Feminismus Geschlechterdebatte Kindheit Zivilgesellschaft

Wozu sind Geschlechterdebatten eigentlich gut?

geschrieben von: Lucas Schoppe

Von der seltsamen Fremdheit öffentlicher Debatten und der Nutzbarkeit des Feminismus

In der Logik öffentlicher Debatten hat die Logik alltäglicher Kooperation, mit der wir jeden Tag durch unsere Leben kommen, kaum einen Platz. Das betrifft insbesondere die Art und Weise, wie Geschlechter- und Familienbeziehungen öffentlich diskutiert werden. 

Mein Vater war, als ich dieses Blog vor einigen Jahren noch bei Blogger begann, sehr skeptisch und meinte, ich hätte genug anderes um die Ohren. Später war er dann aber sehr angetan von den Möglichkeiten und Diskussionen eines Blogs, las bald die Texte und Kommentare regelmäßig, kommentierte ab und zu auch selbst – und so, dass ich zuerst gar nicht erkannte, dass er es ist. So lernte er mit Mitte siebzig immerhin noch kennen, was ein kleines Blog ist.

Da meine Mutter sich im Unterscheid zu meinem Vater nicht mehr in die Internet-Welt hineinfinden wollte, hatte er ihr alle Texte, die ich hier geschrieben hatte, einschließlich der Kommentare jeweils ausgedruckt. Nach den Erzählungen meiner Mutter hatten sie dann immer ausgiebig darüber diskutiert.

Von der Situation, die mich bewogen hatte, das Blog zu eröffnen, sind Großeltern eben in doppelter Weise betroffen. Sie konnten unseren Sohn, der bei der Mutter in einer weit entfernten Stadt lebt, selten sehen – und sie machten sich Sorgen darum, wie ihr eigener Sohn mit der Situation klar kommen würde. So war das Blog hier auch für sie eine Möglichkeit, sich mit der Situation auseinanderzusetzen – wenn auch mehr in Gesprächen miteinander als in Kommentaren im Netz.

Das ist eine typische Situation für die vielen letzten Jahre, die meine Eltern miteinander verbracht hatten, und diese Jahre sind ein Grund, warum ich diesen Text schreibe – etwa zwei Jahre, nachdem mein Vater gestorben ist. Ich gehe dabei auch vorsichtig auf einige persönliche familiäre Erfahrungen ein, einfach um den Unterschied deutlich machen zu können zu den Debatten, die über Männer, Frauen, Kinder und Familie öffentlich geführt werden.

 

Mein Herr, belegen Sie doch erstmal ihre Liebesfähigkeit, bevor Sie hier den Mund aufmachen!

Als Kind bin ich der Überzeugung gewesen, dass sich meine Eltern sicher eines Tages scheiden lassen werden. Beide hatten sehr klare Vorstellungen davon, was sie richtig und falsch finden – und unglücklicherweise stimmten sie darin oft nicht überein. Ich merkte auch schon als Kind, dass beide voneinander das Gefühl hatten, nicht wirklich wahrgenommen zu werden in dem, was sie für die Familie taten. Ich bin mir noch heute sicher, dass sie zusammen blieben, weil sie sich uns Kindern gegenüber verpflichtet fühlten.

Das war nicht nur für uns Kinder, sondern auch für meine beiden Eltern gut. Sie hatten noch viele Jahre, in denen sie ein gutes gemeinsames Leben führten – insbesondere, nachdem mein Vater die zeitraubende Parteiarbeit für die SPD aufgegeben hatte. Sie machten noch viele Reisen, so lange es ging, und waren über vieles im Gespräch miteinander.

Als mein Vater gestorben war, schreib meine Mutter ein etwas abgewandeltes Fontane-Zitat in die Traueranzeige: „Kämst Du noch einmal durch den Garten, den langen Weg entlang / Ich würde auf dich warten. Mein Leben lang.“

Den langen Weg entlang

Das bezog sich auch auf eine konkrete Situation, in der mein Vater, der in seinen letzten Jahren auf eine regelmäßige Dialyse angewiesen war, erschöpft den Weg durch unseren Garten zurückkam und meine Mutter ihn in Empfang nahm. „Das würde ich wirklich“, sagte meine Mutter zu dem Satz, den sie sich ausgesucht hatte. Ich glaube, sie könnte sich nichts Schöneres vorstellen.

Ein wesentlicher Grund dafür, dass meine Eltern in ihrer letzten gemeinsamen Zeit so gut miteinander lebten, war, dass sie nun beide die Leistung des jeweils anderen für die Familie anerkannten.

Vielleicht ist das einer der wesentlichen Schritte des Erwachsenwerdens: Nicht nur zu realisieren, dass wir auf Liebe anderer angewiesen sind – sondern auch, dass andere für diese Liebe etwas einsetzen müssen, dass sie zum Beispiel Risiken dafür eingehen und sich verletzbar machen.

Dass es eben auch mit Verantwortung verbunden ist, geliebt zu werden.

Das ist denn auch in meinen Augen der destruktivste Aspekt der heute so engagiert geführten, meist feministisch inspirierten Geschlechterdebatten: Männern wird ausdrücklich oder unterschwellig, aber in jedem Fall routiniert die Liebe zu anderen Menschen abgesprochen, oft sogar schon die bloße Möglichkeit zur Liebe.

Das betrifft sowohl die Liebe zu Frauen, oder meinetwegen auch zu anderen Männern, als auch die Liebe zu den eigenen Kindern. Es ist in feministisch inspirierten Müttergruppen völlig normal, Männern gedankenfrei zu unterstellen, sie würden die Beziehung zum Kind ohnehin nur funktionalisieren, weil sie die Mutter damit unter Druck setzen wollten. In der Beziehung zu Frauen ginge es Männern ohnehin prinzipiell um Macht – es sei denn, sie würden sorgfältig an sich arbeiten und sich ändern.

In eben diesem Sinne hatte ein politischer Funktionsträger im letzten Jahr erklärt, dass alle Männer potenzielle Vergewaltiger seien – ohne dass das in Politik und Medien irgendjemanden ernsthaft gestört hätte.

Dass Männer aus der Beziehung zu ihren Kindern ausgegrenzt werden, ist nur konsequent – wer Menschen die Liebesfähigkeit abspricht, spricht ihnen auch ab, in stabilen Beziehungen dazuzugehören. Es ist in Ämtern und Institutionen eine Standarderfahrung von Trennungsvätern, die Liebe zu ihren Kindern überhaupt erst einmal unter Beweis stellen zu müssen.

Wenn das stimmt, was ich oben über das Erwachsenenwerden geschrieben habe, dann ist der heutige Feminismus damit eine Weltanschauung von Menschen, die das Erwachsenwerden tunlichst vermeiden. Anstatt Männern etwa zuzugestehen, dass sie für ihre Frauen und Kinder vieles auf sich nehmen, wird ihnen die Erwerbsarbeit routiniert als Arbeit an der eigenen Selbstverwirklichung verbucht. Bei aller Aggressivität ist diese Haltung zugleich auch selbstverletzend: Wer anderen die Möglichkeit zu lieben abspricht, sieht sich selbst eben auch als notorisch ungeliebt an.

 

Ein Shitstorm für ein Sandwich

Das geht weit an dem vorbei, was ich selbst als Familie erlebe und erlebt habe – und ich bin mir sicher, dass ich damit nicht allein dastehe. Die zentrale, aber auch ganz selbstverständliche Bedeutung, die eine Familie und Kinder für Männer haben können, wird in heutigen feministisch inspirierten Geschlechterdebatten nicht einmal ansatzweise zur Kenntnis genommen. Männer erscheinen damit als Wesen, denen gegenüber niemand sonderlich viel Verantwortung tragen müsste – weil sie ja auch nicht allzuviel einsetzen würden. Im Unterschied zu Frauen, natürlich.

Damit entsteht nicht nur ein Graben zwischen Männern und Frauen, sondern vor allem ein Graben zwischen den öffentlich geführten Debatten und den alltäglichen Notwendigkeiten, in denen Menschen ihr Leben führen. Wir sind im Alltag darauf angewiesen, eine grundsätzliche Kooperationsbereitschaft anderer Menschen einfach vorauszusetzen. Ohne solch eine basale Unterstellung guten Willens, die erst beim Beweis des Gegenteils zurückgenommen wird, wäre eine zivile Kooperation gar nicht möglich. Das gilt natürlich ganz besonders für die Menschen, die uns am nächsten sind.

Öffentliche Debatten aber erwecken den Eindruck, das Leben von Menschen wäre grundlegend von Gewalt- und Machtstrukturen geprägt. Als neulich eine australische Frau in einer Facebookgruppe um Tipps bat, welches Essen sie ihrem Mann noch zur Arbeit mitgeben könne, erntete sie für diese einfache Frage einen Shitstorm, wurde als rückständig oder als Sklavin ihres Mannes beschimpft.

Schließlich wies sie darauf hin, wie viel und wie mühsam er für die Familie arbeite – „Das wenigste, was ich tun kann, ist ihm ein verdammtes Sandwich zu machen.“ (He is a champion. The least I can do is make him a bloody sandwich.) Nebenbei machte sie übrigens klar, dass sie aufgrund der schlechten ökonomischen Lage der Familie ganz besonders auf eine verlässliche Kooperation angewiesen wären. Die Logik des Geschlechterkampfs wird offenkundig von ökonomisch privilegierten Positionen aus entworfen.

Dass sie sich erstens selbst kooperativ verhält und dass sie zweitens die Kooperationsleistung ihres Ehemannes anerkennt, wurde dieser Frau schlankweg als Einwilligung in die eigene Unterdrückung ausgelegt. Ein Verhalten, das für die alltägliche Kooperation unerlässlich ist, steht damit als reaktionär, dumm oder beides da.

Auch wenn Paare ihre Arbeit anders aufteilen als in diesem Fall: Jeweils setzt die dauerhafte Zusammenarbeit nicht nur die eigene Bereitschaft zur Kooperation, sondern auch die Anerkennung der Kooperationsbereitschaft des anderen voraus. Es ist destruktiv, dieses Alltagslogik durch routinierte, aber gedankenlose Unterstellungen aus massenmedialen Diskursen zu beschädigen.

Natürlich können Ehen und Familien furchtbar sein und so schrecklich, dass die einzige gute Handlungsmöglichkeit ihre Beendigung ist. Möglicherweise aber sind die Darstellungen katastrophaler Familienverhältnisse auch so viel spektakulärer als die Beispiele eines halbwegs gelingenden familiären Alltags, dass uns die Katastrophenschilderungen viel eher im Gedächtnis bleiben.

 

Warum eigentlich wählen viel mehr Frauen CDU als SPD?

Die Möglichkeit katastrophaler Familienverhältnisse anzuerkennen ist aber etwas ganz anderes, als die Institution der Familie generell als Ursache für menschliches Unglück zu beschreiben.  Das hat der Feminismus der zweiten Welle – allen voran Alice Schwarzer mit ihrem „Kleinen Unterschied“ – durchaus getan, und heute tut die grüne Heinrich-Böll-Stiftung es höhnisch als „Familismus“ ab, wenn Menschen der klassischen Familie mit Eltern und Kindern eine große Bedeutung beimessen.

Wie sehr eine feministisch inspirierte Politik an Alltagsinteressen von Menschen vorbei zielt, zeigen zwei Plakate der SPD.

Zeigt Werbeplakat der SPD

Die Idealisierung der alleinerziehenden Mutter überspielt die erheblichen ökonomischen und entwicklungspsychologischen Schwierigkeiten, die durch das Zerbrechen elterlicher Kooperation entstehen. Es ist fahrlässig zu suggerieren, die Unterstützung staatlicher Institutionen könnte diese Kooperation jederzeit ersetzen. Ein solch falsches Verspechen ist nämlich geeignet, reale kooperative Strukturen zu erodieren.

Auch die Klage über den Gender Pay Gap geht an alltäglichen Interessen vieler vorbei. Was die SPD – neben dem Versprechen, für die Frauen zu sorgen – hier Frauen vor allem vermittelt, ist: Ihr seid allein, ob ihr arbeitet oder ob ihr für Eure Kinder sorgt. Allein zu sein ist aber weder für die meisten Frauen noch für die meisten Männer ein wünschenswerter Zustand. Es ist kein Wunder, dass Frauen mit sehr deutlicher Mehrheit die Union und nicht die SPD wählen.

Das krasseste aktuelle Beispiel dafür, wie sich ein allgemeiner politischer Diskurs von den Voraussetzungen alltäglicher Kooperation entfernt hat,  ist die Me too-Debatte. Dazu hat auch Mark hier gerade einen Text veröffentlicht, und Djadamoros hatte dazu schon zuvor eine längere Analyse geschrieben, die ganz nebenbei eine leicht zu übersehende Pointe hat.

Mit Thea Dorn oder Sabine Rückert beziehen Frauen mäßigende Positionen. Die schärfsten, gewaltsamsten Zuspitzungen in deutschsprachigen Medien werden hingegen von Männern formuliert – in einer verlagsinterenen Radikalisierungslogik jeweils im Spiegel.

Georg Diez stellt Dorn für ihren Beitrag als reaktionäre Autorin hin, die eine emanzipatorische Bewegung verhindern wollte.  Mit seinem Text schlägt die Debatte eine absurde Volte, in der ein Mann einer Frau fehlende feministische Linientreue vorwirft, eben weil sie sich abfällig über die Erwartung der Linientreue geäußert hatte.

Andreas Borchholte schreibt im selben Blatt ohne Angst vor unangenehmen historischen Bezügen von der Reinigung eines schmutzigen Systems, und Jakob Augstein erklärt ohne störende rechtsstaatliche Bedenken, dass die Falschbeschuldigung wegen sexueller Vergehen nun einmal unweigerlich zum dringend notwendigen revolutionären Wandel der Geschlechterverhältnisse dazugehören würde.

Für einen revolutionären oder auch nur für einen vorsichtigen Wandel der Geschlechterverhältnisse stehen solche Positionen natürlich gerade nicht. In einem klassischen männlichen Konkurrenzverhalten präsentieren alle drei Autoren sich als die besseren Männer, indem sie andere Männer als unrein, schuldbeladen und reaktionär hinstellen. Auch die Spiegel-interne Überbietungslogik lässt sich so leicht erklären: Der bessere Mann steht offenbar unter dem Druck nachzuweisen, dass er noch besser ist als die anderen besseren Männer.

Als intellektuelle Akteure sind Diez, Borcholte oder Augstein uninteressant. Interessant aber ist, dass ihre durchaus primitiven Selbstpräsentationen mühelos an allgemeine politische Debatten angeschlossen werden können.

 

Wie der Homo oeconomicus geschlechterpolitisch gerettet wird

Mit Richard Thaler bekommt in diesem Jahr zum wiederholten Mal ein Ökonom den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, der zeigt, dass das alte Modell des Homo oeconomicus realen menschlichen Entscheidungsprozessen nicht gerecht wird.  Der Mensch, der wie einst Robinson unbeeinflusst durch Bindungen autonom entscheiden kann – der rational seinen Nutzen kalkuliert und optimiert: Diese Mensch hat sich längst als Fiktion erwiesen.

Unsere politischen Debatten aber retten das überholte Model des Homo oeconomicus, indem sie es durch Geschlechterklischees schleusen. Die Frau befreit sich dann wieder und wieder aus dem Korsett traditioneller Lebensweisen, und sie kann sich endlich bedenkenfrei an ihrem Eigennutzen orientieren, weil sie schließlich zuvor immer für andere da gewesen wäre. Rücksichtslosigkeit gegenüber Männern erscheint als legitim, weil Männer ohnehin privilegiert seien und lernen müssten, Privilegien abzugeben. Rücksichtslosigkeit gegenüber Frauen erscheint als legitim, wenn nur zunächst ihre Kollaboration mit der männlichen Herrschaft nachgewiesen wurde.

Natürlich kollidiert solch ein Modell an allen Ecken und Enden mit seinen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten, kann diese dann aber umstandslos auf das Konto eines diffus bleibenden „Patriarchats“ oder einer „heterosexistischen Ordnung“ buchen. Es erfüllt damit gleichwohl eine Funktion, die Feministen selbst meist wohl nicht einmal bewusst ist.

Für eine unternehmerische Ökonomisierungslogik ist der Homo oeconomicus weiterhin wünschenswert. Er ist flexibel einsetzbar, er ist bestenfalls schwach in Strukturen alltäglicher Kooperation oder gar Solidarität eingebunden, und er ist durch die Eindimensionalität seiner Handlungsmotive berechenbar und steuerbar.

Die scharfe Ökonomisierungslogik, die seit Jahrzehnten als „Globalisierung“ das Wirtschafts- und Arbeitsleben verändert, ist zwar nicht sinnlos und auch nicht schon an sich von Übel. Für das Leben in einer komplexen modernen Gesellschaft reicht sie aber nicht aus, braucht ergänzende oder auch widerstrebende Logiken – etwa die lebensweltliche Logik einer alltäglichen Kooperation.

Eine etablierte, feministisch inspirierte Geschlechterpolitik aber bestreitet ausgerechnet solchen wichtigen, widerständigen Gegen-Logiken die Legitimation und fantasiert eine alltägliche Allanwesenheit von Gewalt. Geschlechterpolitik eignet sich damit als Instrument absolut gesetzter Ökonomisierungslogiken eben gerade deshalb, weil sie tief in vitale, essentielle Bedürfnisse der meisten Menschen hineingreift. Sie trägt gleichsam zur Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Logik ökonomischer Systeme bei.

Es ist daher irreführend, Akteure wie Diez, Borchholte oder Augstein als „links“ zu bezeichnen, so wie es auch irreführend ist, die Absolutsetzung einer Ökonomisierungslogik als „neoliberal“ zu klassifizieren. Die Gesellschaftsvertrag-Theorien des traditionellen Liberalismus legitimierten soziale Herrschaft ja gerade von unten nach oben – Ökonomisierungslogiken kolonisieren lebensweltliche Logiken jedoch von oben nach unten. Während der traditionelle Liberalismus beabsichtigte, die Handlungsmöglichkeiten aller zu vergrößern, werden nun die Handlungsspielräume der meisten Menschen geschmeidig normiert, im Interesse weniger.

 

Ein schönes Leben

Reale Menschen in einem realen Alltag aber haben eben nicht allein ein vitales Interesse an der Optimierung ihres privaten Nutzens, sondern auch, zum Beispiel, an der Erfahrung von Zugehörigkeit oder Vertrautheit. Solche Interessen lassen sich natürlich nicht allein in Familien verwirklichen, aber eben auch dort, und für viele Menschen vorrangig dort.

Ich bin auch deshalb auf meine und meiner Familie Geschichte eingegangen, um den Eindruck zu begründen, dass wir alltäglich ganz selbstverständlich in Logiken leben, die in den herrschenden Diskursen faktisch nicht vorkommen. Wenn wir etwa eine Partnerschaft führen, dann ist eine Logik der beständigen Optimierung nicht sinnvoll. Es hätte keinen Sinn, fortlaufend durchzurechnen, ob nicht mit einem anderen Mann oder einer anderen Frau eine bessere Partnerschaft möglich wäre.

Eher wirkt hier eine narrative Logik. Wir beginnen eine Geschichte, und wir möchten, dass sie weiter geht. Es passt dann schlicht nicht, anlasslos zu fragen, ob nicht eine andere Geschichte möglicherweise noch besser wäre. In Partnerschaften ist ein optimales Resultat gerade dann zu erreichen, wenn die Partner sich eben nicht ganz an Optimierungslogiken orientieren. Wenn sie sich nicht gegenseitig vorrechnen, wer mehr in die Partnerschaft eingezahlt habe, wer Täter und wer Opfer sei.

Das beinhaltet natürlich auch unangenehme oder sogar schmerzhafte Erfahrungen. Meine Mutter vermisst, wie wir alle, meinen Vater in vielfacher Hinsicht sehr. Das ist sehr traurig, aber sie ist eben auch sehr reich damit, dass sie fast sechzig Jahre lang zusammen gelebt hatten, und ich glaube, dass sie das ähnlich sieht. Sie vereinsamt auch nicht, hat viele Freunde und Bekannte – ihr fehlt nur eben mein Vater.

Der wiederum hatte am Ende seines Lebens das Gefühl, dass sich für ihn vieles gerundet hatte. Auch das ist eine narrative Logik, keine Optimierungslogik. Es geht dabei um stabile Bindungen, nicht darum, wie aus diesen Beziehungen möglichst viel herauszuholen ist.

Meine Mutter hat mir in den letzten Monaten oft erzählt aus den Gesprächen, die meine Eltern in den letzten Jahren miteinander geführt hatten. „Was war das für ein schönes Leben“, habe mein Vater oft gesagt.

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65 Comments

  • @Lucas:

    Das ist ein sehr schöner Artikel! Zum einen durch die Rückbindung an die persönliche Erfahrung, sodann, weil er zeigt, dass wir in dem »revolutionären Terror«, den Jakob Augstein irrsinnigerweise noch mal extra fordern zu müssen meint, eigentlich ohnehin schon ein gutes Stück weit mitten drin leben, und schließlich, weil er die Koppelung der feministischen Ideologie mit der heute alles durchdringenden »Ökonomisierungslogik« (heiße sie nun »neoliberal« oder anders) deutlich herausstellt.

    Ich erlaube mir mal, an die persönliche Note anzuschließen und – leicht, aber nicht ganz OT – einen Kommentar crosszuposten, den ich vorhin zu einem Telepolis-Artikel von Stephan Schleim eingestellt habe (der auch einen ähnlich klingenden Titel hat: »Wozu nutzen Geschlechtsidentitäten überhaupt?«). Dies darum, weil ich damit ebenfalls zum Ausdruck bringen wollte, dass man sich an einem realen, praktischen Leben orientieren sollte und nicht an ideologischen Obsessionen, und dass eine solche »Erdung« noch am ehesten davor schützt, sich in vereinseitigte Perspektiven zu verrennen:

    »Auf diesem Temperaturniveau kann man tatsächlich diskutieren. Der Punkt, der mich am wenigsten überzeugt hat, ist die These von der Konditionierung:

    »Schon nach der Geburt wird die Welt sauber in blaue und rosafarbene Wäsche unterteilt. Es gibt Kleidung, Spiel- und Schulsachen für Mädchen und Jungen. Dahinter verbirgt sich geschicktes Marketing.«

    Ich bin Vater von zwei Kindern, Junge und Mädchen. Die Mutter ist wie ich in der IT berufstätig. Mit diesem Farbenquatsch haben wir gar nicht erst angefangen. Ich lege Wert auf die Feststellung: im Kindergarten- und Grundschulalter haben sich die Kinder geschlechtstypisch verhalten, ohne dass wir das gesteuert hätten. Das Mädchen eine Lillifee-Prinzessin mit einem Faible für Glitzer-Einhörner, der Junge ein Lese- und Bastelnerd. Kleidung nach dem, was beiden gefallen hat: dem Jungen war es gleich, solange es nicht wie »Mädchen« aussah, das Mädchen wollte aber »Mädchen« sein.

    Das, was sich heute »Gender-Forschung« nennt, würde uns vermutlich mangelnde revolutionäre Wachsamkeit bei der Erziehung unserer Kinder unterstellen. Ich erlaube mir, das für Bullshit zu halten, ich bin studierter Soziologe und die Genderista ist auch nicht schlauer als ich.

    Mit beginnender Pubertät (da sind die Kids gerade), hat sich das ein bißchen aufgeweicht: der Junge interessiert sich jetzt mehr für Designfragen als für Ingenieurskram, und die Tochter hat das Computerspiel-Nerdtum entdeckt. Auch das aus eigenen Anlagen heraus, wenn es mir nach ginge, könnten sie beide schon programmieren. In dem Maße, in dem sie »geistig wachsen«, wachsen auch die Überlappungsbereiche. Im Alter für Liebesbeziehungen sind sie noch nicht ganz angekommen, das wird noch mal spannend.

    Insofern: klar, Kultur spielt eine wichtige Rolle. Aber einen Satz von Dispositionen bringen die Kinder von sich aus mit, woher auch immer, meinetwegen auch aus einem früheren Leben 🙂 .

    In meinen Augen ganz wichtig: soziale Rollen funktionieren nicht nur als Zwang – heute weniger denn je. Sie verschwinden durch den Abbau des Zwangs nicht, sondern werden nur freier gewählt – gemäß dem, was die jeweilige Selbstauskunft über die eigenen Dispositionen erzählt. Gerade die »freien westlichen Gesellschaften« (TM) kennen das »Gender-Paradoxon«, demzufolge die Geschlechter umso eher eine klassische »bürgerliche« Rollenverteilung annehmen, je freier sie in ihren Entscheidungen sind. Rollen sind wie Gewänder, die man anlegt, die nackte Psyche will auf Dauer niemand zu Markte tragen, und der radikale Authentizitätskult ist in der Sackgasse des Narzissmus gestrandet. Trotzdem müssen die Rollen zu dem passen, für das man sich selbst hält.

    Für Feministinnen natürlich ein Anathema, für die kann das nur »verinnerlichter Sexismus« sein, alles Opfer außer Mutti. Bullshit halt.

    Von daher: am Ende kommt es auf die Selbstwahrnehmung und die Selbstauskünfte an. Solange die nicht normativ kastriert werden (sei es durch traditionelle Zwänge oder die neuen Zwangsjacken des Feminismus), kann man einfach schauen, wohin sich das entwickelt.«

  • Danke für diesen wunderschönen Text.

    Das ist meiner Einschätzung nach alles eine Konsequenz des postmodernen Verständnisses aller menschlichen Beziehungen als Machtverhältnisse. In einer Beziehung zweier Menschen gibt es immer einen, der Macht ausübt und einen anderen, der ihr unterworfen ist. So was wie Partnerschaft oder Kooperation ist dann eigentlich nur in strategischer Hinsicht möglich, indem sie mir zeitweise nutzen kann, meine Macht durchzusetzen bzw. zu behaupten.

    Wenn ich mir vorstelle, wie wohl das Privateleben dieser Leute abläuft, graut es mir.

    Danke übrigens auch für das schöne Fontane-Zitat, dass ich nicht annte.

    • „Das ist meiner Einschätzung nach alles eine Konsequenz des postmodernen Verständnisses aller menschlichen Beziehungen als Machtverhältnisse.“

      ja. das an sich ist aber nicht das problem, denn menschliche beziehungen sind nun mal grundsätzlich auch machtverhältnisse. Macht heißt (in etwa nach Foucault) eben nicht, dass der eine macht „hat“ und der andere dadurch unterdrückt wird sondern machtausübung ist alles, was zwischen den menschen abläuft. wenn ich also z.B. jemanden durch ein argument überzeuge, übe ich macht über ihn aus, weil ich ihn verändert habe. sagt er dann „danke, du hast mich überzeugt“, übt er macht über mich aus, denn er sagt mir dies ja um mein denken oder verhalten zu beeinflussen. (schließlich würde ich ja anders über ihn denken, wenn er das nicht gesagt hätte).

      das problem ist vielmehr, dass von feministen die existenz von macht an sich mit unterdrückung gleichgesetzt wird und feministen (und viele andere ideologen) heutzutage versuchen, den menschen von machtbeziehungen an sich zu befreien, weil sie glauben, dass macht außerhalb des staates grundsätzlich böse ist. die konsequenz davon wäre aber selbstverständlich keine befreiung sondern eine totale steuerung des menschen durch den staat.

  • @Schoppe
    Vielleicht eine kleine Korrektur! Frauen wählen, zumindest in der Bundestagswahl 2017, nicht öfters SPD.
    Die SPD wurde von Frauen wie Männern mit ca. 21% gewählt.
    Auch die Linke wurde von beiden Geschlechtern gleich häufig gewählt: je 9%
    Unterschiede gibt es zwischen den Geschlechtern bei folgenden Parteien.
    AfD: Frauen 9%; Männer 16%
    Union: Frauen 37%; Männer 30%
    FDP: Frauen 9%; Männer 12%
    Grüne: Frauen 11%; Männer 8%

    Man könnte also sagen: Union und Grüne sind eher Frauenparteien und FDP und AfD sind eher Männerparteien.

  • Ich bedanke mich auch dafür.

    „Kämst Du noch einmal durch den Garten, den langen Weg entlang / Ich würde auf dich warten. Mein Leben lang.“

    „He is a champion. The least I can do is make him a bloody sandwich.“

    Das hat mich schon sehr berührt.
    Weil ich die Liebe spüre. Weil ich Verantwortung in den Worten sehe, für andere einfach da zu sein und etwas zu geben.
    Es lässt mich spüren, was ich in den ganzen aktuellen Prozessen und kalten intellektuellen Diskussionen vermisse: das normale liebevolle Miteinander – Normalität halt.
    Jedenfalls wie sie sein sollte.

  • „so wie es auch irreführend ist, die Absolutsetzung einer Ökonomisierungslogik als „neoliberal“ zu klassifizieren. Die Gesellschaftsvertrag-Theorien des traditionellen Liberalismus legitimierten soziale Herrschaft ja gerade von unten nach oben“
    An der Stelle möchte ich anmerken: Als die Liberalen das Ideal der freien Marktwirtschaft etablierten, diente diese ja dazu die Macht des Adels zu durchbrechen. Und das ist ja auch durchaus gelungen. Die ganzen Theorien zur freien Marktwirtschaft wurden halt damals aufgestellt um ein System zu etablieren das mit traditionellen Strukturen bricht. Von daher hat das durchaus etwas mit Liberalismus zu tun. Das heutige Problem besteht halt darin, dass man die freie Marktwirtschaft zu diesem Zweck nicht mehr benötigt und sie inzwischen stattdessen sogar selber ein System darstellt, das vorhandene Hierarchien zementiert. Der Ursprung liegt aber trotzdem im Liberalismus.

  • die unterscheidung zwischen optimierungslogik (man könnte es auch „ausbeutung“ nennen) und narrativer logik leuchtet ein, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob „narrativ“ hier wirklich der richtige begriff ist, denn es geht ja nicht ums Erzählen.

    • Das stimmt. Es wäre vielleicht genauer, es als eine ästhetische Logik zu bezeichnen – aber dann hätte ich das Gefühl gehabt, dass erst recht nicht mehr klar ist, was ich damit meine. Und das Erzählen hat immerhin, auch im Alltag, Zugzwänge. Dazu gehört die Gestaltschließung, also eine Abrundung, die möglichst viel von dem aufgreift, was vorher erzählt wurde.

      • um Ästhetik geht es in gewisser weise auch, nämlich in so fern, dass menschen nicht nach dem entscheiden, wovon sie glauben, dass es ihnen den maximalen messbaren „nutzen“ gibt, sondern, dass sie der schönheit vertrauen. wenn es die angesprochene australische frau also einfach schön findet, wenn sie ihren mann im arbeitsleben unterstützt, indem sie ihm ein sandwich mitgibt, dann stellt sie sich nicht die frage „zieh ich da auch für mich den maximalen nutzen daraus?“ sondern sie macht es einfach weil es halt nett ist. aber auch der begriff „ästhetische logik“ trifft den punkt nicht. ich würde es daher „bestehens-logik“ nennen, weil es darum geht, in der welt zu bestehen, anstatt die welt zu optimieren. aber der begriff klingt leider furchtbar.

        • Das einzige Manko sehe ich in der Diagnose, der Homo oeconomicus sei ein gewünschtes Element der neuen progressiven schönen Welt.

          Und das ist im Grunde die Quintessenz der Geschlechterpolitik, perfekt gerahmt:

          „Männern wird ausdrücklich oder unterschwellig, aber in jedem Fall routiniert die Liebe zu anderen Menschen abgesprochen“

          Und sie werden damit „disponibel“ gemacht, das ist der Kernmechanismus des heutigen Geschlechterkonstrukts.

        • Nur hier, @Jonas, irrst du gewaltig:

          „sondern sie macht es einfach weil es halt nett ist.“

          Das folgte einer Nutzenrechnung. So konnte sie auf einfache Weise eine wirklichen Gesamt-Nutzen erzeugen und das hat sie auch bestimmt so geplant.
          Insofern gibt es doch die beständige Kosten/Nutzen-Betrachtung. So kann man ja auch seinen Einsatz optimieren.
          Sie war also nicht nur nett, sondern auch noch schlau.

          • nein, du hast mich falsch verstanden. natürlich hat die frau einen nutzen davon, ihren mann zu unterstützen. der punkt ist aber der, dass sie (wahrscheinlich) diese kosten-nutzen-rechnung nicht macht sondern einfach nach gewohnheit handelt, weil sie davon ausgeht, dass das gut so ist. aber sie hat nicht alle möglichkeiten in erwägung gezogen und dann die optimalste gewählt, weil man das bei solchen alltäglichen entscheidungen so gut wie nie macht – weil man eben kein homo oekonomicus ist.

    • Ich finde „Narrativ“ ist in gewisser Weise schon zutreffend. Die heute vorherrschende relativistische Sichtweise dämpft dieses Empfinden sehr stark, aber wir sind im familiären Kontext immer auch Menschen, die eine Geschichte fortschreiben oder ziehen Menschen auf, die unsere Geschichte fortschreiben werden: Wenn ich Eigenheiten von mir in meinen Kindern entdecke und ihnen über Hürden helfe, vor denen ich auch gestanden habe, dann will ich, dass ihr Leben besser gelingt als meins, dass sie, weil sie die Widerstände, an denen ich gescheitert bin oder mit denen ich lange zu kämpfen hatte, schneller überwinden und es deshalb weiter schaffen. Sie schaffen das dann durch mich und ich, der ich meine Eigenschaften in ihnen erkenne, schaffe es mit ihnen. Sie sind ein Teil meiner Erzählung und ich ein Teil ihrer.

      Der Aspekt der Durchökonomisierung der Gesellschaft, den Lucas beschreibt, ist mir auch schon öfter durch den Sinn gegangen: Wir lassen den Kit, der die Gesellschaft eigentlich aus uns allen bildet, durch das ständige Mistrauen und die ständigen Vorhaltungen langsam austrocknen. Wie weit das schon fortgeschritten ist, erkennt man leicht aus der Perspektive von Gesellschaften, die noch stärker auf (lokale) Kooperation angewiesen sind, als wir in einem urbanen Kontext. Dort ist es ganz klar, dass sich die Menschen gegenseitig helfen, zum Nutzen aller. Während wir hier argwöhnisch auf den Anderen schauen und mutmassen, selbst weniger Nutzen aus der Kooperation gezogen zu haben. Lachender Dritter sind die ökonomischen Schwergewichte, die so in einem divide et impera ihre Kraft ungebremst ausspielen können. Neben allen Schwächen, die „Linke“ in meinen Augen aufweisen, wenn ihnen Macht in die Hände fällt, ist das (unbewusste?) Befeuern des Siegeszuges der Ökonomisierung auch der letzten Lebensbereiche ein zweifelhaftes Verdienst gerade des (gemeinhin als „links“ angesehenen) Feminismus, der sich alle Mühe gibt, die letzte und kleinste Einheit der gesellschaftlichen Bausteine zu vergiften.

  • die Grundaussage des artikels, dass feminismus meist nichts anderes ist, als die ökonomisierung von privatangelegenheiten, ist sehr weitsichtig. allein schon deshalb scheitert der feminismus, weil eben die meisten frauen und männer sich nur sehr ungerne normieren und optimieren lassen. Die norm, die hier angestrebt wird ist als frau maximal frei von machtstrukturen („patriarchat“) zu sein, die außerhalb des Staates bestehen (vorallem also machtstrukturen innerhalb der familiie, der ehe/beziehung und arbeitswelt). doch eines musst du mir noch mal erklären: was genau hat nun die metoo-hysterie und das negative männerbild mit dieser ökonomisierung zu tun?

    • @Jonas „was genau hat nun die metoo-hysterie und das negative männerbild mit dieser ökonomisierung zu tun?“

      Was den Artikel betrifft, geht es mir hier einfach darum, dass eine lebensweltliche Logik der alltäglichen Kooperation dadurch torpediert wird. Diese Kooperation setzt nun einmal eine basale Unterstellung guten Willens voraus. Die Metoo-Kampagne – und dafür stehen hier die Positionen von Diez, Borcholte und Augstein – zielen ja nicht darauf ab, dass Menschen in unumstrittenen Machtpositionen wie Weinstein sich faktisch alles leisten können, ohne dass es Konsequenzen für sie hätte. Sie interpretieren das, was Weinstein vorgeworfen wird, als Sinnbild für männliches Verhalten generell – als besondere Ausprägung eines allanwesenden „Alltagssexismus“.

      Gerade durch den Anspruch, dass Weinstein sinnbildlich für das Alltagsverhältnis zwischen Männern und Frauen stünde, werden Kooperationsstruturen unterminiert, ohne die wir tatsächlich gar nicht heile durch unsere Tage kommen würden. Menschen werden disponibler, weil sie aus alltäglichen Bindungen gelöst werden, und sie werden auf eine Weltsicht dressiert, in der „die anderen“ mit radikalem mit Misstrauen betrachtet werden müssen. Auch die Solidarität, die „Metoo“ angeblich schafft, besteht nur eben so lange, wie andere Menschen als Feindbilder intakt bleiben.

      Der Zusammenhang lässt sich mit Kucklick ( https://man-tau.com/tag/christoph-kucklick/ ) aber auch noch einmal anders beschreiben. Nach Kucklick haben die Geschlechterklischees, die Männer als das „unmoralische Geschlecht“ beschreiben, ja die Funktion, die Zumutungen und Unsicherheiten der Moderne als „Männlichkeit“ zu verbuchen und damit einen Bereich des Weiblichen zu imaginieren, der davon unberührt, rein, eben moralisch sauber geblieben ist (auch das ist eine Bildlichkeit, bei der es Borcholte völlig egal ist, woran er eigentlich mit seinen Säuberungsfantasien anknüpft).

      Das ist in feministisch inspirierten Debatten geblieben. Die Zumutungen der Moderne – die Disponibilität, also freie Verfügbarkeit von Menschen und ihre Herauslösung aus lebensweltlichen Bindungen – werden völlig selbstverständlich reproduziert und akzeptiert. Die negativen Aspekte davon werden allerdings nicht als Konsequenzen von Prozessen wahrgenommen, für die alle gemeinsam verantwortlich sind – sondern sie werden imaginativ als „Männlichkeit“ chiffriert. Diese so fantasierte Männlichkeit ist dann offen für beliebige Besetzungen mit negativen Projektionen.

      Dass moderne Ökonomisierungslogiken umfassend und unausweichlich sind, kann als „hegemoniale Männlichkeit“ fantasiert werden – dass sie tief in das Alltagsleben von Menschen hineinreichen, wird verstanden als eine irgendwie typisch männliche „Übergriffigkeit“ – dass sie gewachsene Strukturen zerstören und Menschen dadurch Halt nehmen, als „toxische Männlichkeit“. Gerade der letzte Begriff ist ein Beispiel dafür, wie betoniert und unerschütterlich das gute Gewissen von Menschen ist, wenn sie ihre negativen Anteile konsequent auf andere projizieren: Es stört sie nicht einmal, dass sie auf eine Bildlichkeit des Faschismus zurückgreifen.

      Auch mit Kucklick ist die Konsequenz dieselbe, die ich schon im Text zu beschreiben versucht habe. Moderne Ökonomisierungslogiken und insbesondere das Modell des Homo oeconomicus werden völlig selbstverständlich reproduziert, aber eben durch Geschlechterklischees geschleust und dadurch politisch bekömmlich gemacht.

      Das ist ungeheuer schade, wenn man bedenkt, welche Chance damit verbaut wird: nämlich die Chance, die ungeheuren positiven Möglichkeiten der Moderne – demokratische Strukturen, eine Verpflichtung auf allgemeine Menschenrechte, soziale und internationale Mobilität, allgemeine Bildung, enorm breit gefächerte Wege der Kommunikation – zu nutzen, um ihre negativen Konsequenzen abzuschwächen oder einzuhegen.

      Zur Illustration noch ein kurzes persönliches Beispiel. Ich war gestern, wieder mal, auf einer längeren Zugfahrt vom Wochenende bei unserem Sohn. Ich hatte einen Platz am Gang, und an einer Station stand ich auf, um einen Mitreisenden durchzulassen, der den Fensterplatz neben mir reserviert hatte. Dass ich dadurch nun kurzfristig im Gang stand, störte offenbar eine Frau, die zu ihrem Platz durchgehen wollte – also packte sie mich kurzerhand an den Hintern, um mich beiseite zu schieben.

      Ich unterstelle nicht, dass sie mich absichtlich an den Hintern packte – sie packte einfach irgendwo hin, es war ihr halt in ihrer Ungeduld egal. Wichtig ist: Ich hätte das so niemals bei einer Frau gemacht, oder ich wäre zumindest vor Scham versunken. Es wäre zudem eine Situation gewesen, die aus der Sicht vieler, die sich zu Metoo äußern, ein typisches Beispiel typischer männlicher Übergriffigkeit im Alltag gewesen wäre.

      Eben das ist m.E. ein zentraler Denkfehler. Das, was Weinstein zur Last gelegt wird, sind Verbrechen. Diese Verbrechen sind aber eben gerade KEIN Teil eines toxisch-männlichen Kontinuums, das beim breitbeinigen Sitzen beginnt und bei der Vergewaltigung oder dem Sexualmord endet.

      Ich erlebe permanent von Frauen Handlungen, die ich als Übergriffigkeiten deuten könnte, wenn ich wollte. Das mach ich halt nicht, weil es in den meisten Fällen albern wäre. Der Unterschied ist: Da wir (Frauen UND Männer) daran gewohnt sind, Männerkörper als disponibel wahrzunehmen, ist es weiterhin selbstverständlich, dieselbe Handlung bei Männern als nicht der Rede wert, bei Frauen als sanktionswerten Übergriff zu klassifizieren.

      Da Frauen im klassisch-bürgerlichen Geschlechterbild für etwas „Reines“ stehen, das von den Ambivalenzen der modernen Welt unberührt geblieben ist, nehmen wir Frauenkörper im Vergleich zu Männerkörpern tatsächlich deutlich eher als etwas irgendwie Sakrales wahr, dessen Grenzen auf keinen Fall beschädigt werden dürfen. Eben das macht Einseitigkeiten wie #aufschrei oder #metoo erst möglich.

      Davon unbenommen halte ich es absolut für realistisch, dass Frauen mit Grenzverletzungen durch Männer schreckliche, traumatisierende oder auch schlicht nervtötende Erfahrungen machen. Es hat nur eben erhebliche Konsequenzen, und es reproduziert alte Geschlechterklischees, wenn solche Erfahrungen generell als sinnbildlich für das Mann-Frau-Verhältnis verbucht werden.

      • Ich weiß nicht, ob ich Deinen letzten Abschnitt richtig verstanden habe – aber ich lese ihn so (etwas verkürzt):

        Frauen generell machen mit Grenzverletzungen durch Männer schreckliche Erfahrungen, aber diese Erfahrungen sind nicht sinnbildlich für das generelle Mann-Frau-Verhältnis.

        Soweit ich sehe, kommt die Allgemeinheit (das „Generelle“) schon dadurch zustande, daß Du im ersten Satz Deines Abschnitts von „Frauen“ und „Männern“ redest. Hierfür kommen nur drei Interpretationen in Frage:

        – Quantorenlogisch als universelle Generalisierung
        – Generisch („Kühe fressen Gras.“)
        – Im Sinne von „typischerweise“

        In allen drei Interpretationen erscheint mir Deine Einschätzung („halte ich es absolut für realistisch“) im ersten Satz als abwegig. Es ist *nicht* der Fall, daß Frauen – in welcher der drei genannten Interpretations-Möglichkeiten auch immer – mit Grenzverletzungen durch Männer schreckliche Erfahrungen machen (oder gemacht haben). Wahr ist dagegen, daß *einige* Frauen solche Erfahrungen machen.

        Man könnte auch sagen, daß viele Frauen solcher Erfahrungen machen – muß dann aber genau angeben: viele im Vergleich zu welcher Anzahl? Viele im Vergleich zu *allen* Frauen (etwa 3,5 Mrd.)? Sicher nicht. Viele im Vergleich zur Anzahl der Einwohner von Klein Bergedorf? Schon möglich – aber welche Relevanz hat die Einwohnerzahl von Klein Bergedorf für die schrecklichen Erfahrungen einiger Frauen mit Männern? Kurzum: wer von „vielen Frauen“ sprechen will, muß einen relevanten Vergleichs-Maßstab etablieren. Na, dann soll er erst mal machen …

        Allgemein: Eine der vielen verheerenden Errungenschaften des Feminismus besteht darin, daß er die Rede von „den Frauen“ und „den Männern“ etabliert hat. Schon mit dieser Generalisierung beginnt das Verderben. „Die Frauen“ und „die Männer“ gibt es nicht. Wohl gibt es bestimmte Gruppen von Frauen oder Männern – sofern man ihre Mitglieder eindeutig benennen kann. Aber die generelle Bezugnahme auf Frauen oder Männer führt in die Irre! Auch in diesem Fall gilt: Die Wahrheit ist immer konkret.

      • Ich finde die Augstein-Position, die sozusagen „Kollateralschäden“ mal eben so akzeptiert menschenverachtend und auf jeden Fall abzulehnen!

        Auf der anderen Seite finde ich das Leugnen sexistischer Erlebnisse im Alltag vieler Frauen ebenfalls wirklich schlimm – #Metoo ist keine „Hysterie“, sondern nichts anderes als die Veröffentlichung vieler solcher Vorkommnisse (Übergriffe, Gewalt, Belästigung und Sexismus).

        Wer sich noch immer nicht erklären kann, was es insbesondere mit Sexismus auf sich hat, lese mal den Blogpost von Zoebeck:

        Sexismus jeden Tag
        https://herlandnews.com/2017/11/07/sexismus-jeden-tag/

        Das sind Erlebnisse, wie sie wirklich jeder Frau nicht nur einmal im Leben zustoßen – und ich erwarte eigentlich von allen „billig und gerecht Denkenden“ (ein Ausdruck aus der Juristerei), dass sie solche Verhaltensweisen verurteilen und nicht von „Hysterie“ reden, wenn sie angeprangert werden. Sinn der Sache ist, DASS DAS IRGENDWANN MAL ENDLICH AUFHÖRT! Und sei es nur aus Angst, dass die eigene Karriere Schaden nimmt, wenn schon nicht aus Einsicht.

        Das sich bei weitem nicht alle Männer so verhalten, bestreitet eigentlich niemand. Und falls sich doch welche finden, sind das Extremisten und Extremistinnen, die m.E. nicht weiter Ernst zu nehmen wären.

        Die „Geschlechterdebatte“ krankt daran, dass ohne Ende projiziert und pauschalisiert wird (UND Pauschalisierung vermutet / gehört wird, wo sie gar nicht behauptet wird) – sofern man sich überhaupt gegenseitig zuhört, was ich auf allen Seiten extrem vermisse!

        • @ClaudiaBerlin

          Ich würde bei dieser Kampagne metoo schon einige Bedenken anmelden:
          1. Unschuldsvermutung/Persönlichkeitsrechte,
          2. Pranger und Hetzjagd, Emotionalisierung, Moralisierung, Skandalisierung Boulevardisierung
          3. Dass hier wirklich teilweise Sachen ausgegraben werden, die vor 30-40 Jahren stattgefunden haben: Das Meisten wird verjährt sein und dann gibt es nun auch mal ein Recht auf Vergessen, zumindest bei uns in der Schweiz.
          4. Und dann diese Einbahnstrasse: Frauen als Opfer und Männer als Täter. Gerade bei sexueller Belästigung/Sexismus haben wir einen beträchtlichen Anteil von Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer.
          5. Ausserdem: Das Ausmass ist doch längst bekannt: es gibt genügend empirisch wissenschaftliche Studien, die zeigen, wie die Realität beschaffen ist.

          • @Mark Smith: das sehe ich auch so.

            Die Reihenfolge der Punkte 1 und 2 würde vertauschen, denn die Hetze und Skandalisierung schafft erst die Basis für die moralische Panik, die in Punkt 1 angesprochen wird.

            @ClaudiaBerlin „dass sie solche Verhaltensweisen verurteilen und nicht von #Hysterie“ reden, wenn sie angeprangert werden.“

            Das erste hat mit dem zweiten nichts zu tun. Daß schlechtes Benehmen, Straftaten usw. verurteilt werden, ist selbstverständlich. Die medialen Groß-Kampagnen mit 100en Artikeln dienen nicht dazu, einen bisher unbekannten Sachverhalt bekannt zu machen. Daß sich irgendein Prozentsatz der Männer danebenbenimmt oder kriminell ist, weiß man seit Jahrzehnten.

            „Sinn der Sache ist, DASS DAS IRGENDWANN MAL ENDLICH AUFHÖRT!

            Nein, das ist bestenfalls Wunschdenken, ich habe hier dargestellt, warum die Hetzkampagnen ein untaugliches Mittel sind, diesen Effekt zu erreichen. Sinn der Sache ist – zumindest bei den Aktivistinnen in den Medien bzw. Parteien – Machtgewinn und Durchsetzen der feministischen Diskurshegemonie.

            „Die „Geschlechterdebatte“ krankt daran, dass ohne Ende projiziert und pauschalisiert wird …“

            Schon richtig. Aber genau das, sowie eine Emotionalisierung, ist ja genau der Effekt der medialen Kampagnen.

          • @Mark
            Ich beziehe mich auf die #MeToo-Tweets im deutschsprachigen Raum, da hab ich nicht eines gelesen, das Namen nannte! Auch Äußerungen in Blogs (siehe das von mir verlinkte) lassen jegliches Outing weg. Das werfe ich also nicht in einen Topf mit dem, was da rund um Weinstein et al unter Promis in USA abgeht. Wobei deren Treiben ja wohl einen Zacken heftiger war als vieles, was unter #Metoo so an Alltagsbelästigungen erzählt wurde. (Man erlebt hierzulande aber Skandal-geile Medienmenschen, die Frauen aus dem Kulturbetrieb, die keine Namen nennen, als feige beschimpfen und fordern, sie sollten doch „Ross und Reiter nennen“).

            Das mit den „30 bis 40 Jahren“ ist ein berechtigter Einwurf. Es ist falsch, wenn Medien die versammelten Kurzberichte ausschließlich als Blitzlicht auf HEUTE kolportieren – das ist es nicht und war es nie. Es stellt aber auch niemand ein Hashtag in den Raum mit der Vorgabe: bitte nur Ereignisse aus den letzten 2 Jahren.. das ist nun mal nicht das Wesen eines Hashtags. Gäbe es eine versachlichte Geschlechterdebatte, könnte man sich auf das Einbinden einer Jahreszahl einigen – es gibt ja jetzt mehr Zeichen auf Twitter.

            Zur „Einbahnstraße“: Wenn tatsächlich Männer in vergleichbarer Zahl und Intensität an Belästigungen und Übergriffen von Frauen leiden würden, dann hätten wir auch entsprechende Hashtags und jede Menge Männer, die sich beklagen, sich dagegen wehren, es öffentlich machen, diese ganzen Übergriffe im Detail schildern – und nicht nur in Medien, sondern zuvorderst im Freundes- und Bekanntenkreis. Dort aber finden sich bei egal wen du fragst immer Frauen, die dies und das zu berichten haben, aber kaum Männer mit entsprechenden Geschichten. Ich weiß, dass es sie gibt, aber eher spärlich. Jedenfalls ist es nicht die Aufgabe der Frauen, die sich belästigt fühlten oder sogar Gewalt erfahren haben, immer mitzuerwähnen, dass es gewiss auch Männer gibt, die mal zum Opfer von Frauen werden. Das wäre jedenfalls ein seltsames Ansinnen!

          • @ClaudiaBerlin

            Nun, Du spielst auf den Artikel von Sabine Rückerts an: Müsste man m.E. gesondert betrachten, ich selbst fand den Artikel jedoch gut und den von Carolin Würfel doch auch ziemlich unterirdisch für ein journalistisches Produkt. Das war m.E. tatsächlich unterirdischer Journalismus von Würfel, aber wie gesagt, müsste man gesondert anschauen unter Zuhilfenahme journalistischer Qualitätskriterien.

            Nun, die Leute dürfen ja gerne ihre Erfahrungen vor 30 oder 40 Jahre erzählen, falls sie das Bedürfnis haben, nur einfach bitte ohne Namen. Weil hier kommt dann auch die Unschuldsvermutung ins Spiel, Verjährungsfristen und „ein Recht auf Vergessen“ für den Beschuldigten. Das sind m.E. rechtsstaatliche Grundsätze, die einfach eingehalten werden müssen.

            Zur Einbahnstrasse: Ich habe die Studie aus der Schweiz schon ein paar Mal hier gebracht: wenn es um den objektiven Tatbestand der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz geht, dann gibt es keine wesentlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Nun wird in dieser Studie ein Kunstgriff gemacht und es wird die subjektive „Empfindsamkeit“ dieses objektiven Tatbestands berücksichtigt und siehe da: Frauen fühlen sich offenbar um ein Vielfaches vermehrt subjektiv beeinträchtigt als Männer durch denselben objektiven Tatbestand. Dieser Umstand ist jedoch erklärungsbedürftig: Das kann damit zusammenhängen, dass wir beispielsweise bei den Frauen einen „Opfernarzissmus“ haben. Das kann damit zusammen hängen, dass Männer viel weniger über ihre Problematiken sprechen (was übrigens der dominante Sozialisationsmodus bei Männern ist: Das Prinzip der Externalisierung). Ich finde, Du machst es Dir hier extrem einfach. Es gibt doch viel mehr Ehrverletzungsdelikte, eine Unmenge an Eigentumsdelikten, eine Unmenge an Mobbing, eine Unmenge an Körperverletzung, aber über Eigentumsdelikte sprechen Frauen kaum, über Mobbing sprechen sich auch eher selten, über Körperverletzung auch viel seltener, und meist nur, wenn es unter Häusliche Gewalt subsumiert wird etc. Du siehst: Die Häufigkeit, über etwas zu sprechen, ist kein Gradmesser dafür, ob etwas stattfindet oder nicht.

        • @ Claudia Ich mache auch einen Unterschied zwischen den Erfahrungen, von denen Menschen berichten, und den allgemeinen Schlüssen, die aus diesen Erfahrungen gezogen werden.

          Was die Berichte über persönliche Erfahrungen angeht, hat es keinen Sinn, sie zu diskreditieren. Selbst wenn ich den Eindruck habe, dass irgendwas an der Erzählung nicht stimmt oder passt, muss ich doch einfach erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass ein Mensch die eigenen Erfahrungen auf eben diese Weise wahrnimmt. Es hat überhaupt keinen Sinn, ihm – oder ihr – das ausreden zu wollen.

          Etwas anderes sind aber die allgemeinen Schlüsse daraus. Da finde ich sehr wohl, dass die Berichte über sexuelle Belästigungen in fast allen öffentlichen Äußerungen als Übergriffe von Männern auf Frauen gewertet werden und dass sie als männliches Problem erscheinen, für das sich Männer insgesamt verantwortlich fühlen sollten. Ein Titelbild des Stern bringt diese Haltung auf den Punkt:

          Stern MeToo-Titel

          Drei Frauen im Vordergrund, auf uns als Betrachter schauend, farbig herausgehoben – und dahinter, ganz in rot-schwarz, eine Bildergalerie von Männern, denen sexuelle Übergriffigkeit unterstellt wurde. Das ist ein propagandistisches Cover: Die Frauen allein sind MENSCHEN, ihr Blick stellt eine Beziehung zum Betrachter her – die Männer sind eine diffuse Bedrohung, die den Menschen im Vordergrund schaden wollen. Dass die abgebildete Melanie Raabe überhaupt nicht von sexuellen Übergriffen berichtet – dass der im Hintergrund abgebildete Kevin Spacey gegenüber einem MÄNNLICHEN Jugendlichen übergriffig geworden sein soll – das ist alles ganz egal. Wichtig ist das Klischee des räuberischen Mannes, der eine allgegenwärtige Bedrohung für die Frau darstellt. Rotkäppchen und die Wölfe.

          Damit ist der Stern eher die Regel als die Ausnahme – sonst wäre die Feindseligkeit dieses Covers ja auch viel stärker aufgefallen und kritisiert worden. #NotAllMen ist ein Hashtag, mit dem sich Frauen über Männer lustig machen, die sich gegen Generalisierungen verwahren, die angemessenen männliche Antwort auf #MeToo ist #HowIWillChange.

          Natürlich behauptet dann niemand, ALLE Männer wären sexuell übergriffig – aber diese allzu simple Aussage lässt sich jederzeit ersetzen durch die Behauptung, hier ginge es halt um „strukturelle Gewalt“. Und von diesen Strukturen profitieren dann – das wissen wir ja seit Brownmiller und Connell – irgendwie alle Männer auf Kosten von irgendwie allen Frauen.

          So argumentiert dann auch Zoe Beck in dem sehr interessanten Text, den Du verlinkt hast. Erst unterscheidet sie zwischen Sexismus und sexueller Belästigung – dann wirft sie doch wieder beides zusammen, schreibt davon, „dass sich (zumeist) Frauen in einer weniger privilegierten Position befinden und (zumeist) Männer in einer mächtigeren Position, die sie entsprechend ausnutzen können oder wollen“.

          Schon die Grundannahme bezweifle ich kräftig. Männer sind im Arbeitsleben deutlich stärker vertreten als Frauen, also sind sie auch stärker in beruflichen Machtpositionen vertreten, und die können immer ausgenutzt werden. Daraus aber den Eindruck zu erwecken, Männer befänden sich in einer strukturellen Machtposition gegenüber Frauen, ist kurzschlüssig.

          Was öffentliche Diskurse angeht, habe ich den Eindruck, dass auch massive Übergriffigkeiten gegenüber Männern viel selbstverständlicher geduldet werden als solche gegenüber Frauen. Arne Hoffmann hatte gerade einen Artikel von Julie Bindel im Guardian (!), eine der wichtigsten britischen Zeitungen, verlinkt, in dem sie weit und breit und mit beliebig durcheinander gewürfelten Belegen erklärt, warum Frauen im Vergleich zu Männern die besseren Menschen wären. Das kann ich mir andersherum schlicht nicht vorstellen – die Empörung wäre riesig.

          Oder solch ein Vorgehen wie das des Hilfswerks PLAN, das hier schon mehrfach Thema war: Hilfsgelder für Kinder in Not zu sammeln unter der ausdrücklichen Bedingung, dass es um weibliche und nicht um männliche Kinder geht. Das ist einfach nur eine zynische Spekulation darauf, dass viele Menschen lieber für Mädchen als für Jungen spenden – und das Kalkül ist offensichtlich erfolgreich.

          Erstens ist es also falsch, diffus von „Strukturen“ zu reden, die Männer tendenziell in Positionen der Macht und Frauen in Positionen der Ohnmacht setzen – zweitens ist es dann falsch, die Erfahrungen von Menschen zu deuten als Symptome einer irgendwie allgemeinen irgendwie männlichen Machtausübung. Das führt dann eben auch dazu, dass die Erfahrungen von Männern und Jungen verschwinden, weil sie eh als Tätererfahrungen verbucht werden (auch dafür ist das Stern-Titel ein Beispiel).

          In dem Punkt unterscheiden wir uns dann offenbar – denn in meinen Augen ist die gegenwärtige Debatte tatsächlich weitgehend von diesen Voraussetzungen bestimmt, die ich haltlos finde.

          • @Lukas,

            so geht es halt meistens, wenn ich in einem Männerblog kommentiere: da bleibt es nicht bei dem Punkt, zu dem ich mich äußere, sondern es geht von diesem zu jenem und jenem – schnell werden so viele Themen angesprochen, dass ich Stunden damit zubringen könnte, auf alles einzugehen. Die Zeit hab‘ ich nicht, obwohl ich diese Kontroversen spannend finde.

            Ich kann mir höchstens „was raus picken“ – und zu den Medienerfahrungen, die du zitierst, sag ich zum Beispiel: die wollen das so, die machen das gerne so, die skandalisieren und polarisieren, was das Zeug hält und kümmern sich dabei verdammt wenig um inhaltliche Stimmigkeit. Das STERN-Cover ist da ganz typisch, es geht aber bei allen Themen so ab – sie können gar nicht mehr anders, um noch bisschen bemerkt zu werden in all dem medialen Geschwurbel!

            Das mit den Strukturen find ich auch fragwürdig – im echten Sinn des Wortes. Dazu hab ich mich in meinem letzten Blogpost geäußert, wie auch zu manchem anderen Punkt der gängigen „Geschlechterdebatte“.

            Diese Debatte – wie soll sie eigentlich stattfinden? Ist es zum Beispiel legitim, dass Christian und jetzt auch du schrecklich gerne die ganze westliche Welt nach abgefahrenen Äußerungen irgendwelcher sich Feministinnen nennenden Frauen scannt, um die dann hier anzuprangern? Was interessiert mich “ Julie Bindel im Guardian“? Gar nicht! Hab trotzdem reingelesen: aha, sie meint, dass Frauen durch die Jahrtausende Unterdrückungserfahrung spezifische Skills errungen haben, die sie nun auf manchen Feldern „besser“ aussehen lassen als Männer – die in ihren Machtpositionen eher verweichlichen – oder so… Gähhnnnnnn… Mir hat schon das erste Drittel gereicht. Wenn dich das aufregt, lies es durch und argumentiere dagegen – aber stell es nicht hin als sei es eine irgendwie bedeutende Aussage im Sinne der hiesigen Debatte. Ist es nicht = meine Meinung. 🙂

          • @claudia:
            „so geht es halt meistens, wenn ich in einem Männerblog kommentiere: da bleibt es nicht bei dem Punkt, zu dem ich mich äußere, sondern es geht von diesem zu jenem und jenem – schnell werden so viele Themen angesprochen, dass ich Stunden damit zubringen könnte, auf alles einzugehen.“

            Die Männer auf diesen Männerblogs sind aufmerksame Beobachter: Sie haben erkannt, dass der Zeitgeist großes Gefallen an „Strukuren“, „Systemen“, „Rollen“ usw hat. Da ist es nur folgerichtig, wenn Männer ihre Probleme unter diesem aktuellen Blickwinkel behandeln und diskutieren.

            Im GEGENSATZ zum Zeitgeist tun sie das üblicherweise auf eine angenehm vernünftige Art und Weise. Soll heißen, es wird nicht ein x-beliebige Befindlichkeit zur Struktur hochgejazzt, der Begriff wird dort eingesetzt wo er tatsächlich passend ist.

            Umso unverständlicher ist vor diesem Hintergrund dein obiger Einwand.

            „schnell werden so viele Themen angesprochen, dass ich Stunden damit zubringen könnte, auf alles einzugehen. Die Zeit hab‘ ich nicht, obwohl ich diese Kontroversen spannend finde.“

            DAS wäre doch mal eine Erwiderung, wenn wieder einmal blöder Anmachspruch, Vergewaltigung, und Hand am Knie in einen Topf geworfen werden.

          • @ Lucas

            Ja ja, das Sterncover ist mir auch schon sehr negativ aufgefallen; hab ich vor kurzem auch einen längeren Leserbrief auf Genderama zu geschrieben, in dem ich ganz ähnliche Aspekte beschrieben habe wie du.

            Und ich finde auch, dass Claudia da mit „Skandalisierung“ als Erklärung zu kurz greift. Natürlich versuchen Zeitungen möglichst alles skandalträchtig zu überzeichnen. Aber hier liegt ja ein hier kritisierter Aspekt vor, der tatsächlich gar nicht als Skandal empfunden wird. Die klare Zuschreibung von Tätern und Opfern an der Geschlechtergrenze entlang wird ja als normal und gegeben angesehen. Wo ist denn da der mediale Skandal. Wo haben sich denn schon reihenweise Schreiberlinge großer, relevanter Medien über derlei sexistische Auswüchse mokiert? Im Endeffekt perpetuieren sie doch allesamt diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

            Für mich ist es unfassbar, wie Menschen, die von ihrer Profession her doch eigentlich allesamt mindestens Abitur geschafft haben müssen, für derart offensichtlichen Sexismus und so unübersehbare Doppelstandards derartig blind sein können. Es müssten ja in solch einem Cover noch nicht einmal die Frauen durch weiße „Biodeutsche“ und die in rot und schwarz gehaltenen Männer durch ausschließlich arabisch / persisch / türkisch aussehende Straftäter und die Überschrift durch „Kriminalität im Alltag – kenne ich“ ersetzt werden, damit genau dieselben Klappstühle in den Redaktionsräumen sofort ob des klaren Rassismus‘ auf die Barrikaden gingen. Es reichte schon eine 1 zu 1 Spiegelung des Covers. Es reichte schon, dass man unter der Überschrift „Mobbing und Intrigantentum im Job? Kenne ich“ in den Bildern die Geschlechter einmal austauscht; drei Männer in bunt in die Mitte und in rot und schwarz nur Frauen außen rum. Selbst das würde zu einem Wochen langen Medienkrawall führen, würde nur eine halbwegs relevante Zeitung sich wagen, bei solch einem Thema eine vergleichbare Geschlechterzuschreibung abbilden. Feministische Journaleusen würden sich überschlagen, die Stokowskis dieser Welt müssten sich auf ihre Fähigkeit des blinden Zehnfingerschreibens verlassen, weil sie unter all dem Schaum, der aus ihren Mündern trieft die Tastaturen nicht mehr sehen könnten, Will, Maischberger und Co. hätten jeweils mindestens fünf Sendungen in Folge kein anderes Thema mehr als den gesellschaftlichen Hass auf Frauen.

            Aber wird bei einem Thema, wider aller Empirie, Männern klar erkennbar die reine Täter- und Frauen die reine Opferrolle zugeschrieben, wird das als vollkommen normal und unproblematisch empfunden. Das zeigt in meinen Augen klar den in unserer Gesellschaft wohl am tiefsten verwurzelten und somit schädlichsten Sexismus. Da ist der von dir erwähnte Guardian-Artikel ja auch nur einer von unzähligen Beweisen. Denn auch das wäre mit umgekehrten Geschlechtervorzeichen ein absolutes No-Go und fände im Leben nie eine Freigabe in den Redaktionsstuben. Und wenn doch, wäre gewiss gerade die Autorin des verlinkten Artikels eine von denen, die am heftigsten vor Wut schnauben und dieses Schnauben in hasserfüllten Artikeln in die Welt ventilieren würden.

            Und dann natürlich unausweichlich die Dauerphrase von den Frauen, „die endlich ihr Schweigen brechen“. Aber von welchem Schweigen wird denn da geredet? Gab es nicht schon genug wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Thema? Hat sich nicht schon oft genug gezeigt, dass es etwa im Bereich der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz zwar in der Ausgestaltung aber nicht in der Häufigkeit geschlechterspezifische Signifikanzen gibt? Ist aber nicht gerade da immer wieder aufgefallen, dass die Thematisierung solcher Vorfälle gerade bei Männern eine sehr erhebliche Diskrepanz zum tatsächlichen Stattfinden aufweist? Wo ist also das Schweigen der Frauen bei einem Thema, bei dem es doch in der medialen und politischen Thematisierung eh schon immer nur um sie ging?

            Diese Tendenz im Feminismus, permanent sich selbst als heldenhafter Kämpfer zu stilisieren, der endlich die Blockaden in der Gesellschaft durchbricht, dabei aber eigentlich ununterbrochen nur auf einer Welle surft die gleichzeitig genau das Gegenteil tut, nämlich wirklich tabuisierte Themen unter sich zu begraben und auch ganz gewiss niemals an die Oberfläche drängen lassen. Wie wichtig einschlägigen Aktivisten genau das ist, zeigt sich ja immer wieder an den enragierten und gehässigen Reaktionen darauf, wenn sich z. B. bei #aufschrei oder #metoo doch am Ende sogar mal Männer trauen, über ihre Erfahrungen als Opfer zu berichten.

        • @ClaudiaBerlin:

          Ich habe mich beim Artikel von zoebeck gefragt: wieso ist das schon wieder ein Beispiel aus der Medienbranche? Neben dem generellen Merkmal des Problems, das es mit Orten von sozialem Machtgefälle zu tun hat, hat es doch offensichtlich etwas mit dem Typus von Mensch zu tun, dem man in diesem Sektor antrifft – überlebensgroße Egos, Exzentrik, Narzissmus, bohèmehafte Geringschätzung von Anstand und Moral als »spießig«, Ideen von sexueller Libertinage und ähnliches. Die #metoo-Kampagne ist weithin eine Kampagne der Medienschaffenden in eigener Sache – was deren gutes Recht ist. Wenn man Wortmeldungen wie die von Carolin Würfel hinzunimmt, dann kann man das Feld ein Stück auf einen Kreis von Personen mit hohem kulturellen Kapital erweitern.

          Insofern wäre es doch schlicht in der Sache angemessen, auch das Spezifische des Problems zu benennen. Das ist aber genau das, was nicht passiert: das Thema wird publizistisch ausgebeutet, um eine Mitverantwortung an solchem Verhalten möglichst breit und unspezifisch zu unterstellen, und zwar entlang der Geschlechtszugehörigkeit als alleinigem Kriterium – sofern die Geschlechtszugehörigkeit »männlich« lautet.

          Das ist in soziologischer Hinsicht, in der monokausale Erklärungen ein absolutes no-go sind, vollkommen hanebüchen, womit sich die Kampagne im Übrigen auch selbst als sexistisch qualifiziert – und dennoch ist dergleichen publizistischer Alltag, und das seit mittlerweile Jahrzehnten. Und diese Einseitigkeit hat Methode: würde bei solchen Problemen grundsätzlich empirisch ergebnisoffen gefragt: »wer ist denn eigentlich wie betroffen«, dann kämen Formen der Gewalt auf die Tagesodnung, die die feministische Wirklichkeitswahrnehmung gezielt nicht sehen will: Formen der Gewalt, bei denen Männer Opfer und Frauen Täterinnen sind. Diese Formen der Gewalt würden ein feministisches Axiom infragestellen: dass sich Männer und Frauen sauber in die Kategorien Täter und Opfer zuweisen lassen.

          Denn dieses Axiom ist der fundamentale Legitimationsgrund für alle Formen feministischer Lobbytätigkeit.

          Und darum sind Kampagnen wie #metoo ein Missbrauch der Betroffenen durch die feministischen Lobbies. Die Stimmen der Betroffenen werden nicht von einem angeblichen Beschweigen unterdrückt, sondern sie gehen im Getöse der mit Konzertlautstärke hinausgedröhnten, verallgemeinernden Schuldzuweisungen an »Männer« unter. Es ist ein Machtkampf zur Verteidigung der feministischen Diskursherrschaft, die die Feministinnen angeblich nicht besitzen. Berechtigte Anlässe werden mit pauschalen ideologischen Lügen überbrüllt.

          #metoo und ähnliche Hashtags fordern solidarisches Verhalten von Männern mit den Betroffenen ein. Das ist, wenigstens derzeit, das Gegenteil von dem, was Männer in Bezug auf diese Kampagnen tun sollten. Denn »dass das endlich mal aufhört«, ist ein Wunsch, den man leider auch an die Kampagnenbetreiber richten muss. Wie Arne das vor einiger Zeit mal formuliert hat: »Hört einfach mal auf, zu lügen!«

          • Hadmut Danisch hat Würfel’s Beschuldigte übrigens angezeigt, resp. als sie Zeugin von unbekannt verübten Straftaten der StA bekanntgegeben.
            Und?
            Der zuständighe StA hat den Mist von Würfel zwar offenbar gelesen, aber das Verfahren unbearbeitet eingestellt.
            Der Hammer: Es handelt sich großteils um Offizialdelikte, wo er nach Bekanntwerden, automatisch umfassende Ermittlungen hätte einleiten müssen.
            Siehe:
            http://www.danisch.de/blog/2017/12/08/die-zeugin-carolin-wuerfel-hat-sich-auf-ein-zeugnisverweigerungsrecht-berufen/#more-21110

          • @ djadmoros „Das ist in soziologischer Hinsicht, in der monokausale Erklärungen ein absolutes no-go sind, vollkommen hanebüchen“ Deshalb glaube ich auch, dass es überhaupt nicht darum geht, hier irgendetwas zu erklären. Worum es bei wohlwollender Betrachtung geht, ist: dass Menschen den Mund aufmachen, die zuvor das Gefühl hatten, sie müssten schweigen. Warum auch immer. Das wäre immerhin eine positive Bewegung, und das ist ja auch die Selbstsicht der an #metoo Beteiligten.

            Nur: Was fängt man dann damit an? Reicht es, dass Menschen über bedrückende Erlebnisse berichten – dass Verantwortliche aufgeregt aus ihren Positionen entfernt werden – und dass es sich dann damit hat? Ich hätte zumindest die Erwartung, auch irgendetwas zu finden, was solche Situationen erklärt, um sie in Zukunft vermeiden zu können, anstatt lediglich hinterher Schuldige zu entfernen.

            Eben dazu kommt aber eigentlich gar nichts, bis auf eine diffuse, raunende Belastung von Männlichkeit. Ich hab ja im Text schon geschrieben, dass die schärfsten Beiträge nicht von Frauen, sondern von Männern stammen, und im Sinne der Spiegel-internen Eskalationslogik der besseren Männer hat Diez jetzt nochmal nachgelegt – kann ja nicht sein, dass sich Augstein allein für eine Revolution der Geschlechter verantwortlich fühlt.
            http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sexismus-das-dunkel-am-grund-kolumne-von-georg-diez-a-1182466.html

            „Es fehlt etwas in dieser Diskussion, und das ist die Frage nach dem Wesen der männlichen Sexualität, nach dem, was Sigmund Freud den „Kessel brodelnder Triebe“ nannte.“ Das steht da so, dass ich beim Lesen dachte, jetzt würde er etwas zu diesem Kessel schreiben. Dazu kommt dann aber nichts, außer dem schon tausendfach (und eben überhaupt nicht fehlenden) Hinweis, es ginge „um die männliche Kontrolle über den weiblichen Körper“. Wer das in der öffentlichen Diskussion vermisst, hat sämtliche Abtreibungsdebatten und sämtliche feministischen Diskussionen sexueller Gewalt verschlafen, und zwar seit Jahrzehnten.

            Diez‘ Text ist idealtypisch für eine „Debatte“, in der ein Versuch von Erklärungen ersetzt wird durch eine bloße Pose – nämlich daran beteiligt zu sein, dass nun endlich eine Mauer des Schweigens durchbrochen würde. Grob geschätzt wurde diese Mauer in den letzten fünf Jahren ca. 17 Mal gebrochen, mit immer kürzerer Frequenz – aber jedes Mal scheint das erste Mal zu sein.

            Die diffusen Belastungen männlicher Sexualität tragen aber genau NICHTS zur Erklärung sexueller Übergriffigkeit bei. Im Gegenteil: Sie erklären nur jeden Mann, der sich von Typen wie Weinstein (mal vorausgesetzt, die Anschuldigungen sind wahr) angekotzt fühlt, zu einem Quasi-Weinstein. Anstatt also GESCHLECHTSUNABHÄNGIG Grenzen zu klären, die nicht überschritten werden dürfen – anstatt darauf zu bauen, dass die meisten Männer ebenso wie die meisten Frauen ein Interesse an solchen Grenzen haben – wird Grenzüberschreitung als etwas irgendwie inhärent Männliches präsentiert. Damit gehen dann erstens Männer als natürliche Bündnispartner verloren, und zweitens werden Übergriffe von Frauen verharmlost.

            Es geht also Typen wie Diez – und er steht stellvertretend für den Verlauf von #metoo – nicht um Erklärungen, und es geht auch nicht um Verbesserungen der Situation.

          • Wäre dein letzter Satz nicht, hätte ich dir in weiten Teilen zugestimmt. Ich habe viele Metoo-Tweets gelesen und glaube nicht, dass die große Mehrheit der Frauen lügt! Es kommen in nahezu jedem Frauenleben Übergriffe, Belästigungen, Sexismus vor – ich sag „nahezu“, weil man ja nie sicher sein kann, aber noch jede Frau, mit der ich jemals über derlei ins Gespräch kam hatte etwas zu berichten, was auch unter #MeToo mit Recht hätte gepostet werden können.
            Das Wesen eines Hasthtags ist ja gerade, dass es eben KEINE klassische „Kampagne“ ist, sondern lediglich ein „Schreibimpuls“. Es gibt niemanden, auch keine feministische Herrscherinnenclique, die sowas „orchestriert“ – aber natürlich gibt es Medien aller Coleur, die das dann auf ihre Weise verwursten.

            “ würde bei solchen Problemen grundsätzlich empirisch ergebnisoffen gefragt: »wer ist denn eigentlich wie betroffen«, dann kämen Formen der Gewalt auf die Tagesodnung, die die feministische Wirklichkeitswahrnehmung gezielt nicht sehen will: Formen der Gewalt, bei denen Männer Opfer und Frauen Täterinnen sind. Diese Formen der Gewalt würden ein feministisches Axiom infragestellen: dass sich Männer und Frauen sauber in die Kategorien Täter und Opfer zuweisen lassen.“

            Ja verdammt nochmal, WER HINDERT EUCH DENN DARAN, diese Dinge öffentlich zu machen? Warum lese ich in Männerblogs ohne Ende Anklagen gegen „den Feminismus“, der angeblich hierzulande „den Diskurs beherrscht“ – anstatt der fehlenden Inhalte? Von Frauen kannst du in einschlägigen Blogs und Foren eine Menge persönlicher Geschichten, Klagen und Probleme lesen, die sie mit Männern haben – von Männern les‘ ich nichts dergleichen, sollte das an mir liegen, schick mir Links!
            Im übrigen bin ich für klare Sprache: die Ausdehnung, die z.B. der Begriff „Gewalt“ mittlerweile erfährt, finde ich übel. Es hatte gute Gründe, physische Gewalt von Nötigung zu unterscheiden – und mittlerweile gilt ja schon ’ne andere Meinung in manchen Kreisen als „Mikroaggression“.

          • @djadmoros: mein letzter Kommentar war an dich gerichtet und auf den letzten Satz bezogen:

            „Wie Arne das vor einiger Zeit mal formuliert hat: »Hört einfach mal auf, zu lügen!«“

          • @ClaudiaBerlin:

            Mein letzter Satz sollte keine Unterstellung sein, dass die Frauen, die über solche Erfahrungen berichten, lügen. Sondern die Lüge steckt in der Art und Weise, wie diese Erfahrungen medial und kampagnenmäßig aufbereitet werden. Zum einen, indem Erfahrungen unterschiedlichen Schweregrads unterschiedlos in dieselbe Kategorie wandern, zum andern bezüglich des kommunikativen Doppelstandards, dass »Anmache« nur dann als »Sexismus« gilt, wenn sie vom »falschen Mann« ausgeht – was man auch an den immer mal wiederkehrenden Feuilletonartikeln ablesen kann, in denen Frauen klagen, dass Männern zusehends die »männliche« Initiative beim Flirten fehle. Und schließlich, indem jenes weibliche Verhalten unterschlagen wird, dass die entsprechenden Spiele mitspielt, indem sexuelle Signale kalkuliert eingesetzt werden.

            Gerade letzeres bewegt sich in einer Zone der Kommunikation, in der Doppeldeutigkeit, Ambivalenz und eben auch geschlechtstypische Asymmetrien gerade den Reiz ausmachen (worauf in der Kritik an den Sexismus-Kampagnen auch immer wieder hingewiesen wird). Aber die pauschale Rubrik »Sexismus« schlägt alles dies dem Bereich kriminellen Verhaltens zu, um diesen über alle Maßen aufzublasen.

            »Warum lese ich in Männerblogs ohne Ende Anklagen gegen „den Feminismus“, der angeblich hierzulande „den Diskurs beherrscht“ – anstatt der fehlenden Inhalte?«

            Wieso sind Anklagen gegen den Feminismus kein »Inhalt«? Der heutige Zustand des Feminismus (um historische Fragen mal auszuklammern) ist doch Teil des Problems, mit dem sich Männer heute konfrontiert sehen. Wann immer sie ihre Stimme erheben, beginnt irgendwo ein feministischer Chor zu zetern, dass Männerprobleme nichts wert oder Männer an ihren Problemen zumindest selber schuld seien, und diese Wertungen werden obendrein immer wieder durch politische Entscheidungen bekräftigt (bei denen man dann feststellen kann, dass konservative Politiker oftmals stillschweigend auf derselben politischen Linie liegen wie die lautstarken Feministinnen).

            Und das bestärkt viele Männer eben darin, ihre negativen Erfahrungen lieber im Privaten zu belassen – die Erfahrung des »adding insult to injury« möchte man sich ersparen. Ebenso ist die Freizügigkeit, mit der Frauen ihre Probleme mit Männern schildern, auch ein Resultat der öffentlichen Ermunterung dazu. Die feministische Behauptung, es müsse diesbezüglich ein »Schweigen durchbrochen« werden, ist da vermutlich die größte Lüge an der ganzen Thematik.

          • @ClaudiaBerlin:

            »Das Wesen eines Hasthtags ist ja gerade, dass es eben KEINE klassische „Kampagne“ ist, sondern lediglich ein „Schreibimpuls“. Es gibt niemanden, auch keine feministische Herrscherinnenclique, die sowas „orchestriert“ – aber natürlich gibt es Medien aller Coleur, die das dann auf ihre Weise verwursten.«

            Es ist die mediale Repräsentation eines Hashtags, die ihm Aufmerksamkeit und Reichweite verleiht, die ihn verstärken oder sich selbst überlassen kann. Eine »klassische« Kampagne ist das schon darum nicht, weil es eben eine Kampagne der neuen sozialen Medien ist. Die Angehörigen feministischer Netzwerke sind darin ja selbst Akteure, nicht bloß externe Beobachter. Die Opposition von »verwurstenden« Medien hier, spontanen Schreibimpulsen dort wird in den sozialen Medien verwischt. Aber eine »Herrscherinnenclique« ist das trotzdem.

          • @Lucas, @ClaudiaBerlin:

            Das Thema von Macht und Libido ist ja tatsächlich ein spannendes. Der Haken daran ist (mal wieder), dass es zwei Seiten hat, die in Diez‘ mythischer Anrufung der »2.500 Jahre Unterdrückung« erwartbar ausgeblendet wird und auch bei Stephen Marche zu kurz kommt. Ich mache mal eine kurze Liste:

            (1) Die Gewalt männlicher Libido ist, bis zu einem gewissen Grad, auch sexy, von ihr geht eine sexuelle Anziehungskraft aus. Auch das gehört zu den »mechanisms of human desire«, auf die sich Marche bezieht. An diesem Punkt liegt die Evolutionspsychologie richtig. Was über die Evolutionspsychologie hinausweist, sind die im »Naturzustand« fehlenden gesellschaftlichen Machthierarchien, die den »Gradienten« von Machtverhältnissen sprunghaft erhöhen. Damit der Häuptling einen Harem haben kann, muss die Institution des Häuptlings zuerst erfunden worden sein.

            (2) Wer die rasende psychische und physische Gewaltsamkeit einer narzisstisch gekränkten Frau oder die manipulative Hinterhältigkeit einer narzisstischen Mutter niemals erfahren hat, hat es leicht, sich auf die destruktiven Potenziale der männlichen Psyche zu konzentrieren, und er wird dabei auch leicht übersehen, dass Frauen Gewalt an Männer delegieren. Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern sind kommunizierende Röhren, die zwei Richtungen haben.

            (3) Macht macht Männer nicht mächtig. Die ursprüngliche geschlechtsspezifische Arbeitsteilung lässt sie in Positionen der Überverantwortlichkeit geraten, die sie sich nicht willentlich ausgesucht haben, sondern in die sie im Zuge des gesellschaftlichen Komplexitätswachstums jenseits des »Naturzustandes« hineingeraten sind. Sie sind damit immer wieder auch systematisch überfordert – aber das resultiert aus keinem Defizit der männlichen Psyche, sondern gehört zur Tragik der menschlichen Zivilisation. Mit der Macht wachsen auch die Zuständigkeiten und Sorgen, und der Machtmißbrauch war zu allen Zeiten von Delegitimation und Umsturz bedroht, wenn der Machtinhaber in seiner Verantwortung und seinen Fürsorgepflichten versagt hat.

            (4) Der Feminismus hat aus dieser Tragik eine küchenpsychologische Sündenfallerzählung gemacht, die keine Ursachen ergründen, sondern »Schuldige« bezichtigen will. Und in einer solchen Weise redet Diez von den männlichen Trieben. Marche formuliert immerhin eine wichtige Einsicht:

            »Sex is an impediment to any idealism, which is why the post-Weinstein era will be an era of gender pessimism. What if there is no possible reconciliation between the bright clean ideals of gender equality and the mechanisms of human desire? Meanwhile, sexual morality, so long resisted by liberals, has returned with a vengeance, albeit under progressive terms. The sensation of righteousness, which social media doles out in ever-diminishing dopamine hits, drives the discussion, but also limits it. Unable to find justice, or even to imagine it, we are returning to shame as our primary social form of sexual control.«

            Damit benennt Marche die paradoxe Frage, wie man zugleich sexuelle Befreiung haben und zivilisiert bleiben kann. Das Paradox ist nicht unlösbar – aber nur in gemeinsamer Verantwortung beider Geschlechter. Vielleicht muss man hier ja – als instruktiven Grenzfall – tatsächlich die BDSM-Szene zur Kenntnis nehmen, in der höchst asymmetrische Beziehungsformen mit gewaltsamen Libidoaspekten trotzdem unter der Maxime des »safe, sane and consensual« zivilisiert werden.

            »Returning to shame as our primary social form of sexual control« wäre unter heutigen Rahmenbedingungen jedenfalls die feministische Dystopie eines puritanischen und faschistischen Terrors, in dem die böse Vokabel vom »Feminazi« endgültig zur gesellschaftlichen Realität kondensieren würde.

            (5) Ein ernstzunehmender Feminismus müsste Männern nicht Macht abnehmen, sondern Verantwortung – um sie dabei zu unterstützen, sich aus den Verstrickungen der Überverantwortlichkeit zu befreien. Der real existierende Feminismus tut das Gegenteil: er erklärt Männer für universell verantwortlich und spricht Frauen von jeglicher Verantwortung frei – tagespolitisch ebenso wie historisch. Auf diese Weise reproduziert die Frauenbewegung, was sie zu bekämpfen vorgibt.

          • @ Claudia:
            „Es gibt niemanden, auch keine feministische Herrscherinnenclique, die sowas „orchestriert“ “
            Wie bitte? Hast Du die Entstehung von #Aufschrei! komplett ausgeblendet, oder warst in dem mindestens halben Jahr nicht am Netz?
            Nun gut, es war keine „Herrscherinnenclique, aber eine profitgeile Medienaktuers- u. Politclique. Das macht es aber kein Stück besser.
            Da wurde vom STERN u.w. jede Menge Kohle einer professionellen Hetzfeministin ( Wizorek ) in den gierigen Hals geschüttet, um das Ding ganz gezielt zur Hasswelle zu orchestrieren.
            Und bei den meisten anderen Kampagnen lief es offenbar lediglich ein wenig verdeckter, aber letztendlich nach dem gleichen Muster.

        • @ Claudia:
          Ich versuche es mal ausgesprochen höflich, was mir zugegebenermaßen nicht ganz leicht fällt, eigentlich wäre hier ein kräftiger, deutlicher Rant angesagt, ob Deiner Ignoranz.

          „Auf der anderen Seite finde ich das Leugnen sexistischer Erlebnisse im Alltag vieler Frauen ebenfalls wirklich schlimm“

          Wer soll denn da nun von Dir beschuldigt werden? Der, der diese Leugnung in „die Männer“ projiziert? Ich vermute mal, daß das genaue Gegenteil Deine Intention war.
          Nenne doch mal einen einzigen Namen, wer hat denn Sexismus geleugnet. Doch bis jetzt nur ein paar ( allerdings wenige ) Feministen, nämlich Sexismus ggü. Männern, weil der ja systemisch-strukturell unmöglich wäre. Willst Du auf das Niveau zurückfahren?

          „#Metoo ist keine „Hysterie“, sondern nichts anderes als die Veröffentlichung vieler solcher Vorkommnisse (Übergriffe, Gewalt, Belästigung und Sexismus). “
          Deine Phamntasie in allen Ehren, aber so ein wenig gesunden Menschenverstand und eine gewisse Kognitionsfähigkeit hast Du doch auch, oder? Was soll also diese seltsame Äußerung? Jeder sah doch auf den ersten Blick auf den Hashtag, daß es ausschließlich um kreischende Hysterie ging, #ichauchichauchichnochvielschlimmeralsDu ……
          Das ist schon vor Jahrhunderten, wenn nicht tausenden Jahren als die klassische Form von Gruppenhysterie erkennt und definiert worden.
          Und in der Tat hat mal wer recherchiert und ist zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen. Leider habe ich gedacht, das kriegt jeder mit und habe es lediglich registriert, aber nicht digital abgespeichert, kann es also nur aus dem Kopf wiedergeben.
          Da war mal eine US-Seifenserie, die zwei Hauptrollen hatte, beide weiblich. Die dienten den Schauspielerinnen als Sprungbrett, eine war etwas erfolgreicher als die andere und hatte auch nach Serienschluss mehr Folgeaufträge und wurde bekannter.
          Die andere hat sich gern daranzuhängen versucht.
          Erstere kam dann zur Weinsteingeschichte mit ihrem lukrativen „Opfererlebnis“. Klar, die andere hängte sich dran.
          Mit dem Hashtag #Metoo!
          Wenn das kein typisch-klassischer Zickenjazz ist, was dann?
          Und der weitere Verlauf war ja auch nix anderes als trittbrettfahrende Hexenjagd, genau wie #Aufschrei, nur internationaler. Und dazu gab es ja Analysen, die hier sicherlich praktisch 1:1 übernommen werden können.
          Von Millionen Tweets waren möglw. ein paar hundert bis max ein paar Tausend relativ „echt“. Der „Rest“ sind Doubletten ( bis zu 10-fach, locker ), phantasierte Varianten, Pöbeleien, Kritik, Bots und weitere automatisierte Internetfunktionen, Werbung etc….

          Von „Millionen Opfern“, die für sich schon im maximal Promillebereich der möglichen User verschwinden, bleiben ein paar hundert bis Tausend, also „Mikropromille“.
          Es wird aber aufgepumpt bis zum Wahnsinn.
          Dabei werden, angebliche, möglw. einfach falsch verstandene Rüpeleien, Diskriminierungen, Belästigungen und Vergewaltigungen ( besonders angebl. „systematische Vergewaltigungen“ ) und ( unsexualisierte ) Sexismen undifferenziert in einen Topf geworfen und heftig umgerührt, bis zum Schietsturm im Wasserglas.
          Und praktisch jeder irgendwie öffentlich bekannte Mensch, der dabei irgendeiner Angeblichkeit denunziert wurde, wurde existentiell mehr oder weniger vollständig eiskalt vernichtet. Ohne Anklage, ohne Ermittlungsverfahren, einfach, weil man es kann und Rache nunmal Blutwurst ist.
          Das ist die allerunterste Schiene dissozialen Mobbings, und nix anderes!
          Analog zur Judenhatz der Nazis zu setzen. Wohlgemerkt, nicht direkt zu vergleichen, aber den konsequent gleichen systematischen Prinzipien folgend.

          „Das sind Erlebnisse, wie sie wirklich jeder Frau nicht nur einmal im Leben zustoßen – und ich erwarte eigentlich von allen „billig und gerecht Denkenden“ (ein Ausdruck aus der Juristerei), dass sie solche Verhaltensweisen verurteilen und nicht von „Hysterie“ reden, wenn sie angeprangert werden.“

          Was sind „Ereignisse“, Claudia?
          Daß ein männlicher Lehrer mal, als Du noch zur Schule gingst, zu Dir gesagt hat: „Mädchen können nicht so gut rechnen“?
          Daß sich ein alter Mann mit Krücken sich in der Strassenbahn mal schneller auf den letzten freien Sitzplatz gesetzt hat, als Du es als junge und fitte Mutter geschafft hast?
          Oder eine brutale Gruppenvergewaltigung durch 10 Soldaten in irgendeinem Drittweltland, mit Besenstielen und Gewehrläufen?
          Oder hat mal ein ansonsten recht sympatischer Mann vesucht Dich zu küssen und machte sich damit unbeliebt, weil er Mundgeruch hatte?

          Das alles ist also öffentlich als toxic Masculinity anzuprangern und es sind Gesetrze gegen „Sexismus“ daraufhin zu fordern? Oder was?

          Jeder Mann macht genau so Erfahrungen in seinem Leben, sicherlich im Schnitt auch mehrfach, warum werden also die Männer als solche angeprangert, die Frauen aber nicht?
          Wußtest Du, daß im Syrienkrieg die Vergewaltigung von muslimischen Männern mittels der bizarrsten Gegenstände ( bis hin zu schwersten Verletzungen ) tägliche Kriegstaktik IST und von Natostaaten aktiv ignoriert und geduldet wird?
          Wer kreischt da auf? Kein Schwein!
          ( Ich bin zu faul den Link zum entsprechenden Rubikon-Artikel rauszusuchen, da der schon ein paar Wochen alt ist )

          „Sinn der Sache ist, DASS DAS IRGENDWANN MAL ENDLICH AUFHÖRT!“
          Sag mal, woher nimmst Du dieses „Frauenrecht auf einen Ponyhof mit Streichelzoo“?
          Und wie willst Du das durchsetzen und kontrollieren?
          Und warum schreist Du?
          Sinn der Sache war Zickenjazz um Macht und Geld zu erpressen, nix weiter!
          Eine irgendwie, wenigstens im weitesten Sinne konstruktive Debatte wurde von keinem einzigen der entsprechenden Aktivisten auch nur angeregt.
          Dafür „durften“ dann mal wieder die Kritiker sorgen, die eben dafür dann großteils zu sexistischen Schweinen erklärt werden.
          By the Way: Wir leben in überproportional großen Gruppen und zentralisierten Zusammenballungen, überall auf der Welt. Und selbst in sozial vernüftigeren Einheiten ( 30-150 Individuen im Idealfall, max bis etwa 600, dann muß die übergeordnete Einheit übernehmen ) gibt es immer mal Mißverständnisse, Belästigungen und auch Straftaten bis hin zu Schwerverbrechen.
          So what?
          Alle Menschen abschaffen und eine Engelsgesellschaft erfinden?
          Geht nicht, damit müssen auch die Frauen leben, je freier und selbstbestimmter sie sein wollen, desto mehr betrifft es auch sie. Oder sie müssen ein faschistisches Patriarchat zugunsten der Frauen erschaffen, wo Männer nur noch befehlsempfangende Diener, Aufpasser und Vollstrecker sind. Und selbst das würde nicht ausreichen, um die weiblichen Täter im Zaum zu halten, die dann sogar noch bessere Möglichkeiten hätten Verbrechen zu begehen, was sie garantiert auch tun würden ( Murphy’s Law rules! ).
          Um mal ( rein symbolisch ) zurückzubrüllen.
          NIX HÖRT AUF, BEGREIFE DAS!
          Du bist doch kein kleines Mädchen mehr, das in Idealvisionen vom Märchenland schwelgt, oder?

          „Und sei es nur aus Angst, dass die eigene Karriere Schaden nimmt, wenn schon nicht aus Einsicht. “
          Das mag ich kaum glauben, Claudia, echt nicht. Mir fehlen angemessene Worte. Soll das irgendeine Art von Humor sein, oder verlangst Du das wirklich?
          Das kann ich in direkter Erwiderung schlichtweg gar nicht kommentieren und ich bin da sonst eigentlich nicht gerade scheu. Das ist dermaßen ungeheuerlich, das es körperlich weh tut. Überlege Dir doch nur mal fünf Minuten lang die Konsequenzen dieser Vorgehensweise, nur fünf Minuten …..
          ( Normalerweise würde ich da glatt eine ausführliche Entschuldigung verlangen, aber das klammere ich hier jetzt einfach mal aus )

          „Das sich bei weitem nicht alle Männer so verhalten, bestreitet eigentlich niemand. Und falls sich doch welche finden, sind das Extremisten und Extremistinnen, die m.E. nicht weiter Ernst zu nehmen wären.“
          Das ist ein Widerspruch in sich! Erst redest Du von einer riesigen Menge an Männern. Bei weitem nicht alle, bedeutet im Umkehrschluss eindeutig „sehr, sehr viele möglw. der größte Teil“.
          Und die sind Deiner Meinung nach alle nicht ernst zu nehmende Extremisten?
          Sagen wir mal die Hälfte aller Männer sind unzurechnungsfähige, brutale Idioten?
          Wenn dem so wäre, wären sie sogar sehr ernst zu nehmen!
          Denn dann würde kein Staat, keine Stadt, kein Dorf, überhaupt keine soziale Gemeinschaft mit Männern mehr möglich sein! Auch bei 10% würde das erst funktionieren, wenn man die größtenteils mindestens eingesperrt oder ausgewiesen hätte. Zumindest nach Deinem Modell der Erpressung.
          Und man müßte, nach allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit und den entsprechenden Erfahrungen davon ausgehen, daß es eine ungefähr ähnliche Menge an brutalen idiotischen, extremistischen Frauen gäbe, mit denen man das gleiche machen müßte.
          Den Alibizusatz „..und Extremistinnen…“ lasse ich da nicht gelten, weil zu deutlich reine Alibifunktion.

          @Lucas Schoppe hat letztens erst einen ganz hervorragenden Artikel geschrieben, nicht zuletzt über sein gelegentliches Staunen, daß ein U-Bahnknotenpunkt in einer Großstadt überhaupt funktionieren kann. Vielleicht ist er ja so nett und sucht Dir den Link dazu heraus, damit Du Dich mal zum Thema „nieder- u. unterschwellige Aspekte großer sozialer Systeme“ etwas fortbilden kannst.

          „Die „Geschlechterdebatte“ krankt daran, dass ohne Ende projiziert und pauschalisiert wird (UND Pauschalisierung vermutet / gehört wird, wo sie gar nicht behauptet wird) – sofern man sich überhaupt gegenseitig zuhört, was ich auf allen Seiten extrem vermisse!“
          Und? Wäre das nicht eine gute Anregung, Dir mal selbst zu und auf Dich zu hören?
          Wer, wenn nicht Du, beweist denn gerade, daß er genau da, wo es auf eine halbwegs differenzierte Sicht ankäme, in Pauschalen und Projektionen verfällt?
          Gehe doch mal mit gutem Beispiel voran.
          Kinder lernen ( im sozialen Bereich am besten ) durch das ( aktive ) Aufstellen von erkannter Autorität, welche sie nachahmen und zu übernehmen versuchen. Also per zugewiesener Vorbildfunktion. Mit dem umgekehrten fordern von restriktiv-patriarchalem Autoritarismus ist ihnen nicht geholfen, im Gegenteil.

          Und weißt Du was? Bei Erwachsenen ist das prinzipiell gar nicht anders!

          Weißt Du, ich habe in meinem ganzen Leben bis jetzt noch kein einziges grundsätzlichen Problem mit Frauen als solche gehabt ( allerdings jede Menge individuelle Probleme, die auch durchaus geschlechtsspezifische Aspekte enthielten, bis hin zu übler Männerfeindlichkeit ). Im Gegenteil sind sie mir in manchen Diskurskonstellationen sogar im Schnitt etwas lieber als Männer ( bspw. im Vieraugengespräch über allgemeine soziale Themen, was ich gerade wieder einmal wöchentlich und sehr gern übe, allein schon, weil es den Horizont ein wenig erweitert ).
          Und gerade deshalb kotzt es mich derbe an, wenn ich als Mitglied einer unzurechnungsfähigen, prinzipiell und sowieso dissozialen Neandertalerhorde hingestellt werde. Das nehme ich dann auch mindestens potentiell persönlich.
          Die Ausflucht „Nicht Du, aber ( viel zu ) viele andere ( aber ändern mußt Du es )“, akzeptiere ich einfach nicht mehr, denn sie ist vorgeschoben ( s.o. verlinkter Artikel von Danisch unter Mark’s Kommentar )

          ( Ist jetzt doch mehr Rant geworden, als beabsichtigt, aber anders hätte ich es nicht unter mindestens 10 DIN-A4-Seiten hingekriegt )

        • Auf der anderen Seite finde ich das Leugnen sexistischer Erlebnisse im Alltag vieler Frauen ebenfalls wirklich schlimm – #Metoo ist keine „Hysterie“, sondern nichts anderes als die Veröffentlichung vieler solcher Vorkommnisse (Übergriffe, Gewalt, Belästigung und Sexismus).
          Sinn der Sache ist, DASS DAS IRGENDWANN MAL ENDLICH AUFHÖRT!

          Das halte ich nicht für glaubwürdig.
          Um das zu erkennen genügt ein Blick auf feministische Theorien, deren Grundsatz behauptet, dass die Welt, in der wir leben, eine von Männern geprägte männliche Welt ist, die die Männer bevorteilt und Frauen benachteiligt. Diese Behauptung begegnet uns in vielen Variationen wie „strukturelle Gewalt“ (von Männern gegen Frauen), „rape culture“, „heteronormative Matrix“ oder „patriarchale Dividende“ u.a.
          Daher folgt ich die metoo-Kampagne nebst vielen anderen feministischen Kampagnen dem immer gleichen Muster der pauschalen Anklage mit dem Ziel, Kompensation für (behauptete) systematische Benachteiligung zu erhalten.

          • „Um das zu erkennen genügt ein Blick auf feministische Theorien, deren Grundsatz behauptet, dass die Welt, in der wir leben, eine von Männern geprägte männliche Welt ist, die die Männer bevorteilt und Frauen benachteiligt.“
            @Piotr:
            Ich setze einfach mal wohlwollend voraus, daß auch Claudia das relativ unreflektiert als Prämisse für ihre Argumentation setzt, anders ist mir ihre Ansicht nicht erklärbar.
            Und in der Tat spielt sie da ja auch immer mal recht deutlich drauf an.

  • „Es ist daher irreführend, Akteure wie Diez, Borchholte oder Augstein als „links“ zu bezeichnen“

    seh ich anders. erstens hat „links“ an sich keinen inhalt, sondern ist nur eine zuschreibung über die *Seite*, die man in einer politischen frage einnimmt. und als dieses sind rechts und links reine konstrukte der zeit, der umstände und der konkreten frage. feminismus ist daher grundsätzlich links oder linke mitte. zur zeit jedenfalls noch. aber ich seh schon die zeiten kommen, wo leute mit heutigen femi-ansichten nur noch ganz weit rechts sitzen werden 😉

    zweitens bedeutete „links-sein“ noch nie, dass man generell gegen optimierungslogik ist. Marx war der größte optimierungslogiker überhaupt und linke ideologien optimieren und normieren den menschen von vorne bis hinten. der heutige feminismus ist was das angeht kein ausrutscher der Linken.

    • Ich gestehe gern zu, dass eine heutige postmoderne Linke zu einem guten Teil selbst die Schuld daran trägt, wenn „linke Politik“ von einem positiv besetzten Begriff zu einem Schreckbild geworden ist. Es könnte aber ja mal auffallen, dass postmoderne Linke und neue alte Rechte gemeinsam an dieser Abwertung arbeiten. Die einen, indem sie immer absurdere, auch immer stärker gewaltverliebte Positionen als Inbegriff linker Politik verkaufen – die anderen, indem sie darauf gern verweisen und dann völlig unterschiedslos alles verdammen, was sie auch nur irgendwie als „links“ etikettieren können.

      Wer Adorno und die Frankfurter Schule in der Rede vom „Kulturmarxismus“ für die Zerstörung de amerikanischen Kultur verantwortlich macht, würde damit unter normalen Bedingungen nur demonstrieren, dass er nicht kennt, worüber er redet. In der derzeitigen Gemengelage, in der eine demokratische – auch: linke demokratische – Politik von ganz unterschiedlichen Richtungen aus angegriffen wird, kommt er damit aber problemlos durch.

      Ich möchte daher nostalgisch daran erinnern, dass linke Politik in weiten Teilen für Solidarität, Menschenwürde und das Bemühen um Gerechtigkeit steht, und dass es ihr klassischerweise nicht um Gleichmacherei ging, sondern darum, Menschen neue Möglichkeiten zu schaffen – sich, falls nötig, von dem distanzieren zu können, was ihnen in die Wiege gelegt wurde.

      • ich will keineswegs sagen, dass „links“ generell böse ist, sondern eben nur, dass „links“ und „rechts“ generell konstrukte der politschen situation sind.

        „Ich möchte daher nostalgisch daran erinnern, dass linke Politik in weiten Teilen für Solidarität, Menschenwürde und das Bemühen um Gerechtigkeit steht“

        das ist nicht nostalgisch sondern verklärend und einseitig. natürlich kann linke politik auch für diese drei prinzipien (solidarität, menschenwürde, gerechtigkeit) stehen und hat es in vergangenheit und gegenwart auch oft. ABER: die linke hat keinen alleinvertretungsanspruch über solidarität, menschenwürde und gerechtigkeit. ein paar bsp.:

        Solidarität: die solidarität der linken war bisher immer nur die solidarität der arbeiterschaft, der frauen, der behinderten etc… also die solidarität einer mal mehr mal weniger konstruierten *Klasse*, nicht jedoch die Solidarität eines *Gemeinwesens* (z.b. nation, stadt, NATO, stamm, familie). diese gemeinwesens-solidarität stand bisher eher rechts oder in der mitte und wurde/wird von der (in diesem sinne unsolidarischen) linken ständig angegriffen. aber da rechts und links relativ sind, kann sich das auch umkehren: die solidarität des europäischen gemeinwesens gilt heutzutage als mitte-links. die gegnerschaft zur EU gilt als rechts.

        Menschenwürde: was sämtliche linke revolutionen mit menschenwürde zu tun haben sollen ist mir unerklärlich. verteidiger der menschenwürde in den *real*sozialistischen staaten waren bürgerrechtler, die rechts oder in der mitte standen. ein menschenwürdiges leben wäre auch in *echten* sozialistischen systemen kaum möglich- mir zumindest nicht.

        Gerechtigkeit: das klassische linke prinzip der verstaatlichung von privateigentum hat für mich und für millionen andere menschen nichts mit gerechtigkeit zu tun sondern eher mit raub oder eben gleichmacherei. die verteidigung von konzepten der gerechtigkeit, die raub und gleichmacherei ablehnten, stand jedoch bisher eher rechts oder in der mitte.

        diese beispiele sollen dir nicht sagen: links ist doof und rechts/mitte viel cooler, sondern sie sollen verdeutlichen, dass solidarität, menschenwürde, gerechtigkeit ebenso gut auch von der rechten oder der mitte getragen werden können und daher kein ausweis für das Links-sein sind. und zwar eben deshalb weil ‚rechts‘ und ‚links‘ grundsätzlich kontextabhängig sind und an sich keinen inhalt haben.

  • Vielen Dank für den wunderschönen Artikel!

    Ich habe ein Sonett von Wilhelm Dilthey ein wenig überarbeitet, das vielleicht zum Thema passt:

    „Zum Himmel kamen her die Sterne,
    Wie Samen neuer Tage, der sich nächtlich sät;
    Ein Lichterfeld unendlich angefacht,
    das kein Mensch hat je gemäht.

    Alle Luft scheint aus der Welt gestohlen,
    Die Schatten sich den Schatten holen;
    Nacht bläst die sieben Farben aus.
    Schwarz liegt der Garten bei dem Haus.“

    Und auch noch ein Lied:
    https://www.youtube.com/watch?v=MdZs5PVcwBs&ab_channel=plenderj

    Lieben Gruß
    crumar

  • Zwei nachdenklich machende Zitate, welche im Grunde die Unmenschlichkeit des Feminismus in aller Klarheit entblößen:

    William Butler Yeats:

    „Ich habe mehr Männer gesehen, die von dem Wunsch,
    Frau und Kinder zu haben und diesen ein
    behagliches Leben zu bieten zerstört worden sind,
    als solche, die vom Alkohol kaputt gemacht wurden.“

    Astrid Lindgren:

    „Wenn diese Kleine Hand das erste mal nach Dir greift, dann greift sie direkt nach deinem Herz und lässt es nie mehr los.“

    Das ist ein Satz aus „Ronja Räubertochter“ und da geht es darum dass der Vater von Ronja das erste mal seine neugeborene Tochter auf dem Arm hält. Ich denke jeder der Kinder hat kann das nur bestätigen.

    Ein schöner Artikel, Lucas, dem ich einen halbwegs adäquaten Kommentar hinzufügen wollte. Denn es ist schlichtweg erbärmlich, was sich Männer und Papas in den letzten Jahrzehnten von gewissen Kreisen, die ja so gerne in Male Tears baden oder so etwas „Mimimi“ finden, da so bieten ließen oder lassen mussten.

    Ich habe nur noch Verachtung für diese Form von Inhumanismus übrig. Mögen sie es auch noch so oft als empathischer und besser bezeichnen.

    Hadmut Danisch:

    „Die Frau an sich steht für nichts positives mehr, schon gar nicht für Partnerschaft, Erotik, Zweisamkeit. Die Frau steht für Ärger, Vorwürfe, Strafandrohung, Untersuchungshaft, Geldforderungen.“

    Nicht alle, sicherlich – #NotAllWomen …

  • Auch auf den zweiten und dritten Blick bin ich verblüfft, wie klar mir anhand dieses Blogposts geworden ist, was ich abstrakt längst zu wissen glaubte: wie sehr wir in dem von Augstein beschworenen Terror längst mitten drin leben.

    Weil nämlich ein ganz wesentlicher Aspekt dieses Terrors eben darin besteht, dass er Alltagskommunikation und Alltagsvertrauen zerstört. Ich habe in der Zeit meiner Ehe über das soziale Umfeld meiner Frau eine ganze Reihe von russischen Migranten kennengelernt und war erstaunt, wie viele von denen in den Bahnen eines tiefen Grundmisstrauens zu denken gewohnt waren, das manchmal kaum noch von Paranoia zu unterscheiden war.

    Das ist aber völlig konsequent in einem Gesellschaftssystem, in dem man auf fundamentale Art und Weise nicht weiß, wem man trauen kann – dem Nachbarn nicht, weil er ein Spitzel sein könnte, den Funktionären nicht, weil sie im Doppelsprech reden, den man erst dekodieren muss, und den Medien nicht, weil man die Wahrheit in den Zeilen zwischen den Lügen suchen muss – und am Ende, nach Gorbachev, tragischerweise nicht mal dem Ausland, weil es in der Wahrnehmung der Russen den russischen Reform- und Friedenswillen verraten hat.

    Und auch wenn die spätsowjetische, geradezu »verbürgerlichte« Brezhnev-Zeit mit der Stalin-Ära nicht mehr gleichzusetzen ist, wurden die älteren, oft traumatischen Formen des Misstrauens trotzdem in den Familien tradiert – was ich an meiner Schwiegermutter beobachten konnte, deren Kindheit in diese Epoche fiel.

    Und dann lese ich Genderama-Meldungen wie die über den feministischen »Kampf gegen das Manspreading« (27.11.) im Kontext von Lucas‘ Artikel, und mir wird schwindelig. Wir sind also so weit, dass ein völlig selektiv wahrgenommenes Alltagsverhalten von Männern auf dem Wege einer politischen Kampagne »bekämpft« werden muss. Nichts ist mehr unschuldig, die Kommunikation nicht, und nicht die Art, wie man seinen Körper hält. Früher waren die Klassenfeinde, Konterrevolutionäre, Spione und Saboteure allüberall, heute sind es die »Sexisten«. Aber wir wähnen uns im »freien Westen«!

    Nicht allein, dass das eine »moralische Panik« ist – es ist eine moralische Panik mit politischer Ansage und ideologischen Weihen. Joseph McCarthys politisches Ende nahte, als Joseph N. Welch ihn in den Army-McCarthy-Hearings fragte: »At long last, have you left no sense of decency?«

    Wie können wir es erreichen, dem Feminismus öffentlich diese Frage zu stellen?

    • „…. wie sehr wir in dem von Augstein beschworenen Terror längst mitten drin leben. Weil nämlich ein ganz wesentlicher Aspekt dieses Terrors eben darin besteht, dass er Alltagskommunikation und Alltagsvertrauen zerstört.“

      Man kann es irgendwie mit den Betonsperren vergleichen, die jetzt um die Weihnachtsmärkte aufgestellt werden. Der Begriff Weihnachtsmarkt ist inzwischen konotiert mit der Möglichkeit eines versuchten Massenmords mit einem LKW, jeder denkt sofort an dieses Risiko.

      Mir ist schon vor einiger Zeit die Frage gekommen, welches Frauenbild inzwischen statistisch bei Männern vorliegt. Durch die ganzen Hetzkampagnen nimmt man Frauen vor allem als potentiellen Falschbeschulder wahr, durch die vielfältige berufliche Bevorzugung als unfair bevorzugten Freßfeind usw., immer als irgendein Risiko. Viel hängt natürlich von anderen persönlichen Prägungen ab, aber ich vermute, daß bei vielen Männern das Gesamtbild ins Negative kippt.

    • @djadmoros

      Zuerst: Die größte Sensibilität gegenüber den Zumutungen feministischer Doktrinen, betreffend „Alltagskommunikation und Alltagsvertrauen“ kommt nicht umsonst von Menschen mit einem DDR-Hintergrund.
      Schau dir die Menschen an, die auf „Alles Evolution“ bspw. kommentieren – die kennen das alle schon.
      Entweder per persönlicher Erfahrung oder durch familiäre Überlieferung.

      Die Doktrin einer regulierten und sanktionierten „offiziellen Sprache“ im *öffentlichen Raum* allein, die einer „privaten Sprache“ gegenüber steht – mit nichts kann man eine Gesellschaft besser ruinieren.
      Indem sich alle (im Grunde) darüber einig sind, sich im öffentlichen Raum an einem Diktat der Wahrnehmung und „Konstruktion“ einer Welt zu beteiligen, von der alle wissen, sie ist falsch und verlogen und sie trotzdem reproduzieren (notgedrungen).

      Meine Mutter erzählte mir noch, sie hätte jede Arbeit mit einem „sozialistischen Schwänzchen“ versehen müssen, in dem – passend oder nicht – am Schluss herausgestellt werden *musste*, um wie viel besser nun die Situation X von Y sei, da man nun *im Sozialismus* angekommen wäre. Faust, Schwermetallbelastung oder Ergonomie – one size fits all.

      Die Forderung nach einer „gendersensiblen Sprache“ für die Abfassung von Hausarbeiten, die (relevant für die Benotung) eingefordert wird, liegt so dermaßen auf der Selben Wellenlinie, dass es schwer zu übersehen ist.
      Es ist völlig irrelevant, welchen Quatsch du schreibst, Hauptsache es erfüllt die *formalen* Anforderungen der Prof_In*x.
      Die eine solche Ansprache (Form) jedoch als verbindlich setzt.

      „Wir sind also so weit, dass ein völlig selektiv wahrgenommenes Alltagsverhalten von Männern auf dem Wege einer politischen Kampagne »bekämpft« werden muss.“

      M.E. falsch herum gedacht.
      Die politische Kampagne dient nicht in erster Linie dazu, das Alltagsverhalten der Männer zu bekämpfen, sondern die weibliche moralische Autorität zu SETZEN, bzw. zu ERHALTEN, Richterin über das KORREKTE Alltagsverhalten von Männern zu SEIN.
      Der eigentliche Kampf ist der um *die Autorität*, dies beurteilen und aburteilen zu dürfen. Für das „tone policing“ braucht man eine moralische Instanz mit autoritärem Gewicht namens „police“.

      Was in der „metoo“-Kampagne sichtbar wird ist der weiblich-feministische Versuch, sich als Legislative, Judikative und Exekutive in einem zu setzen. In Form der sozialen Medien – also des weiblichen „hive mind“.

      „Nichts ist mehr unschuldig, die Kommunikation nicht, und nicht die Art, wie man seinen Körper hält.“ Ja, alles ist eine potentielle männliche „micro aggression“ und das heißt, es bedarf der weiblichen „micro control“, der Mikrokontrolle selbst deiner körperlichen Bewegung und Haltung. Und – selbstverständlich – einer KontrollINSTANZ.

      Was hier schrill intoniert wird, ist m.E. der Versuch der Wiedererlangung der „zivilisierenden Herrschaft/Frauschaft“ über Männer; nicht in einem persönlichen Rahmen, sondern auf gesellschaftlicher Ebene.
      Wenn man den Kucklick liest, haben die Männer vom individuellen Nutzen des Weibes in der Institution der Ehe für sich „gewusst“.
      Davon ist nichts mehr übrig geblieben; wir sind im Stadium der (männlichen) Ernüchterung.
      Die Frage: „Wozu eigentlich?“ drängt sich auf und das Weib im Kollektiv hat putzige Lösungen parat, diese Frage zu verdrängen.
      Vielleicht wird es erträglicher, wenn man es so sieht?! 😉

      Morgen schreibe ich noch einige Anmerkungen zum Thema Sexualität in diesem Kontext.

      • @crumar:

        »Die größte Sensibilität gegenüber den Zumutungen feministischer Doktrinen, betreffend „Alltagskommunikation und Alltagsvertrauen“ kommt nicht umsonst von Menschen mit einem DDR-Hintergrund.«

        Davon bin ich mittlerweile auch überzeugt – was für die Verhältnisse in der Sowjetunion gilt, gilt im Wesentlichen auch für die DDR. Der »freie Westen« (TM) ist dem Trugschluss erlegen, weil er in den ideologischen Auseinandersetzungen des Kalten Kriegs den Sieg davon getragen hat, befinde er sich nun in einem »post-ideologischen« Zeitalter. Tatsächlich haben wir aber nicht keine Ideologie, sondern eine ideologische Monokultur, in der Neoliberalismus (oder welche Vokabel man sonst dafür hat) und Feminismus de facto eine glückliche Ehe eingegangen sind. Und auf diesem hohen Roß sitzen insbesondere unsere Mainstream-Medien.

        »Die politische Kampagne dient nicht in erster Linie dazu, das Alltagsverhalten der Männer zu bekämpfen, sondern die weibliche moralische Autorität zu SETZEN, bzw. zu ERHALTEN, Richterin über das KORREKTE Alltagsverhalten von Männern zu SEIN.«

        Ja, das war von mir etwas ungeschickt formuliert. Der Gegenstand der Kampagne ist im Prinzip beliebig, wenn er sich dazu eignet, Diskursherrschaft zu beanspruchen und durchzusetzen. Unter anderen Umständen kann es GamerGate oder so etwas sein, zumal wenn das mit der Acquise von Budgets verbunden werden kann.

        »Vielleicht wird es erträglicher, wenn man es so sieht?!«

        Die Frage nach dem »Wozu« beantworte ich mir mit der Analogie zum wilhelminischen Antisemitismus: wenn man gesellschaftliche Fehlentwicklungen (oder was man als solche wahrnimmt) nicht analytisch zu durchdringen vermag, dann bleibt man auf der Ebene der Symbolpolitik stecken, und genau das ist die Funktion von Sündenböcken: einen schlecht verstandenen Aspekt der Realität ersatzweise zu symbolisieren. So wie damals »der Jude« ist »der Mann« heute der Inbegriff des »Zivilisationsschädlings«. Die »Matriarchatsforschung« hatte sich das Judentum sogar noch ganz direkt als historischen Schurken ausgekuckt, aber seitdem das diskreditiert ist, bleibt der Rassismus gegen den (weißen) Mann als letzte Form des Rassismus übrig, der in der westlichen Welt noch als legitim gilt.

        • @djad

          „Der Gegenstand der Kampagne ist im Prinzip beliebig, wenn er sich dazu eignet, Diskursherrschaft zu beanspruchen und durchzusetzen.“

          Ok, ich habe mich wiederum nicht klar genug ausgedrückt.
          Im »Kampf gegen das Manspreading« geht es nicht um „Diskursherrschaft“. Hier geht es direkt um einen Eingriff in deine *Haltung*, deine *Körperlichkeit* und in deine Kommunikation auf nonverbaler Ebene:

          „Körperkommunikation (war) in unserer stammesgeschichtlichen und individuellen Entwicklung die primäre Möglichkeit der Verständigung (…).“
          In beiden Entwicklungslinien gilt vor dem gesamten Zeitraum *vor* dem Spracherwerb, dass Bindung über Körperkontakt hergestellt, wahrgenommen, erlebt und stabilisiert wird. Erst später tritt die Sprache ergänzend hinzu. Über Körperkontakt reduzieren wir Aufregung, Anspannung und Angst, und wir befördern Beruhigung, Entspannung und Wohlgefühl. Das ist die tiefere Bedeutung von Sexualität.“
          D. Ahlers, „Himmel auf Erden und Hölle im Kopf“, S. 15

          Was sie hier tun, ist die *männliche* Suche nach diesem Körperkontakt unter Generalverdacht (s. sexueller Missbrauch von Kindern) zu stellen und demnach den Abbau von „Aufregung, Anspannung und Angst“ zu verhindern.
          D.h. die „Paranoia“, die hier erzeugt wird, befindet sich nicht auf einer Ebene, die dir *rational* sofort zugänglich ist.

          „Tatsächlich haben wir aber nicht keine Ideologie, sondern eine ideologische Monokultur, in der Neoliberalismus (oder welche Vokabel man sonst dafür hat) und Feminismus de facto eine glückliche Ehe eingegangen sind.“

          Sehe ich auch so.
          Nur sollte m.E. klar werden, warum „Sexualität“ ein Thema ist, das der Feminismus in die glückliche Ehe eingebracht hat, es hat „auf der neurophysiologischen Ebene auch damit zu tun, dass die Botschaften, die wir im Sexuellen empfangen, körpersensorisch in den stammesgeschichtlich älteren Regionen unseres Gehirns verarbeitet werden, vor allem im *Limbischen System*.“ Sie nehmen nicht den Umweg über die Großhirnrinde, das eine reflektorische Filterfunktion hat, sondern gelangen direkt in die Hirnregionen, in denen Affektregulation stattfindet.“ ebd. S. 41

          Das *zentrale Thema* des Feminin-ismus ist die Beherrschung und Regulierung der männlichen „Affektregulation“, welches „from time immemorial“ unter den Verdacht des Animalischen steht.
          Natur=Mann, Zivilisation= Frau (konträr zur feminitischen Legende, wen juckt das?!).

          Eben WEIL es sich der „reflektorischen Filterfunktion“ erst einmal entzieht, ist dies ein erfolgversprechender Ansatz.
          Sehr clever.

  • Die gegenwärtigen Geschlechterdebatten erinnern doch sehr an die Eingangsszene von Zabriskie Point: Studenten beim Diskurs. Ein Bild des Grauens. Bemerkenswert und erklärungsbedürftig ist freilich, wie dieses Niveau sich in Politik und Mediensphäre durchsetzen konnte. Am geistigen Gehalt kann es nicht liegen. M.E. durchzieht die Geschlechterdebatte derselbe puritanische Grundton, der auch die Umwelt- und Gesundheitsthematik und die Ökonomie durchzieht. Ökonomische Effizienz und Gewinnmaximierung sind puritanische Zielsetzungen und nicht wesenhaft ökonomisch. Hier regiert der Geist aus Genf. Ein Manager, der sich mit suboptimalen Gewinn begnügt, gilt in diesem Umfeld als „sittenlos“ und endet in der Hölle. Und so präsentieren heute Unternehmen den besten Gewinn ihrer Firmengeschichte – und künden gleichzeitig einen umfassenden Personalabbau an. In den (lebensbejahenden) 50er und 60er Jahren wäre das unmöglich gewesen.

    • „Und so präsentieren heute Unternehmen den besten Gewinn ihrer Firmengeschichte“

      Was aber nur an den modernen Möglichkeiten der Bilanzierung liegt.

      Die vorgeblich linke Kritik an der Ökonomie ist von einer beispiellosen Ignoranz geprägt. Weil von vorneherein feststehen muss, dass diese nur menschenfeindlich sein kann – vielleicht das verhängnisvollste und verdummenste Ideologem unserer Zeit.

  • Was für ein Text! Noch dazu ein sehr weit gefasster und gleichzeitig sehr komplexe Aspekte aneinanderreihender.
    Dementsprechend umfangreich die Kommentare.
    Und das, wo ich gerade seit drei Tagen darüber nachgrübele, wie ich eine Serie anfangen soll, die die ungefähr die gleichen Aspekte berührt, nur eben aus der ganz persönlichen Entwicklung meines Erwachsenenlebens heraus betrachtet. Und das ohne allzu sehr auszuufern.
    Irgendwie erstaunlich, was #metoo und die Stimmen dazu, besonders das Geschreibsel von Augstein u.ä. Bekloppten, bei ganz verschiedenen Leuten für ähnliche Gedankengänge hervorbringt. Aber wohl auch logisch.

    Und damit sind wir bei dem Punkt, besser gesagt dem Begriff, den ich hier kritisiere:
    „Logiken“.
    Ich halte das Wort für Quatsch, besonders wenn es in so seltsamen Verkleidungen wie z.B. „Optimierungslogiken“ einherkommt. Denn derartiges ist eben nicht logisch ( in letzter Konsequenz ), sondern bestenfalls vordergründig plausibel.
    Es führt dazu, daß man eine Bandbreite auf ihre ziemlich platten Polaritäten reduziert. Links bspw. die angebl. Rationalität ( eben die „Optimierungslogik“ ), welche einen extrem versimplifizierten Egomanismus transportiert, also Taktiken und Strategien, die einem Vorteile verschaffen sollen.
    Rechts die „rein emotionale Romantik“ , also ein scheinbar irrationales, niemandem nützliches Verstricken in irgendwelchen Wunschträumen, Liebe o.ä..
    Das normale Leben, irgendwo im Bereich dazwischen, wird immer weiter aus der Debatte verdrängt, um Standpunkte an die Enden der Bandbreite zu rücken.

    Ich denke, man müßte eher von „Plausibilisierungen“ reden. Und zwar in der – eher negativ konnotierten – modernen psychologischen Interpretation. Also von etwas, das als Ausrede fungiert, um tatsächliche Logikfehler zu übertünchen, etwas plausibel erscheinen zu lassen, was der Komplexität des jeweiligen Gegenstands jedoch nicht gerecht wird, was zu weiteren Fehlern und Widersprüchen führt.

    Einfach weil die extremen Enden dieser Bandbreite nur vordergründig und stark verkürzt halbwegs logisch ( und auch nur binärlogisch ) erscheinen können ( „Wenn ich allen anderen Nachteile verschaffe, geht es mir besonders gut“, oder „wer immer nur in seiner Gefühlswelt lebt, ist ansonsten unbrauchbar ).
    Die Normalität liegt irgendwo dazwischen und DAS IST logisch! Nur eben leider auch recht komplex und v.dh. nicht mal eben allumfassend darzustellen.

    Irgendwie erstaunt es mich, als alter Knacker noch mal über solche Dinge nachdenken zu müssen.
    Ich dachte immer, daß das Themenbereiche sind, die so ziemlich jeder Normalbürger im Zuge des Erwachsenenwerdens „so ganz am Rande“ quasi zwangsläufig lernt. Auch ohne die einzelnen Aspekte en Detail explizit ausformuliert zu haben. Scheinbar habe ich mich geirrt.
    Je mehr ich darüber lese und je mehr ich in den letzten Jahren auf Denk- u. Verhaltensweisen stoße, die dem zuwiderlaufen, desto seltsamer kommt mir diese Entwicklung vor.
    Leicht erkennbare Termini werden bis zur Unkenntlichkeit wegrelativiert ( „Gleichberechtigung“ z.B. ), während irgendwelche hilflosen und zurecht attributierten Surrogate an ihre Stelle gesetzt und mehr oder weniger verabsolutiert werden.
    So kommt es dann, daß z.B. in weiten Teilen der Gesellschaft, teilweise als quasi „berufliche Vorgabe“, der „soziale Vater“ ( der ja gar kein Vater ist ) als realer, wichtiger und somit auch „richtiger“ betrachtet wird, als der Vater selbst.
    Wenn man dann mal augenzwinkernd anführt, daß mit „Väter des Grundgesetzes“, oder „Mutter der Kanonen“ gar keine Eltern gemeint sind, versteht heute kaum noch wer, warum man das erwähnt.
    Wenn man dann noch hinzufügt, daß man das sagt, um eben nicht zum „biologischen Vater“ ( oder „Brenngaserzeuger“ oder so ) abgestempelt und reduziert zu werden, weil das nicht nur eine gezielte Herabwürdigung, sondern zudem noch eine falsche Funktionsbeschreibung ist, wird einem sinnlose, rechthaberische Wortklauberei vorgeworfen. Als ob die Folgen solcher Entinhaltlichungen, resp. Inhaltsverschiebungen nicht längst überall deutlich sichtbar wären.
    Tja, scheinbar sind sie das für einige Leute nicht, oder sie finden es gut so.

    • @ Fiete Damit, dass mit Definitionen und Umdefinitionen vertrauter Begriffe Politik gemacht wird, hast Du natürlich recht. „Gleichberechtigung“ ist ein schlagendes Beispiel. Es ist heute, gerade in der Parteienpolitik, völlig selbstverständlich geworden, darunter eben keine gleichen Rechte zu verstehen, sondern etwas ganz anderes.

      Ein weiteres Beispiel ist der Begriff „Familie“. Dass der ausgeweitet wird, nun nicht mehr allein die klassische bürgerliche Kernfamilie Vater-Mutter-Kind(er) und schon lange nicht mehr allein die Großfamilie bezeichnet – das ist ja noch nachvollziehbar. Es hat aber keinen Sinn, Familien aufzulösen und die verbleibenden Teile beliebig wieder als „Familie“ zu führen. Der bescheuerte Begriff „Ein-Elter-Familie“ ist ja zum Glück – so zumindest mein Eindruck – wieder am Verschwinden, wohl auch deshalb, weil seine Unehrlichkeit allzu offensichtlich ist.

      Was Du aber über „Logiken“ schreibst, sehe ich ganz anders. Logik bedeutet einfach erst einmal, von bestimmten Prämissen aus auf korrekte Weise zu bestimmten Schlussfolgerungen zu gelangen. Ob die Prämissen wahr sind, lässt sich in der Regel auf eine rein logische Weise gar nicht entscheiden – es sei denn, diese Prämissen sind gar keine empirischen Aussagen, sondern in sich widersprüchliche Sätze („Es regnet UND es regnet nicht.“) oder tautologische Sätze, die auf jeden Fall richtig sein müssen („Es regnet ODER es regnet nicht.“).

      Das heißt: Ganz verschiedene Theorien oder Positionen können in sich logisch sein und sich trotzdem erheblich voneinander unterscheiden. Für mich war das eine der wichtigsten Erfahrungen des Philosophiestudiums – zu sehen, dass unterschiedliche Theorien ihre eigene Logik haben, die man erst einmal nachvollziehen muss, um die Theorie verstehen und bewerten zu können. Es reicht nicht, einfach nur einen kleinen Teil oder Ausschnitt für sich zu lesen, sondern man braucht auch den größeren Zusammenhang.

      Abhängig von den Prämissen oder der Absicht funktionieren verschiedene Theorien dann eben unterschiedlich. Das gilt ähnlich auch für soziale Systeme. Die Geldvermehrung durch Einsatz bereits vorhandenen Kapitals funktioniert, gerade in Zeiten globalen Handels, nach einer ganz anderen Logik als der Gelderwerb durch (gar körperliche) Arbeit, für den Menschen an einen bestimmten Kontext gebunden sind.

      Unsere Alltagskooperation wiederum funktioniert nach einer anderen Logik als die Gewinnmaximierung von größeren Unternehmen. Wenn ich von „Logiken“ geschrieben habe, dann sollte das signalisieren, dass die unternehmerische Optimierungslogik nicht einfach rundweg schlecht oder destruktiv ist, sondern durchaus in sich einen Sinn ergibt und Funktionen erfüllt. Nur ist eben eine einzige Logik einer hochkomplexen Massengesellschaft nicht angemessen. Die Optimierungslogik wird destruktiv, wenn sie total wird und Bereiche kolonialisiert, in denen sie dysfunktional ist – zum Beispiel eben den der lebensweltlichen Altagskooperation. Eine feministisch inspirierte Geschlechterpolitik spielt in dieser Kolonisierung nach meinem Eindruck eine erhebliche Rolle.

      • @Lucas ( semi-OT ):
        „Es reicht nicht, einfach nur einen kleinen Teil oder Ausschnitt für sich zu lesen, sondern man braucht auch den größeren Zusammenhang. “
        Ich denke, der Satz beschreibt Schnittmenge und Grenze unserer Ansichten über Logik ganz gut.
        Wobei mir auffällt, daß Du den Begriff „Logik“ auch mit Zusätzen versiehst, also so gesehen ein Surrogat verwendest.
        Es gälte also zu unterscheiden, zwischen „Beamtenlogik“, „weiblicher Logik“, „Finanzlogik“, „sozialer Logik“, „Binärlogik“ etc.pp. und Der Logik.
        Letztere stellt sich i.d.R. zu komplex dar um von uns vollständig überblickt zu werden ( ich sehe sie als „das oberste Naturgesetz“ ) und eben gerade nicht binär. Unsere übliche mathematische Logik, wie man sie in der Grundschule lernt, ist z.B. streng genommen gar nicht logisch, es gibt keine Lineare und keinen Kreis in der Natur, keine zwei Münzen erfüllen stabil den Wert EINS und können zum exakten Wert „zwei Münzen“ addiert werden.
        Das sind insofern alles Milchmädchenrechnungen, die sich in unserem beschränkten Alltag als „irgendwie ganz praktisch“ erwiesen haben. Gerade weil sie es ermöglichen „den Rest der Welt“ nahezu vollständig unbeachtet zu lassen. Einfaches Beispiel wäre die Unschärferelation, die uns beim Kauf eines Autoreifens nicht weiter zu stören braucht, das Ding funktioniert auch so ganz gut. Trotzdem ist der Reifen keineswegs Kreisrund, wir können noch nicht mal seinen genauen Durchmesser messen, sondern nur in einem gewissen Toleranzbereich lehren.
        Bei hochkomplexen Verhältnissen, bspw. sozialen Systemem gelingt das aber nicht, zumindest nicht annähernd sicher. V.dh. halte ich da die Bezeichnung „logisch“ in solchen Bezügen für irreführend, denn sie suggeriert eine ausreichende Berechen- u. v.a. Messbarkeit, die jedoch nicht gegeben ist.
        Richtiger wäre m.E. da ggf. von „Philosophie“ oder „Konstruktion“ zu sprechen, das passt weitaus besser.
        Das heißt nicht, daß man manche Aussagen nicht vordergründig als logisch betrachten kann, aber eben nur indem man Aspekte, von denen man annimmt, daß sie für die gerade akute Abschätzung minderwichtig sein müßten, ausblendet, um sich eine überschaubare und somit „lösbare“ Aufgabe zu basteln.
        Naheliegend und im Alltag auch notwendig, da unser Gehirn nunmal viel zu klein ist, um logisch, oder gar objektiv zu funktionieren.
        Aber man sollte sich dabei schon bewußt sein, daß es sich bei dieser Art „Logiken“ zu basteln, um eine Surrogatfunktion handelt und, daß Die Logik u.U. auch ganz andere Ergebnisse hervorbringen kann ( und wohl auch öfter wird, als wir das bemerken ).

        Mir hilft es immer recht gut, daran zu denken, daß Absolutwerte unlogisch sind, also 1+1=2 nur auf dem Papier perfekt funktioniert.
        „Das da draußen“ ( Welt, Universum, was auch immer ) ist fuzzy, w.h. es gibt immer nur ein relativ ungenaues „mehr oder weniger“, welches wir in unserer Beobachtung auf einen für uns einigermaßen sinnvollen Durchschnittsbereich einzukochen versuchen.

        Um diese Anmerkung mit etwas Humor zu beenden, ein uralter Witz über Logik:
        „Wußten Sie, daß rund 20% aller schweren Verkehrsunfälle von betrunkenen Autofahrern verursacht werden?“
        Antwort:
        „Ja, können diese 80% nüchternen Idioten nicht zuhause bleiben?“

        • Mir hilft es immer recht gut, daran zu denken, daß Absolutwerte unlogisch sind, also 1+1=2 nur auf dem Papier perfekt funktioniert.

          Ich verstehe nicht genau was du damit meinst.
          Was wäre denn die Alternative dazu dass 1+1=2 „nur auf dem Papier perfekt funktioniert“? Wie funktioniert es denn überall sonst, also „nicht auf dem Papier“?

          „Das da draußen“ ( Welt, Universum, was auch immer ) ist fuzzy, w.h. es gibt immer nur ein relativ ungenaues „mehr oder weniger“, welches wir in unserer Beobachtung auf einen für uns einigermaßen sinnvollen Durchschnittsbereich einzukochen versuchen.
          Ich denke man sollte solche Dinge wie die Unschärferelation oder die Verlangsamung der Zeit die sich aus der Relativitätstheorie ergibt nicht überbewerten. Insbesondere dein „relativ ungenaues mehr oder weniger“ würde ich in dieser Form nicht unterschreiben. Es suggeriert nämlich, dass wir eine grundsätzlich unzureichende Wahrnehmung der Welt um uns herum hätten, und das stimmt m.M.n. nicht. Dass du den Durchmesser eines Reifens aufgrund der Unschärferelation nicht genau messen kannst, halte ich in diesem Zusammenhang für Haarspalterei. Denn ob der Durchmesser jetzt 527mm oder 527mm+-epsilon mit epsilon<10e-20mm ist, das ist tatsächlich EGAL. Damit meine ich, es gibt in der Wirklichkeit wie wir sie erleben KEINE Situation, in der dieses epsilon eine Rolle spielt.
          Du schreibst zwar sehr viel über die Wirklichkeit und wie wir sie erfassen oder auch nicht. Aber gerade dein Beispiel mit der Unschärferelation zeigt m.M.n. dass es in dieser Diskussion gerade NICHT um die Wirklichkeit geht, sondern ums Rechthaben, s. Haarspalterei oben.
          Logik ist aus meiner Sicht sowieso weitgehend unabhängig von der Wirklichkeit, insofern verstehe ich auch nicht was du mit "Unsere übliche mathematische Logik, wie man sie in der Grundschule lernt, ist z.B. streng genommen gar nicht logisch" meinst.

          • @ pingpong:
            „Aber gerade dein Beispiel mit der Unschärferelation zeigt m.M.n. dass es in dieser Diskussion gerade NICHT um die Wirklichkeit geht, sondern ums Rechthaben, s. Haarspalterei oben.“
            An der Stelle wollte ich eigentlich antworten: Schön, daß Du wenigstens das verstanden hast.
            Leider kam danach der Satz:
            „Logik ist aus meiner Sicht sowieso weitgehend unabhängig von der Wirklichkeit, …“

            Da habe ich dann das Handtuch geschmissen.

            Ach, na gut, ein kleiner Hinweis doch noch: Mit „auf dem Papier“ meinte ich natürlich die kleine Differenz zwischen rein formeller Theorie und der von uns unabhängigen Realität.
            ( Und jetzt bitte keine OT-Metadiskussion über „die Henne und das Ei“, Schrödinger, „coito [ oops! ] ergo sum“ o.ä. gern praktizierte Zeitvertreibe …. 😉 )

    • Dazu passt ja auch die Heroin-Krise, die enorme Ausmaße angenommen hat, aber nur ungeheuer langsam ins Bewusstsein kommt.

      Ich glaube, es hat tatsächlich damit zu tun, dass diese sozialen Daten nicht zu den Täter-Opfer-Geschichten passen, die klischeehaft den politischen Journalismus bevölkern. Die Studie zur Arbeitslosigkeit konzentriert sich auf Männer, von der Opioid-Krise sind vor allem Weiße betroffen. Beides soziale Gruppen, die als Herrscher-Gruppen wahrgenommen werden.

  • „Die scharfe Ökonomisierungslogik, die seit Jahrzehnten als „Globalisierung“ das Wirtschafts- und Arbeitsleben verändert, ist zwar nicht sinnlos und auch nicht schon an sich von Übel. Für das Leben in einer komplexen modernen Gesellschaft reicht sie aber nicht aus, braucht ergänzende oder auch widerstrebende Logiken – etwa die lebensweltliche Logik einer alltäglichen Kooperation.“

    Wenn mit Ökonomisierungslogik betriebswirtschaftliche Logik gemeint ist, dann hat sie ohne Zweifel den Sinn der Gewinnmaximierung, worunter der höchstmögliche Gewinn unter den gegebenen Umständen zu verstehen ist (bzw. dessen Barwert über eine gewisse Zeit hinweg). „Globalisierung“ dient aber innerhalb des betriebswirtschaftlichen Gewinnmaximierungskalküls meistens als gewinnmaximierende Ausrede, um Leute zu entlassen. Der Sinn der Entlassungen aber ist der möglichst hohe Gewinn. Unhinterfragt oder als quasi-natürlich vorausgesetzt bleibt der Sinn des Gewinns als solchem…Es könnte sein, dass es ein überaus simples aber in gewisser Hinsicht doch vielleicht letztlich ziemlich dummes soziales Organisationsprinzip ist, das vor allem auf Bauernschläue setzt…

  • Für die Betriebswirtschaftslehre der Nachkriegszeit war der „angemessene Gewinn“ die zentrale Größe, die im Lauf der 70er Jahre durch das Ziel der Gewinnmaximierung verdrängt wurde. Seitdem ist Kostenminimierung und damit v.a. Personalkostenminimierung eine ständige Begleitgröße jeder Unternehmenspolitik. In den 50er und 60er Jahren beschränkte sich der Personalabbau auf Krisenzeiten und auf die Folgen technologischer Innovationen. Das Lob der Gewinnmaximierung läßt sich ökonomisch nicht begründen. Dahinter stehen außerökonomische Zielsetzungen, sprich der Glaube, daß es gut sei, wenn Menschen die Knute spüren und ständig unter Druck stehen.

  • Angemessener Gewinn scheint mir ein derart schwammiger Begriff zu sein, dass er erst mit Inhalt gefüllt werden müsste. Selbst wenn man sich irgendwie demokratisch darauf einigen könnte, was angemessen wäre, müsste es wohl eine Instanz geben, die darauf achtete, dass die Angemessenheitsgrenze nicht überschritten würde. Wer aber überwacht die Überwachungsinstanz? Wie stünde es um die Privatautonomie der Unternehmen, schriebe man ihnen etwa die Preise vor? Oder hat man es mit dem Bild eines barmherzigen Unternehmertums zu tun?

    In der Logik der allgemeinen Gleichgewichtstheorie (AGT) ließe sich etwas anderes als Gewinnmaximierung ökonomisch nicht begründen: Strebten in der Welt der vollkommenen Konkurrenz nicht alle Unternehmen nach dem Gewinnmaximum, könnte noch etwas produziert werden, was von den Haushalten zur Nutzenmaximierung gekauft werden könnte. Dies würde einen Wohlfahrtsverlust darstellen. Soweit ich informiert bin, ist die AGT immer noch der zentrale Baustein der akademischen Wirtschaftswissenschaften seit den 1950ern.

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