Gewalt Kriminologie

Julian Dörr oder unser täglicher Harvey Weinstein gib uns heute

geschrieben von: Mark Smith

Harvey Weinstein hat eine, zumindest mediale, Lawine ausgelöst. Man bekam den Eindruck, dass sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt bisher das größte Tabu in Europa und den USA gewesen wäre. Empörungsbewirtschaftung, Rufe nach dem Pranger, Negierung der Unschuldsvermutung und Dämonisierung sind die negativen Auswirkungen solcher Debatten. Auch Julian Dörr, ein Journalist von der Süddeutschen Zeitung, der sich vermutlich als Feminist bezeichnen würde, hat sich aktiv daran beteiligt. Nachfolgend eine Auseinandersetzung mit seinem Artikel aus der Süddeutschen Zeitung.

Der Titel des Artikels heißt: Gewalt gegen Frauen ist Gewalt von Männern und der Untertitel lautet: Sexismus und Sprache.

Da muss man sich doch gleich fragen, ob es keine Gewalt von Frauen an Frauen gibt? Wir werden dieser Frage dann später noch ein bisschen nachgehen. Korrekt hätte es natürlich heißen müssen: „Gewalt gegen Frauen ist vorwiegend Gewalt von Männern“. Und die nächste Frage wäre dann: weshalb thematisiert der Autor bloß Gewalt gegen Frauen und nicht auch Gewalt gegen Männer? Weil die Gewalt gegen Männer dürfte ein viel größeres Problem sein als Gewalt gegen Frauen.

Gewalt gegen Männer im Vergleich zu Gewalt gegen Frauen

Wenn wir uns an der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) aus dem Jahre 2016 ausrichten und uns an den Gewaltdelikten orientieren, sehen wir zum Beispiel Folgendes:

 

Registrierte Fälle:

  • Vergewaltigung und sexuelle Nötigung:          6.500
  • Gefährliche und schwere Körperverletzung

sowie vorsätzliche einfache Körperverletzung    ca. 405.000

 

Die Gewaltdelikte Mord und Totschlag sowie Raub lasse ich jetzt mal außen vor, obwohl bei diesen Delikten Männer zu ca. 2/3 und Frauen zu ca. zu 1/3 betroffen sind.

Die PKS bildet bekanntlich bloß das Hellfeld der gesamten Kriminalität ab.

Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung gehe ich davon aus (und dies dürfte ein realistischer Wert sein), dass die PKS nur 5% (Hellfeld) der gesamten Kriminalität bei diesen Delikten abbildet und wir somit noch das Dunkelfeld (95%) miteinbeziehen müssen; wir kommen dann insgesamt auf 130.000 Delikte.

Auch bei den Körperverletzungen bildet die PKS nur das Hellfeld ab. Bei diesen Delikten gehe ich davon aus, dass das Hellfeld 25% ausmacht (auch das dürfte ein sehr realistischer Wert sein) und somit die Gesamtheit der Kriminalität bei diesen Delikten 1.200.000 beträgt.

In der PKS ist der Anteil der Männer an Opfern bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung bei 7% und bei den Körperverletzungen bei 63.5 %.

Jetzt stellt sich die Frage, ob wir diese Geschlechteranteile vom Hellfeld  1:1 ins  Dunkelfeld übertragen dürfen. Weil es ja kann sein, dass sich im Dunkelfeld die Geschlechteranteile bei diesen Delikten anders zusammensetzen als im Hellfeld. Diesbezüglich gibt es jedoch keine zuverlässigen Anhaltspunkte, wie hier vorzugehen wäre und infolgedessen übernehme ich diese Geschlechteranteile vom Hellfeld ebenfalls für das Dunkelfeld.

Hieraus ergeben sich dann folgende Zahlen:

Opfer bei sexueller Nötigung und Vergewaltigung:

Männer:      9.100

Frauen:       120.900

Opfer bei schwerer, gefährlicher und einfacher Körperverletzung:

Männer:      762.000

Frauen:       438.000

Opfer insgesamt Gewaltdelikte:

Männer:      771.100      =       ca. 58%

Frauen:       558.900      =       ca. 42%

Wenn wir jetzt noch die schweren Gewaltdelikten wie Raub, Mord und Totschlag einbeziehen, bei denen Männer ca. 2/3 der Opfer ausmachen, sehen wir, dass Männer eindeutig stärker von Gewaltdelikten betroffen sind als Frauen.

Warum ist Gewalt gegen Männer kaum ein Thema

Es stellt sich sodann die Frage, weshalb die Gewalt gegen Frauen in den meisten Medien immer und immer wieder angeprangert wird, wir jedoch nichts oder zumindest nicht viel von Gewalt gegenüber Männern in den Medien, in der Politik und in den psychosozialen Hilfeeinrichtungen hören; desgleichen von Julian Dörr nicht.

Wenn man in den Internetforen und den Kommentarspalten der Onlinemedien nachweist, dass Frauen nicht die größte Opfergruppe bei Gewaltdelikten sind, muss selbstverständlich von feministischer Seite sofort umgesteuert werden: die Frauen als Opfer von sexueller Gewalt werden jetzt plötzlich nebensächlich, zumal man ja noch den größten Trumpf in der Hand hält: Männer als Täter.

Jetzt ist es gewiss richtig, dass im Hellfeld die Männer vermutlich 85-90% der Täter ausmachen, was die Gewaltdelikte anbelangt. Aber das ist jedoch bloß das Hellfeld. Ich vermute, im Dunkelfeld sieht die Sache bei gewissen Gewaltdelikten (häusliche Gewalt, Kindesmisshandlungen, Gewalt gegen hilfsbedürftige ältere Menschen) doch schon um einiges anders aus. Ich möchte mal zu den Gewaltdelikten kommen, bei denen Frauen sicherlich mehr als diese 10-15% der Täterinnen ausmachen.

Gewaltdelikte, bei denen Frauen häufig Täterinnen sind

Sexuelle Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen:

Frauenanteil bei den Tätern ca.                           20%

Häusliche Gewalt:

Frauenanteil bei den Tätern ca.                                    50%

Gewalt gegen alte Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind:

Frauenanteil bei den Tätern mindestens 50% (vermutlich 70-80%)

Kindesmisshandlungen

Frauenanteil bei den Tätern ca.                       44% (in den USA 58%)

Wir sehen: Die Gewalt von Frauen ist in gewissen Bereichen nicht einfach eine „Quantité négligeable“. Man könnte schon fast von einer klassischen Arbeitsteilung sprechen: Der Mann ist im öffentlichen Bereich im Vergleich zum Privaten viel häufiger Täter und Opfer, während die Frau im Vergleich zum öffentlichen Bereich im Privaten viel häufiger Täter und Opfer ist.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist ein Männerproblem

Kommen wir wieder zurück zum Artikel von Julian Dörr: Die Bildunterschrift lautet bei ihm wie folgt:

In der Debatte um sexuelle Übergriffe und Diskriminierung erscheint Gewalt gegen Frauen wie ein Frauenproblem. Das ist falsch. Sexuelle Gewalt ist sehr wohl ein Männerproblem.

Gut, das ist jetzt schon auch ein bisschen eine Spitzfindigkeit und m.E. ein konstruierter Strohmann: Es dürfte klar sein, dass die subjektive Verarbeitung des Opfers mindestens auf die Tat und die daraus folgenden Verletzungen fokussiert ist, das heißt, es empfindet die Gewalt und die daraus folgenden Verletzungen sicher auch vorerst als ein Problem. Natürlich wird das Opfer außerdem den Täter als Problem wahrnehmen. Und für Außenstehende dürfte ein ähnlicher Vorgang gelten: Man sieht vorerst die Problematik des Opfers und wird dann später an die Täter denken und diese als Problem wahrnehmen. Bei Einbruchdiebstählen sieht man ja häufig auch nicht einfach bloß die Opfer, sondern macht sich ebenfalls Gedanken über die Täterschaft und sieht diese als ein Problem.

Frauen als Opfer werden marginalisiert

Der Teaser bzw. der Vorspann des Artikels lautet wie folgt:

Frauen werden in der Öffentlichkeit sexualisiert und als Opfer marginalisiert. Der Fall Weinstein zeigt, wie die Sprache frauenfeindliche Strukturen in unserer Gesellschaft verfestigt.

Dass Frauen als Opfer marginalisiert werden, ist m.E. absurd. Wenn jemand in unserer Gesellschaft, wenn es um das Geschlecht geht, Opfer ist, dann sind es die Frauen. Ich empfehle Julian Dörr einmal Medienanalysen zu betreiben oder einmal zu schauen, wie häufig Gewalt gegen Frauen oder sexuelle Gewalt gegen Frauen in den Medien thematisiert wird. Nur bereits Google gibt Aufschluss in diesem Zusammenhang: Die Phrase „Gewalt gegen Frauen“ ergibt bei Google 512.000 Suchergebnisse und die Phrase „Gewalt gegen Männer“ erbringt 114.000 Treffer.  Aber: Frauen sind bei Julian Dörr bereits zu Beginn nur Opfer von Umständen: sexualisiert, marginalisiert und mit frauenfeindlichen Strukturen bedacht.

Sprache und sexuelle Gewalt

J.D. schreibt:

Es mag vielleicht unpassend klingen, aber wir müssen über Sprache reden. Ja, vielleicht gibt es sogar gerade kein wichtigeres Thema als Sprache.

Klar, bei den gegenwärtigen Journalisten und Kulturwissenschaftlern ist quasi Sprache das Allerheilmittel für alle gesellschaftlichen Probleme: wenn sich die Sprache ändert, dann ändert sich zwangsläufig auch die Welt und mit ihr alle Probleme, die sich dann quasi in Luft auflösen.

J.D. schreibt:

Der Fall Weinstein hat eine Debatte losgetreten, eine Debatte über den gesellschaftlichen Umgang mit sexueller Gewalt, über Strukturen und Systeme, in denen Frauen ausgenutzt, diskriminiert und missbraucht werden. Diese misogyne Kultur ist das Ergebnis von ungleicher Machtverteilung, von gewachsenen Abhängigkeiten. Sie ist aber auch und vor allem eine Folge dessen, wie wir als Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgehen.

Gut, gegen Frauen wird, wie auch gegen Männer, Gewalt ausgeübt, aber bei Julian Dörr ist dies natürlich gerade noch mit den Attributen wie ausgenutzt, diskriminiert und missbraucht verbunden. Bei Gewalt gegen Männer wird dies vermutlich völlig anders sein: da spielt dann Machtverteilung und gewachsene Abhängigkeiten absolut keine Rolle: nur Frauen sind ohnmächtig, werden ausgenutzt, diskriminiert und missbraucht.

Also Kriminalität, hier Gewalt gegen Frauen, ist eine misogyne Kultur. Dann muss folglich Gewalt gegen Männer, die, wie wir weiter oben gesehen haben, noch viel verbreiteter ist, mit einer extrem misandrischen Kultur zu tun haben. Und klar: Wie jede Kriminalität mit Macht und Abhängigkeit zu tun hat, man denke nur an Diebstahl, Veruntreuung, Unterschlagung etc. (Ironie off), ist Gewalt gegen Frauen das ultimative Machtverbrechen. Das wird zwar nicht begründet, weshalb dem so sein soll, sondern einfach mal als Tatsache hingestellt.

Wenn es folglich um Gewalt gegen Männer geht, dann wird dies Julian Dörr vermutlich nicht in den Rahmen von Diskriminierung, Ausnutzung und Missbrauch stellen, sondern, gendersensibel korrekt unter toxischer Männlichkeit, Patriarchat und antiquierten männlichen Rollenbildern subsumieren.

J.D. schreibt:

Die Art und Weise wie wir sprechen, prägt unsere Sichtweise auf die Welt, die Muster, in denen wir denken und wahrnehmen. Sprache schafft – Phrase, aber trotzdem wahr – Bilder im Kopf, sie liefert einen Rahmen, in dem wir reflektieren und unsere Meinungen entwickeln. Ein „Flüchtender“ ist immer auf der Flucht, nirgendwo zu Hause. Ein „Geflüchteter“ ist geflohen und dann irgendwo angekommen. Hinter diesen Begriffen steckt eine Weltsicht, eine Wahrnehmung und Interpretation der Realität, die letztendlich in einer politischen Haltung resultiert. Wer immer und immer wieder vom „Flüchtlingsstrom“ hört, der wird bald selbst das Gefühl haben, überschwemmt zu werden. Sprache schafft gesellschaftliche Realität. So ist es auch im Fall Weinstein.

Ich würde es mal so sagen: Die Art und Weise wie wir sprechen, kann unsere Sichtweise etc. prägen. Weil sonst müssten ja quasi alle, die dieselben Medien konsumieren, das Gleiche denken. Wir wissen jedoch aus der Medienwirkungsforschung, dass Medien bloß einen moderaten Einfluss auf die Menschen haben. Es spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle, ob Medien überhaupt eine Wirkung haben. Ich könnte mir jedoch gut vorstellen, dass der Julian Dörr als Journalist Gefallen an einem solchen Mensch als Reiz-Reaktions-Maschine hätte, weil er sich dann vielleicht denkt: „Was habe ich doch für eine potentielle Macht auf meine Leser und Leserinnen?“ 🙂

Sex-Attacken – Sex-Täter – Sex-Skandal

J.D. schreibt:

Wie wir als Gesellschaft über sexuelle Gewalt reden, sei sie physisch oder psychisch, trägt einen gewichtigen Teil zu den frauenfeindlichen Strukturen in unserer Gesellschaft bei.

Der Autor spricht jetzt bereits zum zweiten Mal von frauenfeindlichen Strukturen, aber er hat bisher noch nicht erklärt, was er eigentlich genau darunter versteht. Gewalt gegen Frauen ist ein Gewaltdelikt, wie Gewalt gegen Männer desgleichen ein Gewaltdelikt ist, aber weshalb jetzt das eine frauenfeindlich sein soll und das andere nicht auch männerfeindlich, wird nicht erklärt bzw. begründet.

J.D. schreibt:

Man kann dem gerade sehr gut in der medialen Berichterstattung nachspüren. In vielen Texten, auch in der Süddeutschen Zeitung, war und ist die Rede von einem „Sex-Skandal“. Weinstein selbst wird als „Sex-Täter“ beschrieben, seine Übergriffe als „Sex-Attacken“. Diese Sexualisierung und Boulevardisierung von Gewalt ist ein Problem. Dadurch, dass sie in die Sphäre der Sexualität gezogen wird, erhält sie eine animalische, urtriebhafte Komponente.

Gut, es wäre zu prüfen, welche und wie viele Zeitungen von „Sex-Skandal“ geschrieben haben und wie viele beispielsweise von „sexueller Gewalt“ oder ähnlichem geschrieben haben. Aber es dürfte klar sein, dass die Boulevardmedien eher, aufgrund der Auflagensteigerung, den Begriff Sex-Skandal benutzen werden und die sogenannt seriösen Zeitungen eher eine nüchterne Beschreibung bevorzugen. Bloß hat dies m.E. nichts damit zu tun, dass man die Gewaltkomponente ausklammern möchte, sondern weil eben Sex-Skandal besser für die Auflage ist. Und die animalischen, urtiebhaften Komponenten, die als Konnotationen mitschwingen sollen, scheinen mir eine vollständige subjektive Spekulation des Autors zu sein.

J.D. schreibt:

Anstatt mit der harten Realität von Missbrauch zu konfrontieren, zieht einen der Begriff „Sex-Skandal“ in den Kosmos der seichten Unterhaltung, des Voyeurismus. Allein die Assoziationen, die das Wort „Sex-Skandal“ auslöst: Da triefen die Körperflüssigkeiten, das klingt nach Rotlicht, nach Zwielicht, nach Begierde und Verlangen, nach Triebbefriedigung, nach einem natürlichen Bedürfnis, das gestillt wird. Als ob es hier um einen Mann ginge, der sich nun einmal einfach schlecht im Griff hätte. Der einer Sucht nachgeben würde. Was „Sex-Skandal“ nicht heißt: Gewalt. Weinstein sei jetzt in einer „Sex-Reha-Klinik“, schreibt die Bild-Zeitung. Ihren Text betitelt sie mit der Überschrift: „Wird Hollywood jetzt keusch?“ Als wäre die Abwesenheit von sexueller Gewalt gleich Keuschheit.

Diese dämliche Frage untermauert die klischeebeladene und sexistische Narration von der lockeren, liberalen Filmstadt, in der junge, hübsche Frauen nur alten, reichen Männern gefallen müssen, um in der sozialen Hierarchie aufsteigen zu können. Am Ende geht es nicht mehr um Gewalt, sondern um Sex, der meist einvernehmlich und manchmal eben – der bedauernswerte Sonderfall – nicht einvernehmlich ist. Aber Sexismus hat nichts mit Sex zu tun.

Bloß stellt sich hier die Frage, ob es überhaupt Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt in den Medien, wenn z.B. Männer Opfer von sexueller Gewalt sind. Es könnte sich hier nämlich einfach um ein Phänomen der Boulevardisierung handeln, das auch bei anderen Gewaltdelikten oder Deliktarten so gehandhabt wird. Erst der Vergleich der Darstellungen zwischen verschiedenen Gewaltarten und Geschlechterkonstellationen in den Medien würde es ermöglichen, festzustellen, ob hier überhaupt ein Fall von Sexismus vorliegt oder nicht und folglich Frauen, wenn sie Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, anders dargestellt werden als Männer in den Medien.

Die alten Rollenmuster sind die Ursache

J.T. schreibt:

Sexismus, das ist der Triumph alter Rollenmuster über den Fortschritt. Rollenmuster vom starken und schwachen Geschlecht. Vom sexuell aktiven Mann, der die sexuell passive Frau erst überwältigen muss. Was zu einem weiteren Problem mit der Art und Weise führt, wie wir über sexuelle Gewalt sprechen. Es geht dabei um die Opferrolle und das kleine, aber sehr bedeutende Wörtchen „gegen“.

Auch das scheint mir nun eine sehr eigenwillige und subjektive Interpretation bzw. Spekulation der Medienberichterstattung über den Fall Harvey Weinstein zu sein, ohne überhaupt die Medienberichterstattung vollständig analysiert zu haben und wirklich genau hinzuschauen, ob dieses Narrativ bzw. Frame vom starken und schwachen Geschlecht tatsächlich so in den Medien verbreitet wurde oder nicht oder ob der Autor nicht wiederum einen Strohmann aufbaut, den man dann wieder bekämpfen kann, obwohl überhaupt nicht mehr viel vorhanden ist.

Sexuelle Gewalt als Deus ex Machina

J.D. schreibt:

Wenn wir von sexueller Gewalt gegen Frauen reden, dann lässt die Formulierung diese Gewalt wie einen Deus ex Machina erscheinen, der aus dem Nichts auftaucht und wie ein böses Schicksal über die Frauen hereinbricht. Die Formulierung „Gewalt gegen Frauen“ macht sexuelle Übergriffe und Diskriminierung zu einem Frauenproblem. Ein Problem, das Männer nichts angeht und aus dem sie sich besser raus halten. Das ist falsch. Denn sexuelle Gewalt ist sehr wohl ein Männerproblem. Weil Gewalt gegen Frauen meist Gewalt von Männern ist. Weil überhaupt Gewalt meist von Männern ausgeht. Nicht nur gegen Frauen. Auch gegen andere Männer, gegen Kinder, gegen sich selbst.

Wie bereits weiter oben dargetan: Sexuelle Gewalt gegen Frauen wird doch seit einigen Jahren in den Medien breit thematisiert und sicherlich nicht allein in Form einer Boulevardisierung.  Und wer von sexueller Gewalt gegen Frauen spricht, sieht sicherlich nicht nur die Opferseite, sondern wird sicherlich desgleichen die Täterseite einbeziehen. Wer ab und zu eine Qualitätszeitung liest oder sonst entsprechende Medien konsumiert, hat sicherlich nicht nur dieses Narrativ einer Deus ex Machina im Kopf.

Es ist sicherlich richtig, dass ein grosser Teil der Gewalt im Hellfeld (beim Dunkelfeld müsste man dann genauer hinschauen) von Männern ausgeht. Aber der Autor tut hier so, wie das quasi eine Einzigartigkeit in der Kriminalität wäre, das ist es jedoch keinesfalls. Es gibt keine Straftat, bei der Männer nicht mindestens 70% der Täter im Hellfeld ausmachen. Erst wenn wir das Dunkelfeld miteinbeziehen, werden Gewaltdelikte von Frauen ebenfalls vermehrt sichtbar wie beispielsweise die Häusliche Gewalt.

Gewalt gegen Frauen fängt im Mann selbst an

J.D. schreibt:

„Gewalt gegen Frauen“ kann erst dort beginnen zu beschreiben, wo die Gewalt schon passiert ist. „Gewalt von Männern“ hingegen hat die Chance, ihre Entstehung und ihre Auslöser zu ergründen. Denn Gewalt gegen Frauen fängt im Mann selbst an. Sie ist das Resultat eines überkommenen Verständnisses von Männlichkeit. Eine gesellschaftliche Sozialisation, die Männer lehrt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Und die Gewalt als wichtigen und zentralen Teil des Mannseins akzeptiert. Gewalt gegen andere, in der ehrenhaften Kneipenschlägerei, im Krieg. Und gegen sich selbst, im männlichen Ideal des Mutes, sich selbst in gefährliche Situationen zu begeben.

Die Formulierung „Gewalt gegen Frauen fängt im Mann selbst an“, ist m.E. ein bisschen paradox. Weil der Mann wird ja offenbar, gemäss dem Autor, durch Sozialisation zu dem gemacht, was er ist. Und Sozialisation heisst ja, wenn wir Klaus Hurrelmann zitieren, ein

Prozess, durch den in wechselseitiger Interdependenz zwischen der biopsychischen Grundstruktur individueller Akteure und ihrer sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsdispositionen entstehen.

Wenn wir jedoch eine Interdependenz, m.E. wäre der Begriff Reziprozität fast besser, zwischen Individuum und Umwelt annehmen, dann ist es so, dass diese Umwelt ja nicht bloß aus Männern besteht, sondern außerdem aus Frauen. Von daher macht es dann auch wenig Sinn, die größere Kriminalitäts- und Gewaltbelastung durch Männer einfach den Männern als Hausaufgabe zu überlassen und die Frauen, gleichsam als Unbeteiligte, fein säuberlich außen vor zu lassen. Auch Frauen interagieren mit Jungen und Männern (insbesondere als Mutter und dann in der Grundschule als Lehrerin etc.), auch Frauen schaffen gesellschaftliche Strukturen, indem sie politisch partizipieren und somit mitverantwortlich sind für gesellschaftliche Strukturen, die wiederum auf den männlichen Habitus zurückwirken. Wenn man nicht nur das einzelne Individuum für seine Straftat verantwortlich oder haftbar machen will und sich viele Männer fragen sollen, was habe ich als Mann damit zu tun, wenn Männer vermehrt sexuelle Gewalt ausüben, dann ist es nur konsequent, wenn desgleichen die Frauen miteinbezogen werden, zumal auch sie einen maßgeblichen Anteil an der männlichen Sozialisation haben.

J.D. schreibt:

Die britische Schauspielerin Emma Thompson gab der BBC in der vergangenen Woche ein Interview von beeindruckender Klarheit. Darin beschreibt sie ein System der Belästigung, der Herabwürdigung und der Schikane. Ein System, für das Harvey Weinstein steht, das aber nicht bei ihm aufhört und nicht bei ihm begonnen hat. „Worüber wir reden müssen“, sagt Thompson, „ist die Krise der Männlichkeit, die Krise dieser extremen Männlichkeit“.

Es ist bloß eigenartig, dass Emma Thompson und viele andere Hollywood-Grössen im Schlepptau des Weinberg-Skandals jetzt plötzlich alle ein System der Belästigung, der Herabwürdigung und Schikane erblicken wollen und vorher offenbar nicht viel davon mitbekommen haben. Aber gut: Der Mensch ist vielfach ein Opportunist! Und leider sagt diese Rede von der Krise der Männlichkeit oder der Krise der extremen Männlichkeit überhaupt nichts aus, wenn nicht gesagt wird, was überhaupt damit gemeint ist. Es sind Schlagwörter bzw. Phrasen, die mit Inhalt gefüllt werden müssten.

J.D. schreibt:

Die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft über sexuelle Gewalt gesprochen wird, entlässt Männer aus der Verantwortung. Weil sich die Debatte immer wieder auf die Opferrolle der Frau fixiert. Das sorgt dafür, dass sich frauenfeindliche Strukturen in den Köpfen und in der Welt erhalten. Und dafür, dass wir hier immer noch über Frauen reden. Und nicht über Männer.

In unserer Gesellschaft wird quasi jede Straftat individualisiert (individuelles Schuldprinzip, Psychologisierung, Pathologisierung und Psychiatrisierung des Täters) und zwar durch den gesamten Apparat des Rechtssystems, das mit einem individualisierten Blick den Straftäter betrachtet. Der Soziologe und Kriminologe Fritz Sack, der ein Vertreter der Kritischen Kriminologie ist, sagte einmal: „Jede Gesellschaft hat ihre Verbrecher, die sie verdient.“ Damit wollte er natürlich sagen, dass auch die Gesellschaft ihren Anteil an Verantwortung an der Kriminalität besitzt, die sie hat.

Fazit

Eines fällt doch auf: Der Autor hat Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer, sei dies nun bei sexueller Gewalt oder bei sexueller Belästigung  oder bei sämtlichen Gewaltdelikten nicht auf dem Radar. Dass Frauen, insbesondere im privaten Bereich (Häusliche Gewalt, Kindesmisshandlungen, sexuelle Gewalt gegen Kinder, Gewalt gegen hilfsbedürftige alte Menschen etc.), erheblich Gewalt ausüben, aber auch gerade bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz oftmals Täterinnen sind (eine Studie aus Schweiz kommt auf ca. 40% Frauen als Täterinnen), scheint außerhalb seines Horizonts zu sein. Dass Männer erheblich häufiger Opfer von Gewaltdelikten als Frauen sind, fällt ihm offenbar kaum auf und dass Männer als Opfer von Gewalt in den Medien viel weniger präsent sind als Frauen, noch viel weniger.

Und: Die vermehrte Kriminalitätsbelastung von Männern kann sicherlich nicht einfach auf einen Faktor zurückgeführt werden: Bis heute weiß die Kriminologie nicht, welche Faktoren wirklich entscheidend dafür sind. Und ein Julian Dörr, der Männer mehrheitlich nur als Täter sieht, der Gewalt gegen Männer von Männern und Frauen mehrheitlich negiert, ist sicherlich nicht die geeignete Person dafür, Ratschläge zu erteilen.

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26 Comments

  • Am häufigsten ist Gewalt von Frauen gegen Frauen zu beobachten. Das was man allgemein als Zickenkrieg bezeichnet ist oftmals eine Gewalthandlung einer oder mehrerer Frauen gegen Frauen. Die Gewalt mag nicht körperlich sein, aber doch schmerzhaft bis vernichtend und gleichzusetzen mit körperlicher Gewalt.
    Warum kommt das bei J.D. nicht zur Sprache? Weil Zickenkrieg unter Männern extrem selten ist (zumindest unter Heteros).

    • Unter Männern heißt das „Konkurrenzkampf“ und ist weit akzeptierter als unter Frauen, was schon das Wort „Zickenkrieg“ deutlich macht.

      Im übrigen finde ich es falsch, den Gewaltbegriff auf jedwede feindselige Äußerung oder Handlung auszudehnen, durch die sich jemand angegriffen oder verletzt fühlt oder fühlen könnte. Damit entfallen wichtige Differenzierungen, was für die Diskussion (und auch für die als Beleg gern zitierten Statistiken) alles andere als förderlich ist.

  • „Julian Dörr, ein Journalist von der Süddeutschen Zeitung, der sich vermutlich als Feminist bezeichnen würde,…“

    „vermutlich“?

    Der werte Herr Dörr war kürzlich Hauptautor des „brandaktuellen“ Themenschwerpunkts der SZ „Mann in der Krise“ (wahlweise auch Männlichkeit in der Krise“). Diese Krisen-Hypothese kann man durchaus als ein Dogma in der SZ-Berichterstattung bzw. Realitätswahrnehmung bezeichnen.

    Dörrs Argumente für dieses Dogma waren damals leicht durchschaubar als Ansammlung von alternativen Fakten, Denkfehlern und Hetzpropaganda, das ist diesmal nicht viel anders.

    Aufgrund seiner gestörten Realitätswahrnehmung IST Herr Dörr als Feminist zu bezeichnen, ob er das selber auch tut, ist egal, und dementsprechend würde ich auch seine aktuellen und künftigen Artikel einordnen.

    • “ Ansammlung von alternativen Fakten, Denkfehlern und Hetzpropaganda“
      Und das ist noch ziemlich höflich verklausuliert! Ich sehe da eine dermaßen massierte Konzentration von Unsinn, daß die ausführliche Widerlegung wahrscheinlich den Umfang des Artikels um etwa das 5 – 10-fache übersteigen würde, zumal eine ganze Menge der Fehler Deppenfehler sind, man sie also auch für Dummies erklären müßte.

      V.dh. habe ich auch mit dem Post von Mark ( sorry, @ Mark ) nach ca. der Hälfte aufgehört, weil mir einfach zu viele Ergänzungen dazu einfielen, welche auch nur den ersten Eindruck grob abdeckten.
      Grundpauschale ist ja, daß angebl. die Sprache das Denken formt und nicht umgekehrt. Tatsächlich ist es i.d.R. aber logischerweise genau anders herum. Zumindest im und bezogen auf den unmittelbaren Alltag und das persönliche Erleben der Menschen. Oder umgekehrt formuliert: Sprache beeinflusst das Denken nur da, wo der direkte, unmittelbare Bezug fehlt und auch dann meist nur relativ kurzfristig.
      Gerade einem MS-Medien-Schreiberling sollte das wenigstens halbwegs bewußt sein – sonst hätte er doch lieber Rhabarberknicker werden sollen.

  • „Warum ist Gewalt gegen Männer kaum ein Thema [in den meisten Medien]“

    Ich würde diese Frage eher als Teil einer umfassenden Frage ansehen: Liefern unsere Medien eine adäquate Diagnose des Problembereichs Gewalt (häusliche, sexualisierte, wie auch immer), und führt diese Diagnose des Problembereichs Gewalt zu wirksamen Therapien?

    Die so positionierte Frage vermeidet vor allem ein Aufrechnen von Unrecht, z.B. der dergestalt, daß man sexualisierte und nicht sexualisierte Gewalt in einem Topf wirft (auch wenn beides zugleich vorliegen kann).

    Medien wie die SZ stellen den Problembereich Gewalt stark feministisch verzerrt und übertrieben dar, das war schoin in 2013 die Erkenntnis nach monatelangen Diskussionen anläßlich der Aufschrei-Kampagne, angefangen bei den Fake-Statistiken zum #Aufschrei. Schon damals wurde die Methode angewandt und dann durchschaut, durch Ausweitung des Begriffs Sexismus das Problem künstlich zu vergrößern und jedes Türaufhalten zu skandalisieren.

    Bei der aktuellen metoo-Kampagne dürfte das vermutlich genauso zutreffen. 500.000 Tweets hört sich erst einmal viel an, wenn man Dubletten und Müll aussortiert, bleibt nur ein Bruchteil übrig, und in Relation zu weit über 100 Mio potentiell betroffenen (hier Frauen im englischen Sprachraum) bewegen wir uns im Promillebereich. D.h. wir haben da ein Problem, aber der Stellenwert ist im Vergleich zu anderen Problemen (u.a. Flüchtlinge, Gewalt gegen Männer, …) eher mittelmäßig.

    Daß Gewalt gegen Männer so gut wie nicht thematisiert wird, ist ebenfalls eine krasse mediale Falschdarstellung der Verhältnisse.

    Die Therapien auf Basis dieser Fehldiagnosen, z.B. ein immer schärfer gegen Männer gerichtetes Sexualstrafrecht, Frauenquoten usw., produzieren vor allem Kollateralschäden im allgemeinen Rechtsbewußtsein und Widerstand.

    Wenn man den Verlauf seit 2013 rekapituliert, dann hat die ganze Hetze gegen Männer den Frauen offensichtlich nichts gebracht (siehe metoo), dagegen die Glaubwürdigkeit der Presse weiter unterminiert und der AfD und Co. Wahlkampfmunition geliefert. Das ganze war nach meiner Einschätzung ein gigantischer Rohrkrepierer. Das hindert die feministischen Drahtzieher kurioserweise nicht, den ganzen Film noch einmal von vorne abzuspulen. Die feministischen Dirigentinnen unserer Polit-Talkshows schreiben bestimmt schon an den Drehbüchern ihrer nächsten Sendungen. Einfacher wäre es, die Shows von 2013 einfach noch mal senden.

    • @mitm

      Die ganze Aufrechnerei fängt doch in dem Augenblick an, indem Männer quasi in Sippenhaftung genommen werden für jedes Delikt, das ein Mann verübt und man die Frauen fein säuberlich draußen lässt, da sie überhaupt nix damit zu tun haben sollen. Entweder belässt man es beim individuellen Schuldprinzip, also Kollektivschuld und Sippenhaftung wird abgelehnt oder dann macht man es konsequent und dann sind die Frauen ein Teil der Gesellschaft, die einen Teil zur Sozialisation ihrer Mitglieder beitragen. Und dann müssen Frauen auch von männlichen Opfer und weiblichen Täterinnen immer wieder sprechen. Wer jedoch sehr selektiv vorgeht, muss sich nicht wundern, wenn dann bei den Männern Abwehr kommt, weil auf der anderen Seite, bei den Frauen, m.E. die genau gleichen Abwehrmechanismen vorhanden sind.
      Außerdem bin ich der Ansicht, dass diese Kampagnen gegen sexuelle Gewalt an Frauen bzw. sexueller Belästigung an Frauen mit viel größeren politischen Ambitionen verknüpft sind. Man sieht es sehr gut, wie plötzlich noch nicht erfüllte feministische Träume wie umfassende Quoten, Gender Pay Gap, Gläserne Decke etc. miteinbezogen werden und man quasi sagt, alles hängt mit allem zusammen und erst, wenn Männer den Löffel vollständig abgegeben haben, wird dies auch Auswirkungen auf die sexuelle Gewalt gegen Frauen haben, also die sexuelle Gewalt gegen Frauen abnehmen.

      • „alles hängt mit allem zusammen“. Tut es ja auch, nur ist das im speziellen Kontext meist völlig Pille-Palle.
        Man sieht es daran, daß Dörr mal eben von Weinstein unvermittelt zu „Sprache als Waffe“ hüft, ohne das sinnvoll zu verknüpfen. Er setzt einfach voraus, daß das durch den ganzen Zerbel um diese Themen schon irgendwie gegeben ist und alle das „verstehen“ werden.
        Und tatsächlich kommt kaum wer auf die sehr naheligende Frage, ob andere Begrifflichkeiten Weinstein auch nur im geringsten zu einem besseren Menschen gemacht hätten ( außer er und seine PR-Berater selbst, die haben scheinbar versucht, genau da einzuhaken ).

      • „Entweder belässt man es beim individuellen Schuldprinzip, also Kollektivschuld und Sippenhaftung wird abgelehnt oder dann macht man es konsequent und dann sind die Frauen ein Teil der Gesellschaft, die einen Teil zur Sozialisation ihrer Mitglieder beitragen.“

        Dass beides gleichzeitig versucht wird – dass also Schuld INDIVIDUELL und gleichzeitig ANHAND EINER GRUPPENZUGEHÖRIGKEIT zugewiesen wird – das ist auch schon eine Erklärung für mitms Frage, ob „unsere Medien eine adäquate Diagnose des Problembereichs Gewalt“ liefern.

        Ein Zauberwort ist dabei m.E. das der „Struktur“.

        Im Zusammenhang von Kampagnen wie „me too“ spielt natürlich die Rede von „struktureller Gewalt“ oder von „Gewaltstrukturen“ oft eine Rolle. Tatsächlich werden soziale Strukturen dabei jedoch weitgehend ignoriert – mit Ausnahme der beständig wiederholten Feststellung, dass alle möglichen Machtpositionen von Männern besetzt seien.

        Eine strukturelle Analyse des Weinstein-Falles könnte zum Beispiel bei den ökonomischen Strukturen des Schauspielerberufs anfangen. Die Unterschiede zwischen Erfolg und Misserfolg sind gigantisch – wer erfolgreich ist, wird zum Multimillionär, wer es nicht ist, kann von seinem Beruf nicht leben – und wer mäßig erfolgreich ist, kommt bei irgendeinem lokalen Theater unter, bei dem die Arbeitszeiten hoch und die Bezahlung schlecht sind.

        Der Anteil der Erfolgreichen wiederum ist gigantisch gering.

        Das bedeutet wiederum: Jemand, der an Schlüsselpositionen sitzt, an denen er Erfolg und Misserfolg von Schauspielern maßgeblich beeinflussen kann – so jemand hat eine ungeheuer starke Machtposition. Die wiederum hat er niemals nur gegenüber einem einzelnen Menschen, sondern auch gegenüber anderen Akteuren, die möglicherweise eingreifen könnten.

        Dass er eine solche Machtposition ausnutzt – dass er also für den durchaus beträchtlichen Wert, den er ggfs. zu bieten hat, eine willkürliche Gegenleistung verlangt – dass er dabei übergriffig wird, weil er weiß, es geht für den anderen Menschen um existenzielle Fragen, so das ihm die ruhige Distanz schwerfällt – das alles ist angesichts dieser ökonomischen Strukturen schlicht zu erwarten. Was es natürlich nicht legitim macht.

        Das wäre ein sehr basaler Ansatzpunkt für eine strukturelle Analyse. Zu einer solchen Analyse kommen Leute wie Dörr gar nicht, die rituell über „frauenfeindliche Strukturen in unserer Gesellschaft“ reden. Dort gehört zu einer strukturellen Analyse überhaupt keine Auseinandersetzung mit widersprüchlichen sozialen Realitäten. Im Gegenteil: Der Begriff „Struktur“ ist nur ein beschönigendes Wort für eigene, immer schon feststehende und nicht zu hinterfragende Muster zur INTERPRETATION sozialer Wirklichkeit.

        „Wir wollen alle möglichen empirischen Daten so interpretieren, dass darin eine strukturelle Gewalt von Männern gegen Frauen sichtbar werde“ – das ist das, was hier als „Struktur“ bezeichnet wird. Das ist sehr praktisch, weil es irgendwie immer stimmt und man sich mit der störenden sozialen Wirklichkeit gar nicht mehr auseinandersetzen muss.

        Oder, einfach formuliert: Männer sind mächtig und verantwortlich, Frauen sind ohnmächtig und können nichts dafür – das ist eigentlich alles, was eine strukturelle Analyse dieser Art zu bieten hat.

        Natürlich hat das aber mit realen Analysen gar nichts mehr zu tun.

        • @Lucas: „.. so jemand hat eine ungeheuer starke Machtposition.“

          Das ist ein weiteres gutes Beispiel, wo der Problembereich Gewalt feministisch verzerrt und übertrieben dargestellt wird. Die Verhältnisse in diesem Millionengewerbe sind sehr speziell, betroffen ist eine statistisch völlig irrelevante Gruppe von vielleicht 100 Karreriedamen. Von diesen Fällen kann man eben nicht auf 100 Mio Frauen in den USA extrapolieren, genau dieser Fehlschluß ist der wörtliche Anspruch von „me too“.

          Wenn z.B. scharenweise Abteilungsleiter ihre Lehrlinge belästigen, wären das vielleicht abstrakt ebenfalls Belästigungen und beides wären nach dem gleichen Paragraphen strafbare Handlungen, die Randbedingungen, Strafverfolgungs- und Präventionsmöglichkeiten sind aber wesentlich anders als in Lala Land und die Zahl der Fälle ggf. – was aber zuerst herauszufinden ist – um Größenordnungen höher. D.h. hier haben wir ggf. ein tatsächliches soziales Problem, in Hollywood keines.

          „Zu einer solchen Analyse kommen Leute wie Dörr gar nicht, die rituell über ‚frauenfeindliche Strukturen in unserer Gesellschaft‘ reden.“

          So ist es. Die spannende Frage ist, ob er einfach nur unqualifiziert ist oder ob er gar nicht objektiv esin will. Man muß hier immer wieder auf das feministische Definitionsmacht-Konzept (hier speziell in der kollektiven Begriffsvariante, auch wenn ein Mann da nichts zu suchen hat) hinweisen, die eine wissenschaftliche, vorurteilsfreie Diagnose bzw. Faktenermittlung prinzipiell ablehnt.

          D.h. medial und politisch geht es nicht um die Klärung von Sachfragen, sondern um Machtpositionen in den Medien, in denen die Akteure ihre Interpretationen oder Phantasien einem möglichst breiten Publikum aufdrängen können. Dabei ist Herr Dörr mMn, dessen Text vielleicht 10 – 100.000 Leser hat, noch weniger gefährlich als Feminstinnen, die im Fernsehen auftreten können und Reichweiten im Millionenbereich haben. Als Beispiel habe ich gerade zur Hand:

          ….

        • [Fortsezung]

          Interview mit Teresa Bücker, Chefredakteurin „EDITION F“

          Aktuelle Stunde | 18.10.2017 | 03:08 Min.

          Teresa Bücker spricht mit Asli Sevindim über das Thema sexuelle Gewalt.

          http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/aktuelle-stunde/video-interview-mit-teresa-buecker-chefredakteurin-edition-f-100.html

          Transkript ab ca. 1’30:

          Bücker: …. an der metoo-Kampagne sieht man jetzt ja gerade auch sehr deutlich, es ist wirklich schwierig, Frauen zu finden, die noch keine sexuelle Belästigung erlebt haben. Sevindim: …. wir hatten den Aufschrei, wieviele Hashtags brauchen wir denn noch, damit zum einem die Überraschung mal zuende ist, die viele empfinden, aber vor allem damit diese Behandlung ein Ende hat, damit die Gewalt zuende ist?

          Transkript ab ca. 2’20: Bücker: Wir sind noch kein Stück vorangekommen. Bei Aufschrei wurden exakt die gleichen Themen diskutiert, geändert hat sich das Verhalten der Männer aber nicht.

          Sevindim: Wie kann sich das Verhalten der Männer ändern?

          Bücker: Ich denke, daß der Diskurs unter Männern bislang fehlt. Also Frauen sprechen sehr viel darüber, Männer aber nicht. Die einzigen, die dieses Verhalten beenden können, sind ja nun einmal die Männer. Die Frauen können noch und nöcher darüber sprechen, aber solange die Täter, die vergewaltigen oder die Frauen sexuell belästigen, nicht damit aufhören, wird sich ja nichts ändern, und ich würde sagen, es liegt jetzt tatsächlich auch oder zu großen Teilen in den Händen der Männer sich zu fragen, was mache ich vielleicht falsch oder was kann ich als Mann dagegen tun.

          Sevindim: Teresa Bücker, Chefredakteurin der online-Redaktion der „EDITION F“. Vielen Dank für dieses Gespräch.

          Das strotzt nur so vor Desinformation und Hetze gegen Männer, da spielt eine Feministin der anderen die Bälle zu:

          Frau Sevindim macht aus sexueller Belästigung [sexualisierte] Gewalt.

          Frau Bücker schließt messerscharf, weil sich auf den metoo-Aufruf (oder bei ihren Treffen mit Frauen in ihrer Filterblase) keine Frauen gefunden, die noch keine sexuelle Belästigung erlebt haben, daß es keine solchen Frauen gibt, also alle Frauen sexuelle Belästigungen erleben. Leider waren die Frauen, die sich nicht sexuell belästigt fühlen, beim metoo-Aufruf gar nicht eingeladen.

          Frau Bücker beklagt das das nicht geänderte Verhalten der [aller] Männer, Frau Sevindim plappert das munter als Nachfrage nach, und Bücker geht bruchlos von „den Männern“ über zu „Täter, die vergewaltigen oder die Frauen sexuell belästigen“, ist so oder so das gleiche, uns stellt abschließend noch mal klar, daß „die Männer“ etwas falsch machen und nicht tun, obwohl sie eigentlich etwas tun könnten (eine geschickt versteckte implizite Behauptung, Kompliment!).

          In einem Punkt hat Bücker unfreiwillig recht: Wir sind noch kein Stück vorangekommen. Beim Aufschrei wurden exakt die gleichen Themen diskutiert … und zwar genauso manipulativ und verlogen wie auch jetzt wieder.

          Solange die feministische Ideologie eine so erdrückende Übermacht in den Mainstream-Medien hat, wird es dort keine inhaltliche Diskussion geben.

          • @mitm:
            „Wir sind noch kein Stück vorangekommen. Beim Aufschrei wurden exakt die gleichen Themen diskutiert“
            Und das ist keine wirkliche Anklage, sondern ein eindeutiges und hocherfolgreiches Geschäftsprinzip. Zumindest wenn man voraussetzt, daß Bücker nicht völlig hirnbefreit ist.
            Umformuliert:
            „Da wir Gewalt niemals abschaffen können, im Endeffekt sogar zu mehr Gewalt aufrufen, wird der Rubel ewig rollen“.
            Oder, wie Antje Schrupp es sagte:
            “ … Wir kriegen den Hals nicht voll…“ ( wörtlich! )

        • Ich will mal so sagen:
          Wer sich auf Strukturanalysen bezieht, oder gar selbst welche vornehmen will, kann lautererweise nicht den größten Teil der strukturellen Faktoren ausblenden. Also Komplementärstruktur und ( Einbettung in die ) Gesamtstruktur.
          Hier wären das die ebenso sicher zu erwartende Bereitschaft alles zu geben, um den Fuß in die Tür zu kriegen ( lieber mal selbst initiativ zwei Stunden den Fettsack ertragen, als die „Reallifeshow ‚Waitress at the Gasstation'“ zur dauerhaften Zukunftsperspektive zu machen ) – und das soziale Gesamtsystem Filmindustrie.
          Letzteres wird als bunt schillernder Nebel in den Grinterhund geworfen, ohne wirkliche Aussage dazu, z.B. wie üblich die entsprechende Prostitution ( in welchen Bandbreiten ) zum Zwecke des Pöstchenschachers sein mag, welche praktischerweise in der Kampagne komplett unter den Teppich gekehrt wird.
          Das Mittel dazu ist auch schnell identifiziert: Victim-Blaming, is ja klar.
          Wer anzweifelt, daß Weinstein ( schon ) immer der Initiator war, spricht den armen Hupfdohlen ja das Opferabo ab und das kann sich auch keiner der stinkreichen Stars so richtig leisten. Sonst steht er ganz flott direkt neben Weinstein mit am Pranger.
          Die Möglichkeit, daß Weinstein vielleicht sogar erst durch Übernahme und Gewohnheitsbildung ( simple Adaption ) zu dem angebl. Monster wurde, wird so, mittels moralischer, aber auch ganz direkt ökonomischer, juristischer und gesellschaftlicher Erpressung, radikal platt gemacht.
          Ein gruseliges Bedrohungsszenario, wenn man bedenkt, daß es als genau das Gegenteil, also „Frauenbefreiung“, verkauft wird.

          In einem Wort: Neoviktorianismus! Und zwar der übelsten Kajüte.

          Man macht prinzipiell recht exakt das, was man damit als „unbedingt auszurotten“ zur Schau stellen will.

          Als alter Holist ( Greetings to Dirk Gently ) gehe ich davon aus, daß auch in dem speziellen Fall alle drei wesentlichen Einflussgrößen eng und recht komplex verfilzt sind und lehne es ab sie von außen näher zu gewichten, solange die Restdaten gezielt verschwiegen werden.

  • Man wird ohnehin dabei zusehen können, wie sich die feministische Szene die Chancen die sie durch eine so emotional geführte Debatte kurz- und mittelfristig hat in Rekordgeschwindigkeit selbst zunichte macht. Denn jedesmal wenn sie die Emotionen für eine kurze Zeitspanne auf ihrer Seite haben fühlen sie sich dadurch zu einem Ausmaß an Radikalität angereizt, durch welches sie sehr schnell wieder jede Menge Sympathie verlieren. Und zwar bei beiden Geschlechtern. Und wenn das passiert ist, werden sie den Grund für den Sympathieverlust wieder darauf schieben, dass die Leute einfach nicht verstehen was Feminismus eigentlich ist. Und verlieren auf die Weise noch mehr Sympathie.
    Man sollte von dem Rückenwind, den sie jetzt wahrscheinlich für wenige Wochen haben werden nicht täuschen lassen. Denn letztlich zeigt die aktuelle Debatte wie stark sie von Emotionen abhängig sind. Und inzwischen hat man ja nun schon oft genug erlebt, wie schnell Emotionen umschwingen können. Und da irgendwelche Ereignisse, die den Feminismus eher schlecht aussehen lassen oft genug passieren werden sie die Emotionen wahrscheinlich noch in diesem Jahr wieder gegen sich haben.
    Das Einzige was eigentlich noch fehlt, ist ein Ereignis, dass den Feminismus schlecht aussehen lässt und dabei ein Ausmaß an Aufmerksamkeit bekommt, wie der Fall Weinstein. Und bei dem was im Namen des Feminismus überall an Schaden angerichtet wird, ist ein solches Ereignis nur eine Frage der Zeit. Es kann theoretisch jederzeit passieren.

  • J.D. beschreibt seine Tätersicht. Er ist Täter, indem er die alltägliche Gewalt nach dem üblichen Gemeinplatz: Frauen sind Madonnen, Männer sind Schweine, aufteilt. Hierdurch offenbart sein Selbstverständnis als Täter und seine Missachtung gegenüber den Opfern weiblicher Gewalt. Diese Opfer sind vielfach Kinder, Buben und Mädchen; es sind Partner, Männer und Frauen; es sind Arbeitskollegen: bei sexualisierter Gewalt überwiegend Männer, bei Mobbing ebenso oft auch Frauen. Diese Gewalt zu ignorieren, sie nicht zu benennen ist genau das Sprachversagen, das J.D. anprangert. Zumal J.D. wie Sie bereits bemerkten ein omnipotentes Sprachverständnis hegt, das zudem noch ein politisch korrektes ist. Denn ein Flüchtling ist erst dann kein Flüchtling mehr, wenn er in seine Heimat zurückkehrt; andernfalls ist er ein Einwanderer oder Vertriebener.

    Ich überspanne auch den Täterbegriff nicht, wenn ich einen denunzierenden Schreiber als Täter bezeichne. Denn wer Männer für die Taten eines Weinsteins pauschal verantwortlich macht, bezichtigt Männer erbsündiger Täterschaft. Ja, es ist beinahe ein religiöses Verständnis aus einer gnostischen Welt, die hier den Hintergrund männerfeindlicher und frauenanschleimender Polemik formt. Und ja, die gegenwärtige Empörung ist wie auf englisch so schön ausgedrückt: Moral panic, oder zu deutsch scheinheiliges Geschnatter. Denn mit 140 Zeichen kann ich nicht viel mehr sagen als: Auch ich bin ein Opfer … Nur hört man dabei nur den Weibern zu, wenn sie klagen; die Kerle beißen die Zähne zusammen und schweigen besser, wenn sie nicht als beschämte Weicheier dastehen wollen. – Und ja, gerade dabei tuen sich die Kerle am ehesten hervor, andere Männer zu bezichtigen. Es sind Täter. Täter wie J.D., die bei einer Schlägerei aus der zweiten Reihe auf die Opfer am Boden eintreten.

    • „Die Sprache ist mitschuldig“ titelt der Berner Bund.
      Vernebelt wird so, dass sich Männer wie Frauen der Sprache bedienen, als systemisches Geschehen.
      “ Endlich über Männer reden“ lese ich als Forderung. Super! Aber nicht über, sondern mit Männern reden,sie ernst nehmen in ihren vielfältigen Anliegen.
      In der Schweiz gibts zwar eine Kommission für Frauenfragen, doch bereits das Wort „Männerfragen“ wird verschämt vermieden, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.Eine gesellschaftliche Prägung, die Gewalt als „zentralen Teil des Mannes“ akzeptiert? Als Schweizer unterstehe ich der Wehrpflicht, die uns Männern von einer Mehrheit der Bürger -Innen per Stimmzettel aufgezwungen wird. Männergewalt – ganz legal. Da wären wir Männer dann wieder gut oder blöd genug dafür?
      Ach, Sexismen und Ideologien haben doch immer ihre schwarzen Löcher.
      Schwamm drüber?
      Beharren wir doch schlicht auf Redlichkeit.

  • Übrigens, @Mark:
    Zahlenspielereien, wie das Hinzuziehen von Kriminalstatistiken, halte ich für komplett sinnlos, wenn es um soziologische o. soziopsychologische Phänomene geht, oder um Dinge die damit eng korrelieren.
    Da können höchstens Metastudien, die ganz andere Grundlagen haben, als Hinweisgeber Sinn machen, bspw. das Durchackern von riesigen Stapeln von Fallakten aus Therapiepraxen. Oft kommen da völlig andere Ergebnise bei heraus, bspw., daß es keinen ernsthaften Grund zur Annahme gibt, daß Frauen signifikant weniger kriminell wären, als Männer. Trotzdem sind über 90% aller Knastinsassen Männer.

    • Moin Fiete!
      Ich würde unterscheiden: Im Hellfeld macht die PKS sicherlich Sinn, wenn man weiss, was sie eigentlich überhaupt aussagt und was nicht.
      Thomas Fischer hat sich ja mal in einem eher witzigen Artikel darüber ausgelassen:
      Einmal mehr wurde die jährliche „Kriminalstatistik“ der Polizei vorgestellt. Nur wenige verstehen sie, umso mehr machen Politik damit. Das ist bedenklich.

      http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-05/polizei-kriminalstatistik-aufklaerungsquote-aussagekraft

      Beim Dunkelfeld würde ich Dir Recht geben, dass hier natürlich Meta-Analysen wirklich am besten sind. Aber die gibt es eben vielfach nicht unbedingt in Deutschland und erst recht nicht zu gewissen Delikten. Meist muss man auf US-amerikanische Studien und Meta-Analysen zurückgreifen, wo man sich dann immerhin fragen kann, wie repräsentativ diese für Deutschland sind.

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