht angetan. Das hier beschriebene Resultat ist ganz genau das, was man erwartet hätte.

  • Dieser Kommentar ist auch beachtenswert:

    http://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/wdr-die-kaltherzigkeit-der-ertappten/

    Schlaglicht Zitate daraus:

    „der WDR mag nicht einmal dort Antisemitismus erkennen, wo er offensichtlicher kaum sein könnte. Etwa bei Mahmud Abbas‘ Rede vor dem Europaparlament, bei Richard Wagner oder bei der im Film zu hörenden Behauptung der Linken-Abgeordneten Annette Groth, die Israelis vergifteten das Mittelmeer mit Tausenden Tonnen toxischer Chemikalien.“

    „… andere Milieus, in denen der Antisemitismus vor allem in seiner „israelkritischen“ Variante wächst, blüht und gedeiht: die Islamisten, die Linken und Linksliberalen, die Nahost-NGOs, die Rapper.“

    „Es ist bezeichnend, dass es eine Boulevardzeitung war, die den derzeit besten und wichtigsten Film zum Antisemitismus in ihrer ursprünglich abgenommenen Fassung gezeigt hat …“

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.