Feindbild Mann Sexismus

Die Sexismus-Debatte verhindert Gewalt nicht (sondern fördert sie)

geschrieben von: Lucas Schoppe

Fünf Thesen zu einer intensiven, aber verkorksten Diskussion

„Fast schwindlig“ könne es ihm werden, hat Mark Smith hier gerade geschrieben: „Im Stundentakt wird  man mit dem fast immer gleichen Thema im Schlepptau der Harvey Weinstein-Debatte konfrontiert: Sexismus gegen Frauen, Sexuelle Belästigung gegen Frauen oder sexuelle Gewalt gegen Frauen.“ In fünf Thesen versuche ich hier zu begründen, warum diese Debatte Gewalt eher befördert als behindert.

 

1. Wer Frauen und Männer gegeneinander ausspielt, betreibt Täterschutz

Einmal vorausgesetzt, die Vorwürfe gegen ihn stimmen: Um Menschen wie Harvey Weinstein Grenzen zu setzen, braucht es Frauen UND Männer.

Wer stattdessen Männer pauschal in die Verantwortung für Weinstein nimmt, betreibt Täterschutz und verschleiert das Problem. Täterschaft von Frauen nämlich wird damit geleugnet oder heruntergespielt, männliche Erfahrungen von Grenzverletzungen werden ignoriert – und männliche Täter können ihre eigene Verantwortung in einer diffusen Schuldzuweisung an eine generalisierte Männlichkeit auflösen.

Anstatt Solidarität von Frauen und Männern gegen ein gewaltsames Verhalten zu pflegen und zu erweitern, wird eben gerade diese wichtige Solidarität gezielt untergraben. „Der moderne Feminismus braucht sein Feindbild dringender als Verbündete,“ schreibt Christian Schmidt.

Fairerweise möchte ich darauf hinweisen, dass nicht allein Feministinnen, sondern auch konservative Politiker Männer gern erziehen wollen. Wer den TZ-Artikel liest, erfährt allerdings, dass es der CSU nicht um Männer generell, sondern um Migranten geht. Offenbar erschien das der TZ als politisch unkorrekt – während die Erziehung von Männern in einer Überschrift irgendwie ganz okay ist.

Auch statistisch gibt es für ein allgemeines Verdammen einer angeblich „toxischen Männlichkeit“ keinen guten Grund. Zwar wird kriminalstatistisch eine deutliche Mehrzahl der Gewaltdelikte von Männern begangen – dafür allerdings ist zum weit überwiegenden Teil einer sehr kleine Gruppe von Intensivtätern verantwortlich.  Im häuslichen Bereich sind Männer ebenso wie Frauen Opfer und Täter.

Im öffentlichen Bereich wiederum agieren Männer generell offensiver als Frauen, im Positiven wie im Negativen. Die enorm aufopferungsvolle freiwillige Hilfe angesichts des Hurrikans Harvey wurde zum Beispiel weit überwiegend von Männern geleistet. Wer nur die Teile der Realität wahrnimmt, die in das eigene Konzept passen, könnte Männer also ebenso gut als das sozialere, stärker altruistische Geschlecht wahrnehmen, nicht als das gewalttätigere.

 

2. Die Debatte missbraucht die Rede von „politischen Strukturen“

Als wäre es selbstverständlich, wird Weinsteins Verhalten wieder und wieder auf „frauenfeindliche Strukturen in unserer Gesellschaft“ zurückgeführt. Das ist eine diffuse, verkürzte und verfälschende Redeweise.

Ein paar Google-Resultate zu aktuellen Spiegel-Artikeln. Frauen sind sozialer, Männer müssen sich ändern, Männer dürfen nicht mehr schweigen – und irgendwie ist die Suizidgefährdung dazwischengeraten…

Eine strukturelle Analyse des Weinstein-Falles nämlich könnte zum Beispiel bei den ökonomischen Strukturen des Schauspielerberufs anfangen. Die Unterschiede zwischen Erfolg und Misserfolg sind gigantisch: Wer erfolgreich ist, wird zum Multimillionär, wer es nicht ist, kann von seinem Beruf nicht leben – und wer mäßig erfolgreich ist, kommt bei irgendeinem lokalen Theater unter, bei dem die Arbeitszeiten hoch und die Bezahlung schlecht sind.

Der Anteil der Erfolgreichen wiederum ist gigantisch gering.

Das bedeutet wiederum: Jemand, der in Schlüsselpositionen agiert, in denen er Erfolg und Misserfolg von Schauspielern maßgeblich beeinflussen kann – der hat eine ungeheuer starke Machtposition. Die wiederum hat er niemals nur gegenüber einem einzelnen Menschen, sondern auch gegenüber anderen Akteuren, die möglicherweise eingreifen könnten. Männer UND Frauen haben Grund, auf Vorteile zu spekulieren, wenn sie sich mit einem Menschen in dieser Position gut arrangieren – und Nachteile zu befürchten, wenn sie mit ihm in Konflikt geraten.

Dass er eine solche Machtposition ausnutzt – dass er also für den durchaus beträchtlichen Wert, den er ja zu bieten hat, eine willkürliche Gegenleistung verlangt – dass er dabei übergriffig wird, weil er weiß, wie sehr es  für den anderen Menschen um existenzielle Fragen geht, so dass ihm die ruhige Distanz kaum möglich ist – das alles ist angesichts dieser ökonomischen Strukturen schlicht zu erwarten. Was übrigens das Verhalten nicht legitimiert, sondern nur umso schlimmer macht.

Das wäre ein sehr basaler Ansatzpunkt für eine strukturelle Analyse. Auch in der neuesten Sexismus-Debatte gehört zu einer strukturellen Analyse aber überhaupt keine Auseinandersetzung mit widersprüchlichen sozialen Realitäten. Hier wird der Begriff „Struktur“ lediglich in dem Sinn verwendet, dass Männer irgendwie ganz allgemein Macht über Frauen hätten, und Gewalterfarungen von Frauen werden als Belege dafür angeführt. Wenn Männer dann aber ihrerseits auf ähnliche Erfahrungen verwiesen, kann ihnen entgegengehalten werden, dass diese Erfahrungen keineswegs vergleichbar wären, weil sie schließlich keine Machtstrukturen ausrücken würden.

Das bedeutet: Diese Rede von Strukturen dreht sich, fern der empirischen Wirklichkeit, um sich selbst. Tatsächlich geht es niemals um die Analyse von Herrschaftsstrukturen, sondern um die Aufrechterhaltung klischeehafter Beschreibungen von Frauen und Männern.

 

3. Die Debatte verwischt gezielt den Unterschied zwischen Gewalt und Unannehmlichkeiten

In der Debatte werden gezielt die Unterschiede zwischen ganz verschiedenen Formen von Belästigung verwischt. Für Elsa Köster im Neuen Deutschland sind ganz unterschiedliche Beispiele von sexueller Gewalt über Zudringlichkeiten bis hin zu blöden Witzen

Ausdruck einer Kultur, die darauf beruht, Frauenkörper als Instrument zur Befriedigung (männlicher) sexueller Bedürfnisse anzusehen.“

Das ist innerhalb einer Logik, die männliche Machtstruktuiren immer schon als omnipräsent voraussetzt, ganz folgerichtig: Schließlich sind dann ganz unterschiedliche Verhaltensweisen Ausdruck desselben Übels, von der Vergewaltigung bis hin zum misslungenen Kompliment.

So konnte sich dann gerade die Staatssekretärin Sawsan Chebli als Opfer eine sexistischen Attacke präsentieren, weil ein 74-jähriger Herr sie öffentlich als „jung“ und „hübsch“ bezeichnet hatte. Sofort brachte Anna Sauerbrey im Tagesspiegel diese Situation mit den Vorwürfen gegen Weinstein in Verbindung und redete von einem „lebenslangen Krieg gegen unsere Körper“. 

Auch diese gezielt undifferenzierte Redeweise verhindert die Analyse von sozialen Situationen eher, als dass sie diese erleichtern würde. Tatsächlich war Chebli zu der Tagung, auf der sich der für sie so schokierende Vorfall ereignete, offenbar zu spät gekommen und hatte sich dann noch dazu auf eine falschen Platz gesetzt, so das der betagte Begrüßungsredner sie übersah.

Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön.“ 

Es ist sehr gut möglich, dass er hier Cheblis Fehler einfach nur auf etwas altbackene Weise galant durch ein Kompliment überspielen wollte. Rücksichtslos und machtfixiert war dann eher Cheblis Verhalten,  den alten Mann öffentlich als sexuell übergriffig bloßzustellen, nur weil sie die zivile Absicht seines Verhaltens nicht verstand.

Wer jedenfalls solch ein Verhalten von einer Vergewaltigung bestenfalls graduell unterscheidet, aber prinzipiell beides gleichsetzt – der nimmt damit dem Vorwurf der Vergewaltigung zugleich die  ungeheure Schärfe, die er für viele Menschen hat. Auch hier wird Solidarität mit realen Opfern zerstört, um Vorstellungen einer allgemeinen toxischen Männlichkeit aufrecht erhalten zu können.

Frauen in Leitungspositionen jedenfalls hat Chebli ganz gewiss geschadet. Wenn die Staatssekretärin schon durch die Bezeichnung als „jung“ und „schön“ ganz außer Fassung gerät und nach eigenen Angaben „unter Schock“ steht, und wenn sie diese Wahrnehmung nicht als persönliches Problem wahrnimmt, sondern als „Sexismus“ allgemein auf Frauen projiziert – dann redet sie damit genauso daher wie ein reaktionärer Frauenfeind, der Frauen die nervliche Eignung für die Wahrnehmung von Leitungspositionen abspricht.

 

4. Die Debatte verwischt gezielt den Unterschied zwischen sexueller Belästigung und Sexismus

Die Debatte verwischt gezielt den Unterschied zwischen sexueller Belästigung und Sexismus – und behindert damit in beiden Fällen eine sinnvolle Auseinandersetzung. Sexismus muss schließlich nicht direkt mit Sexualität zu tun haben – es ist die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit.

Solche Benachteiligungen festzustellen muss aber das Ergebnis einer Analyse sozialer Strukturen sein – es hat keinen Sinn, sie immer schon bei jeder Analyse als gegeben vorauszusetzen. Wenn beispielsweise Frauen in Aufsichtsräten oder Männer in Grundschulen im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung weit unterrepräsentiert sind, dann ist das für sich genommen noch kein Beleg für frauen- oder männerfeindliche Strukturen. Um diese zu belegen, müssten systematische Ausgrenzungen nachgewiesen – und nicht nur angenommen – werden.

Im Familienrecht beispielsweise lassen sich solche Ausgrenzungen sehr leicht nachweisen. Die weiterhin bestehende Benachteiligung von Vätern gegenüber Müttern im Recht auf Kindessorge ist ganz zweifellos eine sexistische Struktur des deutschen Gesetzes.

Hass auf Männer wird mittlerweile ganz selbstverständlich in der Rubrik „Unterhaltung“ eingeordnet.

Es ist durchaus absurd, dass insbesondere die SPD an solchen menschen- und grundrechtswidrigen Strukturen erbittert festgehalten hat, die Sozialdemokratin Chebli aber eine Sexismus-Debatte loszutreten versucht, weil sie als „jung“ und „hübsch“ bezeichnet wurde. Von realem Sexismus wird damit abgelenkt – und auch die Auseinandersetzung mit sexueller Belästigung wird erschwert, weil sie als bloßes Instrument zur Steuerung von Debatten verwendet wird.

 

5. Wer die Definition von Gewalt allein der Empfindung von Opfern überlässt, kaschiert viele Gewalttaten

Frauen sollten reden, Männer sollten nachdenken: So fasst die österreichische feministische Zeitung Die Standard zusammen, was nun in der Debatte nötig sei.  Dass Frauen unbedingt geglaubt werden müsse, ist zu einer feministischen Standard-Behauptung geworden.

Es hat aber keinen Sinn, die Rede über sexuelle Belästigungen und Gewalt ganz denen zu überlassen, die sich als Opfer empfinden. Es ist zur Steuerung des Verhaltens nötig, gemeinsame Maßstäbe dafür zu haben, was zu weit geht und was nicht. Wer agiert, braucht eigene Maßstäbe dafür, was legitim ist und was nicht – und kann dabei nicht beständig auf das subjektive Empfinden anderer verwiesen werden.

Schließlich kann auch erst mit Hilfe solcher Maßstäbe überhaupt festgelegt werden, wer Opfer ist und wer nicht.

Ohne das Klischee des gewalttätigen Mannes wäre der Fall Kachelmann – der eigentlich ein „Fall Staatsanwaltschaft Mannheim“ ist – nicht möglich gewesen. Der Panorama-Bericht dazu ist sehr empfehlenswert.

Wer stattdessen darauf beharrt, dass der Wahrnehmung des Opfers unbedingt und immer geglaubt werden müsse, der muss auch immer schon vor jeder Diskussion und Auseinandersetzung festgelegt haben, wer als Opfer gelten kann und wer nicht. Die wesentliche Entscheidung, die den ganzen Diskurs steuert, wird so dem Diskurs selbst entzogen – und das Opfer, ganz nach alter Sitte, wird gleichsam sakralisiert.

An realen Herrschaftsstrukturen geht das völlig vorbei. Zu denen kann es ja gerade gehören, das diejenigen, die besonders gravierend zum Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse werden, gar keine Sprache und keine Wahrnehmung für diese Erfahrung haben. Es war daher beispielsweise ein wesentliches Anliegen der Arbeiterbewegungen, Menschen überhaupt erst einmal ein Bewusstsein der eigenen Benachteiligungen zu schaffen.

Gerade Menschen, die in besonders krasser Weise zum Opfer von Gewalt werden, haben oft Schwierigkeiten, sich überhaupt als Opfer wahrzunehmen. In der Analyse autoritärer Pädagogik gehört es zur Standardbeobachtung, dass Kindern in sehr autoritären Strukturen nicht nur Gewalt angetan, sondern auch die angemessene Wahrnehmung von Gewalt ausgetrieben werde. „Mir haben Schläge auch nicht geschadet.“

Wer also die Beurteilung von Gewalt ganz der subjektiven Wahrnehmung der tatsächlichen oder angeblichen Opfer überlassen möchte, und wer auf gemeinsame Maßstäbe verzichtet – der wird damit vermutlich eben die Menschen ganz zum Schweigen bringen, die besonders schwerwiegende Opfererfahrungen gemacht haben.

Tatsächlich geht es auch hier schlicht um gruppenbezogene Zuweisungen von Schuld und Unschuld, Macht und Ohnmacht – auch hier um den Preis, Gewalt eher zu befördern, als sie zu behindern.

 

Schluss: Warum gerade die GUTEN Gewalt manchmal fördern und ihre Aufdeckung behindern

Als ehemaligen Anhänger und Wähler der Grünen haben mich die Enthüllungen über die systematische sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen im direkten Umfeld und durch Mitglieder der Partei stark beschäftigt und schockiert. Es waren übrigens fast ausschließlich Jungen, denen hier Gewalt angetan wurde. Nach Auskunft des Berichts der Berliner Grünen haben Feministinnen der Partei, gemeinsam mit Pädophilen-Vertretern, eine frühe offene Debatte darüber verhindert: Sie befürchteten, es würde die Aufmerksamkeit von Mädchen ablenken, wenn Jungen als Opfer in den Blick gerieten.

Die strikte Unterordnung der Individuen unter Gruppenzugehörigkeiten – die moralisierenden Zuschreibungen an diese Gruppen, ihre strikte Unterteilung in Opfer und Täter, Ohnmächtige und Mächtige – all das hatte schon vor Jahrzehnten bei den Grünen einen verselbstständigten, um sich selbst kreisenden Diskurs genährt.

Sowohl die Fähigkeit als auch die Bereitschaft, simple, schockierende und schreckliche Tatsachen zumindest zur Kenntnis zu nehmen, verschwand darin ebenso wie die Bereitschaft, hilflose Menschen vor Gewalt zu beschützen.

Es ist ein Denken, das Gewalt befördert, nicht behindert. Eben dieses Denken prägt weithin auch die gegenwärtige Debatte.

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15 Comments

  • Danke für die Zusammenfassung dieses Themenkomplexes. Ich stimme zumindest den ersten vier Thesen vollständig zu. Und doch glaube ich, sind diese Einwände, so wohlbegründet sie sein mögen, irrelevant. Weil, wage ich zu behaupten, die Triebfeder für das Einnehmen der hinlänglich bekannten Positionen im öffentlichen Diskurs, nicht der Opferschutz an sich ist, sondern das Erreichen und Sichern von Machtpositionen.

    Meine Befürchtung ist, wir haben es mit einem Muster zu tun, dass ich bereits aus der ehemaligen DDR kenne: Es geht darum einen möglichst weiten Raum zu schaffen, in dem Verhalten straffbar ist. Es geht aber nicht darum, dieses Verhalten tatsächlich in jedem Fall zu bestrafen, sondern nur darum, die Möglichkeit zu haben, dieses Verhalten bestrafen zu können. Denn wenn – ich übertreibe jetzt absichtlich schamlos, aber nur um die Systematik deutlich zu machen – jedes Luftholen ungesetzlich ist, liegt es in der Macht eines jeden mit Zugang zur Exekutive oder Judikative, einen missliebigen Mitmenschen vor Gericht zu zerren und verurteilen zu lassen. In diese Richtung passt auch, dass die Skandalisierung nicht symmetrisch ist. Ein Skandal gibt es nur, wenn der Täter männlich und das Opfer weiblich ist. Das passt gut in das erwähnte „unsichtbar oder unwahrnehmbar machen“.

    In der Endstufe gibt es dann eine Gruppe, aus der jeder Vertreter jederzeit angeklagt werden kann, der sich unbotmässig gegenüber den Positionen der Herrschenden exponiert hat. Solange dieses System besteht, sind die Herrschenden (in all ihren Verästelungen des Funktionärsapparats) nicht mehr angreifbar.

    Mir ist bewusst, dass ich die vorliegenden Informationen und beobachteten Verhaltensweisen durch die Brille meiner Erfahrungen mit Willkür sehe und ordne und ich hoffe inständig, mich zu irren. Die Möglichkeit, die bislang geschaffene Situation in dem beschriebenen Sinne zu nutzen, besteht aber unabhängig von meinen Wahrnehmungsfiltern.

    • @Werlauer Teil 1

      Nein, du irrst dich m.E. nicht.

      Althusser hat ein zentrale Erkenntnis formuliert: Es obliegt jeder Herrschaftsideologie die Aufgabe, sich beständig zu erneuern.

      Bestimmte Aspekte einer auf der Biologie oder irreversiblen biologischen Merkmalen basierenden Form von Herrschaft haben sich durch den Kolonialismus und Faschismus/Nationalsozialismus diskreditiert.

      Es wäre völlig unmöglich, eine schwarze oder braune Hautfarbe zur Diskreditierung einer Gruppe von Menschen zu verwenden oder sie zu mit bestimmten Eigenschaften zu labeln bzw. Ressentiments gegen diese zu formulieren.
      Ist jedoch gesetzt, dass *weiße* Hautfarbe Kennzeichen von Herrschaft ist – ob dies für ALLE Weißen zutrifft oder nicht – gilt das, was wir sonst als rassistisches Argument kritisieren würden als „Herrschaftskritik“.

      D.h. was hier passiert ist auf den ersten Blick ein „reverser Rassismus“, ein Rassismus, der sich nur spiegelbildlich des gleichen Arguments bedient.
      Aber durch die Bedienung des identischen Arguments, nur um 180 Grad gedreht, erhält die identisch rassistische Argumentation im Kontext der Theorie einer „white supremacy“ die verlorene Legitimität zurück.

      Indem gesetzt wird, „Herrschaft“ verdanke sich biologischen Merkmalen wie der Hautfarbe (was in Deutschland mit 90+ Prozent Menschen mit weißer Hautfarbe albern ist), wird zugleich das identische Argument rehabilitiert, das von Kolonialisten und Faschisten verwendet worden ist.

      *Rassismus* erfährt so eine Rehabilitation und Legitimation in *modernisierter* Form.

      Erweitert wird dieses Argument durch den Kontext „white supremacy“, indem verschwörungstheoretisch die Absicht formuliert wird, die implizite Absicht aller Menschen mit dem biologischen Merkmal einer weißen Hautfarbe (in die man hineingeboren wird) sei die Errichtung bzw. Aufrechterhaltung einer Herrschaft der Weißen.
      Erkennbar ist hier, die identische Verschwörungstheorie ist am Werk, wenn es um „männliche Herrschaft“ geht, bzw. um „jüdische Weltherrschaft“ oder die Herrschaft der Echsen (lizards).

      In jedem dieser Fälle wird das *Kollektiv* der Weißen, Männer, Juden und Echsen beschworen – diese Kollektive sind austauschbar.
      Die modernisierte Form einer Verschwörungstheorie ist, eine Verschwörungstheorie zu modernisieren, die sich in der Geschichte als mörderisch oder idiotisch oder beides erwiesen hat.

      Es ist leicht zu erkennen, diese Gruppen sind an sich beliebig austauschbar in ihrer FUNKTION als „Sündenbock“, die dahinter liegende Idee ist also vielmehr, die Idee eines „Sündenbocks“ zu modernisieren.

      Es geht also nicht um einen beliebig „missliebigen Mitmenschen“, sondern um die Plausibilität deiner Abneigung gegen diesen „missliebigen Mitmenschen“ und die Rechtfertigung für deinen Bestrafungswusch gegenüber dem „missliebigen Mitmenschen“.

      Er muss deshalb a. durch sichtbare (biologische) Merkmale identifizierbar sein, b. diese sichtbaren (biologische) Merkmale müssen sein menschliches Wesen bestimmen und c. aus diesem Grund muss er die ihm zugedachte Strafe auch VERDIENEN.
      Was wiederum deinen Impuls, ihn *gerechtfertigt* zu bestrafen in (d)eine individuelle Handlung umsetzt.

      Die Idee einer *Kollektivschuld* aller Neger, Juden und Männer beruht demnach auf der Konstruktion eines biologischen Determinismus, der sie *als* Gruppen konstruiert und ihre Kontrolle rechtfertigt auf der Basis der ihnen untergeschobenen Konstruktion.
      Die Kontrolle als und durch das Kollektiv besteht jedoch darin, sie *als Kollektiv* konstruiert zu haben.

      Es ging nie um die Konstruktion eines individuellen „Sündenbocks“, sondern immer um die Konstruktion einer Gruppe.

      • Es geht also nicht um einen beliebig „missliebigen Mitmenschen“, sondern um die Plausibilität deiner Abneigung gegen diesen „missliebigen Mitmenschen“ und die Rechtfertigung für deinen Bestrafungswusch gegenüber dem „missliebigen Mitmenschen“.

        Missliebige Mitmenschen gibt es für jeden und immer. Es sind die, die mein Wertesystem nicht nur nicht teilen, sondern selbst eines haben (oder vermutlich haben), dass in signifikantem Mass im Widerspruch zu meinem steht. Natürlich folgt daraus nicht direkt ein Bestrafungswunsch. Es folgt aber direkt daraus der Wunsch, die Wirkung des fremden (falschen) Wertesystems auf mich und meine Umwelt zu begrenzen. Durch den Wunsch nach Einhegung entsteht m.E. automatisch der Wunsch nach Saktionsmöglichkeiten. So gesehen ist „Missliebigkeit“ und „Bestrafungswunsch“ in meinen Augen äquivalent.

        Ich stimme Dir zu, dass es sich nicht um beliebige Individuen handelt, sondern um diejenigen, die ich als Gefahr für mein Wertesystem wahrnehme.

        Er muss deshalb a. durch sichtbare (biologische) Merkmale identifizierbar sein, b. diese sichtbaren (biologische) Merkmale müssen sein menschliches Wesen bestimmen und c. aus diesem Grund muss er die ihm zugedachte Strafe auch VERDIENEN.
        Was wiederum deinen Impuls, ihn *gerechtfertigt* zu bestrafen in (d)eine individuelle Handlung umsetzt.

        Das ist eine mögliche Konstruktion von Kollektividentität. Es gibt auch andere: In der DDR war der „Klassenfeind“ kein Kollektiv und auch nicht per se sichtbar, sondern eine eigentlich nicht ausgebrochene Krankheit. So konnte aber jede missliebige Person als „Klassenfeind“ identifiziert werden und wurde dann, um den Rest der Bevölkerung zu schützen, aus der Gemeinschaft entfernt. Auf diese Strategie zielt m.E. das „Ich mag den Maurice und den Sven, aber ich hasse Männer als Gruppe“. Toxische Männlichkeit ist quasi der Herpesvirus, dessen Wirt sofort in Quarantäne muss, wenn der Virus sich bei ihm zeigt. Und nur eine gut ausgebildete, zuverlässige Funktionärskaste kann sichere Diagnosen stellen und so die Gesundheit der Gesellschaft erhalten. (Deshalb mehr Geld und mehr Befugnisse für die Richtigen!)

        Die Idee einer *Kollektivschuld* aller Neger, Juden und Männer beruht demnach auf der Konstruktion eines biologischen Determinismus, der sie *als* Gruppen konstruiert und ihre Kontrolle rechtfertigt auf der Basis der ihnen untergeschobenen Konstruktion.
        Die Kontrolle als und durch das Kollektiv besteht jedoch darin, sie *als Kollektiv* konstruiert zu haben.

        Da stimme ich zu. Ich würde dieses Muster als Machtmechanismus bezeichnen. Diese Mechanismen bestehen und werden von und gegen verschiedenste Gruppen angewandt. Und da zeigt sich, wie Lucas auch in meinen Augen treffend analysiert hat, dass es gar nicht um das Verständnis dieser Mechanismen geht, sondern nur um das ideologisierte Bewirtschaften der Empörung, um die eigene Machtposition zu festigen und auszubauen.

        • @Werlauer Teil 2

          Es ist schön, dass du mir eine solche Vorlage lieferst, meine Gedanken noch einmal zu erläutern:

          „Das ist eine mögliche Konstruktion von Kollektividentität. Es gibt auch andere: In der DDR war der „Klassenfeind“ kein Kollektiv und auch nicht per se sichtbar, sondern eine eigentlich nicht ausgebrochene Krankheit. So konnte aber jede missliebige Person als „Klassenfeind“ identifiziert werden und wurde dann, um den Rest der Bevölkerung zu schützen, aus der Gemeinschaft entfernt.“

          Der erste Gedanke ist, hier geht es zentral um den „Klassenfeind“ als konstruierte Kollektividentität.
          Und das hat auch etwas für sich.
          Er ist als (schöne Metapher) „eine eigentlich nicht ausgebrochene Krankheit“, also als eine *virulente* Bedrohung identifizierbar, er ist *durch* seine unmittelbare Abwesenheit anwesend und muss also ständig abgewehrt werden.

          Der Zaubertrick, der hier aufgeführt wird, lenkt die Aufmerksamkeit des Publikum ab, *indem* er die Aufmerksamkeit lenkt. Alle denken unwillkürlich, die „Macht“ besteht darin zu definieren, wer „Klassenfeind“ und demnach wer „Klassenfreund“ ist.

          Dieser Gedanke ist naheliegend und verlockend.
          Die eigentliche Macht besteht jedoch darin zu definieren, *was* eine Klasse in einer – per Definition – klassenlosen Gesellschaft ist.
          Wenn die entscheidenden Produktions- und Distributionsmittel vergesellschaftet worden sind, wie kann dann eine „Klasse“ fortbestehen, die an die Existenz des Eigentums an diesen gebunden ist?
          Im Grunde behauptet man durch diesen Kunstgriff das Fortbestehen einer Ideologie *ohne* materielle Basis für diese Ideologie (was Marx erstaunlich gefunden hätte). Was wiederum Auswirkungen auf den Klassenbegriff selber hat UND auf die Theorie.

          Das Kunststück besteht also darin, den Klassenbegriff so zu manipulieren und gleichzeitig zu verengen, dass ein Maximum an Personen entsteht, welche diesen Populismus unterstützten gegen die üblichen Verdächtigen (Intelligenz und Zwischenschichten) und „sonstige Missliebigen“.

          Der Populismus wird jedoch notwendig dann scheitern, wenn die mechanisch tätigen (Arbeiter und Bauern), auf die ich mich auf der Basis der eigenen, reduzierten *Konstruktion von Klasse* berufen kann, anfangen eine *Minderheit* in der Bevölkerung zu stellen.

          Wenn also meine eigene, verengte Konstruktion von „Klasse“ mir auf die eigenen Füße fällt, weil eine – auch nur Pseudo-demokratische – Kontrolle gar nicht mehr möglich ist.
          Das meinte ich mit: „Die Kontrolle als und durch das Kollektiv besteht jedoch darin, sie *als Kollektiv* konstruiert zu haben.“

          Es gibt keine Klasse „Mann“ – auch nicht mit den Merkmalen „alt, heterosexuell und weiß“.
          Der *Machtmechanismus* besteht darin zu behaupten, es GÄBE eine.

          • Der *Machtmechanismus* besteht darin zu behaupten, es GÄBE eine.

            Da stimme ich grundsätzlich zu. Allerdings empfinde ich die Verdichtung der Aussage als zu stark. Es ist ja nicht so, als hätte sich am Anfang jemand hingestellt und über den alten weissen Mann gewettert. Das wäre sofort abgeschmettert worden. Nein, erst musste eine Denkweise etabliert werden, die den eigenen Rassismus, Sexismus und die eigene Altersdiskriminierung rechtfertigt. Und dazu brauchte es erst die Formel Macht + Ablehnung aufgrund einer integralen (oft biologischen) Eigenschaft = Rassismus, denn erst dann war der Weg frei für Ablehnung aufgrund einer integralen (oft biologischen) Eigenschaft != Rassismus. Das Schaffen dieser Unsymmetrie ist essentiel für die Konstruktion des zu bekämpfenden Kollektivs. Nur so lassen sich die Methoden, die man im Schuldkollektiv kritisiert und als schändlich markiert, ungeniert und wie selbstverständlich im Kampf gegen das Schuldkollektiv nutzen.

            Was mir nur wichtig war, ist herauszustreichen, dass das Herausarbeiten der Widersprüche dieser ganzen Geschichte am Vorgehen und den Zielen der Funktionärinnen nichts ändern wird. Es kann nur der erste Schritt sein. Der nächste ist die medial wahrnehmbare Konfrontation mit den inneren Widersprüchen?

          • @Werlauer

            „Nein, erst musste eine Denkweise etabliert werden, die den eigenen Rassismus, Sexismus und die eigene Altersdiskriminierung rechtfertigt.“

            M.E. völlig richtig.

            „Und dazu brauchte es erst die Formel Macht + Ablehnung aufgrund einer integralen (oft biologischen) Eigenschaft = Rassismus, denn erst dann war der Weg frei für Ablehnung aufgrund einer integralen (oft biologischen) Eigenschaft != Rassismus. Das Schaffen dieser Unsymmetrie ist essentiel für die Konstruktion des zu bekämpfenden Kollektivs. Nur so lassen sich die Methoden, die man im Schuldkollektiv kritisiert und als schändlich markiert, ungeniert und wie selbstverständlich im Kampf gegen das Schuldkollektiv nutzen.“

            D.h. es ist eine MACHTfrage, diese Denkweise durchzusetzen und die reale Durchsetzung dieser Denkweise verdankt sich der real existierenden politischen MACHT des Feminismus.
            Die *Selbstdarstellung* des Feminismus als „kritisch“ gegenüber einer imaginierten und konstruierten „Männermacht“ – also die Selbstdarstellung als Opposition gegen die „männliche Herrschaft“ – sollte in dem Moment brüchig werden, wenn klar wird, das einzig gültige Narrativ im aktuellen Diskurs ist ein feministisches.

            Gäbe es die vorgestellte „männliche Herrschaft“ tatsächlich, wieso DOMINIERT dann medial ein feministischer Diskurs?!
            Stalinistisch gefragt: Wo ist der Gulag für Feministinnen, wo sind die Erschießungen? Wo sind die Massengräber für die verfolgten Feministinnen?
            Die heroische Pose, das feministische Pathos, auf welchen *tatsächlichen* Gefahren und existenziellen Bedrohungen reagiert dieser?
            Das ist alles eine richtig schlechte Bühnenshow, drittklassig.

            Lucas schrieb: „Die Debatte verwischt gezielt den Unterschied zwischen sexueller Belästigung und Sexismus – und behindert damit in beiden Fällen eine sinnvolle Auseinandersetzung.“
            Weil eine sinnvolle gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht kompatibel ist mit dem „Vorgehen und den Zielen der Funktionärinnen“ – ich glaube in diesem Punkt sind wir uns einig.

            Das feministische Dogma, wonach männliche, sexualisierte Gewalt *ursächlich* für die Unterdrückung von Frauen als MITTEL ist und *beabsichtigt*, *alle* Frauen gegenüber *allen* Männern in einen Zustand der Angst zu versetzen, ist zugleich ERKLÄRUNG, *wie* und *warum* männliche Unterdrückung=Herrschaft in diesem Narrativ funktioniert und ist normative SETZUNG.

            Die Setzung besteht daraus, dass verantwortliche männliche Individuum zu tilgen und ein KOLLEKTIV von Männern zu konstruieren, dem ich den Willen und MITTEL dieser Herrschaft (sexualisierte Gewalt) unterstelle, womit die individuelle Tat zu einer ERWARTBAREN Handlung des Kollektivs wird.
            Die Handlung des Individuums wird dadurch zu einem –
            selbstverständlich – unterstellten Ausdruck eines Kollektivwillens. Und *jeder* individuelle Fall exekutiert demnach diesen kollektiven WILLEN, der wiederum beweist, dass dieser Willen zur Herrschaft durch sexualisierte Gewalt existiert.

            Um so MEHR Fälle auftreten, desto eher sieht sich dieses feministische Weltbild bestätigt. Es gibt – und mich hat diese Erkenntnis zunächst umgehauen – KEINEN einzigen Grund, warum sich über jedes einzige Opfer freuen sollten, das vermieden werden kann.

            Diese feministische Ideologie BRAUCHT mehr Opfer zur Bestätigung der Ideologie. Sie verwischen die Grenzen zwischen sexueller Belästigung, sexueller Nötigung und Vergewaltigung *nicht* ohne Grund.
            Sie brauchen einfach Zahlen zur Rechtfertigung ihrer Theorie – das Einzelschicksal interessiert sie nicht. Warum das Einzelschicksal existiert, interessiert sie nicht. Wie es vermieden werden kann, interessiert sie nicht.

            Sie haben keinerlei Interesse daran die Fallzahlen zu senken, weil nur steigende Fallzahlen in ihrem Interesse sind – diese Clique an feministischen Funktionärinnen würden buchstäblich über Leichen gehen.

            Jeder Humanist und jede Humanistin sollte sich darüber klar werden, wie diese bürokratische Schicht „Staats-Feminismus“ tickt und *warum* sie so tickt.
            Sie verdanken ihre Existenz einer als Herrschaftsmittel durchgesetzten Ideologie und „Opfer“ sind nur Mittel zum Zweck, die Ideologie durchzusetzen.

            Jede Idee einer menschlichen Gesellschaft muss gegen diese bürokratische Schicht durchgesetzt werden.

  • „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön“

    Die Frage wäre natürlich, was denn die Alternative gewesen wäre, was der Gastgeber hätte sageb können.

    Da wäre etwa denkbar:
    „Frau Staatssekretärin, wenn sie schon zu spät kommen, wäre es ganz nett, sich zumindest kurz bei mir vorzustellen und nachzufragen, wo sie Platz nehmen sollten.“

    oder
    „wenn sie gleich Bescheid gesagt hätten, dass sie jetzt da sind, hätten wir nicht auf sie warten müssen und hätten pünktlich anfangen können.“

    oder einfach
    „sie sind aber spät dran.“

    Wäre alles womöglich näher an dem, was ein männlicher Staatssekretär in entsprechender Situation zu erwarten gehabt hätte, insofern vielleicht tatsächlich weniger „sexistisch“, aber ob Frau Chebli eine solche Entgegnung tatsächlich lieber gewesen wäre, wage ich mal zu bezweifeln.

  • Meine Befürchtung ist, wir haben es mit einem Muster zu tun, dass ich bereits aus der ehemaligen DDR kenne: Es geht darum einen möglichst weiten Raum zu schaffen, in dem Verhalten straffbar ist. Es geht aber nicht darum, dieses Verhalten tatsächlich in jedem Fall zu bestrafen, sondern nur darum, die Möglichkeit zu haben, dieses Verhalten bestrafen zu können. Denn wenn – ich übertreibe jetzt absichtlich schamlos, aber nur um die Systematik deutlich zu machen – jedes Luftholen ungesetzlich ist, liegt es in der Macht eines jeden mit Zugang zur Exekutive oder Judikative, einen missliebigen Mitmenschen vor Gericht zu zerren und verurteilen zu lassen. In diese Richtung passt auch, dass die Skandalisierung nicht symmetrisch ist. Ein Skandal gibt es nur, wenn der Täter männlich und das Opfer weiblich ist. Das passt gut in das erwähnte „unsichtbar oder unwahrnehmbar machen“.

    Sehr gut beschrieben. So etwas ging mir in letzter Zeit auch öfters durch den Kopf. Es ist eine Allzweckwaffe im Geschlechterkampf. Die Bekämpfung von sexueller Gewalt ist nur ein Vorwand. Es ist ein nicht zu unterschätzendes Machtmittel, das gar nicht unbedingt eingesetzt werden muss, um Wirkung zu zeigen, so wie ein Damoklesschwert, das ständig über deinem Kopf baumelt.

  • Mir ist zur Sache Weinstein noch ein anderer Gedanke gekommen: Interessant an diesem Fall ist ja der Punkt, dass Weinstein die aktuell im Feminismus dominierenden Strömungen in gewisser Weise bloßgestellt hat. Er gehörte ja zu ihren eifrigen Unterstützern. Und damit hat er im Endeffekt demonstriert, wie wenig das was im Feminismus in den letzten Jahren so getrieben wurde gegen Personen wie ihn nützt. Denn obwohl er sich ständig in feministische Kreisen und deren Diskursen bewegt hat, hat sich an seinem Verhalten nichts geändert. Stattdessen konnte er das alles zur eigenen Selbstinszenierung nutzen. Und die ganzen Feministinnen haben bei ihm offenbar keinerlei Anzeichen dafür erkannt, was für ein Mensch er in Wirklichkeit ist, obwohl man bei Frauenrechtlerinnen (und Frauenrechtlern) ja eigentlich erwarten müsste, dass sie dafür besonders stark sensibiliert sind.
    Von daher ist mein Gedanke: Der feministische Mainstream schreit aktuell deswegen so laut herum, damit der Fall Weinstein nicht stattdessen zu Diskussionen über die Sinnhaftigkeit aktueller feministische Diskurse führt. Denn für solche Diskussionen könnte sich dieser Fall kaum noch besser eignen. Es ist hier schließlich erkennbar, dass der aktuelle Feminismus weder einen Einfluss auf das Verhalten von Personen wie Weinstein hat, noch dazu führt dass Personen wie er schneller aufgespürrt werden. Aber zur Selbstinszenierung funktioniert er wunderbar.

    • „Der feministische Mainstream schreit aktuell deswegen so laut herum, damit der Fall Weinstein nicht stattdessen zu Diskussionen über die Sinnhaftigkeit aktueller feministische Diskurse führt. […] Es ist hier schließlich erkennbar, dass der aktuelle Feminismus weder einen Einfluss auf das Verhalten von Personen wie Weinstein hat, noch dazu führt dass Personen wie er schneller aufgespürrt werden. Aber zur Selbstinszenierung funktioniert er wunderbar.“

      Guter Punkt!

  • Warum gehen alle Männer nur noch in Verteidigungsstellung?
    Was ist mit dem alltäglichen medialen Sexismus der feminisierten Medien gegen die genitalisierten B-Menschen?
    Was würde passieren, wenn Frauen zum Spaß zwischen die Beine getreten und sich Kinder ab 6 Jahren schon darüber „amüsieren “ dürften ( „Voll auf die Nüsse“ ist ab 6 Jahre; “ Voll auf die Pflaume“ wäre wohl ab 106 Jahren).
    Die ganz alltägliche Doppelmoral nach dem Motto: So lange wir das nicht mit den Frauen machen , ist es in Ordnung, scheint fest in den Medien und unserer Gesellschaft verankert zu sein.
    Ich könnte zahllose Beispiele ( nicht nur aus dem Fernsehen ) nennen, die bei einer
    Umkehrung der Geschlechter einen neuen “ Frauendiskriminierungshöhepunkt“
    darstellen würden.
    Für mich stellt die Art und Weise, wie männliche Sexualität in den Medien dargestellt wird, inklusive Pornosprache, Gewaltverherrlichung und Verhöhnung
    eine permanente verstaatlichte sexuelle Belästigung dar.
    Es ist einer der Gründe, warum ich keinen Fernseher besitze.
    Sexistische Alltagssituationen, sei es sprachlich oder gar körperlich, haben sicher genug Männer erlebt ( gerade durch ihre „Genitalisierung“ mit Hilfe der Pornosprache ).
    Doch niemand fragt danach, weil das Recht auf Würde in der Sexualität anscheinend nur für Frauen gilt.
    So wird nach dem Prinzip verfahren: Wer keine Würde hat, dessen Würde kann auch nicht verletzt werden.
    Kehren wir bestimmte Dinge, die medial tagtäglich passieren und wegen ihrer Würde mit Frauen nie inszeniert werden dürften, einfach einmal um.
    Machen wir es nur für eine gleichberechtigte WAHRNEHMUNG von Sexismus gegen beide Geschlechter und gleichem Recht auf Würde. Nicht das Gleiche als Waffe, sondern zur Erkenntnisgewinnung und nur in Gedanken. ( T a t s ä c h l i c h lassen sich die meisten Unsäglichkeiten wegen der Würde der Frau sowieso nur mit Männern machen ).
    Die Umkehrung soll nur zur Entlarvung und nicht umgekehrten Hass dienen, der allerdings momentan durch die sexistische Einseitigkeit gegen Männer geschürt wird.
    Vielleicht sollten viele nach einem einfachen gleichberechtigten Sprichwort agieren: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem Andern zu.“
    Damit wäre nicht nur Männern und Frauen gleichermaßen gedient, sondern auch der wichtigen Verständigung der Geschlechter.

    • @Gunter:
      „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem Andern zu.“
      Weise Worte! In der Tat taucht der Spruch sinngemäß in allen möglichen Variationen immer wieder auf den Seiten der „Männerbewegten“ auf und kann fast als so ziemlich DAS zentrale Motto, resp. verbindende Element betrachtet werden, da er wie kaum ein anderer die Grundlagen der Gleichberechtigung in wenigen Worten zusammenfasst.

  • @Fiete
    30. Oktober 2017 um 20:35 Uhr
    @Gunter:
    `„Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem Andern zu.“
    Weise Worte! In der Tat taucht der Spruch sinngemäß in allen möglichen Variationen immer wieder auf den Seiten der „Männerbewegten“ auf und kann fast als so ziemlich DAS zentrale Motto, resp. verbindende Element betrachtet werden, da er wie kaum ein anderer die Grundlagen der Gleichberechtigung in wenigen Worten zusammenfasst.`

    Mit diesem einfachen gerechten Spruch kannst du Totschlag Argumente totschlagen, weil er so entlarvend ist !

  • Um ehrlich zu sein: ich kann eigentlich nicht so recht sehen, daß die aktuelle Sexismus-Debatte Gewalt wirklich fördert, oder „eher fördert“.

    Nur als Beispiel: These 5 oben – „Wer die Definition von Gewalt allein der Empfindung von Opfern überlässt, kaschiert viele Gewalttaten.“

    Die Belege, die im Haupttext angeführt werden – Arbeiterbewegung, Kinder in Gewalt-Strukturen -, sind überzeugend, diese Fälle sind aber nicht analog zur Situation der heutigen Frau in der westlichen Welt. Diese Frau hat nämlich keine „Schwierigkeiten, sich überhaupt als Opfer wahrzunehmen“, ihr wurde auch nicht „die angemessene Wahrnehmung von [selbst erlittener] Gewalt ausgetrieben“. Der Fall, daß einer modernen Frau Gewalt angetan wird, sie diese aber nicht empfindet, nicht erkennt, nicht wahrhaben will od. dgl., dürfte also ziemlich selten sein.

    Wenn man somit „die Definition von Gewalt allein der Empfindung von Opfern überlässt“, dann dürften damit nur sehr wenige Gewalttaten gegenüber westlichen Frauen kaschiert werden.

    Kurzum: nach meinen Eindruck stützen die Thesen 1 bis 5 nicht so sehr die Überschrift des Artikels, sondern dienen eher der genaueren Analyse der aktuellen Sexismus-Debatte.

    Zu dieser treffenden Analyse würde ich noch zwei Aspekte ergänzen. Diese Debatte hat zwei Ungeheuerlichkeiten fest etabliert:

    – Das bloße Vorhandensein einer Anschuldigung verbürgt die Schuld des Angeschuldigten. Die Unschuldsvermutung wird mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Ich würde sogar noch weiter gehen: Gerichte und Prozesse sind hinfällig. Ab sofort werden sie ersetzt durch die Öffentlichkeit des Internets und der Massenmedien. Zudem:

    – Aktuelle moralische Maßstäbe gelten auch für frühere Zeiten, also z. B. für das Verhalten von vor 30 Jahren. Dabei wird völlig ignoriert, daß z. B. bis in die 1980er Jahre eine viel lockere Sexual-Moral – auch in der Öffentlichkeit – verbindlich war als heute. Dennoch werden Handlungen aus früheren Jahrzehnten an aktuellen moralischen Standards gemessen und entsprechend verurteilt, auch wenn diese Handlungen *damals* akzeptabel waren oder als deutlich weniger schlimm angesehen wurden.

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