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Reinheit, Ressentiments, Redefreiheit

geschrieben von: Lucas Schoppe

Wie die Gender Studies den Begriff der Sozialen Konstruktion kapern und verkürzen

In der Schulpädagogik der letzte Jahrzehnte hatten Modelle des Konstruktivismus einen erheblichen und positiven Einfluss – und so hat es mich irritiert, als ich merkte, dass der Begriff „Konstruktivismus“ sowohl zur Begründung einseitiger politischer Positionen benutzt  als auch wütend abgelehnt wird. Insbesondere in den Gender Studies ist der Begriff der „sozialen Konstruktion“ zentral – wird dort aber so verkürzt, dass er sich in sein Gegenteil verkehrt.

Gerade hat die taz der neuen Bremer Frauenbeauftragten Bettina Wilhelm eine Frage gestellt, deren Thema – so Wilhelm – ein „total spannender Punkt“ sei. Wenn doch Geschlechter soziale Konstruktionen seien, die „akademisch informierte Genderdiskurse überwinden wollen“ – wie würde es dann dazu passen, dass eine Gleichstellungspolitik mit Quoten und Fördermitteln hantiert und sich dabei konsequent an der biologischen Geschlechtszugehörigkeit von Menschen orientiert?

Wenn also  Geschlechter ohnehin nur soziale Konstruktionen sind – warum können dann, zum Beispiel, nur biologische Frauen Gleichstellungsbeauftragte sein?

Wilhelm antwortet:

Wilhelm:Ich sehe da durchaus ein Dilemma: Denn die Binarität steht der Ausdifferenzierung der Geschlechter entgegen. Wenn man allerdings politisch erfolgreich sein möchte, wenn man Maßnahmen, die Wirkung zeitigen, durchsetzen will, braucht es eine Zuspitzung.

taz: Das heißt, der akademische Diskurs ist interessant, aber nur was für Liebhaber?

Wilhelm: Nein, er ist absolut wichtig, um reale Diversität sichtbar zu machen und der Diskriminierung sexueller Identitäten und Orientierungen vorzubeugen. Aber wenn politische Kommunikation erfolgreich sein will, muss sie auch für Menschen verständlich sein, die keine GenderexpertInnen sind.

Etwas einfacher ausgedrückt: Natürlich seien Geschlechter soziale Konstruktionen, aber das offen zu sagen, würde die BürgerInnen – von Wilhelm ganz ungegendert als „Max Mustermann“ bezeichnet – möglicherweise verunsichern.

Nun ist es natürlich ganz normal, dass populärwissenschaftliche Schriften akademische Positionen oft ein wenig vereinfachen, weil zum Beispiel die Relativitätstheorie oder die Quantenphysik für physikalische Laien sicherlich nicht in allen subtilen Konsequenzen verständlich wären. Selbst unerschrockene Popularisierer einer akademischen Theorie würden aber wohl kaum auf die Idee kommen, der Einfachheit halber schlicht das Gegenteil dessen zu behaupten, was die Theorie aussagt, weil es bei den Menschen irgendwie besser ankommt.

Sollte die soziale Konstruiertheit der Geschlechter nur im akademischen Diskurs thematisiert werden, weil sie „Max Mustermann“ bloß beunruhigen würde? Niki de St. Phalles Statue „La poète et sa muse“ vor der Universität Ulm

Ein Leser des Blogs Genderama vermutet denn auch angesichts von Wilhelms Zitat

„einen zweigeteilten Genderismus mit teils offener und teils versteckter Agenda. Vornerum wird erst mal ‚Gender light’ fürs nichtakademische dumme Volk propagiert (nicht zuletzt, um die Diskurshegemonie nicht durch extrem Positionen zu verlieren). Hintenrum soll jedoch nach und nach das komplette Programm implementiert werden.“

Das mag für Liebhaber der Gender Studies oder auch für Menschen, die daran gar nicht sonderlich interessiert sind, ein wenig übertrieben oder gar paranoid erscheinen. Trotzdem ist der Widerspruch in den Positionen Wilhelms wichtig, und dies auch ganz ohne die Unterstellung politischer Täuschungsabsichten: In diesem Widerspruch wird nämlich deutlich, dass die gängige Rede von der „sozialen Konstruiertheit“ der Geschlechter die Idee der sozialen Konstruktionen auf eine vereinfachende, widersprüchliche und schließlich auch grob verfälschende Weise verwendet.

 

Vom Sinn sozialer Konstruktionen

Es ist sinnvoll, kurz einige wesentliche Aspekte vorzustellen, die sich in ganz unterschiedlichen Theorien sozialer Konstruktionen wiederfinden.

 

Individualität Würden wir alles, was uns unsere Sinne uns vermitteln, beständig als bewusste Informationen wahrnehmen, und müssten wir dann bewusst auswählen und entscheiden, welche Informationen für uns jeweils interessant sind und welche nicht – dann wären wir beständig heillos überfordert und kämen kaum zum Nachdenken, erst recht nicht zum Handeln. Wir wählen also beständig unwillkürlich aus, was für uns relevant ist, um in einer Situation sinnvoll handeln zu können.

Das ist nur zu einem kleinen Teil ein bewusster Akt – zum größten Teil basiert er auf selbstverständlich habitualisierten Handlungen, die wir ohne nachzudenken ausführen können, und sogar auf unserer biologischen Ausstattung. Wer zum Beispiel unter einer Erkrankung des Innenohrs leidet, kann möglicherweise nicht einmal mehr durch eine Fußgängerzone gehen und zugleich eine Unterhaltung mit einem Begleiter führen, weil er die vielfachen anderen Geräusche nicht mehr in Hintergrundrauschen umwandeln kann.

 

Soziale Konstruktionen Das alles bedeutet aber eben auch: Wir nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie ist – sondern so, wie es für unser Handeln sinnvoll ist, auf der Basis unserer bisherigen Erfahrungen, Gewohnheiten und Überzeugungen.

Wir lernen, weil wir in der Lage sind, neue Situationen mit alten Erfahrungen zu verbinden – aber da keine zwei Menschen ganz dieselben Erfahrungen teilen, lernen wir alle Unterschiedliches.

Trotzdem können wir kooperieren und uns sinnvoll verständigen. Die Notwendigkeiten und Zwänge unseres Handelns sind nicht radikal unterschiedlich, sondern ähneln sich weitgehend – so dass wir nicht in radikal unterschiedlichen Welten leben. Wir können uns verständigen, und wir können unsere unterschiedlichen Perspektiven miteinander verschalten.

Das aber heißt: Wir konstruieren. Wir beziehen verschiedene Informationen aufeinander, oder auf Positionen, die allgemein geteilt sind. Zudem agieren wir zwar aus jeweils einmaligen Perspektiven heraus, aber wir beziehen uns auf Konstruktionen, die sozial geteilt sind, auf wissenschaftliche Ergebnisse, auf politische Grundüberzeugungen, auf selbstverständlich geteiltes Alltagswissen.

 

Wissenschaft Wissenschaftliche Standards legen dabei ausdrücklich fest, welche Regeln eingehalten werden müssen, um aus unterschiedlichen Perspektiven zu allgemein gültigen Ergebnissen gelangen zu können. Experimente müssen wiederholbar sein – Behauptungen müssen belegt werden können und prinzipiell widerlegbar sein – theoretische Systeme müssen kohärent sein.

Das bedeutet: Die Unterstellung ist ganz falsch, Wissenschaft wäre ein System, in dem die Perspektive alter weißer Männer als einzig gültige präsentiert wird. Das Bild ergab sich vielleicht einmal aus der personellen Zusammensetzung wissenschaftlicher Institutionen, an der Funktion wissenschaftlicher Standards geht es aber ganz vorbei.

Das Ziel wissenschaftlicher Standards ist keine Errichtung einer gottgleichen Perspektive, sondern die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Perspektiven in einem gemeinsamen Diskurs miteinander verschalten zu können, im Idealfall zum Nutzen für alle. Das ist über den Bereich der Wissenschaft hinaus wichtig.

 

Macht und Diskurs Von anderen zu erwarten, dass ihre Äußerungen einigermaßen kohärent sind, ist keine Machtausübung, sondern ein Beitrag zur Kontrolle von Macht. Auch Menschen, die sehr privilegiert sind, müssen sich legitimieren und einem gemeinsamen Diskurs stellen. Sich Kohärenzerwartungen entziehen zu können, ist eine Demonstration einer ganz besonderen Machtposition.

 

Geistes- und Sozialwissenschaften kontra Naturwissenschaften? Es ist nach alledem irreführend, eine Spaltung zwischen Naturwissenschaften auf der einen und Geistes- sowie Sozialwissenschaften auf der anderen Seite zu behaupten, weil etwas Naturwissenschaftler noch von einer objektiven Wirklichkeit ausgingen, Geistes- und Sozialwissenschaftler die Welt aber allein als Konstruktion verstünden. Natürlich gibt es auf beiden Seiten auch radikale Positionen – grundsätzlich aber brauchen und gebrauchen auch Naturwissenschaftler ganz selbstverständlich soziale Konstruktionen, so wie Geistes- und Sozialwissenschaftler auch ganz selbstverständlich eine gemeinsame Welt voraussetzen, weil sonst ihr Handeln nämlich gar keinen Sinn ergäbe.

Der Eindruck einer Spaltung konnte entstehen, weil Sozial- und Geisteswissenschaftler den Begriff sozialer Konstruktionen erheblich verkürzten und weil Naturwissenschaftler diese Verkürzung nicht in Zweifel zogen, sondern das Konzept sozialer Konstruktionen pauschal ablehnten. Das betrifft insbesondere Positionen der Gender-Forschung.

 

Jetzt ganz neu! Richtiges Leben im Falschen

Im Anschluss an Judith Butler, die wiederum die Idee sozialer Konstruktionen mit Versatzstücken französischer postmoderner Theorien – insbesondere Foucault und Derrida – verknüpfte, ist es in den Gender Studies zur Norm geworden, soziale Konstruktionen als Ausdruck und Reproduktion von Machtverhältnissen zu betrachten.

„Frau“ und „Mann“ seien soziale Konstruktionen, die eine heterosexistische Ordnung spiegelten UND aufrecht erhielten. Dies gelinge umso besser, weil die „Binarität“ der Geschlechter uns keineswegs als soziale Konstruktion erscheine, sondern als biologische Gegebenheit, an der gar nicht gezweifelt werden könne.

Geschlechter und Konstruktionen – Niki de Saint Phalles Statue in Ulm aus anderer Perspektive

Die meisten Kritiker Butlers konzentrierten sich darauf, die Idee einer sozialen Konstruiertheit der Geschlechter rundweg als absurd hinzustellen. Dabei ist diese Idee ja durchaus plausibel, wenn auch die gängige Ignoranz gegenüber biologischen Forschungen wissenschaftlich nicht vertretbar ist. Dass Frauen eher Röcke oder lange Haare tragen als Männer, dass sie sich im Schnitt deutlich häufiger schminken oder Schmuck tragen – das ist ja beispielsweise offensichtlich nicht biologisch notwendig, sondern beruht auf sozialen Konventionen und Habitualisierungen.

Beim Hohn über die Idee der sozialen Konstruiertheit der Geschlechter gerät allerdings ein zentraler anderer Aspekt ganz in den Hintergrund. Die gendertheoretische Version eines sozialen Konstruktivismus interpretiert Konstruktionen nicht als notwendige Instrumente des Umgangs mit der Welt, sondern schlicht als Herrschaftsinstrumente – sie konzentriert sich nicht auf ihre Funktion für unsere Handlungs- und Reflexionsfähigkeit, sondern unterstellt ihnen eine repressiven Charakter.

Damit aber ist diese Theorie eigentlich kein Sozialkonstruktivismus mehr, sondern eher ein Anti-Sozialkonstruktivismus, der deutlich romantische, antimoderne Züge trägt. Es entsteht der Eindruck, es müsse nur die falsche Welt der Herrschaftskonstruktionen entlarvt, dekonstruiert werden, um wieder Raum für ein echtes, irgendwie eigentliches Leben zu schaffen, das nicht von subtilen Reproduktionen herrschender Machtverhältnisse geprägt ist.

 

Reinheit und Ressentiments

Zudem verlieren die Begriffe „Mann“ und „Frau“ dabei ihren empirischen Charakter. Anstatt zu fragen, welche Funktionen für uns mit der Zweiteilung der Geschlechter verbunden sind, anstatt zu untersuchen, wie Männern und Frauen dabei jeweils Vor- oder Nachteile entstehen – wird das Geschlechterverhältnis schlicht als Machtverhältnis interpretiert, das schon durch die bloße Unterscheidung zweier Geschlechter reproduziert werde.

Die Frage, ob und wo Männer und Frauen jeweils mächtig oder ohnmächtig sind, wird per definitionem geklärt: Es seien eben jeweils Männer, die in diesen heterosexistischen Strukturen Machtpositionen besetzen würden. Männlichkeit sei eben gerade durch den Zugang zu Privilegien, zur „patriarchalen Dividende“ (Connell) definiert.

Das geht nicht nur an Standards empirischer Forschung vorbei, sondern ist auch politisch fatal: Soziale Strukturen, Herrschaftsverhältnisse, Benachteiligungen werden so nicht durch Untersuchungen sozialer Realitäten rekonstruiert, sondern definitorisch geklärt.

Die durchaus anmaßende, aber selbstverständliche Selbstbeschreibung einer solchen Gender-Forschung als „emanzipatorisch“ ist in der Konsequenz ganz das Gegenteil, weil dadurch kritische Einwände unbesehen als „reaktionär“ oder „anti-emanzipatorisch“ abgetan werden können und eine Untersuchung ebenso wie eine Weiterentwicklung dieser Forschung moralisierend verhindert wird.

Wie selbstverständich solche dysfunktionalen Extrempositionen zum Teil eines medialen Mainstreams geworden sind, demonstriert gerade Julian Dörr in einem Kommentar zur Affäre um Harvey Weinstein:

Wer sexuelle Übergriffe verhindern will, der braucht Geschlechtergerechtigkeit, der braucht das Binnen-I, der braucht die Quote, der braucht gleichen Lohn für gleiche Arbeit.“

Das bedeutet: Wer auch nur einige Aspekte des heutigen Feminismus kritisiert, der macht sich mitschuldig an sexuellen Übergriffen.

Die einseitige Interpretation sozialer Konstruktionen als Reproduktionen von Machtverhältnissen hat dabei eine doppelt nachteilige Konsequenz: Die Konstruktionen anderer werden nicht in ihrer Funktionalität, oder eben auch Dysfunktionalität, beschreiben, sondern rituell als herrschaftsdienlich entlarvt – die eigene Verhaftung an soziale Konstruktionen wird dagegen überhaupt nicht wahrgenommen.

Dabei ist gerade der gendertheoretische Entlarvungsgestus in hohem Maße anfällig für überkommene Geschlechterklischees. So wie bestimmte Gruppen von Menschen als privilegierte Träger und Profiteure gesellschaftlicher Machtstrukturen präsentiert werden, so stehen andere Gruppen gleichsam für ein besseres Menschsein, das von diesen Machtstrukturen weniger korrumpiert wäre.

Es ist nur folgerichtig, dass Angehörige solcher Gruppen dann ein vorrangiges Rederecht erhalten, während den Angehörigen angeblich privilegierter Gruppen die Aufgabe zugewiesen wird, zuzuhören und zu lernen, nämlich die eigenen Privilegien zu reflektieren, zu welchem Zweck auch immer. Unterschwellig arbeiten die sich so „progressiv“, „modern“ und „emanzipatorisch“ gebenden Theoriemodelle mit einer Unterscheidung zwischen einem reineren und einem unreineren Menschsein.

Da die Idee der „Reinheit“ aber nicht nur antimodern, sondern auch schlicht irreal ist, sind es schließlich immer kleinerer Gruppen, die als wahrhaft emanzipatorisch erscheinen können: Frauen – lesbische Frauen – Transsexuelle – Genderfluide – etc.

Das verkehrt insgesamt zwei wesentliche Aspekte eines seriösen Sozialkonstruktivismus in ihr Gegenteil. Der Individualismus, der in konstruktivistischen Theorien eigentlich unvermeidbar ist, mündet in die strikte Unterordnung von einzelnen Personen unter Gruppenzugehörigkeiten. Wer darauf besteht, ein Individuum und nicht einfach nur ein Mitglied einer privilegierten Gruppe zu sein, wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass er lediglich nicht bereit sei, seine Privilegien zu reflektieren.

Die offene Debatte wiederum, die für eine Kooperation der unterschiedlichen Perspektiven wie für die unerlässliche Perspektivenübernahme so wichtig ist, wird radikal begrenzt. Da den Vertretern privilegierter Gruppen ohnehin unterstellt wird, Machtverhältnisse ideologisch zu konservieren, erscheint ihre Ausgrenzung aus dem Diskurs nicht nur als legitim, sogar als notwendig. Seltsamerweise spielt die Frage dabei niemals eine Rolle, woher denn eigentlich ausgerechnet die Ohnmächtigen die Macht haben, die allseits Mächtigen aus dem allgemeinen Diskurs herauszuhalten.

Dieselbe Statue, noch einmal aus anderer Perspektive

Durch die Behinderung offener Debatten – durch die Abkehr von ergebnisoffener empirischer Forschung und ihre Ersetzung durch abstrakte Zuweisungen von Macht- und Ohnmachtspositionen – durch die Unterordnung von Individuen unter Gruppen – durch die Blindheit für die eigenen Konstruktionsprinzipien, insbesondere für Unterscheidungen zwischen einem reineren und unreineren Menschsein – durch all dies wird die gendertheoretische, postmoderne Variante des Sozialkonstruktivismus zu einer Theorie, die ebenso unfähig wie unwillig ist, Strukturen moderner Gesellschaften überzeugend zu analysieren. Tatsächlich mündet diese Theorie in eine endlose Reproduktion immer schon bekannter Ressentiments.

Allerdings wird diese Gender-Forschung auch von ihren höhnischen Gegnern gestützt. Eine blinde, uninformierte Ablehnung sozialkonstruktivistischer Modelle – gar eine Rundum-Ablehnung von Geistes- und Sozialwissenschaften – eine ebenso uninformierte Gegnerschaft gegen alle Positionen, die sich irgendwie als politisch links definieren – all dies übernimmt unreflektiert eben gerade die Spaltungen, mit denen auch eine postmoderne Gender-Forschung operiert.

 

Anmerkung 16.10.: Das Zitat Julian Dörrs aus der Süddeutschen Zeitung habe ich nachträglich eingefügt, weil es so gut passte, ich aber erst heute Morgen darauf aufmerksam wurde – übrigens durch einen Tweet Robin Urbans.

Christian Schmidt setzt sich heute mit Dörrs ganzem Artikel auseinander.

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24 Comments

  • „Allerdings wird diese Gender-Forschung auch von ihren höhnischen Gegnern gestützt.“

    Diese Analyse halte ich für falsch. Gendermainstreaming konnte sich (10 Jahre?) entfalten, weil der Gegenwind nur auf akademischem Niveau und dort nur lauwarm stattgefunden hat. Der Hohn hat Gendermainstreaming erst soweit auf dem Boden zurückgeholt, dass jeder sehen konnte, dass der Kaiser nackt ist.

    • Nun ja, zur Aufdeckung, daß der Kaiser nackt ist, ist das wohl tatsächlich nützlich. Bringt aber auch den Effekt mit, daß es ebenso einfach und plausibel bestritten werden kann. Es sorgt so dafür, daß die Polarisierung verstärkt und gehärtet wird.
      Klar erregt mehr Streit auch mehr Aufmerksamkeit, löst aber kein Problem, sondern befördert lediglich die „Notwendigkeit“ einen Krieg gegen den Gegner zu führen, wodurch Angleichungen von Positionen und Kompromisse immer unmöglicher werden.

      Anders gesagt: Ganz nackt ist der Kerl nicht und Kaiser ist er auch nicht unbedingt und wenn dem so wäre begründete das auch noch nicht seine unausweichliche Guillotinierung.

      Oder noch anders: Die Laberfächer abschaffen wäre ein Schuss in’s eigene Knie, besser wäre es, mehr und für alle nützlichere Wissenschaftlichkeit in den Geisteswissenschaften herzustellen.

      Also das politische Monopol der rein ideologischen gender studies durch ernsthafte Geschlechterforschung auch auf soziologischer Ebene zu ersetzen ( anstatt z.B. wie der Hofreiter-Toni zu behaupten die gender studies hätten das „Gender-Knie“ hervorgebracht, was eine schlichte Beleidigung für die naturwissenschaftliche Medizinforschung ist und eben gerade kein Nachweis für die Notwendigkeit soziologischer Geschlechterforschung ).

      Das dumme ist: Bei ihnen wichtig erscheinenden Themenbereichen, besonders wenn sie per se nicht ganz einfach zu überblicken sind, werden Menschen, besonders im „Stammesverband“ gern und leicht zu Binärdenkern ( erleichtert die Definition von Schnittmengen im eigenen Stamm ) und fuzzy logic ist prinzipiell schon eine ziemlich schwierige Sache.
      Was dann üblicherweise bei größeren Gruppen zu Tribalismus und Wagenburgmenthalität führt. Im Extremfall bis hin zum „Lemminge-Syndrom“, nehme ich mal an.

    • @quellwerk:

      »Der Hohn hat Gendermainstreaming erst soweit auf dem Boden zurückgeholt, dass jeder sehen konnte, dass der Kaiser nackt ist.«

      Dieser Hohn funktioniert m. E. aber nur darum, weil er der Schokoüberzug über einer im Kern sozialwissenschaftlich fundierten Kritik ist. Ich glaube nicht, dass die einschlägigen Soziologenfresser in unserer Blogosphere (Danisch inklusive) verstanden haben, wieviel sie einer soziologischen Kritik der Gendertheorien verdanken, die sie selbst gar nicht zu leisten vermögen.

    • „Der Hohn hat Gendermainstreaming erst soweit auf dem Boden zurückgeholt, dass jeder sehen konnte, dass der Kaiser nackt ist.“

      Dass Linke bei der Auseinandersetzung mit dem Gender-Feminismus weitflächig versagt hatten, oder auch schlicht wahlweise desinteressiert oder feige waren, stimmt ja. Daraus ergibt sich aber noch nicht der Schluss, dass Rechte deswegen super reagiert hätten.

      Danisch zum Beispiel gräbt beständig viele interessante Beispiele aus, geht zu Veranstaltungen, berichtet davon, und das finde ich oft sehr erhellend. Wenn er aber anfängt, über Sozial- oder Geisteswissenschaften herzuziehen, wird immer sofort klar, dass er einfach keine Ahnung hat, worüber er da redet.

      Das spiegelt aber einfach nur die Arroganz von Gender-Vertreterinnen, für die es selbstverständlich ist, vernichtende Urteile über die Biologie abgeben zu können, ohne sich damit auch nur teilweise auszukennen. Mit solchen Frontenbildungen können am Ende beide Seiten gut leben.

      Arne Hofmann hat ja gestern zwei Beiträge von links verlinkt, die sich mit dem gegenwärtigen Gender-Feminismus auseinandersetzen. Solche Beiträge sind längst überfallig:

      https://www.freitag.de/autoren/stefanhetzel/dem-vulgaerfeminismus-den-garaus-machen

      https://www.facebook.com/events/483399548707463/

  • Diese Obsession mit den »Hierarchien« halte ich tatsächlich für den zentralen Denkfehler des Feminismus seit den 60er Jahren. Dass Geschlechterverhältnisse stets als hierarchische zu verstehen seien und dass dies der Schlüssel zum Verständnis der Weltgeschichte als »Patriarchat« sei, ist von allem Anfang an das zentrale Axiom der zweiten Frauenbewegung und ihrer Nachfolger gewesen. Ein Axiom wohlgemerkt, kein belastbarer empirischer Befund. Nicht, weil es nicht soziale Strukturen gäbe, die man als »patriarchal« bezeichnen könnte (»patriarchale Herrschaft« ist ein Grundbegriff bei Max Weber), sondern weil solche Strukturen in einem Überbietungswettbewerb mit der marxistischen Klassentheorie zur universellen Basiskategorie aller sozialen Ungleichheiten hochgejazzt wurden.

    Es macht das Konzept des »Patriarchats« geradewegs zu einem Gründungsmythos der Frauenbewegung, der sich mangels energischen Widerspruchs als ideologische Kontamination bis in den heutigen Wissenschaftssektor hinein fortsetzt. Wie tief das im feministischen Denken steckt, hat ja nicht zuletzt Kucklick herausgearbeitet, indem er Luhmanns Argument aufgreift, dass die moderne Gesellschaft von ihrer Grundkonstruktion her gerade keine hierarchische, sondern eine funktional differenzierte Gesellschaft ist. Die Tragweite dieses Arguments hat der Feminismus niemals begriffen (und wohl auch kaum einmal zur Kenntnis genommen). Vor der zweiten Frauenbewegung hat der Begriff des Patriarchats kaum eine Rolle gespielt – heute ist er so allgegenwärtig, als habe er schon seit der »Querelle des Femmes« im Spätmittelalter existiert.

    Ein im Feminismus hoch gelobtes Buch wie Carol Patemans The Sexual Contract ist in der Grundsätzlichkeit dieser Fehldeutung paradigmatisch für die ganze politische Bewegung. Soweit ich weiß, hat im Feminismus nur Nancy Fraser Pateman kritisiert – aber ohne die Tragweite dieser Kritik begriffen zu haben.

    Der Patriarchatsbegriff und die ihm zugrundeliegende Idee einer grundsätzlich hierarchischen Konstruktion des Geschlechterverhältnisses ist für den Feminismus ähnlich zentral wie die geschichtsphilosophisch hergeleitete Idee der proletarischen Weltrevolution in der sozialistischen Bewegung. Und darum findet sich diese Denkfigur auch dort wieder, wo der Feminismus wissenschaftlich zu sein beansprucht und wissenschaftliche Begrifflichkeiten adaptiert, zum Beispiel im sozialwissenschaftlichen Konstruktionsbegriff.

  • „Wenn also Geschlechter ohnehin nur soziale Konstruktionen sind – warum können dann, zum Beispiel, nur biologische Frauen Gleichstellungsbeauftragte sein?“

    ist durchaus beides möglich:
    https://allesevolution.wordpress.com/2014/04/29/wenn-geschlecht-konstruiert-ist-ist-dann-frauenforderung-nicht-ein-widerspruch/

    Im Genderfeminismus werden soziale Regeln, die konstruiert sind, an körperlichen Merkmalen festgemacht, in diesem Fall an denen, die wir als “Frau” bezeichnen. Es könnte aber genau so gut Rothaarigkeit sein. Dann wären die Regeln für Rothaarige eine soziale Konstruktion, aber Rothaarige eben nicht. Und man würde dann fordern, dass zur Abschaffung der sozialen Regeln eben Rothaarige entgegen dieser Regeln voll an der Gesellschaft teilhaben können, weil Rothaarigkeit kein Kriterium für eine willkürliche Unterscheidung sein darf (ebensowenig wie die körperlichen Anzeichen, die man (willkürlich) unter “Frau” zusammenfasst).

    Es sollen insofern nicht Frauen gefördert werden, sondern eine Neutralität geschaffen werden, in der alle Menschen unabhängig davon, welche körperlichen Besonderheiten sie haben (sei es Rothaarigkeit oder eben vergleichsweise biologisch unbedeutende Merkmale, wie eine Gebärmutter, Brüste, eine Vagina, einen vollkommen anderen Hormonhaushalt, einen anderen Chromosomensatz etc).

    Man würde also anführen, dass Menschen mit Vaginas etc (=Frauen) gerade aufgrund kultureller Regelungen bestimmte negative Vorurteile gegen sich haben, und dagegen angekämpft werden muss, weswegen Menschen mit Vaginas diesen Kampf anführen müssen, weil sie die kulturellen Regelungen gegen sich erleben

    • @ Christian Ja, der Widerspruch kann so überbrückt werden – allerdings durch ein kompliziertes behelfsmäßiges Argument, das so oder so ähnlich zur Überbrückung eines JEDEN Widerspruchs konstruiert werden könnte. Ich zerlege es einmal in seine Prämissen, soweit diese in meinen Augen notwendig sind.
      1. Menschen, die diskriminiert werden, haben Anspruch auf staatliche Unterstützung, um Diskriminierungen auszugleichen.
      2. Ist eine Gruppe in einem einflussreichen Bereich – z.B. Aufsichtsräten – im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung unterrepräsentiert, dann ist dass eine Diskriminierung.
      3. „Mann“ und „Frau“ sind reine soziale Konstruktionen.
      4. In einer heterosexistischen Gesellschaft wird die Mann-Frau-Binarität an biologischen Kriterien konstruiert.
      5. Wir leben in einer heterosexistischen Gesellschaft.
      6. Die als Frau konstruierten Menschen sind diskriminiert (Erweiterung von 2).
      7. Quoten sind ein geeignetes Mittel zum Ausgleich von Diskriminierungen.

      Und wenn dieses unsystematische Bündel an Prämissen zusammen ist, kann dann endlich geschlossen werden…:
      Conclusio: Der Staat ist verpflichtet, über Quoten biologische Frauen zu unterstützen.

      Ich würde jede dieser Prämissen bezweifeln. Auffällig ist aber zum Beispiel, dass die Überzeugung, wir würden in einer heterosexistischen Gesellschaft leben, schon in den Prämissen enthalten ist. Sie wird nicht hergeleitet und schon gar nicht empirisch begründet.

      • Der logische Fehler, der in Punkt 2 steckt, scheint mir der auffälligste zu sein.
        Es kann im Vorstand einer Firma unmöglich um Repräsentanz von Bevölkerungsuntergruppen gehen.
        Nehmen wir einen fiktiven Backwarenbetrieb. Da braucht man Bäcker im Vorstand. Nimmt man statt dessen eine repräsentative Auswahl an antidiskriminierungsbeauftragten Pinkstinksaktivisten ( Stevie würde doch bestimmt gern mal einen kleinen Goldrockjob machen, wo man leistungsfrei so richtig Knete kriegt ), die Nachtarbeit für extrem frauenfeindlich halten, gibt es morgens keine frischen Brötchen mehr und der Laden macht pleite.
        Bei Hochspannungsmastenkletterern dürfte es noch etwas krasser laufen ( kommt kein Strom mehr aus der Dose ).

        Mal ganz abgesehen davon, daß man dann ja auch konsequent „intersektional“ verfahren müßte. Also z.B. in einer Gerüstbaufirma entsprechend Anteile an schwulen Landschaftsgärtnern, behinderten Sozialpädagogen und tibetanischen Airbrushkünstlern bräuchte. Dann gäbe es hübsch bunte Baugerüste mit blühender Fassade und eingebauter 24/7-Kita, nur würde sich kein Maurer mehr da rauf trauen, weil schon beim Einrüsten die zur ausgleichenden Kostenersparnis voll divers eingesetzten Prekärhilfskräfte aus Bulgarien und Marokko reihenweise auf die Strasse purzeln.
        Aber pusht insgesamt natürlich das BIP ungemein ( der jeweilige Kanzlerdarsteller könnte schön von gesichertem „Wachstum“ einherblödeln ).

        Prämisse 2b müßte also lauten: Frauen können sowieso alles – und zwar besser!

        Und in der Tat wird genau das in Debatten zum Thema ja immer wieder falsch unterstellt.

  • Wenn alle Verhältnisse zwischen Menschen Machtverhältnisse sind, kann man eigentlich nur Sieger oder Verlierer sein. Ich sehe jedenfalls nicht, wie unter dieser Voraussetzung sowas wie Kooperation (die nicht von gemeinsamer Gegnerschaft gegen einen Dritten bestimmt wird) möglich sein sollte. Letzten Endes wird dann auch Demokratie irgendwann unmöglich, weil Mehrheiten auch wieder nur Machtverhältnisse schaffen, die von der Minderheit nicht akzeptiert werden können.

    • Ich glaube schon, dass die Machtverhältnisse ubiquitär sind. Nur wäre es m.E. eine Illusion, diese je zum Verschwinden bringen zu können und zwar zwischen Gruppen bzw. Populationen und innerhalb von Gruppen oder Populationen. Natürlich kann man versuchen, dass Macht polyzentrisch wird, dass sie quasi gerechter verteilt wird, aber es wird immer Gruppen bzw. Populationen bzw. einzelne Individuen geben, die mehr Einflussmöglichkeiten haben werden als andere.

      • Zwischen Macht und diskriminierender Bemächtigung besteht ja nun auch noch ein gewisser Unterschied. Macht muß nicht zwangsläufig immer korrumpieren.
        Nicht zuletzt ach eine Frage des Charakters, der ja auch ein Produkt der sozialen Grundbildung ist und des dazugehörigen Bewußtseins.
        Siehe auch „elterliche Gewalt“ ( eine Machtbefugnis ) als früheres Synonym für „elterliche Sorge“.

    • Hören wir noch einmal kurz, wie Michel Foucault seinen Machtbegriff eigentlich verstanden wissen wollte:

      Michel Foucault:

      „Dies führt uns zu dem Problem zurück, was ich unter Macht verstehe. Ich gebrauche das Wort kaum, und wenn ich es zuweilen tue, dann um den Ausdruck abzukürzen, den ich stets gebrauche: Die Machtbeziehung. Aber es gibt fertige Schemata: wenn man von Macht spricht, dann denken die Menschen sofort (…) an eine Regierung, an eine herrschende soziale Klasse, an den Herrn gegenüber dem Knecht usw. An so etwas denke ich überhaupt nicht, wenn ich von Machtbeziehungen spreche. Was ich sagen will ist, dass in den menschlichen Beziehungen, was sie auch immer sein mögen, ob es nun darum geht sprachlich zu kommunizieren, wie wir dies gerade tun, oder ob es sich um Liebesbeziehungen, um institutionelle oder ökonomische Beziehungen handelt, die Macht stets präsent ist: damit meine ich die Beziehungen, in denen der eine das Verhalten des anderen zu lenken versucht. Es sind also Beziehungen, die man auf unterschiedlichen Ebenen, in verschiedener Gestalt finden kann. Diese Machtbeziehungen sind mobile Beziehungen, sie können sich verändern und sind nicht ein für alle Mal gegeben. Die Tatsache beispielsweise, dass ich älter bin und Sie zu Beginn ein wenig befangen waren, kann sich im Verlauf der Unterhaltung umkehren und ich bin es dann, der vor jemandem befangen sein kann, gerade weil dieser jünger ist. Diese Machtbeziehungen sind also mobil, reversibel und instabil.“

      (aus: Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit, 1984, in: Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 890)

      Michel Foucault (Hervorhebungen von mir):

      „Ich glaube – jedenfalls ist das der Sinn der Analysen, die ich vornehme (…), dass wir Machtbeziehungen NICHT SCHEMATISCH BETRACHTEN DÜRFEN, auf der einen Seite jene, die Macht haben, und auf der anderen jene, die keine haben. (…) Dieser Dualismus findet sich bei Marx niemals, wohl aber bei reaktionären und rassistischen Denkern wie Gobineau, (…).
      Die Machtbeziehungen sind überall. Allein schon die Tatsache, dass Sie Studentin sind, versetzt sie in eine bestimmte Machtposition. Andererseits bin ich als Professor gleichfalls in einer Machtposition. Ich bin in einer Machtposition, weil ich keine Frau bin, sondern ein Mann. UND ALS FRAU SIND SIE GLEICHFALLS IN EINER MACHTPOSITION, NICHT IN DERSELBEN, ABER WIR BEIDE SIND GLEICHERMAßEN IN EINER MACHTPOSITION.
      (…)
      Interessant ist (…) wie die Maschen der Macht in einer Gruppe, einer Klasse, einer Gesellschaft funktionieren, das heißt, wo sie jeweils im Netz der Macht lokalisiert sind und wie sie Macht ausüben, sichern und weitergeben.“

      (aus: Michel Foucault – Die Maschen der Macht, Vortrag 1976, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften, Vierter Band 1980 – 1984, Suhrkamp, 2005, S. 244)

      Macht und Diskriminierung sollten Foucault zufolge also nicht schematisch, sondern ergebnisoffen und kontextbezogen analysiert werden. Das haben seine politisch korrekten Fans offensichtlich genauso wenig verstanden wie so manche PC-Kritiker.

      • @ Leszek, Mark Auch hier spielen heutige gender-politische Akteure gleichsam mit zwei Kartensätzen gleichzeitig, die sie je nach Bedarf und kommentarlos austauschen können.

        Wir können Macht erstens so definieren, dass sie alle Bereiche unseres Lebens durchdringt – z.B. eben als Möglichkeit, das Handeln anderer Menschen zu beeinflussen. Dann aber hat es überhaupt keinen Sinn, Menschen abhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit Macht zuzuschreiben, anderen Menschen abhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit keine.

        Oder wir können zweitens feststellen, das Angehörige bestimmter Gruppen Einfluss und Handlungsmöglichkeiten haben, die Angehörige anderer Gruppen nicht haben. Dann bezieht sich das aber auf konkrete, begrenzte Kontexte, z.B. auf das Sorgerecht, in dem der Einfluss von Frauen deutlich größer ist als der von Männern. Es hätte keinen Sinn, von diesen Kontexten aus gleich auf die Gesellschaft insgesamt zu schließen, also z.B. davon auszugehen, wir würden in einem Matriarchat o.ä. leben, das bis in alle Winkel von Frauenmacht durchdrungen wäre.

        Gender-Positionen switchen nach meinem Eindruck beliebig zwischen diesen beiden (jeweils für sich vertretbaren) Konzepten von Macht hin und her, behaupten eine ubiquitäre Macht, ordnen sie aber stur bestimmten Gruppen zu.

        • @Schoppe
          Ich denke, man müsste natürlich zuerst einmal Macht definieren und wenn sie definiert ist, wäre es eine empirische Frage, ob Macht ubiquitär vorhanden ist.
          Ich gehe aber schon davon aus, dass einzelne Individuen mehr Einflussmöglichkeiten bzw. Macht haben als andere und ich gehe auch davon aus, dass gewisse Gruppen bzw. Populationen in einem bestimmten historischen Kontext und geographischem Raum mehr Einflussmöglichkeiten haben als andere Gruppen bzw. Populationen. Aber es ist richtig: Man müsste dann immer genau schauen, in welchen Bereichen welche Gruppen mehr Einfluss haben als andere. Natürlich würde ich sagen, dass verschiedene Kapitalarten unterschiedliche Einflussmöglichkeiten verschaffen. Das ökonomische Kapital ist vermutlich immer noch das Kapital, dass den stärksten Einfluss geltend machen kann, also über dem kulturellen Kapital steht. Aber es kommen andere Kapitalarten hinzu: politisches Kapital, soziales, symbolisches etc., usw., usf. Und in gewissen Bereichen hat ökonomisches Kapital kaum Einfluss, dafür das symbolische umso mehr.

          • @Lucas & Mark:

            Es gibt auch einen Machtbegriff, der weniger auf den Aspekt der Willensdurchsetzung (klassisch: Max Weber) und mehr auf den Aspekt der Fähigkeit, etwas zu bewirken oder zu verändern abzielt (z. B. bei Günter Dux oder Anthony Giddens). In diesem Sinne ist Macht tatsächlich ubiquitär. Macht über andere Menschen ist dann ein (historisch freilich prominenter) Sonderfall, in dem Macht rekursiv werden kann (ich bediene mich mittelbar der Macht anderer Menschen, über die ich Macht habe) oder die Macht anderer Menschen »kontert« – unter Umständen mit dem Ergebnis eines Machtgleichgewichts. Macht ist in dieser Perspektive anthropologisch fundamental und daher nicht schon per se illegitim, sondern es kommt auf ihre institutionelle »Einhegung« an.

            Ich finde diese Sichtweise sehr einleuchtend. Insbesondere wäre auch zu beachten, dass Machtungleichgewichte auch eine sinnvolle Funktion haben können, etwa im Falle eines staatlichen Gewaltmonopols (wir sehen aktuell wieder am Beispiel der USA, welche Folgen es hat, wenn ein solches Gewaltmonopol hinsichtlich des Waffenbesitzes abgeschwächt wird).

            Das Problem des feministischen Arguments sehe ich primär darin, dass es schlicht jenseits aller Empirie scholastisch und dogmatisch erstarrt ist. Wie Bruno Köhler es unten auf den Punkt bringt: es ist nicht mehr als ein taktisches Instrument zur eigenen Machtausübung einer Frauenlobby mit drei Zielsetzungen: Frauenförderung, Frauenförderung und Frauenförderung.

      • Ja natürlich ist bei Foucault immer alles viel differenzierter (vor allem auch, weil er sich metaphernreich und unklar ausdrückt und sich bei Kritik immer darauf zurückzuiehen kann, es ganz anders gemeint zu haben), aber bei denen, die unter Berufung auf diese Theorien politische Forderungen stellen, kommt es sehr viel weniger differenziert rüber. Z.B. wenn behauptet wird, es gäbe keinen Rassismus gegen Weiße, weil diese sich Schwarzen gegenüber immer in einer Machtposition befinden. Was natürlich keine Rolle spielt, wenn du in Rio oder Lagos als erkennbarer Weißer (= nicht von dort und ohne genauere Ortskenntnisse) den dreifache Preis fürs Taxi bezahlen musst.

        Die Möglichkeit der Kooperation auch ohne Gruppenbildung existiert in diesem Weltbild überhaupt nicht.

        Wenn ich im Stau stehe und von rechts will sich ein anderes Auto einordnen,gebe ich ihm ein Zeichen, vorzufahren, und er gibt mir dann mit der Hand ein Signal und bedankt sich. Wir kennen uns nicht und werden uns nie wiedersehen, kooperieren aber trotzdem. Warum? Ich habe in diesem fall die Macht (Vorfahrtsrecht), aber das ist völlig unwesentlich, denn bei nächster Gelegenheit bin ich es, der sich einordenen will und Kooperation erhofft.

        Dieses ständieg Starren auf und Suchen nach Machtverhältnissen vergiftet das gesammte gesellschaftliche Klima. Danke Msr. Foucault, danke Herr Nietzsche und alle anderen Postmodernisten.

  • „Genderforschung“ dient als Rechtfertigung eines politischen Programms, nämlich Frauenförderung. Und je nachdem, wie die Verhältnisse sich zeigen, interpretiert die Genderforschung dies so, dass eben das Gewünschte, nämlich Frauenförderung, herauskommt. Sie ist nicht ergebnisoffen und damit keine Forschung.
    Beispiel Jungen/Mädchen-Förderung. Mädchen sind statistisch gesehen in Mathe schlechter, Jungen im Lesen. Das ist aber nur Statistik. Natürlich gibt es auch Jungs, die schlecht sind in Mathe und Mädchen, die schlecht lesen können. Unsere SJWs interpretieren dies nun nach Ergebnis: In Mathe werden pauschal Mädchen gefördert, egal, ob sie es brauchen oder nicht, Jungen werden pauschal zurückgelassen, egal ob sie ebenfalls Förderung bräuchten oder nicht. Hier wird mit dem Kollektiv argumentiert. Das Ziel, Mädchen zu verbessern, rechtfertigt das Zurücklassen auch förderungsbedürftiger Jungs. Ergebnis: Mädchenförderung und JungenNICHTförderung. Der statistische Gender Gap nimmt ab.
    Beim Lesen gibt es aber nun keine reinen Jungenleseförderprojekte, mit der Begründung, dass es ja auch Mädchen gäbe, die Förderung bräuchten und es wäre ja unzulässig, diese pauschal zurückzulassen. Ergebnis: Der Gender Gap zuungunsten der Jungen bleibt bestehen.
    In Summe gewinnen die Mädchen und die Jungs haben die Arschkarte.
    Die Gleichstellungsprofis schaffen es, die Doppelmoral innerhalb eines kurzen Absatzes unterzubringen.
    Diese Doppelmoral ist schon so selbstverständlich, dass sie fast keinem mehr auffällt. Die normative Kraft des Faktischen.

  • Ist diese Kunst so fürchterlich wie ich sie wahrnehme oder bin ich eine Kunstbanause? Es tut mir weh, mir dieses Kunstwerk anzuschauen.

    • Latürnich bist Du ein Kunstbanane, Piotr.
      Klebe Dir mal ein gammeliges Laugummi auf die Stirn stelle Dich in eine Fußgängerzone und verlange 10000€ städtische Fördermittel im Monat für Deinen diversen Pro-Art-Aktionismus.
      Josef Beuys könnte Dir das für 50% der Einnahmen ausreichend als wichtige Kunst begründen ( und der war schließlich führender Experte ).

      Im Ernst: is letztendlich eben auch Geschmackssache und wenn dafür eine Kostenstelle zum Jahresende ausgeschöpft werden muß, kann man die Prüfungskriterien schon mal ein wenig senken/verschieben.
      Ganz normal, es gibt schlimmere Beispiele.

      ( Ich kann z.B. mit hübsch in mattschwarzbunt lackierten Mopeds deutlich mehr anfangen. Oder sowas:
      https://i.pinimg.com/originals/00/54/ae/0054ae076fc859b4c80fe17409520d70.jpg )

  • Zu den Bildern Niki de Saint Phalles, hier ein Link auf ihre späte Kunst.
    https://youtu.be/qTuZWZG1W_8

    Sie begann auf Bilder zu schießen, um den erlittenen Missbrauch durch ihren Vater anzuprangern, wobei sie mit dieser Bloßstellung zugleich alle Männer bezichtigte. Diese verallgemeinernde Ableitung fußt auf dem Konstrukt, das in der Frauenbewegung der 70er Jahre gesetzt wurde, und dass die gesellschaftliche Sicht auf den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen heute noch dominiert. Frauen sind Opfer, Männer sind Täter!

    Nur aus dieser Perspektive waren die Performances von Saint Phalle bedeutend. Interessanterweise wurde und wird dieser Hintergrund kaum beachtet. Offensichtlich war die performte Gewalttat ähnlich wie bei Solanas S.C.U.M. für die Rezeption markanter, als der gewalttätige Hintergrund. So ließ sich das individuelle Leid und Verbrechen verallgemeinern. Das Konstrukt als Gemeinplatz wird somit wirklicher als sein individueller Hintergrund, der als Summe der Ereignisse zur Emergenz und somit zu einem realen Faktor wird. Der aber hält sich nur, solange er weiter genährt wird. Und er wird genährt, weil er immer noch Vorteile bringt. – Im Grunde geht es also um die fortwährende Konstruktion gesellschaftlicher Korruption.

    • Danke, Lotosritter, für diese erhellenden Ergänzungen!
      Ich fasse zusammen:
      Das Gesamtkunstwerk der Niki vom heiligen Schwanz ist ein Autotherapieversuch mittels radikaler Schulderweiterung/-verschiebung auf alle Männer.
      Gern adaptiert von jenen, die sich davon ( mindestens ideologischen ) Profit versprachen.
      In meinen Augen bemitleidenswert.
      Und schäbig von denen, die das schamlos für ihre Zwecke ausgenutzt haben.
      Anstatt zur Lösung der Probleme, wenigstens der individuellen, beizutragen, wurden dieselben aus niederen Gründen betoniert.

  • Etwas einfacher ausgedrückt: Natürlich seien Geschlechter soziale Konstruktionen, aber das offen zu sagen, würde die BürgerInnen – von Wilhelm ganz ungegendert als „Max Mustermann“ bezeichnet – möglicherweise verunsichern.

    Ich denke, dass hier ein grundsätzliches Missverständnis vorliegt, wenn auf Widersprüche hingewiesen wird. Butler verwendet Sprache als subversives Werkzeug, um aus ihrer Sicht falsche Gewissheiten in Frage zu stellen. Die Widersprüchlicheit, insbesondere die permanente Missachtung der sinnvollen Unterscheidung von biologischem Geschlecht und Gender als die Attribute, die den Geschlechtern zugewiesen werden, ist gewollt. Die Verwirrung ist gewollt.

    Butler als postmoderne Radikalkonstruktivistin glaubt, dass wenn die sprachliche Unterscheidung von biologischem Geschlecht und Gender konsequent missachtet wird sich damit die Wahrnehmung verändert, was für den Radikalkonstruktivisten gleichbedeutend mit der Änderung der Realität ist.

    Erste „Früchte“ dieser gewollten Verwirrung sehen wir schon, wenn nämlich 12-jährige sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, weil sie glauben, im falschen Körper zu leben. Butlers „Theorien“ sind reine Sophisterei und Rabulistik.

    • Weder gibt es eine einhellige Meinung in den „Genderwissenschaften“ (die sich faktisch über verschiedene geisteswissenschaftliche Disziplinen verteilen, also kein einheitlicher Block sind, siehe http://www.spektrum.de/news/wie-wissenschaftlich-ist-die-gender-forschung/1511235), noch gibt es eine durchgehende Zustimmung zu Butlers Denken im Feminismus. Ganz im Gegenteil:

      „Da sie die Kategorie Frau als Subjekt des Feminismus in Frage stellt, löste sie, auch in Deutschland, erbitterte Debatten unter feministischen Theoretikerinnen aus. Ein zentraler Einwand an der „Dekonstruktion eines mit sich selbst identischen Subjekts“ bemängelt, dass Butler nicht zwischen Sprache und Praxis trenne, was ihre Zentrierung auf eine sprachlich-diskursive Subjektbildung hermetisch mache. Ihren machttheoretischen Analysen mangele es an historisch-gesellschaftlicher Fundierung. Zudem verkürze Butler den Feminismus zu einer Debatte über symbolische Repräsentationsformen von Geschlecht, anstatt sich auf Themen zu konzentrieren, die Frauen wirklich betreffen. Geschlecht bilde nun mal einen wesentlichen Teil vieler individueller Identitäten, deren Umgestaltung käme für die meisten Frauen nicht in Frage.“

      https://de.wikipedia.org/wiki/Judith_Butler#rezeption

  • Der Mythos des 21. Jahrhunderts, die ethische Reinheit des Geschlechtslosen oder „Queeren“.

    Das ist ein religiöser Wahn, bzw kann zu einem solchen leicht auswachsen. So ziemlich genau das Gegenteil einer „sozialen Konstruktion“ — oder gruseliger: eben genau eine solche 🙁

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