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Wer ist schuld? – Ein Service für die SPD

geschrieben von: Lucas Schoppe

Was die SPD von Hillary Clinton lernen kann

Seitdem Hillary Clinton mit einem der dämlichsten Wahlkämpfe der neueren amerikanischen Geschichte Donald Trump zum Präsidenten gemacht hat und wir nun allesamt mit dem Schlamassel leben müssen, ist sie bekanntlich intensiv damit beschäftigt aufzudecken, wer alles schuld ist an alledem. Mit viel Geschick und Findigkeit entdeckt sie Verantwortung in so ziemlich jeder Bevölkerungsgruppe, bis am Ende noch genau eine Person übrig bleibt, die zufällig auch Hillary Clinton heißt und mit einem Mann namens Bill verheiratet ist.

Da aber die SPD die heilige Hillary oft und gern zum Vorbild erklärt hat, ist eigentlich jetzt schon klar, was die Partei am Sonntagabend zu tun hat: Sie muss erklären, wer schuld ist. (Nicht, wer „Schulz“ ist, das wäre dann zu spät und hätte vorher erledigt werden müssen.) Da ja die SPD mir altem Sozialdemokraten, wie alle wissen, eine Herzensangelegenheit ist, und da ich ja immer noch ab und zu von der Zwangsvorstellung heimgesucht werde, Sozialdemokratie und SPD hätten irgendetwas miteinander zu tun – daher möchte ich diese so wichtigen Erklärungen nach der Wahl jetzt gern schon vorbereiten.

Als man tau-Service für SPDler, die am Wahlabend dann in all der Hektik zu strategischen Überlegungen nicht in der Lage sind oder die dann gar etwas ganz Unüberlegtes tun, wie z.B. die Schuld bei sich selbst zu suchen.

Also, wer ist schuld?

 

Ist Herr Schulz schuld? Nein, es sei denn….

Schulz? Das nur bei einem Ergebnis von unter 23%. Wenn er noch schlechter als Steinmeier 2009 abschneidet, sollte er sich selbstkritisch in die Kameras hinein fragen, ob nicht auch er manche Inhalte der SPD bei den Wählerinnen und Wählern noch deutlicher hätte machen müssen. Was eine elegante Weise ist zu sagen, dass der blöde Wähler (in diesem Fall lieber ohne korrekte Genderung) halt nicht ganz verstanden hat, wie gut die SPD eigentlich ist.

Ob das Problem nicht tatsächlich eher damit zu tun haben könnte, dass einige Inhalte der SPD-Politik durchaus vielen Menschen ausgesprochen deutlich waren – das wäre hingegen eine blöde Frage.

Auf so was sollte Schulz sich also gar nicht erst einlassen. „Wir müssen uns alle fragen“, „Ich nehme mich da ausdrücklich nicht aus“ – damit kommt man erstmal über den Wahlabend und den nächsten Morgen, auch wenn der Kater nervtötend sein sollte. In ein paar Jahren, oder Monaten, oder Wochen, oder ein paar Tagen ist dann immer noch alles drin. Steinmeier zum Beispiel war zwischendurch Außenminister und ist nun Staatsoberhaupt.

Ein Kollege hat mich neulich allerdings ganz ernsthaft gefragt, wer eigentlich gerade Bundespräsident ist – was ja nur zeigt, mit welch meisterhafter Dezenz Steinmeier unser Land repräsentiert.

 

Ein Dreigestirn, das gewiss nichts dafür kann

Gabriel wiederum hatte 15% in Niedersachsen verloren, was ihn zum Parteivorsitzenden qualifizierte – und als Maas es geschafft hatte, von absoluten SPD-Mehrheiten im Saarland runterzukommen und bei 25% zu landen, war der Weg zum Justizministerium für ihn frei.

Damit ist aber auch schon einmal klar, wer nicht schuld ist, unter keinen Umständen, auch wenn die SPD weniger als 20% bekommen sollte: Die SPD-Minister*innenriege, der Stolz der Partei, ohne die die SPD heute wer weiß wo stünde.

Sigmar Gabriel zum Beispiel, der es als erster bundesdeutscher Außenminister überhaupt geschafft hat, einen Israel-Besuch im Desaster enden zu lassen. Ein Mann vom Typ Schulhof-Bully, der ganz bestimmt immer Chef ist, ohne dass irgendjemand so recht wüsste, warum eigentlich. Jedenfalls weiß jeder, dass es was aufs Maul gibt, wenn man ihm dumm kommt.

Gabriel ist wichtig: Seitdem der durchgeistigte Donald Trump Präsident ist, vermissen wir in der internationalen Politik nun einmal schmerzhaft Politiker, die mal so richtig auf den Tisch hauen können, ohne lange drüber nachzudenken.

Immerhin hatte Gabriel es geschafft, rechtzeitig vor der Bundestagswahl demonstrativ auf die Chance zu verzichten, sich von Merkel abschlachten zu lassen, und sich für die Wahl 2021 in Stellung zu bringen.

Oder Heiko Maas, der seine Beziehung zur Schauspielerin Natalie Wörner so geschmackvoll öffentlich zelebriert, dass es sicher auch seine Frau und seine Kinder sehr stolz macht. An seinem Netzwerkdurchsetzungsgesetz fand der UN-Beauftragte für Meinungsfreiheit gleich so viel so kritisieren, dass er der Bundesregierung einen langen Brief schrieb – was der Justizminister ebenso souverän ignorierte wie die Kritik aus dem Netz, er würde die sozialen Netzwerke zu Zensurmaßnahmen nötigen, zu denen die Bundesregierung selbst nie und nimmer befugt wäre.

Ein wesentlicher Beitrag zur Volkserziehung ist auch das neue Gesetz zur sexuellen Gewalt, nach dem Männer nun beim Sex meist gar nicht mehr so genau wissen können, ob sie sich eigentlich gerade strafbar machen oder nicht. Müssen sie halt lernen, vorsichtig zu sein.

Auch Maas kann natürlich nicht schuld sein: Seitdem der kultivierte Donald Trump Präsident ist, fehlen uns nun einmal schmerzlich Politiker, die gezielt so viele Peinlichkeiten aufeinander häufen, dass man sich am Ende an die einzelnen gar nicht mehr so recht erinnern kann.

Manuela Schwesig ist rechtzeitig aus Berlin weg nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen und trägt jetzt die politische Verantwortung für das strukturschwächte Bundesland der Republik. Dafür qualifizierte sie sich ja schon allein dadurch, dass sie sich klugerweise in das Gerichtsverfahren gegen die C-Prominente Gina Lisa Lohfink eingemischt hatte, die zwei Männer der Vergewaltigung beschuldigt und dabei unglücklicherweise nachweisbar die Unwahrheit gesagt hatte. Was die Familienministerin nicht davon abhielt, sich zum „Team Gina Lisa“ zu bekennen und öffentlichen Druck auf das Gericht auszuüben.

Warum auch nicht? Als Frauenministerin ist sie schließlich nicht für Männer verantwortlich, und Familien sind in der SPD auch seit jeher Frauensache, weshalb die Partei ja auch niemals auf die Idee käme, ein Mann könne das Ministerium führen. Auch Schwesig ist wichtig: Seitdem der genderbewusste Donald Trump Präsident ist, fehlen uns nun einmal schmerzhaft Politiker, die es schaffen, die Geschlechter wirkungsvoll gegeneinander aufzubringen.

An die anderen SPD-Ministerinnen kann ich mich gerade nicht so recht erinnern, aber ich bin mir sicher, dass Frau Nahles und Frau Hendricks sehr solide Arbeit geleistet haben, mit der sie aber leider nicht so glänzen konnten wie das oben beschriebene Dreigestirn.

Nahles positioniert sich, wenn ich mich nicht irre, genau wie Gabriel schon einmal vorsorglich für 2021, was aber ja eigentlich nur dann sinnvoll ist, wenn die SPD dann noch eine Chance hat, in den Bundestag zu kommen.

 

Zwei Gruppen, die an allem schuld sind

Klar ist aber immer und sowieso, dass eine Gruppe ganz bestimmt schuld ist: Die Männer nämlich. Nun ist Schulz zwar leider selbst ein Mann und kann nur mit einigen Einbußen an Überzeugungskraft Clintons Behauptung übernehmen, sie sei nur deshalb von vielen nicht gewählt worden, weil sie eine Frau ist. Aber er macht Politik FÜR Frauen, kämpft beispielsweise gegen das Gender Pay Gap wie einst Don Quijote gegen die Riesen. Klar nehmen ihm das einige reaktionäre Männer übel, die von ihren Privilegien nicht lassen können, die sich selbst lächerlicherweise als Opfer inszenieren, usw.

Wie tapfer es von Martin Schulz ist, dass er für seine Überzeugungen eintritt, obwohl er sehr wohl weiß, dass ihm dass bei einigen Unbelehrbaren Wählerstimmen kosten wird – das ist bislang leider viel zu wenig gewürdigt worden und sollte am Wahlabend unbedingt erwähnt werden.

Abgesehen von den Männern ist allerdings noch eine zweite Gruppe schuld, und das sind die Frauen. Offenbar geblendet davon, dass Merkel eine Frau ist, obwohl sie ja eigentlich gar keine richtige Frauenpolitik macht, wählen viele Frauen gegen ihre eigenen Interessen.

Dass sich tatsächlich viele Frauen in einer feministischen Politik nicht wiederfinden, dass die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen Frauen vielleicht eher abschreckt als für die Partei gewinnt – das sind Gedanken, die viel zu realistisch wären, als dass sie am Wahlabend oder auch irgendwann danach geäußert werden sollten. Selbstkritik zu demonstrieren ist prima, aber das muss ja nicht gleich in Selbstkritik münden. Man kann auch alles übertreiben.

Damit ist aber dann schon klar, welche beiden Bevölkerungsgruppen in ganz besonders hohem Maße schuld an allem sind: die Männer und die Frauen nämlich. Daneben gibt es aber einen zweiten Faktor, der auf gar keinen Fall am Wahlabend unerwähnt blieben darf: den RECHTSRUTSCH.

 

Gibt es einen Rechtsrutsch, oder ist die Linke nur nicht so besonders gut?

Rechtsrutsch ist echt blöd, vor allem, weil man überhaupt nichts daran ändern kann. Sicher, für oberflächlich wahrnehmende Zeitgenossen sah es Mitte 2015 so aus, als würde die AfD schon wieder schrumpfen, und zwar gerade deshalb, weil sie sich in ihren internen Konflikten immer weiter nach rechts bewegte. Manche könnten gar auf die Idee kommen, die chaotische, ziellose Migrationspolitik der Bundesregierung hätte etwas mit dem heutigen Erfolg der AfD zu tun und sei ein Segen für die Partei gewesen.

Am Wahlabend und den darauffolgenden Tagen besteht die Gefahr, dass solche Überlegungen zu viel Raum gewinnen und dass dahinter rationalere Erklärungen verschwinden – z.B. die, dass viele Menschen eben einfach Pack sind und eigentlich gar nicht wählen dürfen sollten, weil sie es ja eh nicht richtig können.

Deshalb: Bevor irgendein Depp auf die Idee kommt, nach einer Mitschuld der SPD am AfD-Erfolg zu fragen, ist es sehr, sehr wichtig, sorgenvoll und bedrückt in die Kameras zu schauen, vor einer „anderen Republik“ zu warnen, die „Gemeinsamkeit der Demokraten“ zu beschwören und nicht mehr daran zu denken, dass zur Gemeinsamkeit der Demokraten blöderweise oft auch Menschen gehören, die etwas anderes denken als man selbst. Also, etwas anderes als das Richtige.

Sonst passiert es nämlich, dass irgendwelche Einflüsterer der SPD empfehlen, die Bedeutung der Parteibasis wieder zu stärken, statt ihr irgendwelche Kanzlerkandidaten zum allfälligen Bejubeln vorzusetzen – Menschen ab und zu mal zu fragen, was sie denken, anstatt ihnen zu sagen, was sie denken würden, wenn sie denn nur vernünftig denken würden – oder gar mal die Frage zu stellen, was eigentlich mit den Auswahlkriterien für das Führungspersonal der Partei nicht stimmt.

Nach der Wahl ist vor dem nächsten Posten, und Selbstkritik ist nur was für Leute, die Fehler machen, da gehört sie ja auch hin. Und nur da.

 

Wählen oder Zurückverarschen?

Wenn es ganz arg damit wird, dann müssen eben ein paar Nebenschuldige präsentiert werden. Die Ex-Titanic-Spaßpartei PARTEI zum Beispiel, von der die taz schon vor der Wahl klargestellt hat, dass sie dem linken Lager den so dringend benötigten Ernst für den Kampf gegen rechts in Witzeleien pulverisiert. Falls die Rechten an die Macht kommen, sind irgendwie Sonneborn und seine „Komödianten“ schuld – „übrigens, klar, alles Männer“.

Ich selbst werde die PARTEI übrigens dann wählen, wenn ich das Gefühl habe, von der gängigen Parteipolitik so rundweg verarscht zu werden, dass ich nur noch zurückverarschen kann.

Ansonsten glaube ich, dass sowohl die FDP als auch die AfD stärker werden, als es aussieht. Die FDP nicht nur, weil sie sich gefangen hat, sondern auch weil – trotz der seltsamen Konzentration auf den plakativen Herrn Lindner und trotz der Herrenduft-Werbungs-Ästhetik der Wahlplakate – einige vernünftige Kalküle für die Partei sprechen, die selbst Nicht-FDP-Anhänger ansprechen könnten.

Erstens: Es ist eine gute Entscheidung ist, so zu wählen, dass die AfD nicht drittstärkste Partei wird. Mit Gauland als Oppositionsführer sähe schließlich sogar eine schwarz-rote Regierung plötzlich ganz sympathisch aus. Als Konkurrenten um den dritten Platz kommen aber nur die FDP und die Linke in Frage – und für mich persönlich greifen bei der Linken mehr Ausschlusskriterien als bei der FDP. Auch wenn ich jeden verstehe, der das andersherum sieht.

Zweitens gibt es eine realistische Alternative zu noch einer bleiernen schwarz-roten Zeit nur mit der FDP. Wer schwarz-rot nicht will, muss sich wohl mit magenta-gelb anfreunden, auch wenn das wirklich bescheuert aussieht.

Deshalb ist der SPD – ganz heimlich, und DAS darf am Wahlabend nun wirklich nicht gesagt werden – eine starke AfD vielleicht ganz recht: Je stärker die AfD wird, desto unwahrscheinlicher wird Schwarz-Gelb und desto zwangsläufiger wird Schwarz-Rot, die einzige Machtoption der SPD.

Ich selbst bin mir übrigens sicher, dass die meisten der AfD-Wähler nicht wegen, sondern trotz der völkischen Idiotien für die Partei stimmen – weil sie das Gefühl haben, eine Stimme für die AfD wäre der einzige ernsthafte Impuls für Veränderungen, der ihnen möglich ist.

Dagegen könnte die SPD leicht etwas tun – nämlich selbst Möglichkeiten für Veränderungen schaffen. Blöderweise aber sind Veränderungen oft damit verbunden, dass manche Dinge sich ändern, und wer weiß: Am Ende würde sich sogar in der SPD-Führung und den SPD-Parteistrukturen etwas bewegen, jetzt gerade, wo es sich alle so gut eingerichtet haben und die Partei so „gut aufgestellt“ ist. Veränderungen sind ja schön und gut, aber wenn sie dazu führen, dass Dinge in Bewegung geraten, dann ist das ja nun auch nicht Sinn der Sache.

Aber es muss ja auch nicht sein, wenn man nur gut vorbereitet ist. Also, liebe SPD: Ihr könnt Euch ganz beruhigt und ohne Sorgen dem Wahlabend entgegentreiben lassen. Man Tau, das Fachblog für geschmeidige Krisenbewältigung, hat alles, was Ihr braucht, und ich bin mir sicher, Ihr werdet am Wahlabend erleichtert darauf zurückgreifen.

Gern geschehen – da nich für.

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25 Comments

  • „Gabriel wiederum hatte 15% in Niedersachsen verloren, was ihn zum Parteivorsitzenden qualifizierte – und als Maas es geschafft hatte, von absoluten SPD-Mehrheiten im Saarland runterzukommen und bei 25% zu landen, war der Weg zum Justizministerium für ihn frei.“

    Warum überhaupt anstrengen?

  • Ich selbst werde die PARTEI übrigens dann wählen, wenn ich das Gefühl habe, von der gängigen Parteipolitik so rundweg verarscht zu werden, dass ich nur noch zurückverarschen kann.

    Gut gesagt. Ich bin schon an dem Punkt.

    • „Die Partei“ schneidet bei mir gemäss Wahl-o-Mat am besten ab. Offensichtlich haben sie nebst den satirischen Elementen ein ernstes Parteiprogramm.
      Der Rant gefällt mir. Diese Spezialdemokraten haben sich Spott und Häme verdient, und zwar kübelweise!

      • Bei mir liegen die Piraten noch knapp vor der Partei. Aber keine der im Bundestag vertretenen Parteien (und auch nicht die AfD) kommt über 50%.

      • Ich bin ziemlich sicher das liegt daran, dass die Partei ihr Wahlprogramm an Bevölkerungsumfragen ausgerichtet hat. Die haben schlicht geguckt, was zu jedem Thema im Wahlomat am beliebtesten ist und das dann ins Programm aufgenommen.

        Im Grunde genommen den Zentrumswahnsinn nur noch auf die nächste Stufe gehoben. (Man erinnere sich an Zeiten wo es noch deutliche Unterschiede zwischen den „Volks“parteien gab) Aber keine Sorge weder CDU noch SPD werden das tun, Gott behüte. Dann müsste man ja eventuell soziale Politik machen, oder den Schwanz aus dem Schredder… ich meine die Bundeswehr aus Kriegen heraus halten.

  • „Ansonsten glaube ich, dass sowohl die FDP als auch die AfD stärker werden, als es aussieht.“ Mein persönlicher Tipp ist ein zweistelliges Ergebnis für jeweils beide.
    Und (maximal) 38% für SPD, Grüne und Linke zusammen.

    Klingt vielleicht pessimistisch, aber die Entschiedenheit, mit der sich linke Parteien aus der Realität und von den Interessen,Bedürfnissen, Sorgen und Nöten von realen Menschen verabschiedet haben, ist nicht unbeobachtet geblieben.
    Wenn RLS und HBS gemeinsam eine Studie verfassen, die den Namen „Gender raus!“ trägt, was nicht zufällig an „Nazis raus!“ erinnert und in ihren eigenen Augen sie also im Genderismus adelt, heroisch Antifaschistin zu sein, dann hat der Sockenschuss Kaliber 45.

    Lucas hat das Führungspersonal der SPD einer beißenden Kritik unterzogen, dabei m.E. allerdings den politischen Umstand nicht genug gewürdigt, dass der linke Flügel der SPD mit Lafontaine mehr oder weniger komplett verschwunden ist.

    • Lucas hat das Führungspersonal der SPD einer beißenden Kritik unterzogen, dabei m.E. allerdings den politischen Umstand nicht genug gewürdigt, dass der linke Flügel der SPD mit Lafontaine mehr oder weniger komplett verschwunden ist.

      Mit ihm ist auch wirtschaftspolitische Kompetenz gegangen.
      Ich stimme zu, dass damit auch der linke Flügel gegangen ist und dass sich „linke Parteien aus der Realität und von den Interessen,Bedürfnissen, Sorgen und Nöten von realen Menschen verabschiedet haben“.

      Absolut korrekt.

      Ein weiterer wesentlicher Aspekt scheint mir eben zu sein, dass man keine Kompetenz mehr beobachtet und schon gar nicht mehr erwartet.

      Was ich beobachte ist meist kindliche Naivität, und dass beliebige sich zum Teil widersprechende „Forderungen“ an andere (Staat, Regierung,…) gestellt werden.

      Ich denke, dass auch das nicht spurlos an den Wählern vorbeigegangen ist.

      • @Siggi

        Bisher liege ich mit meiner Prognose um 0,6% daneben (zum Glück über dem), was das Gesamtergebnis von SPD, Grünen und der Linke angeht. Gar nicht mal schlecht. 😉

        „Ein weiterer wesentlicher Aspekt scheint mir eben zu sein, dass man keine Kompetenz mehr beobachtet und schon gar nicht mehr erwartet.“

        Ja, das ist das Problem mit „uns“ als Wählern.
        Im Grunde haben wir alle die Messlatte immer weiter nach unten gelegt.
        Es ist der generelle Widerspruch, dass die formale Qualifikation der Menschen – im Sinne einer schulischen Ausbildung – immer besser wird, das politische Angebot aber immer schlechter.
        D.h. es wird ganz offensichtlich eine bessere Argumentation auch gar nicht nachgefragt oder nicht hartnäckig genug.

        „Was ich beobachte ist meist kindliche Naivität, und dass beliebige sich zum Teil widersprechende „Forderungen“ an andere (Staat, Regierung,…) gestellt werden.“

        Ja.
        Aber dabei bleibt es nicht.
        In den Programmen von Grünen und Linken ist so viel offener, noch nicht einmal versteckter Klientelismus drin, da frage ich mich, warum ich der FDP eigentlich einen Vorwurf für ihre „Mövenpick“-Hotel Entscheidung machen sollte.
        Es ist diese unverhohlene Selbstbedienungsmentalität des öffentlichen Dienstes, die mir unglaublich auf die Nerven geht. Die als Parteimitglieder der Meinung sind, ihnen gebührt ein noch größeres Stück Dinkeltorte und das auch genau so in das Parteiprogramm schreiben.

        Völlig unfähig, über ihren Bauchnabel hinaus zu denken, der natürlich der Mittelpunkt der Welt ist.

  • Das Problem der SPD lässt sich eigentlich an einer einfachen Tatsache festmachen: Martin Schulz hätte sich quasi sofort nach der Übernahme des Parteivorsitzes zum Kanzler wählen lassen können. Denn im aktuellen Bundestag haben Rot-Rot-Grün bekanntlich eine Mehrheit.

    Hunde, die man zur Jagd tragen muss, braucht bekanntlich keiner. Und wenn die „andere Möglichkeit“ ohnehin keine Veränderung will, dann kann man auch beim altbewährten bleiben.

    • Das ist ein guter Punkt. Eine Koalition mit der Linken auf Bundesebene hätte die SPD in echte Konflikte gestürzt – es gibt immer noch viele in der Partei, für die eine Zusammenarbeit mit der Ex-SED völlig irre wäre. Aber es ist nun einmal die einzige Macht-Option für die SPD, wenn sie nicht auf Dauer als kleines Zuliefererunternehmen für die Union agieren möchte. Und Koalitionen macht man nun einmal mit Parteien, mit denen man nicht in allen Punkten übereinstimmt. Wäre man sich in allem einig, könnte man ja auch gleich in derselben Partei sein.

      Ich befürchte aber, dass der Wechsel zu RRG nicht nur daran gescheitert ist, dass er eine Reihe von SPD-Parteiaustritten nach sich gezogen hätte – sondern vor allem daran, dass die SPD überhaupt kein Konzept dafür hat, was sie mit so einer Koalition eigentlich anfangen will. Oder hat jemand das Gefühl, in Berlin würde das prima laufen?

      Das aber wäre bei einem so riskanten und deswegen eben auch mutigen Wechsel dringen nötig gewesen: Eine klare inhaltliche Vorstellung davon zu haben, was die Partei mit einer solchen Koalition erreichen will, das sie mit der Union nicht erreichen kann. Wenn die den Wechseln inhaltlich nicht begründen können, hätten die drei beteiligten Parteien einfach nur als chaotisch und machtgierig dagestanden.

      Wenn ich das „Streitgespräch“ von Schulz mit Merkel richtig deute, hat er ihr ganz im Gegenteil deutlich gemacht, dass die SPD ein pflegeleichter Bündnispartner sein wird. Es geht eher darum, Merkel von anderen Möglichkeiten (schwarz-gelb-grün) abzuhalten, als darum, selbst andere Möglichkeiten zu suchen. Ist ja auch bequemer so.

  • Trump Bashing nervt, vor allem, wenn ihm Dummheit unterstellt wird. Ich vermute, er ist mit seinen über 70 Jahren geistig agiler, als du mit deinen 40+.

    • Trump ist nicht einfach eine unerklärliche Katastrophe inmitten eines gesunden, zivilisierten Umfelds – das würde ich gern festhalten.

      Aber dass er irgendwie brillant ist, kann nur jemand behaupten, der sich (z.B.) noch nie mit einer Rede von ihm beschäftigt hat. Asssoziativ – repetitiv – fixiert auf Themen, die für ihn selbst wichtig sind, aber nicht unbedingt für andere – mit Einschüben, bei denen gar nicht klar wird, welchen Zweck die haben – kaum Gedanken, die mal über mehrere Schritte hinweg und zusammenhängend entwickelt würden: Als Redner ist Trump enorm schwach. Es ist peinlich, dass er Präsident geworden ist – aber peinlich eben vor allem für seine Gegner, die eigentlich eine gute Chance hatten, ihn als Präsidenten zu verhindern.

    • „Als Redner ist Trump enorm schwach“

      Hast du die Massen gesehen, die zu seinen Ralleys auch NACH seiner Wahl kommen, um seine Reden zu hören? Wenn er nach deiner Ansicht trotzdem kein guter Redner sein soll, dann gibt es nur die Möglichkeit, dass seine Anhänger saudumm sind. Trap.

      Dein Kriterium

      • Wenn er nach deiner Ansicht trotzdem kein guter Redner sein soll, dann gibt es nur die Möglichkeit, dass seine Anhänger saudumm sind.

        Nein, das glaube ich nicht. In den USA tobt ein Kulturkampf. Deutlich sichtbar wird das, wenn Statuen von irgendwelchen Südstaatengrössen niedergerissen werden. Trump ist derjenige, der die einte Seite in diesem Kulturkampf am deutlichsten verkörpert. Er muss kein hervorragender Redner sein, solange viele Leute denken: Der Mann sagt, was Sache ist.

          • Wenn man Clinton und Trump vergleicht, dann ist offensichtlich, dass Clinton todlangweilig ist, Trump aber durch seine gezielten Tabubrüche zwar auf heftige Ablehnung stösst, aber Interesse weckt. Die mediale Begleitung seines Wahlkampfs zeigt das deutlich. Zwar waren die meisten Medien gegen Trump eingestellt, aber er war zumindest interessant. Clinton dagegen ist ein Schlaftablette.

      • @quellwerk:

        Alternatives Kriterium: nicht saudumm, sondern stinkwütend. Denen ist egal, ob Trump dumm ist – sie wollen ja, dass er wehtut. Da ist etwas Dummheit vielleicht sogar zielführend.

        Davon mal abgesehen: auch Bush Junior war schon saudumm, aber seine Regierung war nicht so sehr auf seine Person fixiert. Da fiel das nicht ganz so auf.

  • Hatte ich zuvor noch teilweise Probleme damit, aus dem Stand zu erklären, warum mir die SPD im Moment leider eher unsympathisch ist, bin ich dank dieser hervorragenden Zusammenfassung jetzt bestens dafür gerüstet.

  • Veränderungen sind ja schön und gut, aber wenn sie dazu führen, dass Dinge in Bewegung geraten, dann ist das ja nun auch nicht Sinn der Sache.

    Wunderbar! Humor ist, wenn man trotzdem lacht, obwohl der hier konstatierte Sachverhalt eigentlich zum weinen wäre. Der ganze Beitrag ist direkt auf den Punkt getroffen. Man sollte jeden SPD Funktionär zwingen, 3 mal am Tag darüber zu meditieren.

    • Die SPD zieht schon erste Lehren aus der Niederlage und hat bereits einen Plan, wie langfristig die absolute Mehrheit gewonnen werden kann:
      „Nach der historischen Niederlage will Martin Schulz die SPD neu aufstellen. In der Opposition soll die Partei jünger und weiblicher werden.“

      Das interessante an dieser „Analyse“ ist, dass, hätte die SPD überraschend gut abgeschnitten, die Marschrichtung die genau gleiche gewesen wäre („die Wählerinnen und Wähler haben deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie vermehrt Frauen in der Verantwortung sehen wollen…“) 🙂

      http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-09/spd-bundestagswahl-martin-schulz-neuanfang

      • Ist ja auch logisch. Die Partei jünger und weiblicher zu machen kann unter allen Umständen nur gut sein. Und wenn das Gegenteil dieser Umstände eintritt, kann es auch nur gut sein.

  • Jetzt erst zu gekommen, den Text ganz zu lesen. Netter Satire-Rant zu dem Klappstuhlverein der sich SPD-Führung nennt.

    Übrigens zu Nahles, zu der dir nicht sofort was eingefallen ist: Auch die hat sich in der letzten Legislatur aktiv am Abbau der SPD-Wählerschaft beteiligt.

    Auf ihr Konto geht das Tarifeinheitsgesetz, welches regelt, dass, wenn in einer Branche bereits ein übergeordneter Tarifvertrag einer größeren Gewerkschaft existiert, kleineren Spartengewerkschaften auf Antrag des Arbeitgebers und auf richterlichen Beschluss hin das Recht zum Arbeitskampf entzogen werden kann. Damit werden Spartengewerkschaften faktisch handlungsunfähig und überflüssig.

    Das Problem ist, dass diese kleinen Gewerkschaften ja gerade dadurch entstanden sind, weil die großen Industriegewerkschaften sowie ver.di sich einfach mit den teils riesigen Branchen und Großkonzernen massiv übernommen haben. Oft werden da in Tarifverträgen Modalitäten für dutzende von Berufsgruppen verhandelt, wo dann gerade die kleineren und vor allem nicht so wunderbar werbewirksam (für die Gewerkschaft) in der Öffentlichkeit zu vertretenden Berufsgruppen regelmäßig mit ziemlich miesen Deals abgespeist werden.

    So wie ich das damals mitbekommen habe, fuhren da die großen Gewerkschaften auch ne ziemlich heuchlerische Nummer. Erst fanden die die Idee voll „knorke“, weil sie hofften, dass ihnen das wieder mehr an kleine Gewerkschaften abgewanderte Mitglieder zurückspülen könnte, als das nach Gesetzesbeschluss aber ausblieb und es stattdessen nur zu Murren führte, stellten sie sich auf einmal „solidarisch“, im Sinne der großen „Gewerkschaftsfamilie“ auf die Seite der Spartengewerkschaften und strebten eine Verfassungsklage an, die inzwischen gescheitert ist.

    Mit diesem Gesetz hatte es Frau Nahles aber ganz sicher geschafft, zahlreiche (weitere) Gewerkschafter, die immer noch, weniger aus Überzeugung bzgl. der SPD-Politik, sondern viel mehr aus dem Gefühl einer gewissen Nibelungentreue heraus, ihr Kreuzchen alle vier Jahre bei den Sozen gemacht haben, nun endgültig zu anderen Parteien zu prügeln.

    Also ich denke, auch Frau Nahles hätte in deine Aufzählung recht lückenlos reingepasst, auch wenn sie zumindest nicht durch solch totale Vollsockenschüsse aufgefallen ist, wie durch das rigorose Eintrampeln auf Grundrechte oder die permanente Diffamierung von Leuten, die sich erdreisten nicht umfassend derselben Meinung zu sein, wie die erlauchten Personen aus der Belle Etage der SPD.

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