Bürgerrechte Sexismus

Warum Ernesto Che Augstein gerne 10 Jahre unschuldig in den Knast gehen würde

Bild zeigt Jakob Augstein
Ernesto Che Augstein
geschrieben von: Mark Smith

Jakob Augstein hat einen Text zur Sexismus-Debatte geschrieben. Er tut so, wie er bloß aus einer Beobachterposition agiert und folglich deskriptiv protokolliert, was er beobachtet. Das hat natürlich den Vorteil, dass man sich selbst nicht die Hände schmutzig machen oder sich dem Vorwurf aussetzen muss, man würde ja selbst zu Unrecht aufrufen. Aber zumindest zwei Sätze seines Artikels entlarven ihn dann doch explizit als Brandstifter, auch wenn er sonst im impliziten bzw. latenten oder deskriptiven Modus verbleibt.

Zusammengefasst geht es im Text von Augstein um Folgendes: Er ist der Auffassung, dass primär Frauen Opfer von sexueller Belästigung, Sexismus und sexueller Gewalt sind. Ich will jetzt hier nicht noch einmal auf diesen Blödsinn eingehen und verweise beispielsweise auf den Artikel von Stephan Schleim.

Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass Augstein bereits von einer völlig verzerrten Ausgangssituation ausgeht: Empirische Studien über Gewalt und sexuelle Gewalt gegen Männer und Frauen, sind offenbar nicht sein Steckenpferd. Im Prinzip ist der gesamte Artikel von Augstein nicht viel mehr als eine Aneinanderreihung von Halbwahrheiten und Unkenntnis über die Materie, wobei er mehrheitlich in einem manichäischen Modus verbleibt.

Metoo-Kampagne – Revolution – Kollateralschäden

Die metoo-Kampagne kocht für Augstein auf einer noch viel zu kleinen Flamme. Erst Carolin Würfel habe in einem Zeit-Artikel so richtig Feuer unter den Arsch der Männer gemacht, indem diese ein gesamtes Milieu der Täter- und Mittäterschaft hinsichtlich sexueller Gewalt und sexueller Übergriffe verdächtigte bzw. beschuldigte. Der stellvertretenden Zeit-Chefredakteurin Sabine Rückert unterstellte Augstein dann sogleich, dass diese aus Angst den Artikel von Carolin Würfel in einem eigenen Artikel in der Zeit unter dem Titel „Soll das Journalismus sein?“ kritisiert habe. Wie Augstein auf diese wirklich fernliegendste aller Erklärungsmöglichkeiten kommt, kann ich mir allein dadurch erklären, dass er offenbar keinen blassen Schimmer über die Publikationen von Sabine Rückert hat. Rückert hat beispielsweise das Buch „Unrecht im Namen des Volkes. Ein Justizirrtum und seine Folgen“ veröffentlicht, in dem es gerade um eine Falschbeschuldigung geht, bei der eine junge Frau ihren Vater und Onkel beschuldigte, sie vergewaltigt zu haben. Dass Rückert einen solch unterirdischen Artikel, was die journalistischen Qualitätskriterien anbelangt, wie ihn Carolin Würfel geschrieben hat, unter Beschuss nimmt, sollte nun wirklich gänzlich nachvollziehbar sein, wenn man ihren Hintergrund kennt. Bemerkenswert ist nun, dass er den Titel des Artikels von Rückert „Soll das Journalismus sein?“ als ehrabschneidend bewertet. Interessanterweise ist es ihm jedoch mehr oder weniger egal, wenn man Männern ungerechtfertigterweise ihre Ehre abschneidet, indem sie einer Falschbeschuldigung ausgesetzt werden. Das sind dann für Augstein höchstens bedauerliche Kollateralschäden – zumal jetzt gilt: „Der Zweck heiligt die Mittel!“ Soll heissen: Zumal das grosse Ideal alles überstrahlt (neue sexuelle Revolution, die mit Waffen vonstattengeht), können ab und zu auch Köpfe rollen, die sind jedoch bloß eine quantité négligeable! Augstein will solches Verhalten jedoch nicht rechtfertigen, er betont hier, dass er sich im deskriptiven Modus befindet. Nur wer’s glaubt, wird seelig! Wer eine Revolution herbeiruft, der geht nicht deskriptiv vor, sondern präskriptiv!

Augstein propagiert den Ruf zu den Waffen, also eine Revolution und zwar eine sexuelle Revolution und dies geht, wie wir wissen, fast nie ohne Opfer ab und dies sind im vorliegenden Fall ausschliesslich die Männer, die falsch beschuldigt werden und somit unschuldig jahrelang im Knast versauern können. Dass die Revolution nicht ohne Opfer abgeht, ist für Augstein jedoch, wie bereits dargetan, bloß eine deskriptive Aussage und soll keine Rechtfertigung sein. Fragt sich nur, weshalb er dann eine Revolution herbeisehnt, die solches Unrecht in Kauf nimmt, wenn er die Opfer ja nicht rechtfertigen kann? Scheint mir ein unauflösbarer Widerspruch zu sein!

Nun bin ich der Auffassung, wer so „hehre Ideale“ wie Augstein propagiert, sollte mit gutem Beispiel vorangehen und den Tatbeweis liefern, dass er demzufolge das, was er anderen Männern abverlangt, auch selbst auf sich nehmen wird.

Ein Versuch einer Persiflage – nicht lustig!

Deshalb liebe Frauen, Männer und sonstige Geschlechter! Ich weiss zwar nicht, ob Augstein schwul, hetero, bi oder was weiss ich ist, ist ja auch egal. Aber Augstein hat Euch doch sicherlich schon einmal ein bisschen zu tief in den Ausschnitt geschaut oder einen taxierenden Blick zugeworfen oder ev. sogar im Suff betatscht und wer weiss, haben sie nicht einmal nein gesagt und Augstein hat doch einfach weiter gemacht?? Ok, auch wenn sie sich getäuscht haben oder das nur ihrer Fantasie entsprang oder einfach nur geträumt haben oder einer Selbstsuggestion erlegen sind – das spielt für Augstein sicherlich alles keine Rolle! Augstein möchte Furcht spüren, er möchte eine revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft; er wird gewiss Verständnis dafür haben, dass sie ihn im Internet als Schwein bezeichnen und ihn an den Pranger stellen. Auch wenn es nicht stimmen sollte, von Augstein sexuell belästigt oder vergewaltigt worden zu sein: Augstein ist das bestimmt egal. Er wird das als Zeichen auffassen, dass die Revolution nun voll im Gange ist und sich die Welt endlich zum Guten wenden wird! Er wird somit auch keine Ehrverletzungsklage einreichen und sowieso keinen Anwalt nehmen, weil er denkt, das gehört nun mal zu einer richtigen Revolution, da spielt das Recht (Unschuldsvermutung, Persönlichkeitsrechte, rechtsstaatliches Verfahren etc.) keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Deshalb erklärt er sich ebenfalls sogleich schuldig und beantragt selbst, dass er mindestens 10 Jahre, auch wenn er de facto unschuldig sein sollte, in den Knast geht.

So ist er halt, unser Ernesto Che Augstein: ein wahrer Held und Menschenfreund, ein Vorbild und ein großmütiger Revolutionär für die gerechte Sache!

RSS
Follow by Email
Google+
https://man-tau.com/2017/11/26/jakob-augstein-sexismusdebatte-metoo/
PINTEREST
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

14 Comments

  • Na, solange der Gute nicht auf die Guillotine kommt, ist es ja noch harmlos.
    Mir ist zu diesem und ähnliche Fällen revolutionären Mutes (nicht nur in der Geschlechterfrage) bei eigener Immunität, dieser Tage eingefallen: Man könnte hier eigentlich von einer virtuell-publizistischen „Gated Community“ sprechen.
    Wer aufgrund seiner publizistischen und finanziellen Macht, weder auf der Seite derer sitzt, die solche starken Worte auszubaden haben, noch auf der Seite derer, die sowas irgendwie politisch und juristisch tragfähig ausbaldowern und in der öffentlichen politischen Sphäre tatsächlich rechtfertigen müssen, der kann leicht dem Heroismus frönen. Deswegen „Gated Community“, halt nur nicht mit echten Mauern oder Stacheldrahtzäunen drum herum.
    Obwohl sowas gelegentlich auch zur selbsterschaffenen Gummizelle werden kann.

  • Ich wollte einen ähnlichen Artikel schreiben – mit deutlich subversiverer Absicht. Ich hatte abgewägt, inwieweit eine (satirische) Beschuldigung von mir, er habe junge Frauen sexuell belästigt, justiziabel wäre. Denn selbstverständlich wendet er seine Empfehlungen, wie die sexuelle Revolution auf die nächste Stufe zu heben sei, nicht auf sich an, d.h., er würde gegen substanzlose Beschuldigung gerichtlich vorgehen. Sehr unterhaltsam wäre es, der Argumentationsfigur zu folgen, die in seinem Fall einen gerichtlichen Gang notwendig, in einem anderen Fall eine ungerechtfertigte Verurteilung wünschenswert mache. Das Kunststück wäre gewesen, einen Initialartikel loszutreten, der bei einer google-Suche nach Schlagwörter wie „Sexuelle Belästigung“ und „Jakob Augstein“ Treffer generiert. Deine Idee, Frauen zu ermutigen, Jakob Augstein wg. sexueller Belästigung anzuzeigen, ist gut: es gibt mit Sicherheit einige Kandidaten, die dies aus Narzismus machen würden. Ein Motiv, das offiziell von feministischer Seite als unwahrscheinlich, inoffiziell sicher als realistisch eingestuft wird. Jakob Augstein ist nicht der klügste, aber in seiner Schlichtheit unberechenbar – ich glaube, der mögliche Erfolg einer solchen Aktion rechtfertigt den Aufwand nicht.

    • @quellwerk

      Ich wollte eigentlich zuerst auch einen fundierten Beitrag schreiben, aber djadmoros hat m.E. in seinem Blogbeitrag „»Blutwurst«: Jakob Augsteins Plädoyer für den Terror“ bereits alles Wesentliche gesagt und ja, dann habe ich mir gedacht, sich da einen ganzen Tag Zeit zu nehmen für Augsteins Elaborat, lohnt sich wirklich nicht mehr.
      Das Problem ist halt bei einem Aufruf zur Falschbeschuldigung, dass man sich selbst strafbar macht und vor dem Hintergrund, dass Augstein offenbar ein Millionenvermögen hat, ist es immer ein bisschen ein Risiko, zumal man nicht weiss, ob er sein Geld nicht noch in teure Anwälte investiert und einem das Leben schwer macht. Klar, hätte ich auch Millionen auf der Kante, wäre das kein Problem, aber meine Rechtsschutzversicherung wird vermutlich auch nur dann bezahlen, wenn ich nicht fahrlässig gehandelt habe und sonst geht es direkt an mein Vermögen. 🙂
      Aber die Idee mit dem Text war eigentlich schon die: Wer einfach so Kollateralschäden in Kauf nimmt oder diese sogar noch propagiert, soll mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass er bereit ist, diese auch dann zu propagieren, wenn es ihn selbst betrifft. Und sollte dies dann eben Augstein betreffen, dann würde er vermutlich nie mehr solchen Schrott von sich geben, wie er dies in seinem Text praktiziert hat.

  • „Angst“ ist das Standard-Argument in feministischen Kreisen (bzw. das, was man dort für ein Argument hält).

    Wenn Männer was dagegen haben, dass Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts befördert werden und nicht wegen ihrer Leistungen, dann wird das regelmäßig als „Angst“ vor Veränderung bezeichnet. Wenn Männer der Meinung sind, dass die Unschuldsvermutung vielleicht eine gute Idee ist, dann ist das die „Angst“ davor, dass Frauen sich („endlich!“) gegen „Übergriffe“ wehren. Wenn Männer von Gender-Studies so etwas wie wissenschaftliche Methoden einfordern, unterstellt man ihnen „Angst“ vor dem Verlust von Privilegien.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, wie man einerseits regelmäßig den Gefühlen von Opfern einen so hohen Stellenwert beimisst, dass man selbst eingebildete Verletzungen unter Strafe stellen und kritische Rückfragen als „Retraumatisierung“ verbieten möchte, andererseits aber sogar nachvollziehbar begründete Gefühle schlicht als „Einbildung“ abtut.

    Insofern ist es kein Wunder, dass Augstein die „Angst“ bemüht. Sie ist einfach so praktisch: Man kann sie Kritikern einfach unterstellen, man kann sie bei Verbündeten als Begründung für die eigene Agenda beliebig ausschlachten und in jedem Fall weicht man einer inhaltsbasierten Diskussion aus und zieht alles auf eine emotionale Ebene.

    • Gut beobachtet. Ich habe mir in letzter Zeit auch wieder ein bisschen die Mühe gemacht, in feministischen Filterblasen argumentativ zu intervenieren, ist aber m.E. vielfach ein Ding der Unmöglichkeit.
      Meist wird man mit Totschlagargumenten bzw. Schlagwörter wie Mansplaining, toxischer Männlichkeit, heteronormativer Cis-Mann (obwohl, wie sollen die wissen, was meine sexuellen Präferenzen sind), eigene Privilegien checken, Whataboutism etc., usw., usf. bombardiert, so dass eine inhaltliche bzw. argumentative Auseinandersetzung über ein Thema kaum möglich ist. Das heisst: ein deliberativer Diskurs ist unerwünscht. Es geht also offenbar nur um Deutungshoheit bzw. kulturelle Hegemonie.
      Das heißt: diskursive Strategien beim Feminismus immer wieder ausfindig zu machen und diese zu kontern, ist sicherlich auch nicht das Dümmste.

    • @Peter Herrhausen

      »Insofern ist es kein Wunder, dass Augstein die „Angst“ bemüht. Sie ist einfach so praktisch: Man kann sie Kritikern einfach unterstellen, man kann sie bei Verbündeten als Begründung für die eigene Agenda beliebig ausschlachten und in jedem Fall weicht man einer inhaltsbasierten Diskussion aus und zieht alles auf eine emotionale Ebene.«

      Ich glaube, dass wir es hier mit zwei verschiedenen Arten von »Angst« zu tun haben: die eine haben die Männer (unterstelltermaßen) von sich aus, die andere soll ihnen eingebleut werden. Die erste Form stammt meinem Eindruck nach aus der gnadenlosen Überpsychologisierung, die den Feminismus der »zweiten Welle« von Anfang an getragen hat, und zwar bis in die Wissenschaft hinein, wo sie »junk science« statt konsequent soziologischer Modelle hervorbringt. In dieser feministischen Perspektive ist der Mann ein psychologisches Defizitwesen, der mit sich selbst notorisch nicht im Reinen ist und darum ständig sein eigenes Minderwertigkeitsgefühl an den emotional ach-so-ausgeglichenen Frauen kompensieren muss. Der hat eben ständig Angst, wenn es um Frauen geht, weil er innerlich so schwach ist.

      Die zweite Form ist das, was mitm als »kompensatorischen Gesetzesterror« bezeichnet hat, den Augstein offenbar noch mal gründlich verschärft sehen möchte.

  • Ich glaube keine Sekunde lang, dass Augstein beim Opfern Unschuldiger auch daran denkt, dass es mal ihn selbst treffen könnte. Er macht das lila Schoßhündchen und glaubt, dass ihn das vor Anfeindungen schützt. Letztlich ist er aber auch nur ein alter weißer Mann an der Macht. Mal sehen, vielleicht passiert ihm dasselbe wie Hinrich Rosenbrock…

    • @uepsilonniks

      Sehe ich auch so und deshalb sollte man solchen Leuten immer wieder mit ihren eigenen Aussagen konfrontieren im Sinne von: wenden wir mal diesen Kollateralschaden auf Dich selbst an oder warum nicht gleich in der Realität ausprobieren. Dann werden diese Leute meist blitzschnell geheilt von ihren absurden Ideen, wenn sie selbst davon betroffen sind.

  • Oops, bescheid! ( hatte ich vorhin glatt vergessen )
    Ich habe mich entschlossen, Augstein’s Schwachfug zum Anlass zu nehmen, eine Serie über den Geschlechterkrieg und die rund 40 Jahre, die ich damit zu tun habe zu schreiben.
    Vorwort und Einleitung habe ich schon, morgen geht’s es dann an’s erste Eingemachte.
    Starpunkt hier:

  • Sexismuspapst und Revolutionsführer Augstein schwafelt heute mal wieder über Sexismus.
    Am Montag, den 04.12.2017 um 20 Uhr im Maxim Gorki Theater, Studio Я , Hinter dem Gießhaus 2, 10117 Berlin.
    Auch live im Sender RadioEins aus Berlin (Stream vorhanden).
    Kann da leider nicht selbst hin.

    • Zu der Veranstaltung:
      Lustige Sache, die Podiumsdiskussion kam irgendwie nicht richtig zustande, wurde jedenfalls nicht live im Radio übertragen, stattdessen Musik, weil nämlich die Ko-Diskutantin Sandra Konrad* in einem Tunneltampon („ICE“) nach Berlin feststeckte.
      Fast könnte man vermuten, es gäbe bei der Bahn maskulistische Sympathisanten.

      *“Dr. Sandra Konrad ist Diplom-Psychologin“
      *Dr. Sandra Konrad – Wissenschaftlerin mit Forschungsschwerpunkt Hochsensibilität und höhere sensorische Verarbeitungssensitivität, Eye-Tracking, biopsychologische Persönlichkeitseigenschaften“
      Hört sich ja interessant an, wie man wohl von Hochsensibilitätsforschung zum Feminismus kommt?

Leave a Comment