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„Gender raus!“ Eine Broschüre zu Antifeminismus und Gender-Kritik

geschrieben von: Mark Smith

Die Heinrich-Böll-Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung haben vor zwei, drei Tagen eine Broschüre unter dem Titel „‘Gender raus!‘ Zwölf Richtigstellungen zu Antifeminismus und Gender‑Kritik“ herausgegeben. Verfasserin ist die Geschlechterforscherin und Polit-Aktivistin Franziska Schutzbach, mit der ich mich hier auf man tau bereits mehrfach auseinandergesetzt habe. Nachfolgend eine Auseinandersetzung mit den mir wichtigsten Inhalten der Broschüre.

Angriffe und Behauptungen

 In der Broschüre steht:

Angriffe gegen Feminismus, Gleichstellungspolitik, sexuelle Selbstbestimmung und Geschlechterforschung haben stark zugenommen. Die vorliegende Broschüre gibt Anregungen, wie Behauptungen richtiggestellt werden können. (S. 0)

Bemerkenswert sind hier die zwei Wörter „Angriffe“ und „Behauptungen“. Das Wort Angriff stammt ja insbesondere aus dem Militärwesen (Bombenangriff, Fliegerangriff, Raketenangriff etc.) und damit ist klar, um was es geht: Der Feminismus, die Geschlechterforschung oder die Gleichstellungspolitik wird von Gegnern oder Feinden angegriffen;  es herrscht Krieg. Es geht hier demzufolge nicht einfach um Kritik, sondern um viel mehr. Und wer angegriffen wird, der muss sich natürlich schützen und ist ev. desgleichen ein Opfer. Und offenbar behaupten diese Gegner des Feminismus bloß, dementsprechend ist keine Substanz hinter ihrer Kritik, was nun selbstverständlich richtiggestellt werden muss.

Rechtspopulistische, christlich-fundamentalistische und liberale Kräfte

In der Broschüre steht:

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es grundsätzlich möglich ist, das eigene Leben auf vielfältige Art und Weise zu gestalten: So ist zum Beispiel gleichgeschlechtliche Liebe weitgehend akzeptiert, Frauen und Männer sind gesetzlich gleichgestellt und können im Prinzip entscheiden, wie sie leben wollen. Allerdings werden diese Errungenschaften von rechtspopulistischen und christlich‑fundamentalistischen Kräften, aber auch aus der liberalen Mitte heraus, zunehmend bekämpft oder infrage gestellt. Es gilt, dem etwas entgegenzusetzen und für Freiheit und Selbstbestimmung einzutreten. (S. 1)

Kritik am Feminismus, Gender-Mainstreaming, Geschlechterpolitik etc. kommt ja nicht allein aus rechtspopulistischen, liberalen und christlich-fundamentalistischen Kreisen, sondern ebenso von linken Protagonisten. Das dürfte den Verfasserinnen der Broschüre gewiss nicht entgangen sein, aber vermutlich aus taktischen Gründen verzichtet man offenbar lieber darauf, dies zu benennen, zumal das vermutlich an das Selbstverständnis der Verfasser kratzen würde (was nicht sein darf, kann nicht sein) und ein einheitliches/r Feindbild bzw. Gegner (sind ja nur Rechtspopulisten, Fundamentalisten und Liberale) dürfte dann nur schwerlich zu konstruieren sein. Überdies: Ich würde behaupten, die liberalen und linken Protagonisten, die den Feminismus u.a. kritisieren, dürften dies ebenfalls im Namen von Selbstbestimmung und Freiheit tun, aber offenbar haben diese ein anderes Verständnis von Freiheit und Selbstbestimmung als gewisse Feministinnen und Geschlechterpolitiker.

Anti-Gender-Hetze

In der Broschüre steht:

Nicht nur die Hetze gegen den Feminismus oder die Kritik an feministischen Anliegen wie Lohngleichheit, Recht auf Abtreibung, sexuelle Selbstbestimmung oder Quoten haben zugenommen. (S. 1)

Hetze gegenüber Kritikern des Feminismus u.a. gibt es nicht? Also alle brav, lieb und nett? Das dürfte es doch hüben wie drüben geben diese Hetze. Sich hier einfach als unschuldiges Opfer darzustellen, wird der Sache sicherlich nicht gerecht. Auch hier müsste man repräsentative empirische Studien haben, um Genaueres sagen zu können.

In der Broschüre steht:

Im Unterschied zu diesen wichtigen Auseinandersetzungen ist jedoch das Ziel von Anti-Gender-Hetze und Antifeminismus, falsche Informationen zu geben, Hass zu schüren und gezielt Feindbilder aufzubauen. Diese Broschüre trägt einige der falschen Behauptungen zusammen, stellt sie richtig und formuliert auch Gegenargumente. (S. 1)

Das ist einfach einmal eine Behauptung: was natürlich empirisch mit repräsentativen Studien belegt werden müsste, dass Antifeministen das Ziel haben, falsche Informationen zu liefern, Hass zu schüren oder gezielt Feindbilder aufbauen. Sicherlich dürfte es solche Personen geben, aber es stellt sich immer die Frage, wie repräsentativ diese Personen für die gesamte Population sind.

Auch hier müsste man sich immer fragen, ob nicht desgleichen „der“ Feminismus et al. Falschinformationen liefern, Hass schüren oder gezielt Feindbilder aufbauen?!

Gender-Mainstreaming und Gleichstellung der Geschlechter

In der Broschüre steht:

Richtig ist Gender Mainstreaming ist eine Strategie zur Förderung der Gleichstellung aller Geschlechter. Ziel ist es, Chancengleichheit als durchgängigen Aspekt in alle Politikfelder einzuziehen. Die Vorstellung, Gender Mainstreaming würde Menschen »gleichmachen«, ist falsch. Gender Mainstreaming zielt darauf, möglichst unterschiedliche Lebenssituationen und Interessen von Frauen, Männern und allen Geschlechtern zu berücksichtigen. Dabei wird nicht in das private Leben eingegriffen, sondern Diskriminierung im Handeln von Politik, Behörden und Institutionen vorgebeugt.5 Praktisch bedeutet dies im öffentlichen Bereich, dass Entscheidungen und Strukturen von Institutionen, Gremien, Behörden daraufhin geprüft werden sollen, welche Auswirkungen sie auf die konkreten Lebenssituationen von Menschen haben. Jedoch ist faktisch Gender Mainstreaming in vielen politischen Bereichen nicht durchgesetzt worden. (S. 6)

Die Frage würde sich hier vorerst stellen, was unterscheidet Gleichstellung von Chancengleichheit bzw. Gleichberechtigung? Weshalb werden überhaupt unterschiedliche Begriffe gebraucht? Gegen Chancengleichheit oder Gleichberechtigung haben vermutlich die meisten Kritiker von Gender und Feminismus et al. nichts. Wenn jedoch mit Gleichstellung Ergebnisgleichheit gemeint ist, unabhängig von Fähigkeiten und Leistungen der jeweiligen Personen oder von demokratischen Entscheidungen etc., dann kann mit Gleichstellung die Chancengleichheit ausgehebelt werden. Wenn beispielsweise gewisse Frauenverbände fordern, man müsse ev. Quoten oder Paritätsgesetze bei demokratischen Entscheidungen einführen, damit Frauen mindestens mit 40% in der Exekutive oder Legislative vertreten sind, dann ist das eine höchst demokratiefeindliche Forderung. Es ist jedem Bürger selbst überlassen, ob er lieber eher Frauen oder Männer in diese politischen Gremien wählen möchte, zumal Frauen über 50% der Wahlberechtigten ausmachen und sie es vollständig selbst in der Hand haben, ob der Frauenanteil höher oder niedriger als 50% ist.

Ähnliches gilt für privatwirtschaftliche Firmen, Unternehmen und Betriebe, wenn es um die sogenannte „Gläserne Decke“ geht (unterschiedliche Studien kommen übrigens zu unterschiedlichen Ergebnissen, ob es diese überhaupt gibt bzw. nicht gibt). Schlussendlich sind die Inhaber dieser Firmen für den Erfolg oder Misserfolg des Geschäftsganges verantwortlich und nicht irgendwelche Feministinnen oder Gleichstellungsbeauftragte. Deshalb ist nicht einzusehen, weshalb der Staat Privatunternehmen bei der Personalauswahl reinreden sollte, wenn dieser dann keine Verantwortung für den Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens übernimmt. Wenn Frauen den Eindruck haben, dass sie in der Privatwirtschaft bei der Besetzung von Kaderstellen diskriminiert werden, dann können sie ja selbst ein Unternehmen, eine Firma oder einen Betrieb gründen, sich demzufolge selbstständig machen. Sie stoßen dann auch an keine „Gläserne Decke“ mehr (ob diese real oder bloß imaginiert vorhanden ist) und können freiwillig Quoten einführen. Aber auch diejenigen Männer, die selbstständig sind und ein Unternehmen führen und Quoten gut finden, dürfen freiwillig Quoten einführen, falls sie das wünschen. Man stelle sich mal vor: Wenn alle Linken, alle Frauen und alle Feministinnen bzw. Feministen freiwillig Quoten bei ihren Betrieben einführen, dann wäre ja auch schon viel erreicht und die Linken, die Frauen und Feministinnen könnten erst noch mit gutem Beispiel vorangehen und einen Tatbeweis abliefern, dass sie auch das umsetzen, was sie von anderen immer verlangen.

Staatlicher Zwang und Gleichmacherei

In der Broschüre steht:

Hintergrund Seit vielen Jahren verbreiten christlich-fundamentalistische, konservative und rechtspopulistische Kreise falsche Bilder von Gender Mainstreaming als staatlichem Zwang und verbinden damit die Forderung, die Gesellschaft müsse von Gender »befreit« werden. Die Kritiker*innen positionieren sich oft selbst als Befreier*innen und legen nahe, dass die von ihnen befreiten Menschen wieder richtige, das heißt traditionelle Frauen und Männer oder Familien seien. Genau genommen sind es also die Anti-Gender-Akteur*innen selbst, die »gleichmachen« wollen, weil sie nur bestimmte Lebensweisen als Norm akzeptieren. (S. 6)

Auch liberale und linke Protagonisten üben Kritik an Gender-Mainstreaming, es sind dies somit keineswegs bloß fundamentalistische, konservative oder rechtspopulistische Kreise.

Wenn beispielsweise der Staat nur Fremdbetreuung (Kitaplätze) subventioniert und nicht auch die Selbstbetreuung der Kinder durch den Vater oder die Mutter (also eher traditionelles Familien- und Arbeitsmodell), dann wird hier eben doch ein bestimmtes Familien- und Arbeitsmodell transportiert und zementiert, das die freie Wahl und das traditionelle Familienmodell erschwert. Das ist ja genau ein Aspekt, der Birgit Kelle vertritt und der dann offenbar als antiquiert oder antifeministisch gebrandmarkt wird, was es zumindest in diesem Fall überhaupt nicht ist.

In der Broschüre steht:

Geschlechtergerechtigkeit und das völkerrechtliche Diskriminierungsverbot sind Leitprinzipien des Gender Mainstreaming. Gleichstellung soll damit tatsächlich verwirklicht werden. Menschen sollen mehr Möglichkeiten haben als das, was aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres Geschlechts gesellschaftlich nahezuliegen scheint. Anders ausgedrückt: Arbeiter*innenkinder sollen nicht Arbeiter*innenkinder bleiben müssen; Frauen sollen sich, weil sie Kinder gebären können, nicht allein auf die Mutterrolle festlegen müssen. Väter sollen nicht Ernährer sein müssen. Bildungsinstitutionen stellen deshalb z. B. Bedingungen her, unter denen auch Mädchen sich für Naturwissenschaften begeistern können und Jungen für soziale Berufe. Oder es werden Arbeitszeitmodelle gestaltet, die es allen ermöglichen, Familien- und Erwerbsarbeit zu verbinden. (S. 7)

Das hört sich alles gut und nett an und gegen Gleichberechtigung und Chancengleichheit haben die meisten Kritiker von Gender-Mainstreaming, Gender und Feminismus sicherlich nichts einzuwenden. Problematisch wird jedoch der Begriff der Gleichstellung (vielfach auch „tatsächliche Gleichstellung“ genannt) dann, wenn dieser nämlich davon ausgeht, dass Benachteiligung und Diskriminierung erst dann ein Ende hat, wenn Ergebnisgleichheit in Führungspositionen, sei dies in der Gesellschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft oder bei der paritätischen Arbeitsteilung in der  Care-Arbeit und der Erwerbsarbeit hergestellt ist. Nur heißt fehlende Ergebnisgleichheit keineswegs, dass irgend eine Diskriminierung eines Geschlechts vorliegen muss, und es heißt desgleichen nicht, dass, wenn Ergebnisgleichheit herstellt wäre, keine Diskriminierung mehr vorhanden wäre. Es ist nicht einsehbar, weshalb unterschiedliche Populationen nicht ebenso unterschiedliche Präferenzen herausbilden können. Es gibt viele gute Gründe dafür, die mit keiner Diskriminierung verbunden sind, weshalb Männer in Führungsgremien zahlreicher vertreten sind im Vergleich zu Frauen. Es ist ja nicht intelligibel, weshalb zwischen gewissen Populationen nicht unterschiedliche Präferenzen aus einem selbst gewählten Willen entstehen können, aber innerhalb einer Population dies sehr wohl möglich ist. Alle diese Überlegungen klammert die feministisch inspirierte Geschlechterpolitik vielfach aus. Sie sieht bloß, dass primär in lukrativen Stellen und Gremien keine Ergebnisgleichheit herrscht und reklamiert empört Diskriminierung sowie Benachteiligung, die nun schleunigst behoben werden müssen. Dass diese nicht vorhandene Ergebnisgleichheit überhaupt nicht mit Diskriminierung zusammenhängen muss, wird jedoch mehrheitlich ausgeklammert bzw. nicht thematisiert.

Wenn Feministinnen sich nun darüber mokieren, dass die Care-Arbeit mehrheitlich von Frauen verrichtet wird, dann ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sie Rahmenbedingungen fordern, die dafür sorgen, dass beispielsweise Männer wie Frauen Teilzeit arbeiten können oder es einen Mutter- und Vaterschaftsurlaub gibt, damit die Möglichkeit besteht, dass die Care-Arbeit paritätisch aufgeteilt wird. Es geht jedoch den Feminismus und den Staat nichts an, ob die Care-Arbeit dann weiterhin nicht paritätisch zwischen den Geschlechtern aufgeteilt wird, zumal dies eine private Angelegenheit zwischen den Menschen ist, die zusammen einen Haushalt führen oder eine Familie bilden. Es wird ja keine Frau dazu gezwungen, mit einem Mann im selben Haushalt zu wohnen – ist alles freiwillig.

Sexuelle Gewalt

In der Broschüre steht:

Die Gründe, weshalb Männer Frauen belästigen oder sie als minderwertig ansehen, sind vielfältig, ebenso die Formen sexualisierter Übergriffe. Übergriffe auf öffentlichen Plätzen sind eine Form. Eine andere sind die viel seltener beachteten Übergriffe innerhalb der Familie. (S. 8)

In Wahrheit erfährt jedoch jede dritte Frau in Europa körperliche oder sexuelle Gewalt; in Deutschland wird fast jede siebte Frau im Laufe ihres Lebens vergewaltigt.9 Viele Betroffene sind geflüchtete Frauen und Migrantinnen. Zentrale Ursachen von Gewalt sind mangelnder Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen, beengte Lebenssituationen (wie in Flüchtlingsunterkünften) und/oder ökonomische Abhängigkeit. Die kann dazu führen, dass Frauen gewaltvolle Beziehungen nur schwer verlassen können. (S. 9)

Was hier leider fehlt, ist die Tatsache, dass Frauen auch Männer belästigen oder Männer Männer belästigen und Männer beispielsweise bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz nach einer neueren Studie aus der Schweiz ähnlich oft betroffen sind wie Frauen.

Nach neueren internationalen Studien sind Männer von sexueller Gewalt ähnlich oft betroffen wie Frauen, auch diese Information fehlt an dieser Stelle leider und auch Frauen können Täterinnen sein. Außerdem sind, was schwere Straftaten anbelangt (Raub, Mord, Totschlag, Körperverletzung) Männer 1,5x häufiger betroffen als Frauen. Und genau diese vielfach fehlenden Informationen sind insbesondere bei einer feministisch inspirierten Geschlechterpolitik das Problem, dass bloß einseitig die Opferperspektive der Frauen thematisiert wird, die Opferperspektive der Männer vollständig ausgeblendet wird und nur Männer als Täter gezeigt und Frauen als Täterinnen vielfach gänzlich eskamotiert werden. Diese überwiegende Negierung von Männern als Opfer und Frauen als Täterinnen machen den Feminismus und die Geschlechterpolitik vielfach unglaubwürdig, zumal allein für das weibliche Geschlecht Empathie gezeigt oder medizinische und psychosoziale Hilfsangebote gefordert sowie politische und mediale Kampagnen durchgeführt werden.

Auch Männer können benachteiligt sein

 In der Broschüre steht:

Richtig ist Feminismus setzt sich für eine gerechte Gesellschaft für alle Geschlechter ein. Auch Männer können benachteiligt sein. Männer erfahren z. B. Abwertung wegen ihrer sexuellen Orientierung, durch Gewalt, Arbeitslosigkeit, gesundheitliche Probleme oder aufgrund vorherrschender Männlichkeitsnormen (z. B. stark, überlegen, beruflich erfolgreich sein zu müssen). Tatsächlich sind trotz bestimmter Nachteile diejenigen, die Macht und Vermögen besitzen, verteilen und repräsentieren, auch heute noch mehrheitlich Männer. (S. 12)

Es ist sicherlich erfreulich und der erste Schritt in die richtige Richtung bzw. zur Besserung, wenn hier ebenfalls Problemlagen von Männern thematisiert werden. Es dürfte außerdem richtig sein, dass Machtpositionen und Vermögen überdurchschnittlich in Männerhand sind, bloß muss dies, wie bereits weiter oben dargelegt, überhaupt nichts mit Diskriminierung zu tun haben, sondern kann insbesondere ebenso mit den unterschiedlichen Präferenzen von Frauen und Männern zusammenhängen. Natürlich kann man sich dann fragen, woher die unterschiedlichen Präferenzen herrühren. Wer diese jedoch bloss auf Sozialisation und soziale Strukturen reduziert, macht den Menschen gleichsam zu einem Reaktionsdeppen, der wie der Behaviorismus eine Reiz-Reaktions-Maschine als Menschenbild propagiert und einen freien Willen vollständig negiert.

Abwehr und frauenfeindliche Stimmungsmache

In der Broschüre steht:

Hintergrund Frauen mischen an vielen Orten zunehmend mit und bewegen sich in ehemals männlich dominierten Feldern. Bei vielen Männern löst die verstärkte weibliche Präsenz Unbehagen und Abwehr aus oder gar die Vorstellung, Frauen dominierten nun die Gesellschaft. Im Internet entladen manche Männer ihr Unbehagen mit systematisch frauenfeindlicher Stimmungsmache. (S. 12)

Das Gleiche dürfte doch auch für die Frauen zutreffen: Wenn Männer vermehrt in die Frauendomäne eindringen (Hausarbeit, Care-Arbeit etc.), dürfte dies bei gewissen Frauen ebenso Unbehagen und Abwehr auslösen. Das alles ist doch keine Einbahnstrasse: Auch Frauen werden vermutlich systematische männerfeindliche Stimmungsmache betreiben. Für diese Behauptung, dass eine systematische frauenfeindliche Stimmungsmache herrscht, fehlen übrigens jegliche empirisch repräsentative Studien, die genau das belegen, was die Autorin behauptet (die von der Autorin aufgeführte Studie von Robert Claus, dürfte keine unabhängige und objektive Studie sein, sondern primär interessengeleitet). Um sich hier also nicht auf das „Bauchgefühl“ zu verlassen und sich Spekulationen hinzugeben, müsste dies mittels umfangreichen empirischen Studien erforscht werden.

Männer dominieren in vielen Feldern

In der Broschüre steht:

Vergessen wird, dass in vielen Feldern bis heute Männer dominieren, vor allem in führenden Positionen. Bereiche wie Pflege, Kinderbetreuung oder Grundschule wiederum werden als »Frauenarbeit« wahrgenommen und infolgedessen geringer entlohnt.16 Feminismus kritisiert diese fortbestehenden Ungleichheiten und fordert eine gerechte Verteilung von Macht und Ressourcen. Kritik ist aber nicht Hass. (S. 12)

Die aufgezählten Berufe werden momentan auch von Frauen dominiert. Nur stellt sich die Frage, ob Berufe, in denen mehrheitlich Frauen beschäftigt sind, tatsächlich geringer entlohnt werden als Männerberufe und dies gleichsam auf Diskriminierung beruht, bloß weil einmal die Frauen und ein anderes Mal die Männer die Mehrheit in einer Berufssparte bilden. Der Lohn für einzelne Berufssparten dürfte mit vielen Faktoren zusammenhängen: Anforderungsprofil (Kompetenzen, Qualifikationen, Aufgabenbereich etc.), unregelmässige Arbeitszeiten (Tag- und Nachtschicht, Wochenenddienst), Angebot und Nachfrage nach der Dienstleistung oder den Produkten, Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt, gewerkschaftlicher Organisationsgrad etc. Ich selbst würde es befürworten, wenn insbesondere soziale, pädagogische, psychosoziale und medizinische/pflegerische Berufe besser entlohnt würden, die Frage ist einfach, ob die Gesellschaft dazu bereit ist, dies mitzutragen.

Feminismus als Kampf der Geschlechter?

In der Broschüre steht:

Vor allem Maskulist*innen und Männerrechtsgruppen haben in den vergangenen Jahren die Vorstellung verbreitet, Feminismus sei ein Kampf der Geschlechter gegeneinander und benachteilige Männer und Jungen. Auch Medien haben die Erzählung vom »benachteiligten Geschlecht« befeuert und geben dem Feminismus die Schuld an der »Krise der Männlichkeit«. Verbreitet wurde z. B. die falsche Meinung, Jungen schnitten schlechter in der Schule ab, weil dort vor allem Frauen unterrichten. (S. 12 f.)

Auch dies ist einfach eine Behauptung, die mit repräsentativ empirischen Studien belegt werden müsste und wenn möglich nicht von parteinahen Stiftungen oder feministisch inspirierten Gender Studies, zumal hier von einer Parteilichkeit ausgegangen werden muss, die keine „objektiven“ bzw. unabhängige Ergebnisse erwarten lassen. Als Quelle wird u.a. auf die FES-Studie von Robert Claus verwiesen, die von Kritikern des Feminismus et al. vielfach bemängelt wurden, wie hier beispielsweise.

Desgleichen müsste untersucht werden, wie feministische Protagonisten selbst an einem Kampf der Geschlechter mitgestrickt haben.

In der Broschüre steht:

Dabei wird unterschlagen, dass schulische Leistung nicht nur mit Geschlecht, sondern mit weiteren Faktoren wie (sozialer) Herkunft, Einkommenssituation der Eltern etc. zu tun hat. Es sind vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund, die es schwerer haben. (S. 13)

Ich denke nicht, dass hier von Kritikern des Feminismus et al. etwas unterschlagen wird, vielmehr dürfte es ein Ablenkungsmanöver der Autorin sein, um schulische Probleme von Jungs nicht thematisieren zu müssen. Es sind selbstverständlich nicht nur Jugendliche mit Migrationshintergrund, die es in der Schule besonders schwer haben, sondern desgleichen Jugendliche von Eltern, die wenig ökonomisches, kulturelles, soziales oder politisches Kapital besitzen. Abgesehen davon, dass Jungs insgesamt schlechtere Schulabschlüsse vorzuweisen haben als Mädchen und dieser Trend wird sich vermutlich in den nächsten Jahren fortsetzen bzw. eher noch schlimmer werden.

Frauen leben in schwierigen Bedingungen

In der Broschüre steht:

Richtig ist Die Situation von Frauen in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Sexismus, also Benachteiligung aufgrund des Geschlechts, ist jedoch nicht beseitigt. Viele Frauen leben weiterhin unter schwierigen Bedingungen, verdienen deutlich weniger als Männer, erfahren Sexismus am Arbeitsplatz sowie sexualisierte und/oder häusliche Gewalt. Auch Lesben, Schwule, Inter‑ und Transmenschen werden weiterhin diskriminiert. Und nicht zuletzt erleben auch Männer Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts. (S. 14)

Dass Frauen ökonomisch unter schwierigen Bedingungen leben, hat u.a. auch mit „sogenannter“ linker Politik der Grünen/Bündnis 90 und der SPD zu tun, diese haben nämlich mit der Agenda 2010 den größten Niedriglohnsektor in Europa geschaffen, und die Schere zwischen den hohen Einkommen und Vermögen ist unter ihrer Regierung weiter gestiegen. Es ist also ein Hohn, wenn nun ausgerechnet die Heinrich-Böll-Stiftung, die u.a. diese Broschüre herausgibt, Krokodilstränen vergisst und darüber jammert, dass es den Frauen ökonomisch so schlecht ginge. Den Feministinnen et al. sollte langsam ein Licht aufgehen, dass der ständige Vergleich zwischen Männern und Frauen die viel größere Problematik, nämlich die zwischen oben und unten, mehrheitlich negiert. Ein gutes Beispiel ist Schweden: Schweden wird bekanntlich als Musterland bzw. Vorreiter bei der Gleichstellung der Geschlechter gepriesen, im Gegensatz beispielsweise zu der Schweiz. Schweden ist jedoch ebenso das Land, das bei der Vermögensverteilung neben der Schweiz die größte Ungleichheit in Europa aufweist. Etwas überspitzt könnte man formulieren: Parallel zu einer größeren Gleichstellung der Geschlechter ist in Schweden eine Klassengesellschaft entstanden. Wie bereits weiter oben dargelegt: Auch Männer erleben Sexismus am Arbeitsplatz (sexuelle Belästigung) und bei der Häuslichen Gewalt sind, zumindest was die Quantität anbelangt (Hellfeld- und Dunkelfeld einbezogen), Männer und Frauen in etwa gleich häufig Täter und Opfer. Auch diese Negierung, dass Männer Opfer von Häuslicher Gewalt und Frauen Täterinnen sein können, lässt den Verdacht aufkommen, dass der gegenwärtige Feminismus bzw. die gegenwärtige Geschlechterpolitik auf einem Auge blind ist.

Gläserne Decke und Gender Pay Gap

In der Broschüre steht:

Weiter stoßen viele Frauen nach wie vor beruflich an Grenzen: Die Mehrzahl der Führungskräfte sind bis heute Männer, während Frauen eher in sozialen und schlechter bezahlten Berufen und dazu oft in Teilzeit arbeiten. Die Lohndifferenz beträgt in Deutschland durchschnittlich 21 Prozent.20 Selbst wenn man herausrechnet, dass Frauen mehr Teilzeit und in schlechter bezahlten Branchen arbeiten, liegt die Lohndifferenz immer noch bei sechs bis acht Prozent. Nicht zuletzt übernehmen Frauen den größten Teil der Care‑Arbeit, also Tätigkeiten, bei denen Menschen für andere Menschen sorgen, wie zum Beispiel Hausarbeit, Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen. Viele Frauen reduzieren Erwerbsarbeit, um unbezahlte Care‑Arbeit zu übernehmen. Das erhöht ihr Armutsrisiko.21 (S. 14 f.)

Kritiker des Feminismus et al. haben sicherlich vielfach nichts dagegen, wenn Frauen und Männer gleich viel für gleichwertige Arbeit und gleiche Leistung erhalten. Sie haben sicherlich desgleichen nichts dagegen, wenn Frauen, was das Einkommen und Vermögen anbelangt, mit den Männern gleichziehen, sollten diese Unterschiede insbesondere auch auf Diskriminierung beruhen. Bloß ist es so, dass bis heute nicht erwiesen ist, ob der bereinigte Gender Pay Gap tatsächlich auf Diskriminierung beruht (unterschiedliche Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, und selbst das statistische Bundesamt geht davon aus, dass, wenn weitere lohnrelevante Faktoren berücksichtigt würden, der bereinigte Gender Pay Gap weiter sinken könnte). Wenn der bereinigte Gender Pay Gap ganz offensichtlich auf Diskriminierung beruhen würde, wäre es ja für die betroffenen Frauen kein Problem, diese Diskriminierung mit Erfolg vor Gericht einzuklagen; es klagt jedoch kaum jemand. Der feministische Diskurs wird hier jedoch problematisch, wenn Frauen immer mit den Männern verglichen werden und dort, wo keine Ergebnisgleichheit herrscht, sofort Benachteiligung und Diskriminierung geltend gemacht wird, ohne überhaupt nachweisen zu können, dass tatsächlich eine Diskriminierung vorherrscht. Wenn vermehrt Frauen als Männer in der Altersarmut landen, dann ist dies selbstverständlich eine Problematik, zumal Altersarmut bei Männern und Frauen eine Problematik ist. Die Problematik kann jedoch auch dann angegangen werden, wenn diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern nichts mit Diskriminierung zu tun haben.

Die Hauptproblematik bei der gegenwärtigen feministisch inspirierten Geschlechterpolitik und bei den Grün*Innen ist zugespitzt die, dass nicht allgemein Altersarmut problematisiert wird, sondern es wird zwischen den Geschlechtern verglichen, ob ein Unterschied besteht und wenn kein Unterschied mehr besteht, dann ist Gleichstellung erreicht und alle sind glücklich und zufrieden. Dass sich parallel zur Gleichstellung eine Klassengesellschaft gebildet hat, interessiert dann nicht mehr, Frauen und Männer sind nun paritätisch von der Altersarmut betroffen und somit ist alles in Butter.

Feindbild politische Korrektheit

In der Broschüre steht:

Die Behauptung, Gleichstellungsbemühungen seien übertrieben, vermittelt die Vorstellung, Feministinnen, Homosexuelle und/oder Transmenschen usw. würden sich nie zufriedengeben. (S. 15)

Das dabei wiederkehrende Feindbild der »politischen Korrektheit « ist grundlegend und gefährlich. Mit ihm werden mittlerweile sämtliche Anliegen der Gleichstellung und Gerechtigkeit zurückgewiesen, auch soziale Gerechtigkeit oder Vorstöße gegen Rassismus. Das führt dazu, dass nicht Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit oder Rassismus als Problem wahrgenommen werden, sondern diejenigen, die Diskriminierung kritisieren und von ihr betroffen sind. (S. 15)

Strafrechtliche und zivilrechtliche Verstöße, die eben von der Meinungsfreiheit nicht gedeckt sind, sind selbstverständlich nicht zu akzeptieren. Der Rest geht jedoch unter die Meinungsfreiheit und hier dürfte tatsächlich eine Problematik vorhanden sein, indem nämlich gewisse Protagonisten aus dem Feminismus et al. rein aus ihrem „Bauchgefühl“ heraus alles, was ihnen gerade nicht ins Weltbild passt, als Sexismus, Rassismus oder Hetze bzw. Hass bezeichnen und damit die Meinungsfreiheit in den Bereichen einschränken wollen, die ihnen gerade genehm sind. Hier einfach so zu tun, dass es diese Problematik nicht gibt, verhindert m.E. eine ganzheitliche Wahrnehmung der Situation.

Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies

In der Broschüre steht:

Richtig ist Die Frauen- und Geschlechterforschung sowie die Gender Studies arbeiten mit wissenschaftlichen Methoden und Theorien. Diese Forschungsrichtungen sind entstanden, weil die vorherrschende Wissenschaft oft nur die Geschichte und das Leben von Männern untersucht, also nicht objektiv forscht, sondern einseitig. Die Gender Studies beschäftigen sich mit (historischen) Fragen und mit Menschen, die oft vergessen oder ausgelassen wurden, und tragen auf diese Weise gerade zu mehr Objektivität bei.22 (S. 16)

Fragen des Entstehungszuammenhangs (welche sozialen Probleme sollen untersucht werden) haben m.E. nichts mit Objektivität zu tun. Das Gütekriterium der Objektivität gehört in den Begründungszusammenhang (Unabhängigkeit der Forschungsergebnisse von der Person, die die Forschung durchführt).

Das ist sicherlich richtig, dass die Gender Studies vielfach mit wissenschaftlichen Methoden arbeiten, aber auch diese wissenschaftlichen Methoden dürfen kritisiert werden. Wer hier ein Problem hat, der möchte sich nicht hinterfragen lassen und sich gegen Kritik immunisieren. Und selbstverständlich dürfen auch einzelne theoretische oder empirische Beiträge kritisiert werden, wenn zu befürchten ist, dass sie den wissenschaftlichen Gütekriterien bzw. Standards nicht nachkommen oder sonst fehlerhaft sind.

In der Broschüre steht:

Hintergrund Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit und der Ideologie richtet sich gegen ein kritisches Verständnis von Wissenschaft. Das heißt gegen Forschung, die sich u. a. mit Perspektiven oder Lebensweisen befasst, die von der Gesellschaft sowie von der Wissenschaft selbst vernachlässigt oder ausgeschlossen werden. Oft wird behauptet, die Gender Studies würden biologische Faktoren ausblenden und seien deshalb nicht objektiv. Wissenschaft ist gemäß solchen Anti-Gender- Positionen nur dann zulässig, wenn sie naturwissenschaftlich argumentiert und scheinbar unverrückbare Wahrheiten über »den Menschen« verkündet. Machtstrukturen, Gewalt, soziale Bedingungen, Erziehung usw. spielen aus dieser Sicht keine Rolle. (S. 16)

Kritisiert wird an den Gender Studies insbesondere das, was Stefan Hirschhauer in einem Artikel beschrieben hat. Der Titel und der Vorspann lauten dabei wie folgt:

Wozu Gender Studies?

Ein Forschungsfeld zwischen Feminismus und Kulturwissenschaft | Stefan Hirschauer

Der Begriff ‚Gender ­Studies‘ wird derzeit auf mindestens drei Weisen verwendet: als Bezeichnung ­eines transdisziplinären kulturwissenschaftlichen Forschungsgebietes, als beschwichtigende Umbenennung der feministischen Geschlechterforschung und als rhetorisches Mäntelchen für bürokratische Frauenfördermaßnahmen. ­Eine kritische Bestandsaufnahme aus soziologischer Sicht.

Es gibt gewiss Protagonisten, die allein biologische Faktoren für relevant halten, es stellt sich jedoch die Frage, wie repräsentativ diese sind. Es stellt sich außerdem tatsächlich die Frage, ob die Gender Studies wissenschaftliche Erkenntnisse aus der  Biologie, der Naturwissenschaft, der Entwicklungspsychologie etc. (also Ontogenese und Phylogenese) ausreichend berücksichtigen, sich damit auseinandersetzen oder zur Kenntnis nehmen?! Dahinter würde ich ein großes Fragezeichen setzen.

In der Broschüre steht:

Anti-Gender-Akteur*innen haben eine Vorstellung von Objektivität, gemäß der die Welt von der Wissenschaft einfach vorgefunden und nur richtig beschrieben werden muss. Dabei wird auch auf »Alltagserfahrung« oder den »gesunden Menschenverstand« gepocht: »Ich sehe doch, dass Mädchen Puppen mögen, also ist es logisch, dass sie später die Familienarbeit übernehmen.« Erwartet wird letztlich, dass Wissenschaft Alltagserfahrungen bestätigt. Weder Alltagserfahrung noch wissenschaftliche Erkenntnisse sind jedoch neutrale Kategorien, sondern stark von vorherrschenden Überzeugungen und gesellschaftlichen Umständen beeinflusst. (S. 16 f.)

Auch dies dürfte eine verkürzte bzw. undifferenzierte Einschätzung von Anti-Gender-Protagonisten sein. Diese Akteure dürfte es geben, aber viele andere Akteure aus „diesem Lager“ halten, wenn es um wissenschaftliche Erkenntnis geht, nicht viel von der „Alltagserfahrung“. Wenn weder Alltagserfahrung noch wissenschaftliche Erkenntnisse neutrale Kategorien sind, müssten jedoch die Gender Studies ihre Gütekriterien für Wissenschaftlichkeit transparent machen, damit man weiß, was die Wissenschaft von der Alltagserfahrung unterscheidet.

In der Broschüre steht:

Im Kern wollen Anti‑Gender‑Akteur*innen definieren, was richtiges und was falsches, was wichtiges oder unwichtiges Wissen ist. Ihre Vorstellungen richten sich dabei nicht nur gegen die Gender Studies, sondern überhaupt gegen kritische Geistes- und Sozialwissenschaften und mithin gegen die Freiheit der Forschung. (S. 16 f.)

Auch das scheint mir eine verkürzte bzw. undifferenzierte Einschätzung zu sein. Diese Akteure mag es geben, aber es gibt auch andere Akteure, die die Gender Studies dafür kritisieren, dass sie ihre Gütekriterien für Wissenschaft nicht transparent machen und nicht angeben können, was die Gender Studies als Spezialdiskurs vom Interdiskurs unterscheidet. Und Kritik am Wissen der Gender Studies ist selbstverständlich erlaubt, sonst würde nämlich die Meinungsfreiheit eingeschränkt, falls dies nicht erwünscht wäre.

In der Broschüre steht:

Richtig ist Der Verweis auf feststehende biologische Tatsachen ist eine der ältesten Strategien, mit der traditionelle Geschlechterrollen und Hierarchien legitimiert und gestärkt werden. Menschliches Verhalten beruht aber nicht nur auf biologischen Faktoren wie Genen, Gehirnstruktur oder Hormonen. Auch Sozialisation, Erziehung, Kultur und vieles mehr sind entscheidend. Zudem gibt es mehr als nur Männer und Frauen. Neben Differenzen zeigen sich zwischen den Geschlechtern auch viele Ähnlichkeiten. Wie Menschen »ticken«, war zu verschiedenen historischen Zeiten extrem unterschiedlich und verändert sich auch jetzt laufend. (S. 18)

Es dürften vermutlich die wenigsten Protagonisten, die Kritik an Feminismus et al. formulieren, der Auffassung sein, dass Sozialisation, Erziehung und Kultur keine Rolle spielt, wenn es um menschliches Verhalten geht. Hier wird m.E. ein Strohmann aufgebaut und den Kritikern des Feminismus et al. etwas in die Schuhe geschoben, das sie vielfach überhaupt nicht vertreten.

Hierarchien, Rassismus, Sexismus, Machtverhältnisse, Unterdrückung können durch unzählige Rechtfertigungsstrategien legitimiert werden, und der Verweis auf eine angeblich determinierende Funktion biologischer Faktoren ist eine von vielen Legitimationsstrategien.

In der Broschüre steht:

Bis heute stellen Medien naturwissenschaftliche Studien oft extrem verkürzt dar und legen ihr gesamtes Augenmerk auf den Faktor »Unterschied«. Aber auch naturwissenschaftliche Methoden selbst sind oft einseitig. Zum Beispiel, weil viele Fragestellungen bereits Vorannahmen über Geschlechterunterschiede enthalten und keineswegs neutral sind. Häufig wird also genau das gefunden, wonach gesucht wurde. Widersprechende Ergebnisse werden ignoriert. (S. 18 f.)

Dass Medien naturwissenschaftliche Studien oft extrem verkürzt darstellen, ist wiederum einfach eine Behauptung und müsste mit repräsentativ empirischen Studien bestätigt werden. Genauso gut kann man behaupten, die Methoden der Gender Studies sind einseitig. Ich selbst habe bisher noch keinen Lehrgang in den Gender Studies gesichtet, der die quantitativen Methoden umfassend lehren würde. Dasselbe gilt für die Vorannahmen bei den Fragestellungen: Das sind alles Behauptungen, die mit entsprechend repräsentativen empirischen Studien bestätigt werden müssten. Ganz allgemein kommt die Autorin in diesem Teil nicht über Behauptungen hinaus, ohne die Behauptungen mit entsprechender Literatur zu untermauern.

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17 Comments

  • Gegen Chancengleichheit oder Gleichberechtigung haben vermutlich die meisten Kritiker von Gender und Feminismus et al. nichts.

    Nein, das ist Quatsch im Quadrat. Auf einer individuellen Ebene gibt es im Kapitalismus ganz gewiss nicht gleiche Chancen, ganz einfach deshalb, weil Menschen unterschiedlich sind, unterschiedlich begabt, unterschiedliche Charaktere u.s.w. Gleichberechtigung ist längst erreicht und Chancengleichheit ist das Kodewort für Frauenprivilegierung.

  • Ich schließe mich Focus Turnier an. Ich hab die Broschüre gelesen und fand, dass sehr viele Punkte – in jedem Teil – fragwürdig bis glatt falsch sind. Ich finde es gut, dass Du Dir die Mühe machst, auf diese Punkte einzugehen.

    Mich hat schon die ganze Art der Kommunikation gestört. Falschbehauptungen – Richtigstellungen: Da ist es klar, dass ÜBER Menschen geredet wird, nicht mit ihnen. Es wird der Eidruck erweckt, als sollten Vertreter*innen der emanzipatorischen Gender Studies mit Argumenten ausgestattet werden, die sie dann gegen Gender Gegner ins Feld führen könnten. Tatsächlich ist das natürlich nicht so – welcher Kritiker würde sich schon davon überzeugen lassen, dass seine Position grob verzerrt (aber immer als irgendwie „rechts“) hingestellt und abgelehnt wird?

    Tatsächlich geht es um die Überzeugung der eigenen Leute, damit die gar nicht erst groß damit anfangen, sich mit Überlegungen von Kritikern zu beschäftigen. Es geht nicht um Kommunikation, sondern um Legitimationen der Kommunikationsverweigerung.

    Noch zwei inhaltliche Punkte. „Dabei wird unterschlagen, dass schulische Leistung nicht nur mit Geschlecht, sondern mit weiteren Faktoren wie (sozialer) Herkunft, Einkommenssituation der Eltern etc. zu tun hat.“ Das ist ein Argument, dass schon vor Jahren Thomas Viola Rieske für sein „Bildung von Geschlecht“ bei der GEW verwandt hat und bei dem den Verfassern der Broschüre immer noch nicht aufgefallen ist, wie grottenschlecht es ist. Oder es ist ihnen halt egal.

    Erstens behauptet niemand, sozialeFaktoren würden keine Rolle spielen. Die Vodafone-Studie „Herkunft zensiert“ zeigt, dass es zwei Gruppen gibt, die bei gleicher Leistung schlechtere Noten bekommen: erstens Kinder aus sog. bildungsfernen Schichten, zweitens Jungen. Warum sollte die Jungenbenachteiligung kleiner werden, nur weil es auch eine – sogar etwas größere – soziale Benachteiligung gibt? Tatsächlich können sich beide Faktoren sogar verstärken: Während sich etwa bei Jungen aus manchen Migrantenmilieus geschlechtliche und schichtenspezifische Nachteile gegenseitig verstärken, haben Jungen aus akademischen Verhältnissen deutlich größere Möglichkeiten, ihre schulischen Nachteile als Jungen zu kompensieren.

    Tatsächlich ist der Faktor „Geschlecht“ sogar ausgesprochen gut zu isolieren. Es machen in Deutschland (Zahlen aus Nordrhein-Westfalen sowie einer Studie des Bildungsforschers Stephan Sievert, verlinkt hier: https://allesevolution.wordpress.com/2017/07/16/die-zwei-groessten-fehler-des-feminismus-gastbeitrag/#comment-300708) etwa zehn Prozent mehr Mädchen als Jungen Abitur. Da Juingen 51% der Schülerschaft stellen, wäre egentlich ein kleiner Jungenüberschuss zu erwarten.

    Wir können jedenfalls davon ausgehen, dass dieser 10-Prozentpunkte-Vorsprung insgesamt tatsächich auf das geschelcht zurückzuführen ist, wie auch immer. Zum Vergleich: Bei den (deutlichen) Kindern aus Migrationsmilieus können mehrere Faktoren zusammenlaufen: Benachteiligungen als Migranten, Vorurteile von Lehrkräften etc. – sprachliche Schwierigkeiten – kulturelle Irritationen – die im Schnitt schlechtere soziale Position des Elternhauses – etc. Der Faktor „Migration“ ist schwer zu isolieren.

    Das aber ist beim Geschelcht anders. Mädchen werden schließlich nicht häufiger als Jungen in Akademikerfamilien geboren, oder seltener in Familien von Migranten. Wir können bei Jungen und Mädchen davon ausgehen, dass tatsächlich die anderen potenziell bedeutsamen Faktoren – außer eben dem Geschlecht – im Schnitt gleich verteilt sind: soziale Position des Elternhauses – kulturelle Hintergründe – Deutsch als Mutter- oder Fremdsprache etc.

    Für die erwähnten 10% ist also dieser Faktor „Geschlechtszugehörigkeit“ verantwortlich. Andere soziale Faktoren haben natürlich auch Auswirkungen, aber nicht auf diese 10%.

    Noch ärgerlicher fand ich den Umgang mit Wissenschaftlichkeit. „Erwartet wird letztlich, dass Wissenschaft Alltagserfahrungen bestätigt.“ Wer bitte erwartet das in den modernen Naturwissenschaften? Die moderne Physik zum Beispiel (Relativitätstheorie, Quantenphysik) ist eben deshalb für viele befremdlich, weil sie sich von der Alltagserfahrung gerade stark distanziert. Nun schon seit mindestens hundert Jahren übrigens – es wäre nett, denn das selbst bei den Grünen irgendwann mal ankäme.

    „Wissenschaft ist gemäß solchen Anti-Gender- Positionen nur dann zulässig, wenn sie (…) scheinbar unverrückbare Wahrheiten über »den Menschen« verkündet.“ Schon in der Wortwahl wird Wissenschaft – insbesondere die Naturwissenschaft – hier als eine Form der Religion verkauft („verkündet“). Das unterstellt Wissenschaftlern den Anspruch auf eine gottgleiche Perspektive, von der aus die Welt völlig objektiv wahrgenommen werden könnte.

    Auch das ist schon seit hundert Jahren oder länger kein Thema mehr. Es geht bei Wissenschaftlichkeit nicht um die eine einzige gültige Perspektive, sondern um verlässliche, nachvollziehbare ;Methoden, mit denen ganz verschiedene Perspektiven sinnvoll verschaltet werden können.

    Ich habe neulich beispielsweise darüber gelesen, welche ungeheure Mühe sich Wissenschaftler aus unterschiedlichen Feldern damit machen, abzuklären, was „Wiederholbarkeit“ bei Experimenten denn nun bedeutet, welche Bedingungen an sie gestellt werden müssen, wie sie garantiert werden kann, welches der Umgang mit Ergebnissen ist, die eine Wiederholbarkeit bestätigen oder zu widerlegen scheinen, etc.

    Angesichts der Mühe, die Naturwissenschaftler in solche Klärungen stecken, ist es regelrecht beschämend, wie radikal versimpelt und ressentimentgeladen Wissenschaft von den Gender-Gundas präsentiert wird. Von Leuten übrigens, die es bis heute nicht geschafft haben, ihre eigenen Methoden mal sauber klarzustellen.

    Die Arroganz, die Gender-Studies-Vertreter traditionellen Wissenschaftlern unterstellen, ist also eigentlich eine Projektion: Ihr eigenes Verhältnis zu (Natur-, aber auch Sozial- und Geistes-)Wissenschaften ist ressentimengeladen und voller Vorurteile.

    • „Es wird der Eindruck erweckt, als sollten Vertreter*innen der emanzipatorischen Gender Studies mit Argumenten ausgestattet werden, die sie dann gegen Gender Gegner ins Feld führen könnten.“

      Mir scheint es was als ob die Vertreter*innen der emanzipatorischen Gender Studies mit Argumenten ausgestattet werden sollen, damit sie nicht anfangen über die falschen Sachen nachzudenken. Als Beruhigungspille sozusagen.

      (Ach, das schreibst du dann ja auch)

    • „Tatsächlich geht es um die Überzeugung der eigenen Leute, damit die gar nicht erst groß damit anfangen, sich mit Überlegungen von Kritikern zu beschäftigen. Es geht nicht um Kommunikation, sondern um Legitimationen der Kommunikationsverweigerung.“

      Das ist der entscheidende Punkt. Ich habe die Broschüre nur überflogen, es reicht bei allen Themen, nur wenige Sätze zu lesen, und man stößt auf seit Jahren hochumstrittene feministische Standpunkte, die als eherne Weisheit präsentiert werden. Nicht umsonst wird der Feminismus mit dem Kreationismus verglichen. Nicht von ungefähr sprach Hirschauer von einer Wagenburg-Mentalität.

      Deshalb frage ich mich, ob es überhaupt noch Sinn macht, sich auf der Sachebene mit den Themen zu befassen und zum 100. Mal die gleichen Gegenpositionen zu formulieren (ich könnte meinen halben Blog mit cut und paste als Antwort auf das Schutzbach-Papier benutzen). Oder ob man nicht besser auf einer Metaebene dieses Papier als argumentativen Stillstand diskutiert bzw. positioniert, der die gleichen Argumente wie vor 10 oder 20 Jahren serviert.

      Das ist außerdem nicht das erste Papier (von den Grünen und anderen), in dem versucht wird, die Kritik an den Gender Studies und der feministischen Ideologie zu widerlegen bzw. abzublocken. Man müßte mal eine Historie solcher Papiere aufstellen. Die meisten sind interessanterweise längst in Vergessenheit geraten. Vermutlich bzw. hoffentlich wird das auch mit diesem Papier passieren.

  • „Im Unterschied zu diesen wichtigen Auseinandersetzungen ist jedoch das Ziel von Anti-Gender-Hetze und Antifeminismus, falsche Informationen zu geben, Hass zu schüren und gezielt Feindbilder aufzubauen.“

    Das ist eine 100%ige Projektion. Genderistas hetzen gegen weiße Heteromänner, wo sie nur können, weil sie als weiße Heteromänner geboren wurden. Genderistas bauen weiße Heteromänner als Feindbilder auf in dem sie diese entmenschlichen und für alle Probleme von allen anderen verantwortlich machen und somit ermöglichen wollen das man diese ohne schlechtes Gewissen schlechter behandeln oder diskriminieren kann.
    Feminismus ist nichts womit man geboren wird, genau sowenig wie man als Sozialdemokrat geboren wird. Eine Ideologie zu kritisieren ist etwas anders als jemand für angeborene Eigenschaften als das ultimative Böse darzustellen. Aber das verstehen die eh nicht, obwohl sie vorgeben gegen Sexismus und Rassismus zu sein.
    Und falsche Informationen zu geben ist sozusagen das Hauptbetätigungsfeld von Andreas Kemper. Wenn er einen Text über Arne Hoffmann schreibt, muss zu Anfang immer erstmal erwähnt werden das Arne mal mit Rechten gesprochen hat 100%ige Projektion.

    Dabei wird nicht in das private Leben eingegriffen, sondern Diskriminierung im Handeln von Politik, Behörden und Institutionen vorgebeugt.“

    The European Union is being asked to make sure men do at least half of the household chores as part of a “strategy for equality”.

    A committee of the European Parliament in Strasbourg wants the EU to launch a campaign to highlight the “equal division of domestic work”.

    The Committee on Women’s Rights and Gender Equality claims the “unequal division of family responsibilities” needs to be tackled by introducing “measures encouraging men’s participation in domestic labour.”

    http://www.huffingtonpost.co.uk/2015/06/15/housework-european-parliament-chores-ukip_n_7585808.html

    Sieht man. Im Namen der Gender Equality sollen Männer immer mindestens (>50%) der Hausarbeiten machen. Das Frauen dann im Gegenzug mindestens 50% der Erwerbsarbeit erledigen steht da komischerweise nirgendwo. Wer die wohl machen darf?

  • „Gender Mainstreaming zielt darauf, möglichst unterschiedliche Lebenssituationen und Interessen von Frauen, Männern und
    a l l e n Geschlechtern zu berücksichtigen“.
    Hätte es nicht heißen müssen „und allen weiteren Geschlechtern“ ?
    Aber für die Frauenquote ist dies ohnehin irrelevant. Da müssen die Interessen „aller Geschlechter“ hinten anstehen, auch die der Frauen, denn Erschwernisse werden durch eine Quote nicht behoben.

  • Kleine Anmerkung
    Du schreibst

    „zumal Frauen über 50% der Wahlberechtigten ausmachen und sie es vollständig selbst in der Hand haben, ob der Frauenanteil höher oder niedriger als 50% ist“

    Das ist IMHO so nicht richtig.
    Frauen stellen über 50% der Wahlberechtigten und haben somit eine Mehrheit, um die Politische Grobrichtung zu beeinflussen, insofern man dem Kolektiv „Frauen“ eine solche gemeinsame Haltung unterstellen kann. kann man machen – v.a. wen man eine kollektive Haltung des kollektivs Männer behauptet (aka „patraiarchat“). In diesem Sinne ist das Argument legitim, da es zeigt, dass nicht das angenommene kollektiv „Patriarchat“ eine Mehrheit hat, sondern „die Frauen“.

    Was wählende Frauen aber definitiv nicht in der Hand haben ist, durch ihre Wahl zu beeinflussen, wie hoch der anteil der gewählten Frauen ist, solange sich nicht hinreichend viele Frauen als Kandidaten in der Politik zur Verfügung stelen.

    Eine individuelle Frau hat an der Stelle hingegen die konkrete Möglichkeit, durch eigene Partizipation in der Politik sich solchen Wahlen zu stellen und dadurch den Frauenanteil zu erhöhen.

    Das ist, finde ich, eine entscheidendes Detail, das durch die feministische Argumentation ebenso verschleiert wird wie durch Deines:
    Frauen haben nicht deshalb einen geringen Anteil an politischen repräsentanten, weil sie nicht gewählt werden, sondern deshalb, weil sie sich nicht als kandidaten aufstellen lassen und keine politische Verantwortung übernehmen.

    Im ersteren Fall lässt sich immerhin eine männliche Mitverantwortung konstruieren, um das als Problem zu „fixen“ – die klassische Verantwortungszuweiseung des Feminismus an die Männer.

    Die zweite Argumentation stelt klar, dass Frauen bitteschön selbst in der Verantwortung sind, politische Verantwortung selbst zu übernehmen – das kann ihnen niemand abnehmen, und ohne dieses übernehmen von Verantwortung KANN das Problem auch NIEMALS von jemand anderem für sie gelöst werden (wenn es den ein Problem ist).

    • @Imaddes8cht

      Ich bin jetzt vor allem vom Wahlsystem in der Schweiz ausgegangen.
      In der Schweiz gibt es für jede Partei eine eigene Liste und auf dieser Liste stehen dann z.B. 20 Personen (z.B. 13 Männer und 7 Frauen), die man wählen kann. Nun ist es so, dass eine Partei sowieso nie 20 Sitze erreichen wird, sondern höchstens 8-10.
      Jeder Wähler kann nun die Personen durchstreichen, die er nicht wählen möchte. Das heißt: Jede Frau kann, wenn sie will, alle Männer durchstreichen und nur Frauen wählen. Für jeden gestrichenen Mann darf man dann eine Frau quasi doppelt wählen. Wenn das jede Frau, die wählt, so handhabt, dann werden Frauen ganz sicherlich die Mehrheit haben und es werden vorwiegend nur noch Frauen gewählt. Also bei uns gibt es nicht zu wenige Frauen, die sich zur Wahl stellen im Bezug auf die vorhandenen Mandate.

      Wählen braucht bei uns höchstens einen Zeitaufwand von ein paar Minuten bis eine Stunde. Das Ganze kann man dann mit einem Briefumschlag auf die Post geben und fertig ist der Aufwand.
      Das zeigt doch nur, dass die Leute offenbar nicht daran interessiert sind, überhaupt wählen zu gehen oder es sie vielfach nicht interessiert, ob nun eine Frau oder ein Mann gewählt wird.

      • „oder es sie vielfach nicht interessiert, ob nun eine Frau oder ein Mann gewählt wird.“

        Aber was könnte bei der Wahl von Personen neben dem Geschlecht denn noch eine Rolle spielen?
        Hm – politische Positionen vielleicht? oder gar Überlegungen, ob man jemanden für qualifizierter hält?
        – Sarkasmus off

  • In der besagten Broschüre versucht man selbstfabrizierte Unterstellungen (= Projektionen), die man den sogenannten Anti-Gender-Akteur*innen unterjubelt, mittels selbstfabrizierter Behauptungen zu widerlegen. Von Richtigstellungen, die ja eigentlich auf Fakten basieren sollten und die im Broschürentitel vollmundig ankündigt werden, ist man jedoch weit entfernt.

    Symptomatisch etwa ist die apodiktische Behauptung: ‚Die Frauen- und Geschlechterforschung sowie die Gender Studies arbeiten mit wissenschaftlichen Methoden und Theorien.‘

    Worin diese wissenschaftlichen Methoden und Theorien jedoch bestehen, dazu schweigen die famosen Geschlechterforscher bis heute hartnäckig trotz vielfacher Aufforderung sie zu benennen. Damit bleibt diese Behauptung eben lediglich eine unbelegte Behauptung.

    Ebenso ulkig die Unterstellung an die Anti-Gender-Akteur*innen: ‚Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit und der Ideologie richtet sich gegen ein kritisches Verständnis von Wissenschaft. Das heißt gegen Forschung, die sich u. a. mit Perspektiven oder Lebensweisen befasst, die von der Gesellschaft sowie von der Wissenschaft selbst vernachlässigt oder ausgeschlossen werden.‘

    Offensichtlich vermag die Verfasserin dieses Berichtes nicht zu unterscheiden zwischen Forschungsgegenstand und Forschungsmethodik. Wenn irgendein Forschungsgegenstand vernachlässigt würde, dann bräuchte es deswegen keine neue Forschungsmethodik. Man könnte auch einfach den vernachlässigten Forschungsgegenstand mit der üblichen wissenschaftlichen Methodik erforschen. Nur kommen dann halt nicht die Ergebnisse heraus, die die Genderideologen gerne hätten (siehe etwa die Forschungen zum sogenannten Gender Pay Gap oder zur Häuslichen Gewalt). Die Genderideologie zeichnet sich v.a. dadurch aus, dass sie eben keine Methodik zur Gewinnung neuer Erkenntnisse anwendet, sondern dass sie irgendwelche gebauchfühlte Pseudo-Wahrheiten zu Dogmen erhebt, die in der Folge nicht angezweifelt werden dürfen.

    Die Wissenschaft schliesst keine Lebensweisen aus; wer so etwas behauptet, hat keine Ahnung von Wissenschaft. Bei der Gesellschaft als Gruppe von Individuen sowie in Form von deren aggregierten Individualentscheidungen mag das anders sein; diese erhebt aber auch nicht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Weshalb stellt die Verfasserin zwischen den beiden Begriffen eine Verbindung her?

    Was Perspektiven anbelangt, so unterscheidet die Wissenschaft halt knallhart zwischen wissenschaftlich begründeten und anderen Perspektiven. Genau das stinkt den Genderideologen so sehr, dass Wissenschaftler deren Perspektiven nicht als wissenschaftlich anerkennen sondern als ideologische Perspektiven blossstellen. Die Genderideologen wollen zwar keine Wissenschaftler sein, ansonsten würden sie ja wissenschaftliche Methoden zur Erkenntnisgewinnung anwenden, aber sie hätten trotzdem gerne das Qualitätslabel der Wissenschaftlickeit für sich reklamiert. Tja, da muss man sich halt entscheiden: Wissenschaftler oder Genderideologe; beides schliesst sich gegenseitig aus.

    Interessant ist etwa auch, dass die Genderideologen wahlweise behaupten, es gäbe gar keine Geschlechter oder aber hunderte (wenn nicht tausende) von Geschlechtern. In der Praxis wird dann aber trotzdem zielsicher von genau zwei Geschlechtern geschwafelt sowie davon, wie unterdrückend/ausbeuterisch das eine Geschlecht sei und wie unterdrückt und ausgebeutet das andere Geschlecht. Besonders störend: es wird noch nicht einmal definiert, was denn überhaupt das Geschlecht sei, dafür aber behauptet, es sei auf jeden Fall sozial konstruiert.

    • @Maesi Der letzte Punkt lässt sich vielleicht auch so zuspitzen: Alle Geschlechter sind immer im Fluss, nix ist fix – mit Ausnahme einer einzigen Konstante. Die weißen heterosexuellen Männer werden in jedem Fall als Unterdrücker gebraucht. Egal, was sonst so passiert…

  • Eine offene Aufklärung bedeutet nicht Verun‑
    sicherung, sondern vermittelt Kompetenzen im Umgang mit
    den eigenen Grenzen und Wünschen. Kinder kommen heute
    durch Internet und Werbung früh mit Darstellungen von Sexua‑
    lität in Kontakt. Es ist wichtig, dass neben den Eltern auch
    Schulen sie begleiten und unterstützen.

    Ich habe keine prinzipiellen Einwände gegen eine altersgerechte Sexualaufklärung – im Gegenteil, ich begrüsse das. Allerdings sind die Gendertröten, die sich vor allem im Dunstkreis der Grünen / Team Gina Lisa sammeln, nicht diejenigen, denen ich die Federführung in dieser Sache anvertrauen möchte. Die Gründe dafür sind schnell aufgezählt:

    – die Grünen haben bewiesen, dass sie über ein ausgesprochen schlechtes Urteilsvermögen verfügen, eine durch ideologische Voreingenommenheit getrübte Wahrnehmung der Realität. So befürworteten sie die Entkriminalisierung des Sex von Erwachsenen mit Kindern. Wer dagegen argumentierte – was nicht allzu schwierig ist – der wurde als homophob diffamiert (nur der Missbrauch von Jungs durch Männer war Gegenstand der Debatte – im grünen Weltbild tun Frauen sowas nicht)

    – Ihre Auffassungen bezüglich Geschlecht und Gender sind nicht gesellschaftlicher Konsens sondern die Meinung einer kleinen aggressiv politisch agitierenden Minderheit, die ihre ideologischen Vorgaben und Vorstellungen einer Mehrheit aufzwingen wollen. Diese Auffassungen (Genderismus) werden von einer Mehrheit der Eltern (zu recht, wie ich meine) als gelinde gesagt seltsam bis verrückt empfunden.

    – eine Verunsicherung von Kindern ist zu befürchten, wenn die Gunda Werners ihre Vorstellung des gender fluid in die Köpfe der Kinder einhämmern wollen. Solche Sektierer sollten in jedem Fall aus pädagogischen Institutionen ausgeschlossen werden.

  • „Kritik am Feminismus, Gender-Mainstreaming, Geschlechterpolitik etc. kommt ja nicht allein aus rechtspopulistischen, liberalen und christlich-fundamentalistischen Kreisen, sondern ebenso von linken Protagonisten“
    Wobei es zumindest schon ein Fortschritt ist, dass in einer feministischen Broschüre benannt wird, dass es Kritik am Feminismus aus liberalen Kreisen gibt. Das ist zumindest eine kleine Abkehr von der These die Kritiker seien durchweg nur Radikale.
    Zum Thema Gewalt gegen Frauen: „In Wahrheit erfährt jedoch jede dritte Frau in Europa körperliche oder sexuelle Gewalt; in Deutschland wird fast jede siebte Frau im Laufe ihres Lebens vergewaltigt“
    Neben den ganzen Mängeln entsprechender Studien, die von Kritikern schon oft genug benannt wurde aber in öffentlichen Diskussionen kaum Gehör finden, stört mich hier auch immer wieder, dass das was im Feminismus zu solchen Studien geschrieben oder gesagt wird oftmals selbst dann falsch wäre wenn die Studien an sich völlig korrekt wären. Die Studien auf die sich im Zitat bezogen wird haben nämlich gemeinsam, dass sie Taten aus der Vergangenheit summieren. So kommen z.B. in der EU-Studie Taten aus einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten vor. Die Aussage der Studie ist von daher die, dass von den aktuell lebenden Frauen in der EU jede Dritte irgendwann in ihrem Leben einmal Gewalt erfahren hat. Das Probelm ist hier halt, dass ein solches Sammeln von Taten aus mehreren Jahrzehnten keine Entwicklung des Gewaltniveaus abbildet und daher über den aktuellen Zustand nichts aussagt. Die Formulierung „In Wahrheit erfährt jedoch jede dritte Frau“ klingt aber so, als hätte die Studie das aktuelle Gefährdungspotential für Frauen ermittelt.
    Ebenso ist es ein Merkmal der EU-Studie, dass sie Gewalterfahrungen von Frauen ohne eine Differenzierung nach Ursachen sammelt. Für die Diskussion über Gewalt gegen Frauen ist das eine wichtige Information. So wird von den Vereinten Nationen Gewalt gegen Frauen als „jede gegen Frauen auf Grund ihrer Geschlechtszugehörigkeit gerichtete Gewalthandlung“ definiert. Gewalt gegen Frauen liegt also nicht vor, sobald eine Frau Opfer von Gewalt wurde, sondern wenn sie diese Gewalt wegen ihrer Geschlechtszugehörigkeit erlitten hat. Eine Definition die ja so auch Sinn macht, weil bei einer Gewalttat bei denen zwar eine Frau Opfer ist, jedoch ohne dass dies etwas mit Frauenfeindlichkeit zu tun hat Sexismusdiskussionen wenig Sinn machen. In feministischen Kreisen wird aber ständig so getan als würde die EU-Studie das Ausmaß an sexistisch motivierter Gewalt gegenüber Frauen darstellen. Es wird quasi behauptet, dass eine Bankangestellte, die im Rahmen eines Banküberfalls genauso Gewalt erfahren hat wie ihre männlichen Kollegen, ein Opfer von sexistischer Gewalt sei. Und das ist nunmal eindeutiger Blödsinn.

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