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Hamburg: Lauter Unschuldige und ihre Gewalt

geschrieben von: Lucas Schoppe

Die Gewalt in Hamburg ist auch das Ergebnis einer gestörten sozialen Kommunikation, an der ganz unterschiedliche Gruppen beteiligt sind – auch, aber nicht nur Linke. Ein Paradebeispiel dafür ist die No-Hate-Speech-Kampagne. 

 

Die Braune Flora und „ejakulierende Wasserwerfer“

Sigmar Gabriel erkannte es schnell: Die Täter von Hamburg und ihre Verwüstungen seien „überhaupt nicht von Neonazis und deren Brandanschlägen zu unterscheiden.  Heiko Maas hingegen fand, es seien „asoziale Schwerstkriminelle“.  Dass der Außenminister hier aus der Roten Flora kurzerhand eine Braune Flora machte, und dass der Justizminister den Tätern der Einfachheit halber gleich jede politische Motivation absprach, hatte natürlich einen einfachen Grund: Die organisierte politische Schwerstkriminalität von Hamburg bringt auch eine demokratische Linke in Schwierigkeiten, die sich von der tonangebenden autonomen Szene zuvor niemals klar distanziert hatte.

Besonders skurril zeigt sich die Hilflosigkeit einer etablierten Linken im Umgang mit der Hamburger Gewalt daran, dass ihr wieder einmal ausgerechnet alte Geschlechterklischees zum letzten Rückzugsort werden. Elsa Koester entdeckt für das Neue Deutschland in der Hamburger Gewalt eine „unkontrollierbare nihilistische Gewaltmasturbation“, hat vorher schon über ejakulierende Wasserwerfer fantasiert und berichtet darüber, dass sich die Aggression tatsächlich „auch an Frauen“ entladen habe. Ganz egal, dass auch viele Frauen an der Gewalt beteiligt waren, – die Gewalt war männlich und sexistisch, was ja schon dadurch bewiesen wird, dass Frau Koester bei Wasserwerfern an Ejakulationen denkt.

Hamburg, Rauch und Wolken

Rechtsradikale, Schwerkriminelle, Männer gar – aber ganz bestimmt keine Linken: Diese plötzliche umfassende Exkommunikation der Autonomen sichert die Überzeugung, die Ralf Stegner auf die kurze Formel fasst, dass Gewalt prinzipiell nicht links, sondern rechts sei.

Das vollzieht unglücklicherweise eben die Denkstrukturen nach, die für die ideologische Vorbereitung der Hamburger Verwüstungen wohl unverzichtbar waren: Die Einteilung der politischen Landschaft in die Guten und die Bösen – die feste Überzeugung, selbst zu den Guten zu gehören – und die Abdichtung dieses Musters gegen Irritationen aus der empirischen Realität.

Wenn die Medienberichte einigermaßen stimmen, dann begingen die Marodeure gleich reihenweise Mordversuche an Polizisten. Die Gewalt war so massiv, dass nach einem FAZ-Bericht gleich mehrere Einheiten der Polizei Einsatzbefehle verweigerten, um ihr Leben zu schützen.  Mehrere Zeitungen berichteten beispielsweise von Rostocker Autonomen, die im Vorfeld dabei aufgeflogen waren, dass sie Feuerlöscher mit Bitumen gefüllt hatten – offenbar hatten sie geplant, Polizisten anzuzünden.

Solche enthemmte Gewalt gegen eine bestimmte Gruppe setzt voraus, das die Angehörigen dieser Gruppe nicht mehr als Mitmenschen wahrgenommen werden, sondern als Fremde, als Feinde, als ANDERE, die das EIGENE bedrohen. Von einem „faschistoiden Gewaltrausch“  schreibt die FAZ, in den keineswegs nur „der gewalttätige Kern der Linksradikalen“ geraten sei. Wenn übliche soziale Hemmungen erst einmal niedergerissen sind, können viele einsteigen – von realen Rechtsradikalen bis hin zu Opportunisten, die sich plündernd mit kostenlosen Waren eindecken.

Wenn Norbert Elias Recht hat, dann ist der „Selbstwang“ ein wesentliches Element des Lebens in der Zivilisation: Wir beherrschen uns – wenden unsere Energie auf, um unsere eigene Energie zu kontrollieren und zu hemmen – wir koordinieren unser Handeln mit anderen uns müssen daher immer wieder von unserer eigenen Perspektive abrücken, um die Situation auch aus ihrer Perspektive nachzuvollziehen. Nicht einmal aus moralischen, sondern aus ganz praktischen Gründen nehmen wir dabei Menschen als Mitmenschen wahr.

Ein wesentliches Versprechen des Faschismus hingegen war und ist es, seine Anhänger von diesem Selbstzwang zu befreien – die eigene Energie nicht hemmen und kontrollieren zu müssen – in der eigenen Perspektive bleiben zu können. Vor allem: andere eben nicht mehr als Mitmenschen wahrnehmen zu müssen, sondern sie auslöschen zu können, wenn sie die Heiligung des EIGENEN stören.

Auch die bewusst mörderische Gewalt gegen Polizisten folgt diesem faschistischen Versprechen. Gerade weil sie in ihrer Konsequenz aber radikal amoralisch ist, braucht sie eine permanent moralisierende Begründung – eine Ideologie, die beständig sauber die Guten (das sind wir) von den Bösen scheidet.

 

Herr Augstein, übernehmen Sie!

Das ist auch ein Ergebnis von erheblichen Störungen einer sozialen Kommunikation. Unterschiedliche politische Milieus stehen jeweils in einem intensiven internen Austausch, nehmen aber störende Informationen von außen kaum wahr – oder sie definieren sie um, als Ausdruck von Machtinteressen, als Symptom einer Verhetzung, als Dummheit.

Wir sehen dabei nicht nur die jeweils anderen verzerrt – wir nehmen auch uns selbst, in unserer sozialen Position, nicht wahr.

Jakob Augstein hatte noch am Donnerstag der Ausschreitungen geschrieben, dass der Preis für den G20-Gipfel in die Höhe getrieben werden „muss“ – und er hatte zugleich Polizisten wie Hunde dargestellt, die auf Demonstranten „losgelassen“ würden. Ein offenes Liebäugeln mit möglichst extremer Gewalt, bei der er die Verantwortung für die eigene Gewaltneigung keineswegs übernimmt, sondern sie im selben Zug der Polizei zuschiebt.

G20 in Hamburg

Augstein agiert in einer radikal außergewöhnlichen ökonomischen Position. Allein die Anteile der Augstein-Erben am Spiegel werden auf etwa 160 Millionen Euro taxiert, was durch vier geteilt für jeden etwa 40 Millionen bedeutet. Angesichts dieser Privilegien lebt Augstein in einem ökonomischen, sozialen und medialen System, das ihm so selbstverständlich und unmerklich zuarbeitet, dass er sich selbst überhaupt nicht mehr als Teil dieses Systems wahrnehmen muss.

Das legt ein Missverständnis nahe – nämlich womöglich eine Position außerhalb des „Systems“ einnehmen zu können, von der aus dann überhaupt erst eine gültige kritische Analyse der Gesellschaft möglich wäre. Was sich mit diesen Voraussetzungen aber als „links“ ausgibt, ist eigentlich eine aristokratische Position: Die eigenen Privilegien sind so selbstverständlich, dass sie gar nicht mehr als Produkt der Arbeit anderer wahrgenommen werden.

In einer traditionellen linken Logik wäre es leicht festzustellen, dass Augstein schlicht Klasseninteressen verfolgt, derer er sich nicht einmal bewusst sein muss: Es schützt seine Interessen, wenn kleinbürgerliche Gruppen anderen Kleinbürgern marodierend die ökonomischen Grundlagen zerstören, anstatt dass sie gemeinsam ihre Interessen formulieren würden. Ebenso schützt es auch den G20-Gipfel vor naheliegender Kritik, wenn angesichts der Bilder von Verwüstungen überhaupt nicht über die dramatischen sozialen Ungerechtigkeiten gesprochen wird, die durch diesen Gipfel repräsentiert werden.

Daher wäre das einmal eine gute Geste: Wenn Augstein einen Teil seines Vermögens einsetzen würde, um Kosten zu übernehmen, die durch die Gewalttaten entstanden sind. So sehr die Eskalation auch in der Logik seines eigenen Tweets lag, mag es ja immerhin sein, dass er mittlerweile selbst davon erschrocken ist.

Fehler einzuräumen – Verantwortung zu übernehmen – zu versuchen, etwas zu reparieren: Es ist schräg, dass uns solch ein ziviles Basisverhalten ganz unwahrscheinlich erscheint, während es uns zugleich ganz normal vorkommt, gewaltnahe Belehrungen eines Multimillionärs als wichtige Beiträge zu linker Politik zu interpretieren.

Es gibt keine Position außerhalb der Gesellschaft, auch keine „linke“, auch keine utopische. Weder für Augstein, noch für Autonome. Wer sich für größere soziale Gerechtigkeit einsetzen möchte, und wer diese Gesellschaft analysieren möchte, hat eigentlich nur eine Möglichkeit: Er muss die Verständigung suchen. Das bedeutet, die eigene Perspektive mit der Perspektive anderer zu konfrontieren, abzugleichen und womöglich zu vermitteln, so dass alle Perspektive hinterher weiter und reicher sein können als vorher.

 

Bis einer heult. Wie man richtig gegen den Hass kämpft

Wir erleben im Netz, aber auch in den Leitmedien zur Zeit eben das Gegenteil davon – das absurde laute Nicht-Gespräch zwischen Wolfgang Bosbach, Jutta Ditfurth und anderen bei Maischberger ist nur ein besonders spektakuläres Beispiel. Bosbachs taktisch unkluges Verlassen der Sendung drückt die Logik der Nicht-Kommunikation gleichwohl sehr genau aus: Da es gemeinsam nicht mehr weiter geht, muss einer weg.

Das eben ist ein Resultat von Debatten, in denen andere bestenfalls als Gegenstand des Gesprächs, aber nicht als Gesprächspartner wahrgenommen werden. Das, was als Debatte inszeniert wird, ist dann tatsächlich nur ein Selbstgespräch für mehrere Stimmen. Bis einer heult.

Wer sich in diesen Freund-Feind-Strukturen dann doch einmal an die andere Seite richtet, der macht das in Beschimpfungen oder mit Drohungen. Bei Twitter sammelt ein User öffentliche Tweets, die sich an Ditfurth richten, und dokumentiert sie in einer zehnteiligen Tweet-Reihe.  Es reicht den Dokumentierten nicht, ihre Meinung einfach furchtbar zu finden und das zu formulieren – Ditfurth müsse natürlich auch ins „Zuchthaus“, in die „Psychiatrie“, gehöre „ausgewiesen“, wäre „linker Abschaum“, und so weiter.

Es mag ja sein, dass solche Härten immer schon an Stammtischen ausgetauscht wurden, aber es ist eben ein Unterschied, wenn sie heute ganz öffentlich sind und auch die Personen erreichen, die angegriffen werden.

Es ist daher verständlich, dass es heute eine No Hate Speech-Kampagne gibt, die sich eben gegen solche Aggressionen richtet. Leider ist diese Kampagne aber ein Paradebeispiel dafür, was in unserer sozialen Kommunikation nicht stimmt.

Die Kampagne konzentriert sich nämlich nicht darauf, gemeinsame Grenzen dessen vorzuschlagen, was wir uns gegenseitig um die Ohren hauen. Eher geht es ihr darum, bestimmten Positionen – von der feministischen Kritik am muslimischen Kopftuch bis zur Kritik am Feminismus – „Hass“ als Motivation zu unterstellen. Der Begriff „Hass“ wird hier offensichtlich zur Chiffre für Meinungen, die von den Machern der Kampagne global als „rechts“ eingestuft werden.

Damit hat die Kampagne aber auch schon eine Position eingenommen, mit der sich eine demokratische Linke nach den Hamburger Verwüstungen gerade in die Wagenburg manövriert hat: „Das hat nichts mit uns zu tun.“ Wenn Ralf Stegner schreibt, dass anständige Linke mit Gewalt nichts zu tun hätten, Rechten die Gewalt aber in der „politischen DNA“ stecke, dann ist die Abschottung allzu offensichtlich: Gewalt ist rechts – Gewalt gegen Rechte ist schlimmstenfalls Notwehr – und wer rechts ist, bestimmen wir.

Das wiederum ruft dann natürlich sofort Gegenpositionen auf den Plan, in denen Gewalt links ist und Gewalt Rechter weit übertrieben, ja aufgebauscht werde.

Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Wer die offene soziale Kommunikation blockiert, der schafft auf BEIDEN Seiten der Blockade in sich abgeschlossene Strukturen. Er kann dann die Abschottung sogar wahrnehmen und analysieren, aber immer nur bei den jeweils anderen: Rechte nehmen richtig wahr, dass Linke im eigenen Saft schwimmen, und Linke stellen richtig fest, dass Rechte sich in abgeschotteten Blasen verständigen – aber weder die einen noch die anderen merken, dass sie Teil eines gemeinsamen Problems sind. Gemeinsam mit denen? Niemals…

So werden dann von beiden Seiten die Blockaden der öffentlichen Kommunikation zwar wahrgenommen, aber konsequent ausgerechnet auf eine Weise, die diese Blockaden noch zementiert.

Die No Hate Speech-Kampagne ist dafür ein so klares Beispiel, dass ich mir manchmal ernsthaft überlegt habe, ob sie nicht doch ein satirisches Projekt ist. Auf der Kampagnenseite wird dem Gegner nicht nur Hass unterstellt, die eigene Position wird auch durch ein Herzchen symbolisiert.

Die Symbolik der No Hate Speech-Seite lässt keinen Zweifel daran, wer hier die Guten sind.

Das ist wohl die primitivste aller möglichen Vereinfachungen einer politischen Situation, die von vielen widersprüchlichen, jeweils aber mehr oder weniger legitimen Interessen bestimmt und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen wird: Wir stehen für die Liebe – die anderen stehen für den Hass!

Die ganze unübersichtliche Komplexität einer hochmodernen Massengesellschaft wird auf eine simple Gegenüberstellung heruntergekocht. Von der wiederum bleibt nur eine Seite übrig – denn wenn wir gewinnen, die Hassenden aber verschwinden, dann ist ja endlich alles gut. Dass allermoralischste, was wir überhaupt tun können, ist: nur uns wahrzunehmen.

Es ist kein Zufall, sondern nur konsequent, dass solche Strukturen in Gewalt münden. Die Hamburger Gewalt ist lediglich ein Beispiel dafür: Die Autonomen, die hier zivile Grenzen niedergerissen haben, sehen sich selbst ja nicht als nihilistische gewaltgierige Arschlöcher an, sondern als Menschen, die für die Möglichkeit eines humanen Lebens mutig gegen inhumane Strukturen kämpfen. Natürlich stört es Donald Trump recht wenig, wenn der Kleinfamilie im Schanzenviertel der dringend benötigte Wagen abgefackelt wird – aber da der Kampf des Guten gegen den Hass eine solch überragenden Bedeutung hat, muss dann über solche Kleinigkeiten schon einmal hinweggesehen werden.

Die Brutalität der Gewalt ist so auch das Resultat einer gestörten gesellschaftlichen Kommunikation, in der andere Menschen bestenfalls als Gegenstand eigener Aussagen, aber nicht als Gesprächspartner vorkommen. Das Resultat ist ein mehrfacher Verlust: Andere Menschen werden nicht als Mitmenschen wahrgenommen – die eigene soziale Position wird nicht wahrgenommen, weil sie in keinem realen Bezug zu anderen steht – und die Welt wird nicht wahrgenommen, weil die Erfahrung fehlt, dass wir uns bei aller Unterschiedlichkeit der Perspektiven doch auf eine gemeinsame Welt beziehen.

Auch die No Hate Speech-Kampagne ist vor allem und grundsätzlich eine No Speech-Kampagne – die Unterstellung des Hasses dient einfach dazu, die Störung der Kommunikation zu legitimieren. Anstatt also solch eine verrückt-anmaßende Kampagne zu finanzieren, müssten Geld und Intelligenz in die Förderung offener Debatten investiert werden. Es könnte allerdings sein, dass diejenigen, die mit Privilegien leben, daran überhaupt kein Interesse haben: Denn zementierte Strukturen bewahren Privilegien, offene Debatten aber bringen Verhältnisse in Bewegung, womöglich gar zum Tanzen.

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