Sexismus

Michèle Binswanger auf metoo-Mission: Offene Fragen, Widersprüche, Ungereimtheiten (Teil: II)

geschrieben von: Mark Smith

Im zweiten Teil der metoo-Mission der Journalistin Michèle Binswanger über die mutmaßliche sexuelle Belästigung eines bekannten Journalisten geht es um offen Fragen, Widersprüche und Ungereimtheiten dieser Berichterstattung. Wer den ersten Teil nicht gelesen hat, findet ihn hier: „Die Journalistin M. Binswanger auf metoo-Mission: ein Akt von Selbstjustiz und ein medialer Rohrkrepierer?

Weshalb haben die mutmaßlich betroffenen Frauen keine Strafanzeige eingereicht oder sich beim Arbeitgeber nach dem Gleichstellungsgesetz beschwert?

Offenbar haben die mutmaßlich von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffenen Frauen sich mehr oder weniger nur informell gewehrt (beispielsweise Ohrfeigen verteilt).

Da muss man sich doch gleich fragen, weshalb die Frauen sich nicht formell gegen die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gewehrt haben und beim Arbeitgeber in Bezug auf das Gleichstellungsgesetz Beschwerde oder eine Strafanzeige bei der Polizei eingereicht haben?

Binswanger begründet die fehlende formelle Gegenwehr der mutmasslich betroffenen Frauen wie folgt:

Im Rückblick ist das Bild immer klarer, als wenn man mittendrin steckt. Aber es gibt ganz unterschiedliche Gründe: Man findet es im Moment vielleicht gar nicht so schlimm und merkt erst später, dass man sich hätte wehren sollen. Man will sich nicht exponieren, schließlich muss man gegen den Chef vorgehen. (…) Man geht davon aus, dass einem eh niemand glaubt, oder dass eine Meldung wirkungslos verpufft. Und manche fanden, dass sie sich selber wehren können. Es gab auch Frauen, die Ohrfeigen verteilten.

Und weiter:

Teilweise haben sie sich gewehrt. Aber es braucht schon viel, um formal Beschwerde einzureichen und wer das tut, exponiert sich doch sehr. Und es gibt ja auch wirklich Risiken. Es gibt ein typisches Muster, dem ich auch bei anderen Recherchen begegnet bin: Frauen werden sexuell belästigt und melden das bei der zuständigen Stelle. Dann hören die Belästigungen auf, dafür heißt es dann plötzlich, die Mitarbeiterin performe schlecht. Die sexuelle Belästigung geht in Mobbing über.

Dazu gibt es m.E. Folgendes zu sagen:

  1. Bei jedem strafbaren Delikt oder bei allen zivilrechtlichen Streitigkeiten etc. muss der, der klagt, sich exponieren und geht ein gewisses Risiko ein. Bei der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz handelt es sich somit diesbezüglich um kein Alleinstellungsmerkmal. Wer seinen Nachbarn wegen Hausfriedensbruch anzeigt, sollte vorher Aufwand und Ertrag genau abwägen: sollte nach der Anzeige ein 20-jähriger Nachbarschaftsstreit daraus resultieren, dann hat sich die Situation quasi verschlimmbessert.
  2. Auch bei allen anderen Arbeitsstreitigkeiten kann es nach dem Konflikt zu Mobbing oder Rachekündigungen seitens des Arbeitgebers kommen, auch da haben wir bei der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz kein Alleinstellungsmerkmal.
  3. Dass jemandem, der Beschwerde wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz einlegt, nicht geglaubt wird, falls er den gesamten Instanzenweg beschreitet oder diese quasi wirkungslos verpufft, halte ich für nicht sehr glaubhaft. Es gibt nun wirklich genügend Sensibilität für diese Problematik: Es gibt die Fachstellen für Gleichstellung, an die man sich wenden kann, außerdem an die Opferberatungsstellen, an die Gewerkschaften, an die Personalverbände, an die Schlichtungsstellen nach dem Gleichstellungsgesetz, an die internen Ombudsstellen (falls vorhanden) oder man kann einen eigenen spezialisierten Anwalt diesbezüglich einschalten etc.

Diesbezüglich schreibt die Kriminologin und Feministin Monika Frommel folgendes:

Das heißt, seit den 70er Jahren sind Gewalt gegen Frauen und Sexismus geläufige Themen. Die These, wonach Opfer nur aus Angst und Scham schweigen, ist jetzt 50 Jahre alt. Grob geschätzt ist sie seit etwa 20 Jahren nicht mehr realistisch.

  1. In der Schweiz gibt es eine sogenannte Schlichtungsbehörde, die für alle privat- und öffentlich-rechtlichen Arbeitsverhältnisse zuständig ist, falls es zu Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber kommt. Darunter fallen auch Vorfälle im Zusammenhang sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Sollte also ein mutmaßliches Opfer von sexueller Belästigung mit ihrer Beschwerde beim Arbeitgeber keinen Erfolg haben, dann kann es sich sich kostenlos mit einem Gesuch an die Schlichtungsbehörde wenden und dort verlangen, dass die sexuelle Belästigung festgestellt wird und dass der Arbeitgeber seinen Pflichten nachkommt, damit diese in Zukunft unterlassen wird. Zusätzlich kann die gesuchstellende Person auch eine Entschädigungszahlung vom Arbeitgeber verlangen. Ziel eines solchen Schlichtungsverfahrens ist es, eine einvernehmliche Regelung des Streitfalles zu erreichen, damit ein Gerichtsverfahren vermieden werden kann. Kommt keine Einigung zustande, wird eine Klagebewilligung von der Schlichtungsbehörde erteilt und die klagende Partei kann ihre Ansprüche nun direkt beim zuständigen Gericht geltend machen.
  2. Ich habe mir die Mühe gemacht, 30 Entscheide der Schlichtungsbehörde, übrigens per Zufallsauswahl, im Zusammenhang sexueller Belästigung am Arbeitsplatz genauer anzuschauen und habe dabei Folgendes festgestellt:

Geschlecht:

90% der Kläger sind Frauen und 10% sind Männer.

 Einvernehmliche Regelung durch die Schlichtungsbehörde:

Bei 70% der Fälle kam es zu einer rechtskräftigen Einigung zwischen Kläger und Arbeitgeber. Bei den anderen 30% der Fälle wurde das Verfahren entweder abgeschrieben (weil die Klägerin nicht an der Verhandlung erschienen ist oder das Gesuch zurückgezogen wurde) oder es wurde die Klagebewilligung erteilt.

Glaubwürdigkeit der Kläger betreffend sexueller Belästigung

Bei 53% der Fälle ging die Schlichtungsbehörde davon aus, dass tatsächlich eine sexuelle Belästigung stattgefunden hat.

Bei 23% der Fälle ging die Schlichtungsbehörde davon aus, dass keine sexuelle Belästigung stattgefunden hat bzw. erhebliche Zweifel vorhanden sind.

Und bei den restlichen 23% wurde die Frage, ob eine sexuelle Belästigung stattgefunden hat, offen gelassen, zumal das Verfahren abgeschrieben wurde oder für den Entscheid irrelevant war.

Anstellungsverhältnis:

97% der Kläger waren in einem privat-rechtlichen Arbeitsverhältnis und 3% der Kläger waren in einem öffentlich-rechtlichen Verhältnis angestellt.

Soziale Schicht der Kläger anhand des Berufes:

Keine Angabe:              7%

Obere Mittelschicht:      7%

Mittlere Mittelschicht:   43%

Untere Mittelschicht:    17%

Unterschicht:                23%

Zusammenfassend kann Folgendes gesagt werden:

70% der Gesuche konnten durch die Schlichtungsstelle rechtskräftig abgeschlossen werden. Das heißt: Für beide Seiten –  Arbeitgeber wie Kläger –  konnte eine befriedigende Lösung gefunden werden. Dabei wurde bei 53% der Fälle eine sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz durch die Schlichtungsbehörde festgestellt. Bei 23% der Fälle ging die Schlichtungsbehörde jedoch auch davon aus, dass vermutlich keine sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz stattgefunden hat. Dazu ist zu sagen, dass man beim Lesen der Entscheide den Eindruck gewinnt, dass die Schlichtungsstellen sehr wohlwollend die Gesuche der Kläger behandelt haben. Es heißt aber auch, dass gewisse Kläger den Vorwurf der sexuellen Belästigung vermutlich instrumentell eingesetzt haben, um sich quasi am Arbeitgeber zu rächen bzw. um materielle oder sonstige Vorteile herauszuholen.

Die Auswertung der Entscheide der Schlichtungsbehörde machen jedoch auch deutlich, dass keine Rede davon sein kann, Frauen hätten keine Chancen, falls sie sich gegen ihren Arbeitgeber wehren würden, wenn sie am Arbeitsplatz sexuell belästigt wurden. Das Gegenteil ist der Fall: Zumindest wenn sie an die Schlichtungsbehörde gelangen, können Sie damit rechnen, sollten die Vorwürfe tatsächlich richtig sein, dass ihnen geglaubt wird.

Die Frauen, die mutmaßlich von Max Mustermann belästigt wurden, hätten folglich ohne weiteres den formellen Weg nutzen und gegen das Verhalten von Max Mustermann Beschwerde einlegen können. Insbesondere auch deshalb, weil es sich vermutlich bei diesen Frauen mehrheitlich um Journalistinnen handelt, die sich in Wort und Schrift sicherlich überdurchschnittlich gut ausdrücken können im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung und außerdem, was das kulturelle Kapital anbelangt, auch überdurchschnittlich mit diesem ausgestattet sind.

Das heißt jedoch nicht, dass Frauen und Männer, die gegen ihren Arbeitgeber wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz vorgehen, beim Arbeitgeber immer auf Gehör stoßen. Selbstverständlich gibt es auch genügend Fälle, bei denen der Arbeitgeber mit Mobbing und Rachekündigungen gegen diese Frauen vorgeht. Aber zumindest dann, wenn sie den Fall an die Schlichtungsbehörde weiterziehen, können sie sicher sein, dass ihnen Gehör geschenkt wird und ihr Gesuch wohlwollend behandelt wird.

Außerdem muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass bei den 30 Fällen, die ich per Zufallsauswahl untersucht habe, 97% der Kläger privat-rechtlich angestellt waren und nur 3% in einem öffentlich-rechtlichen Arbeitsverhältnis standen. Das lässt darauf schließen, dass bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, wenn die Belästigung in einem öffentlich-rechtlichen Anstellungsverhältnis geschehen ist, die betroffene Person mit einer Beschwerde bereits beim Arbeitgeber erfolgreich war und keine Notwendigkeit mehr sah, den Fall weiter an die Schlichtungsbehörde zu ziehen.

Ist es glaubhaft und plausibel, wenn die anonymen Quellen sagen, sie wollten deshalb anonym bleiben, weil sie berufliche Nachteile befürchten?

Die Quellen, die Max Mustermann hinsichtlich sexueller Belästigung am Arbeitsplatz belasteten, wollen nach Binswanger und Stäuble anonym bleiben. Sie schreiben diesbezüglich:

Die Betroffenen baten jedoch darum, ihre Namen zurückzuhalten. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Viele befürchteten berufliche Nachteile: Die Schweizer Medienbranche ist klein, wer sich namentlich zitieren lässt, riskiert Ächtung.

Frauen, die reden, gehen ein beträchtliches Risiko ein.

Nun dürfte es vermutlich so sein, dass a priori einmal am liebsten alle Personen anonym bleiben möchten, wenn sie Anschuldigungen gegen andere Personen vortragen, dann können sie sicher sein, dass sie ganz sicherlich im Trockenen sitzen und nichts zu befürchten haben. Nur dürfte es so sein, dass man überall, wo es um Konflikte geht und man sich dabei exponieren muss, persönliche und/oder berufliche Nachteile zu erwarten hat, weil nun mal nicht alle Menschen es toll finden, wenn man sich für oder gegen etwas wehrt und sich somit exponiert; sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat diesbezüglich sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal. Wenn ich in einem Dorf Tierschutz-Verstöße bzw. Tierquälereien von Tierhaltern zur Anzeige bringe und dies dann ev. von den Medien aufgegriffen wird, dann dürfte es ebenfalls so sein, dass ich gewisse Ächtung im Dorf erfahre und ev. gewisse berufliche Nachteile in Kauf nehmen muss, weil ein Teil der Dorfbewohner mich nun schneiden und meine beruflichen Dienstleistungen nicht mehr in Anspruch nehmen werden. Auf der anderen Seite werde ich ev. auch viel Beifall bekommen und diese Menschen werden mich für mein engagiertes Handeln bewundern und mir Beifall zollen und ev. gewinne ich sogar ein paar neue Kunden für meine beruflichen Dienstleistungen dazu.

Binswanger sagt in diesem Zusammenhang:

Wir haben uns im englischsprachigen Raum umgesehen, wie man dort mit solchen Fällen und der Frage anonymer Anklägerschaft umgeht. Wir sind dann zum Schluss gekommen, dass wir es verantworten können, weil die Vorwürfe zahlreich und glaubwürdig waren.

Das heißt offenbar, dass Binswanger und der Tagesanzeiger mit ihrer anonymen Anklägerschaft im deutschsprachigen Raum Neuland betreten haben, weil sonst hätten sie ja nicht im englischsprachigen Raum danach suchen müssen, wie man mit einer solchen Problematik umgehen könnte. Offenbar war es bisher im deutschsprachigen Raum immer so, dass es medienethisch nicht opportun ist, wenn man mit einer anonymen Anklägerschaft operiert. Wie nun die Anklägerschaft und Binswanger auf die Idee kommen, dass bei einem Outing der Quellen a priori berufliche Nachteile und Ächtung zu erwarten sind, ist nicht nachvollziehbar, zumal man ja bisher im deutschsprachigen Raum diesbezüglich keine Erfahrungen gemacht hat und insbesondere nicht, wenn es sich um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz handelt.

Abgesehen davon, kann man sich fragen, wie glaubhaft es für die Rezipienten ist, wenn die Anklägerschaft anonym bleiben will?! Und außerdem stellt sich die Frage, ob ein solches Vorgehen überhaupt den betroffenen Personen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz helfen wird und ein Vorbild sein kann, wenn sie sehen, dass die Anklägerschaft zu feige ist, um sich zu outen oder aus einem Kosten/Nutzen-Kalkül auf der Anonymität beharrt und diese Damen offenbar auch formell nie in der Lage waren, Beschwerde beim Arbeitgeber oder einer Schlichtungsbehörde einzulegen?! Das Gegenteil dürfte doch der Fall sein: Jede Frau und jeder Mann wird sich denken: „warum sollte ich mich exponieren, wenn es andere auch nicht gemacht haben bzw. nur anonym gemacht haben?

Ist es aus medienethischen und rechtsstaatlichen Gründen vertretbar, diesen Artikel von Binswanger und Stäuble zu veröffentlichen?

  1. M.E. ist es nicht die Aufgabe der Medien, Anklägerschaft und Richter ev. noch in Personalunion zu spielen bei mutmaßlich gesetzeswidrigem Verhalten. Primär ist dies die Aufgabe der rechtsstaatlichen Institutionen, ein solches Verhalten zu beurteilen und gegebenenfalls zu sanktionieren. Die mutmaßlich betroffenen Damen hätten, wie bereits oben dargelegt, entweder Strafanzeige oder Beschwerde beim Arbeitgeber einreichen können. Wären sie dann beim Arbeitgeber nicht weitergekommen, dann hätten sie an die Schlichtungsstelle gelangen können und spätestens dort wäre ihnen umfassendes rechtliches Gehör geschenkt worden und man hätte sich umfassend mit dem „Fall“ beschäftigt und geschaut, dass die Damen zu ihrem Recht kommen. Auch wenn es tatsächlich so ist, dass Arbeitgeber, insbesondere bei einem privat-rechtlichen Arbeitsverhältnis, nicht immer so reagieren, wie sie reagieren sollten (Mobbing, Rachekündigung), wenn Männer und Frauen Beschwerde wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz einreichen, heißt dies noch lange nicht, dass die mutmaßlich Betroffenen nicht zu ihrem Recht kommen können. Das heißt: Offenbar sind die rechtsstaatlichen Institutionen, wenn es um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht, in der Schweiz intakt und nur wenn diese nicht intakt gewesen wären, wäre es m.E. gerechtfertigt gewesen, diesen Missstand durch die Medien publik zu machen und beispielsweise das Verhalten der privat-rechtlichen Arbeitgeber zu thematisieren, die ev. ihrer Fürsorgepflicht bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz nicht nachkommen sind. Oder Binswanger hätte thematisieren können, dass Personen, die am Arbeitsplatz sexuell belästigt werden, nach ihrer Beschwerde beim Arbeitgeber gemobbt werden oder Rachekündigungen daraus resultieren.
  2. Der größte Teil der Vorwürfe gegen Max Mustermann, also alles, was vor 2013 passiert ist, und das ist offenbar der größte Teil, ist nach Strafrecht wie nach Gleichstellungsgesetz verjährt. Alles, was verjährt ist, kann rechtsstaatlich nicht mehr überprüft werden, also ob die Anschuldigungen überhaupt wahr oder falsch sind. Bei allen Vorwürfen, bei denen die Verjährungsfrist nach Gleichstellungsgesetz noch nicht verjährt ist, können die betroffenen Personen immer noch Beschwerde beim Arbeitgeber einreichen und falls sie da nicht weiterkommen, können sie sich dann an die Schlichtungsstelle wenden. Und falls Binswanger wirklich etwas für Personen tun möchte, die sexuelle Belästigung erfahren haben, könnte sie nun diese Beschwerden verfolgen, was mit diesen passiert und falls die Arbeitgeber und die rechtsstaatlichen Institutionen versagen, hätte sie dann wirklich Grund dazu, dies in den Medien publik zu machen. Dann wäre es ev. auch gerechtfertigt gewesen, wenn über Max Mustermann berichtet wird: Das würde man dann Verdachtsberichterstattung nennen. 
  3. Kommen wir nun mal zur Verdachtsberichterstattung und was dort beachtet werden müsste. Ein spezialisierter Anwalt gibt diesbezüglich folgende Hinweise:

Interesse der Öffentlichkeit – Rechtfertigt das öffentliche Interesse die Nachteile, welche dem Betroffenen durch die Publikation des Verdachts entstehen?

Identifizierung vermeiden – Ist es erforderlich Namen zu nennen oder Bilder zu zeigen?

Eigenrecherche – Können Sie die behaupteten Fakten beweisen?

Stellungnahme – Haben Sie die Betroffenen um Stellungnahme gebeten?

Entlastende Argumente & Umstände – Haben Sie auch bekannte Fakten und Meinungen zu Gunsten der Betroffenen berücksichtigt?

Keine Vorverurteilung – Titel und Formulierungen Ihres Artikels sollten offen sein und nicht suggerieren, dass der Verdacht zutreffend ist.

Disclaimer – Zur Sicherheit sollten Sie auf den Verdachtscharakter Ihrer Aussagen und die Unschuldsvermutung ausdrücklich hinweisen.

Nachträgliche Entlastung und Archive – Bei nachträglicher Entlastung der Betroffenen sollten Sie Ihren Artikel korrigieren oder zumindest muss erkennbar sein, dass es ein Archivartikel ist.

Der Artikel über Max Mustermann erfüllt sicherlich einige Punkte dieser Checkliste, bei einigen Punkten würde ich jedoch völlig anders entscheiden als der Tagesanzeiger wie „das Interesse der Öffentlichkeit“ oder „Identifizierung vermeiden“. Mit dem Titel „Chef der Zudringlichkeiten“ im besagten Artikel von Binswanger und Stäuble wird m.E. auch das Kriterium verletzt, das vorsieht, dass keine Vorverurteilung in einer Verdachtsberichterstattung vorgenommen werden soll und außerdem fehlt ein Disclaimer im Artikel, der auf den Verdachtscharakter und die Unschuldsvermutung hinweist.

In diesem Zusammenhang schreibt n-tv.de Folgendes:

In der Debatte um sexuelle Übergriffe gegen Frauen kommt es nach Ansicht deutscher Rechtsexperten immer wieder zu Vorverurteilungen mit verheerenden Folgen. „Die derzeitige Hetzjagd von Prominenten erfolgt unter Missachtung rechtsstaatlicher Grundsätze“, sagte Medienrechtler Thomas Hoeren von der Uni Münster. „Man kann nur hoffen, dass das Thema wieder in sachliche Bahnen kommt. Sonst droht eine unkontrollierte Verdachtsaktion mit Diffamierungen, die der McCarthy-Ära entsprechen.“

(…)

Auch die Strafrechtlerin Jenny Lederer aus Essen beklagt eine mediale Vorverurteilung gerade mit Blick auf die Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien, die „besorgniserregende Ausmaße“ annehme.

„Nicht wiedergutzumachende Schäden, existenzvernichtende Folgen sind zu befürchten und bereits zu beobachten – ohne dass die Vorwürfe geklärt wären“, sagte Lederer. Die Juristin ist Mitglied im Strafrechtsausschuss des Deutschen Anwaltvereins. „Für die Aufklärung von möglicherweise strafrechtlich relevanten Vorwürfen gibt es einen Strafprozess, mit seinen verfahrens- und verfassungsrechtlichen Garantien, unter anderem und hier vor allem: der Zweifelsgrundsatz.“

Eine faire Verteidigungsmöglichkeit im Rahmen der öffentlichen Vorverurteilung existiere demnach kaum. „Das Urteil scheint schon gesprochen“, so Lederer. Christian Schertz, der als Anwalt für Presse- und Medienrecht viele Prominente vertritt, hatte sich bereits zu Beginn der Woche im Deutschlandfunk kritisch zur Debatte geäußert. „Der Rechtsstaat sagt: Wenn dir jemand etwas angetan hat, dann gibt es dafür die Institutionen. Das sind die Polizei und die Staatsanwaltschaft. Da kannst du hingehen und deine Strafanzeige stellen.“

Dann werde der Fall geprüft und ein Ermittlungsverfahren bei einem Anfangsverdacht eingeleitet, so Schertz. „Jeden zu nennen, dort ist das und jenes passiert – das ist, ich kann es nicht ändern, es ist rechtswidrig.“ Folgen für Beschuldigte seien laut Schertz erheblich und „lebenslaufvernichtend“.

Warum sind nur Frauen als Opfer im Visier und nicht auch Männer als Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und Frauen als Täterinnen?

Wie bei der gesamten metoo-Debatte und wie auch bei vielen anderen Debatten, beispielsweise wenn es um Häusliche Gewalt oder sonstige Gewalt geht, werden Frauen bei Binswanger nur als Opfer gesehen und Männer als Täter. Dieser Bias oder diese selektive Wahrnehmung der Realität ist also kein Alleinstellungsmerkmal bei Binswanger, sondern hat bei Feministinnen und gendersensiblen Protagonisten gleichsam Hochkonjunktur.

Eine wissenschaftliche Studie aus der Schweiz (2013) kommt hierbei zu folgenden Ergebnissen:

Bei den potenziell belästigenden Verhaltensweisen, also quasi beim objektiven Tatbestand, geben Männer und Frauen in etwa gleich häufig an, mindestens einmal in ihrem Arbeitsleben eine solch belästigende Situation erlebt zu haben. Zusammenfassend kommt die Studie zum Schluss:

Die Ergebnisse der einzelnen Module konvergieren in vielerlei Hinsicht. Sie zeigen, dass SB verbreitet ist (…), dass SB sowohl Frauen als auch Männer, Frauen jedoch in einem grösseren Ausmass, betrifft und dass potentiell belästigendes Verhalten von Frauen und von Männern ausgehen kann, in einem vergleichbaren Ausmass.

Wenn es um die Einstufung der Schwere von sexueller Belästigung geht, sind Binswanger und Stäuble auch hier auf dem Holzweg, da nützt es auch nichts, wenn sie das Eidgenössische Büro für Gleichstellung zitieren, das ebenfalls in diesem Fall von allen guten Geistern verlassen ist:

Das Eidgenössische Büro für Gleichstellung schreibt, die Grenze zwischen harmlosen und nicht harmlosen Vorfällen liege im Empfinden der Betroffenen.

Dass es nicht im subjektiv Empfinden der mutmaßlich Betroffenen liegen kann, wann eine sexuelle Belästigung vorliegt und ob diese harmlos ist oder nicht, zeigt u.a. ein Entscheid der Schlichtungsbehörde auf, die beispielsweise bei folgenden Vorbringen einer Klägerin eine sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ganz klar verneint. Die Schlichtungsbehörde schildert den Fall u.a. wie folgt:

Vom Team sei sie zu einem Bier nach der Arbeit eingeladen worden und in der Garderobe des betriebseigenen Fitnessklubs habe sich ihre Kollegin nur in der Unterwäsche bekleidet unnötig lange beim Schminken aufgehalten. Die gleiche Kollegin habe sich im Büro bis auf ein knappes Top oben ausgezogen und habe ihr anerboten, ihr die Stadt zu zeigen.

Wenn die Einladung vom Arbeitsteam zum Bier nach der Arbeit bereits als subjektiv empfundene sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz klassifiziert wird, dann brauchen solche Damen offenbar eine Therapie und zwar eine Therapie gegen eine ubiquitäre Soziale Phobie. Aber man sieht an diesem Beispiel sehr schön, wie feministische Dogmen ins Recht „überschwappen“, ohne dass sie dann in der Rechtsprechung überhaupt Anwendung finden, weil sie einfach gänzlich absurd sind. Im Strafrecht definiert der objektive Tatbestand, was sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sein soll und im Gleichstellungsgesetz kann der Maßstab dafür nur das Empfinden der Durchschnittsbevölkerung sein und nicht irgendwelcher subjektiver Maßstab einer Feministin bzw. einer Gleichstellungsbeauftragten.

Fazit

Das Fazit kann ich heute wieder einmal kurz fassen, ich kann mich nämlich Peter Rothenbühler anschließen, wenn er zu diesem Fall schreibt:

Vor nicht so langer Zeit galt es im Journalismus noch als übergriffig (um ein Modewort zu benutzen), jemanden lediglich aufgrund von anonymen Aussagen in der Presse als Missetäter an den Pranger zu stellen, ohne dass eine Anzeige oder Beschwerde gegenüber zuständigen Behörden oder Stellen vorliegt.

(…)

Was der «Tages-Anzeiger» da angerichtet hat, nenne ich journalistisches Stalking. Es ist ein Übergriff, eine medialer Missbrauch, unethisch, gegen alle Regeln des Berufs, aber heute offenbar Mode.

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8 Comments

  • Die Betroffenen baten jedoch darum, ihre Namen zurückzuhalten. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Viele befürchteten berufliche Nachteile: Die Schweizer Medienbranche ist klein, wer sich namentlich zitieren lässt, riskiert Ächtung.

    Das ist ja mal eine interessante Aussage: „Die Schweizer Medienbranche ist klein, wer sich namentlich zitieren lässt, riskiert Ächtung“.
    Wenn das stimmt, was sagt uns das über die „Schweizer Medienbranche“? Sind es nicht genau diese Leute, die eine gefühlte Viertelmillion Artikel pro Jahr raushauen, in denen die behaupteten ungeheuren Ungerechtigkeiten und Belästigungen gegen Frauen in einer Endlosschleife thematisiert werden und jeder, der sich kritisch dazu äussert, diffamiert wird? War es nicht Mustermann, der, als er den Chefredaktorposten bei der bekannten Boulevardzeitung übernahm, als erstes medienwirksam das „Seite-drei-Girl“ (das Bild einer leicht bekleideten jungen Frau) abschaffte? Das alles stinkt gewaltig nach Bigotterie.

    Das sind die Leute, die glauben, den Normalbürger über sexuelle Belästigung aufklären zu müssen! Möglicherweise handelt es sich um Projektionen aus einem Milieu, in dem Grenzen oft überschritten werden – so wie Hollywood von Religiösen oft als „Sündenpfuhl“ bezeichnet wird, soll heissen, ein Milieu, in dem sexuelle Freizügigkeit gelebt wird, was mit Grenzüberschreitungen einher geht. Übrigens hat sich auch Weinstein als Frauenfreund und Quasifeminist positioniert.

    Die sollten alle besser mal vor der eigenen Türe kehren anstatt den Normalbürger mit ihrem penetranten pädagogischen Geseire zu belästigen!

  • Dieser Aktionismus veranschaulicht den religiösen Charakter des Feminismus. Wenn man als Journalist, Politiker oder Gutmensch weiterkommen will, muss man ein klares und starkes Glaubensbekenntnis ablegen. Es dürfte wohl klar sein, dass es hier nicht um belästigte Frauen geht, sondern nur um die Karriere der Verfasser, denen jede intellektuelle Belästigung der Leser recht ist, um ins Rampenlicht zu gelangen.

  • Ein ganz dickes Dankeschön für die Heidenarbeit, die hinter diesem Artikel steckt!

    All die Quellen durchzugehen und auszuwerten, die Zeit die dies braucht, die Arbeit, die nötig ist, all diese dann auch entsprechend zusammenzufassen – Hut ab!

    @Mark: Sollten wir uns mal in Basel treffen – du bist auf mindestens ein Bier eingeladen!

    • @ kardamom

      Danke für die Blumen! Und gib mir mal ein Signalement von Dir durch, damit ich Dich auch erkenne, wenn ich Dich in Basel sehe! 🙂

  • sie wollten deshalb anonym bleiben, weil sie berufliche Nachteile befürchten

    Bullshit!

    Wie es so schön im Internet heisst: „Pics or it didn’t happen!“

    Die „Anonymität wegen Nachteilen“ halte ich für ein vorgeschoben Argument. In der Regel gibt es einfach keine Beweise für diese Vorwürfe. Da macht sich dann frau ein feines „Derailing“, in dem sie auf die Anonymität-Schiene wechselt…

    Billig, aber effektiv…

  • „Dass jemandem, der Beschwerde wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz einlegt, nicht geglaubt wird, falls er den gesamten Instanzenweg beschreitet oder diese quasi wirkungslos verpufft, halte ich für nicht sehr glaubhaft.“

    Nun, Claudia Simone Dinkel und Gina Lisa Lohfink hatten damit kein Problem . Und ich weiß von einigen Fällen, wo Frau einen Vorgesetzten falsch beschuldigt hatte, um ihm zu schaden, wo sie den Instanzenweg bis zum Ende durchschritt und letztlich somit gar Erfolg hatte, da die Fama sich an den Beschuldigten wie Schleppscheiße heftete, und er deswegen schließlich das Handtuch warf und seinen Arbeitsplatz wechselte.

  • Gott sei Dank wird Frauen wegen ihrer Würde nicht zum Spaß zwischen die Beine getreten.
    Sie werden nicht genitalisiert wie die genitalisierten B-Menschen.
    Ihr Geschlechtsteil wird wegen ihrer Würde nicht in der Porno und Aufgeilsprache beurteilt und verhöhnt.
    Das alles ist nur mit den genitalisierten B-Menschen möglich.
    Diese medial-verstaatlichte Doppelmoral ist zum Kotzen.
    Nur ein Tag der Umkehrung der geschlechtsspezifischen Verhältnisse würde diesen verstaatlichten Chauvinismus und diese immer mögliche sexuelle Belästigung von oben offenbaren.
    Dass gerade das Mutterland des geschlechtsspezifischen „Genitalismus“ , die USA, welche die Verhöhnung und Gewaltverherrlichung in Bezug auf männliche Sexualität als mediales Alltagsgeschäft betreibt, am lautesten schreit, ist leider
    nicht verwunderlich, aber eigentlich tolldreist.

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