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„Gewalt in Hamburg hat auch etwas mit links zu tun“ – eine Replik auf Gero von Randow

geschrieben von: Mark Smith

Es ist Sommer, Sommerferien oder Urlaubszeit, wie man in Deutschland vermutlich sagt. Bei uns in der Schweiz spricht man von einem „Sommerloch“, wenn es um die Medien geht. Und weil die Medien im Sommerloch nur sehr wenige Themen besitzen, über die sie berichten können, wird nun in den Medien pausenlos über die Krawalle anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg schwadroniert. Auch Gero von Randow hat sich in einer Kolumne Gedanken darüber gemacht, wie die Linke zu politischer Gewalt steht. Nachfolgend eine Auseinandersetzung bzw. Replik darauf.

 

Sind Krawalle links oder kriminell?

Gero von Randow schreibt:

Was ist links? Was ist nicht links? „Gewalttäter sind nicht links, sondern kriminell“, twitterte Ralf Stegner (SPD) nach den G20-Krawallen in Hamburg, und Dietmar Bartsch von der Linkspartei behauptete im ZDF-Interview: „Das hat mit links nichts, aber auch gar nichts zu tun.“ Denn: „Links steht für Gerechtigkeit und Solidarität.“ So sagten und schrieben es auch viele andere, nun ja, Linke.

Die Frage stellt sich hier, was unterschiedliche Menschen unter links bzw. politischer Linke verstehen. Davon dürfte es ebenfalls abhängen, ob man eher sagt, die Krawalle in Hamburg haben nichts mit links zu tun oder diese haben sehr wohl etwas mit links zu tun.

Gibt es überhaupt eine allgemeinverbindliche Definition der politischen Linke bzw. der politischen Rechte? Oder gehen hier die Meinungen im Interdiskurs (Alltag) wie im Spezialdiskurs (Wissenschaft) auseinander? Sollte keine Konvergenz vorliegen, dann wäre ebenso die Kritik von Gero von Randow an der politischen Linke unhaltbar.

Ausserdem dürften die Voten von Ralf Stegner und Dietmar Bartsch desgleichen politisch motiviert sein, es ihnen darum geht, nicht in Kollektivhaftung für die Krawalle in Hamburg genommen zu werden. Die Aussagen von Stegner und Bartschs sind ev. auch nicht bloß politisch motiviert, sondern können außerdem wirklich echt und wahrhaftig sein, zumal sie wirklich der Auffassung sind, dass die kriminellen Handlungen tatsächlich nichts mit ihrem Selbstverständnis von links zu tun haben. Ebenso muss berücksichtigt werden, dass es sich bei dieser Einordnung eines Ereignisses (hier die Krawalle) in das links-rechts-Schema um einen politischen Deutungskampf handeln kann, bei dem es darum gehen kann, politische Gegner zu dämonisieren bzw. zu diskreditieren und quasi in „Sippenhaft“ zu nehmen und daraus politisches Kapital zu schlagen. Solche Überlegungen werden von Gero von Randow in seiner Kolumne jedoch kaum angestellt.

Linkssein ist ein historisches Phänomen

G.v.R. schreibt:

Kann man verstehen. Wer möchte ein und demselben politischen Lager zugerechnet werden wie die Täter von Hamburg. Doch derlei Äußerungen sind ziemlich voraussetzungsreich. Ihre Logik lässt sich so beschreiben:

Erstens: links ist gut (zum Beispiel solidarisch).

Zweitens: Krawall ist schlecht (zum Beispiel unsolidarisch).

Drittens also: Krawall ist nicht links.

Das ist, wie man so sagt, eine essentialistische Betrachtungsweise. Mit diesem Ausdruck ist gemeint, dass jemand das Linkssein für etwas hält, das ein für alle Mal bestimmte Eigenschaften hat, und wenn ein X diese Eigenschaften nicht aufweist, dann ist das X kein Linkssein. Sondern irgend etwas anderes. (Was eigentlich? Angeblich etwas Unpolitisches, Verbrechen oder so, alles, bloß nichts Linkes.)

Doch das Linkssein, oder die Linke, ist ein historisches Phänomen, wandelt sich mit Zeit und Ort, ist immer auch definiert durch den Gegensatz zu seinem Anderen: zur Rechten, zum Rechtssein. Und wenn man da einmal mitgeht durch Zeit und Ort, dann fallen eine ganze Menge Gewalttäter auf, Steinewerfer, Erpresser, Bankräuber und was nicht alles, die historisch gesehen sehr wohl links waren oder sind.

Die durchaus hochkriminellen, anarchistischen Banden im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts etwa, oder der junge Stalin, ein Kleinkrimineller und Gewalttäter, der zum Umkreis der radikalen Linken in Tiflis zählte. Oder Andreas Baader. Man kann noch weiter gehen und sich Diktaturen ansehen, die historisch durchaus zum linken Kosmos gehören, ob es einem nun gefällt oder nicht, wie etwa das Pol-Pot-Regime.

Auch hier würde sich wiederum die Frage stellen: Sind diese historischen gewalthaltigen Ereignisse wirklich (also objektiv) links einzuordnen? Gibt es diesbezüglich im Interdiskurs und dem Spezialdiskurs einen Konsens darüber? Und wenn es keinen Konsens gibt, gibt es eine Mehrheitsmeinung? Gibt es hier überhaupt eine objektive Aussage? Oder auch: wie kommt man auf die Aussage, dass diese Ereignisse gewisser Gruppierungen als links zu kodieren sind? Haben sich die Protagonisten selbst als links eingestuft (Selbstzuschreibung)? Oder handelt es sich um eine Fremdzuschreibung. Diese Fragen müssten vorgängig immerhin eingehender geklärt werden.

Wenn wir davon ausgehen, dass diese Beispiele von Gero von Randow tatsächlich Ereignisse sind, die links zu kodieren sind, dann dürfte es richtig sein, dass es in der Geschichte „der“ Linken nicht nur friedlich zugegangen ist, sondern Gewalt, Repression, Massenmorde, Erniedrigungen etc. historischer Bestandteil der Linken sind. Aber ist „die Linke“ nicht viel heterogener, als hier unterstellt bzw. angenommen wird?

Mao Zedong und Revolutionslieder

G.v.R. schreibt:

Natürlich kann man links sein und das alles entsetzlich finden, es ist sogar zu hoffen, dass Linke das entsetzlich finden. Aber wenn sie so tun, als gäbe es da keinerlei Zusammenhänge, dann ist das eine Ersatzhandlung für etwas, das sie stattdessen tun sollten: Nein, nicht sich distanzieren, das ist ja albern, warum sollte die SPD beispielsweise sich von Mao Zedong distanzieren, aber Linke müssen sich mit diesem Aspekt ihrer Geschichte auseinandersetzen. Eben weil es auch zu ihrer Geschichte gehört: Wie kommt es, dass jemand sich zur Linken zählt und unmenschlich handelt? Kann nie schaden, über solche Sachen nachzudenken. Oder darüber, dass ansonsten ganz zivilisierte Leute Revolutionslieder singen wie den Chanson Ça ira, der aus der Zeit der französischen Revolution von 1789 stammt und in dem es „Die Aristokraten an die Laterne!“ heißt. Lynchjustiz. Klar, für die gute Sache.

Das hört sich auf den ersten Blick ziemlich vernünftig an. Aber gehen wir einmal von einem Durchschnittslinken aus, der ist 40jährig und hat beispielsweise ein naturwissenschaftliches Studium absolviert und wählt meistens die SPD oder die Grünen. Er hat nie etwas von Marx, Lenin, Trotzki, Stalin, Mao, Pol Pot, gelesen, auch die anarchistischen Klassiker wie Bakunin, Kropotkin, Proudhon und Stirner sind ihm überhaupt nicht oder bloß vom Hörensagen bekannt. Er hat zwar vom Gulag gehört, von den Roten Khmer und ihren Gräueltaten hat er einmal im Feuilleton eines Leitmediums gelesen und ebenso hat er von der chinesischen Kulturrevolution und ihren Verbrechen gehört. Aber das ist lange her und was hat das mit ihm und seinem Selbstverständnis von guter Politik zu tun, ganz abgesehen davon, dass er all diese Gräueltaten zutiefst verabscheut und er damit überhaupt nichts zu tun haben will? Links sein heisst für ihn Friedenspolitik, militärische Abrüstung, Völkerverständigung, Verbot von Waffenexporten in Länder, die Angriffskriege führen oder in Diktaturen, er findet eine gesellschaftliche Umverteilung von reich zu arm mittels Erbschafts-, Vermögens- und Einkommenssteuern sowie Kapitalgewinnsteuern etc. für sinnvoll und auch ein soziales und demokratische Europa sind für ihn erstrebenswert.

Und jetzt hört er von Gero von Randow, er müsse tief in sich gehen, zumal er ja ab und an die SPD oder die Grünen wählen würde und diese historisch tief verstrickt in Gewalt, Massenmord, Gräueltaten, Folter, Repression und Diktatur seien und die Krawalle in Hamburg gleichsam deren Fortsetzung bzw. Kontinuität wären. Da denkt sich doch unser Durschnitts-SPD-Wähler: „Der Typ hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Stalin, Pol Pot, Mao und die damit verbundenen Gräueltaten fand er schon immer verabscheuungswürdig, desgleichen verurteilt er jedes Mal  die Krawallen an Demonstrationen. Und nun soll er quasi in Sippenhaft genommen werden, weil er für einen starken Sozialstaat einsteht sowie für ein soziales und demokratisches Europa und zurecht oder auch nicht die SPD wählt?

Er wird infolgedessen die Ausführungen von Gero von Randow nicht so toll finden oder ev. auch eine Zumutung oder sogar eine Frechheit finden, zumal er mit etwas in Verbindung gebracht wird, mit dem er nie etwas am Hut hatte und er nicht einsieht, weshalb er hier nun quasi in Sippenhaft genommen werden soll und andere Menschen nicht. Unser Durchschnitts-SPD-und-Grüne-Wähler wird nicht mehr und nicht weniger mit den Krawallen in Hamburg oder sonstigen linken Gräueltaten zu tun haben wie der durchschnittliche FDP- oder CDU-Wähler.

Ist der NSU-Terror rechts?

G.v.R schreibt:

Fragen wir einmal andersherum. Der NSU-Terror, wahrlich nicht zu vergleichen mit Hamburg, wahrlich ganz woanders auf der Skala des Verbrechens liegend, war er rechts? Schon, oder? Na klar, sagt da der Linke – wer rechts, also so richtig rechts ist, spricht anderen die Menschenwürde ab. Linke tun so was nicht.

Mir selbst ist es eigentlich ziemlich egal, ob der NSU-Terror links, rechts, mittig, oben, unten oder vorne kodiert wurde. Die Motivation für die Morde und Gewaltverbrechen waren offenbar u.a. Fremdenfeindlichkeit. Ob diese Verbrechen nun auch noch als rechts oder rechtsextrem kodiert werden, scheint mir mehrheitlich irrelevant zu sein. Es stellt sich doch vielmehr die Frage, ob eine solche Zweiteilung in linke und rechte Gewalt nicht eine unnötige Komplexitätsreduktion vornimmt und Gewalt bzw. politische Gewalt auf eine politische Ideologie reduziert. Man geht dann nämlich davon aus, dass politische Gewalt vornehmlich mit der politischen Einstellung bzw. der politischen Ideologie zu tun habe. Aber über 99% der Menschen, die eine linke Partei wählen, werden keine Gewalttäter bzw. Krawallmacher. Es dürfte sich somit vor allem um gruppendynamische sowie mit der je eigenen individuellen Biografie/Persönlichkeit zusammenhängende Faktoren handeln, die einen Menschen dazu führen, bei einer Demonstration gewalttätig zu werden. Das heißt, es dürfte sich in Deutschland in der Gegenwart primär um ein subkulturelles Problem handeln, wenn vom sogenannten „Schwarzen Block“ gesprochen wird. Eine Subkultur, mit der der durchschnittliche SPD-Wähler überhaupt nicht in Kontakt kommt und überhaupt nix am Hut hat.

G.v.R. schreibt:

Mir sind Linke lieb und teuer, die über so etwas nachdenken, auch wenn es weh tut. Ich kenne solche Leute, ich lese allerdings wenig von ihnen. Gerne gebe ich ihnen auch in anderen Dingen recht, wenngleich nicht in allen. Von ihnen kann man lernen.

Also: Wir haben hier eine gewaltbereite Subkultur, die links kodiert wird, mit der der durchschnittliche SPD-Wähler, was das Selbstverständnis von links anbelangt, überhaupt keine Gemeinsamkeiten hat, wenn es um Gewalt bzw. Gesetzesverletzungen zur Durchsetzung politischer Ziele geht. Da muss man sich schon fragen, ob die Linke, in ihrer Gesamtheit, der richtige Adressat ist für diese Schelte?! Wie gesagt: Ein durchschnittlicher SPD-Wähler wird mit dieser Schelte überhaupt nichts anfangen können, zumal sein Selbstverständnis von links gänzlich anders ist, wenn es um politische Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele geht. Der durchschnittliche CDU-Wähler würde vermutlich desgleichen nichts damit anfangen können, wenn man ihm sagen würde, er müsse nun wegen den NSU-Morden tief in sich gehen, weil diese seien ja nur historische Kontinuitäten, mit der nun mal jede Partei verbandelt sei, die nicht links sei.

Haben islamistische Hassprediger nichts mit dem Islam zu tun?

G.v.R. schreibt:

Noch etwas zur These „nicht links“. Wer sie verficht, spricht ähnlich wie jene, die behaupten, islamistische Hasspredigten hätten nichts mit dem Islam zu tun.

Auch hier müsste man sich fragen: wie viele Muslime werden islamistische Hassprediger? Das dürfte doch ein verschwindend kleiner Bruchteil sein. Der Konflikt- und Friedensforscher Jochen Hippler schreibt im Zusammenhang von Islam und Terrorismus folgendes:

Gewalt und Terrorismus sind auch im Nahen und Mittleren Osten nicht neu, sind auch nicht erst mit dem aufkommenden Islamismus entstanden. So wie es auch in Europa immer wieder religiös begründete, aber auch säkulare Gewalt gibt und gegeben hat, so auch in muslimisch geprägten Gesellschaften. In den siebziger Jahren wurde etwa der aus dem Palästinakonflikt resultierende Terrorismus (z.B. Flugzeugentführungen) nicht religiös, sondern „national“ gerechtfertigt, im Zusammenhang mit „nationaler Befreiung“ und dem Kampf einer Befreiungsbewegung. Die Täter waren meist Muslime, aber ihre Religion und Religiosität spielte für die Tatbegründungen praktisch keine Rolle. Heute würden die gleichen Taten mit gewisser Sicherheit auch oder völlig mit religiösen Argumenten untermauert – nicht, weil sie nunmehr aus der Religion entsprängen, sondern weil sich der politische Diskurs verschoben hat. So wie früher viele politische Probleme in der Sprache des Arabischen Nationalismus oder des Marxismus-Leninismus ausgedrückt wurden, so werden heute die gleichen Grundprobleme anders formuliert, in einen anderen Begründungskontext eingebettet – ohne dass sie deswegen notwendigerweise andere wären. Politische Bewegungen drücken ihre Forderungen, Erwartungen und Programme fast immer in einem sinnstiftenden Legitimationszusammenhang aus, der ihnen höhere Weihen etwa der „Geschichte“, der „Nation“, des „Klassenkampfes“ oder eben „Gottes“ gewährt. Zum Teil nehmen sie damit Stimmungen in der Gesellschaft auf, zum Teil prägen sie sie, aber auf jeden Fall dient das der Stärkung der eigenen Position durch Inanspruchnahme höherer Werte, die durchaus reale Aspekte und vernünftige Begründungen enthalten können.

Der aktuelle islamisch geprägte Terrorismus speist sich weiterhin aus säkularen Quellen: aus den erwähnten sozialen Problemen und Konflikten, Unterdrückung, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit. Ohne diese Quellen würde der islamistische Terrorismus über kleine Grüppchen von Spinnern nicht hinausgelangen, er würde nicht bedeutsamer sein, als es die deutsche RAF in den siebziger Jahren war: geräuschvoll, großmäulig, aber politisch isoliert.

Damit will ich sagen, man muss aufpassen, einer „Ideologie“ bzw. politischen oder religiösen Strömung zu viel Gewicht zu geben, wenn es um die Ursachen von politischer Gewalt geht. Religion bzw. Ideologien sind gleichsam der Überbau, der dem eigenen Handeln Legitimität verschaffen will, aber oft nicht die eigentlichen Ursachen.

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23 Comments

  • Mir hat sich noch nicht erschlossen, warum so um das label „links“ gekämpft wird. Dürfen Linke, was Rechte nicht dürfen? Ihr seit für Aufklärung, Säkularismus, Universalismus, Humanismus? Ok, dann sagt es und argumentiert dafür. Aber wer, den man ernst nehmen kann, interessiert sich denn bitte im Moment für das label „politisch links“?

    Ich persönlich kenne kaum jemanden, der sich selbst als „politisch links“ einstuft, aber nicht deutliche, faschistoide Tendenzen zeigt und keiner meiner Freunde, die wie ich mal links waren, sagt das heute noch von sich selbst.

    Simple Diagnose: Das label ist tot. Und „linker Maskulismus“ ist – nach dem es mal ein kluger Schachzug war – heute ein PR-Problem – zwangsläufig.

    • @Elmar

      Mir ging es nicht so sehr um das Label „links“, sondern mir gefallen einfache Schuldzuschreibungen nicht und dass solche Labels vielfach die Ursachen eher verdecken, als wirklich zum Vorschein bringen.

      Aber vielleicht gefällt Dir folgender Artikel, der heute erschienen ist:

      Eine Linke braucht es nicht mehr
      Die Formeln der Kapitalismuskritik sind leer geworden. Als politische Lösung taugen sie kaum noch, um eine Gesellschaft zu ändern. Wir benötigen neue Denkmodelle.
      Von Armin Nassehi
      http://www.zeit.de/kultur/2017-07/g20-linke-gewalt-kapitalismuskritik-globalisierung-essay/komplettansicht

      • „Die Formeln der Kapitalismuskritik sind leer geworden.“

        Da bin ich mir wiederum nicht so sicher – die Fähigkeiten des Kapitalismus zur Wohlstandsddistribution sind minimal. Das ist schon in Punkt. Ist aber ein anderes Thema.

    • Links und rechts bezieht sich notwendigerweise auf eine Gerade mit den Polen „linksextrem“ und „rechtsextrem“. Die Gerade ist ein eindimensionales Gebilde, der eigene Standpunkt auf dieser Gerade ist dann nulldimensional. Kurzum: Eine solche Verortung ist die maximale Reduktion der Komplexität, was zu maximalem Verlust an Information führt.

      Eine einigermassen aussagekräftige grafische Darstellung politischer Verortung wäre multidimensional. Das scheitert aber an der Tatsache, dass maximal drei Dimensionen grafisch dargestellt werden können.

      Nun kann an dieser Stelle eingewendet werden, dass ideengeschichtlich links und rechts durchaus von Bedeutung ist. So liesse sich Karl Marx als idealtypischer Linker anführen und Edmund Burke als idealtypischer Rechter. Links hiesse dann, dass bei aller Unterschiedlichkeit aller Linken das gemeinsame Ziel die Vergesellschaftung insbesondere der Produktionsmittel wäre, während der Konservative den Schutz des Privateigentums verlangt und der revolutionären die evolutionäre Wandlung vorzieht.

      Allerdings sind dann weder die Grünen noch die SPD links, sondern bürgerlich mit einem leichten linken Touch, weil sie ein bisschen umverteilen, vorzugsweise an ihre eigene Klientel, was aber auch nicht wirklich ein Spezifikum der Linken ist.

      Warum ist die Aktion „Kampf gegen rechts“ so idiotisch? Weil es inhaltsleer ist und nur ein äusserst diffuses Feindbild bedient. Der „Kampf gegen links“ ist das ebenso idiotische Gegenstück. Parteienfuzzis und ihre public relations, das ist es, worum gestritten wird.

      So, das war mein Rant des Tages.

      • Danke, @ Pjotr!
        Du Ersparst mir gerade eine Menge Arbeit, nämlich damit:
        „Links und rechts bezieht sich notwendigerweise auf eine Gerade mit den Polen „linksextrem“ und „rechtsextrem“. Die Gerade ist ein eindimensionales Gebilde, der eigene Standpunkt auf dieser Gerade ist dann nulldimensional. Kurzum: Eine solche Verortung ist die maximale Reduktion der Komplexität, was zu maximalem Verlust an Information führt.“
        Ich hätte rund eine DIN A4-Seite mehr dazu gebraucht 😉

        Auf Danisch-Sprache verkürzt würde ich sagen: Es geht wie immer um Tribalismus aus identitärem Bedarf heraus, bis die praktischen Inhalte im Alltag komplett zugemüllt sind.

        Anders gesagt: Es geht um religiöse Glaubenssysteme und das „automatische Wissen, was man zu tun hat“.

        Noch anders gesagt: Es geht um Denkfaulheit ( ja, das ist überspitzt, aber … ) und das gezielte Triggern bestimmter Botenstoffverhältnisse in unserem Metabolismus.

        Auf alt und jung bezogen könnte man auch von neophilem Veränderungsdrang vs. konservativer Weisheit reden.

        Nur um mal ad hoc ein paar Formulierungen zu nennen, die man zu statistischen Graphiken verarbeiten könnte, die alle als ganz tolle Achsensysteme zur Argumentation genutzt werden könnten, die aber jede für sich als universeller ( insofern linearer ) Durchblickfaktor für eine Art „Morallogik“ letztendlich ungeeignet sein müssen.
        Da sind sogar die 10 biblischen Gebote weit geeigneter.

        Verrückt finde ich, daß gerade die sich als rein politisch ( also gerade nicht religiös ) darstellende „Gewalt ist gut, wenn ( nach Geschmack etwas einsetzen ) – Logik“, somit eine der primitivsten Glaubensformen überhaupt bildet.
        Niemand kommt daran vorbei, da Gewalt u.U. unabdingbar sein kann. Aber kein halbwegs denkfähiger sozialer Mensch wird sie als „Einachsendogma“ mit fixem Nullpunkt ( im Sinne von „gut vs. schlecht“, rechts vs. links, o.ä. ) akzeptieren können.
        Auch bei zwei Achsen kann das unmöglich gelingen und bei drei höchstens mal mehr oder weniger zufällig ( könnte ich mir so verstellen ).

        Weshalb sich mir immer wieder die Frage stellt, warum nicht nur die Vorbeter diese Reduktion auf angebl. statische Verhältnisse ganz oben auf ihre missionarische Agenda setzen ( und da sind die Großreligionen im Schnitt heute eher noch gemäßigter als die politischen Bewegungen ), sondern die Adressaten dieser Formeln z.Zt. immer williger dem Quatsch hinterherrennen. Ist das vielleicht nicht zuletzt eine Folge von Reizüberflutung, Überpopulation und technisch viel zu leicht herstellbarem Zentralismus und somit auch Verlust von Privatsphäre?

        Verschiedene Ergebnisse von Experimenten mit Ratten, Rhesusaffen u.s.w., aber auch neueste Erkenntnisse der Genforschung scheinen mir darauf hinzudeuten.

        Die m.E. wichtigste diskordische Weisheit ( und die ist gar nicht so leicht zu verstehen, wie es vordergründig den Anschein haben mag ) heißt nicht umsonst:
        „Wir müssen auseinanderhalten!“

        Das erisianische Komplementärstück ( in meiner bescheidenen Formulierungsweise ) ist die Formel:
        Ohne Zweifel keine Sicherheit!
        ( Minuszeichen, Komma nach Bedarf einfügen oder auch komplett umstellen, es kommt letztendlich das gleiche dabei heraus )

        Ach so: Dank @Mark, der Post ist ziemlich astrein!
        Die Kernpunkte sehe ich ungefähr hier:
        „Es stellt sich doch vielmehr die Frage, ob eine solche Zweiteilung in linke und rechte Gewalt nicht eine unnötige Komplexitätsreduktion vornimmt und Gewalt bzw. politische Gewalt auf eine politische Ideologie reduziert.“
        ( siehe auch Pjotr )

        Und hier:
        „Politische Bewegungen drücken ihre Forderungen, Erwartungen und Programme fast immer in einem sinnstiftenden Legitimationszusammenhang aus, der ihnen höhere Weihen etwa der „Geschichte“, der „Nation“, des „Klassenkampfes“ oder eben „Gottes“ gewährt.“

        Passt!

    • @Elmar:

      Ich verstehe mich selbst schon auch noch als »links«, auch wenn ich üblicherweise noch ein -liberal dranhänge. Darin drückt sich zum einen mein biografischer Hintergrund aus, d.h. ein Elternhaus, in dem entsprechende Einstellungen und Ideen für mich prägend gewesen sind und die ich nicht einfach so abstreifen könnte, selbst wenn ich das wollte, und zum anderen das Bewusstsein, dass bestimmte Werte und Ideale, die ich bis heute vertrete, eben faktisch einer »linken« ideengeschichtlichen Tradition entstammen.

      Ein Stück weit ist für mich damit auch der Einwand »Das ist nicht links!« nachvollziehbar – Werte sind eben auch regulative Ideen, die ich normativ gegen eine gegebene Wirklichkeit stellen kann. Aber natürlich trifft auch zu, was Lucas in diesem Blogpost kritisiert: man kann nicht so tun, als gäbe es zwischen der Gewalt und linken Einstellungen nicht zumindest einen historischen Zusammenhang. Aber deshalb sagen »wir linken Männerrechtler« genaugenommen auch nicht »Das ist keine Linke!«, sondern »Das ist nicht (mehr) unsere Linke«.

      Alexander Kissler hat im »Cicero« das »Ende der linken Ära« ausgerufen – ich denke, da hat er Recht und Unrecht zugleich: ich würde ihm zustimmen, dass die kulturelle Vorherrschaft eines linken Establishment am Dahinschwinden ist. Das bedeutet für mich aber, dass zugleich die erstarrten Vorstellungen, was »links« sei, wieder ins Fließen kommen können und neu aushandelbar werden.

      Als Ganzes überwindbar ist dieses Links-Rechts-Koordinatensystem in meinen Augen nur, falls es gelingen sollte, einen gemeinsamen Konvergenzpunkt linker, liberaler und konservativer Ideen darin zu finden, dass sie alle konstruktiv auf bestimmte reale Probleme der modernen Gesellschaft zu reagieren versuchen. Ich finde diese Perspektive spannend, finde es aber auch nicht einfach, sie zu konkretisieren.

      Der Einwand, dass das Label »linker« Männerrechtler ein Imageproblem nach sich zieht, finde ich zwar nachvollziehbar, aber dieses Label kann ich als Einzelperson nur dann wechseln, wenn ich das mir selbst gegenüber glaubwürdig vertreten kann – so gibt es ja tatsächlich nicht wenige authentische »Konvertiten« von »Links« nach »Rechts«, das fängt nicht erst bei Horst Mahler an. Falls nicht, muss ich eben die argumentative Arbeit schultern, meine Selbstverortung zu verteidigen.

      Darum ist für mich der einzige denkbare Positionswechsel einer, der zu der genannten »Konvergenz der Utopien« führt: weil ich diesen Punkt – wenn überhaupt – nur auf meiner bisherigen ideengeschichtlichen Trajektorie erreichen kann.

  • @ Elmar „Simple Diagnose: Das label ist tot.“ Allgemein vielleicht, weil es eben zu abstrakt ist und kaum inhaltilchen Wert hat. Sicher, Linke sind z.B. für soziale Gerechtigkeit – aber das würden FDPler auch von sich behaupten (sie würden allenfalls den Bericht „Gerechtigkeit“ anders formulieren).

    In der Kombination mit anderem kann der Begriff aber durchaus etwas bewirken. Ein „linker Maskulismus“ kann eben bedeuten, dass es ihm nicht um die Restauration tradierter, aber bröckelnder Geschlechtermodelle geht – sondern dass ihm gerade die Möglichkeit der Veränderung von sozialen Geschlechter-Funktionen und um gleicher Rechte für alle geht. Das Konzept des „integralen Antisexismus“ von Leszek und Arne wäre demnach für einen linken Maskulismus ein typischer Standpunkt.

    @ Mark Was aber sicher stimmt: Das Label „links“ ist viel zu allgemein, als dass es etwas austragen würde, nun jedem Linken eine förmliche Distanzierung von der Gewalt in Hamburg abzuverlangen. Das finde ich müßig, weil sich jeder eine Definition basteln kann, die gerade zu seiner derzeitigen Meinung passt. Ein Linksliberaler kann sich tatsächlich fragen, warum er denn eigentlich mit Stalin etwas zu tun habe solle – so wie sich Konservative fragen können, warum sie sich spezifisch für Hitler verantwortlich fühlen sollten. Die Erwägungen sind so abstrakt, dass sie auf der Ebene der Definitionsspiele geführt und abgeschlossen werden können.

    Anders aber sieht die Situation auf der Ebene des Konkreten aus, und da haben Linke – wenn ich denn die Parteien SPD, Grüne und Linke global dazu zähle – tatsächlich ein Problem. Aus ganz unterschiedlichen Bereichen lassen sich gleich reihenweise Beispiele dafür aufzählen, dass sich eine Akzeptanz für Gewalt bis weit in ein bürgerlich-linkes Milieu hinein zieht. Das ist eben das Problem: Denn dass linke Militante Gewalt als normale Option betrachten, ist keine Überraschung, dass sie aber für stinknormale linke Institutionen kein echtes Problem darstellt, solange sie nur die richtigen Gegner trifft, ist etwas ganz Anderes.

    Noch lange, bevor aus auch nur ansatzweise Informationen darüber gab, war vielen Beobachtern aus der bürgerlichen Linken, von den Grünen oder der Linkspartei klar, dass die Verantwortung für die Eskalation bei der Polizei liegt. Das sind reflexhafte Reaktionen, die zeigen, dass sich hier viele sehr wohl die Perspektive der Täter zu eigen machen – denn im autonomen Denken ist ihre Gewalt immer Gegengewalt, insbesondere gegen die „Bullen“. Die schriftlichen Stellungnahmen im Vorfeld, von Augstein oder von Emiliy Laquer in der taz, waren eindeutige Gewaltlegitimationen, wenn man sie nicht gleich als AUFRUFE zur Gewalt interpretiert.

    Aber das betrifft ja nicht nur diese Situation. So irre oder bescheuert Positionen der AfD sind – es ist ganz gewiss nicht legitim, dass Sozialdemokraten im Netz öffentlich Arbeitgeber von Leuten unter Druck setzten, die sich offen für die AfD aussprechen. Zu der Veröffentlichung der Adressen aller Teilnehmer des AfD-Parteitags in Stuttgart bei Indymedia, oder zu den Angriffen auf AfD-Politiker gab es – soweit ich das nur mitbekommen habe – niemals einen ablehnenden Kommentar aus SPD, Grünen oder Linken. Dabei war zumindest bei den Grünen klar, dass die eigene Parteijugend z.T. mitmachte. Das ist sehr wohl ein großes Problem: Auch wenn ich die AfD furchtbar finde, ist es doch irre, die politische Gewalt wieder salonfähig zu machen.

    Maas wird bis heute vorgehalten, dass er sich bei der Band Feine Sahne Fischfilet angebiedert hätte. Das ist etwas unfair – er hatte sich einfach bei ihnen öffentlich für die Teilnahme an einem Rock-gegen-rechts-Konzert in Anklam (was in dieser Gegend wichtig und nicht selbstverständlich ist) bedankt und wahrscheinlich gar nicht gewusst, dass sie Zeilen wie „Die nächste Bullenwache ist nur einen Steinwurf entfernt“ im Programm haben. Bezeichnend aber ist, dass er auch hinterher überhaupt keine Distanzierung nötig hatte – obwohl das seiner Position als Justizminister sehr wohl wichtig gewesen wäre.

    Die No Hate Speech-Maßnahmen sind schon gravierender, und die aus Steuermitteln verbreiteten Bilder spielen mehrfach mit Gewalt – wenn sie die Richtigen treffen. Ein gezielter Faustschlag für jemanden, der das muslimische Kopftuch nicht mag – ein großes Messer für Männerrechtler (hähähä).
    Schwesig hatte sich noch als Familienministerin öffentlich mit einer Gruppe (Team Gina Lisa) solidarisiert, die sich täglich vor einem Gerichtsgebäude postierte, auf Plakaten wörtlich „Hass auf die Justiz“ ausdrückte und die alte RAF-Symbole – ein Maschinengeweht im Stern – mit Schneewittchen-Bildern verband. Überhaupt ist der Feminismus häufig gewaltaffin, ohne dass das seine bürgerlich-linken Anhänger besonders stören würde. Jasmin Tabatabei las im steuerfinanzierten Frauen-Media-Turm aus Solanas faschistischer Massenmordfantasie „Manifest zur Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ vor, das Buch wird von der Bundeszentrale für politische Bildung als „Satire“ verharmlost und empfohlen.

    Einmal ganz zu schweigen von der diskursiven Gewalt, die es bedeutet, wenn Heinrich-Böll-Stiftung oder Friedrich-Ebert-Stiftung Menschen als Nazis und Breivik-Fans hinstellen, nur weil sie Feministinnen widersprechen oder weil sie Väter sind, die sich mit der willkürlichen Trennung von ihren Kindern nicht abfinden wollen. Eine systematische politische Verleumdung.

    Das lässt sich auf viele andere Themen übertragen. In Israel wurden seit 2000 über 1300 Menschen durch palästinensische Terroristen ermordet. Würde man das auf die deutsche Bevölkerung hochrechnen, wären das 13.000 Ermordete durch Terroristen in diesem Zeitraum – ich möchte nicht wissen, was hier dann los wäre. Aber die kaputten Typen vom BDS wandern in weißen Kitteln durch deutsche Supermärkte, kontrollieren hier – als ginge es dabei um Seuchen- und Ungezieferbekämpfung – , ob die Märkte israelische Waren führen, verkünden, das Israel ein Apartheidstaat sei, und verlangen einen weltweiten Boykott. Antisemiten? Wir doch nicht…. Trotzdem findet diese kranke Menschenfeindlichkeit auch bei bürgerlichen Linken Verständnis und Unterstützung.

    Nicht besser die linken Gegenspieler der linken Anti-Imps, aus denen sich BDS speist, die Anti-Deutschen. Anne Helm ist nach ihrer irren Thank-You-Bomber-Harris-Aktion bei der Linken in Berlin gut untergekommen – und nachdem sie ihre nackten Brüste mit dem bescheuerten Bomber-Harris-Spruch werbewirksam in die Kamera gehalten hatte, ist sie nun zuständig für die Bekämpfung „sexistischer“ Werbung. Julia Schramm, die über die vielen Toten von Dresden witzige kleine Gedichte verfasst hatte („Sauerkraut, Kartoffelbrei/Bomber Harris, Feuer frei“) und die mal nebenbei einen Schwangerschaftsabbruch bis zum neunten Monat ins Spiel brachte, ist ebenfalls gut bei der Linken gelandet – und verdiente vorher ihr Geld, steuermittelfinanziert, bei der Amadeu Antonio Stiftung, ausgerechnet als Fachreferentin für Hate Speech (nein, kein Witz).

    Das lässt sich alles noch fortsetzen, aber das Prinzip ist klar. Es geht hier nicht um abstrakte Begrifflichkeiten und um die richtige Definition von „links“. Es geht auch nicht um die Gewaltaffinität einiger militanter Gruppen – die wird es so immer geben. Es geht darum, dass Linke bis weit in bürgerliche Milieus und bis in steuermittelfinanzierte Institutionen, ja bis an die Spitze von Ministerien Gewalt ganz in Ordnung finde – sobald sie nur die Richtigen trifft.

    Das ist sehr wohl ein Problem einer heutigen demokratischen Linken, aus dem sie mit geeigneten Begriffsdefinitionen nicht herauskommt. Meine Interpretation: Diese Linke ist so ziellos geworden, weiß so ganz und gar nicht mehr, wofür sie eigentlich da ist und was an ihr eigentlich „links“ ist – dass sie sich nur noch im Kampf gegen Gegner, die sie irgendwie als „rechts“ ansieht, als links und human ansehen kann.

    Ohne FEINDE würde diese Linke einfach stillschweigend in sich zusammensacken. Sie braucht also immer wieder Gruppen, die sie als „Herrschende“, als „Machthaber“, als „Rechte“ bekämpfen kann und mit deren Mitgliedern sie dementsprechend nicht einmal versuchsweise Empathie empfindet.

    Dass jetzt Gabriel, Maas, Stegner etc. Wagenburgen bauen – empört auf Konservative verweisen, die die Hamburger Verwüstungen „instrumentalisieren“ wollten – und sich dagegen verwahren, dass die Täter auch nur irgendwas mit Linken zu tun hätten: Das halte ich überdies für einen gravierenden politischen Fehler, auch in taktischer Hinsicht. Wer Wagenburgen baut, hält vielleicht mit Mühe und Not den eigenen Kern zusammen, aber er kann darüber hinaus niemanden mehr überzeugen und hereinholen. Bei den letzten Umfragen lag die SPD gerade bei 22%, aber wenn sie unbedingt will, geht es bestimmt auch noch weiter runter.

    • @Schoppe

      Du schreibst:

      „Anders aber sieht die Situation auf der Ebene des Konkreten aus, und da haben Linke – wenn ich denn die Parteien SPD, Grüne und Linke global dazu zähle – tatsächlich ein Problem. Aus ganz unterschiedlichen Bereichen lassen sich gleich reihenweise Beispiele dafür aufzählen, dass sich eine Akzeptanz für Gewalt bis weit in ein bürgerlich-linkes Milieu hinein zieht. Das ist eben das Problem: Denn dass linke Militante Gewalt als normale Option betrachten, ist keine Überraschung, dass sie aber für stinknormale linke Institutionen kein echtes Problem darstellt, solange sie nur die richtigen Gegner trifft, ist etwas ganz Anderes.
      Noch lange, bevor aus auch nur ansatzweise Informationen darüber gab, war vielen Beobachtern aus der bürgerlichen Linken, von den Grünen oder der Linkspartei klar, dass die Verantwortung für die Eskalation bei der Polizei liegt. Das sind reflexhafte Reaktionen, die zeigen, dass sich hier viele sehr wohl die Perspektive der Täter zu eigen machen – denn im autonomen Denken ist ihre Gewalt immer Gegengewalt, insbesondere gegen die „Bullen“. Die schriftlichen Stellungnahmen im Vorfeld, von Augstein oder von Emiliy Laquer in der taz, waren eindeutige Gewaltlegitimationen, wenn man sie nicht gleich als AUFRUFE zur Gewalt interpretiert.“

      Hier stellt sich einfach die Frage, wie repräsentativ solche Aussagen von Augstein oder Laquer sind. Wenn man das genau wissen möchte, müsste man quasi eine repräsentative quantitative und qualitative Inhaltsanalyse machen, die eben repräsentativ für alle Statements von Politikern im linken Spektrum sind.
      Zudem müsste dann auch mit den gleichen Mitteln geschaut werden, wie haben die rechten Politiker darauf reagiert. Haben wir hier auch einen Reflex, der sagt, der Staat bzw. die Polizei hat nichts falsch gemacht, ohne dass sie überhaupt nähere Informationen hatten?
      Zudem interpretierst Du den Reflex bei den Linken so, dass sie sich die Perspektive der Täter zu eigen machen, nur kann eben auch der Staat und die Polizei Täter sein, also auf beiden Seiten können Täter und Opfer sein, das negierst Du hier einfach. M.E. ist Deine Perspektive auch ziemlich einseitig.

      Du schreibst:

      „Aber das betrifft ja nicht nur diese Situation. So irre oder bescheuert Positionen der AfD sind – es ist ganz gewiss nicht legitim, dass Sozialdemokraten im Netz öffentlich Arbeitgeber von Leuten unter Druck setzten, die sich offen für die AfD aussprechen. Zu der Veröffentlichung der Adressen aller Teilnehmer des AfD-Parteitags in Stuttgart bei Indymedia, oder zu den Angriffen auf AfD-Politiker gab es – soweit ich das nur mitbekommen habe – niemals einen ablehnenden Kommentar aus SPD, Grünen oder Linken. Dabei war zumindest bei den Grünen klar, dass die eigene Parteijugend z.T. mitmachte. Das ist sehr wohl ein großes Problem: Auch wenn ich die AfD furchtbar finde, ist es doch irre, die politische Gewalt wieder salonfähig zu machen.“

      Auch hier „müsstest“ Du genau schauen: Wie handeln rechte Politiker, wenn es um Diskreditierung und Diffamierung von linken Politikern geht. Lies mal den Text von Sascha Lobo, das hört sich auch ziemlich unappetitlich an, was da von einer gewissen Seite kommt.
      http://www.spiegel.de/netzwelt/web/g20-gipfel-in-hamburg-sascha-lobo-ueber-den-umgang-mit-extremisten-im-netz-a-1157337.html

      Du schreibst:

      „Maas wird bis heute vorgehalten, dass er sich bei der Band Feine Sahne Fischfilet angebiedert hätte. Das ist etwas unfair – er hatte sich einfach bei ihnen öffentlich für die Teilnahme an einem Rock-gegen-rechts-Konzert in Anklam (was in dieser Gegend wichtig und nicht selbstverständlich ist) bedankt und wahrscheinlich gar nicht gewusst, dass sie Zeilen wie „Die nächste Bullenwache ist nur einen Steinwurf entfernt“ im Programm haben. Bezeichnend aber ist, dass er auch hinterher überhaupt keine Distanzierung nötig hatte – obwohl das seiner Position als Justizminister sehr wohl wichtig gewesen wäre.“

      Auch hier wieder: Wie sieht es bei den Rechten aus? Sind die Rechten alle brav, lieb und nett oder haben wir hüben und drüben ähnliche Mechanismen?
      Beim Rest den Du schreibst, gehe ich jetzt mal nicht darauf ein, weil es m.E. nicht mehr zum Thema Hamburg und Krawalle gehört, aber auch hier habe ich den Eindruck, dass Du vor allem nur eine Seite siehst und die andere nicht.

      • „Auch hier wieder: Wie sieht es bei den Rechten aus? “

        Das Thema war linke Gewalt?

        „Sind die Rechten alle brav, lieb und nett oder haben wir hüben und drüben ähnliche Mechanismen?“

        Wenn denn die Rechten falsch liegen, warum soll dann das linke Falsche deshalb gut werden?

        Der Bankräuber verteidigt sich im Strafprozess damit. daß es andere Bankräuber gibt?

      • @Mark:

        Ich denke, um es mal auf eine Kurzformel zu bringen, Du verfällst hier in einen Relativismus, der die Analyse, bezogen auf eine Seite, eher beschränkt, als erweitert.
        V.dh. ist es nicht korrekt, zu sagen: „Das müssen wir uns genau anschauen“, bezogen auf, „was machen denn die Anderen“,
        da es durch diese ( dadurch naheliegenden ) Relativierungen eben gerade nicht genauer wird, m.E. eher im Gegenteil.

        Pauschal gesagt:
        Durch „Aber die Anderen sind auch ganz schlimm“, wird nix genauer, oder gar besser.
        Dadurch, daß – sagen wir einfach mal – Merkel Dinge tut, die große Teile der Bevölkerung irgendwie benachteiligen, kann man nicht rechtfertigen, anderen Teilen der Bevölkerung andere Nachteile zu verschaffen, um zu unterstellen, daß dann im Schnitt für alle etwas besseres herauskommt ( das wäre übrigens ein Beispiel für Schwesigs Quotenargumentation ). Kann unter bestimmten Konstellationen vielleicht mal funktionieren, als „Gesetzmäßigkeit“ ist es aber ungeeignet.
        Sonst verfallen wir in die gleichen Argumentationsmuster, die auch eben von Teilen des schwarzen Blocks verwendet werden, u.a. zur Legitimierung mehr oder weniger unscharf gegen irgendetwas mehr oder weniger konkret benanntes gerichtete Gewalt.

        Das führt letztendlich zur Kammerjägermenthalität, um es mal bildlich auszudrücken, w.h.: Ich vergase ein ganzes Lagerhaus, weil es dort Ratten gegeben hat, daß dabei auch die Katzen und Spinnen sterben, welche Mäuse und Schadinsekten kurz halten, nehme ich dabei billigend inkauf, Hauptsache es wird erstmal „sauber“.
        ( Soll nicht heißen, daß ich Dir derartiges Unterstelle, es geht mir hier nur um das – sehr grobe – Aufzeigen der möglichen und m.E. wahrscheinlichen Konsequenzen bei linearer Fortführung der Methode )

        Kurz gesagt: Schnittmengen und Analogien zu beachten heißt nicht, sie zur Legitimation von irgendetwas zu verwenden, sondern eben NUR zur Erklärung und Bezeichnung von ähnlichen Mustern. Ob diese Muster z.B. „gerecht“ sind, oder im bestimmten Fall durch was-auch-immer als richtig oder falsch angesehen werden können, lässt sich daraus nicht grundsätzlich ableiten.
        Und da ist es im Einzelfall u.U. praktischer, Vorgänge innerhalb einer Menge ( egal ob diese sich mit einer ähnlichen der „Gegenseite“ überschneidet, oder nicht ) nach übergeordneten, oder im spziellen Einzelfall objektiveren Kriterien/Methoden zu analysieren ( bspw. nach Spieltheorien ). Bspw. bezogen darauf, ob eine Unterstellung ggü. Teppichfliese St. Martin Chulz nun berechtigt, oder gar fair ist.

        Und ich vermute mal, daß das ( im weitesten Sinne ) auch Lucas‘ Anliegen war, in den von Dir angeführten Punkten. Zumindest habe ich es ungefähr so verstanden und halte das ( auch als durchaus selbstreflektierenden ) Ansatz für sinnvoll

        • Edit letzter Satz:
          „Zumindest habe ich es ungefähr so verstanden und halte das ( auch als durchaus selbstreflektierenden ) Ansatz für sinnvoll“
          muß heißen:
          „Zumindest habe ich es ungefähr so verstanden und halte das ( auch als durchaus selbstreflektierenden Ansatz ) für sinnvoll“

        • @Fiete

          Ich kann mich eigentlich kurz halten:
          Meine Position ist die, dass man auf allen Seiten schaut, wo gibt es Täter und Opfer (Multiperspektivität) und wie reagieren die Leute auf den Krawall und zwar auf allen Seiten; ich will also die Gesamtheit der Realität erfassen, dass ist in einem ersten Schritt eine deskriptive Vorgehensweise (quasi eine Bestandsaufnahme). Die normative Bewertung der Realität würde dann in einem 2. Schritt erfolgen, deshalb kann ich bei mir bisher keinen Relativismus erkennen. Relativismus wäre, wenn man zwei Dinge, die von der Sachen ähnlich sind, unterschiedlich normativ bewertet, obwohl dies, wenn man streng logisch vorgeht, ein Fehlschluss wäre.

          • Okay, verstehe ich schon, es ging mir ( sehr grob verkürzt ) darum, die Gefahr aufzuzeigen, daß man u.U. im Einachsensystem hängenbleibt und dadurch die Tatsache, daß es immer mindestens eine dritte Achse gibt, über die Gebühr vernachlässigt.
            Natürlich besteht das Problem auch umgekehrt, keine Frage ( hat sich schonmal wer totdifferenziert und der lebt nicht mehr 😉 ).

            Ich hatte den Eindruck, daß Du quasi einen Schritt2-Vorgang nach der Schritt1-Methode bewertest und das würde im jeweils konkreten Einzelfall humpeln.

            Ich denke schon ( nach meiner bescheidenen Auffassungsgabe ), daß Lucas oben zwar überwiegend auf eine Seite abhebt, daß das aber thematisch auch gerechtfertigt ist und er dadurch den Gesamtüberblick nicht vernachlässigt, oder gar bestreitet/negiert.

            Übrigens exakt der Grund, warum ich das Links-Rechts-System gerade im ersten Schritt möglichst vollständig ausblende, da es m.E. einen „küchenpsychologischen Proxy“ erschafft, der leicht ( nahezu zwangsläufig ) verzerrend wirkt.
            Ist anstrengender, zugegeben, erleichtert im Endeffekt die Wahrnehmung der weiteren „Vektoren“ und ( somit ) auch die Autoreflektion ( als eine Prüfmethode ).

            Auf Fiete-Sprech: Die Rechts-Links-Kinderkacke geht mir auf den Sack. 🙂

          • @Fiete

            Ich glaube einfach, wenn man einfach gewisse Statements von gewissen Politikern nimmt und dann quasi sagt und zwar aus dem Bauchgefühl heraus, dass dies repräsentativ ist, dann habe ich ein Problem. Nur heißt dies noch lange nicht, dass wissenschaftliche empirische Forschung immer zuverlässig wäre. Man sieht das ja bei den sogenannten Studien über die Männerrechtler. Hier werden auch einfach gewisse Statements herausgefischt (am liebsten aus dem gelben Forum) und sagt dann, das ist nun repräsentativ für die Gesamtheit der Männerrechtler. Idioten gibt es doch hüben und drüben, aber ob das schlussendlich tatsächlich repräsentativ ist, wäre dann eine andere Frage. Deshalb insistiere ich auf diese Problematik. 🙂

        • @ Mark „dass Du vor allem nur eine Seite siehst und die andere nicht.“ Ich glaube, dass ist ein Missverständnis. Das von Randow-Zitat „Die Gewalt in Hamburg hat auch etwas mit links zu tun“ ist Dein Ausgangspunkt und Deine Überschrift. Dazu schreibst Du (wenn ich Dich richtig verstehe), dass Du es für falsch hältst, nun Menschen Rechtfertigungen für die Gewalt in Hamburg abzuverlangen, nur weil die sich als links bezeichnen.

          Dem stimme ich in meinem Kommentar auch ausdrücklich zu: Warum sollte jemand, nur weil er sich als „links“ bestimmt, mehr mit der Gewalt in Hamburg zu tun haben als sein Nachbar, der sich nicht als „links“ bestimmt? Im Übrigen – das noch dazu – bin ich auch sicher, dass Autonome zwar offensichtlich zivile Grenzen gezielt niedergerissen haben, dass die folgende Gewalt aber von allen möglichen Leute verübt wurde, nicht nur von Linken.

          Nur schreibe ich dann, dass es abgesehen von der bloßen (Selbst- oder Fremd-)Definition als „links“ noch andere Gründe dafür gibt, dass Linke sich nicht einfach in eine Wagenburg der „Das-hat-nichts-mit-uns-zu-tun“-Behauptungen zurückziehen, sondern sich offen mit ihrer Mit-Verantwortung auseinandersetzen sollten.

          Der letzte Grund, den ich nenne, sind sogar taktische Erwägungen – wer sich Wagenburgen baut, der kommt nicht mehr in die Offensive.

          Bei den wesentlichen Gründen ging es mit aber um politische Ehrlichkeit. Stegner hat sich bei Twitter einen Namen gemacht mit Tweets wie dem, dass anständige Linke noch nie was mit Gewalttätern gemein gehabt hätten, dass bei Rechten die Gewalt aber „zu ihrer politischen DNA“ gehöre.

          https://twitter.com/Ralf_Stegner/status/883691739600564226

          Und das stimmt einfach nicht (es sei denn, man betont das Wort „anständige“, aber dann wird die ganze Nachricht bedeutungslos). Es gibt sogar sehr viele unterschiedliche Bereiche, in denen Linke bis weit ins linksliberale bürgerliche Milieu oder bis in Ministerien hinein Gewalt selbstverständlich tolerieren oder sogar begrüßen. Es geht mir dabei nicht nur um den Blödsinn, den z.B. Schwesig verzapft hat – sondern vor allem darum, dass der für sie in ihrer Partie überhaupt keine Konsequenzen hatte.

          Da es mit also nicht um allgemeine Definitionen des Begriffs links, sondern um eine fehlende Distanz zur Gewalt in konkreten Situationen ging, habe ich eine Reihe dieser Situationen aufgezählt. Es war mir ausdrücklich wichtig, dass es nicht nur um ein Verhältnis zu wenigen militanten Gruppen geht, sondern um ein Verhältnis zu Gewalt allgemein.

          Ich bin damit von vorn bis hinten bei dem Thema geblieben, dass Du schon in der Überschrift deutlich gemacht hast: Inwiefern hat die Gewalt etwas mit „links“ zu tun. Dass es auch rechte Gewalt gibt, habe ich damit weder geleugnet noch ignoriert, ich habe es lediglich zwischendurch kurz angedeutet (bei dem Hinweis, dass Veranstaltungen gegen rechts besonders in in einer Gegend wie Anklam und umzu wichtig, aber nicht selbstverständlich seien).

          Ich bin nicht näher darauf eingegangen, weil die Gewalt der Rechten ausdrücklich nicht DEIN Thema war. Woraus ich Dir übrigens nicht den Vorwurf mache, einseitig zu sein.

  • Eine Linke braucht es nicht mehr

    Die Formeln der Kapitalismuskritik sind leer geworden. Als politische Lösung taugen sie kaum noch, um eine Gesellschaft zu ändern. Wir benötigen neue Denkmodelle.

    Die Eskalation von Gewalt während des G20-Gipfels in Hamburg wird aufgearbeitet. Sowohl die Polizeistrategie als auch die zum Teil zynische Planung der Veranstalter stehen unter strenger Beobachtung. Die Polizei muss sich dafür rechtfertigen, einerseits friedliche Demonstrationen allzu sehr eingeschränkt zu haben, andererseits angesichts der Gewalteskalation nicht präsent genug gewesen zu sein. Darin zeigt sich ein Dilemma von Polizeistrategien, auf der einen Seite durchaus wissen zu können, dass und ob Versammlungen in einer bestimmten Situation eskalieren, auf der anderen Seite aber unter Rechtfertigungszwang zu geraten, wenn man allzu frühzeitig eingreift.

    In Hamburg scheinen beide Seiten des Dilemmas allzu deutlich geworden zu sein. Vielleicht wurde an manchen Stellen polizeilich zu wenig deeskaliert, während man sich an anderen Stellen eine „militärischere“ Form der Abwehr gewünscht hätte. Aber das ist leichter gesagt als für die Entscheider getan.

    Die Veranstalter dagegen vergießen Krokodilstränen. Erst kündigen Sprecher der Roten Flora den größten Schwarzen Block aller Zeiten an, danach zeigen sie sich entsetzt über das Ausmaß. Einer der Sprecher hatte an den Gewalttätern vor allem zu kritisieren, dass sie im eigenen Umfeld und nicht in den Stadtvierteln der Reichen und Privilegierten brandschatzen. Auf dieser Basis moralisch empört zu sein, ist widerlich.

    [..] Gewalt hat im politischen Feld stets mindestens zwei Funktionen. Nach einer sehr plausiblen These von Jan Philipp Reemtsma sind Adressaten der Gewalt vor allem Dritte.

    Quelle „Zeit“: http://www.zeit.de/kultur/2017-07/g20-linke-gewalt-kapitalismuskritik-globalisierung-essay

    Ich sehe diese Zuordnung mittlerweile mehr als überholt an. Und ich begreife beim besten Willen nicht, warum man sich so vehement (nicht nur) an diesem Label festkrallt.

    Noch anachronistischer wird es ja, wenn man sich mal ansieht, wer z.B. den Männern diese Suppe aus Feminismus, Quote, Gender-Mainstreaming, Denkverbote, Zensur, etc. eingebrockt hat: Die so genannte ‚progressive‘ Linke.

    Erbärmlich auch die Relativierungsversuche andersbezüglich, in welchen man nun versucht uns zu vermitteln, dass das nur ja nichts mit den Linken zu tun hat. Das erinnert fatal an die annähernd 10 ‚Einzelfälle‘ pro Tag, welche unter anderem durch die s.g. „Goldstücke“ (Martin Schulz) zumeist verübt werden.

    Nun haben wir auch noch diesen Block, das „Schwarze Gold“ am Hals, dass sich rot nennt und selbst Konsumgüterbewerbern nur noch zu Sarkasmus anregt:

    http://www.epochtimes.de/assets/uploads/2017/07/hamburgschokoladeg20-640×437.jpg

  • @ Mark E. Smith

    „Die durchaus hochkriminellen, anarchistischen Banden im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts etwa,“

    Gemeint sind wohl die damaligen französischen Vertreter des Illegalismus, die mehrheitlich individual-anarchistisch orientiert waren:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Illegalism

    Vertreter/Anhänger des Illegalismus waren im traditionellen Anarchismus immer eine winzige Minderheit, kaum erwähnenswert.
    Weder für den Individual-Anarchismus, noch für den Sozial-Anarchismus waren diese in irgendeiner Weise repräsentativ.

    Selbst manche, ansonsten gut informierte zeitgenössische Anarchisten kennen diese anarchistische Unterströmung z.T. gar nicht.

    Die Mehrheit der Anarchisten waren stets Anhänger des Sozial-Anarchismus gewesen, der eine große Strömung der Arbeiterbewegung bildete. In strategischer Hinsicht gab es im Sozial-Anarchismus grob gesprochen zwei Richtungen:

    1. den Massen-Anarchismus, der den Aufbau einer großen Bewegung durch Förderung der basisdemokratischen Selbstorganisation der Arbeiterklasse anstrebte, um dann im Rahmen einer von großen Teilen der Bevölkerung getragenen sozialen Revolution eine basisdemokratische Vergesellschaftung des ökonomischen und politischen Teilsystems der Gesellschaft durchzuführen.

    2. den insurrektionalistischen Anarchismus, der durch lokale Aufstände, Sabotageakte oder Anschläge – unter Verzicht auf den geduldigen Aufbau größerer Organisationen – die ausgebeuteten und unterdrückten Teile der Bevölkerung zur Revolution motivieren wollte.

    Die insurrektionalistische Strategie erwies sich als unwirksam und kontraproduktiv und wurde daher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, im traditionellen Anarchismus, aufgegeben.

    Im Massen-Anarchismus hingegen dominierten zur Gewaltfrage zwei Positionen:

    – es gab eine explizit gewaltfreie Strömung, die u.a. in diesem Buch dargestellt wird:

    http://www.graswurzel.net/verlag/ga2.php

    – und es gab eine Strömung, die Gewalt zur Überwindung gewaltbereiter konterrevolutionärer Kräfte im Rahmen einer von großen Teilen der Bevölkerung getragenen sozialen Revolution bejahte. In dieser Perspektive sollte sich die Gewalt allerdings auf die Durchsetzung und Verteidigung einer von breiten Teilen der Bevölkerung getragenen sozialen Revolution gegenüber gewaltbereiten konterrevolutionären Kräften beschränken und nicht über das dafür Notwendige hinausgehen.

    Zum Unterschied der Vorstellungen zur Gewalt im insurrektionalistischen Anarchismus und im Massen-Anarchismus siehe den folgenden Artikel:

    http://phase-zwei.org/hefte/artikel/pfade-in-die-gewalt-529/

    Zeitgenössische organisierte Anarchisten sind stets Anhänger des Massen-Anarchismus, für Krawalle wie jüngst in Hamburg hat der Massen-Anarchismus nichts übrig.

    Es gibt in Griechenland und Italien aber auch anarchistische Gruppen, die ähnlich agieren, wie in Deutschland der gewaltbereite Flügel der Autonomen und die sich dabei in der Tradition des insurrektionalistischen Anarchismus sehen, sie beziehen sich dabei aber primär auf insurrektionalistische Theorien, die ab den 70er Jahren entstanden und sich vom klassischen insurrektionalistischen Anarchismus unterscheiden.

    Der gewaltbereite Flügel der deutschen Autonomen bezieht sich – im Gegensatz zu manchen Fehlinformationen, die zur Zeit durch ein paar Medien geistern – in der Regel NICHT auf den insurrektionalistischen Anarchismus. Der insurrektionalistische Anarchismus hat in Deutschland kaum Anhänger.

    Zur Kritik des zeitgenössischen Insurrektionalismus aus Perspektive des Massen-Anarchismus, siehe den folgenden Artikel:

    https://www.direkteaktion.org/214/die-militarisierung-der-revolte

    „Er hat nie etwas von Marx, Lenin, Trotzki, Stalin, Mao, Pol Pot, gelesen,“

    Einen bedeutenden Klassiker der Soziologie, Philosophie, Wirtschaftswissenschaft und Geschichtswissenschaft neben solche Kleingeister wie Lenin, Trotzki, Stalin, Mao und Pol Pot zu stellen, finde ich aber schon ein starkes Stück.

    Der Marxismus kennt ja auch viele andere tatsächlich bedeutende Theoretiker/Wissenschaftler, die keine Anhänger/Vertreter brutaler Diktaturen waren. Es hätten also durchaus auch Vertreter des libertären Marxismus und des marxistischen Humanismus genannt werden können.

    „auch die anarchistischen Klassiker wie Bakunin, Kropotkin, Proudhon und Stirner sind ihm überhaupt nicht oder bloß vom Hörensagen bekannt.“

    Max Stirner war ein früher Existenzphilosoph mit z.T. interessanten psychologischen Erkenntnissen (ähnlich wie Nietzsche), leider war Stirner ein Amoralist. Stirner hat sich nie als Anarchist bezeichnet. Er ist von einigen bekannten Theoretikern des individualistischen Anarchismus rezipiert worden, aber zu einem Zeitpunkt als die theoretischen und ethischen Grundlagen des individualistischen Anarchismus bereits entwickelt waren. Stirner ist NICHT – wie manchmal fälschlich behauptet wird – der Begründer des individualistischen Anarchismus. Stirner hat sich, wie gesagt, nie als Anarchist bezeichnet, er ist einfach ein Philosoph, der in einer bestimmten anarchistischen Strömung (individualistischer Anarchismus) rezipiert wurde. Die individualistischen Anarchisten waren ursprünglich KEINE Amoralisten und sie interpretierten Stirner auch nicht in diesem Sinne. Allerdings bildete sich im Zuge der individual-anarchistischen Stirner-Rezeption auch eine kleine amoralische Unterströmung des Individual-Anarchismus heraus. Und so kommen wir wieder zurück zum Ausgangspunkt, denn einige der französischen Illegalisten waren Anhänger dieser kleinen amoralischen Unterströmung des individualistischen Anarchismus. Das gilt aber nicht für alle Illegalisten.

    Soviel dazu, damit du die Dinge ein bißchen besser einordnen kannst.

    Nichts zu danken. 🙂

    • @Leszek

      Danke für die Ausführungen. Ich selbst habe nur Stirner und Proudhon eingehender gelesen und Proudhon hat mir teilweise noch ganz gut gefallen. Um die Marxisten habe ich eigentlich immer einen großen Bogen gemacht; also Marx kenne ich mit paar wenigen Ausnahmen nur aus der Sekundärliteratur. Und je länger ich auf der Welt bin, desto mehr interessiert mich vor allem empirisch gut abgesicherte Theorie. 🙂

  • „Aber das ist lange her und was hat das mit ihm und seinem Selbstverständnis von guter Politik zu tun, ganz abgesehen davon, dass er all diese Gräueltaten zutiefst verabscheut und er damit überhaupt nichts zu tun haben will? Links sein heisst für ihn Friedenspolitik, militärische Abrüstung, Völkerverständigung, Verbot von Waffenexporten in Länder, die Angriffskriege führen oder in Diktaturen, er findet eine gesellschaftliche Umverteilung von reich zu arm mittels Erbschafts-, Vermögens- und Einkommenssteuern sowie Kapitalgewinnsteuern etc. für sinnvoll und auch ein soziales und demokratische Europa sind für ihn erstrebenswert.“

    Es tut mir leid, aber ein socher Gutmensch sollte dennoch darüber nachdenken, ob er in seine bequemlichkeitslinken Welt vielleicht den einen oder anderen Wirkzusammenhang, den die Umsetzung linker Ideologien in der Geschichte aufgezeigt hat, in seine kuschlige kleine Welt einlässt und berücksichtigt. Und wenn ihn das verängstigen oder verstören sollte, dann sollte er versuchen, die Informationsbasis soweit zu verbreitern, dass er seine (dann nicht mehr ganz so kuschlige) Welt wieder ins Gleichgewicht zurückkehrt.

    Nur weil es passive Mitläufer gibt, die sich auch als „links“ identifizieren und die sagen „Oh, so ein Steineschmeißer, der kann aber nicht mit mir verwandt sein, dass hat nichts mit mir zu tun.“ kann man nicht kühn schlussfolgern, das die Gewalt, die sich in HH entladen hat nichts mit der vertretenen Ideologie zu tun hat. Vielleicht hat der Bequemlichkeitslinke nichts mit Gewalt am Hut, das heißt aber nicht, dass das ideologische Weltbild, dem er lau anhängt nicht diese Saat in sich trüge.

    Ein Fascho im Anzug kommt doch auch nicht damit durch, einfach zu sagen: „Also die Jungens, die der Oma die Einkäufe erledigen, die vertreten meine Ideologie, aber diese kahlgeschorenen Krawallbrüder, das sind keine ordentlichen Rechten, dass sind Verbrecher und linke Chaoten!“

    Ich verstehe nicht, wie dieses Narrativ überhaupt rechtfertigen kann ohne sich komplett lächerlich machen zu wollen.

    • Wie ich bereits erwähnt hatte: Der Idiotie „Kampf gegen rechts“ gesellt sich die Idiotie „Kampf gegen links“. Pol Pot, Stalin, Kim Jong Un, Willy Brandt, alles ein und dasselbe, links nämlich. Hitler, Pinochet, Franco, Mussolini, Merkel, alles ein und dasselbe, rechts nämlich. Das kommt davon, wenn man gerade mal eine einzige Unterscheidung kennt, die zwischen links und rechts. Ersetzt für manchen „gut“ und „böse“.

      • Eine Aufnahme des „Kampfes gegen Links“ ist nicht meine Intention. Davon halte ich nichts. Aber der Hinweis auf die Gräultaten, die linke Regime im Namen der zugrundeliegenden Ideologie bereits verübt haben, ist in meinen Augen durchaus geeignet, die vorschnelle Entschuldung, die durch „Wer Gewalt gegen Menschen anwendet, kann nicht links sein!“ versucht wird, wirksam zu entkräften.

        Ich möchte, das gleiches Verhalten auch gleich gewertet wird. Und wenn ein linker Mob Straßenzüge verwüstet, dann müssen sich verbale Brandstifter wie Stegner und Co. auch fragen lassen, was ihr Beitrag dazu war. Die gleiche Frage bekommt Herr de Maiziere (selbst, wenn nur Gewalt gegen Dinge stattgefunden hat) nämlich auch gestellt, wenn er von Leitkultur und harten Durchgreifen spricht und ein kahlgeschorener Mob irgendwo einen „Selbstschutz“ durchgeführt hat.

        Ein Rückzug auf „Ich habe es doch nur gut gemeint!“ lasse ich da nicht gelten. Erich Mielke hat nach eigenem Dafürhalten auch alle Menschen geliebt (und im Sinne von Dostojewskis „Großinquisitor“ glaube ich ihm das sogar).

        Das Ankleben von kleinen Zetteln, auf denen „Nazi“ zu lesen ist, auf allen, die aus einer Diskussion ausgeschlossen werden sollen (ob als Diskutanten oder, wie jetzt beim Scharzen Block in HH, als Thema) ist schon zu lange als valider Diskussionsbeitrag von Linken akzeptiert worden. Dadurch sind zumindest die Gestalten, die öffentlichkeitswirksam am Diskurs teilnehmen sehr argumentationsfaul geworden. Es wird Zeit, ihnen Gelegenheit zu geben, die grauen Zellen wieder etwas in Schwung zu bringen. Wenn das geschieht, lösen sich die argumentativen Verkrampfungen von ganz allein.

  • Mark Smith schrieb:

    „Die durchaus hochkriminellen, anarchistischen Banden im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts etwa,“

    sind allerdings bereits damals aus anarchistischer Perspektive scharf kritisiert worden.

    Dass es sich bei den Anhängern der Ideologie des „Illegalismus“, die hier offenkundig gemeint sind, um eine winzige, ideengeschichtlich und sozialgeschichtlich bedeutungslose Minderheit handelte, mit der die überwältigende Mehrheit der Anarchisten der damaligen Zeit nichts am Hut hatte, hatte ich ja oben bereits erklärt.

    Der Anarcho-Kommunist Errico Malatesta (1853 – 1932), einer der einflussreichsten Aktivisten und Theoretiker des Sozial-Anarchismus, veröffentlichte 1913/1914 drei Texte, in denen er der Ideologie des „Illegalismus“ sowie amoralischen Tendenzen allgemein jede Legitimation durch den Anarchismus absprach.

    Die Texte wurden dann später unter dem Titel „Der individualistische Amoralismus und die Anarchie“ zusammengefasst und können hier gelesen werden:

    https://anarchistischebibliothek.org/library/errico-malatesta-der-individualistische-amoralismus-und-die-anarchie

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