Geschlechterpolitik Gewalt Satire Schule

Was wäre, wenn…Von befreiten Männern und wütenden weißen Frauen

geschrieben von: Lucas Schoppe

Der zweite Teil eines Experiments: Wie sähe eine Welt aus, in der Männerrechtler tatsächlich wie Feministinnen agieren würden? Der erste Teil erschien gestern.

Man wähle ein beliebiges, in Ziffern fassbares Merkmal und brandmarke den Unterschied zwischen den Geschlechtern als gewollte Benachteiligung und Diskriminierung von Männern.“

Dieses Zitat des ehemaligen Schweizer Männerbeauftragten Matthias Theunert ist Anlass für eine kleine Sommerserie, die seit gestern hier im Blog erscheint: Was, wenn das wirklich so wäre? Wie sähe die Welt denn aus, wenn das, was wir als feministische Politik kennen, eine maskulistische Politik gewesen wäre?

Auch im folgenden Teil sind sämtliche Zitate real – ich habe lediglich „Mann“ und „Frau“ ausgetauscht. Sämtliche Daten entstammen unserer sozialen Realität, wurden von mir aber konsequent im Sinne Theunerts interpretiert. Dort, wo das keinen Sinn hatte, habe ich sie spiegelbildlich wiedergegeben: Aus den rechtlichen Vorteilen für Mütter im Kindschaftsrecht mache ich rechtliche Vorteile von Vätern, aus der Jungenkrise an den Schulen eine Mädchenkrise, aus der Verfügbarkeit von Frauenhäusern eine von Männerhäusern. Insgesamt halte ich mich aber auch hier so eng an unsere soziale Realität wie möglich.

Die folgenden Geschichten aus diesem Spiegeluniversum zeigen zumindest: Eine Politik, die soziale Fragen auf Geschlechterfragen reduziert und die Geschlechterverhältnisse allein als Herrschaft des einen Geschlechts über das andere beschreibt, rutscht ins Absurde – unabhängig davon, welches Geschlecht als herrschend und welches als unterdrückt dasteht.

Wie gestern finde ich auch hier einige Gedanken ganz vernünftig – sie driften aber in den Irrsinn durch die stumpfe Konsequenz ihrer institutionellen Durchsetzung – durch ihre Einbindung in Freund-Feind-Muster – und durch die Verweigerung von Empathie für die, die als Feinde identifiziert wurden.

Auch das aber ist ein Reflex reale sozialer Strukturen.

Der Text beginnt, wie sich das für eine seriöse Darstellung dieser Welt gehört, mit einem geschichtlichen Rückblick.

 

Vom Wahlrecht zum Recht, das Geschlecht zu wählen – Drei Wellen der Emanzipation

Die erste Welle der emanzipatorischen maskulistischen Politik lässt sich schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verorten. Damals erkämpften Männer unter dem Slogan One Man, One Vote das Wahlrecht für alle, dass zuvor nur einigen wenigen Privilegierten vorbehalten war. Schon damals war deutlich, wie sehr diese Politik auch Frauen hilft – schließlich erhielten im Zuge dieses Kampfes auch Frauen das Wahlrecht, nachdem es ihnen zuvor weitgehend vorenthalten worden war.  Dass sie dafür im Unterschied zu Männern nicht einmal einer Pflicht zum Wehrdienst unterlagen, wird aus heutiger Sicht als eine Konzession an überkommene Geschlechterollen angesehen, die damals eben noch nicht systematisch in Frage gestellt wurden.

Die zweite Welle des Maskulismus wurzelt in dem Werk Das andere Geschlecht – wörtlich eigentlich: Das zweite Geschlecht, Le Deuxiéme Sexe – des französischen Philosophen Simon de Beauvoir, veröffentlicht 1949. De Beauvoir machte deutlich, dass die Selbstaufopferung des Mannes im Krieg, seine Pflicht zur Versorgung der Frau oder auch die Erwartung, eigene Schutzinteressen hinter die Schutzinteressen von Frauen zurückzustellen, denn Mann gleichsam in die Rolle des zweiten Geschlechts versetze.

Die Uniform nimmt dem Mann die Individualität und signalisiert seine Austauschbarkeit und Verfügbarkeit. Wer könnte schon diesen Mann von irgendeinem anderen Mann in Uniform unterscheiden?

Seine Handlungsfreiheit sei nur scheinbar, bleibe nämlich tatsächlich auf die Frau – die daher das erste Geschlecht sei – ausgerichtet. Für sich genommen werde der Mann niemals als wertvoll erachtet – einen Wert habe er lediglich durch die Funktionen, die er für andere erfüllen. „Wir werden nicht als Mann geboren – wir müssen uns zum Mann machen.“

 

In Deutschland wurde der Journalist Albrecht Schwarzer stark von de Beauvoir beeinflusst. Er interviewte für seinen epochalen Bestseller Der kleine Unterschied und seine großen Folgen Männer, die ein erhebliches berufliches Arbeitspensum für ihre Familien leisten, die aber eben deshalb ihre Kinder kaum einmal sehen und dafür zu Hause oft mit einem stark vorwurfsvollen, kontrollierenden Verhalten ihrer Frauen konfrontiert sind. (Vgl das Stichwort „Womplaining“ im nächsten Teil dieses Textes.)

Das Buch wurde auch deshalb solch ein Erfolg, weil offenbar viele Männer im Bild des „Ehejochs“ ihre Situation wiedererkannten. Erst in Gesprächskreisen, die sich vielerorts nach erscheinen des Buches bildeten, wurde ihnen klar, dass ihre Situation kein rein persönliches Problem, sondern auf sexistische Strukturen der Gesellschaft zurückzuführen ist

Kritikerinnen warfen Schwarzer allerdings „Frauenhass“ vor, da die Perspektive der Frauen in seinem Text tatsächlich mit gutem Grund ausgeblendet blieb und Frauen (was nicht zu vermeiden war) als geistlose, zänkische Unterdrückerinnen erschienen. Der Vorwurf des Frauenhass bestätigte sich scheinbar, als Schwarzer mit einem begeisterten Artikel reagierte, nachdem der Amerikaner Lovis Bobbitt seiner schlafenden Frau mit einer Schere die Vagina verstümmelt hatte. Da seine Frau zuvor gewalttätig geworden sei, schrieb Schwarzer: „Er hat seine Frau entwaffnet. […] Einer hat es getan. Jetzt könnte es jeder tun.“ 

Die demonstrative Freude über eine Tat, die isoliert betrachtet ja durchaus als gewalttätig interpretiert werden kann, tat Schwarzers Ruf als wichtigstem Maskulisten Deutschlands keinen Abbruch, er wurde sogar mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Das wiederum interpretierten einige anti-emanzipatorische Kräfte in erwartbarer Weise als Indiz dafür, dass Menschen in  diesem Land keineswegs rundweg unter einer „Frauenherrschaft“ bzw. einem „Matriarchat“ leben würden.

In den USA mussten sich emanzipatorische Maskulisten ebenso mit dem polemischen Vorwurf auseinandersetzen, von Frauenhass getrieben zu sein. Um den Vorwurf scheinbar zu belegen, führten Gegner einer Politik der Gleichberechtigung Zitate wie das folgende von Rob Moran an, dem Herausgeber des so wichtigen Mr.-Magazins:

Ich glaube dass Frauenhass ein ehrenhafter und brauchbarer politischer Akt ist, dass die Unterdrückten das Recht zum Klassenhass gegen die Klasse haben, von der sie unterdrückt werden.“ 

Natürlich könne, so verteidigte Morgan sich, in ein solches Zitat nur dann Frauenhass hineininterpretiert werden, wenn sein emanzipatorischer Charakter völlig unterschlagen werde.

 

Für die dritte Welle des Maskulismus war dann der amerikanische Philosoph Jude Butler entscheidend. Er kritisierte in seinem Werk Gender Trouble (dt.: Das Unbehagen der Geschlechter) die emanzipatorische Männerbewegung: „Mann“ und „Frau“ seien keineswegs naturgegeben, sondern soziale Konstruktionen. Die heterosexuelle Matrix, in der diese Konstruktionen unablässig reproduziert würden, stünde im Dienste derjenigen, die darin Herrschaftspositionen einnehmen würden. Wenn Männer sich also als Männer identifizierten, bestätigten sie damit eben gerade die Herrschaftskonstruktionen, von denen sie sich eigentlich lösen wollten.

Durch die Ablösung der Kategorien „Mann“ und „Frau“ von biologischen Bedingungen, aber auch durch seine hermetische, jargonhafte Sprache steht Butler allerdings auch für einen Maskulismus, der sich von dem Versuch verabschiedet hat, viele Menschen zu überzeugen. Stattdessen setzt die so wichtige Bewegung nun auf die Verankerung in Institutionen, in Parteien oder Universitäten.

Maskulisten sehen sich nun als eine Avantgarde, die von sicheren Orten – Safe Spaces – aus ihre emanzipatorische Arbeit gegen die heterosexistische Gesellschaft leistet.

 

Wie man Väter und Kinder von Müttern befreit

Auch ohne größere öffentliche Diskussionen können Maskulisten so aufklärerisch und im progressiven Sinne auf die Gesetzgebung einwirken. Beispielsweise konnte das Kindschaftsrecht, das bei Nicht-Verheirateten grundsätzlich nur dem Vater ein Sorgerecht zuspricht, über viele Jahre hinweg stabil gehalten werden. Das ist auch das Verdienst von engagierten Kritikern einer traditionellen Mütterlichkeit wie Anton Heiliger vom Deutschen Jugendinstitut in München, der 1990 in seinem Standarwerk Alleinerziehen als Befreiung deutlich Position bezog:

Die mutterfixierte Struktur der Ehe und Kleinfamilie verbindet in ihrem Kern die Unterwerfung des Mannes in der Versorgerrolle mit der Nachrangigkeit seiner eigenständigen Lebensinteressen und entsprechenden Entfaltungsmöglichkeiten.“ 

Eine nichtverheiratete Mutter konnte viele Jahre lang nur dann das Sorgerecht für ihr Kind erhalten, wenn der von Geburt an sorgeberechtigte Vater des Kindes zustimmte. Dass eine Mutter nicht verheiratet war, wurde ihr vom Gesetzgeber nämlich als mangelnder Bindungswillen ausgelegt – der wiederum ihre Eignung zur Kindessorge in Frage stelle. Kritikerinnen blieben ungehört, wenn sie bemängelten, dass der Bindungswille von Vätern dabei nicht thematisiert wurde.

Die Erfahrung vieler Mütter, aufgrund willkürlicher Entscheidungen von Vätern den Kontakt zu ihren Kindern zu verlieren, war eine wichtige Ursache für die Gründung einer sogenannten „Frauenrechtsbewegung“. Emanzipatorische Maskulisten sehen darin eine reaktionäre Bewegung, die traditionelle Stereotypien – das Kind gehöre zur Mutter – und traditionelle mütterliche Machtpositionen in Familien aufrechterhalten will.

Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte und des Verfassungsgerichts machten unglücklicherweise eine vorsichtige Gesetzesänderung notwendig – es sei nämlich menschenrechts- und grundrechtswidrig, dass Mütter für ihr Sorgerecht nicht einmal Gerichte hatten anrufen können. Väterverbände kritisierten schnell und geistesgegenwärtig, dass die erzwungene Einbeziehung der Mütter Konflikte schaffen und Entscheidungen erschweren würde – auf Kosten der Kinder. Außerdem würden Mütter die Kinder benutzen, um ihre traditionellen Versorgungsansprüche auf Kosten der Väter durchzusetzen.

Die Fraktion der emanzipatorisch-maskulistischen SPD stimmte daher im Bundestag gegen die leichten Verbesserungen mütterlicher Rechte, die Fraktion der emanzipatorisch-maskulistischen Linken enthielt sich.

 

Eine Forscherin beweist, dass es Mädchen schadet, ihnen zu helfen

Ebenso gelassen und abgewogen sind die Reaktionen auf die sogenannte „Mädchenkrise“, die seit einigen Jahren in Medien beschworen wird. Mädchen fallen seit Jahren in der Schule zurück, sind an den Hauptschulen und auf den Förderschulen weit überrepräsentiert, an Gymnasien und beim Abitur dagegen unterrepräsentiert seien. Mädchen würden nachweisbar für dieselben Leistungen schlechter bewertet und müssten für eine Gymnasialempfehlung bessere Leistungen erbringen als Jungen.

Dass Mädchen heute in der Schule keinen Vorsprung mehr vor Jungen bekommen, wird im Rahmen einer weiblichen „Opferideologie“ (Rosenbrock, siehe unten) sogleich als „Mädchenkrise“ dramatisiert.

Einige Kritikerinnen bringen das Absacken von Mädchen damit in Zusammenhang, dass Mädchen in den Schulen fast ausschließlich mit männlichen Bezugspersonen konfrontiert seien – was umso schwerer wiege, da viele auch in ihren Familien vor allem mit Vätern zu tun hätten.

Schon hier ist aber natürlich leicht zu erkennen, dass der Mädchenkrisen-Alarmismus offenbar das Ziel hat, ein emanzipatorisches Kindschaftsrecht zu diskreditieren und die traditionelle Vorstellung zu reproduzieren, Kinder bräuchten zu einem geregelten Aufwachsen Frauen bzw. Mütter.

Für die GEW hat Viola Rieske das Gerede von einer Mädchenkrise in der Schrift „Bildung von Geschlecht“ untersucht und ist zu dem Schluss gelangt, dass Mädchen sich durch ihr Festhalten an überkommenen, vormodernen Rollenvorstellungen selbst in Konflikt mit einem modernen Schulwesen bringen würden.

Marcella Helbig, Professorin für Erziehungswissenschaft in Erfurt, bestätigt dies. Mädchen würden an traditionellen Vorstellungen eines weiblichen Versorgungsansprüche festhalten und hielten es daher schlicht nicht für so wichtig wie Jungen, schulische Leistungen zu erbringen. Ein Leistungsethos sei in Mädchengruppen regelrecht verpönt, Lernen gelte als „unweiblich“, weil Anstrengungsbereitschaft von ihnen als Eingeständnis interpretiert werde, später wohl keinen männlichen Versorger finden zu können.

Simon Schmollack bringt das in der taz in einem Bericht über Helbigs Forschung auf den Punkt:

Schuld sind ausschließlich die Mädchen selbst. […] Jungen sind eher leistungsbereit und Mädchen eher faul.“

Daher wäre es auch ganz falsch, eine Mädchenförderung so zu betreiben, wie in früheren Zeiten einmal Jungen gefördert wurden, als es tatsächlich eine „Jungenkrise“ gab. Eine emanzipatorische Mädchenarbeit müsste vielmehr Wert darauf legen, dass Mädchen ihre traditionellen Selbstkonzepte ablegten und sich auf eine moderne Schule einstellten, die dem Wandel der Geschlechterbilder gerecht wird.

Der öffentlich-rechtliche Sender WDR nahm seinen Bildungsauftrag ernst und machte sich Helbigs Position zu eigen, und im Bundestag erklärte schon 2012 die damalige Fraktionsvorsitzende der Grünen, Julie Trittin, Jungen und Männer seien nun einmal bekanntermaßen das „begabtere Geschlecht“. 

Vereinzelt wird Helbig in Blogs oder Kommentarspalten vorgeworfen, Ressentiments gegen Mädchen wissenschaftlich zu verbrämen, im Interesse politisch opportuner Ergebnisse methodisch unsauber zu arbeiten und die Traditionen einer tief autoritären Schulpädagogik zu formulieren: Die Schule sei schon richtig, nur die Kinder seien falsch. Da die anti-emanzipatorische Agenda einer solchen Kritik aber jederzeit erkennbar ist, kann natürlich niemand es von Helbig oder von verantwortlichen Schulpolitikern verlangen, sie zur Kenntnis zu nehmen.

 

Von wütenden weißen Frauen und hegemonialen Weiblichkeiten

Michaela Kimmel ist eine Begründerin der Women’s Studies.  In der Geschlechterforschung lag der Fokus lange Zeit bei Männern – aus nachvollziehbaren Gründen, weil Männer schließlich die Hauptlast traditioneller Geschlechterkonzepte zu tragen haben, in der Erwerbsarbeit den Löwenanteil gesellschaftlichen Wohlstands und familiärer Reproduktion erwerben, deutlich größere Lebensrisiken tragen und entsprechend früher sterben.

Für Kimmel ist es daher selbstverständlich, dass aufgeklärte emanzipatorische Women’s Studies sich in jedem Fall nur als Ergänzung zu maskulistischen Konzepten verstehen können, aber nicht in Widerspruch dazu treten dürfen. Sie grenzt sich daher scharf von FRAs – Female Rights Activists – ab, die angebliche Benachteiligungen von Frauen beschreiben, aber tatsächlich bloß einer antimaskulistischen Agenda folgten.

Kimmel hat so den Begriff Angry White Women geprägt: Frauen, die einen so unbedingten Anspruch auf ihre traditionellen Privilegien und Versorgungsansprüche erheben würden, dass sie eine Entwicklung hin zu größerer Geschlechtergerechtigkeit nur wütend als Verlusterfahrung und, absurderweise, als Ungerechtigkeit erleben würden. Sie reagierten so mit Gewalt in Beziehungen, projizierten ihre Verlustängste in rassistische Stereotypien oder hingen rechtspopulistischen Ideologen an. Kimmels wichtige Forschung liefert so zum Beispiel Erklärungen dafür, dass der größte Teil der weißen Frauen bei der letzten Wahl Trump gewählt hat.

Gefährlicher aber noch als Neonazis seien die FRAs durch ihr Festhalten an traditionellen Weiblichkeitskonzepten. Mütter zum Beispiel, die den Kontakt zu ihren Kindern ganz oder weitgehend verloren hätten, würden durchaus leidvolle Erfahrungen machen. Es wäre aber fatal, diese in einer deplatzierten Opferrhetorik gegen Männer zu wenden. Statt dessen sollten diese Mütter verstehen, dass gerade maskulistische Männer ihnen die Möglichkeit verschafft hätten, abseits von destruktiven traditionellen Mütterlichkeitsbildern ein neues, humaneres Verhältnis zu ihren Kindern aufzubauen.

Das Bundesforum Frauen sieht Kimmels Ansätze – und insbesondere ihre scharfe Kritik an sogenannten „Frauenrechtlerinnen“ – als so bedeutend an, dass es die Forscherin zu einem Diskussionsabend nach Berlin einlud.  Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte Kimmels Schrift Angry White Women – und reagiert selbstverständlich nicht auf die verfehlte Kritik, dass Kimmel in dieser Schrift frauenfeindliche Stereotypien reproduziere.

Die Tageszeitung taz greift Kimmels emanzipatorischen Ansatz humorvoll in Lala Sanders regelmäßiger Kolumne Dumme weiße Frauen auf.

Für den Untergang des Abendlandes braucht es keine herbeifantasierte Invasion. Dumme weiße Frauen reichen aus.“ 

Wer darüber nicht lachen kann, fürchtet offensichtlich um Privilegien.

 

Ebenso wichtig für die Women’s Studies ist Robert Connell, der als Raewyn Connell geboren wurde, sich dann aber zu einem Mann operieren ließ. Das nutzen in erwartbarer Weise unsachliche Kritiker zu der polemischen Frage, warum ausgerechnet eine der weltweit wichtigsten Frauenforscherinnen ihre eigene Weiblichkeit so abgelehnt habe, dass sie nicht mehr mit ihr leben wollte: Ob bei Männerforschern so etwas auch denkbar wäre?

Connell prägte den so wichtigen Begriff der „hegemonialen Weiblichkeit“: Frauen, die ein dominantes, tief traditionelles Weiblichkeitsmodell repräsentierten, würden damit andere Frauen marginalisieren können und sie so in die traditionelle Ordnung hineinzwingen. Connell untersucht dazu zum Beispiel eingehend, welchen Druck Mädchen an Schulen und Colleges aufeinander ausüben und wie schwer es Mädchen unter diesem intrasexuellen Druck haben, wenn sie hergebrachte hegemoniale Weiblichkeitsmodelle nicht erfüllen.

Hegemoniale Weiblichkeitsmodelle marginalisieren Frauen, die davon abweichen, und reproduzieren die Machtverhältnisse reaktionärer Geschlechterstrukturen

Da sie aber insgesamt von weiblichen Versorgungsansprüchen gegenüber Männern profitierten und trotz ihre marginalisierten Position nicht in die Versorgungspflichten von Männern rutschten, würden auch sie von den sexistischen Strukturen der Gesellschaft profitieren („matriarchale Dividende“).

 

Von Hilfetelefonen und tauben Ohren

Zugegeben, solche Konzepte wirken akademisch und sind von der alltäglichen Wirklichkeit vieler Menschen weit entfernt. Das aber belegt ja umso mehr, wie sehr traditionelle Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit unsere unschuldig wirkende Alltagserfahrung prägen – und wie wichtig es ist, dass Konzepte wie die Kimmels oder Connels politische Wirkung entfalten.

Das tun sie zum Beispiel im sogenannten Duluth-Modell zur häuslichen Gewalt. Häusliche Gewalt würde allgemeine gesellschaftliche Gewaltstrukturen widerspiegeln. Frauen seien in ihren traditionellen Rollen nun einmal darauf angewiesen, Männer zu einem erwünschten, versorgenden Verhalten zu bewegen – und dazu würden sie unter anderem auch auf Gewalt zurückgreifen. Dies sei für Männer umso gravierender, als ihre traditionelle Rolle des Beschützers eine Gegenwehr nicht zulasse.

Es ist daher Konsens, dass eine emanzipatorische Anti-Gewalt-Politik diesen Klischees entgegen wirken und insbesondere die Position von Männern stärken müsse. Das deutsche Familienministerium hat daher zum Beispiel ein Hilfetelefon eingerichtet, das sich ausdrücklich an Männer richtet. Gewaltschutzhäuser sind Männern vorbehalten – würden sie auch Frauen aufnehmen, würden sie riskieren, dass dort die sexistisch bedingte Gewalt einfach fortgesetzt würde.

Eine EU-Studie wiederum belegte ein erschreckendes Maß an Gewalt gegen Männern. Sie musste sich aber trotz des dringlichen Themas die kleinliche, ablenkende Kritik gefallen lassen, mit einem extrem weiten Gewaltbegriff zu arbeiten (weil z.B. ein Mann, wenn er schon einmal geschubst worden war, natürlich als Gewaltopfer gezählt wurde) und Gewalt gegen Frauen überhaupt nicht zu untersuchen.

Einige Kritikerinnen allerdings behaupten tatsächlich, dass die häusliche Gewalt zwischen den Geschlechtern weitgehend ausgeglichen sei und dass sie weniger auf sexistischen Strukturen, sondern auf einer spezifischen Gewaltdynamik in der Beziehung beruhe. Der Aktivist Erol Pizzey, der das erste Gewaltschutzhaus gegründet hat, berichtete zum Beispiel von seiner Erfahrung, dass ein Großteil der dort schutzsuchenden Männer selbst gewalttätig geworden sei. Diese Berichte zogen Pizzey verständlicherweise den Zorn emanzipatorischer Männergruppen zu, so dass er nach einigen Drohungen und Übergriffen das Land verließ.

Ähnlich erging es der Bremer Professorin Gerda Amendt,  die in einem Beitrag für die Welt forderte, Männerhäuser abzuschaffen und statt dessen Zentren gegen familiäre Gewalt für beide Geschlechter einzurichten. Amendt erhielt daraufhin so nachdrückliche Morddrohungen, dass sie bei Veranstaltungen nur mit Bodyguards auftreten konnte.

Der Verein Gleichmaß e.V., der Eltern in Trennungssituationen unterstützt und auch für Frauen einen Schutz vor häuslicher Gewalt organisieren möchte, hat gerade ein „ernüchterndes Fazit“ gezogen: Bei dem Bemühen, politische Unterstützung zu erhalten, sei dem Verein zwar mehrfach Unterstützung zugesagt worden, tatsächlich habe er aber „zahlreiche Wortbrüche und Unwahrheiten“ erlebt. Da das Bemühen um Hilfe tatsächlich auf taube Ohren gestoßen sei und es niemals eine politische Unterstützung gegeben habe, musste die eingerichtete Gewaltschutzwohnung für Frauen schließen.

Die bemängelten „Wortbrüche“ lassen sich aber wohl tatsächlich darauf zurückführen, dass einige wohlwollende Politiker sich vorschnell auf Zusagen eingelassen hatten, dann aber von den emanzipatorischen Kräften in ihren Parteien von der Sinnlosigkeit solcher Unterstützungen überzeugt wurden.

 

Warum wir alle Maskulisten sein sollten

Schließlich ist es heute Konsens, dass eine linke, emanzipatorische Politik pro-maskulistisch sein müsse. „We Should All Be Masculists“ heißt ein Buch, dass in Schweden an alle sechzehnjährigen Schüler und Schülerinnen verteilt wird. 

Dass Männer in ihren traditionellen Rollen gezwungen seien, weit über den eigenen Bedarf hinaus zu verdienen, wird heute als Grundlage dafür angesehen, dass die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft trotz der deutlichen Fortschritte in der Produktion nicht etwa abgenommen hat, sondern noch verfeinert wurde. Wer gegen Ausbeutung ankämpfe, müsse daher auch gegen die traditionellen Versorgungs- und Schutzpflichten der Männer ankämpfen – das ist heute unwidersprochener linker Konsens.

Der Mann ist verantwortlich für die gemeinsame Reise, trägt im Unterschied zur Frau eine unscheinbare Uniform und geht einer gesundheitsgefährdenden Tätigkeit nach: Ein Bild aus den grausamen Zeiten vor der zweiten Welle der Emanzipation

Absurd wirkt dagegen eine selbsternannte „Frauenrechtsbewegung“, die nicht etwa gemeinsam mit Maskulisten an der Öffnung von Geschlechterrollen arbeitet, sondern die angebliche weibliche Nachteile zum Gegenstand der Diskussion machen möchte. Henrike Rosenbrock hat dafür in einer Schrift für die grüne Heinrich-Böll-Stiftung den Begriff der „Opferideologie“ geprägt und nachgewiesen, dass diese Bewegung enge Verbindungen zur politischen Rechten hat.

Dieselbe Position nahm Roberta Claus in einer Schrift für die sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung ein („Feminismus: Antimaskulismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Männerhass“), die dort – zwar leider ohne Belege, aber in ihrer politischen Tendenz trotzdem überzeugend – darlegte, dass Feministinnen in ihrem Festhalten an tradierten Rollenbildern auch den reaktionären norwegischen Massenmörder Anders Breivik unterstützten.

Die Journalistin Thea Gesterkamp sieht diese Bewegung als so gefährlich an, dass sie einen cordon sanitaire um sie legen möchte, sie also als eine gefährliche Krankheit beschreibt. Die Grünen empfehlen mit Gesterkamp öffentlich, solchen Akteurinnen keinen Bühne zu bieten, ihnen keinen Raum zu geben und gegen sie, so wörtlich, „Banden (zu) bilden“.

Ein Radiofeature der ARD und viele andere Sendungen und Zeitungsartikel bestätigten diese Vorbehalte und trugen damit dankenswerterweise dazu bei, dass Kritik am Maskulismus nicht in Mainstream-Diskurse eindringen kann.

Trotz der offenen, offensiven Auseinandersetzung mit solchen Anfeindungen und trotz seiner umfassenden institutionellen Unterstützung hat der Maskulismus in den letzten Jahren leider zunehmend Schwierigkeiten, die eigenen Positionen einer breiten Mehrheit verständlich zu machen. Der Maskulismus hat offenbar schon so viel erreicht, dass viele potenzielle Unterstützer – auch Männer – den Eindruck gewonnen haben, Gleichberechtigung sei schon erreicht und müsse nicht mehr täglich erkämpft werden.

 

Der nächste und letzte Teil wird sich mit der Bedeutung einer geschlechtergerechten Sprache und einer maskulistischen Linguistik auseinandersetzen – die Begriffe Womanspreading und Womplaining erläutern – die beunruhigende Tendenz aufzeigen, dass das so wichtige emanzipatorische maskulistische Engagement in vielen Schichten der Bevölkerung zunehmend an Überzeugungskraft verliert – und abschließend einen Blick auf eine selbsternannte „feministische“ antimaskulistische Szene im Netz werfen.

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2 Comments

  • „Dass eine Mutter nicht verheiratet war, wurde ihr vom Gesetzgeber nämlich als mangelnder Bindungswillen ausgelegt – der wiederum ihre Eignung zur Kindessorge in Frage stelle.“

    Das sind ja ungeahnte radikal-maskulistische Qualitäten. Ein sehr guter Gedanke und entlarvend für sein Gegenstück.

    Aber: Hätte „Trump“ nicht „Hillary Trump“, die schreckliche Frau, sein müssen?

    • Wobei, wenn ich es mir recht überlege: Das reale Gegenstück zu der radikal-maskulistischen Idee von der fehlenden Bindungswilligkeit ist ja gewissermaßen die „Unfähigkeit des Mannes dafür zu sorgen, dass die Frau bei ihm bleiben will“. Das ist in Wirklichkeit noch eine ganze Ecke brutaler. Wollte man dem entsprechen müsste man vielleicht sagen:

      „Dass die Mutter nicht in der Lage war, sich so um ihren ihre Attraktivität zu kümmern, dass der Mann nicht versucht sein musste, sich einer anderen Frau zuzuwenden, wurde ihr vom Gesetzgeber nämlich als generell fehlende Sorgfalt und Pflichtgefühl ausgelegt – was wiederum die Eignung zur Kindessorge in Frage stelle.“

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