Feminismus Meinungsfreiheit Political Correctnes

Aktivismus und Empörung und Reinigungen und ein Gedicht

geschrieben von: Lucas Schoppe

Der Streit um das Gedicht Ciudad von Eugen Gomringer mutet absurd an – verrät aber eben deshalb viel darüber, warum linke Politik heute weit von einer Mehrheitsfähigkeit entfernt ist.

 

Wie hochsensible Interpretationen zu barbarischem Schwachsinn“ werden können

Christoph Hein, Ehrenpräsident des deutschen PEN-Zentrums, war offenbar sauer.

Wirklich skandalös an diesem barbarischen Schwachsinn eines AStA ist: Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin ist eine Fachhochschule mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung, d.h. diese Kulturstürmer werden einst den Nachwuchs ausbilden.“ 

Die Affäre um Eugen Gomringers Gedicht Ciudad, das angeblich sexistisch ist und das daher nun eine Reinigung der Alice-Salomon-Hochschulwand notwendig macht, ist possenhaft und gerade dadurch lehrreich.

Barbara Köhler, die wie Gomringer den Alice-Salomon-Preis für Lyrik erhalten hat, assistiert ASta und Hochschule und bietet bei der Gelegenheit gleich uneigennützig an, Gomringers Gedicht durch ein eigenes zu ersetzen.   Gomringers Gedicht nämlich schließlich sei

ein Geschenk – und mit Geschenken dürfen Beschenkte schon verfahren, zumal nach knapp sieben Jahren, die der Text nun an dieser Wand verbracht hat.“ 

Das ist sachlich korrekt und trotzdem falsch. Wer beispielsweise ein selbstgemaltes Bild zum Geburtstag geschenkt bekommt und sich damit dann demonstrativ den Hintern abwischt, der handelt zwar im Rahmen des Gesetzes, aber trotzdem verroht. Einem Gedicht vom ASta aus offen und wütend den Vorwurf zu machen, es erinnere „unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind“, und es daher von einer Hochschulwand wegzukärchern: Das ist nun einmal etwas anderes, als wenn dieses Gedicht dort niemals angebracht worden wäre.

Vor allem deshalb, weil viele andere das Gedicht möglicherweise als banal, aber gewiss nicht als skandalös wahrnehmen. Mittlerweile hat gerade die Einfachheit des Gedichts es ermöglicht, dass ein „stabiles Mem“ daraus wurde,  dass es also in immer neuen Varianten im Netz durchgespielt wird. Ich habe mich sogar selbst daran beteiligt:

Gomringers Gedicht ist bewusst simpel strukturiert, entwirft eine Stadtszenerie aus Alleen, Blumen und Frauen, die in unterschiedlichen Relationen zueinander auftauchen. Ganz zum Schluss kommt eine Person hinzu, im Unterschied zu den anderen Elementen der Stadt in der Einzahl: ein „Bewunderer“. Ob dieser Mann Alleen, Blumen und Frauen oder irgendetwas ganz anderes bewundert, wissen wir nicht genau – wer das Gedicht liest, geht aber wohl unwillkürlich davon aus, dass wir die Stadtszenerie zuvor aus seiner Perspektive betrachtet haben, und dass er sich an ihr erfreut.

Die Pointe in der Pointe: Diese Perspektive des Bewunderers wird uns erst in eben dem Moment bewusst, in dem wir sie verlassen, in dem auch der Bewunderer in die anderen Elemente der Stadt eingereiht wird („Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer“). Es ist, wenn schon, kein Gedicht aus einer männlichen Perspektive, sondern ein Gedicht über eine männliche Perspektive.

Möglich wäre sogar eine wohlwollende feministische Lesart: Dass Gomringer nämlich in seinem Gedicht schon eine zentrale These feministischer Literatur- und Kulturwissenschaft durchspielt, nach der wir auf die Welt aus männlichen Perspektiven blicken würden, diese Perspektiven für uns aber so selbstverständlich seien, dass wir sie zunächst gar nicht als spezifisch männliche wahrnehmen.

Der ASta aber registriert lediglich, dass das Gedicht in einer „patriarchalen Kunsttradition“ stünde, und Heide Oestreich assistiert in gewohnter Abgewogenheit in der taz:

Die Blume der Frau liegt traditionell zwischen ihren Beinen, von ‚Defloration’ ist nicht von ungefähr die Rede, das ‚Heideröslein’, das der Knabe stehen sieht und gegen dessen Willen bricht.“ 

Dass in dem Gedicht Frauen ebenso mit Alleen wie mit Blumen assoziiert werden können – dass sie dann für Wege, für Bewegung, für die Möglichkeit der Veränderung, für offene Horizonte stehen könnten – das ist zum Füttern weiterer Empörung eher ungeeignet und gerät Frau Oestreich so gar nicht erst in den Blick. „Er ist handelndes Subjekt, sie ist schönes Objekt,“ schreibt sie und vermerkt noch einen Extra-Tadel für den 93jährigen Gomringer, weil der gar nicht verstehen mag, was an seinem Gedicht frauenfeindlich sein sollte: „Mit Gender Studies hat er sich erkennbar noch nicht auseinandergesetzt.“

Hätte Oestreich wiederum sich ab und zu auch einmal mit den Begrenztheiten der heutigen Gender Studies auseinandergesetzt, dann wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass abgesehen vom „Bewunderer“ Männer in der Stadt-Szenerie überhaupt nicht vorkommen. ASta und Journalistin sind so vertieft in das Bemühen, auch noch subtilen Diskriminierungen von Frauen nachzuspüren, dass sie die umfassende Frauenfixiertheit dieser Perspektive – im Jargon: die Unsichtbarmachung von Männern – gar nicht erst bemerken.

So reduzieren der ASta und von sein – übrigens: auffällig seltener – journalistischer Geleitschutz das Gedicht auf eben die Interpretationen, die den eigenen Ressentiments in die Karten spielen. Die eigene Unfähigkeit, mit dem Text etwas Vernünftiges anzufangen, nehmen sie dann als Defekt des Textes wahr. Es wäre schön – und genau betrachtet: schlicht ihr Job – gewesen, wenn die Hochschulleitung dieser Haltung widersprochen hätte.

Wie aber ist es überhaupt möglich, dass Akteure, die sich als irgendwie „links“ verstehen, in einer solchen Position verrennen?

 

Von blühenden Blumen und mutigen Schlachten mit Ameisen

Die grundlegende Annahme der Gender Studies, dass „Mann“ und „Frau“ soziale Konstruktionen seien, ist für sich genommen überhaupt nicht skandalös, nicht einmal mutig. Natürlich operieren wir mit Konstruktionen, mit Modellen der Wirklichkeit, die uns helfen, ihre Komplexität zu reduzieren und handlungsfähig zu bleiben – und natürlich erfinden wir diese Modelle nicht jeweils individuell und allein, sondern im sozialen Zusammenspiel. Auch biologische Modelle sind in diesem Sinne soziale Konstruktionen – was auch sonst?

In eine Schieflage aber geraten die Gender Studies schon bei Judith Butler, die soziale Konstruktionen nicht pragmatisch als notwendige und wichtige Werkzeuge des Handelns versteht, sondern als Reproduktionen von Herrschaftsordnungen. „Mann“ und „Frau“ würden uns nur deshalb als biologische Gegebenheiten präsentiert, um die zu Grunde liegenden Herrschaftsstrukturen zu kaschieren und ihre Veränderung zu blockieren.

Das bedeutet: Soziale Konstruktionen werden in der Folge nicht beschrieben oder analysiert, sondern rituell entlarvt. Natürlich sehen Männer Frauen, so wie Frauen auch Männer sehen – und natürlich nehmen Männer Frauen als Objekte wahr, so wie Frauen auch Männer als Objekte wahrnehmen. Wie auch sonst? Wer aber Gender-Studies-erprobt Gomringers Gedicht liest, wird im Blick des Bewunderers allein eine Reproduktion männlicher Herrschaftsordnungen entdecken, die mit einem typischen patriarchalen Manöver auch noch als etwas Positives verkauft wird.

So aber sind Gender Studies in dieser Form eben kein Sozialkonstruktivismus, sondern eher ein Anti-Sozialkonstruktivismus. Sie befeuern die Illusion einer irgendwie echten, authentischen, reinen Wirklichkeit, die sich freilegen ließe, wenn die Konstruktionen der allumfassenden Herrschaftsordnung erst einmal hinreichend entlarvt und bewusst gemacht wären.

Dass sich solch eine Reinheitssehnsucht in Reinigungsphatasien niederschlägt, ist ebenso verständlich wie die das irritierend gute Gewissen der Reinigungsunternehmer. Wenn der ASta auf seiner Facebook-Seite das Bild einer großen Hand veröffentlicht, die Gomringers Gedicht übermalt, dann haben seine Mitglieder erkennbar kein Gespür für die Gewaltsamkeit dieses Motivs. Im unteren Bereich der Fassade wird hier schon begonnen, Bilder von schönen bunten Pflanzen an die Wand zu malen: Wenn Gomringers Gedicht, irgendwie Sinnbild für eine inhumane Herrschaftsordnung, erst entfernt ist, kann wieder das urtümliche, wilde, echte Leben wachsen. Gewalt und Kitsch.

Lasst hundert Blumen blühen – und dafür muss bekanntlich erstmal was weg. Ist ja für einen guten Zweck.

 

Die vierte Welle, die der dritten gender-feministischen Welle heute folgt, ist noch besser für Reinigungsphantasien geeignet. Der intersektionale Feminismus kombiniert verschiedene Formen der Diskriminierung, hat sich neben dem Geschlechterverhältnis besonders auf rassische Zuschreibungen konzentriert und stellt regelmäßig fest, dass Menschen in einer Hinsicht privilegiert (Mann! Weiß! Hetero! Cis!), in anderer diskriminiert oder marginalisiert sein können.

Das füttert nicht nur die Illusion, soziale Herrschaft könne jederzeit anhand von Gruppenzugehörigkeiten analysiert und jeweils zweifelsfrei zugeordnet werden – es befeuert auch einen unendlichen Diskriminierungswettlauf. Ist eine lesbische weiße Cis-Frau oder ein heterosexueller schwarzer Trans-Mann eher durch Diskriminierungserfahrungen geprägt – also auch weniger durch den Anteil an Herrschaftsstrukturen verunreinigt?

Für eine linke Politik sind solche Reinheitssehnsüchte ganz besonders katastrophal. Da die Gesellschaft flächendeckend von „Herrschaftsstrukturen“ geprägt scheint, sind es zunehmend immer kleinere Gruppen, die noch ein positives Gegenbild entwerfen könnten. Die linken Kämpfe richten sich schließlich so engagiert gegen immer subtilere Unterdrückungsmechanismen, dass sie von außen betrachtet nicht einmal wie ein Kampf gegen Windmühlen, sondern wie eine absurde Schlacht mit Ameisen erscheinen müssen.

Ausgerechnet eine linke Politik verliert so alle Mehrheitsfähigkeit und entwickelt sich zu einem elitären Zeitvertreib.

 

Alte und Weiße und Männer und ein*e linke*r Aktivist*in

Diese ohnehin schon destruktive Dynamik wird noch dadurch verstärkt, dass Reinheitsideologien notwendig selbstbezogen sind. Wer sich auf anderes bezieht, Kompromisse sucht, sich selbst aus der Perspektive anderer wahrnimmt, die eigene Perspektive mit der anderer verschaltet – der wird sich mit dem kontaminieren, was er als unrein betrachtet. Er wird die eigene Reinheit schließlich als einen Teil eben der Welt ansehen müssen, die er so unrein findet: Alte und Weiße und Männer und ein*e linke*r Aktivist*in.

Die rituellen Gesprächsausschlüsse der linken Szene – der gedankenlos wiederholte Hinweis, dass zum Beispiel Männer den Frauen einfach zuhören und sich ansonsten an Gesprächen nicht beteiligen sollten – oder dass nur „Betroffene“ und nur für sich selbst sprechen dürften: Das sind Reinigungsrituale, die einen demokratischen Diskurs unterhöhlen.

Dabei geht, unter anderem, ein Gefühl für Relationen verloren. Während sich der ASta der Alice Salomon Hochschule über ein Gedicht erregt, wird im Iran gerade eine Bewegung gegen das Regime niedergeschlagen, ohne dass die westliche Linke dazu irgendetwas Belangvolles zu sagen hätte. Schon vor Beginn der Aufstände wurde eine Frau zur Ikone, die sich auf einen Stromkasten stellte, ihr Kopftuch abnahm und es auf einem langen Stock vor sich langsam hin und her wedelte. Sie wurde festgenommen, und lange gab es keine Spur von ihr – nun ist sie wohl, hoffentlich, gerade aus dem Gefängnis entlassen worden.

Wer aber heute in Deutschland darauf aufmerksam macht, dass unsere Geschlechterkämpfe in keiner vernünftigen Relation zu solch einer radikalen Gewalt stehen – dem wird schlicht vorgeworfen, er würde „Whataboutism“ betreiben, also einfach nur die wichtigen deutschen Kämpfe unsichtbar machen wollen, indem er beliebig andere Ereignisse ins Spiel bringe.

Dabei sind heutige Feministinnen der dritten und vierten Welle schon programmatisch kaum in der Lage, die Brisanz des Kopftuchs in den muslimischen Gesellschaften zu analysieren. Sie versuchen weder, die Perspektive muslimischer Frauen – und übrigens: auch Männer – nachzuvollziehen, wenn sie gegen Repressionen kämpfen, deren Symbol das Kopftuch ist. Sie versuchen auch nicht, westliche Perspektiven und die Perspektiven muslimischer Gesellschaften zu verschalten – also beispielsweise nachzuvollziehen, wie niederschmetternd das laute linke Schweigen für muslimische Oppositionelle und für liberale Muslime in den westlichen Gesellschaften sein muss.

Sie interpretieren das Kopftuch stur in westlicher Perspektive, sehen Kritik daran umstandslos als „Rassismus“ an oder als Versuch alter weißer Männer, Frauen vorzuschreiben, was sie tragen dürfen und was nicht. Tatsächlich lässt sich das Kopftuch dann sogar als feministisches Symbol interpretieren – als Zeichen der Selbstbestimmung,  als Weigerung einer Frau, sich als sexuelles Objekt betrachten zu lassen.  Die seltsame Wahlverwandtschaft des heutigen Feminismus ausgerechnet mit dem reaktionärem Islam hat ihren Grund gewiss auch in den Reinheitssehnsüchten, die beide gemein haben.

Nicht nur in diesem Fall endet die Reinheitsideologie eben dort, wo sie ihre Feinde verortet: bei reaktionären Modellen. Die Identifikation von Männlichkeit mit Unreinheit („Herrschaft“) und Weiblichkeit mit Reinheit bedient so offensichtlich hergebrachte Geschlechterklischees, dass enorme Energien aufgebracht werden müssen, um sich vor der Wahrnehmung der eigenen Widersprüche zu schützen.

Während die meisten Frauen wohl achselzuckend oder irritiert auf den Vorschlag reagieren würden, dass sie sich durch das Gomringer-Gedicht sexistisch belästigt fühlen sollten, lassen sich also die Frauen des Alice-Salomon-ASta mit großem Gestus Riechfläschchen reichen. Die Männer wiederum fallen solidarisch gleich mit in Ohnmacht, um nur ja nicht als Repräsentanten einer verhärteten patriarchalen Kultur dazustehen.

So sehr aber die Beteiligten versuchen, ihr Schauspiel als linke Politik, gar als einzig mögliche linke Politik zu verkaufen: Es ist Ausdruck einer tief elitären geschichtslosen Haltung, in der Perspektiven anderer rituell diskreditiert werden. Wenn Tabula-Rasa-Politiken versprachen, durch die Auslöschung des Bösen Raum für das Wachsen des Guten zu schaffen, beschränkten sie sich regelmäßig auf die Auslöschung: von Texten, von Bildern, überhaupt von Kulturgütern, in dem schlimmsten Fällen auch von Menschen.

Diese Wahrheit zumindest sollte auch den Studierenden einer Hochschule und der Lesenden der taz zumutbar sein.

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17 Comments

  • Wie hätte der ASTA wohl reagiert, wenn die AfD fordern würde, das Gedicht zu entfernen, weil es nicht auf Deutsch ist und weil der Autor ausländische Wurzeln hat?

    • Wäre vielleicht ne gute Strategie gewesen, das Gedicht zu retten. Man mobilisiert einfach ein paar rechte Spinner an der Schule, dem ASTA beizuspringen mit einem öffentlichen Statement, dass man ebenfalls die Verschandelung einer guten, deutschen Wertarbeitshausfassade durch fremdländisches Kauderwelschgeblubber in keiner Weise gutheißen mag und die schnellstmögliche Entfernung voll unterstützt.

      So ähnlich, wie in der South Park Episode, in der es um die Änderung der Stadtfahne ging, auf der zu sehen war, wie eine Gruppe Weißer einen Schwarzen erhängen. Da haben sich dann Verteidiger der Stadtfahne (aus historischen Gründen) in eine Versammlung des Kukluxklans geschlichen und die davon überzeugt, doch bitte für eine Änderung der Stadtfahne zu plädieren, weil ja dann, wenn vom KKK diese Position vertreten würde, automatisch alle anderen die Gegenposition einnähmen und für die Beibehaltung stimmen würden. 🙂

  • Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Vollpfosten der ASTA auch Bücher verbrennen würden, wenn diese Handlung geschichtlich nicht derart vorbelastet wäre. Ganz so geschichtsvergessen sind sie nun doch nicht.

    • @Pjotr

      Die Reaktion des PEN ist so drastisch, dass ich allen empfehle, sie zu lesen.
      Den Wutausbruch von Christoph Hein ebendort möchte ich jedoch hier platzieren, weil er so gelungen ist:

      „Wirklich skandalös an diesem barbarischen Schwachsinn eines AStA ist: Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin ist eine Fachhochschule mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung, d.h. diese Kulturstürmer werden einst den Nachwuchs ausbilden“, so der Ehrenpräsident des deutschen PEN, Christoph Hein. „Uwe Bettig, der Rektor der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, hält das Gedicht und die Anbringung auf der Fassade zwar für ein gelungenes Kunstwerk, will aber ‚die kritischen Stimmen der Studierenden ernst nehmen und diesen Rechnung tragen‘. Herr Bettig hat als Rektor einer Hochschule für Erziehung und Bildung einen gesellschaftlichen Auftrag: Er hat den Studierenden etwas von Erziehung und Bildung zu vermitteln und nicht deren unerzogene Unbildung zu respektieren. Er hat die Erzieher von morgen auszubilden und nicht deren Kultur- und Bildungsferne ernst zu nehmen und gar ihr zu folgen.“

      http://www.pen-deutschland.de/de/2017/09/05/pen-zentrum-deutschland-fuer-erhalt-des-gedichts-avenidas-des-lyrikers-eugen-gomringer-an-suedfassade-der-alice-salomon-hochschule-berlin/

      Ich hätte sie als „schwachsinnige BarbarI*nnen“ tituliert, aber in Deutschland ist das m.E. nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. 🙁

      Anyway, meine Hochachtung vor Hein, denn so deutliche Worte hat bisher noch niemand gefunden, sich gegen diese pubertären Hohlköpfe zu positionieren.

  • Ich bin ja nun ein „bildungsferner“ Klotz, mit einer recht primitiven Auffassung von Kultur.
    Jedoch einer – im zugegebenermaßen knappen Rahmen – recht umfassend ausgebildeten. Was nicht einer glatten Reimzahl folgt, ist für mich schon ziemlich seltsam, ganz ohne Reim erkenne ein Gedicht noch nicht einmal auf Anhieb. Ich brauche keinen Louvre, keinen Beethoven, und kein 10-Sterne-Restaurant, um kulturellen Genuß zu erleben.
    Ein Autobahnrastplatz mit Tischtennisplatte aus Beton, ein Stück selbsthergestellter Schafskäse, ein Stück selbstgebackenes Brot, ein Schluck Wasser aus dem Brunnen der Herstellerin des Käses, mein knackend abkühlendes Moped neben mir ( seinerzeit eine Yamaha XS650 mit verstopften Ölkanälen ) und ein schöner Tag im Frühsommer bedeuten mir deutlich mehr als ein dreistündiges Konzert professioneller „neuer Musik“.

    V.dh. war mein erster Gedanke bei der Meldung über das Avenidas-Gate ein glattes „hä?!“.
    Ich mußte erstmal nach einer Übersetzung suchen, fand das Werk tatsächlich sehr banal ( weil der Inhalt mir schlichtweg absolut selbstverständlich erschien ) und verstand überhaupt nicht, was daran so wertvoll sein sollte, es an eine Wand zu pinseln.
    Noch weniger kapierte ich aber, warum man die Kosten nochmal aufbringen sollte, um es rituell zu übertünchen
    Was ist daran denn so enorm bedrohlich, daß es solche Angstreaktionen rechtfertigen könnte? Oder gar berserkerhafte Wut auslösen?

    Es konnte nur am Wort „Frauen“ liegen, soviel war klar.

    Also fragte ich mich zunächst warum ich das nicht verstehe.
    Und komme nach einigen längeren Versuchen zu dem Ergebnis: Eben weil es so ein banaler Text ist, der – vollkommen ohne daß ich es überhaupt bewußt registrierte – ein paar Assoziationen bei mir auslöst, die vermutlich jeder normale Mensch hat, Frauen sicherlich ungefähr genau so wie Männer.

    Also habe ich mich mal ein wenig selbst erforscht, wie die ungefähr beschaffen sein können. Dabei fiel mir als erstes das oben beschriebene Erlebnis ein, welches für mich einer höchsten Kulturgenüsse in meinem Leben war.

    Nun gut, dachte ich mir, da kommen jetzt keine Frauen drin vor. Aber kann es sein, das Gomringer vielleicht ein ihm ungefähr gleichwertig erschienenes Erlebnis vor Augen ( und in den Ohren und der Nase ) hatte?

    Erleben ist ja nicht nur auf Sprache beschränkt, sondern dieselbe beschreibt ja i.d.R. eine Summe einer bestimmten Kombination von Sinneseindrücken. Und Kultur, die einfach nur aus etwas sprachlich-künstlichem besteht, mag zwar auch ( eher wohl abstrakte ) Kunst sein, wird aber wohl nur von sehr wenigen Menschen als intensiver Kulturgenuss wahrgenommen.
    Eher wohl schon als mögliches Gruppenritual, im Sinne von: „Hey, ich habe was über schwere Musik getextet, ich bin ein Kulturintellektueller“.
    Eine meiner bescheidenen Auffassung nach ziemlich widerliche Vorstellung, die mir eher antikulturell vorkommt.

    Was blieb mir also übrig, als mein Bißchen Empathie für Poeten ( doch, so ein ganz kleines Etwas gibt es da, wenn ich es auch selten beachte ) zuammenzukratzen und zu versuchen mich in Gomringer hieneinzuversetzen.

    Und siehe da, das ging ganz einfach. Das einzige, was mich erstmal etwas verwirrte waren die automatisch auftauchenden Bäume, die auch nach dem mehrfachen Lesen des Textes und der Vergewisserung, daß da – als Worte – gar keine Bäume drin vorkommen, einfach nicht verschwinden wollten.
    Aha! Eine Allee ist dadurch definiert, daß sie durch Bäume besäumt ist!

    Da wurde dann auch der Rest blitzartig klar und es entstand ein eindeutiger jahreszeitlicher Kontext, der mir sehr bekannt vorkam.
    Denn den gibt es in meinem Erlebnis oben auch und auch den habe ich nie ( bevor ich es eben ausformuliert habe ) irgendwo in Worten erwähnt, obwohl er sehr wichtig ist! Noch nicht mal mir selbst gegenüber, weil er einfach banal und selbstverständlich ist, ich kam gar nicht auf den Gedanken.

    Ich würde das Gedicht ( auf deutsche Verhältnisse bezogen, Spanien ist das wahrscheinlich anders ) so ungefähr bei Mitte Mai einordnen.
    Da sind Bäume und manche Büsche auf eine Art und Weise grün, wie sie es nur zu eben dieser Zeit sind und welche ich in der Tat schon mein Leben lang immer wieder bestaunt und bewundert habe. Wenn ich denn mal dazu kam.

    Dazu gehören bestimmte Gerüche, Farben, Licht, das Gefühl der Luft um einen herum und weitere mehr oder weniger periphere Eindrücke, welche das Gesamtbild wohl etwas variieren, aber eigentlich nur konkreter werden lassen, so das es kein grobes Abstraktum mehr ist, sondern etwas als real ( wenn auch vielleicht nicht sonderlich bewußt ) Erinnertes.

    Bei Gomringer sind es die Blumen und Frauen und vermutlich auch noch eine Tageszeit, die Sonne, der Himmel und was-weiß-ich-noch-alles, was die Beschreibung bloß überfrachtet und damit der Wirkung auf den Rezipienten eher geschadet hätte.

    Um es mal ganz auf die Dumme auszuformulieren:
    Ein Rudel verschnupfter Feministen im Schneesturm, mit Antipatriarchatsplakaten, in Moonboots, dickem Parka, Kapuze über dem Kopf und Megaphongequake passen da einfach überhaupt gar nicht nicht rein.
    Eher schon Frauen, die diese – schon etwas sommerliche – Atmosphäre genießen und deshalb vielleicht Espandrillos und leichte Sommerkleider angezogen haben und entsprechend locker und entspannt einherflanieren. Die passen da sogar ganz perfekt rein und akzentuieren das Ganze auf eine Weise, die ein Mensch, der gern in Spanien lebt, sicherlich als hohes Kulturgut bestaunen und bewundern kann.

    Okay, das muß ja nicht jeder so nachvollziehen können.
    Aber was haben Leute im Kopf, denen bei der poetischen Darstellung so einer – doch sicherlich den allermeisten Menschen irgendwie ähnlich bekannten – Szene, in irgendeiner seltsamen Form glatt eine Subjekt-Objekt-Vertauschung um 180° durch den Kopf schießt? Denen der passiv Genießende als Ausführender einer bösen, geradezu feindlichen Handlung gegen möglw. essentielles Element dieses Bildes erscheint?
    Die sofort und scheinbar schon reflexartig vermuten, daß die Bäume ( oder der Himmel, der Wind, was-auch-immer ) unsichtbar gemacht und somit diskriminiert werden? Oder die Blumen bestenfalls zu ausgebeuteten Musen, oder sogar zu reinen Lustobjekten degradiert werden?
    Oder im konkreten Fall gar die Frauen, die ihr Leben und ihre Kultur ZU RECHT genießen, weil genau JETZT der bestmögliche Moment dafür ist?
    Genau wie der Beobachter selbst, der ihnen das ganz gewiss von ganzem Herzen gönnte?

    Ich kann es nicht anders sagen: Das sind doch nicht nur „irgendwie gestörte“ Defizitäre, sondern krankhaft pervertierte und ganz, ganz arme Wichter!

    Möglich übrigens auch, daß ( mal wieder, ähnlich wie bei #metoo ) ein ganz schäbiger Zickenjazz dahintersteckte.
    So las ich doch vorhin erst ( ich weiß gerade nicht mehr wo, falls ich es wiederfinde ergänze ich den Link dazu ), daß es da ein Dame gibt, die wohl selbst irgendwie Künstlerin sein möchte, die wohl auch schon mal einen entsprechenden Vorschlag bez. ihrer eigenen Kunst ( was immer das auch sein mag ) gemacht hatte und damit wohl keinen Erfolg hatte. Die meckerte auch über „Avenidas“ herum und prompt, schlägt sie jetzt wieder ihr Produkt, diesmal als Ersatzbild, vor.
    Das gibt mir zu denken ….

    • das ist die Dame, die davon was faselte, dass die Blume bei Frauen ja zweifelsfrei zwischen den Beinen zu verorten sei, es heiße ja nicht aus Zufall „Defloration“, und von dort ist’s ja nicht mehr weit bis zum Knaben und dem „Röslein auf der Heiden“, das der Knabe bricht … Vergewaltiger elender!!!!!

      And dem Punkt musste ich dann aufhören zu lesen, kann sich doch keiner ausdenken sowas

      • Diese Assoziationen sagen sehr viel über den Betrachter und wenig bis gar nichts über das Gedicht aus. Das sollte sich diese Trulla mal vergegenwärtigen, bevor sie solchen Mist absondert.

        • Wenn man wie sie die Opferrolle so stark verinnerlicht hat, unter anderem, weil es so profitabel ist, weil es Versagensängste vorab bestätigt, weil es jede Kritik vorab neutralisiert (in ihren Augen), weil es also ihren radikal subjektivistischen (man könnte auch sagen, aristokratischen) Standpunkt in der Eigenwahrnehmung und in der Sekten-Peergroup rechtfertigt, dann kann man irgendeinen Kontext, in dem Frau auftaucht, und Mann, wie auch immer vermittelt, irgendwo im Bild ebenfalls im Bld steht, nur als sexistisch/patriarchalisch verstehen. Das ist ein (z.T. selbst-) antrainierter Reflex, der irgendwann zur postmodernen „zweiten Natur“ wird, und die klassische „zweite Natur“, nämlich den produktiven Stoffwechsel des Menschen mit der Natur außerhalb von ihm, gemeinhin Arbeit genannt, ersetzt.
          Die Adeptinnen neigen, wie man in der Praxis beobachten kann, dazu, zugunsten dieser aristokratischen zweiten Natur die ursprüngliche klassisch linke Version zu ersetzen, d.h. sowohl körperlich wie auch geistig produktive Arbeit einzustellen, und auf Geburts-Privilegiertheit zu pochen und Alimentierung durch die privilegierte Kaste einzufordern, anders als beim originären Adel nicht aufgrund familiärer Herkunft, sondern mit dem Herkunftsgeschlecht, bzw. der Kompensationforderung für die damit assoziierte Opferrolle.
          Diese Frau und ihresgleichen würden vermutlich auch ein Foto von einem Gesteinsbrocken auf dem Mond irgendwann über drei Ecken als patriarchalisch/sexistisch interpretieren und diesen Standpunkt mit administrativer Macht duchzusetzen versuchen.

    • @ Andreas, Pitr & Mikro:
      Ich fasse also mal resümmierend zusammen:
      Die These mit der soziopsychopathologischen Störung ist gut unterfütterbar und der Zickenjazz ist ein typisches, ggf. vermutlich relativ zwangsläufig auftretendes Symptom derselben, welches selbst in lächerlichsten Kontexten in hochwahrscheinlich abstrusesten Formen zutage tritt.
      Right?

      • Das hat schon etwas Krankhaftes an sich. Feministen reden doch andauernd von allgegenwärtigen „männlichen Strukturen“, der „heteronormativer Matrix“ (in der man sich ständig bewegt) und der man sich, da sie allgegenwärtig und dauernd wirksam ist, sich nicht entziehen kann, eine Matrix, die stets zum Nachteil der Frauen u.a Wirkung entfaltet. Das hat schon was von Paranoia. Von hier ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur vorliegenden Interpretation eines harmlosen Gedichts als Teil eben dieser allumfassenden frauenfeindlichen Matrix.
        Es ist doch bei der Paranoia sehr ähnlich. Selbst harmloseste Begebenheiten werden als bedrohlich wahrgenommen. In der guten alten Zeit gab es noch Gummizellen. Ach, ich werde nostalgisch …

  • Ein Gedanke kam mir zu Beginn Ihres Textes: Beim Gesellschaftstanz tanzt der Herr in dunkler Kleidung, die Frau in prächtiger Ballrobe. Beim Tanzen in höheren Kategorien lernt man, dass es die Aufgabe des Herrn sei, die Frau zu präsentieren. Er macht demnach eine gute Figur, sobald er es versteht, die Frau in ihrer ganzen Eleganz und Schönheit ihrer Bewegung vorzuführen. Es ist die Frau, die so für den Betrachter dargestellt werden möchte. Deswegen führt auch der Mann beim Tanz.

    Im übrigen ist es so, dass Tänzer einander homogen beobachten; will sagen, die Männer beachten beim Tanzsport eher den Mann und die Frauen eher die Frau, quasi nach dem Motto, wie macht er es und wie macht sie es. Nur so kann man voneinander abschauen und lernen. Sehr intensiv ist diese Beobachtung beim Tango Argentino, denn dort ist die Technik für jeden Part recht anspruchsvoll.

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