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Macht Freiheit böse? Die seltsamen Reaktionen auf das Google-Manifest

geschrieben von: Lucas Schoppe

Der Streit um das Google-Memo – oder: Google-Manifest – wird auch in deutschen Zeitungen geführt, mit auffälliger Gleichförmigkeit.  Allerdings zeigt sich an diesen Reaktionen auch, wie wichtig es ist, das Verhältnis zwischen Wissenschaftlichkeit und sozialer Gerechtigkeit zu klären – gerade in der Linken.

Was passiert bei Google mit einem Mitarbeiter, der dem Konzern vorwirft, er habe eine „politisch korrekte Monokultur geschaffen, die sich dadurch aufrechterhält, dass sie Dissidenten in Scham und Schweigen treibt“ („a politically correct monoculture that maintains its hold by shaming dissenters into silence“)? Natürlich: Er wird gefeuert.

Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, was an den grundlegenden Thesen des Google-Memos eigentlich so skandalös sein soll, das der nun gefeuerte Google-Entwickler James Damore veröffentlicht hat. Er wendet sich gegen die in seinen Augen extreme Position, dass alle Unterschiede in der Repräsentation von Menschen – in Führungspositionen, in bestimmten Berufsbereichen etc. – allein auf Diskriminierungen zurückzuführen sei („all disparities in representation are due to oppression“). Für ihn ist es zudem eine autoritäre („authoritarian“) Politik, diese Ungleichheiten durch Diskriminierungen von Gruppen oder Einzelnen auszugleichen („discriminate to correct for this oppression“).

Er schlägt stattdessen eine Reihe anderer Maßnahmen vor, die Frauen im Technik-Bereich fördern könnten, etwa den Ausbau von Teilzeitarbeit – die gezielte Unterstützung kooperativen Verhaltens, das sich statistisch häufiger bei Frauen finde – die Verbesserung der „Work-Life-Balance“ – oder auch die Änderung der Erwartungen an Männer, denen es möglich sein solle, „femininer“ („more feminine“) zu agieren. Auch wenn über der Sinn einzelner Vorschläge sicherlich gestritten werden kann – skandalös sind sie nicht.

Allerdings richtet er sich gegen Mentorenprograme oder Klassen, die nur einer bestimmten Gruppe offen stünden – generell gegen eine Vorzugbehandlung bestimmter Gruppen – und für ihn sind Praktiken, die Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit bevorzugen oder ablehnen, eine Förderung „illegaler Diskriminierung“ (illegal discrimination). Seine grundsätzliche Forderung ist, dass Menschen als Individuen, nicht als Mitglieder bestimmter Gruppen behandelt werden sollten. („treat people as individuals, not as just another member of their group”).

Eine wissenschaftliche Grundlage seines Texts sind Ergebnisse der Biologie, Psychologie, Sozialpsychologie oder Evolutionspsychologie zu den Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Er legt allerdings großen Wert darauf, dass solche Unterschiede nichts über einzelne Individuen aussagen, sondern allgemeine statistische Tendenzen angeben, dass es eine große gemeinsame Schnittmenge von Frauen und Männern gäbe und dass viele Unterschiede zudem sehr klein seien. („Many of these differences are small and there’s significant overlap between men and women, so you can’t say anything about an individual given these population level distributions.”)

Das ist lediglich basale Statistik: Wer etwa feststellt, dass Männer im Schnitt größer sind als Frauen, der hat damit noch nichts über einzelne Männer und Frauen ausgesagt –  eine Frau kann weiterhin selbstverständlich größer als ein Mann sein.

Frauen, so Damore, hätten zum Beispiel tendenziell eher als Männer eine größeres Interesse an Menschen als an Sachen, seien tendenziell offener für Gefühle, seien tendenziell geselliger als Männer, aber tendenziell auch stressanfälliger. Grundsätzlich ließe sich kulturunabhängig feststellen, dass Männer eher durch ihren sozialen Status, Frauen eher durch körperliche Schönheit attraktiv erscheinen. Außerdem würden Menschen Frauen im Vergleich zu Männern eher als schutzbedürftig wahrnehmen – Männer, die sich als schutzbedürftig präsentierten, würden schnell als „Jammerlapen“ (whiner) abgetan.

Schon diese Tendenzen könnten erklären, warum Frauen eher in anderen Berufsfeldern tätig sind als in technischen Berufen und warum Männer einen größeren Drang zu Führungspositionen hätten.

 

Who’s getting fired?

Selbst wer evolutionspsychologischen Überlegungen nicht viel abgewinnen kann, könnte doch zumindest einräumen, dass diese Thesen tatsächlich Erklärungen für statistische Ungleichverteilungen von Männern und Frauen liefern, die nicht auf die Unterstellung einer Diskriminierung zurückgreifen müssen. Wer diese Position falsch findet, wird nicht umhinkommen, sich mit den Studien auseinanderzusetzen, auf die  Damore seinen Text stützt.

Stattdessen forderten Aktivisten, die sich durch die Thesen offenbar verletzt sahen, sogleich öffentlich die Entlassung des Autors. Brianna Wu, Kandidatin der Demokraten für den Kongress, twitterte kurz und brutal: „Wer wird gefeuert?“

Immerhin veröffentlichte das Quillette-Magazin vier Texte eines Professors für Sozialpsychologie, eines Psychologieprofessors, eines Assistenz-Professors für Evolutionspsychologie und einer Autorin, die sich wissenschaftlich mit den neurologischen Geschlechterunterschieden auseinandersetzt. Dass alle vier die Thesen Damores unterstützen, war wohl der Grund dafür, dass die Quillette-Seite für eine Weile durch eine Cyberattacke (DDoS) lahmgelegt wurde.

Woher kommen diese ungeheuren Aggressionen gegen einen Text, dessen Autor gleich zu Beginn versichert, dass er Diversität und Inklusion hochschätzt, dass er die Existenz von Sexismus nicht leugnet und dass er den Gebrauch von Stereotypen nicht unterstützt (I value diversity and inclusion, am not denying that sexism exists, and don’t endorse using stereotypes)?

Ein gutes Beispiel sind drei deutsche Texte aus zwei angesehenen Tageszeitungen – der Welt und der Süddeutschen Zeitung – und einem angesehenen Wochenmagazin – dem Spiegel.

 

Wie schreibt man über Texte, die eigentlich niemand lesen soll?

Frauen sind aus biologischen Gründen schlechter für die Tech-Branche geeignet als Männer, schreibt ein Google-Mitarbeiter. Sein Pamphlet wäre besser im Google-Intranet versandet.“

So Angela Gruber im Spiegel. Sie kritisiert die Entlassung Damores lediglich deshalb, weil sie „das falsche Signal“ sei, nämlich die Unterstellung bestätige, eine Kultur der politischen Korrektheit unterbinde offene Diskussionen. „Aber inhaltliche Erwiderungen sind keine Zensur und auch keine Majestätsbeleidigung.“

Leider verzichtet Gruber selbst auf inhaltliche Erwiderungen, zitiert zwischendurch mal selektiv aus dem Text und unterstellt ansonsten pauschal, dort werde der „weiße Mann als eigentlicher Underdog des Silicon Valley“ präsentiert, während Frauen nach Meinung des Autors „biologisch ungeeignet für Tech-Jobs“ wären: Ein Vorwurf, der auch durch die Wiederholung nicht zutreffender wird.

Die „inhaltliche Erwiderung“ würde ohnehin nicht zu Grubers zentraler Forderung passen:

Es wäre wünschenswert gewesen, dass ein solches Schreiben ohne Reaktionen im Google-Intranet versandet.“

So muss sie dann auch die vielen Passagen nicht wahrnehmen, in denen der Autor sehr wohl für eine Förderung von Diversität und besonders für eine Förderung von Frauen in technischen Berufen eintritt – es sei nun einmal, so Gruber, „ein pseudowissenschaftlicher, pseudointellektueller und an manchen Stellen irritierend pseudotoleranter Text eines einfachen Mitarbeiters“.

Anstatt das eigene vernichtende Urteil über den Text des einfachen Mitarbeiters an eben diesem Text zu überprüfen, klassifiziert die Spiegel-Journalistin also einfach alle Passagen als „pseudo“, die zu diesem Urteil nicht passen.

Ganz ähnlich Anett Selle in der Welt„Frauen sind nicht für IT-Jobs geeignet, behauptet ein Google-Mitarbeiter.“ Und:

„Frauen, führt der Autor aus, erfüllten die biologischen Voraussetzungen für Software-Entwicklung nicht. Man stelle sie nur aus politischen Motiven ein.“

Das steht zwar nirgends im Text, und dafür finden sich dort viele Passagen, die dieser Unterstellung widersprechen – aber auch für Selle ist die Lektüre des Textes ohnehin eher nicht wünschenswert.

Statt sich inhaltlich mit ihm zu beschäftigen, schreibt sie einfach eine „Glosse“ darüber, dass Männer nicht für den Journalismus geeignet seien – als würde sie damit gerade so über Männer schreiben, wie Damore über Frauen geschrieben habe. Etwas unglücklich ist dieses Vorgehen allerdings deshalb, weil in Selles Vorlage für ihre Glosse die sexistischen Unterstellungen überhaupt nicht vorkommen, die sie selbst benutzt. Wo hat sie die also her?

Während Selle aber schon durch das Genre ihres Textes klarstellt, dass Damores Text einer ernsthaften Auseinandersetzung überhaupt nicht wert sei, wird Nina Bovensiepen in der Süddeutschen Zeitung explizit und überdeutlich.

Das antifeministische Manifest des Google-Mitarbeiters ist rückständig und dumm. Zustimmung bekommt er nur deshalb, weil er die Ängste vieler weißer Männer vor den Veränderungen im Arbeitsumfeld ausspricht.“

Nun könnte das offene Aussprechen von Ängsten ja eigentlich durchaus heilsam sein – spätestens seit Michael Kimmels „Angry White Men“ ist es allerdings in einigen Milieus Allgemeingut, dass Ängste weißer Männer ohnehin nur Ängste vor dem Verlust ihrer traditionellen Machtposition seien und nicht ernst genommen werden müssten, ja vielleicht sogar genossen werden könnten.

Auf das Klischeebild vom wütenden weißen Mann spielt schon die Überschrift an („Die weißen Männer von Google“) und die Klassifizierung von Damores Text als „Wutrede“. Die wird dem sachlichen, abwägenden, eher allzu distanzierten Duktus von dessen Memo zwar überhaupt nicht gerecht – aber auch Bovensiepen blendet einfach alles daran aus, was zu ihrem einmal getroffenen Urteil nicht passt. Das ist in diesem Fall der ganze Text.

Denn auch in ihren Augen sollte sich eine demokratische Öffentlichkeit eigentlich überhaupt nicht mit damit beschäftigen: „Es ist zum Glück lange her, dass derart überholten Thesen eine derart große Aufmerksamkeit zuteil wurde.“

Alle drei Artikel zu Damores Text leiden unter dem selben Widerspruch: Die Autorinnen schreiben über einen Text, der nach ihrer Überzeugung der Auseinandersetzung gar nicht wert ist – der eigentlich sogar niemals zu einem Gegenstand der Debatte hätte werden sollen. So sind sie wohl auch ernsthaft davon überzeugt, dass ihre vorgefasste Meinung dem Text gerechter wird, als es seine ernsthafte Lektüre je könnte.

Damit stoßen hier zwei grundlegende Überzeugungen aufeinander.

 

Freiheit oder Gerechtigkeit?

Die eine ist konzentriert auf Machtstrukturen, und in ihr wird soziale Wirklichkeit beschreiben als Konflikt zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, Privilegierten und Marginalisierten, Tätern und Opfern, Machthabern und Ausgegrenzten. Die Machthaber würden Wirklichkeit natürlich immer eben so beschreiben, und wahrnehmen, dass ihre Machtposition damit reproduziert werde – und sie würden den Anspruch erheben, dass diese Darstellung objektiv und gültig ist.

Eine angemessene Darstellung der Wirklichkeit kann daher nur jemand entwickeln, der sich in die Perspektive der Unterdrückten begibt, so weit es eben möglich ist. Das führt unmittelbar zu dem Problem, dass hier immer schon vor jeder Diskussion klar sein muss, wer die Opfer und wer die Täter sind – es kann nicht mehr Gegenstand der Diskussion selbst sein, weil diese Diskussion dann wieder geprägt werden könnte von den Manipulationen der Privilegierten.

Es erscheint dann gerechtfertigt, Positionen aus dem Diskurs zu drängen, wenn sie als Positionen dieser Privilegierten identifiziert wurden – denn schließlich wären sie ja lediglich Reproduktionen von Herrschaftsstrukturen.

„Don’t be evil“ ist das Google-Motto. Wer aus der Reihe tanzt, ist damit nicht nur Außenseiter, Quertreiber oder Störenfried, sondern regelrecht böse. So ist es dann auch völlig in Ordnung, wenn er in der Versenkung verschwindet.

Die zweite Überzeugung hingegen baut darauf, dass wir alle in einer gemeinsamen Welt leben, die wir zwar aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlich wahrnehmen, über die wir aber trotzdem gültige, sinnvolle Aussagen treffen können.

Gerade weil der Reichtum der Perspektiven anerkannt wird, sind dann einige allgemeine Regeln und Grundsätze wichtig: die Bedeutung der freien Rede etwa, die gewährleistet, dass nicht bestimmte Perspektiven auf Dauer ausgeschlossen und Teile der Wirklichkeit so verborgen bleiben – oder die Bedeutung wissenschaftlicher Prinzipien, etwa der Wiederholbarkeit von Ergebnissen oder der allgemeinen Überprüfbarkeit von Aussagen, die gewährleistet, dass wir unterschiedliche Perspektiven zu gemeinsamen Ergebnissen verknüpfen können.

Es gehören dazu aber auch so simple Grundsätze wie der, dass man sinnvoller über einen Text schreiben kann, wenn man ihn vorher auch gelesen hat.

Tatsächlich sind beide Überzeugungen nicht gleichrangig. Wir können von einer gemeinsamen Wirklichkeit überzeugt sein, ohne soziale Gerechtigkeit anzustreben – aber wir können sinnvoll keine soziale Gerechtigkeit anstreben, ohne von einer gemeinsamen Wirklichkeit überzeugt zu sein. Denn wie sollten wir soziale Ungerechtigkeiten überhaupt auch nur beschreiben können, wenn wir nicht davon ausgehen würden, damit etwas über die Wirklichkeit auszusagen, unabhängig davon, wie einige andere diese Wirklichkeit auch wahrnehmen mögen?

Vor allem aber: Wenn wir die Freiheit der Rede begrenzen – wenn wir davon ausgehen, dass die gültige Wahrnehmung der Wirklichkeit abhängig ist von Perspektiven und sozialen Positionen – wenn wir bestimmte Perspektiven als grundsätzlich unwürdig klassifizieren, so dass wir sie immer schon ungültig finden, bevor wir sie überhaupt wahrgenommen haben – dann ist es vollkommen unrealistisch zu glauben, dass ausgerechnet die Perspektiven der Machthaber und der Privilegierten damit ausgeschlossen bleiben.

Eben das war schon ein wesentliches Argument von Albert Camus in seiner Auseinandersetzung mit Sartre: Wer die Freiheit, also die freie Rede, im Dienste der Gerechtigkeit begrenzt, der wird damit schließlich auch der Gerechtigkeit schaden. Das hat Camus, der unter ärmlichen Bedingungen in Algier aufgewachsen war, offenbar deutlich besser gewusst als der immer schon etablierte Bildungsbürger Sartre: Einschränkungen der Freiheit treffen zuerst diejenigen, die ohnehin schon in der schwächsten Position sind.

Auch wer Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern möchte, schadet diesem Ziel, wenn er oder sie wissenschaftliche Ergebnisse aus politisch-moralischen Erwägungen ignoriert und ihre Vertreter denunziert.

Die Auseinandersetzung um Damores Text ist also keine zwischen Rechten und Linken oder zwischen Feministinnen und Antifeministen. Es ist eine Auseinandersetzung um innere Widersprüche einer heutigen postmodernen Linken, die Liberalität zu Gunsten von sozialer Gerechtigkeit einschränkt – und die dabei Gefahr läuft, schließlich beides zu opfern.

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11 Comments

  • Eine Analyse von Damores Memo-Text führt uns nicht weiter. Dass der Text sachlich und zurückhaltend war, ist unter uns Interessierten mittlerweile eine Binse.

    Wesentlich interessanter ist, dass der Text außerhalb „unseres Zirkels“ unbekannt ist, oder genauer, ignoriert wird, zugunsten eines griffigen Narrativs, eingekürzt auf Bildzeitungs-Titelzeile.

    Soweit es die Presse betrifft, hat jemand (Arne, glaube ich) festgestellt, dass die Redakteure die abonnierten dpa-Meldungen übernehmen und ohne weitere Recherche transkribieren – einschließlich abschließender Bewertung. Eigene Recherche dauert, und Zeit ist Geld.

    Aber reicht das als Erklärung? Ich weiß es nicht. Dass die Pressefreiheit realiter nur die Freiheit ist, die Meinung deines Meisters zu äußern (und nicht deine eigene!), wurde schon Ende 19. Jahrhundert von irgendeinem Alpha-Journalisten formuliert.

    Was für Auswege aus dem Dilemma? Der gegenwärtige Niedergang des Journalismus ist eine Chance. Das Internet erschwert das mundtot-machen: beispielsweise Ken Jebsen oder Daniele Ganser sind nach geschasst-werden immer noch öffentlich präsent.

    Eine weitere Chance bilden die Graswurzelbewegungen, zu denen ich auch die Männerrechtler zähle.

  • „Es ist eine Auseinandersetzung um innere Widersprüche einer heutigen postmodernen Linken, die Liberalität zu Gunsten von sozialer Gerechtigkeit einschränkt – und die dabei Gefahr läuft, schließlich beides zu opfern.“

    Ja, die politisch korrekte postmodernistische Vorstellung von Gerechtigkeit ist weit entfernt, von den Konzeptionen von Gerechtigkeit, wie sie sich in den verschiedenen Strömungen klassisch-linken Denkens zur Diskussion um Gerechtigkeit in der Politischen Philosophie finden, da diese klassisch-linken Positionen (z.B. egalitärer Liberalismus, Diskursethik, marxistischer Humanismus, Anarchismus) rationale ethische Diskussionen und einen universalistischen Maßstab, bei dem nicht mit zweierlei Maß gemessen werden darf, voraussetzen und versuchen Gerechtigkeit und Freiheit zu verbinden.

    Dies ist leider innerhalb der politisch korrekten postmodernen Linken verlorengegangen.

    Jedoch kann die Ungerechtigkeit gegenüber James Damore potentiell auch von einem postmodernistischen/poststrukturalistischen Standpunkt aus kritisiert werden – dies ist allerdings nur möglich vom Standpunkt eines nicht politisch korrekten Postmodernismus/Poststrukturalismus.

    Der ursprüngliche französische Poststrukturalismus/Postmodernismus war noch nicht politisch korrekt, die postmoderne Political Correctness hat sich ja aus der US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus entwickelt und ist von dort aus dann nach Europa importiert worden.

    Der ursprüngliche französische Poststrukturalismus ist m.E. kritikwürdig in seinem „Affekt gegen das Allgemeine“ (wie dies die linken Poststrukturalismus-Kritiker Karl Otto Apel und Axel Honneth treffend bezeichneten). Der Versuch eine „Philosophie der Differenz“ zu entwickeln, die das Besondere und Partikulare in den Mittelpunkt stellt und diesen Aspekt viel stärker betont als das Universelle und Allgemeine, führte zu in meinen Augen kritikwürdigen relativistische Tendenzen und Einseitigkeiten im französischen Poststrukturalismus.

    Dazu ist m.E. viel Kluges von einigen Poststrukturalismus-Kritikern (z.B. von Jürgen Habermas, Karl Otto Apel, Axel Honneth, Manfred Frank, Murray Bookchin, Terry Eagleton, Fernando Suarez Müller, Ken Wilber) geschrieben worden – aber was immer man am französischen Poststrukturalismus auch berechtigt kritisieren kann, die französischen Poststrukturalisten waren jedenfalls nicht politisch korrekt, autoritär, ausgrenzend oder illiberal. Sie waren Anhänger der Meinungsfreiheit sowie eines sehr genauen Lesens und eines differenzierten und begründeten Argumentierens.

    Zu einer autoritären Ideologie wurde der Poststrukturalismus/Postmodernismus erst in den USA und als solche kehrt er von dort in Form der postmodernen Political Correctness zu uns zurück.

    Dass die Poststrukturalismus-Rezeption und -Interpretation in den USA nicht mit dem ursprünglichen französischen Poststrukturalismus verwechselt werden darf, wird von Experten für die US-amerikanische Poststrukturalismus-Rezeption häufig erwähnt.

    So schreibt z.B. der Politikwissenschaftler Mathias Hildebrandt in seinem m.E. sehr lesenswerten wissenschaftlichen Standardwerk zur Entstehung von Multikulturalismus und Political Correctness in den USA hierzu, (nachdem er in einem Kapitel auf die US-amerikanische Rezeption einiger französischer strukturalistischer und poststrukturalistischer Autoren sowie von deren philosophischen Quellen wie Nietzsche, Heidegger und Wittgenstein eingegangen war):

    „Zwar fanden alle im vorangegangenen Kapitel behandelten Autoren neben vielen anderen (…) Eingang in die amerikanische Debatte, aber die Rezeption dieses Konglomerats von Theorien und Theoremen ebenso wie die Formulierung dieser postmodernen Ontologie gestaltet sich eklektizistisch und opportunistisch, insofern die an der Debatte beteiligten amerikanischen Autoren die einzelnen Theorien und Theoreme in unterschiedlicher Auswahl und Zusammensetzung übernommen und entsprechend ihres jeweiligen Erkenntnis- und politischen Interesses verarbeitet haben. Aufgrund dieser individuellen und unsystematischen Rezeption muss die postmoderne Ontologie des Multikulturalismus aus einer Unzahl von Fragmenten und fragmentarischen Bemerkungen einer Vielzahl von Autoren rekonstruiert werden, die zumeist aus unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlichen Kontexten formuliert wurden. Zwangsläufig bewegen sich diese Fragmente weder auf dem gleichen philosophischen Niveau, noch weisen sie die gleiche theoretische Stringenz und Kohärenz auf, wie die „europäischen Originale“.

    (aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 175)

    Und die Poststrukturalismus-Expertin Tove Soiland bemerkt hierzu:

    „Es ist eine Eigenheit der deutschsprachigen Geschlechtertheorie, dass sie im Zuge der Entwicklung des Paradigmas von „gender“ sich wesentlich an den USA orientiert, was aber auch heißt, dass die bei uns gegenwärtig vorherrschende Vorstellung von Poststrukturalismus wesentlich von diesem Umweg über die USA gekennzeichnet ist. Dort aber hat sich eine spezifische, eben amerikanische Version dessen gebildet, was Poststrukturalismus und die französischen Theorieansätze beinhalten, und diese hat sich teilweise sehr weit von ihren französischen Wurzeln entfernt.“

    (aus: Tove Soiland – Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz, Verlag Turia & Kant, 2010, S. 16)

    Vor diesem Hintergrund ist es sicherlich angebracht, zeitgenössische politisch korrekte postmoderne Linke, die in der in dem obigen Artikel beschriebenen schlampigen, verantwortungslosen und argumentfreien Weise mit James Damores Text umgegangen sind, dazu aufzufordern sich einmal vor Augen zu führen, welchen Umgang mit Texten z.B. der französische poststrukturalistische Philosoph Jaques Derrida gewünscht und empfohlen hat.

    Jaques Derrida war bekannt als ein Anhänger eines äußerst genauen und präzisen Lesens und eines differenzierten Argumentierens über Texte. Oberflächlichkeit im Umgang mit Texten oder uninformiertes, argumentfreies und undifferenziertes Niedermachen von Andersdenkenden wurden von ihm verabscheut. Man muss kein Anhänger von Derridas Philosophie sein, um diesen Aspekt seines Denkens gutzuheißen.

    Oft ist es Jaques Derrida passiert, dass mit seinen Texten ähnlich umgegangen wurde wie jetzt mit dem Text von James Damore, (obwohl Derrida selbst immer Wert darauf gelegt nicht so mit den Texten anderer Autoren zu verfahren).

    Seine Kritiken, die er an solchen Verhaltensweisen formuliert hat, können daher fast eins zu eins auf den Umgang zeitgenössischer politisch korrekter postmoderner Linker mit dem Text von James Damore übertragen werden.

    Im Folgenden seien ein paar Passagen hierzu von Jaques Derrida zitiert. Man ersetze einfach stets in Gedanken, wo immer dort von Dekonstruktion die Rede ist, dies durch einen Verweis auf den Text von James Damore und man erhält eine treffende Kritik am Umgang von Teilen der Presse mit Damores Text:

    „Warum hat die Presse (…) die Verleugnungen, die Lügen, die Diffamierungen, die Andeutungen gegen die Dekonstruktion vervielfacht, indem sie deren Texte auf stupide und unehrenhafte Weise karikierte, ohne sich die Zeit zu nehmen, zu lesen und sich zu informieren, ohne sich jemals die Mühe zu machen, herauszufinden, was diese sogenannten dekonstruktiven Texte wirklich sagen? (…) Warum ähneln diese Methoden so oft und so auffallend genau denjenigen, die man anzuprangern vorgibt, und die man nachzuahmen beginnt (kurzer Prozess, Karikatur, Verleugnung, Verfälschung, Unfähigkeit, herauszufinden, oder zu erkennen, was von jemandem gesagt, getan, und geschrieben wurde, die man angreift und mit denen man abrechnet.)?“

    (aus: Jaques Derrida – Unterwegs zu einer Ethik der Diskussion, in: Jaques Derrida – Limited Inc., Passagen Verlag, 2001, S. 237)

    „Und da ich schon weiter oben auf die Einmischung der Presse in die Debatte (…) angespielt habe, würde ich nochmals das sehr gravierende Problem der Verantwortung der Presse (…) in den politisch-intellektuellen, philosophischen, kulturellen, oder ideologischen Debatten aufwerfen. Und vor allem das Problem der Verantwortung der Intellektuellen in ihrem Verhältnis zur Presse. Nicht um den Rückzug ins Innere der Akademie zu empfehlen, schon gar nicht um die Presse an sich oder im allgemeinen zu beschuldigen, sondern um im Gegenteil für eine maximale Entwicklung einer freieren und bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben gewissenhafteren Presse zu appellieren.“

    (aus: Jaques Derrida – Unterwegs zu einer Ethik der Diskussion, in: Jaques Derrida – Limited Inc., Passagen Verlag, 2001, S. 238)

    „In unserem Milieu werden Beschimpfungen und mißbräuchliche Analogie zu leichtfertig gehandhabt. Ich habe zu viele Beispiele im Kopf.“

    (aus: Jaques Derrida – Unterwegs zu einer Ethik der Diskussion, in: Jaques Derrida – Limited Inc., Passagen Verlag, 2001, S. 215 f.)

    Passend zum Thema hier auch noch ein Zitat des französischen poststrukturalistischen Philosophen Michel Foucault zum Thema „kritische Arbeit“.

    Unter „kritischer Arbeit“ versteht Foucault dabei keineswegs das Niedermachen von Andersdenkenden, wie es zeitgenössische politisch korrekte postmoderne Linke gerne tun, sondern vielmehr die Fähigkeit sich mit den Texten von Andersdenkenden auf eine Art und Weise zu beschäftigen, die es einem selbst ermöglicht etwas dazu zu lernen, des Weiteren bejahte er entschieden einen freien Meinungsaustausch und Diskussionen über unterschiedliche Ideen:

    „Der Meinungsaustausch, die Diskussionen und eventuell sogar die recht lebhafte Auseinandersetzung in bezug auf unterschiedliche Ideen haben keinen Ort mehr, an dem sie sich zum Ausdruck bringen können. (…) Was vergessen worden ist, ist gerade die Funktion der kritischen Arbeit. In den fünfziger Jahren war die Kritik eine Arbeit. Ein Buch lesen, über ein Buch sprechen war eine geistige Übung, der man sich gewissermaßen um ihrer selbst willen hingab, zu eigenem Nutzen, um sich selbst zu verändern.
    Gut über ein Buch zu sprechen, das man nicht liebte, oder mit hinreichender Distanz über ein Buch sprechen, dass man etwas zu sehr liebte – diese Anstrengung arbeitete darauf hin, dass, von Schrift zu Schrift, von Buch zu Buch, von Werk zu Artikel, tatsächlich etwas passierte.
    (…)
    Die Kritik aber hat diese Funktion anscheinend vergessen, um mit politisch-richterlichen Funktionen vorlieb zu nehmen: den politischen Feind anprangern, beurteilen und verdammen oder urteilen und Kränze flechten.
    Das sind die armseligsten, die uninteressantesten Funktionen, die sich denken lassen.“

    (zit. nach: Didier Eribon – Michel Foucault. Biographie, Suhrkamp, 1991, S. 422 f.)

    Zeitgenössische politisch korrekte postmoderne Linke verstoßen ständig in gravierender Weise gegen die Vorstellungen genauen Lesens und einer Ethik der Diskussion, die sich z.B. im Werk von Jaques Derrida und Michel Foucault findet (ich könnte viele weitere Zitate dieser beiden Autoren zum Thema „Ethik der Diskussion“ nennen), während politisch korrekte postmoderne Linke gleichzeitig von bestimmten selektiven Interpretationen des Werkes der französischen Poststrukturalisten direkt oder indirekt beeinflusst sind.

    Es ist daher m.E. sinnvoll politisch korrekte postmoderne Linke – neben einer absolut notwendigen Kritik vom Standpunkt klassisch linken Denkens aus – auch mit solchen Auffassungen von französischen Poststrukturalisten zu konfrontieren, die der postmodernen Political Correctness faktisch widersprechen, um postmoderne PC-Linken dadurch den ideologischen Boden unter den Füßen wegzuziehen.

    • @ Leszek Vielen Dank dafür. Das Thema ist eigentlich einen eigenen Post wert… 😉

      Es ist vielleicht hilfreich, daran zu denken, dass das poststrukturalistische Denken grundsätzlich auf Sprachphilosophie aufbaut. Schon der Strukturalismus de Saussures ging nicht davon aus, dass Begriffe bestimmten Gegenständen oder Phänomenen zugeordnet sind und dadurch ihre Bedeutung erhielten – sondern dass sie ihre Bedeutung bekommen durch ihre Differenz zu anderen Begriffen. Der Begriff „Mann“ hätte z.B. wenig Sinn, wenn er sich nicht durch den Unterscheid zum Begriff „Frau“ bestimmen würde, und umgekehrt.

      So bilden die Wörter untereinander eine Struktur, in der sie sich in ihrer jeweiligen Bedeutung gleichsam gegenseitig stützen. Ein Begriff ist nicht einem Ding aufgepflanzt wie ein Fähnchen – sondern er definiert (wörtlich eben: begrenzt) sich durch das, was er eben NICHT bezeichnet.

      Derrida hat das aufgegriffen und gleichsam radikalisiert. Jede unserer Aussagen habe ihre Bedeutung durch eben das, was sie ausschließe. So aber schwinge dieses Ausgeschlossene immer mit. Ein zentraler Begriff für ihn ist die Wortschöpfung „différance“ (mit dem absichtlichen Unterschied zur herkömmlichen Schreibung „différence“): Was wir aussagen, konstruiere sich immer durch den Unterschied zu eben dem, was damit ausgeschlossen werde.

      Die „Dekonstruktion“ ist dann beides: eine Destruktion, weil sie zeigt, dass unsere so sicher geglaubten Bedeutungen und Wahrheiten tatsächlich gar nicht so sicher sind, gleichsam gar nicht in sich ruhen, sondern immer nur im Bezug auf Ungesagtes Bedeutung erhalten – und eine Konstruktion, weil gezeigt wird, wie wir Bedeutungen überhaupt erst herstellen.

      Natürlich laden solche sprachphilosophischen Unterscheidungen zu einer politischen Deutung ein. Geistige Normalität definiere sich durch den Ausschluss des „Verrückten“ – Heterosexualität durch den Ausschluss der Homosexualität (vgl. Foucault) – bürgerliche Distinguiertheit durch den Ausschluss des Proletarischen – etc.

      Geschlechterpolitisch lag dann natürlich die Behauptung nahe, Männlichkeit würde sich durch den Ausschluss von Weiblichkeit definieren – wirklich MÄNNLICH sei eben das, was nicht weiblich bzw. „weibisch“ wäre. Dem lassen sich dann leicht und beliebig andere Differenzen zuordnen: stark-schwach, dominant-submissiv, mächtig-ohnmächtig, rational-emotional, starr-fließend etc.

      Damit kehrt sich das, was Derrida entworfen hat, in sein Gegenteil um. Ihm ging es ja gerade darum, dass gleichsam nichts fest sei, dass alles nur dadurch etwas ist und etwas bedeutet, dass es AUF ANDERES BEZOGEN ist. Das heißt: Die Produktion von Bedeutungen ist damit eine gleichsam unendliche Bewegung, weil sie an keiner Stele einen festen Ort erreicht oder erreichen kann.

      In der einfachen politischen Interpretation aber wird diese unendliche Bewegung auf simple Weise in einfache Gegenüberstellungen betoniert. Wer sich auf der Seite der „Ausgeschlossenen“ positioniert, kann das Gefühl haben, grundsätzlich im Recht zu sein gegen eine große Maschinerie, die beständig Bedeutungen produziert, damit aber eigentlich bloß Machtstrukturen reproduziere.

      Was dabei verloren geht, ist DER zentrale Aspekt der Aufklärung: nämlich die Bereitschaft zur Selbstkritik, zur Frage, wodurch denn die EIGENE Position überhaupt erst möglich wird. Wer sich stupide auf der Seite der Ausgeschlossenen (Frauen vs. Männer, Homosexuelle vs. Heterosexuelle, Transidente vs. Cissexuelle, Schwarze vs. weiße etc.) positioniert, muss eben gar nicht mehr wahrnehmen, dass seine eigene Position ja notwendigerweise AUCH durch Ausschlüsse ermöglicht wird.

      Mehr noch: Es geht sogar die grundsätzche Möglichkeit verloren, das Ausgeschlossene wieder ins Spiel zu bringen, weil es moralisierend beständig und stupide als dass „Mächtige“ und „Hegemoniale“ definiert wird: Nur die anderen schließen aus, ich nicht.

      So ist denn eine politische Bewegung entstanden, die zwar aus der Ferne auf Derrida aufbaut, die sich aber eben gerade gegen die (Selbst-)Kritik immunisiert hat, um die es ihm ging.

      Ich selbst bin kein Derrida-Fan, würde in seiner Auseinandersetzung mit Habermas (um die Bedeutung universeller Werte, die Habermas betont und die Derrida totalitär fand) auch ganz auf der Seite von Habermas stehen. Aber dass die gegenwärtige postmoderene Linke Derrida Unrecht tut (und eine Rechte sowieso, die meist eh nur eine vereinfachte Version kennt): Das finde ich auch offensichtlich.

  • Die Behauptung, dass die Ungleichheiten in manchen Berufen unhinterfragbar, ursächlich und ausschliesslich auf Benachteiligungen zurück zu führen sind, ist eine absolut notwendiges Dogma der Genderisten, weil sich erst dadurch die konkrete und offensichtliche Privilegierung, insbesondere im Anstellungsprozess, als gerechtfertigte Kompensation für erlittenes Unrecht darstellen lässt.
    Lässt man dieses Dogma fallen und erklärt im Grundsatz, dass dieses Differenzen nicht notwendigerweise ursächlich aus Benachteiligungen resultieren, dann wäre eine solche pauschal gewährte Kompensation in Frage gestellt.

    Die forcierte Diversity ist nichts weiter als ein potemkinsches Dorf, eine schöne Fassade. Die zahlenmässige Repräsentation von Frauen bei Google entspricht in etwa dem Anteil Frauen in den MINT-Studien und ist somit kein Indikator für eine benachteiligende Praxis BEI GOOGLE.

    • @ Pjotr „Die Behauptung, dass die Ungleichheiten in manchen Berufen unhinterfragbar, ursächlich und ausschliesslich auf Benachteiligungen zurück zu führen sind, ist eine absolut notwendiges Dogma…“

      Das ist hier ein wichtiger Punkt. Damore hat seinen Text ja in einer bestimmten Situation geschrieben, in der es Praktiken gibt, die Einzelne bewusst benachteiligen, um einen statistischen Ausgleich herzustellen.

      Diese politischen Maßnahmen machen insgeheim mindestens zwei Voraussetzungen.

      Erstens muss gezeigt werden, dass es tatsächlich eine Verpflichtung oder zumindest eine Legitimation gibt, diesen Ausgleich anzustreben. Das ist der Fall, wenn Ungleichheiten auf Diskriminierungen zurückzuführen sind, die als ungerecht aufgefasst werden – dann können Gegenmaßnahmen legitimiert werden.

      Zweitens muss aber auch gezeigt werden, dass denjenigen, die durch diese Gegenmaßnahmen Nachteile erleiden, diese Nachteile durchaus zugemutet werden können. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn sie grundsätzlich immer Vorteile hatten und ihre Nachteile nun lediglich einen gerechten Ausgleich der immer schon bestehenden Vorteile darstellen. „Leveling of the playing field“ ist ein Lieblingsausdruck von Akteuren, die eine „ausgleichende Diskriminierung“ verteidigen (bei Kimmel z.B. ist es ein zentraler Begriff).

      Das heißt: Dieses ganze System kann es sich gar nicht leisten, auch nur den Gedanken zuzulassen, dass Ungleichheiten auch auf etwas anderem aufbauen könnten als auf Diskriminierungen. Dies umso mehr, als dieser Gedanke ja eigentlich sehr nahe liegt. Wer glaubt denn z.B. ernsthaft, dass ein Junge aus der Unterschicht in seiner Bildungskarriere immer schon bevorzugt wäre im Vergleich mit einem Mädchen aus einer etablierten akademischen Oberschicht?

      Wichtig ist: Wer die „ausgleichende Diskriminierung“ etabliert, ist beweispflichtig – ER muss zeigen, dass er auf tatsächliche Diskiminierungen reagiert. Beweispflichtig ist NICHT der Kritiker – denn der muss lediglich zeigen, dass es auch andere mögliche Erklärungen für Ungleichheiten gibt. Daher wird schon die bloße Diskussion verweigert – die Vertreter der bestehenden Praxis wissen offenbar immer schon, dass sie darin kaum eine vertretbare Position hätten.

      • Erstens muss gezeigt werden, dass es tatsächlich eine Verpflichtung oder zumindest eine Legitimation gibt, diesen Ausgleich anzustreben. Das ist der Fall, wenn Ungleichheiten auf Diskriminierungen zurückzuführen sind, die als ungerecht aufgefasst werden – dann können Gegenmaßnahmen legitimiert werden.

        Aber selbst dann bleibt die pauschale Privilegierung von Gruppen ein zweifelhaftes Konzept. Es wäre interessant zu vergleichen: Ist das Einkommen der Eltern, was auf den Begriff der Klasse führt, ein besserer (stärkere positive Korrelation als Rasse und Geschlecht) oder schlechterer Indikator für beruflichen Erfolg (als Einkommen exakt messbar)? Da aber die „Linksidentitären“ und die „Genderwissenschaftler“ die Kategorie „Klasse“ nicht berücksichtigen, müssen wir wohl dumm sterben. Und die Bankierstochter ist gegenüber dem männlichen Arbeiterkind aus prekären Verhältnissen benachteiligt.

      • „Diese politischen Maßnahmen machen insgeheim mindestens zwei Voraussetzungen.“

        Ich halte bei solchen Diskriminierungsargumentationen eine dritte unbewiesene und gut versteckte Annahme für wichtig: die „Null“-Hypothese, daß von Natur aus und ohne soziale Einflüsse keine sozialen Geschlechterunterschiede auftreten würden, s. Die blank-slate-Hypothese als versteckte Null-Hypothese. Diese versteckte Annahme ist extrem angreifbar, ohne Kultur und soziale Kontrolle wäre alles schlimmer, nicht besser.

  • Unter „kritischer Arbeit“ versteht Foucault dabei keineswegs das Niedermachen von Andersdenkenden, wie es zeitgenössische politisch korrekte postmoderne Linke gerne tun, sondern vielmehr die Fähigkeit sich mit den Texten von Andersdenkenden auf eine Art und Weise zu beschäftigen, die es einem selbst ermöglicht etwas dazu zu lernen, des Weiteren bejahte er entschieden einen freien Meinungsaustausch und Diskussionen über unterschiedliche Ideen:

    Ach was, Leszek! Wir machen eine Liste und listen alle auf, die falsch denken und falsche Ideen haben und gut ist! 🙂

  • Brianna Wu, welche den entlassenen Google Mitarbeiter posthum verhöhnte und nun für die Demokraten für den Kongress kanditieren wird. Hat schon mal jemand nachgeschaut, was das für ein Früchtchen ist? Erste Anlaufstelle ist wikipedia.

    Brianna Wu
    https://en.wikipedia.org/wiki/Brianna_Wu
    is an American video game developer and computer programmer. She cofounded Giant Spacekat, an independent video game development studio with Amanda Warner in Boston, Massachusetts.[4]
    She is also a blogger and podcaster on matters relating to the video game industry,[5]
    and is currently running for Congress.[6]

    und hat auch beim Gamer-Gate mitgemischt. Dabei wurde sie natürlich auch bedroht.

  • Der Damoresche Text wiederholt, aus etwas Distanz betrachtet, den sattsam bekannten Vorwurf (ohne ihn explizit zu formulieren), die feministische Ideologie stehe im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und belegt es mit einer Auswahl altbekannter Fakten. i.w. ist das das gleiche Thema wie die Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies.

    Das ist mMn ein Hauptgrund, warum die Süddeutsche („rückständig und dumm“) und einige andere Feministinnen dermaßen ausrasten. Spieltheoretisch wüßte ich ja gerne, ob Nina Bovensiepen und Co. davon ausgehen, von einem Teil der Leser selber für rückständig und dumm gehalten zu werden bzw. auf welche Rezeption ihrer Hetzschrift bei welcher Gruppe sie spekuliert.

    Das Thema kocht jetzt seit wenigstens 12 Jahren hoch. Damals ist Lawrence-Summers bei Havard gefeuert worden, aus dem gleichen Grund wie heute Damore bei Google. Lesenswert ist auch heute noch, 12 Jahre später, die Stellungnahme von Steven Pinker zu Summers Thesen: http://www.thecrimson.com/article/2005/1/19/psychoanalysis-q-and-a-steven-pinker-in-an/ Die kann man praktisch identisch auf den Fall Damore anwenden. Insofern kommt es mir vor, als ob sich die feministische Wagenburg im letzten Jahrzehnt kein bißchen bewegt hat.

  • Zur Zeit laufen ja noch zwei Verfahren gegen Yahoo (das jetzt Altaba heißt), in denen es unter anderem um den Vorwurf der Männerdiskrimminierung geht. Durch diesen Vorfall bei Google wird es jetzt noch deutlich interessanter, was wohl passiert sollte das Gericht die Vorwürfe gegen Yahoo tatsächlich als bewiesen ansehen. Denn zusammen mit den Diskussionen um James Damore könnte eine Verurteilung von Yahoo die Diskussionen über Sexismus am Silicon Valley relativ schnell auf den Kopf stellen.

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