Sexismus

Die Journalistin M. Binswanger auf metoo-Mission: ein Akt von Selbstjustiz und ein medialer Rohrkrepierer? (Teil: I)

geschrieben von: Mark Smith

Unter dem Titel „Chef der Zudringlichkeiten“ veröffentlichte die schweizerische Zeitung „Tages-Anzeiger“ am Mittwoch, den 20. Dezember 2017 einen Artikel der Journalisten Michèle Binswanger und Mario Stäuble. Darin befinden sich zahlreiche Vorwürfe hinsichtlich sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gegen den bekannten Journalisten *Max Mustermann (aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen wird der richtige Name an dieser Stelle nicht genannt) über Vorfälle, die sich ab dem Jahre 2000 bis zum Jahre 2015 ereignet haben sollen.

(*Der Name des betreffenden Journalisten wird nachfolgend auch in direkten  Zitaten mit dem Pseudonym Max Mustermann ersetzt.)

(Längere direkte Zitate wurden immer mit einer Quelle versehen. Die Paraphrasierungen wurden nicht immer direkt kenntlich gemacht, jedoch wurden alle Artikel aufgelistet, aus denen Inhalte mittels Paraphrasierungen entnommen wurden.)

Was ist passiert?

Die schweizerische Zeitung „Tages-Anzeiger“ hat letzten Mittwoch (20.12.2017) gravierende Vorwürfe gegen den bekannten Journalisten Max Mustermann erhoben: momentan Co-Chefredakteur einer bekannten Zeitschrift in der Schweiz. Mustermann habe über mehrere Jahre hinweg (2000-2015) Frauen am Arbeitsplatz sexuell belästigt (Bedrängung, Belästigung und ungefragte Berührung). Als Journalist in einer Kaderposition wie beispielsweise beim „Blick“, bei der „Aargauer Zeitung“ oder beim Privat-Fernsehsender „TeleBärn“ habe er quasi als „Chef der Zudringlichkeiten“ gegolten, wie die beiden Journalisten des Beitrages, Michèle Binswanger und Mario Stäuble, in ihrem Beitrag verlauten lassen.

Brisant in diesem Zusammenhang (aus medienethischen und rechtsstaatlichen Gründen) ist m.E. die Tatsache, dass die mutmasslich von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffenen Frauen ihre Vorwürfe anonym vorgebracht haben. Die Frage stellt sich also, ob es grundsätzlich und in diesem singulären Fall in Ordnung ist, wenn eine Zeitung aufgrund einer anonymen Klägerschaft solcherart schwere Vorwürfe gegen eine Person erhebt?!

Laut der Autorin des Artikels, Michèle Binswanger, sei die Recherche über den Journalisten Max Mustermann im Zuge der MeToo-Debatte entstanden. Über Mustermann habe es bereits seit geraumer Zeit Gerüchte hinsichtlich sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gegeben. Deshalb seien Binswanger und ihr Kollege Stäuble zum Schluss gekommen, diesen Gerüchten näher nachzugehen und zu recherchieren.

Die beiden Journalisten haben also Frauen gesucht, die ihnen „aus erster Hand von Ihren Erlebnissen berichten konnten“. Offenbar sei es relativ leicht gewesen, solche betroffene Frauen zu finden. Schwieriger sei jedoch die Frage gewesen, wie mit der Anonymität der Frauen umzugehen sei, da diese ein beträchtliches Risiko eingehen würden, wenn sie sich öffentlich outen würden. Deshalb wurden auch Zeugen gesucht, die das bestätigen können, was die mutmaßlich betroffenen Frauen berichteten und die den Fall in seiner ganzen Komplexität kennen würden. Die beiden Journalisten des Tagesanzeigers sprachen insgesamt mit 28 Ex-Mitarbeiterinnen, Vorgesetzten und Bekannten über das Verhalten von Max Mustermann hinsichtlich sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gegenüber weiblichen Angestellten. Daraus habe sich ein Muster an Vorwürfen ergeben, das sich seit dem Jahre 2000 über 15 Jahre bis ins Jahre 2015 ergeben habe, in denen Max Mustermann, der zu dieser Zeit einer der einflussreichsten Männer in der Medienbrache der Schweiz war, Frauen am Arbeitsplatz sexuell belästigt habe.

Wer ist Max Mustermann

Ich selbst kannte bisher Max Mustermann nicht, obwohl er offenbar einer der bekanntesten Journalisten der Schweiz sein soll. Das dürfte damit zusammen hängen, dass ich die Medien überhaupt nicht konsumiere, in denen Max Mustermann bisher als Journalist in einer Chefposition tätig war wie „Blick“, „Schweizer Illustrierte“, „TeleBärn“ (Privatfernsehsender), „Aargauer Zeitung“ etc. Ich kann also quasi nichts über ihn sagen, was er für ein Mensch ist. Ich habe mir bloß auf Youtube ein paar Videos angeschaut, in denen er vorkommt.

In einem Online-Medium wird Max Mustermann wie folgt beschrieben:

Denn Max Mustermann galt viele Jahre als Vorzeigejournalist. Denn Mustermann stellte mit Vorliebe bürgerliche Politiker bloß, mit ausgeschlachteten Geschichten aus deren beruflichem oder privatem Umfeld. Dabei ging er nicht zimperlich vor und machte oftmals „aus Mücken Elefanten“ indem er versuchte, Geschichte so aufzublasen und auszuwalzen, damit an den Betroffenen möglichst viel Schmutz hängen bleibt.

Und im Tagesanzeiger, der den Fall Max Mustermann initiiert hat, wird er wie folgt charakterisiert:

Es gab keinen Größeren: Vier Jahre lang war Max Mustermann Chefredaktor des «Blicks» – und als solcher der Schweizer Journalist mit der größten Reichweite, der schrillsten Stimme, der gefährlichsten Waffe. Er hatte die Macht, Kampagnen zu fahren, Politiker zu stürzen, Skandale aufzudecken. Und das gefiel dem Wahl-Oltner. Ehrgeizig war der studierte Theologe schon immer, seine Leidenschaften trieben ihn an, sein Glaube, sein Beruf – und die Frauen. Er wollte an die Spitze, wollte Resonanz, Beachtung, Bestätigung. Und wo diese nicht von selbst kam, soll er nachgeholfen haben. Zumindest bei den Frauen.

Was wird Max Mustermann vorgeworfen?

Max Mustermann, der aktuelle Co-Chefredaktor einer bekannten Schweizer Illustrierte, soll über 15 Jahre hinweg systematisch eine große Anzahl von Ex-Mitarbeiterinnen, die hierarchiemässig unter ihm standen, sexuell belästigt, ungefragt berührt und bedrängt haben. Der Tagesanzeiger schreibt in diesem Zusammenhang:

Zwölf Quellen berichteten von Vorfällen, in denen Max Mustermann Mitarbeiterinnen bedrängt und berührt haben soll, an Po, Beinen oder Brust, am Arbeitsplatz, im Lift, an Firmenfesten, im öffentlichen Raum, teilweise bezeugt von Dritten. In einem Fall soll es zu ungewollten Küssen gekommen sein.

Ebenfalls verbal soll Max Mustermann sexistisch gewesen sein in dem er weibliche Mitarbeiterinnen danach fragte, „ob sie wieder mal Sex brauche?“ oder „ob sie ihre Tage habe?“. Des Weiteren soll er an Sitzungen über das „morgendliche Wichsen“ zu Hause gesprochen haben und außerdem meinte, dass „Macht einfach geil“ sei. Schwerpunktmäßig sollen sich die Vorfälle in den Jahren zwischen 2003 bis 2007 abgespielt haben, es gebe jedoch desgleichen Vorfälle, die noch nicht weit zurückliegen würden.

Ob diese Vorwürfe, von denen die beiden Journalisten des Tagesanzeigers berichten, der Wahrheit entsprechen, ist in diesem Zusammenhang völlig irrelevant, zumal es sich um reinste Mutmaßungen und Spekulationen handeln würde und es m.E. nicht die Aufgabe von mir ist, zu beurteilen, ob die Vorwürfe richtig oder falsch sind. Außerdem gilt, insbesondere wenn es sich um strafrechtlich relevantes Verhalten handeln würde, was m.E. der Fall wäre (Art. 198 StGB), die Unschuldsvermutung nach EMRK. Aber auch aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen (Persönlichkeitsverletzung nach dem Zivilrecht) ist hier mit äußerster Vorsicht vorzugehen.

Wie reagierte Max Mustermann bisher auf die Vorwürfe?

Max Mustermann wurde offenbar von etlichen Medien um eine Stellungnahme zu den gegen ihn vorgebrachten Vorwürfen gebeten, er hat jedoch offenbar bei allen Medien immer das Gleiche gesagt, dass er diesbezüglich keine Auskunft geben werde.

Wie reagierte bisher der jetzige Arbeitgeber von Max Mustermann auf die vorgetragenen Vorwürfe?

Die Pressestelle des Verlags, bei dem Max Mustermann aktuell als Co-Chefreaktor einer Zeitschrift fungiert, gibt auf Anfrage verschiedener Medien bekannt, dass man bisher „keine Kenntnis von Vorfällen, die Max Mustermann beträfen“ habe. Auf anonyme „Anschuldigungen, die von dritter Seite ans Unternehmen herangetragen würden, könne man keine Maßnahmen ergreifen“.

Die Pressestelle teilte ausserdem mit, dass man bedauere, wenn „grenzüberschreitendes Verhalten verbaler und körperlicher Art“ das Mitarbeiterinnen betreffe, nicht gemeldet worden sei; solches Verhalten würde vom eigenen Konzern nicht toleriert. Für Mitarbeitende des Konzerns würde laut „kleinreprort“ jederzeit die Möglichkeit bestehen,

entsprechende Vorfälle und ungewöhnliches Verhalten ‚vertraulich ihren Vorgesetzten oder der Abteilung Human Resources zu melden. Zudem besteht eine anonyme Meldestelle für unsere Mitarbeitenden. Eingehende Meldungen werden unabhängig davon, ob Männer oder Frauen betroffen sind, sorgfältig geprüft‘, sagte René Beutner.

‚Bestätigt sich die Sachlage, ergreifen die Unternehmensleitung und Human Resources umgehend entsprechende Maßnahmen.‘

Die Frauen, die mutmaßlich Betroffene sexueller Belästigung sind

Wie haben die Frauen reagiert, die mutmaßlich von Max Mustermann am Arbeitsplatz sexuell belästigt wurden? Und weshalb wollen Sie jetzt anonym bleiben, wenn es darum geht, ihre Vorwürfe publik zu machen?

Binswanger und Stäuble schreiben über die mutmaßlich betroffenen Frauen und deren Reaktionen auf die mutmaßlichen Fehltritte von Max Mustermann am Arbeitsplatz Folgendes:

Im Rückblick ist das Bild immer klarer, als wenn man mittendrin steckt. Aber es gibt ganz unterschiedliche Gründe: Man findet es im Moment vielleicht gar nicht so schlimm und merkt erst später, dass man sich hätte wehren sollen. Man will sich nicht exponieren, schließlich muss man gegen den Chef vorgehen. Und viele mochten und mögen den Max Mustermann ja, auch wenn sie sein Verhalten abstoßend fanden. Man geht davon aus, dass einem eh niemand glaubt, oder dass eine Meldung wirkungslos verpufft. Und manche fanden, dass sie sich selber wehren können. Es gab auch Frauen, die Ohrfeigen verteilten.

An einem Weihnachtessen beim Privatfernsehsender „TeleBärn“ im Februar 2013 als Max Mustermann zukünftige Mitarbeiterinnen von ihm in einer Art und Weise „angemacht“ habe, dass sich diese offenbar belästigt gefühlt hätten, seien diese danach beim Management vorstellig geworden und hätten sich über Mustermanns Verhalten beklagt, worauf der Geschäftsleiter Mustermann bezüglich den Vorwürfen konfrontiert habe.

Binswanger schreibt ausserdem:

Viele Betroffene fürchten zudem auch im Fall Max Mustermann, eine Meldung könnte wirkungslos verpuffen oder sie könnten als Denunziantinnen dastehen.

Und Binswanger weiter:

Teilweise haben sie sich gewehrt. Aber es braucht schon viel, um formal Beschwerde einzureichen und wer das tut, exponiert sich doch sehr. Und es gibt ja auch wirklich Risiken. Es gibt ein typisches Muster, dem ich auch bei anderen Recherchen begegnet bin: Frauen werden sexuell belästigt und melden das bei der zuständigen Stelle. Dann hören die Belästigungen auf, dafür heißt es dann plötzlich, die Mitarbeiterin performe schlecht. Die sexuelle Belästigung geht in Mobbing über.

Rückblickend seien gewisse mutmaßlich betroffene Frauen schockiert gewesen, dass es ein „konstantes Wegschauen“ gab oder sie hätten gekündigt, wenn Mustermann nicht selbst die Arbeitsstelle gewechselt hätte. Andere fanden das Verhalten von Mustermann „absolut widerlich“ oder sie hatten „jeweils ein mulmiges Gefühl gehabt“ und Acht darauf gegeben, dass sie nicht in seine Nähe kommen beispielsweise im Treppenhaus, wenn sie ihm alleine begegneten.

Die Auskunftspersonen der Recherche von Binswanger und Stäuble wollen deshalb anonym bleiben, weil sie „berufliche Nachteile“ befürchten, insbesondere da die Medienbrache in der Schweiz klein sei und wer sich öffentlich oute, müsse mit Ächtung rechnen.

Wie haben die Medien auf den Fall Max Mustermann reagiert?

Interessant ist nun, wie die Medien auf die Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Max Mustermann durch Michele Binswanger im Tagesanzeiger reagiert haben. Zugespitzt könnte man sagen: „Es herrscht ein ohrenbetäubendes Schweigen“. Wenn ich das richtig überblicke, haben die öffentlich-rechtlichen Medien (Radio, Fernsehen, Online-Medien) bisher überhaupt nichts über den Fall Mustermann gebracht und die privatrechtlichen Medien (Radio, TV. Print und Online) haben sich vermutlich zu 95% nicht dazu geäußert. Die BaslerZeitung hat zwar das Thema aufgenommen, hat aber gegen die Freundin von Max Mustermann geschossen, die eine nationale Parlamentarierin der Grünen Partei ist. Die NZZ geht in diesem Fall eher der Frage nach, ob die Journalistin Michèle Binswanger nicht primär und vor allem Scharfrichterin spielen möchte, was m.E. nicht die Aufgabe der Medien wäre. Dann haben sich vor allem noch ein paar Onlinemedien, hier insbesondere watson und persönlich.com sowie kleinere Onlineportale, zum Fall Max Mustermann geäußert. Für die Journalistin Michèle Binswanger dürfte das vermutlich ein Super-GAU sein. Ich vermute, dass sie wahrscheinlich davon ausgegangen ist, dass bei Ihrer recherchierten Story über Max Mustermann so etwas Ähnliches passiert wie bei Harvey Weinstein in den USA oder beim Schweizer nationalen Parlamentarier Yannick Buttet, der vor ein paar Tagen unter dem Druck von Vorwürfen wegen Stalking und sexueller Belästigung als Parlamentarier zurückgetreten ist, ohne dass überhaupt ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt.

Jetzt muss man sich natürlich fragen, weshalb bis jetzt der Fall Max Mustermann doch eher ein medialer Rohrkrepierer im übertragenen Sinne ist? Gewisse Leute meinen, Max Mustermann sei einfach das falsche Zielobjekt gewesen und dies in zweifacher Hinsicht:

  1. Er dürfte politisch doch eher links anzusiedeln sein und links gesinnte Menschen, dürften doch vornehmlich die Gruppe sein, die am lautesten ihrer Empörung freien Lauf lässt, wenn es um sexuelle Gewalt, sexuelle Übergriffe und sexuelle Belästigung an Frauen geht. Wenn der Übeltäter aus den eigenen Reihen kommt, kneift man doch ev. lieber ein Auge zu und lässt Gnade vor Recht walten.
  2. „Eine Krähe hackt einer anderen Krähe kein Auge aus“ – soll heißen: Da Max Mustermann ein Journalist ist, tun sich andere Journalisten schwer, nun plötzlich gegen einen aus der eigene Zunft vorzugehen. Da hält man doch lieber die Füße still.

Es ist nicht auszuschließen, dass diese zwei Gründe tatsächlich eine Rolle spielen beim bisherigen Schweigen der Medien, aber ich hoffe natürlich, dass dem nicht so ist und hoffe, dass ganz andere Gründe dafür ausschlaggebend sind wie:

  1. medienethische Gründe;
  2. rechtsstaatliche Gründe.

Zugespitzt könnte man sagen: Michèle Binswanger will nicht nur das öffentliche Interesse befriedigen und Missstände aufdecken, sondern sie hat eine eigene Mission: Die Bestrafung eines mutmaßlichen Übeltäters in Form von „Selbstjustiz“ und persönlicher Vendetta“ bzw. Prävention und zwar in Form eines medialen Prangers. Der mediale Pranger soll die Konsequenz (bzw. die Bestrafung) des mutmaßlichen Übeltäters Max Mustermann sein, dessen Verhalten bisher ohne Konsequenzen geblieben ist.

Die Titel, die sich mit dem Fall Max Mustermann beschäftigt haben lauten übrigens wie folgt:

Chef der Zudringlichkeiten

«Ich hoffe, dass dieses Verhalten Frauen gegenüber abnimmt»

Schwere Vorwürfe gegen Max Mustermann

Das geht zu weit

Es hat geScheppert

Zahlreiche Vorwürfe gegen Max Mustermann

Nach Grapsch-Vorwürfen gegen Ex-«Blick»-Chef: «Es gab schon lange Gerüchte in der Branche»

Happige Vorwürfe: Der Abstieg des Max Mustermann

Medienkritik: Geht das nicht zu weit?

Hillary aus dem Aargau

(Direkte Zitate und Paraphrasierungen dieses Blogbeitrages stammen alle aus den oben aufgelisteten Artikeln)

Die Motivation der Journalistin Michèle Binswanger für die Publikation ihres Artikels

Die Journalistin Michèle Binswanger recherchierte offenbar zwei Monate lang über den Fall Max Mustermann. Als Motivation für die Veröffentlichung dieser Recherche gibt sie folgende Umstände an:

  1. weil es ein wichtiges Thema ist (sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz);
  2. weil es ein öffentliches Interesse gibt, das stark genug ist, zumal die Vorwürfe zahlreich waren, diese durch Zweitquelle bestätigt wurden, die Vorwürfe also glaubwürdig seien, sich ein immer wieder ähnliches, sich über Jahre erstreckendes Muster ergebe und dies nahe an die Gegenwart reiche. Weil Max Mustermann eine öffentliche Person sei und eine einflussreiche Position bekleide. Und weil er mehrfach, auch wenn nur informell, gewarnt worden sei und trotzdem weitermachte. Dass es Fälle gebe, die bei den betroffenen Frauen immer noch nachwirke;
  3. die Hoffnung, dass dieses Verhalten gegenüber Frauen ganz allgemein abnehme und die Hoffnung, dass Frauen nun anfangen würden, sich dagegen zu wehren;
  4. weil sexuelle Belästigung eines Chefs öffentlich werden müsse;
  5. weil Frauen lange geschwiegen hätten, wenn ein Chef sie bedrängt habe; sich zu wehren, sei oft aussichtslos gewesen;
  6. nach dem Fall Harvey Weinstein sei mit MeToo aber eine Bewegung entstanden, die dieses Schweigen aufgebrochen habe und das System hinter solchen Übergriffen sichtbar gemacht habe;
  7. zumal es sich bei Max Mustermann um eine einflussreiche öffentliche Person handle, die Macht ausüben könne;
  8. auch ein leichter Fall ein Fall sei, vor allem wenn das Verhalten System habe und über Jahre andauere;
  9. den betroffenen Frauen zu zeigen, wie viele es von ihnen gäbe;
  10. im Zusammenhang der anonymen Anklägerschaft: Die Publikation sei verantwortbar, zumal die Vorwürfe zahlreich und glaubwürdig gewesen seien;
  11. Frauen sollen sehen, dass sie sich eine solche Behandlung nicht gefallen lassen müssen; dass wir endlich an den Punkt kommen würden, wo Männer Frauen nicht mehr so behandeln würden; dass Männer die Grenzen der Frauen in Zukunft akzeptieren würden;
  12. solches Verhalten bisher lange toleriert worden sei, zumal es keine Konsequenzen gehabt habe;
  13. dass ein Mann nun wisse, der eine Frau anzüngle, ihr an die Brust grapschen oder an den Po fassen würde, dass dies falsch sei;
  14. jetzt auch Max Mustermann wisse, dass solches Verhalten Konsequenzen habe.

Offene Fragen, Widersprüche, Ungereimtheiten im Zusammenhang der Publikation über Max Mustermann

In einem zweiten Teil, der hoffentlich in ein paar Tagen folgt, werde ich den folgenden Fragen, Widersprüchen und Ungereimtheiten im Zusammenhang der Publikation über Max Mustermann nachgehen. Ich werde dann auch noch ausführlich begründen, weshalb ich das Pseudonym Max Mustermann gebrauche.

  1. Weshalb haben die betroffenen Frauen keine Strafanzeige gemacht oder sich beschwert oder sich beraten lassen bei Vorgesetzten, bei Ombudsstellen, bei Gewerkschaften, bei Fachstellen für die Gleichstellung, bei Opferberatungsstellen etc. Ist das glaubwürdig, was die mutmaßlich betroffenen Frauen vorbringen, wenn sie sagen, es wäre ein großes Risiko gewesen, wenn sie formell gegen Max Mustermann vorgegangen wären?
  2. Weshalb wissen die Arbeitgeber nichts von diesen Vorfällen? Wenn es ja offenbar allseits bekannt war? Haben die Arbeitgeber weggeschaut?
  3. Weshalb wollen die Frauen immer noch anonym bleiben? Und ist das glaubwürdig? Und wäre es nicht besser, wenn Vorwürfe, die nach dem Gleichstellungsgesetz noch nicht verjährt sind, bei den Arbeitgebern zu melden oder ev. Klage bei der Schlichtungsstelle zu erheben?
  4. Ist es medienethisch und rechtsstaatlich vertretbar, anonyme Vorwürfe zu bringen?
  5. Hätte es nicht viele andere und bessere Wege gegeben, anstatt einen medialer Pranger?
  6. Weshalb schreiben die Medien kaum über diesen Fall?
  7. Warum sind nur Frauen als Opfer im Visier und nicht auch Männer als Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und Frauen als Täterinnen?
  8. Ist die Motivation zur Publikation von Michèle Binswanger glaubwürdig?

Wünsche allen schöne Festtage, einen guten Rutsch ins Neue Jahr und natürlich alles Gute für das Neues Jahr!

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17 Comments

  • Einige Anmerkungen:

    1. In den Überschriften steht immer nur Michèle Binswanger, ihr Koautor Mario Stäuble und dessen Motivationen bleiben unerwähnt. Die Beteiligung von Männern an der allgemeinen Hexenjagd auf Männer ist eigentlich besonders interessant.

    2. Binswanger und Stäuble betätigen sich als selbsternannte feministische Religionswächter bzw. Hilfssheriffs. Damit sind sie nicht alleine, als Folge der metoo-Kampagne scheint hier ein neuer Modeberuf entstanden zu sein, in den man schnell viel Erfolg haben kann. Das reicht ggf. schon als Motivation. Außerdem räumt man damit ältere Herren aus dem Weg, die dem eigenen Aufstieg im Wege stehen. Bei pro-quote.de müßten eigentlich die Sektkorken fliegen, die verhalten sich bisher erstaunlich ruhig.

    3. Es gibt normale Menschen, und es gibt Schauspieler, Kunstschaffende, Journalisten, fahrendes Volk usw., die irgendwie auf einem anderen Planeten zu leben scheinen. Die Filterblase, in der die Redaktion der ZEIT, SZ o.a. feministische Medien lebt, ist hier schon x Male konstatiert worden. Dazu passend hat gestern die ZEIT-Redaktion eine eindrucksvolle Selbstdokumentation abgeliefert:

    http://www.zeit.de/kultur/2017-12/sexismusdebatte-metoo-feminismus/komplettansicht
    Reden über #MeToo
    23. Dezember 2017, 17:09 Uhr

    10 Mitglieder der ZEIT-ONLINE-Redaktion legen ein Treuebekenntnis zum Feminismus i.a. und zur metoo-Kampagne im Besonderen ab. Die Gesamtbandbreite der Meinungen beträgt ca. 0.5 Millimeter. Studien, wonach Politikjournalisten zu ca. 30 – 40% ideologisch den Grünen zugehörig sind, werden klar widerlegt, es sind 80 – 100%.

    Bemerkenswert sind ferner die Artikel, um nicht zu sagen Milieustudien, von Würfel und Sebastian (s. Besonderheiten der metoo-Kampagne) zu dieser Filterblase.

    Anders herum gesehen können wir als Außenstehende die Verhältnisse in dieser Filterblase von Künstlern und Journalisten nicht wirklich beurteilen.
    Das ganze verstärkt nur noch meinen Eindruck, daß ich von der (feministischen) Presse keine Informationen mehr erwarten kann, sondern nur noch Meinungsmache und Missionierung.

  • Frauen, die reden, gehen ein beträchtliches Risiko ein

    Sagt Frau Binswanger.
    Was genau ist denn das Risiko, das diese Frauen eingehen? Ist Herr Mustermann ein Verbrecher des Kalibers El Chapo, der Gegner gewohnheitsmässig aus dem Weg räumt, indem er sie erschiessen lässt? Offensichtlich ist das „beträchtliche Risiko“ lediglich die Möglichkeit, beruflich Nachteile zu erfahren und auch das ist bloss eine Möglichkeit und keinesfalls sicher.
    Sicher aber ist, dass Mustermann erheblich geschädigt wird von einer Schar Frauen, die zu feige sind, mit ihrem Namen zu ihren Aussagen und Anschuldigungen zu stehen, weil sie berufliche Nachteile erfahren könnten. Mit dieser Einstellung lässt man oder besser gesagt frau sich dann folgerichtig auch Dinge gefallen, die sich frau nicht gefallen lassen sollte. Dann doch lieber anonym aus der sicheren Deckung schiessen. Vulgärsprachlich wird das „hinterfotzig“ genannt. Von Männern wird erwartet, dass sie mit ihrem Namen einstehen. Das ist so eine Art männlicher Ehrenkodex, ein ungeschriebenes Gesetz, das für Frauen offensichtlich so nicht gilt.
    Was die „Journalistin“ Binswanger anbelangt: Die hat genau ein Thema – Frauen, Frauenfrauen und Frauenfrauenfrauenfrauen und deren Befindlichkeiten. Wenn Männer eine Rolle spielen in ihren Theaterstücken, dann als defizitäre Wesen, die den Ansprüchen der Frauen in irgendeiner Weise nicht genügen.
    Binswanger hat wohl gedacht, sie erlange mediale Relevanz, wenn sie noch schnell auf die meetoo-Kampagne aufspringe und mit etwas Lokalkolorit anreichere. Mustermann ist jetzt sozusagen der Harvey Weinstein der Servelatprominenz.
    Was die mediale Beachtung des Skandälchen anbelangt so bin ich mir sicher, dass die viel grösser wäre, wenn ein bekannter SVP-ler die Zielscheibe abgäbe. Nicht dass ich SVP-ler mag, aber die parteipolitischen Präferenzen der Mehrheit der Journalistenzunft liegen bei der SP und den Grünen, die in diesem Milieu wohl eine absolute Mehrheit stellen.

    • @Pjotr

      Ich empfehle folgenden Artikel, habe diesen erst heute gesehen, aber auch erst gestern erschienen:

      „Michèle Binswanger hat recht: es ist Zeit, sich zu wehren. Und zwar gegen die feige anonyme Denunzierung von Männern wegen angeblicher sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Entweder liegt etwas vor, das klagewürdig ist, dann bietet jede Firma gegnügend Anlaufstellen, wo sich jede Frau anonym beschweren kann. Oder es liegt ein Delikt vor, und die Polizei nimmt jede Anzeige ernst. Wir leben nicht mehr in den Fünfzigerjahren.“

      http://www.persoenlich.com/blog/medialer-missbrauch

  • 10 Mitglieder der ZEIT-ONLINE-Redaktion legen ein Treuebekenntnis zum Feminismus i.a. und zur metoo-Kampagne im Besonderen ab. Die Gesamtbandbreite der Meinungen beträgt ca. 0.5 Millimeter.

    Das nennt sich „diversity“, auch als „Einfalt in der Vielfalt“ bekannt.

    Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber wenn ich sehe, dass alle einer Meinung sind, dann denke ich mir „da stimmt was nicht“, soll heissen, in diesem sozialen Umfeld herrscht ein repressives Meinungsklima.
    Ein repressives Meinungsklima muss nicht notwendigerweise durch explizite Vorgaben von irgendwelchen Autoritäten eingefordert werden, sondern kann sich durch gruppendynamische Prozesse etablieren.
    Der Feminismus hatte lange Zeit, sehr lange Zeit fast absolute Diskurshoheit erlangt. Feminismuskritiker galten als im besten Fall als „Ewiggestrige“, im schlechtesten Fall als Nazis gar, um die ein „cordon sanitaire“ gelegt werden müsse (Gesterkamp).
    Aber die Diskurshoheit des Feminismus bröckelt gewaltig. Der Feminismus ruht noch auf zwei Säulen: Die Institutionalisierung und die Propaganda durch die Mainstreammedien. Da der Feminismus kaum mehr gesellschaftspolitisch Relevantes thematisiert, wird jede Bagatelle zum grossen Skandal aufgeblasen, um wenigstens etwas gesellschaftspolitische Relevanz zu simulieren. Das hier besprochene Skandälchen ist Teil dieser stets schriller werdenden Agitation, die letztendlich kontraproduktiv ist, weil sich die Irrelevanz des Feminismus immer deutlicher zeigt.

  • Wie Russland dankbar sein muss fuer die Sanktionen, so muss die Maennerwelt dankbar sein fuer das Mobbing. So wie fuer Russland die Marschrichtung sein muss „Abschied von Westen“, so muss die Marschrichtung fuer die Maennerwelt sein „Abschied von der Frau“ — so schwer dass auch emotional sein mag (in beiden Faellen gibt es eine jahrhundertealte Propaganda, dass das hoechste Wesen der Westen / die Frau ist).

    So wie ja Russland und China so leicht haetten eingenommen werden koennen durch Korruption, so leicht waere die Maennerwelt einzunehmen gewesen durch Korruption. Wie lange hat es Putin gebraucht, bis er endlich langsam einzusehen beginnt, dass der „Westen“ bloss Chaos und Zerstoerung im Sinn hat. Ebenso kann man doch auf dieser Seite sehen, wie Maenner wirklich hineingepruegelt werden in die Gegnerschaft zum Feminismus: nur zu gern wuerden sie permanent das Frauenlob singen, selbst Feministen sein, aber der Wahnsinn des Feminismus kennt keinen Kompromis mehr. Ebenso kann man bei H. Danisch sehen, dass er doch nur zu gerne Teil des Systems, der geliebten BRD waere, aber auch hier wird er zum Gegner des Systems hingepruegelt.

    Das Ende der Geschichte haette erreicht werden koennen: die russischen Eliten waren nur zu erpicht, das Volk zu dumm. Auch die Chinesen waeren nur zu gerne Juniorpartner des Westens. Und die Feministen haetten nur immer mal wieder ein Broeckchen, ein paar Stellchen, den Maennerrechtlern etc. hinwerfen muessen, und sie haetten sich nur zu gerne unterworfen.

    Stattdessen laeuft der Westen und seine Subsysteme Amok. Ein Goettergeschenk!

    Auch bei mir kann ich eigentlich tagtaeglich die Anpassungswut sehen, den Willen, alles „halb so schlimm“ so sehen, hat ja „viele Ursachen“, man muss nach „Kompromissen suchen“ usw. Gluecklicherweise, wie bei Russland, China, und den Maennern, gibt’s unentwegt eins in die Fresse — und dafuer muss man DANKE!! sagen, Erziehung zum Menschsein.

  • Nachtrag: Man koennte auch sagen „Erziehung zum Mannsein“, was heutzutage das Gleiche wie „Menschsein“ ist. Wiederentdeckung des Kampfes, des Krieges (dies schliesst wesentlich den Kampf gegen den psychotischen Massenmord, die Norm heutzutage, ein).

    Ich habe wenig Zweifel, dass die meisten Leser dieser Seite entsetzt den Kopf schuetteln — „wir muessen doch gemeinsam mit den Frauen …“. Und ich sehe eine gute Chance, dass sie dafuer so lange bestraft werden, bis sie es endlich einsehen :-))

    Die Maenner, die des Sexismus angeklagt werden, bekamen von Geburt eingebleut, dass ihr ganzes Streben dem Weibe gelten muss. Insofern kann man beim „me-too“-Mobbing/Lynchen die List der Vernunft am Werke sehen, Bestrafung dafuer, dass sie ihr Mensch/Mannsein verleugneten, und dachten das hoechste Streben gelte Weib und Kind.

    Die ganze „menschliche Koerperlichkeit“ ist heutzutage zerfressen (der Tanz, die Musik, etc.). Jedes Wort zu einer Frau heutzutage ist eine Luege — und beide wissen das, aber bloss „irgendwo“, und so wird es tagtaeglich schlimmer.

  • Der Artikel ist in Kopie hier nachzulesen (ohne Bezahlschranke).

    Erstens, die denunzierenden Mädels bleiben anonym. Mein Vorschlag, dann ist ihr Vorwurf mangels Ehre gegenstandslos.

    Zweitens, die Details der Vorwürfe besagen: sein Verhalten ist sowieso nicht justiziabel, sondern berührt allenfalls die bürgerliche Moral, bzw., dem Zeitgeist folgend, die Idiosynkrasie der Emanzen.

    Drittens, der Typ kennt, scheints, keine Hemmungen, Polit-Charaktere zu kompromittieren. Das liefert Hinweise auf ein Motiv, ihn zu kippen.

    Leute. Das ist eine Kampagne. Schießt drauf, wo ihr könnt.

  • Binswanger und Stäuble haben offensichtlich selbst das Gefühl, das, was sie tun, legitimieren zu müssen. Zumindest ist ihre Darstellung Mustermanns dementsprechend aufgebaut.

    „Denn Mustermann stellte mit Vorliebe bürgerliche Politiker bloß, mit ausgeschlachteten Geschichten aus deren beruflichem oder privatem Umfeld. Dabei ging er nicht zimperlich vor und machte oftmals ‚aus Mücken Elefanten‘ indem er versuchte, Geschichte so aufzublasen und auszuwalzen, damit an den Betroffenen möglichst viel Schmutz hängen bleibt.“

    Und:

    Er sei „der Schweizer Journalist mit der größten Reichweite, der schrillsten Stimme, der gefährlichsten Waffe. Er hatte die Macht, Kampagnen zu fahren, Politiker zu stürzen, Skandale aufzudecken.“

    Binswanger und Stäubke haben offensichtlich systematisch nach Quellen gesucht, die Mustermann belasten – und es ist dabei nicht mehr herausgekommen als ein vages Szenario von „Vorfällen, in denen Max Mustermann Mitarbeiterinnen bedrängt und berührt haben soll“, gestützt auf durchweg anonyme Aussagen.

    Ihn auf dieser schwachen Grundlage öffentlich als übergriffigen, frauenfeindlichen Lustmolch vorzuführen, ist ein erheblich aggressiver Akt. Der wird legitimiert durch die Darstellung seiner Person – er sei ja selbst „nicht zimperlich“ gewesen, und er habe sehr viel Macht. Als Person wird er so beschreiben, als ob er keinen Anspruch auf Empathie hätte – und damit ist dann jeder Angriff immer schon legitim, irgendwie.

    Ich habe gerade bei Twitter kurz eine Diskussion zwischen Martin Domig und Robin Urban verfolgt, in der Robin deutlich machte, dass sie sexuelle Übergriffigkeiten auch entsprechend benennen will – während Martin darauf abzielte, dass Männer sich von Frauen insgesamt fernhalten werden, wenn ein Wort einer Frau reichen kann, um einen Mann zu ruinieren.

    https://twitter.com/MartinDomig/status/942036824834412545

    Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Debatte in die Irre gelaufen ist. Die Absicht, Schutz vor sexuellen Übergriffen zu bieten, hat längst etwas ganz anderes bewirkt. Erstens eine krasse Trennung der Situation von Männern und Frauen (ich z.B. erlebe es ständig, dass ich oder andere Männer von Frauen ungefragt berührt werden, und keineswegs immer keusch und zurückhaltend – ohne dass jemand eine allgemeine Übergriffigkeit von Frauen beklagen würde), zweitens stattdessen ein systematisches Verwischen von ganz unterschiedlichen Handlungen (vom Ans-Knie-Greifen bis hin zur Vergewaltigung), drittens eine faktische Abschaffung der Unschuldsvermutung in der öffentlichen Darstellung.

    Robin schreibt über die Debatte so, wie deren Protagonistinnen sie selbst gern sehen – Martin so, wie sie bei anderen ankommt. Beides ist kaum noch vereinbar.

    Binswanger und Stäuble haben mit der Diffusität ihrer Vorwürfe – die so im Ungefähren bleiben, dass sie in keinem Fall widerlegt werden könnten – und im Stützen auf anonyme Quellen gegen eine Journalisten, der faktisch eben keinesfalls anonym bleibt, zur Verwilderung der Debatte beigetragen. Da wir das Gute wollen, müssen wir uns nicht skrupulös an etablierte Regeln halten: Diese Überzeugung, immer das Gute zu tun und immer schon auf der Seite des Guten zu stehen, enthemmt ebenso wie die abwertende, gezielt empathiebefreite und empathiebefreiende Darstellung des Angriffsziels.

    • @Schoppe
      Du hast ja bereits sehr viele wichtige Sachen angesprochen:
      – Empathielosigkeit gegenüber dem Angriffsziel;
      – diffuse Vorwürfe;
      – Anonymität der Anklägerschaft;
      – Unschuldsvermutung;
      – Einseitigkeit: systematische Suche danach, ihn zu belasten;
      – etc.

      Ich glaube, wenn man diese Berichterstattung von Stäuble und Binswanger beurteilen will, sollte man schauen, welche Regeln man bei einer „Verdachtsberichterstattung“ einhalten sollte – das wären folgende:

      1. Interesse der Öffentlichkeit – Rechtfertigt das öffentliche Interesse die Nachteile, welche dem Betroffenen durch die Publikation des Verdachts entstehen?
      2. Identifizierung vermeiden – Ist es erforderlich Namen zu nennen oder Bilder zu zeigen?
      3. Eigenrecherche – Können Sie die behaupteten Fakten beweisen?
      4. Stellungnahme – Haben Sie die Betroffenen um Stellungnahme gebeten?
      5. Entlastende Argumente & Umstände – Haben Sie auch bekannte Fakten und Meinungen zu Gunsten der Betroffenen berücksichtigt?
      6. Keine Vorverurteilung – Titel und Formulierungen Ihres Artikels sollten offen sein und nicht suggerieren, dass der Verdacht zutreffend ist.
      7. Disclaimer – Zur Sicherheit sollten Sie auf den Verdachtscharakter Ihrer Aussagen und die Unschuldsvermutung ausdrücklich hinweisen.
      8. Nachträgliche Entlastung und Archive – Bei nachträglicher Entlastung der Betroffenen sollten Sie Ihren Artikel korrigieren oder zumindest muss erkennbar sein, dass es ein Archivartikel ist.
      https://drschwenke.de/regeln-verdachtsberichterstattung-journalisten-blogger/

      Ich würde nun mal behaupten, dass Stäuble und Binswanger das Prinzip der Vorverurteilung verletzt haben. Das zeigt bereits der Titel ihres Artikels „Chef der Zudringlichkeiten“. Sie haben auch keinen Disclaimer gebracht wie: „Verdachtscharakter ihrer Aussagen“ oder eben die „Unschuldsvermutung“ etc.
      Sie haben aber sicherlich auch viele Regeln beachtet, die man bei einer Verdachtsberichterstattung einhalten muss, wie: umfassende Eigenrecherche, Stellungnahme beim Betroffenen einholen, Abwägung, ob ein öffentliches Interesse vorhanden ist; sie haben m.E. auch entlastende Argumente und Umstände gebracht, wobei man sich hier fragen kann, ob sie hier wirklich alles gebracht haben?
      Einen grossen Vorwurf, den ich jedoch Stäuble und Binswanger machen würde, ist folgender und dieser hat bereits Peter Rothenbühler in seinem Artikel „Medialer Missbrauch“ sehr gut herausgearbeitet, wenn er schreibt:

      „Vor nicht so langer Zeit galt es im Journalismus noch als übergriffig (um ein Modewort zu benutzen), jemanden lediglich aufgrund von anonymen Aussagen in der Presse als Missetäter an den Pranger zu stellen, ohne dass eine Anzeige oder Beschwerde gegenüber zuständigen Behörden oder Stellen vorliegt.“
      (…)
      Und:
      „Es zeugt auch von einer grossen Verachtung gegenüber den Firmen und Institutionen, bei denen angeblich gewisse Übergriffe vorgekommen sein sollen. Jedes «Opfer» kriegt heute sofort Gehör, bei Ringier genau wie bei Tamedia. Was der «Tages-Anzeiger» da angerichtet hat, nenne ich journalistisches Stalking. Es ist ein Übergriff, eine medialer Missbrauch, unethisch, gegen alle Regeln des Berufs, aber heute offenbar Mode.“
      http://www.persoenlich.com/blog/medialer-missbrauch

      Das heisst: Die Damen, die sich nun als anonyme Zeugen generieren, hätten alle Möglichkeiten gehabt, ihr Vorwürfe gegen Max Mustermann bei den entsprechenden Institutionen anzubringen. Also: Strafanzeige bei der Polizei oder Meldung bei den entsprechenden Stellen des Arbeitgebers nach Gleichstellungsgesetz. Falls das nichts genützt hätte, wäre der nächste Schritt in der Schweiz die staatliche Schlichtungsstelle gewesen, bei der sie Klage bzw. ein Gesuch hätten einreichen können, damit der Arbeitgeber seinen Pflichten nachkommt, falls er diesen nicht nachkommt. Erst wenn die staatlichen Stellen dann versagt hätten und zwar begründet versagt hätten, wäre es an den Medien gewesen, dieses Versagen der staatlichen Stellen zu thematisieren. Das war aber hier nicht der Fall: Die anonymen Zeugen bzw. die anonyme Anklägerschaft hat überhaupt nichts unternommen, formell tätig zu werden, also den Instanzenweg einzuhalten und sich formell beim Arbeitgeber bzw. den staatlichen Institutionen gegen das Verhalten von Max Mustermann zu wehren.
      Nun kann es ja nicht sein, dass die Medien gleichsam an die Stelle dieser Institutionen treten und zusätzlich das nachholen, was die Anklägerschaft nicht gemacht hat, sei dies aus Feigheit oder Kosten-Nutzen-Erwägungen, nämlich Strafanzeige einzureichen oder sich mittels des formellen Instanzenwegs zu beschweren. Das ist sicherlich nicht der Auftrag der Medien, hier quasi Ankläger und Richter zu spielen und quasi mittels Prangermethode einen Beschuldigten aus Amt und Würde zu jagen bzw. seinen Ruf zu ruinieren und ihn mit dieser Prangermethode stellvertretend zu bestrafen. Das war m.E. nämlich die Absicht von Binswanger: Wenn Max Mustermann bisher keine Konsequenzen für sein bisherig mutmaßliches Verhalten zu befürchten hatte, jetzt bekommt er die Quittung und zwar mittels medialer Pranger. Das ist ganz sicherlich nicht der Auftrag der Medien und somit eben tatsächlich ein Missbrauch der Medien.

      • Bevor eine Berichterstattung gemacht wird, sollte klar sein, ob da irgend was Justiziables vorgefallen ist. Falls das nicht der Fall ist, handelt es sich um Klatsch und Tratsch, um möglicherweise unangemessenes Verhalten. Solches zu sanktionieren ist nicht die Aufgabe der Presse noch der Gerichte, sondern unterliegt der sozialen Kontrolle aller. Und wenn sich eine Frau Unangemessenes gefallen lässt und nicht den Mut aufbringt, weil sie berufliche Nachteile erfahren könnte, dann ist das auch ihr Entscheid und zum Teil auch in ihrer Verantwortung. Doch so plötzlich gibt es sie nicht mehr, die starken und unabhängigen Frauen, sondern nur noch arme, hilfsbedürftige Schneeflöckchen, die sich so gar nicht wehren können.

        Vielleicht wären die doch besser am heimischen Herd aufgehoben? Ach nein, das wartet ja bereits der stets übergriffige Ehemann. Nirgends ein safe space für unsere zerbrechlichen Schneeflöckchen! Traurig!

  • Um die deutliche Absicht von Binswanger und Co mal in ein paar proletenhaft klaren Worten zusammenzufassen:
    Es ging den Damen ausschließlich darum, hier ein Minihollywood zu inszenieren.
    Und da sie nunmal offenbar selbst keinen Grund haben #metoo zu kreischen ( wie die Initiatorin des Hastags, die auch bloß vom Ruhm ihrer Ex-Kollegin profitieren wollte ), haben sie sich aus einer lediglich behaupteten Gerüchteküche bedient, um einfach irgendwen zum Schweizer Weinstein hochzustilisieren.
    Mehr ( Detail-)Analyse ist bei solchen Charakterkrüppeln nicht notwendig.
    Außer, wenn man sie strafrechtlich belangen will.

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