Terror Zivilgesellschaft

Von der Gewöhnung an den Terror

geschrieben von: Lucas Schoppe

Der Text, den ich nun schreibe, ging mir in den vergangenen Wochen schon häufig durch den Kopf, nun schreibe ich ihn. Ich habe mich heute Nachmittag dazu entschlossen, als klar wurde, dass der Massenmörder von Las Vegas nicht etwa ein muslimischer Einwanderer, sondern ein weißer 64jähriger Mann aus Nevada war. Ich dachte, zu diesem bitteren Anlass könnte ich dann über Terror schreiben, ohne dass sofort eine Diskussion über den Islam und Einwanderung daraus wird.

Mittlerweile hat allerdings der IS den Massenmord für sich reklamiert – was irre ist, wenn es stimmt, und irre, wenn es nicht stimmt. Trotzdem geht es mir in diesem Text um etwas anderes, auch wenn ich natürlich weiß, dass die Terrorattacken gegen die europäische Zivilbevölkerung in den letzten Jahren nicht nur durch reinen Zufall in der Mehrzahl von muslimischen Tätern verübt wurden. Was aber nun einmal, und mindestens ebenso deutlich, nicht heißt, dass eine Mehrzahl der Muslime in Europa mit dem Terror auch nur sympathisieren würde.

Mir geht es einfach um den Preis, den wir für die Gewöhnung an den Terror zahlen. Am Sonntag noch wurden zwei junge Frauen bei einem Terroranschlag an einem Bahnhof in Marseille ermordet – das hatte ich schon heute, kaum zwei Tage später, fast nicht mehr im Gedächtnis.

Warum auch? – könnte jemand fragen. Schließlich hätten wir doch nicht beständig sämtliche Morde im Kopf, die irgendwo in europäischen Städten begangen werden, das sei doch ganz natürlich.

Ist es auch. Trotzdem lässt sich das Gefühl nicht abschütteln, dass das ganz an der Erfahrung des Terrors vorbei geht. Warum?

 

Das Wunder der Zivilität

Vor nicht einmal eineinhalb Monaten, wenige Tage nach dem Terroranschlag von Barcelona, veröffentlichte Die Welt ein Interview mit Borwin Bandelow, einem Psychologen der Universität Göttingen.  Er erklärt darin, dass die Gewöhnung an den Terror eine ganz gewöhnliche Reaktion ist, evolutionär grundiert, und dass wir sogar in der Lage wären, uns noch an deutlich mehr Terror zu gewöhnen.

In Gebieten, in denen Menschen gerade Überfälle oder Kriege erlebt haben, ist die Zahl der posttraumatischen Belastungsstörungen nicht höher als in Gebieten, in denen das Leben sehr sicher ist. Gewöhnung funktioniert ähnlich wie bei einer Gazelle in Afrika: Die Gazelle ist ihr Leben lang ständig in Gefahr, weil überall Löwen und Leoparden lauern. Auf Menschen übertragen, ist es also ganz natürlich, dass man einerseits auf der Hut ist und andererseits damit lebt. Dadurch, dass das Gehirn so extrem anpassungsfähig ist, kann der Mensch das aushalten.“

Das allerdings blendet einen wesentlichen Punkt aus: Gazellen agieren instinktiv, und sie leben zwar in Herden, bauen aber keine Zivilisationen auf. Menschen aber konstruieren in einer für jeden Einzelnen hoffnungslos unübersichtlichen Komplexität Massengesellschaften, unfassbar produktive, aber auch fragile Gebilde. Für jeden Einzelnen, der in einer solchen Gesellschaft lebt, wird sie zur natürlichen Umgebung, auf die er angewiesen ist – und zugleich kann er mit seinem evolutionären Erbe allein dort nicht überleben.

Wenn ich am Münchner Marienplatz hinunter zur U-Bahn ging, hatte ich manchmal das Gefühl, dass das, was ich da erlebe, eigentlich ein Wunder ist. Tausende von Menschen, die einander fast durchweg nicht kennen, strömen da aneinander vorbei, kreuzen ihre Wege, weichen sich aus, haben es eilig, sind genervt, gut gelaunt, gedankenverloren, verwirrt, wütend – und in einem beständigen Fluss geht fast beständig alles gut.

Dies nicht, weil alle Beteiligten so liebe Menschen wären – sondern weil sie, unabhängig  von ihrer sozialen Position oder Gemütslage, an das Verhalten der anderen bestimmte unterschwellige Erwartungen haben und wissen, dass diese anderen mit denselben Erwartungen unterwegs sind. Das ist fragil, überkomplex, aber es funktioniert zugleich mit einer staunenswerten Stabilität.

Es ist eben dieses Wunder der Zivilität, dass der Terror direkt angreift.

 

Vom Verrechnen des Terrors

Gewöhnung bedeutet, dass wir die Größenordnungen sehen. Andere Gefahren sind viel häufiger: In Deutschland haben wir jedes Jahr 3000 Tote durch Autounfälle, 9000 Tote durch Freizeitunfälle, noch mal 9000 durch Haushaltsunfälle – davor haben wir viel weniger Angst.“

So noch einmal Bandelow. Das ist rechnerisch bestimmt völlig richtig, aber es geht am Punkt vorbei. Autounfälle oder Haushaltsunfälle greifen nicht direkt die Zentren zivilen Lebens an, Rockkonzerte, Bahnhöfe, Fußgängerzonen, sondern sie passieren einfach. Das ist bei Terroranschlägen anders.

Natürlich wissen wir alle, dass menschliches Versagen immer möglich ist, dass Unfälle passieren können – aber wir verlassen uns in unseren Erwartungen an andere darauf, dass niemand die Situationen des zivilen Miteinanders gezielt zum möglichst großen Schaden aller anderen nutzt. Könnten wir diese Erwartung nicht haben, dann wäre das hochkomplexe Zusammenspiel gestört.

Ein Freund sagte mit neulich, ganz in Bandelows Sinn, dass durch ärztliche Kunstfehler in jedem Jahr vielfach mehr Menschen sterben als durch Terror. Ich frage ihn, ob er das auch Deutschtürken erzählen würde, die über die Verbrechen des NSU geschockt sind.

Natürlich würde es das nicht, weil es offensichtlich verroht wäre. Es ist eben ein Unterschied, ob jemand gezielt Verbrechen an zentralen Orten des gesellschaftlichen Lebens oder an bestimmten Personengruppen begeht, oder ob jemand in seiner beruflichen Tätigkeit versagt.

Die Verrechnung der Terrortoten ist so schlicht ein Mittel, um sich einen Schock vom Leib oder von der Seele zu halten, für den es gute Gründe gibt. Natürlich kann kein Mensch in einem beständig geschockten Zustand herumlaufen und dabei zuverlässig seinem Tagewerk nachgehen – aber auch die völlige Vermeidung des Schocks hat etwas Gezwungenes, vielleicht sogar Krankes.

Es war in meinen Augen ein enormer Fehler, dass vor der Wahl eine Hinterbliebene der Terroropfer vom Breitscheidplatz aus der Sendung „Klartext, Frau Merkel“ wieder ausgeladen wurde.  Das signalisierte, eine Begegnung mit einem Terroropfer sei der Kanzlerin nicht zumutbar. Völlig unabhängig von der Frage aber, ob Merkels Politik irgendeine konkrete Mitverantwortung daran trägt, dass der Terroranschlag möglich wurde – sie ist nun einmal die Politikerin, die in Deutschland die Richtlinien der Politik bestimmt. Wenn jemandem die Konfrontation mit politischen Realitäten zugemutet werden muss, dann doch ganz gewiss ihr.

Das aber ist – ebenso wie die Rechenbeispiele Bandelows – nicht einmal eine Gewöhnung, sondern Ignoranz. Diese Ignoranz wiederum ist gefährlich.

 

Das Zentrum hält nicht mehr

Eine moderne Massengesellschaft zerfällt ohnehin in unzählige, unübersichtlich strukturierte Gruppen, die im Alltag wenig miteinander gemeinsam haben. Insbesondere im Netz haben sich Filterblasen und Echokammern herausgebildet, abgeschottete Diskurse von Gleichgesinnten, die sich mit abeichenden Meinungen kaum noch konfrontieren.

Es fehlen gemeinsame Foren, in denen ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen, die in derselben gesellschaftliche Ordnung leben.

Eine zivile Gesellschaft kommt aber ohne solche Orte, an denen sich potenziell alle treffen können, nicht aus. Nur so können die verfügbaren Informationen wirklich verfügbar sein – nur so ist es möglich, dass die jeweiligen begrenzten Perspektiven mit anderen begrenzten Perspektiven konfrontiert werden und sich aneinander erweitern können.

Ziviles Leben verlangt Einzelnen viel ab – sie können weiterhin nur auf der Basis ihres evolutionären Erbes agieren, müssen es aber zugleich im Schach halten, kanalisieren, kontrollieren. Dieser „Selbstzwang“ (Elias) braucht immer wieder auch ein Gegenstück, nämlich die Erfahrung, dass es sich lohnt – dass dadurch etwas möglich wird, was dann ganz normal erscheint, aber eigentlich ein Wunder ist.

Eine zivile Gesellschaft braucht gleichsam Feiern der Zivilität – die Erfahrung, dass Massen von Menschen zusammenkommen können, feiern können, sogar momentelang die Selbstkontrolle aufgeben können – ohne dass etwas passiert. Rockkonzerte. Karneval. Fußballspiele. Aber auch das Zusammentreffen an zentralen Knotenpunkten, nach denen alle wieder ihre eigenen Wege gehen können.

Sicher ist klar: Zivilität bedeutet eben nicht Distinguiertheit – es ist ja eben gerade KEINE Abgrenzung einer höheren Schicht gegen untere. Es ist eine Offenheit, bei der wir uns daran gewöhnt haben, dass sie wider Erwarten immer wieder einigermaßen gut funktioniert.

Der Terror nutzt die Offenheit, die für die zivile Gesellschaft konstitutiv ist – und durchbricht gezielt die Erwartungen, die für das Funktionieren dieser Offenheit notwendig sind. Ich kenne schon einige Menschen, die nicht mehr auf Massenveranstaltungen gehen. Das ist irrational, wenn wir nur an die zahlenmäßigen Dimensionen der Gefahr denken, die Bandelow vorführt. Es hat aber nachvollziehbare Gründe, wenn wir bedenken, wie grundsätzlich wichtig das komplexe Zusammenspiel ziviler Erwartungen und Erwartungserwartungen für das Funktionieren unseres Alltags und insbesondere für das von Großveranstaltungen ist.

Da der Terror bleiben wird, ist es nun wichtig, zumindest seine Folgen zum Gegenstand öffentlichen Gedenkens zu machen. Dass die Ermordeten und andere Opfer erinnerungstechnisch verschämt bei Seite gekehrt werden – dass ihre Vertreter an öffentlichen Debatten nicht teilnehmen können – das ist fatal, weil es die Auseinandersetzung mit dem Terror in Filterbubbles und Echoammern verlegt.

Es fehlt eine Politik des Zusammenhalts – die eben auch die Ängste von Menschen verarbeiten kann, ohne sie mit Arroganz, Ignoranz oder Rechenbeispielen abzutun.

Der irische Dichter William Butler Yeats hat 1919, angesichts des Schreckens über den Ersten Weltkrieg, ein Gedicht geschrieben, in dem er ein Auseinanderfallen der modernen Gesellschaft im Gestus einer Prophetie beschreibt: The Second Coming. Ich habe hier die erste Strophe einmal übersetzt, auch deshalb, weil sie mir beunruhigend aktuell erscheint.

Sich drehend und drehend in sich weitenden Kreisen

Kann der Falke den Falkner nicht hören.

Es fällt auseinander. Das Zentrum hält nicht mehr.

Reine Anarchie wird losgelassen auf die Welt,

Eine blutgetrübte Zeit wird losgelassen, und überall

Wird die Zeremonie der Unschuld ertränkt.

Den Besten fehlt alle Überzeugung, während die Schlimmsten

Voll leidenschaftlicher Intensität sind.“

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26 Comments

  • Man wird sich an den Terror gewöhnen, an Kopftücher, an Burkas, an eine islamische Partei, an islamische Dominanz, an die Scharia.
    Dieser Gewöhnungseffekt ist der Grund, warum die westliche Welt dem Untergang geweiht ist.

    • Glaub ich nicht. Da rechnest Du hoch auf der Basis von heutigen Erfahrungen, die nur einen Teil der Wirklichkeit ausmachen.

      Neulich zum Beispiel gab es mal einen Artikel im Tagesspiegel (wenn ich mich recht erinnere), der darlegte, dass die Schariah und das Grundgesetz doch in sehr vielen Punkten gut miteinander vereinbar seien. Das geht natürlich an der Struktur beider Gesetzeswerke völlig vorbei und stellt sich gegenüber basalen Unterschieden ziemlich dumm.

      Es gibt aber eben auch ganz andere Erfahrungen. Ich hab neulich mit einem Mann gesprochen, der einen palästinensischen Vater hat, der aber in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Er hat erzählt, er sei häufig anlasslos von der Polizei kontrolliert worden – man sah ihm eben an, dass er ein „südländischer Typ“ ist.

      Das gehört eben auch dazu: Migranten, oder deren Kinder, erleben von deutschen nicht etwa Submissivität, sondern eher mehr oder weniger subtile Signale, nicht dazu zu gehören. Nicht von allen Deutschen, natürlich – aber real.

      Ich glaube, dass es einfach wichtig sein wird, zivile, demokratische Grundsätze zu behaupten und klar für sie einzutreten. Wenn eine Gesellschaft das nicht tut, wird sie noch ganz andere Probleme bekommen als reaktionäre Muslime. Und wenn sie es tut, dann wird sie auch Muslime gut integrieren können (wenn auch nicht alle, natürlich – wie Salafisten in eine Demokratie integriert werden könnten, ist nicht zu erkennen).

      • @ Lucas Schoppe

        „Ich glaube, dass es einfach wichtig sein wird, zivile, demokratische Grundsätze zu behaupten und klar für sie einzutreten. Wenn eine Gesellschaft das nicht tut, wird sie noch ganz andere Probleme bekommen als reaktionäre Muslime. Und wenn sie es tut, dann wird sie auch Muslime gut integrieren können (wenn auch nicht alle, natürlich – wie Salafisten in eine Demokratie integriert werden könnten, ist nicht zu erkennen).“

        Für eine gelungene Integration von Migranten, die im Kontext prämodern-autoritärer soziokultureller Werte und Normen sozialisiert wurden in moderne westliche Gesellschaften, ist oft noch etwas mehr nötig als das.

        Ich hatte zu diesem Thema kürzlich in einer Diskussion mal was formuliert und wiederhole es an dieser Stelle:

        Es ist zum Glück möglich, eine Migrations- und Integrationspolitik zu betreiben, die zu einer besseren Integration von Migranten führt und durch die Parallelgesellschaften vermieden werden können. Der empirische Forschungsstand der Migrationssoziologie liefert durchaus fundierte Hinweise, was die Aspekte sind, durch die eine Integration von Migranten gelingt oder scheitert.

        Dass die Integration von Migranten umso relativ schwieriger wird, je mehr es der Fall ist, dass Mitglieder einer Migrantengruppe soziokulturell divergent sozialisiert sind, sollte ja eigentlich klar sein. (Merkwürdigerweise ist dies zeitgenössischen politisch korrekten postmodernen Linken oft nicht klar, diese glauben offenbar tatsächlich, bei diesem Thema hätten Erziehung und Sozialisation keine Auswirkungen.)

        Ebenso sollte eigentlich klar sein, dass die Integration von Migranten umso schwerer wird, je größer die Anzahl schlecht integrierter Migranten ist.

        Eine moderne Gesellschaft mit einem relativ hohen Anteil schlecht integrierter Migranten sollte m.E. realistischerweise keine unkontrollierten Masseneinwanderungen weiterer Migranten zulassen, denen es aufgrund einer stärker abweichenden soziokulturellen Sozialisation und Erziehung und entsprechenden prämodern-autoritären Werten und Normen schwer fällt sich zu integrieren. Zuerst sollte in einer solchen Situation m.E. darauf hingearbeitet werden eine gelungene Integration der bereits in dieser Gesellschaft lebenden Migranten zu erreichen.

        Es gibt in migrationssoziologischer Perspektive zwei Faktoren, durch die potentiell eine bessere Integration von Migranten erreicht werden kann.

        Das Problem damit aus linker politischer Perspektive ist allerdings, dass der erste Faktor für klassische Linke (wie mich) nicht annehmbar ist und dass politisch korrekte postmodernen Linke natürlich beides ablehnen.

        1. Eine bessere Integration von Migranten kann erreicht werden durch grundsätzlichen Verzicht auf oder drastische Reduzierung von sozialstaatlichen Leistungen für Migranten. (Diese Lösung lehne ich persönlich ab.)

        2. Eine bessere Integration von Migranten kann auch erreicht werden durch mehr Integrationsdruck, z.B. verpflichtende Sprachkurse; verpflichtende Rechtsbildungskurse; verpflichtende Integrationskurse; Vergabe von dauerhaftem Aufenthaltsrecht nur, wenn bestimmte Integrationsanforderungen nachweislich erfüllt wurden; Einbürgerung nur, wenn bestimmte Integrationsanforderungen nachweislich erfüllt wurden.

        Ich präferiere die zweitgenannte Lösung.

        Die Integration von Migranten verläuft empirisch nachweisbar in jenen Ländern am wenigsten erfolgreich, in denen relativ hohe sozialstaatliche Leistungen für Migranten mit einer kulturrelativistisch-multikulturalistischen Integrationspolitik, die keine oder nur sehr geringe Forderungen an Migranten stellt, kombiniert sind.

        Zumindest bezüglich solcher Migrantengruppen, denen es aufgrund prämodern-autoritärer Sozialisationsformen im Schnitt schwerer fällt sich in eine moderne Gesellschaft zu integrieren, ist eine solche Politik quasi eine Garantie dafür, dass die Integration nicht gelingt.

        Mindestens einen der beiden genannten Aspekte müsste man also, wenn man eine pragmatische und verantwortungsethische Perspektive zu diesem Thema einnehmen wollte, ändern.

        Ich persönlich lehne es ab Migranten grundsätzlich von sozialstaatlichen Leistungen auszuschließen und argumentiere daher für mehr Integrationsdruck.

        • @ Leszek Grundsätzlich gibt es ja zwei Möglichkeiten der Steuerung von Immigration und Integration – eine Koppelung der Einwanderung an bestimmte Kriterien, also beim Übertreten der Grenzen, und eine Gestaltung der Integration, wenn die Grenzen erst einmal überschritten sind.

          Ich finde es völlig legitim, auch über den ersten Punkt nachzudenken. Ich kann mich allerdings noch gut daran erinnern, dass eine Koppelung des Rechts auf Einwanderung an ökonomische Kriterien in einem linksalternativen Milieu als regelrecht „faschistoid“ galt. Das halte ich für irreal.

          Wenn es als wünschenswert angesehen wird, dass Einwanderer sich integrieren, dann gehört dazu besonders auch eine berufliche Integration. Wer die Voraussetzungen dafür nicht mitbringt, wird sich kaum integrieren können. Auch einheimische Langzeitarbeitslose rutschen ja oft in die Desintegration hinein -warum sollte das bei Migranten anders sein, bei denen manche Voraussetzungen oft noch heikler sind?

          Die Kürzung von Sozialleistungen halte ich alerdings für keine legitime Option, und ich bezweifle auch, dass sie verfassungsgemäß wäre. Deutschland hat sich zum Glück der Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet, und bei der Sozialhilfe geht es nicht um das Bedienen von Ansprüchen, die sich Menschen zuvor erworben haben müssen – sondern um die Sicherung basaler menschenwürdiger Lebensverhältnisse. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland überhaupt die rechtliche Möglichkeit gäbe, das zu streichen.

          Eine grundsätzliche Steuerung der Immigration über ökonomische Bedingungen ist allerdings in meinen Augen einfach nicht verzichtbar. Grundsätzlich würde das bedeutet, dass Menschen nachweisen müssten, sich im Land durch Erwerbsarbeit selbst ernähren zu können. Alternativ durch Vermögen, logischerweise, aber das wird zahlenmäßig eh eine winzige Gruppe sein. Das heißt: Sozialhilfe kann man nicht versagen – aber man kann es zur Bedingung für die Einwanderung machen, dass jemand nachweist, nicht auf Sozialhilfe angewiesen zu sein.

          Meines Wissens ist das in Einwanderungsländern auch flächendeckend gängige Praxis. Die Vorstellung, wir könnten auf solche Kriterien verzichten, basiert m.E. vor allem darauf, dass die Einsicht fehlt, Deutschland überhaupt als Einwanderungsland zu betrachten. Das übersieht die NOTWENDIGKEIT einer Integration ebenso wie die Tatsache, dass die MÖGLICHKEIT einer Integration nicht voraussetzungslos ist.

          Ich glaube: Wer an der Idee eine weitgehend ungesteuerten Einwanderung festhält, leugnet den Charakter Deutschlands als Einwanderungsesellschaft, so ähnlich, wie die Rede von den „Gastarbeitern“ es früher getan hat. Es bleiben dann eben immer „die“ und „wir“ – und dann ist es gar nicht nötig, sich über die Bedingungen Gedanken zu machen, unter denen ein gemeinsames „Wir“ daraus werden kann.

          Was Deinen zweiten Punkt angeht, stimme ich Dir völlig zu – es muss auch Anforderungen geben für Menschen, die schon im Land sind. Wer die Sprache nicht lernt, verzichtet auf DAS zentrale Instrument der politische und sozialen Partizipation, und es ist eindeutig, dass das gleichsam eine Verweigerung von Integration ist.

          Anderes finde ich weniger eindeutig. Ein Kopftuchverbot zum Beispiel lässt sich m.E. kaum realisieren – dafür müsste es schon auf eine Stufe mit dem Tragen von Hakenkreuzen gestellt werden, und das wäre einfach überzogen. Eindeutig aber ist: Wer Frauen aufgrund eines fehlenden Kopftuchs unter massiven Druck setzt, demonstriert damit, dass er nicht Willens ist, sich in Deutschland zu integrieren.

          Das ist vermutlich einer der wichtigsten Punkte, der sich mit Gesetzen allein gar nicht fassen lässt: Welche politischen Partner gibt es eigentlich für die Integration? Da wäre es m.E. wichtig, sich von so knallreaktionären Organisationen wie Ditib, oder solch reaktionären Akteuren wie Mazyek, zu distanzieren. Das wesentliche Problem für die Integration von Muslimen ist m.E. überhaupt nicht, dass es Einzelnen an Willen fehlt – sondern das es Gruppen und Organisationen – wie eben Ditib – gibt, die der Integration entgegenarbeiten. Es ist naiv, so etwas auch noch zu unterstützen.

          • Ein allgemeines Kopftuchverbot fordert meines Wissens niemand, Maximalforderung ist keine Kopftuch für staatliche Angestellte (inkl. Lehrerinnen) und Schülerinnen.

            Das funktioniert in Frankreich durchaus, und könnte es sicher auch hier.

          • @ El Mocho Es ging bei der Kopftuch-Passage ja auch darum, dass die entscheidende Überlegung nicht, ist, DASS Immigranten etwas abverlangt werden muss (ich bin mir sicher: Die Menschen, die das verneinen, sind eine winzige Minderheit), sondern WAS legitimerweise verlangt werden kann. Und ich kann nun mal nicht erwarten, dass Menschen alles, was ich problematisch finde, zu unterlassen hätten.

            Für mich persönlich ist das islamische Kopftuch ein sehr ärgerliches Zeichen. Es wissen nun einmal alle, dass es in vielen Gegenden der Erde, und für viele Millionen von Menschen, ein Zeichen und ein Instrument der Unterdrückung ist. Dann hier darauf zu bestehen, dass es einfach nur ein Ausdruck religiöser Überzeugungen sei – es als modisches Accessoire zu tragen – oder gar, ganz absurd, als Zeichen persönlicher Freiheit: Das kommt mir sehr unehrlich vor. Außerdem ist das implizit vermittelte Frauenbild (Verführerin zur Sünde) ebenso katastrophal wie das Männerbild (animalisch unfähig zur Selbstkontrolle).

            Trotzdem sehe ich keine Grundlage dafür, wie legitimerweise erwartet werden könnte, das Kopftuch nicht zu tragen. Menschen machen nunmal Sachen, die andere Menschen – und vielleicht mit guten Gründen – bescheuert finden. So etwas müssen beide in einer offenen Gesellschaft aushalten.

            Etwas anderes aber ist es, wenn jemand andere unter Druck setzt, wenn zum Beispiel (was es nach Auskunft von Polizisten gibt, die dazu an unserer Schule einen Vortrag hielten) an Schulen „Wächterinnen“ darauf achten, dass sich auch alle Schülerinnen an reaktionäre islamische Kleidungsvorschriften halten. Das ist ein gezielt integrationsfeindliches Verhalten, das die Freiheitsrechte anderer systematisch missachtet – und eine Gesellschaft, die so etwas akzeptiert, ist nicht liberal, sondern untergräbt ihre Liberalität.

        • Ich halte beide Deiner Vorschlaege fuer nicht zielfuehrend, vor allem in ihrer Intention, wobei der erste Punkt praktisch gesehen schon mal mehr Sinn macht.

          1. Geht es doch darum die Sogwirkung der hoechsten Sozialleistungen der Welt (neben Schweden) abzustellen, damit die Menschen nicht ausschliesslich deswegen nach Deutschland kommen. Es gibt meiner Ansicht keinen humanitaeren Grund warum es den Migranten (aus welchen Gruenden auch immer die migrieren) in Deutschland erheblich besser gehen soll als in ihren Ursprungslaendern. Ganz im Gegenteil sollte es ihnen erst mal schlechter gehen. Da derzeit ueber 90% Wirtschaftsmigranten sind, muessen die dann naemlich die Entscheidung treffen, ob sie nicht lieber versuchen in ihrem Ursprungsland erfolgreich zu werden. Die einzige Ausnahme wuerde ich fuer echte Asylanten, die wegen persoenlicher Verfolgung mit Todesdrohung fluechten, machen, aber auch nur fuer begrenzte Zeit.

          2. Ich finde Trump hat es bisher am Treffendsten ausgedrueckt: Wir wollen Einwanderer, die unser Land und unser Volk lieben. Ich denke das aufnehmende Volk hat das unbedingte Recht darauf zu bestehen. Der Einwanderer muss die Integration selbst wollen, und auch selbst finanziell alles dafuer tun um es zu schaffen. Wir koennen nur eine Vorauswahl treffen, die feststellt ob er das ueberhaupt schaffen kann. Voellig fehlende Sprachkenntnisse, ein IQ deutlich unter 100, nicht lesen oder schreiben zu koennen, keine Berufsausbildung usw. sind ausreichende Gruende fuer einen fast garantierten Misserfolg. Man sollte nicht vergessen, dass es noch ca. 150 andere Laender gibt in die er/sie auswandern kann. Vielleicht passt er dort besser rein?

          • Ich denke eine Klage gegen Nichtgewährung von Sozialleistungen für Flüchtlinge hätte jede Aussicht auf Erfolg; die Ungleichbehandlung ist wohl zu offensichtlich. Wichitg wäre eben, den Zugang zu begrenzen und Leute, die die Bedingungen nicht erfüllen garnicht erst rein zu lassen.

        • Paul Collier hat in „Exodus“ mal ein grobes Modell der Assimilation von Migranten in die lokale Gesellschaft beschrieben. Ich fand das sehr anschaulich. Es enthielt eine Assimilationsrate, die umso kleiner die Diasporagemeinde war (weil, so das Postulat, die Anzahl der Kontakte, die ein Mensch haben kann, nach oben mit ca. 160 beschränkt ist und Assimilation in dem Masse verlangsamt wird, wie Kontakte zur einheimischen Bevölkerung fehlen). Außerdem gab es einen Beschleunigungsfaktor, der durch verschiedene Pull-Eigenschaften bestimmt wurde. In diesem Modell lies sich ein Gleichgewicht bestimmen, das optimal für die Zuwanderung war.

          Das Problem, dass ich in unserem Land sehe, ist ein Fehlen eines breiten Konsens, dass eine „homogene“ Gesellschaft erstrebenswert ist – ganz davon abgesehen, welche Eigenschaften der Bevölkerung homogen sein sollen. Eine Diskussion, ob das erstrebenswert ist, wird von nahezu allen politischen Lagern verhindert. Die einen sagen, frei nach Erdogan „Assimilation ist wider das Menschenrecht“, die anderen leugnen, dass überhaupt Migration stattfinden soll. Diese Verkrustung wird vielleicht die nächsten Jahre aufgebrochen. Aber nur, wenn es vorher nicht zu eine Ressourcenverknappung (z.B. durch eine Wirtschaftskrise) kommt, die Verteilungskämpfe wahrscheinlicher werden lässt.

      • „wie Salafisten in eine Demokratie integriert werden könnten, ist nicht zu erkennen“

        da muss ich als Nachwuchs-„Islamexperte“ mal kurz klugscheißen: Salafismus bedeutet nicht unbedingt, die Demokratie abzulehnen und stattdessen „Scharia einführen“ sondern es bezeichnet eine -von mir aus ‚reaktionäre‘- herangehensweise an die islamische Rechtsfindung (fiqh). Salafisten sind oft unpolitisch oder haben ein unklares verhältnis zur demokratie. unterm strich sind sie nicht antidemokratischer als rechtsradikale oder kommunisten. D:h.: mal so, mal so.

        Die Demokratiefeinde unter den Muslimen sind verschiedene Bewegungen des radikalen politischen Islams, die aber nicht deckungsgleich mit dem Salafismus sind. Der fehler, „Islamismus“ und „Salafismus“ mit „antidemokratisch“ gleichzusetzen, wird in den westlichen massenmedien aber leider regulär gemacht.

    • @ Leszek Das hab ich auch gedacht, obwohl ich das Gedicht sonst toll finde. Yeats als katholischer Ire hat Anarchie eben mit einem Ordnungsverlust verbunden, der nur in Gewalt münden kann.
      „Bist du das Schreckbild dieser Zeit geworden …
      Auflösung aller Ordnung, rufen sie,…“

      Das war übrigens, warum auch immer, genau das Bild, das ich als Kind von der Anarchie hatte: Bombenleger. Chaosproduzenten. Gewaltverliebte. Ich habe keine Ahnung, woher das kam. Ausgerechnet meine Eltern hatten mir dann erklärt, dass dieses Bild von der Anarchie ganz ungerecht sei und dass damit keineswegs Gewalt, sondern die Abwesenheit von Herrschaft gemeint sei, und dass das etwas Gutes wäre, wenn es auch utopisch sei.

  • Ein Wiedersehen zu Allerheiligen und Allerseelen auf den Friedhöfen, dort liegen die zivilen Opfer der Bombennächte, neben den Enthaupteten der Nazizeit, dazu die Grabmäler der Soldaten aus WK1 und WK2 und von 70/71 und und und … Die meisten davon wurden namenlos verscharrt. Nicht der Mensch, sondern das Ereignis wird erinnert. Jede größere Stadt hat ihr Franzosenviertel, in dem die Straßennamen an gewonnene Schlachten aus 70/71 erinnern.

    Es gibt keine Stolpersteine für Missbrauchsopfer, keine Denkmäler für selbstgemordete Väter, aber eine Rudi-Dutschke-Straße, der eine Bombe im Kinderwagen durch Berlin karrte. Es gibt ein Denkmal für den Holocaust, das nicht an die mörderische Schande des deutschen Volkes erinnern soll, doch dafür als Hüpfburg für Schulklassen auf Berlinfahrt dient.

    Es gibt politisch korrekt Gemeuchelte und abertausende Verschwiegene. Mit jedem Schritt durch jede Stadt schreiten wir über Tod. Scheiterhaufen, Galgenhügel, Schindacker, zusammenkartätschte Aufstände, an Hunger, Pest und Cholera verreckte Seelen, sie sind alle in unseren Städten verblichen. Nein, wir können ihnen nur partiell und befristet gedenken. Doch wer den alltäglichen Tod in Spitälern gegen Massaker verrechnet, verdrängt nicht. Er faselt nur. Er wirkt auf mich wie ein Asperger, der das Telefonbuch auswendig lernte und dazu das Totenbuch von Douaumont und nun beide Bücher im Wechsel gegeneinander herunterleiert.

    Öffentliches Gedenken ist öffentliches Verdrängen, weil zu ihm die Mittäter drängen, die die politische Verantwortung für das Morden tragen. Da werden die Opfer instrumentalisiert, so wie sie stets instrumentalisiert werden, und die Mittäter fühlen sich dabei wohl, denn sie präsentieren sich als die guten Menschen.

    Und dennoch bleibt da der Anspruch der Überlebenden, der Angehörigen der Opfer auf ein würdevolles Gedenken, das ihnen jedoch nur selten gewährt wird. Schändlich war das Gedenken an die Opfer vom Breidscheitplatz, die offiziell weder Gesicht noch Namen bekamen; wo sich aber die Mullahs und Popen mit den Politikern gegenseitig schmückten und bramasierten. Schändlich ist das Gedenken an die Opfer des NSU; denn der Zschäpeprozess war nur eine peinliche Ausflucht.

    Vielleicht sind ehrliche Zeichen der Trauer einzig das, was Überlebende tröstet. Doch die ehrliche Trauer findet man nicht bei den Volksvertretern, die spielen nur ihr Betroffenheits-Bullshit-Bingo, sie findet man vielmehr bei den einfachen Leuten, die heute nur noch Menschen genannt werden, die bei der Tagesschau abschalten, weil sie die Gafferbilder nicht mehr sehen wollen und sich ungesehen, die Tränen aus den Augen wischen.

    • Herzlichen Dank, @Matthias!
      Ich denke, als allgemeine systemische Metapher betrachtet, liefert Dein Kommentar schon eine von den jeweiligen Details ziemlich unabhängige, insofern übergreifende, recht genaue Beschreibung der Problematik.

      Ich zwänge das ganze mal verkürzend in eine Formel:
      Leicht erkennbarer und entsprechend gut abgrenzbarer Terror von außen ist eine Sache, sicherlich eine schlimme.
      Der mehr o. weniger subtile, von innen kommende „gewachsener“ parasitärer Subkulturen, die man im Alltag als solche fast gar nicht wahrnimmt, oder sogar aktiv verdrängt, ist schlimmer. Er wird sogar überwiegend als legitim betrachtet.
      Er setzt zwar auch bei den Ursachen an, aber nicht um sie zu abzumildern, sondern um davon ( und den Folgen ) zu profitieren!

      Wen interessieren da schon „Ewigkeitsklauseln“ und mechanisch einhergebetete „nie wieder“-Floskeln, höhere Rechte gar …

      Murphy’s Law rules …

      Insofern kann man sagen, daß die isolierte Konzentration auf islamistischen Terror ein Strohmann ist.

  • „Vom Verrechnen des Terrors

    ‚Gewöhnung bedeutet, dass wir die Größenordnungen sehen. Andere Gefahren sind viel häufiger: In Deutschland haben wir jedes Jahr 3000 Tote durch Autounfälle, 9000 Tote durch Freizeitunfälle, noch mal 9000 durch Haushaltsunfälle – davor haben wir viel weniger Angst.’“

    Ich habe in Diskussionen mit Befürwortern des üblichen Jugendhilfesystems desöfteren das Argument um die Ohren gehauen bekommen:
    „Lieber hundert ungeprüfte Inobhutnahmen, als ein getötetes Kind!“

    Ich nenne das Terror mit Äppeln u. Birnen zu rechtfertigen.
    Da wird die unnötige Relativierung diffuser Ängste zum Argument für konkrete Gewalt u. Willkür.
    Und auch das zieht eine Gewöhnung nach sich, die irgendwann quasi zwangsläufig in Terror ( nicht unbedingt in „geplanten“ Terrorismus ) mündet. Sofern es nicht in ausreichender Breite bekannt, und beendet wird. Und in dem Punkte sind die offiziellen Medien und sonstigen wirkmächtien Propagandaorgane, durchaus eine Art von „vierter Gewalt“, im Sinne von echter Gewalt. ( eigentlich eher dritte, als vierte Gewalt, da sich unsere Jurisdiktion – nix mit unabhängiger Judikative – unter diesem Blickwinkel vollständig in den ersten beiden Gewalten auflöst )

    Ich denke, das Verhältnis zwischen denen, die sich für „cleverer als der Rest“ halten und jenen, die tatsächlich ( warum auch immer ) „gutgläubig“ genug sind, um solche relativistischen Nonsenseformeln unkritisch zu übernehmen, ist ein grundsätzliches Problem, das sich vermutlich nie ganz in den Griff kriegen lässt.

    ( Ich könnte jetzt ein paar Teilaspekte auch noch anhand des Dauerbeefs zwischen Evochris und mir beispielhaft zerfleddern – er wird ja regelrecht zum „kleinen Jihadisten“, verfällt in Kampfrhetoriken, die von Kemper&Co stammen könnten, wenn das Thema „Sondergericht FG“ zur Sprache kommt, aber das bringt überhaupt nix und geht mir mittlerweile nur noch auf den Sack. Es mag der Hinweis reichen, daß ich ein aktuelles erweitertes Führungszeugnis für soziale Tätigkeiten im Zusammenhang mit ganzen Migrantenfamilien habe – „ohne Einträge“ – Pazifist bin und mein ehemaliges Kind – unter Bedingungen, die mit wenigen Telefonaten und noch weniger Briefen unzweifelhaft und sicher zu klären gewesen wären – rein auf Basis juristischer Willkür, seit jetzt bald 11 Jahren unter absolutem Vaterverbot steht und gezielt gehirngewaschen/zu Hass erzogen wird. Und das eben gerade nicht weil „das System nicht ganz perfekt sein kann“, sondern aus rein persönlichkeitsbedingten Motiven der gegenseitig involvierten Menschen, also vermutlich durch fehlgeleitete Sozialisationsfolgen derselben, die durch die Gesetzeslage und die justitielle Praxis nicht nur nicht abgedeckt, sondern wohl als „praktisch“ und „nützlich“ erachtet werden )

  • Der Hinweis auf das Verhalten der Menschen in der U-bahn erscheint mit wichtig. Unser ganzes Alltagsleben beruht auf solchen unausgesprochenen, anerzogenen Übereinkünften.

    Als meine Frau (Südamerikanerin) nach Deutschland kam, hatte sie Angst, über Zebrastreifen zu gehen und wartete immer, bis alle Autos weg waren. Inzwischen hat sie gelernt, dass die Autos in Deutschland durchaus bereit sind, für sie zu bremsen. In Südamerika ist das nämlich nicht der Fall, die Autos fahren einfach ungebremst weiter, und die Fußgänger versuchen auch nicht, sie zum bremsen zu zwingen, weil ihnen ihr Leben lieb ist. Der entsprechende mentale Mechanismus existiert dort (i.d.R.) nicht.

    Genauso in vielen anderen Lebensbereichen; warum gibt man Trinkgeld in einem Restaurant in einer fremden Stadt, das man wahrscheinlich nie wieder besucht? Warum hält man dem hinter einem gehenden Menschen, den man nicht kennt, die Tür auf?

    Dies eben auch, was Terrorismus betrifft. Man weiß, das es Kriminelle gibt, die bereit sind, einem zu schaden, aber das ist ein kalkulierbares Risiko, das man mit entsprechenden Maßnahmen klein halten kann. Anders der Terrorismus, gegen den man sich praktisch nicht wappnen kann, und der diese sozialen Mechanismen in Frage stellt.

    Nebenbei gesagt folgt für mich daraus auch, dass diejenigen, die meinen, von Migranten könne nur erwarten, das sie sich an die Gesetze halten und ansonsten könnten sie machen, was sie wollen, unrecht haben. Für ein funktionierendes Zusammenleben müssen eben die erwähnten Verhaltensweisen übernommen werden.

    • @ El_Mocho
      Du schreibst:
      „Nebenbei gesagt folgt für mich daraus auch, dass diejenigen, die meinen, von Migranten könne nur erwarten, das sie sich an die Gesetze halten und ansonsten könnten sie machen, was sie wollen, unrecht haben. Für ein funktionierendes Zusammenleben müssen eben die erwähnten Verhaltensweisen übernommen werden.“
      Nun, Gesetze, Verordnungen etc. sind nun mal sogenannte Muss-Normen und haben die grösste Verbindlichkeit.
      Alles was darunter ist, sind entweder Soll- oder Kann-Normen mit viel geringerer Verbindlichkeit
      Eine Kann-Norm könnte sein: Ich wünsche zum Beispiel einem Kunden noch einen schönen Tag. Kann man machen, muss man nicht, und ist auch nicht als Sollens-Norm gefordert. Also, hier ist m.E. Pluralismus angesagt in einer pluralistischen Gesellschaft.
      Heikel dürften die Soll-Normen sein und was genau darunter zu verstehen ist: Gibt man sich die Hand bei einer Begrüssung? Ist das eine Soll-Norm oder eine Kann-Norm?
      Müsste man jeweils konkret anschauen: Aber im Prinzip ist es halt schon so: Wenn es keine Muss-Norm ist, dann gibt es Spielräume und wer eine freiheitlich-demokratische Ordnung möchte, sollte alles das, was unter einer Muss-Norm ist, m.E. liberal regeln.

      • @ Mark Ich finde es ebenfalls wichtig festzuhalten, dass eine liberale Gesellschaft nur das als verbindlich festschreiben kann, was gesetzlich verlangt ist. Was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt – nicht umgekehrt.

        Trotzdem gibt es bestimmte Regeln, ohne die wir kaum kollisionsfrei durch einen Alltag kommen würden, die aber nirgendwo explizit festgehalten sind. Sie sind uns möglicherweise so selbstverständlich, dass sie uns als implizite Regeln gar nicht auffallen. Eine Anpassung an eine bestimmte Zeitstruktur zum Beispiel, so unvollkommen das bei einigen auch immer funktionieren mag. Oder, ganz anderes Beispiel, ein Umgang mit Provokationen, mit Angriffen auf das, was einem selbst heilig ist – dass man das aushält, ohne auszurasten. Oder: Dass Menschen in beruflichen Positionen – z.B. die Lehrerin des eigenen Sohnes – in professionellem Kontext wahrgenommen werden, entsprechend der funktionalen Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften – und nicht in erster Linie als sexuelle Wesen, denen man noch nicht einmal die Hand geben darf, ohne unkeusch zu sein. Etc.

        All das ist nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber es schafft erhebliche Probleme, wenn jemand sich nicht daran hält. Ich glaube sogar: Gerade WEIL wir stillschweigend voraussetzen können, dass die meisten Menschen sich an implizite Regeln halten, müssen wir diese Regeln nicht explizit machen und in Gesetze oder Verordnungen packen.

        Das heißt: Ja, in einer liberalen Gesellschaft ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist. Aber das funktioniert auf der Basis der Erwartung, dass sich Menschen im Großen und Ganzen an ungeschriebene Regeln halten, die deshalb gar nicht ausdrücklich formuliert werden müssen. Ist das nicht der Fall, dann müssen wir immer mehr Regeln explizieren und verlieren dadurch Spielräume für Liberalität. Deshalb ist es schon richtig, von Immigranten mehr zu verlangen als die Einhaltung expliziter Gesetze.

        Es geht nur nicht, aus dieser Erwartung selbst ein explizites Gesetz zu machen…

        • Danke, genau darum ging es mir. Natürlich kann man niemandem vorschreiben, per Handschlag zu grüßen oder anderen die Tür aufzuhalten, aber man geht doch stillschweigend davon aus, dass es so passiert.

          Andernfalls würden wir untereinander nur über den Rechtsanwalt verkehren, für mich eine wenig attraktive Vorstellung.

        • @ Schoppe

          Ich vermute, Du kennst höchstens 1% von allen Gesetzen und Verordnungen, die es im Leben der Menschen alles gibt. 🙂 Es gibt ja nicht nur das Strafrecht und vielleicht noch das Zivil- und Verwaltungsrecht etc. Von Arbeit, über Verkehr, Wirtschaft, Religion, Menschenrechte, Rassismusstrafnorm, Tierschutz, Umwelt, Mietrecht, Bauwesen etc., usw, usf. gibt es doch tausende Gesetze und Verordnungen, an die sich ein Mensch halten muss, obwohl er sie meist überhaupt nicht kennt oder zumindest nicht explizit kennt und vermutlich nur ahnt und wenn er sich mal näher damit befasst, dann wird er höchst erstaunt sein, was es da nicht alles gibt. 🙂

          Mein Hinweis war somit eher eine Warnung! An diejenigen, die auch noch an andere Normen wie die Soll-Normen und Kann-Normen so verbindlich regeln wollen, dass draus dann eben Muss-Normen werden.
          Mir fällt jetzt gerade ein anderes Beispiel ein, das vielleicht nicht gerade dazu passt:
          HIer in der Schweiz darf man ja in Kneipen auch nicht mehr rauchen. Durfte man früher. Jetzt hätte man es doch so regeln können, dass es eben immer noch Kneipen gibt, wo man rauchen darf und Kneipen gibt, wo man nicht mehr rauchen darf. Also: Pluralismus, Flexibilität wäre hier m.E. angesagt gewesen. Es zwingt ja niemand eine Person dazu, in eine Kneipe zu gehen, in der geraucht wird – alles freiwillig. Du sieht, wo ich hinaus will?

          • Also ich will da nichts verbindlich regeln, ich möchte aber trotzdem, dass die Leute sich so verhalten; ansonsten können sie nicht mit meiner Unterstützung oder gar Sympathie rechnen.

            Was glaubst du was mit mir passiert, wenn ich irgendwo in Ägypten oder der Türkei mit anderer Leute Frauen flirte oder mir nicht die Schuhe ausziehe, wenn ich eine Moschee betrete?

    • Ist es nicht einfach so, dass durch Terror das allgemeine Vertrauen untereinander gemindert wird, während das bei Unfällen nicht oder nur in lokalen Bereichen (z.B. fährt man rechts, wenn jemand mit besonders aggressivem Fahrstil im Rückspiegel auftaucht, bis derjenige das eigene Auto passiert hat, weil man nicht darauf vertraut, von diesem Verkehrteilnehmer unbehelligt zu bleiben) passiert.

      Das gegenseitige Vertrauen ist aber die Währung, die das von Lucas beschriebene Wunder erst möglich macht. Errodiert es, muss mehr ausgehandelt werden, dadurch steigen die Transaktionskosten und die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft sinkt.

  • Korrekturvorschlag:

    Was aber nun einmal, und mindestens ebenso deutlich, nicht heißen muß, dass eine Mehrzahl der Muslime in Europa mit dem Terror auch nur sympathisieren würde.

    Es gibt viele muslimische Jugendliche, die solche Anschläge geil finden und sich entsprechend in sozialen Netzwerken äußern.

    Ich kenne schon einige Menschen, die nicht mehr auf Massenveranstaltungen gehen. Das ist irrational, wenn wir nur an die zahlenmäßigen Dimensionen der Gefahr denken, die Bandelow vorführt.

    Typisches suboptimales Argument vieler islamoalterner Linker. 🙂

    Einen Verkehrsunfall kann ich überleben. Kann durch einen Benz vorsorgen. Habe diverse Einflußmöglichkeiten. Zudem bin ich mehr oder weniger abhängig. Ich muß mich irgendwie fortbewegen.

    Öffentliche Veranstaltungen kann ich gut und gerne meiden. Das schmerzt nur wenig.

    Fehlt nur noch, daß uns Man Tau jetzt erklärt, daß Ossis und Vertriebene problemlos integriert wurden und man das daher jetzt mit den „Geflüchteten“ nun auch tun kann.

    Ich persönlich bin immer wieder irritiert, wie offensichtlich tendenziös viele Linke argumentieren, nur um gewisse ideologische Heiligtümer nicht anrühren zu müssen.

    • @ Hate Speeches „Das ist irrational, wenn wir nur an die zahlenmäßigen Dimensionen der Gefahr denken, die Bandelow vorführt. Es hat aber nachvollziehbare Gründe, wenn wir bedenken, wie grundsätzlich wichtig das komplexe Zusammenspiel ziviler Erwartungen und Erwartungserwartungen für das Funktionieren unseres Alltags und insbesondere für das von Großveranstaltungen ist.“

      Mein Punkt in der zitierten Passage war: Bandelows Rechnungen verkürzen die Wahrnehmung und stehen für eine Pseudo-Rationalität, die eigentlich allein die Funktion erfüllt, sich den Schrecken vom Leib halten zu können. Daher schreibe ich dann auch später:

      „Das aber ist – ebenso wie die Rechenbeispiele Bandelows – nicht einmal eine Gewöhnung, sondern Ignoranz. Diese Ignoranz wiederum ist gefährlich.“

      Textpassagen im Zusammenhang vollständig zu lesen ist manchmal beim Verständnis der Argumente hilfreich.

  • „Das ist rechnerisch bestimmt völlig richtig, aber es geht am Punkt vorbei.
    [..]
    Ein Freund sagte mit neulich, ganz in Bandelows Sinn, dass durch ärztliche Kunstfehler in jedem Jahr vielfach mehr Menschen sterben als durch Terror. Ich frage ihn, ob er das auch Deutschtürken erzählen würde, die über die Verbrechen des NSU geschockt sind.“

    Und warum erzählst du das nicht jemandem, der einen nahestehenden Menschen verloren hat, weil derjenige auf der Straße zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war und deshalb von einem angetrunkenen überfahren wurde?
    Nach dem Motto: Hey, stell dir mal vor, wär doch noch viel schlinmmer, wenn er bei einem Terrorangriff gestorben wäre?

    Der Grund, eine solche Feststellung nicht zu treffen, liegt nicht darin, dass für die Betroffenen das eine so unglaublich viel schlimmer wäre als das andere.
    Der Grund ist, dass es Angesichts realen menschlichen Leides pietätlos ist, solche Vergleiche anzustellen.

    Das macht die Vergleiche selbst aber nicht falsch und schon gar nicht grundsätzlich unsagbar.
    Und wenn sie korrekt sind, dann hat das erstmasl seine Berechtigung.

    Dagegen zu sagen, Unfälle „passieren einfach“, und deshalb sei irgendwie die viel geringere Gefahr des Terrorismus viel schlimmer – das erscheint mir angesichts der enormen Zahl von Unfallopfern durchaus ebenfalls pietätlos – und hat in meinen Augen etwas von „zwei-Klassen-Opfern“.

    Was die gegenwärtige Bedrohungslage betrifft, so bin ich durchaus der Meinung, dass die (noch) nicht all zu groß ist, insbesondere eben im Vergleich mit Unfällen – andere Gefahrenquellen dominieren derart haushoch über der Terrorgefahr, dass es kaum der Rede Wert wäre.

    Warum es dennoch enorm wichtig ist, mit einer (im Vergleich zum Gegenwärtigen Verhältnis der Opferzahlen von Terror gegenüber Straßenverkehr u.ä.) überpropartional deutlichen Reaktion das Terrorproblem zu bekämpfen, hat in meinen Augen Gründe, die Dein Artikel streift, aber die ich anders einordne:

    Terroristen haben ein Ziel. Und zwar das Ziel, die Zivilgeselschaft zu treffen bzw. sogar zu vernichten.
    Unfälle haben ein solches Ziel nicht. Niemand hat ein Ziel, Unfälle um ihrer selbst willen zu verursachen, damit die Zahlen hoch bleiben.

    Wenn Terroristen mit bestimmten Anschlägen nicht genügend Wirkung an Angst und Schrecken hervorrufen, bzw. solange sie ganz allgemein nicht genügend GEGENREAKTION hervorrufen, dann werden sie zuverlässig auf die Art Antworten, die dem Terrorismus eigen ist: Sie werden die Gewalt steigern. Und damit werden auch die Opferzahlen steigen.

    Wir sehen ja an der Entwicklung, das sie eben dahin geht, mit möglichst geringen Mitteln möglichst viel Schaden anzurichten.
    Am 11.9.2001 war diese „Effizienz“ des Terrors so hoch, dass innerhalb weniger Stunden fast 3000 Menschen starben, und somit auf einen Schlag schon mal die gesamte Auto-Jahersunfallbilanz Deutschlands erreicht wurde.
    Busse und LKWs als Waffen zielen Regelmäßig darauf ab, möglichst viele Menschen zu treffen, und die Terror-„Strategen“ überlegen laufend, wie sich diese Zahlen erhöhen lassen.
    Sieht man die Gegnwärtige Steigerungsrate der Opferzahlen der letzten zwei Jahre Europaweit an, und sieht man sich auch noch die Opferzahlen in den eigentlichen Krisengebieten an, dann ist klar, dass die Opferzahen zunehmen werden, wenn man keine Gegenmittel findet – denn genau das ist das Ziel, und Opferzahlen wie in den eigentlichen Kriesengebieten wären durchaus im Sinne der Terroristen.
    Ziel ist es, Opferzahlen zu erreichen, welche die Unfallstatistiken überteffen.
    Terrorismus muss bekämpft werden, weil er ansonsten keine Ruhe geben wird, weil er nicht von alleine aufhören wird. Weil es sein Ziel ist, möglichst viel Unheil anzurichten.

  • Du sprichst einen wichtigen Unterschied an.
    Die Gefahr, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen lässt sich anhand der Statistiken gut abschätzen. Es ist auch nicht zu erwarten, dass sich die Anzahl der Todesfälle von einem Jahr auf das nächste verzehnfachen. Das Risiko ist somit recht gut abschätzbar.
    Terroranschläge sind aber von ganz anderer Art. Es ist nicht gut abschätzbar, wie viele Opfer es geben wird. Was wäre, wenn Terroristen in den Besitz einer Atombombe gelangten? Bei fanatischen Terroristen hat man es mit Menschen zu tun, die, hätten sie die Mittel, uns alle umbringen würden. Das ist von einer psychologischen Warte aus betrachtet etwas völlig anderes als die Gefahr im Strassenverkehr.

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