Identitätspolitik Political Correctnes Wissenschaft

Über Postmodernismus, Ethnopluralismus, Differenzphilosophie und Identitätspolitik

geschrieben von: Leszek

Vorspann von Lucas Schoppe: Den folgenden Text hat Leszek ursprünglich als Kommentar geschrieben. Natürlich ist er ungewöhnlich lang, selbst für man-tau-Verhältnisse. Es ist aber auch ein grundlegender und umsichtiger Text zu einem der, wie ich finde, wichtigsten politischen Themen der heutigen Zeit.

Warum zerbröckeln Überzeugungen, die lange Zeit selbstverständlich zur demokratischen Moderne gehörten: die Unterstützung für die allgemeine Geltung der Menschenrechte – die Überzeugung, dass der offene Dialog nicht nur friedensstiftend ist, sondern auch unser Bild der Welt sinnvoll und beständig erweitert – das Selbstvertrauen, dass staatliche Gewalt von allen ausgehen müsse – das Vertrauen in Rechtsstaat und Wissenschaft?

Darüber, dass diese Überzeugungen von rechts und von links angegriffen werden, hatte ich gerade einen Text geschrieben, auf den Leszek hier reagiert. Er beschreibt philosophische und soziologische Hintergründe dieser Entwicklung, die übrigens für eine demokratische Linke ganz besonders gravierend ist. Die nämlich war immer dann stark, wenn sie zwischen verschiedenen Gruppen der Bevölkerung vermittelte, statt die einen gegen die anderen auszuspielen – und wenn sie Menschen ganz unterschiedlicher sozialer Hintergründe Vertrauen in die demokratische Gesellschaft vermitteln konnte, anstatt zu dekretieren, wer zum öffentlichen Dialog zugelassen werden kann und wer nicht.

Die identitätspolitische Wende der Linken ist dann ganz sicher auch ein wesentlicher Grund, warum Sozialdemokraten ausgerechnet in einer politischen Gemengelage, in der ihre Politik florieren müsste, europaweit in die Bedeutungslosigkeit stürzen. Oder warum  eine Kandidatin der amerikanischen Demokraten eine Präsidentenwahl verliert, die nach allem menschlichen Ermessen unverlierbar war.

Die Bildauswahl stammt von mir. Das Schachmotiv kann, so dachte ich, sowohl das differenzpolitische Schwarz-Weiß-Denken als auch die genaue Spiegelung zweier vorgeblich verfeindetet politischer Lager ausdrücken. Die Schach-Metapher hat aber auch Grenzen: Während die identitätspolitischen Züge sehr berechnbar und langweilig sind, ist Schach ein faszinierendes Spiel. Das hab ich in den letzten Jahren erst durch unseren kleinen Sohn gemerkt, der noch sehr jung ist, gegen den ich beim Schach aber schon keine Chance mehr habe.

Das letzte Bild drückt die Hoffnung aus, dass das identitätspolitische Klipp-Klapp irgendwann auch wieder einer humaneren Politik weichen wird. 

Aufgrund der Länge des Textes habe ich bei den Kapitelanfängen Anker gesetzt und sie hier zu Beginn verlinkt. Danke an Leszek für seine beträchtliche, aber – wie ich finde – auch sehr lohnende Arbeit!

Lucas Schoppe

 

Über Postmodernismus, Ethnopluralismus, Differenzphilosophie und Identitätspolitik

1. Was ist Philosophie der Differenz?

2. Die rechte Variante der Differenzphilosophie: Der Ethnopluralismus der französischen Nouvelle Droite (Neuen Rechten)

3. Die linke Variante der Differenzphilosophie: der französische Poststrukturalismus bzw. Postmodernismus

4. Eine soziologische Erklärung der Entstehung der postmodernen Political Correctness

5. Differenzphilosophie, Identitätspolitik und Differenzierung

6. Klassischer französischer Poststrukturalismus gegen politisch korrekte postmodernistische Identitätspolitik

Ursprünglich wollte ich eigentlich nur einen Kommentar zur ideengeschichtlichen Dimension jener Varianten linker und rechter Identitätspolitik (politisch korrekte postmodernistische Identitätspolitik und ethnopluralistische Identitätspolitik) schreiben, die Lucas Schoppe in seinem sehr lesenswerten Artikel „Wenn Rechte und Linke Ping-Pong spielen, verlieren alle anderen“ kritisch analysiert hat. Dabei ist mein Beitrag allerdings etwas länger geworden, denn das Thema lässt sich nur schwer kurz behandeln. Lucas Schoppe schlug daraufhin vor einen Artikel aus dem Beitrag zu machen, ich habe ihn daher überarbeitet und aktualisiert.

 

Was ist Philosophie der Differenz?

Die theoretische Legitimierung der in Lucas Schoppes Artikel zu Recht kritisierten Varianten zeitgenössischer linker und rechter Identitätspolitik (Ethnopluralismus und politisch korrekter Postmodernismus) geht in ideengeschichtlicher Hinsicht auf Interpretationen zweier Unterströmungen einer bestimmten, in Frankreich entstandenen philosophischen Richtung zurück, die mit dem Oberbegriff „Philosophie der Differenz“ bezeichnet werden kann.

Vertreter einer Philosophie der Differenz sind der Ansicht, dass sich ein großer Teil der westlichen Philosophie zu stark an Ideen der Einheit, der Ganzheit und der Synthese orientiert habe und dass dadurch das Partikulare, das Besondere, die Verschiedenheit, die Differenz, die Vielfalt zu stark in den Hintergrund getreten seien. Differenzphilosophen nehmen eine gegenteilige Position hierzu ein, welche – jeweils für bestimmte Kontexte – den Wert der Vielfalt in den Vordergrund zu rücken versucht. Differenzphilosophen sind der Ansicht, dass Vielfalt das dominierende Prinzip in der Welt sei. „Vielfalt anstatt Einheit“ lautet also das zentrale Motto der Philosophie der Differenz.

Die Philosophie der Differenz ist, wie gesagt, in Frankreich entstandenen, und zwar in zwei Varianten, einer politisch linken und einer politisch rechten.

Die linke Variante wird oft mit den Begriffen „Poststrukturalismus“, „Postmodernismus“ oder „French Theory“ bezeichnet, die rechte Variante mit dem Begriff „Ethnopluralismus“, hier in der Interpretation der Nouvelle Droite (Neuen Rechten) in Frankreich.

Der Ethnopluralismus in der Version der Nouvelle Droite in Frankreich stellt also die rechte Variante jener philosophischen Strömung dar, von der der französische Poststrukturalismus/Postmodernismus die linke Variante darstellt. Allerdings ist die Sache streng genommen noch etwas komplizierter, weil der wichtigste französische Theoretiker des Ethnopluralismus, der französische Philosoph Alain de Benoist, im Laufe seiner intellektuellen und politischen Entwicklung immer weiter nach links gerückt ist (ohne dabei neu-rechte rechtskonservative Aspekte in seinem politischen Weltbild aber ganz aufzugeben) und heute eine spezifische Synthese aus neu-rechtem Ethnopluralismus, kommunitaristischer Demokratietheorie und linker Kapitalismuskritik vertritt. Er bezeichnet sich heute ausdrücklich als „linker Rechter“ bzw. „rechter Linker“ und vertritt viele Positionen, die vom rechten (einschließlich neu-rechten) Mainstream in westlichen Ländern abweichen.

Beide Formen der Philosophie der Differenz, die linke (französischer Poststrukturalismus) wie die rechte (französischer Ethnopluralismus) sehen sich ihrem Selbstverständnis nach u.a. als kritische Reaktion auf politischen Totalitarismus und Kolonialismus, welche angeblich durch die Überbetonung des Einheitsprinzips in der traditionellen westlichen Philosophie begünstigt worden seien.

Vergleicht man das, was die französischen Poststrukturalisten einerseits und der Theoretiker der Nouvelle Droite Alain de Benoist andererseits als ihre differenzphilosophischen Positionen ausgearbeitet haben, mit den Ansichten und dem Agieren zeitgenössischer Linker und Rechter, die sich auf die entsprechenden Theorien als ideologische Legitimationsgrundlage für ihre Identitätspolitiken beziehen, dann fallen einige Unterschiede ins Auge. Die meisten französischen Poststrukturalisten haben eine linke Identitätspolitik z.B. abgelehnt und Alain de Benoist hat seine neu-rechten Positionen im Laufe der Zeit mit einigen für die politische Rechte (und auch für die Neue Rechte) untypischen Sichtweisen verbunden. Auf diese Unterschiede wird in den folgenden Abschnitten eingegangen. Trotzdem scheinen mir Differenzphilosophien generell eine gewisse Anfälligkeit zu besitzen für Identitätspolitik instrumentalisiert zu werden.

Ich persönlich halte den Ansatz einer Philosophie der Differenz prinzipiell für falsch und lehne beide Varianten der Philosophie der Differenz hinsichtlich ihrer philosophischen Grundlagen ab. Das bedeutet aber nicht, dass die entsprechenden Philosophen darüber hinaus nicht auch kluge, interessante und bedenkenswerte Dinge geschrieben haben und es bei ihnen keine Teilwahrheiten gäbe. Wenn die französischen Poststrukturalisten nicht gerade in ihrem „Affekt gegen das Allgemeine“ schwelgen, sind sie oft lesenswert, und wenn Alain de Benoist nicht über Ethnopluralismus und damit zusammenhängenden neu-rechten Stuss (wie „Kritik der Menschenrechte“, „Anti-Egalitarismus“, „Anti-Universalismus“ etc.) schreibt, sondern über andere Themen, ist er ebenfalls oft lesenswert.

Der Versuch einer traditionellen philosophischen Überbetonung von Einheit eine philosophische Überbetonung von Vielfalt entgegenzustellen, führt m.E. allerdings in die Irre, ich plädiere bei diesem Thema stattdessen klassisch-dialektisch für den Versuch einer ausgewogenen Synthese von Einheit und Vielfalt.

 

Die rechte Variante der Differenzphilosophie: Der Ethnopluralismus der französischen Nouvelle Droite (Neuen Rechten)

Ich persönlich halte den Ethnopluralismus in all seinen Formen für eine abscheuliche Irrlehre, werde aber versuchen ihn im Folgenden sachlich darzustellen.

Der Ethnopluralismus wird von den meisten Rechten in Europa und den USA, die sich darauf berufen, als ein völkischer Nationalismus auf kulturrelativistischer Grundlage verstanden, bei dem die einzelnen Kulturen eher wenig gegenseitige Einflüsse austauschen sollen und Einwanderung abgelehnt wird. Die Vielfalt der Kulturen wird von Ethnopluralisten als zentraler Wert betont und die Idee universeller Menschenrechte wird abgelehnt.

Wenn Rechte sich zur ethnopluralistisch verstandenen Vielfalt der Kulturen bekennen, stellt sich häufiger die Frage, ob dies eigentlich ernst gemeint ist oder lediglich eine manipulative Diskursstrategie, ein rhetorischer Trick: ob dahinter eigentlich nur das Bestreben steht, Einwanderung zu verhindern, eine möglichst homogene Nation herzustellen und an den Rest der Welt keinen Gedanken verschwenden zu müssen. Mein Eindruck ist, dass dies innerhalb des ethnopluralistischen rechten Spektrums nicht selten vorkommt, aber es gibt dort sicherlich auch Personen, die tatsächlich im ideologischen Sinne an den Ethnopluralismus glauben.

Wenn es darum gehen soll, den Ethnopluralismus als Ausdruck einer rechten Philosophie der Differenz zu verstehen, ist es natürlich sinnvoll, die Perspektiven jener beiden Theoretiker der Neuen Rechten zu analysieren, die den Ethnopluralismus quasi erfunden haben und bei denen anzunehmen ist, dass sie diesen theoretischen Ansatz auch ernst meinen. Der Ethnopluralismus geht wesentlich auf den deutschen Soziologen Henning Eichberg sowie auf den französischen Philosophen Alain de Benoist zurück. Es gibt m.W. bislang keine Untersuchung dazu, wie die beiden sich genau gegenseitig beeinflusst haben. Eine Ähnlichkeit besteht darin, dass beide früh damit begonnen haben, neu-rechte und linke Ideen miteinander zu verbinden, und dass beide im Laufe ihrer intellektuellen und politischen Entwicklung dann immer weiter nach links gerückt sind.

Der Begriff Ethnopluralismus wurde von Henning Eichberg geprägt. Eichberg hat sich in späteren Jahren in politischer Hinsicht nicht mehr als rechts identifiziert, sondern ist seinem Selbstverständnis nach zur Linken übergewechselt. Ob es in dieser Phase noch Restelemente neu-rechten Denkens bei ihm gab, kann ich nicht beurteilen.

Eichberg hat in seinen späteren Äußerungen mehrfach darauf hingewiesen, dass der Ethnopluralismus innerhalb des rechten Spektrums seiner Ansicht nach häufig falsch rezipiert worden sei. Bei ihm habe der Ethnopluralismus nicht nur eine zwischen-nationale, sondern auch eine inner-nationale Dimension gehabt, die auch auf die Bewahrung der kulturellen Identität von ethnischen Minderheiten, die schon lange innerhalb einer Nation leben,  abzielte.

Im Ethnopluralismus stehen stets Kollektivsubjekte im Zentrum, nicht Individuen. Menschliche Individuen werden im Ethnopluralismus als in ihrer Identität wesentlich durch Einflüsse der Herkunftskultur geprägte Wesen angesehen, die sich nur innerhalb dieser Kultur verwirklichen können und (von wenigen Ausnahmen abgesehen) diese nicht verlassen können, ohne dadurch „entwurzelt“ zu werden.

Als Kulturalismus bezeichnen die beiden dänischen linken Multikulturalismus-Kritiker Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt eine solche Sichtweise in ihrem m.E. ausgezeichneten Artikel “Kultur als politische Ideologie“, und sie kritisieren kulturalistische Vorstellungen sowohl auf Seiten der politischen Rechten wie auf Seiten der politischen Linken.

Bekannter als Eichberg als Theoretiker des Ethnopluralismus wurde der französische Philosoph Alain de Benoist.

Als überzeugter Differenzphilosoph sieht Alain de Benoist die Welt als „Pluriversum“ und leitet aus seinem Glauben an den Vorrang des Prinzips der Vielfalt in der Welt die kulturelle Vielfalt als einen zentralen Wert seiner Philosophie ab. Die Idee universeller Menschenrechte wird von ihm abgelehnt.

Während Alain de Benoist die kulturelle Vielfalt meinem Eindruck nach bis in die 70er Jahre hinein primär anhand der nationalen Differenz betont, kommt es in den 80er Jahren und dann verstärkt in den 90er Jahren bei ihm zu einer Hervorhebung der Regionen. Seitdem versteht sich Alain de Benoist wesentlich als Regionalist. Seine Version des Ethnopluralismus beinhaltet in diesem Sinne eine nach innen gerichtete Dimension, der es um die Bewahrung von Lokal- und Regionalkulturen geht.

Alain de Benoist vertritt, für einen Rechtsintellektuellen eher ungewöhnlich, eine Nationalismuskritik, bei der er Nationalismus als nationalen Egoismus kritisiert. Dieser entspringe einer „Metaphysik der Subjektivität“ (ein von Heidegger übernommener Begriff), die auch für den persönlichen Egoismus charakteristisch sei.

Ich selbst bin Anhänger der linken Nationalismuskritik in der Tradition von Rudolf Rocker, Ernest Gellner, Eric J. Hobsbawm und Benedict Anderson. Aus meiner Perspektive geht die Nationalismuskritik von Alain de Benoist zwar nicht weit genug, jedoch ist für eine faire Beurteilung m.E. auch der jeweilige politische Kontext zu berücksichtigen, und innerhalb des rechtsintellektuellen Spektrums ist es eine Ausnahme, dass überhaupt jemand eine Nationalismuskritik formuliert.

Völker werden von Alain de Benoist als „Wesenheiten mit eigener Persönlichkeit“ betrachtet – eine klassische rechte Idee, die m.E. begründungsschwach und nicht überzeugend ist.

Alain de Benoist betont (hier wiederum im Gegensatz zum rechten und neu-rechten Mainstream) einen von ihm gewünschten dialogischen Charakter von kulturellen Identitäten. Eine die enge Perspektive der eigenen Kultur überschreitende Perspektive, die einen kulturübergreifenden Dialog ermöglicht, soll dabei gemäß Alain de Benoist im interkulturellen Dialog selbst entstehen.

Er verweist außerdem auf die unvermeidliche Veränderung von kulturellen Identitäten im Laufe der Geschichte.

Da Alain de Benoist im Laufe der Zeit einige linke Ideen in sein politisches Weltbild aufgenommen hat, die man gewöhnlich bei rechten Autoren nicht findet – z.B. Basisdemokratie und soziologisch-strukturelle Kapitalismuskritik -, entsteht bei ihm eine eigentümliche Spannung zwischen seiner kulturrelativistisch-ethnopluralistisch begründeten ausdrücklichen Ablehnung der Idee universeller Menschenrechte und seinen Positionierungen gegen Unterdrückung und Ausbeutung.

Die Spannung zwischen seinem kulturrelativistischen Ethnopluralismus einerseits und seinen machtkritischen Positionen andererseits bleibt m.E. auf theoretischer Ebene unaufgelöst, es wirkt ein bißchen, als wenn bei diesem Thema ein rechter Persönlichkeitsanteil und ein linker Persönlichkeitsanteil dauerhaft miteinander im Konflikt liegen.

Der Ethnopluralismus von Alain de Benoist hat sich des Weiteren in den 90er Jahren einer Variante des Multikulturalismus angenähert. In einem Standardwerk zur kritischen Analyse der Neuen Rechten in verschiedenen Ländern bemerkt der Politikwissenschaftler Mathias Weber hierzu:

Aus der Verknüpfung ethnopluralistischer und kommunitaristischer Elemente leitet die Nouvelle Droite inzwischen den Grundsatz ab, ethnisch fremden Migranten auch auf nicht angestammtem Boden das Recht auf Wahrung der eigenen Kulturidentität zuzugestehen. Angesichts einer unumkehrbaren Einwanderung sei „Polykulturalismus“ besser als „Assimilationismus“ (vgl. Benoist 2001: 430ff.). Diese Aufgabe des Territorialprinzips stößt innerhalb des rechtsextremistischen Spektrums auf deutliche Kritik (…).“

(aus: Matthias Weber – Alain de Benoist und die Nouvelle Droite in Frankreich, in: Wolfgang Gessenharter & Thomas Pfeiffer (Hrsg.) Die Neue Rechte – eine Gefahr für die Demokratie?, VS Verlag, 2004, S. 158)

Alain de Benoist und die Nouvelle Droite fordern allerdings eine stark eingeschränkte Einwanderungspolitik.

Philosophie der Differenz wird von Alain de Benoist also primär als Bejahung kultureller Vielfalt verstanden und beinhaltet Lokal,- Regional-, National- und Minderheitskulturen als Kollektivsubjekte.

In dieser Form wurde das Konzept des Ethnopluralismus bei den meisten Rechten in Europa und den USA, die sich direkt oder indirekt auf den Ethnopluralismus beziehen, aber natürlich nicht rezipiert und aufgegriffen, dort ist der Ethnopluralismus, wie bereits erwähnt, meist einfach ein völkischer Nationalismus auf kulturrelativistischer Grundlage.

Auch die differenziertere Version des Ethnopluralismus bei Benoist bleibt aber m.E. aus linker und liberaler Perspektive stark kritikwürdig, da sie soziozentrische Kollektividentitäten ins Zentrum stellen und nicht die Förderung der kulturellen Moderne (Aufklärung, Menschenrechte).

Zudem ist der Ethnopluralismus weder in seiner groben rechten Mainstream-Version, noch in seiner differenzierteren Fassung bei Benoist dazu geeignet, um auf dieser Grundlage eine für moderne Gesellschaften angemessene Migrations- und Integrationspolitik zu betreiben, die die Integration von Migranten in eine auf der kulturellen Moderne beruhende Gesellschaft tatsächlich fördert.

Meine zentralen Kritikpunkte an Alain de Benoists Variante des Ethnopluralismus sind seine Ablehnung der Idee universeller Menschenrechte (er spricht bis in sein Spätwerk hinein abwertend von der „Menschenrechtsideologie“, wobei er paradoxerweise allerdings trotzdem seine Gegnerschaft gegenüber jeder Unterdrückung hervorhebt), seine Überbetonung von Kollektividentitäten gegenüber Individuen und seine undifferenzierte Ablehnung von Einwanderung.

Es wäre offensichtlich falsch zu behaupten, dass Alain de Benoists Form des Ethnopluralismus nicht identitätspolitisch orientiert wäre, er argumentiert für so etwas wie eine dialogisch orientierte Identitätspolitik auf Grundlage gegenseitiger Anerkennung mit Bezug auf Lokal-, Regional- und Nationalkulturen sowie ethnische Minderheitskulturen.

Dabei berücksichtigt er allerdings eine wichtige entwicklungspsychologische Voraussetzung für einen erfolgreichen interkulturellen Dialog m.E. zu wenig, nämlich die Entwicklung postkonventioneller Formen des Denkens und Urteilens (im Sinne von Lawrence Kohlbergs Modell der Moralentwicklung), für deren Entwicklung die ethnopluralistische Betonung soziozentrischer Kollektividentitäten ungünstig ist.

Dass der Ethnopluralismus im rechtskonservativen und rechtsradikalen Spektrum in der Regel nicht in dieser differenzierteren Fassung aufgegriffen und rezipiert wurde, sondern meist als eine ideologische Legitimationsgrundlage für nationalistische Identitätspolitik verwendet wird, liegt wesentlich daran, dass es vielen Personen innerhalb des politischen Spektrums von rechtskonservativ bis rechtsradikal schwer fällt, sich von völkisch-nationalistischen Einstellungen zu lösen. Innerhalb des rechten Spektrums jenseits eines demokratisch-menschenrechtlichen Konservatismus ist nationalistische und fremdenfeindliche Identitätspolitik von jeher verbreitet.

Mir ging es in diesem Abschnitt vor allem darum, die spezifische Logik von Benoists rechter Philosophie der Differenz zu verdeutlichen. Spezifisch rechts am Ethnopluralismus ist u.a. sein Kulturalismus, die Vorstellung einer völligen Abhängigkeit menschlicher Identität von ihrer Herkunftskultur, die sich gewöhnlich in Form eines völkischen Nationalismus manifestiert. Bei Benoist führt diese kulturalistische Vorstellung im Zusammenhang mit seiner Betonung des Wertes der kulturellen Vielfalt allerdings dazu, seine Version des Ethnopluralismus, abweichend vom rechten Mainstream, auch auf Lokal- und Regionalkulturen auszudehnen. Dass dieser dann auch auf eingewanderte ethnische Minderheitskulturen ausgedehnt wird, ist ungewöhnlich, aber mit der Logik seiner Grundvoraussetzungen im Einklang. Dabei geht es immer um Kollektivsubjekte, nicht um Individuen, denn diese sind in dieser Perspektive ja „eingeschlossen“ in die verschiedenen Herkunftskulturen, von denen sie geprägt werden.

Und es wird auch deutlich, warum der Ethnopluralismus zu nichts anderem als einer Identitätspolitik führen kann – ob nun eine „dialogische Identitätspolitik“, wie Benoist sie sich wünscht (die aber umso unwahrscheinlicher wird, je soziozentrischer und weiter entfernt von postkonventionellen Bewusstseinsformen die Gruppe ist) oder die undialogische Identitätspolitik, die im rechten Spektrum jenseits eines demokratisch-menschenrechtlichen Konservatismus verbreitet ist: Da im Ethnopluralismus immer Gruppenidentitäten im Zentrum stehen, führt er immer zu einer Form von Identitätspolitik.

 

Die linke Variante der Differenzphilosophie: der französische Poststrukturalismus bzw. Postmodernismus

Bezieht sich bei der rechten Variante der Philosophie der Differenz in Frankreich, dem Ethnopluralismus in der Version von Alain de Benoist, die Betonung der Vielfalt primär auf Kulturen (Lokal-, Regional-, National- und Minderheitskulturen), also auf Kollektivsubjekte, so werden bei der linken Variante der Philosophie der Differenz, dem französischen Poststrukturalismus, auch Individuen ausdrücklich berücksichtigt. Somit ist der französische Poststrukturalismus die liberalere Variante der Philosophie der Differenz.

Weder ist das Individuum in der Sichtweise des französischen Poststrukturalismus mit sich selbst völlig identisch (es gibt in dieser Perspektive stets Persönlichkeitsanteile, die nicht völlig in der gerade vorherrschenden Identität aufgehen, oder die Vorstellung psychischen Energien, die über einmal erlangte Identitäten hinausstreben), noch kann das Individuum in klassisch-poststrukturalistischer Perspektive je ganz in jenen Gruppen aufgehen, denen es angehört, und auch zwischen den verschiedenen Gruppen in einer Gesellschaft kann in klassisch-poststrukturalistischer Perspektive nie ein völliger Konsens hergestellt werden.

Die französischen Poststrukturalisten sind ablehnend oder skeptisch gegenüber allgemeinen und universellen philosophischen Prinzipien und versuchen diese möglichst zu pluralisieren.

In erkenntnistheoretischer Hinsicht vertreten sie Positionen im Spektrum von Skeptizismus und eines Wahrheitskontextualismus, dem zufolge Wahrheit stets kontextgebunden, also abhängig von sozialen Kontexten ist.

Die Möglichkeit der Erfassung universeller/absoluter Wahrheiten weisen die französischen Poststrukturalisten zurück. Sie begründen dies mit der Kontextbezogenheit der Bedeutung von  Zeichen, die ihrer Ansicht nach stets gewisse interpretative Elemente in Sprache und Denken einfließen lasse.

Manche der französischen Poststrukturalisten erscheinen in ihrer Frühphase in moralphilosophischer Hinsicht als tendenziell moralrelativistisch, später entwickeln die französischen Poststrukturalisten jedoch spezifische Ethik-Konzeptionen, bei denen allerdings nicht (wie bei den von mir präferierten neo-kantianisch inspirierten Strömungen der Moralphilosophie und Moralpsychologie) ein moralischer Universalismus im Vordergrund steht, sondern die Besonderheit des Individuums und die Verantwortung des individuellen Menschen gegenüber dem anderen individuellen Menschen in seiner Andersheit.

Die meisten französischen Poststrukturalisten wenden sich in ihren moralphilosophischen Auffassungen nicht gegen die Idee der Menschenrechte, machen diese aber auch nicht zu einem zentralen Bezugspunkt ihrer moralphilosophischen Reflektionen, sondern sehen in den Menschenrechten quasi eine Grenze, hinter die Gesellschaften nicht zurückfallen sollten. Man könnte dies als eine Art Rest-Universalismus bezeichnen.

Nicht nur die Themen Wahrheit und Moral, auch das Thema des Wesens des Menschen möchten einige französische Poststrukturalisten so pluralistisch wie möglich behandeln und lehnen daher die Idee einer universellen menschlichen Natur ab.

Interessanterweise entstand aus diesem biologieblinden Blank-Slate-Menschenbild im französischen Poststrukturalismus aber kein Gleichheitsfeminismus analog dem in den USA entstandenen postmodernen Gender-Feminismus. Die feministische Strömung im französischen Poststrukturalismus ist differenzfeministisch (was übrigens die Zustimmung von Alain de Benoist findet). So wie sich der französische Poststrukturalismus als Philosophie der Differenz verortet, sieht sich der französische poststrukturalistische Feminismus als Philosophie der Geschlechterdifferenz.

Speziell im Feld des französischen poststrukturalistischen Differenzfeminismus findet sich allerdings eine Abweichung von der für den französischen Poststrukturalismus typischen kritischen Haltung zu Identitätspolitik. Der differenzfeministische Ansatz der französischen poststrukturalistischen Feministin Luce Irigaray ist eindeutig stark identitätspolitisch geprägt. Eine Gegenposition hierzu nimmt die bekannte französische poststrukturalistische Frauenrechtlerin Julia Kristeva ein, die Identitätspolitik scharf kritisiert. Im in den USA entstandenen postmodernen Gender-Feminismus wird der klassische französische poststrukturalistische Feminismus aufgrund seiner differenzfeministischen Ausrichtung kritisiert.

 

Eine soziologische Erklärung der Entstehung der postmodernen Political Correctness

Wie gelangt man nun vom französischen Poststrukturalismus zur postmodernen Political Correctness? Besonders politisch korrekt erscheint der französische Poststrukturalismus ja nicht und ist er auch nicht.

Die politisch korrekte Variante des Poststrukturalismus/Postmodernismus entsteht im Zuge der US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus in den 80er Jahren und muss im Kontext US-amerikanischer soziokultureller Bezüge und soziologisch-struktureller Kontexte analysiert werden.

Den wesentlichen Grund für die Entstehung der postmodernen Political Correctness in den USA aus soziologischer Perspektive stellt die verbreitete universitäre Institutionalisierung von Departments und Studiengängen zum Thema Diskriminierungsforschung bezüglich Frauen, ethnischer und anderer Minderheiten dar, die außerdem primär mit Personen mit ähnlicher politischer Weltsicht besetzt wurden/werden.

Da der Fortbestand entsprechender universitärer Abteilungen, Studiengänge und Jobs nun davon abhängt, dass Diskriminierungsphänomene bezüglich bestimmter Gruppen dauerhaft bearbeitet werden, kommt es leider zu einem soziologisch-strukturellen Effekt, an den vorher niemand gedacht hatte:

  • Ältere Diskriminierungen dürfen nie ganz verschwinden.
  • Es müssen stets neue Diskriminierungen „entdeckt“ werden, seien sie auch noch so subtil.
  • Es müssen stets neue Maßnahmen zur Beseitigung der behaupteten Diskriminierungen entwickelt werden.

Andernfalls droht irgendwann Verkleinerung oder Schließung der Abteilungen und Studiengänge und somit Verdienstverringerung oder Jobverlust.

Dieser soziologisch-strukturelle Effekt bringt dann automatisch – und zwar ganz ohne die „kulturmarxistische“ oder die „postmodern-neomarxistische“ Weltverschwörung, von denen rechte Demagogen uns gerne die Ohren volljammern – Political Correctness und Identitätspolitik hervor.

Dass in den USA der Poststrukturalismus/Postmodernismus – und nicht eine der anderen linken Theorie-Traditionen (und schon gar nicht die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, die damit nichts zu tun hat) zur zentralen theoretischen Grundlage für die politisch korrekten Anti-Diskriminierungstheorien wurde, liegt also nicht daran, dass die französischen Poststrukturalisten bereits politisch korrekt gewesen wären, es liegt daran, dass alle anderen linken Theorie-Traditionen dafür noch weniger geeignet waren.

Nach der universitären Etablierung von Abteilungen und Studiengängen für Diskriminierungsforschung bezüglich Frauen und verschiedenen Minderheiten benötigten die in diesen Kontexten arbeitenden Personen eine theoretische Grundlage. Alle anderen linken Theorie-Traditionen waren dafür noch ungeeigneter als der französische Poststrukturalismus, und zwar aus drei Gründen:

  • Einige linke Theorie-Traditionen beruhen auf einem moralischen Universalismus, der sich für die Propagierung einseitiger und zu Übertreibungen neigender Partikularinteressen nicht eignet, weil man im Kontext universalistischer Moral nicht mit zweierlei Maß messen darf.
  • Einige linke Theorie-Traditionen betonen die Klassensolidarität im ökonomischen Klassenkampf. Hier kann sich Identitätspolitik und Political Correctness nur hemmend und spaltend auswirken, daher sind auch diese linken Theorie-Strömungen als zentrale theoretische Grundlage für politisch korrekte Anti-Diskriminierungstheorien ungeeignet.
  • Einige linke Theorie-Traditionen haben eine starke Gemeinwohlorientierung, auch dies ist mit der Betonung von einseitigen und zu Übertreibungen neigenden Partikularinteressen nicht gut kompatibel.

Bei allen linken Theorie-Traditionen außer dem französischen Poststrukturalismus sind eine oder mehrere der drei genannten Kriterien vorhanden.

Der französische Poststrukturalismus hatte hingegen eine Skepsis gegenüber universalistischen Konzepten, des Weiteren bejahte er zwar den ökonomischen Klassenkampf, aber dieses Thema war für ihn nicht so zentral, da der französischer Poststrukturalismus gemäß seiner Neigung, alles zu pluralisieren, die Pluralität verschiedener sozialer Kämpfe betonte. Der französische Poststrukturalismus beschäftigte sich unter anderem bereits kritisch mit gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen und mit Anti-Diskriminierungsthemen (allerdings meistens nicht im Sinne von Identitätspolitik).

Aus diesen Gründen haben die US-amerikanischen universitären Abteilungen zur Diskriminierungsforschung den Poststrukturalismus als zentrale theoretische Grundlage übernommen und bedienen sich bei anderen linken Theorie-Traditionen nur sporadisch und fragmentarisch.

Des Weiteren wurde der Wahrheitskontextualismus des französischen Poststrukturalismus im Zuge der US-amerikanischen Poststrukturalismus-Rezeption auf die jeweils als diskriminiert angesehenen US-amerikanischen Gruppen übertragen. Während die französischen Poststrukturalisten die geltenden wissenschaftlichen Standard in ihren jeweiligen Disziplinen in der Regel einhielten, wurde im politisch korrekten US-amerikanischen Poststrukturalismus / Postmodernismus das Ideal wissenschaftlicher Objektivität als Subjektivität des weißen, heterosexuellen Mannes verunglimpft, und die verschiedenen als diskriminiert angesehenen Gruppen bekamen „Definitionsmacht“ für ihre Anliegen zugesprochen. Der postmodernistische Wahrheitskontextualismus verwandelte sich in den USA in einen postmodernistischen Wahrheitsrelativismus.

Um den Poststrukturalismus zur ideologischen Legitimierung von politisch korrekter Identitätspolitik und kulturrelativistischem Multikulturalismus zu verwenden, musste der Poststrukturalismus als Philosophie der Differenz natürlich von seinem ursprünglichen Bezug auf Individuen gelöst werden und vollständig auf als diskriminiert angesehene Gruppen übertragen werden.

Gerade dieser Aspekt macht einen wesentlichen Unterschied zwischen dem klassischen französischen Poststrukturalismus / Postmodernismus und dem politisch korrekten US-amerikanischen Poststrukturalismus / Postmodernismus aus, denn im klassischen französischen Poststrukturalismus beinhaltet der Differenzbegriff gewöhnlich (abgesehen von der oben erwähnten differenzfeministischen Ausnahme) auch die Besonderheit des Individuums und eine relative Autonomie des Individuums im Hinblick auf soziale Gruppen, denen es angehört. Das Individuum kann und soll in der Perspektive der meisten französischen Poststrukturalisten nicht in der soziozentrischen Kollektividentität einer bestimmten Gruppe aufgehen. Dieser Aspekt musste im politisch korrekten US-amerikanischen Postmodernismus beiseitegelassen werden, um Postmodernismus und politisch korrekte Identitätspolitik zusammenzubringen.

Es ist nicht zufällig, dass der politisch korrekte Postmodernismus bzw. die postmoderne Political Correctness in den USA entstanden ist und nicht in Frankreich und von den USA aus den Siegeszug in der westlichen Welt angetreten hat – gefördert von neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten und pseudo-linken politischen Parteien, die dadurch ihre Hinwendung zu neoliberaler Politik zu verschleiern versuchen.

Texte dazu:

Leszek: Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten? Gastartikel bei Geschlechterallerlei

Walter Benn Michaels: „Gegen Diversity“, Gastartikel bei Alles Evolution

Bücher:

Walter Benn Michaels: The Trouble with Diversity: How We Learned to Love Identity and Ignore Inequality

Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur

Der wesentliche Grund für die Entstehung der postmodernen Political Correctness in den USA liegt, wie gesagt, in einer falsch angelegten Institutionalisierung von Diskriminierungsforschung. Nicht weil Foucault, Derrida, Lyotard etc. dies oder das gesagt haben, kam es zur Entstehung der postmodernen Political Correctness, sondern als Resultat des oben beschriebenen strukturellen Effekts hat die US-amerikanische Poststrukturalismus-Rezeption in den entsprechenden universitären Abteilungen diese ganz spezifische Form angenommen.

Mit anderen Worten: Die US-amerikanischen politisch korrekten Universitätsangehörigen haben sich ihren eigenen Poststrukturalismus/Postmodernismus zurechtgebastelt, wie sie ihn gerade benötigten, und haben alles weggelassen oder verändert, was dafür im ursprünglichen französischen Poststrukturalismus nicht geeignet war.

 

Differenzphilosophie, Identitätspolitik und Differenzierung

Dass die Poststrukturalismus-Rezeption und -Interpretation in den USA nicht mit dem ursprünglichen französischen Poststrukturalismus verwechselt werden darf, wird daher auch von Experten für die US-amerikanische Poststrukturalismus-Rezeption regelmäßig erwähnt.

So schreibt z.B. der Politikwissenschaftler Mathias Hildebrandt in seinem m.E. sehr lesenswerten wissenschaftlichen Standardwerk zur Entstehung von Multikulturalismus und Political Correctness in den USA hierzu, (nachdem er in einem Kapitel auf die US-amerikanische Rezeption einiger französischer strukturalistischer und poststrukturalistischer Autoren sowie von deren philosophischen Quellen wie Nietzsche, Heidegger und Wittgenstein eingegangen war):

Zwar fanden alle im vorangegangenen Kapitel behandelten Autoren neben vielen anderen (…) Eingang in die amerikanische Debatte, aber die Rezeption dieses Konglomerats von Theorien und Theoremen ebenso wie die Formulierung dieser postmodernen Ontologie gestaltet sich eklektizistisch und opportunistisch, insofern die an der Debatte beteiligten amerikanischen Autoren die einzelnen Theorien und Theoreme in unterschiedlicher Auswahl und Zusammensetzung übernommen und entsprechend ihres jeweiligen Erkenntnis- und politischen Interesses verarbeitet haben. Aufgrund dieser individuellen und unsystematischen Rezeption muss die postmoderne Ontologie des Multikulturalismus aus einer Unzahl von Fragmenten und fragmentarischen Bemerkungen einer Vielzahl von Autoren rekonstruiert werden, die zumeist aus unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlichen Kontexten formuliert wurden. Zwangsläufig bewegen sich diese Fragmente weder auf dem gleichen philosophischen Niveau, noch weisen sie die gleiche theoretische Stringenz und Kohärenz auf, wie die „europäischen Originale“.

(aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 175)

Und die Poststrukturalismus-Expertin Tove Soiland bemerkt hierzu:

Es ist eine Eigenheit der deutschsprachigen Geschlechtertheorie, dass sie im Zuge der Entwicklung des Paradigmas von „gender“ sich wesentlich an den USA orientiert, was aber auch heißt, dass die bei uns gegenwärtig vorherrschende Vorstellung von Poststrukturalismus wesentlich von diesem Umweg über die USA gekennzeichnet ist. Dort aber hat sich eine spezifische, eben amerikanische Version dessen gebildet, was Poststrukturalismus und die französischen Theorieansätze beinhalten, und diese hat sich teilweise sehr weit von ihren französischen Wurzeln entfernt.“

(aus: Tove Soiland – Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz, Verlag Turia & Kant, 2010, S. 16)

Der französischen Ideenhistoriker Francois Cusset bemerkt zu diesem Thema in seinem Werk zur US-amerikanischen Poststrukturalismus-Rezeption:

What constituted a new discovery for many people in France – namely, that there had been such a penetration of French authors into the tissue of American intellectual life, or that such a battle was raging for the symbolic monopoly of the term “leftist” – was thus, the previous year in the United States, only another episode (albeit one that received greater media coverage) in a conflict that for some twenty-five years had pitched “humanists” against the “masters of suspicion”, or “conservatives” against “multiculturalists” in the universities and in certain segments of American society. In a word, it was an epiphenomenon in relation to an ideological polarity that fully permeated American intellectual life but was absent from the French scene. Constructing a genealogy of this polarity requires that we survey certain American modes of reading the French authors in question – ways of reading that made it possible to decontextualize and appropriate these author´s texts, and to give them an often crucial role in the social and political debates in contemporary American culture. One could thus attempt to grasp the “process of selection…a process of labeling and classification,” to use Pierre Bourdieu`s terms, through which some American academics – not without careerist motivations – were able to draw from these authors the watchwords of the 1980s. And were able, in addition, to mobilize their troops, the rank-and-file readers ready to pounce on their new enemies. The “text” as the product of an “author” and containing a “meaning”, the false neutrality of an “imperialist Reason,” “universalism” as a weapon of the West, or else the “canon” as a form of literary colonialism. These terms punctuated a certain political radicalization of academic discourse, an approach in which the French authors, or at least those who were aware of it, did not really recognize themselves. It was necessary then to carry out several mediating operations in order to produce a new political discourse on the basis of these French texts.” (Hervorhebung von mir)

(aus: Francois Cusset – French Theory. How Foucault, Derrida, Deleuze & Co Transformed The Intellectual Life Of The United States, University of Minnesota Press, 2008, S. 7 f.)

Sowohl hinsichtlich der rechten als auch der linken französischen Philosophie der Differenz gilt also, dass das, was zeitgenössische Rechte und Linke im Rahmen ihrer Identitätspolitiken vertreten und praktizieren, nicht zwangsläufig im Sinne der Erfinder der differenzphilosophischen Ideen ist.

Entsprechend hat sich z.B. der französische Theoretiker der Nouvelle Droite Alain de Benoist kürzlich  von der US-amerikanischen Alt-Right distanziert:

He now sees himself as more left than right and says he would have voted for Bernie Sanders in the 2016 US election. (His first choice in the French election was the leftist candidate Jean-Luc Mélenchon.) He rejects any link between his New Right and the alt-right that supported Donald Trump.

“Maybe people consider me their spiritual father, but I don’t consider them my spiritual sons,” he said.”

Und einige bekannte Vertreter des französischen Poststrukturalismus haben in der Vergangenheit Identitätspolitik in deutlichen Worten kritisiert (ein paar Beispiele hierzu folgen weiter unten).

Das heißt nicht – wie ich ja oben auch deutlich gemacht habe – dass es bei der französischen Nouvelle Droite oder beim französischen Poststrukturalismus nichts zu kritisieren gäbe. Ich bin z.B. Anti-Ethnopluralist und bin der Ansicht, dass es für die zeitgenössische Linke nichts Wichtigeres gibt, als zum Universalismus zurückzukehren und eine konstruktive humanistische und universalistische Alternative zu allen Formen von rechtem (und linkem) Kulturrelativismus und Identitätspolitik zu etablieren.

Und ich teile des Weiteren auch einige Kritiken am französischen Poststrukturalismus, z.B. von neo-kantianisch orientierten Kritikern des Poststrukturalismus wie Jürgen Habermas und Karl Otto Apel und neo-hegelianisch orientierten Kritikern des Poststrukturalismus wie Ken Wilber und Murray Bookchin.

Aber die französische Nouvelle Droite in der Tradition von Alain de Benoist ist trotzdem etwas Anderes als die Neue Rechte in Deutschland und erst Recht etwas Anderes als die m.E. besonders abstoßende US-amerikanische Alt-Right.

Und der klassische französische Poststrukturalismus / Postmodernismus ist etwas Anderes als der politisch korrekte Poststrukturalismus / Postmodernismus, der in den USA entstanden ist und von dort aus dann nach Europa kam.

Und solche Unterschiede muss eine wahrheitsorientierte Kritik berücksichtigen.

 

Klassischer französischer Poststrukturalismus gegen politisch korrekte postmodernistische Identitätspolitik

An dieser Stelle sei noch auf ein paar kritische Wortmeldungen zu Identitätspolitik von drei Vertretern des klassischen französischen Poststrukturalismus explizit eingegangen.

Solche kritischen Äußerungen bekannter poststrukturalistischer Denker sind m.E. in pragmatischer Hinsicht hilfreich,

  • um zeitgenössischen Linken, die den Irrsinn politisch korrekter postmodernistischer Identitätspolitik noch nicht ausreichend durchschauen, aber prinzipiell für Kritik daran offen wären, eine kritische Perspektive hierzu nahezubringen,
  • um solchen zeitgenössischen Linken, die Identitätspolitik bereits kritisch sehen, aber sich nicht trauen sie öffentlich zu kritisieren, in ihrer kritischen Haltung zu bestärken und sie zu ermutigen öffentlich gegen Identitätspolitik zu argumentieren,
  • um besonders ideologisch vernagelten politisch korrekten postmodernen Linken, die durch rationale Argumente in der Regel nur schwer zu erreichen sind, quasi den ideologischen Boden unter den Füßen wegzuziehen, indem verdeutlicht wird, dass bekannte klassische poststrukturalistische Denker, auf die sie sich (zu Unrecht) direkt oder indirekt beziehen, dem identitätspolitischen Schwachsinn eine deutliche Absage erteilt haben.

Die französische poststrukturalistische Philosophin, Literaturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva bezeichnete Political Correctness und Identitätspolitik als totalitär, Gefahr für die Demokratie und als mit klassischem französischen poststrukturalistischen Denken unvereinbar.

Ein paar Passagen aus einem englischsprachigen Artikel hierzu:

Now, however, at age 60, Ms. Kristeva is bringing a new twist to this bizarre trans-Atlantic to-and-fro. She feels she has been misunderstood in the United States by the very circles that have embraced her as an icon of feminism and multiculturalism. “Many of our American colleagues have taken what we proposed and have simplified it, caricatured it and made it politically correct,“ she said. “I can no longer recognize myself.“

(…)

Today, however, Ms. Kristeva believes that the group identity adopted by some feminist, gay and ethnic leaders as a pedestal for their revindications is outdated and even, in her word, “totalitarian,“ that freedom of the individual should take precedence over communitarianism, that political assertion of sexual, ethnic and religious identities eventually erodes democracy.

(…)

As a psychoanalyst, of course, Ms. Kristeva can only address individual needs, but that is where she sees the drama of contemporary society unfolding. “What is important is not to affirm the power and identity of groups, but to increase the freedom of individuals,“ she insisted. “To assume a group identity is a dead end. And if some people have interpreted French thinking to mean they should, they are totally wrong.“

Der französische poststrukturalistische Philosoph Jacques Derrida war zwar der Ansicht, dass ein gewisser Bezug auf Identität bei Anti-Diskriminierungsbewegungen manchmal unvermeidbar ist, Derrida meinte aber, dass ein Bezug auf Identität in engen Grenzen gehalten werden müsse. Eine Überschreitung dieser Grenzen kritisierte Derrida in einem Gespräch mit der französischen Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco mit folgenden Worten:

Allgemein und aus tausend Gründen, (…), habe ich dem Kult des Identitären wie auch des Kommunitären, der so oft damit verknüpft ist, stets mißtraut. (…) Ich teile also Ihre Beunruhigung angesichts der kommunitären Logik, angesichts des identitären Zwangs, und ich widerstehe wie Sie dieser Bewegung, die einem Narzissmus der Minderheiten zuarbeitet, der sich überall entwickelt – unter anderem auch in den feministischen Bewegungen.“

(aus: Jacques Derrida & Elisabeth Roudinesco – De quoi demain…, Fayard, 2001, S. 43)

Derrida empfahl hinsichtlich Anti-Diskriminierungsbewegungen, deren Anliegen man für berechtigt hält, folgenden Umgang:

Ich kann dann ein zeitweiliges, vorsichtiges Bündnis akzeptieren, dessen Grenzen ich allerdings herausstelle. Indem ich sie so explizit und intelligibel mache wie möglich.“ (ebd. S. 44)

Ein solches Bündnis galt für ihn allerdings nur,

bis ich mißtrauisch werde und bis die Logik der erhobenen Forderung potentiell pervers oder gefährlich erscheint.“  (ebd. S. 44)

Daher empfahl er eine dauerhafte bewusste Reflektion über solche Dinge:

Die Gefahr muss jeden Augenblick in den sich ändernden Kontexten, die jedes Mal zu eigensinnigen Transaktionen führen, neu bewertet werden. Darin liegt kein Relativismus, es ist im Gegenteil die Bedingung für eine wirkliche Verantwortung, sofern etwas derartiges existiert.
Die politische Verantwortung in Anbetracht stets komplexer, widersprüchlicher und überdeterminierter (…) Situationen besteht darin, dass man den Raum, die Zeit und die Grenze des Bündnisses zu berechnen sucht.“  (ebd. S. 44)

(Ich finde diese kurzen Empfehlungen von Jacques Derrida zum Umgang mit Anti-Diskriminierungsbewegungen übrigens gut und halte es z.B. mit der Männerrechtsbewegung ebenso.)

Ein interessanter Artikel von einem geisteswissenschaftlichen Professor, der mit Jacques Derrida befreundet war und der sich auf Grundlage von Derridas Philosophie der Dekonstruktion gegen Identitätspolitik wendet, findet sich des Weiteren hier. Der Autor Mark C. Taylor schreibt u.a.:

„In a manner reminiscent of Freud, Mr. Derrida insists that what is repressed does not disappear but always returns to unsettle every construction, no matter how secure it seems. As an Algerian Jew writing in France during the postwar years in the wake of totalitarianism on the right (fascism) as well as the left (Stalinism), Mr. Derrida understood all too well the danger of beliefs and ideologies that divide the world into diametrical opposites: right or left, red or blue, good or evil, for us or against us.

(…)

By struggling to find ways to overcome patterns that exclude the differences that make life worth living, he developed a vision that is consistently ethical.

And yet, supporters on the left and critics on the right have misunderstood this vision. Many of Mr. Derrida’s most influential followers appropriated his analyses of marginal writers, works and cultures as well as his emphasis on the importance of preserving differences and respecting others to forge an identity politics that divides the world between the very oppositions that it was Mr. Derrida’s mission to undo: black and white, men and women, gay and straight. Betraying Mr. Derrida’s insights by creating a culture of political correctness, his self-styled supporters fueled the culture wars that have been raging for more than two decades and continue to frame political debate.”

Der französische poststrukturalistische Philosoph und Historiker Michel Foucault stellte in einem Interview (am Beispiel von sozialen Bewegungen zur sexuellen Befreiung) bezüglich Identitätspolitik klar:

In genau diesem Bereich bin ich von bestimmten Bewegungen (…) nicht immer richtig verstanden worden. Obwohl es von einem taktischen Gesichtspunkt aus zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtig ist, sagen zu können: „Ich bin homosexuell“, darf man meiner Ansicht nach Fragen zur sexuellen Identität nicht längerfristig und im Rahmen einer breiten Strategie stellen. Es geht also in dem Fall nicht darum, die eigene sexuelle Identität zu bekräftigen, sondern die Aufforderung zur Identifikation mit der Sexualität zurückzuweisen. Man muss es zurückweisen, der Verpflichtung zur Identifikation mittels und mit Hilfe einer bestimmten Form von Identität nachzukommen.“

(aus: Interview mit Michel Foucault, 1984 in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 816)

Im gleichen Interview erklärt Michel Foucault:

Ich habe niemals irgendeiner Bewegung zur sexuellen Befreiung, welcher auch immer, angehört. Erstens, weil ich keiner Bewegung, welcher auch immer, angehöre, und weiter, weil ich die Tatsache nicht akzeptieren kann, dass das Individuum mit seiner Sexualität identifiziert werden könnte.“
(ebd. S. 816)

Diese Passage sollte m.E. nicht so verstanden werden, als wolle sich Foucault hier gegen die Teilnahme an emanzipatorischen sozialen Bewegungen richten. Faktisch hat Michel Foucault in biographischer Hinsicht nämlich an vielen sozialen Bewegungen teilgenommen, auch an solchen zur sexuellen Befreiung. Was Foucault hier also offenbar sagen will, ist, dass er seinem Selbstverständnis nach nie im Sinne einer kollektivistischen Identitätspolitik an einer sozialen Bewegung teilgenommen hat, sondern stets als Individuum, das sich gemeinsam mit anderen Individuen für eine als richtig angesehene Sache einsetzt, dabei aber seine persönliche Identität und sein kritisches Denken niemals einem soziozentrischen Kollektiv oder einem dualistischen Schema unterordnet. Ein paar Seiten weiter formuliert Foucault diesen Aspekt folgendermaßen:

„Ich wünsche meine Freiheit gegenüber allen Formen des Kampfes zu wahren, in denen ich mich engagiert habe.“ (ebd. S. 822)

In einem anderen Interview erklärt Michel Foucault (wiederum am Beispiel von sozialen Bewegungen zur sexuellen Befreiung):

(…) wenn die Identität nur ein Spiel ist, wenn sie nur eine Vorgehensweise ist, um Beziehungen, soziale Beziehungen und Beziehungen sexueller Lust zu befördern, die neue Freundschaften erschaffen würden, dann ist sie von Nutzen. Doch wenn die Identität zum Hauptproblem der sexuellen Existenz wird, wenn die Leute denken, dass sie ihre „eigene Identität“ „enthüllen“ müssen, und dass diese Identität zum Gesetz, Prinzip und Kodex ihrer Existenz werden muss, wenn die Frage, die sie ständig stellen, lautet: „Ist diese Sache meiner Identität entsprechend?“, dann kehren sie, denke ich, zu einer Art Ethik zurück, die der traditionellen heterosexuellen Virilität sehr nahe ist. Wenn wir zur Frage der Identität Stellung beziehen müssen, so muss dies sein, insofern wir einmalige Wesen sind. Doch die Beziehungen, die wir zu uns selbst unterhalten müssen, sind keine Identitätsbeziehungen; sie müssen eher Beziehungen der Differenzierung, der Schöpfung und der Innovation sein. Es ist sehr langweilig, immer derselbe zu sein.“

(aus: Michel Foucault, ein Interview: Sex, Macht und die Politik der Identität, 1984, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 914)

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40 Comments

  • Was Deine Theorie der Entstehung der postmodernen Political Correctness angeht, dürftest Du recht haben und ich teile auch Dein Bestreben, die französischen Poststrukturalisten vor einer zu oberflächlichen Kritik zu verteidigen. Aber was die Bedeutung von Kultur und von Kulturgemeinschaften für das Individuum und sein psychologisches Wohlbefinden angeht, solltest Du Dich ruhig mal tiefer mit Jordan Peterson beschäftigen. Peterson liefert auch gute Argumente, warum universelle Menschenrechte das nicht ersetzen können.

  • Wäre ja schön, wenn wir hier Zeuge eines neuen, sich im Keim befindenden linken Selbstverständnisses wären. Interessant finde ich, wie Denker, wenn sie lange genug tot sind, neu interpretiert werden.

    „…dass es für die zeitgenössische Linke nichts Wichtigeres gibt, als zum Universalismus zurückzukehren … “

    Hier liegt dann wohl der Knackpunkt. Den Globalismus mit nur einer Weltregierung oder den universalen Menschen kannst du nicht meinen. Es kommt auf eine funktionierende Synthese der gemachten Erfahrungen mit den bisherigen Ideologien an. Eine neue Linke muss in meinen Augen die Autonomie des Menschen als Leitbild haben. Mit welchem Argument wehrt sie sich gegen die Quoten des Feminismus? Das geht ja nur mit der Universalie „Geschlechtsunterschied“, also die Erhebung der Geschlechtsdifferenz zu einer Art Substanz. Kann das eine linke Argumentation bewerkstelligen? Welche Konzepte stehen ihr zur Verfügung, wenn sie Gleichheit abwehren möchte, wo sie Ungleichheit sieht und sogar für gerechtfertigt hält? Für mich war die Ehe für alle ein Paradebeispiel. Hier gab es für einen Linken schlicht kein glaubwürdiges Argument gegen die Ehe für alle. Für Nichtlinke gab es aber viele Gegenargumente (die nicht alle verkehrt sind). Ich traue Linken nicht zu, sich langfristig gegen die Gleichheitsideologie zu stemmen – vor allem deshalb, weil politisch engagierte Linke sich der Gleichheit bedienen, um ihr eigenes Fortkommen zu sichern.

  • Schließe mich den Vorrednern an. Ich vermag auch keinen Wiederspruch zwischen der Ablehnung von universalistischer Moral bzw. Menschenrechten und Positionierungen gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu sehen.

    Ich will selber nicht ausgebeutet und unterdrückt werden, deshalb bin ich auch bereit mit anderen zu kooperieren, die das ebenfalls nicht wollen. Es geht dabei nur um eigene Interessen, nicht um irgendwelche Moralen (auf die man emies Erachtens weitesgehend verzichten kann), und nur auf der Basis von Gegenseitigkeit. Wenn die andere Seite nicht kooperieren will, kooperiere ich auch nicht (bzw. nicht weiter).

    Die Berufung auf Menschenrechte erfolgt in den meisten Fällen als Aufruf an andere, ihr Verhalten zu ändern, normalerweise, um dem Fordernden einen Vorteil zu verschaffen. Die Forderung kann dann durchaus dazu dienen, das Interesse des Fordernden zu verschleiern und ihm die Würde höherer Rechte zu verleihen. Wirklich uneingennützige Motive sehe ich eigentlich nur da, wo jemand freiwillig auf etwas verzichtet zu gunsten anderer („Gib was du hast den Armen und folge mir nach“, sagt Christus. Das ist Moral, nicht die Forderung, dass andere einem gefälligst alle Möglichen Rechte gewähren müssen).

    • @ El_Mocho

      „Schließe mich den Vorrednern an. Ich vermag auch keinen Wiederspruch zwischen der Ablehnung von universalistischer Moral bzw. Menschenrechten und Positionierungen gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu sehen.“

      Die Menschenrechte sind ein Konzept, das entwickelt wurde, um begründete und nachvollziehbare Kriterien zu erarbeiten und zu etablieren, um Menschen vor Unterdrückung und Ausbeutung zu schützen.

      Bei Alain de Benoist findet sich, wie oben erwähnt, m.E. die Widersprüchlichkeit, dass er einerseits als philosophischer Kritiker der Idee universeller Menschenrechte auftritt und dies unter anderem damit begründet, dass die Idee universeller Menschenrechte im Widerspruch zur kulturellen Vielfalt stünde und dass er andererseits sich immer wieder gegen Unterdrückung und Ausbeutung positioniert und dies durchaus weltweit, also faktisch mit universellem Anspruch. Beide Positionen – die m.E. nicht kohärent zusammenzubringen sind, – versucht er auch zu begründen, aber es lässt sich m.E. eben keine wirklich kohärente Verbindung zwischen diesen beiden Positionen herstellen.

      Das führt dann bei ihm bei diesem Thema zum Teil zu merkwürdigen argumentativen Konstruktionen, ein Beispiel. Er schreibt:

      „Selbstverständlich geht es nicht darum, die Verteidigung der Freiheit preiszugeben oder gar die Menschenrechtslehre anzufechten, um den Despotismus zu legitimieren. (…) Es geht (…) darum, die juristische Sphäre und das Feld der Moralphilosophie zu räumen, um zu bekräftigen, dass der Macht der politischen Obrigkeit Grenzen gesetzt werden müssen – nicht weil Individuen von Natur aus unbegrenzte Rechte haben, sondern weil eine Staatsform, in der Despotismus herrscht, eine schlechte politische Gesellschaft ist -, dass die Legitimation des Widerstands gegen Unterdrückung sich nicht aus einem angeborenen Recht herleitet, sondern aus der Verpflichtung der politischen Obrigkeit die Freiheit der Gesellschaftsmitglieder zu achten, kurz gesagt: dass die Menschen frei sein müssen. Nicht weil sie „das Recht dazu haben“, sondern weil eine Gesellschaft, in der die Grundfreiheiten geachtet werden, politisch besser – und ihr zudem moralisch vorzuziehen – ist als eine Gesellschaft, in der sie nicht geachtet werden.“

      (aus: Alain de Benoist – Kritik der Menschenrechte. Warum Universalismus und Globalisierung die Freiheit bedrohen, JF-Verlag, 2004, S. 140)

      (Das ist jetzt nur eine Argumentation von ihm zum Thema „Kritik der Menschenrechte“, aber die anderen halte ich bei diesem Thema ebenfalls nicht für stichhaltig.)

      Gehen wir das mal kurz durch:

      – Universalistische Moral und die Idee universeller Menschenrechte fordern keineswegs, wie in diesem Zitat implizit nahegelegt, dass „Individuen unbegrenzte Rechte haben sollten“.

      – Der Vorschlag, Grundfreiheiten nicht durch die Idee eines angeboreren Rechts der Menschen auf Grundfreiheiten zu legitimieren, sondern stattdessen durch die Idee einer Verpflichtung der politischen Obrigkeit die Freiheit der Gesellschaftsmitglieder zu achten, kann keinen Ethnopluralismus begründen, da auch diese Konzeption den Kulturrelativismus außer Kraft setzt.

      – Als Begründung dafür, dass die politische Obrigkeit verpflichtet sei, die Freiheit der Gesellschaftsmitglieder zu achten, gibt Benoist an, „dass die Menschen frei sein müssen“.
      Die Zielvorstellung, dass die Menschen frei sein müssen, setzt aber – auch wenn es hier geleugnet wird – voraus, dass Benoist implizit davon ausgeht, dass Menschen ein moralisches Recht haben, frei zu sein, im Klartext: es setzt voraus, dass er eben doch eine Form von Menschenrechtskonzeption im Hinterkopf haben muss.

      – Die anschließende Formulierung, dass die Menschen, nicht deshalb frei sein sollen, „weil sie das Recht dazu haben, sondern weil eine Gesellschaft, in der die Grundfreiheiten geachtet werden, politisch besser und moralisch vorzuziehen sei“, ist ähnlich widersprüchlich. Denn wenn eine Gesellschaft, in der die Grundfreiheiten geachtet werden, politisch und moralisch vorzuziehen ist, dann stellt sich die Frage nach den Gründen, warum sie politisch und moralisch besser ist. Da die letztendliche Begründung, die in dem Zitat angegeben wird, darauf hinaus läuft, „dass die Menschen frei sein müssen“, setzt dies wiederum eben doch eine implizite Vorstellung voraus, dass Menschen ein Recht darauf haben, nicht unterdrückt zu werden bzw. frei zu sein.

      Für eine umfassende Kritik an Alain de Benoists“ Kritik der Menschenrechte“ aus Perspektive universalistischer Moralphilosophie bräuchte es allerdings einen eigenen Artikel, das war nur ein Beispiel für eine Argumentation von ihm zu diesem Thema von mehreren.

      M.E. ist es nicht in theoretisch kohärenter Weise möglich, einerseits dafür zu plädieren die Vielfalt der Kulturen über die Idee universeller Menschenrechte zu stellen und andererseits für eine „Notwendigkeit des Kampfes gegen alle Formen der Tyrannei und Unterdrückung“ zu plädieren, was Benoist aber beides vertritt.

      „Ich will selber nicht ausgebeutet und unterdrückt werden, deshalb bin ich auch bereit mit anderen zu kooperieren, die das ebenfalls nicht wollen. Es geht dabei nur um eigene Interessen, nicht um irgendwelche Moralen“

      Das wäre eine an den eigenen persönlichen Interessen orientierte Begründung, wie sie z.B. Max Stirner geben würde. Aber Moralphilosophie und Politische Philosophie im eigentlichen Sinne haben es ja wesentlich damit zu tun, dass Menschen verschiedene Interessen haben und mit der Frage, wie man das gesellschaftliche Zusammenleben so gestalten kann, dass wir zu einem möglichst fairen und gerechten Interessenausgleich zwischen allen Beteiligten gelangen.

      Für diese Frage, die sich in den verschiedensten Kontexten und zu den verschiedensten Themen stellt, ist der alleinige Bezug auf persönliche Interessen nicht ausreichend.

      „(auf die man emies Erachtens weitesgehend verzichten kann), und nur auf der Basis von Gegenseitigkeit. Wenn die andere Seite nicht kooperieren will, kooperiere ich auch nicht (bzw. nicht weiter).“

      Das kann eine sinnvolle persönliche Strategie sein, sagt uns aber noch nichts darüber, wie eine gesellschaftliche Ordnung aussehen kann/sollte, die die Interessen aller Menschen zu einem fairen und gerechten Ausgleich bringt. Hierfür ist der Bezug auf universalistische Moralphilosophien m.E. unvermeidbar. Andere Ethik-Konzeptionen wie z.B. die poststrukturalistische Ethik der Verantwortung gegenüber dem anderen Menschen in seiner Andersheit oder tugendethische Konzeptionen, wie Alain de Benoist sie präferiert, können das m.E. nicht leisten. Nur universalistische Moralphilosophien ermöglichen m.E. Reflektionen dazu, wie die verschiedenen Interessen der Menschen zu einem gerechten Ausgleich gebracht werden können, ohne dabei mit zweierlei zu messen. Andere moralphilosophische Konzeptionen können diese Funktion nicht ersetzen, sie können universalistische Moralphilosophien höchstens ergänzen.

      „Die Berufung auf Menschenrechte erfolgt in den meisten Fällen als Aufruf an andere, ihr Verhalten zu ändern, normalerweise, um dem Fordernden einen Vorteil zu verschaffen. Die Forderung kann dann durchaus dazu dienen, das Interesse des Fordernden zu verschleiern und ihm die Würde höherer Rechte zu verleihen.“

      Fast alles kann irgendwie mißbraucht werden, selbstverständlich auch die Idee universeller Menschenrechte. Der Mißbrauch der Idee universeller Menschenrechte lässt sich aber gerade aus Perspektive universeller Menschenrechte kritisieren.

      Wie gesagt: Nur universalistische Moralphilosophien ermöglichen uns m.E. begründete und kohärente Reflektionen darüber, wie wir die verschiedenen Interessen der Menschen zu einem gerechten Ausgleich bringen können, ohne dabei mit zweierlei Maß zu messen. Und eben diese „Sicherung“, die in universalistische Moralphilosophien „eingebaut“ ist, also der Grundsatz „Messe nicht mit zweierlei Maß“, ermöglicht uns potentiell eine mißbräuchliche Instrumentalisierung universalistischer Moralkonzeptionen zu erkennen, aufzudecken und zu kritisieren.

      Und des Weiteren: Der Mißbrauch einer guten Sache spricht nicht gegen die Sache selbst, spricht nicht gegen ihren richtigen und angemessenen Gebrauch, sondern eben nur gegen ihren Mißbrauch.

      „Wirklich uneingennützige Motive sehe ich eigentlich nur da, wo jemand freiwillig auf etwas verzichtet zu gunsten anderer („Gib was du hast den Armen und folge mir nach“, sagt Christus.“

      Der Mensch hat im Allgemeinen sowohl egoistische als auch altruistische Tendenzen und dies ist moralphilosophisch und gesellschaftlich bedeutsam. Aber ein überdurchschnittlich altruistischer Mensch kann u.U. auch in eine Situation geraten, dass er in egoistischer Weise ausgenutzt wird und dann ist es schon wichtig, dass er auch ein Bewusstsein eigener Rechte besitzt.

      „Das ist Moral, nicht die Forderung, dass andere einem gefälligst alle Möglichen Rechte gewähren müssen).“

      Es kommt m.E. in jedem Einzelfall darauf an, ob die Forderung nach einem bestimmten Recht sich im Sinne universalistischer Moral, die nicht mit zweierlei Maß misst, plausibel begründen lässt oder nicht. Auf diese Weise wird es uns potentiell möglich angemessene und gerechte Forderungen von einseitigen, übertriebenen, unangemessenen Forderungen zu unterscheiden.

      • @Leszek

        Ja, diese Stelle von Benoist ist hochinteressant:

        „dass die Legitimation des Widerstands gegen Unterdrückung sich nicht aus einem angeborenen Recht herleitet, sondern aus der Verpflichtung der politischen Obrigkeit die Freiheit der Gesellschaftsmitglieder zu achten“

        Auf der einen Seite wird eine Ursache (ein Recht durch Geburt) festgelegt, auf der anderen Seite gibt es nur eine Handelsempfehlung für Gemeinschaften sich an der Freiheit zu orientieren. Warum diese Handelsempfehlung überhaupt gelten sollte, wird nicht festgelegt, es gibt keine Ursache dafür.

        Benoist aber ist auch der Ansicht, dass verschiedene Menschengruppen zu den verschiedensten Lebensweisen gleichermassen berechtigt seien.

        Man muss schlussfolgern, dass Benoist nur zum Schein von einer Verpflichtung zur Freiheit redet. Für ihn muss Despotismus eine genauso „gute“ Herrschaftsform sein können, denn wie könnte er überhaupt begründen, wieso diese letzthinnig schlecht sein sollte? Argumente, warum die persönliche Freiheit des Einzelnen zurückstecken müsste, kann man immer finden, wenn man nur will.

        Benoists Ziel ist recht transparent: die Idee vom universalen Menschenrecht zu verwerfen und die politische Willkür zu legitimieren.

      • „Die Menschenrechte sind ein Konzept, das entwickelt wurde, um begründete und nachvollziehbare Kriterien zu erarbeiten und zu etablieren, um Menschen vor Unterdrückung und Ausbeutung zu schützen.“

        Ich denke nicht, dass solche Kriterien notwendig sind. Wenn man sich mal in der Geschichte umschaut, zeigt sich, dass die Menschen eigentlich schon immer gegen Unterdrückung und Ausbeutung gekämpft haben. Vom Sklavenaufstand des Spartakus bis zu den Bauernaufständen des Mittelalters haben die Menschen sich zur Wehr gesetzt gegen die Mächtigen (übrigens nicht nur in Europa, s. etwa: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_der_Zandsch), ohne theoretische Begründung und ohne ein Konzept, wie die Gesellschaft als ganze zu verändern sei. Es gibt ein wunderbares Buch: https://www.amazon.de/Montaillou-Dorf-Inquisitor-1294-1324/dp/3548265715 , darin hat ein französischer Historiker Vernehmungsprotokolle der Inquisition ausgewertet. Es ging um Katharer, die das Christentum ablehnten und in der Bevölkerung große Unterstützung genossen. Da zeigt sich in den Aussagen dieser einfachen Bauern, dass sie z.B. nicht an das Leben nach dem Tode glaubten, Bauern und Fürsten hassten, weil diese unter Anwendung von Gewalt auf ihre Kosten lebten und keinerlei höheres Recht hatten usw. Also auch ohne ausformulierte Ideologie kann man gegen Unterdrückung kämpfen.

        „M.E. ist es nicht in theoretisch kohärenter Weise möglich, einerseits dafür zu plädieren die Vielfalt der Kulturen über die Idee universeller Menschenrechte zu stellen und andererseits für eine „Notwendigkeit des Kampfes gegen alle Formen der Tyrannei und Unterdrückung“ zu plädieren, was Benoist aber beides vertritt.“

        Sehe ich genauso. Benoist lehnt Menschenrechte ab, bringt sie aber durch die Hintertür wieder herein, indem er universalistische Forderungen stellt wie das „eine Gesellschaft, in der die Grundfreiheiten geachtet werden, politisch besser und moralisch vorzuziehen sei“. Ich halte es auch für einen Fehler, Kulturen ähnlich wie Individuen zu betrachten und ihnen ihrerseits Rechte zuzuordnen.

        „Moralphilosophie und Politische Philosophie im eigentlichen Sinne haben es ja wesentlich damit zu tun, dass Menschen verschiedene Interessen haben und mit der Frage, wie man das gesellschaftliche Zusammenleben so gestalten kann, dass wir zu einem möglichst fairen und gerechten Interessenausgleich zwischen allen Beteiligten gelangen. Für diese Frage, die sich in den verschiedensten Kontexten und zu den verschiedensten Themen stellt, ist der alleinige Bezug auf persönliche Interessen nicht ausreichend.“

        Aber Dazu reicht doch ein einfacher Kontraktualismus wie etwa der von Hobbes aus. Die Menschen geben einen Teil ihrer Freiheit auf und übertragen sie der Regierung, die ihnen im Gegenzug dafür Frieden und Sicherheit garantiert. Keine Moralphilosophie nötig.

  • Noch ein paar Fragen: Hast du irgendwelche Belege für die Parallelisierung von rechtem und linkem Identitätsdenken? Gibt es da gemeinsame theoretische Grundlagen? Nietzsche spielt sicher bei beiden eine Rolle, aber jeder dürfte sich auf andere Teile seines Werkes beziehen.

    Kennst du Jonathan Haidts Kritik an den Theorien von Piaget und Kohlberg? Er wirft ihnen eine Überschätzung der Bedeutung von Denken und Rationalität für menschliches Verhalten vor, meines Erachtens zu recht.

    Warum spielt in diesem ganze Text Biologie keine Rolle? Z.B. die Theorie des reziproken Altruismus (https://de.wikipedia.org/wiki/Reziproker_Altruismus) von Trivers kann sicher etwas zur Problematik beitragen.

    Ich lehne dieses ganze Differenzdenken z.B. aus biologischen Gründen ab. „Dass sich ein großer Teil der westlichen Philosophie zu stark an Ideen der Einheit, der Ganzheit und der Synthese orientiert habe und dass dadurch das Partikulare, das Besondere, die Verschiedenheit, die Differenz, die Vielfalt zu stark in den Hintergrund getreten seien“, ist sicher darauf zurückzuführen, dass induktives Schließen einfach lebensnotwendig ist. Wenn mich einmal ein Wolf angegriffen hat, gehe ich in Zukunft Wölfen aus dem Weg, auch wenn mich vielleicht ein anderer Wolf nicht angreifen würde.

    • @ El_Mocho

      „Noch ein paar Fragen: Hast du irgendwelche Belege für die Parallelisierung von rechtem und linkem Identitätsdenken? Gibt es da gemeinsame theoretische Grundlagen? Nietzsche spielt sicher bei beiden eine Rolle, aber jeder dürfte sich auf andere Teile seines Werkes beziehen.“

      Beide beziehen sich auf Nietzsche und Heidegger, beide kritisieren das „Einheitsdenken“, beide loben Differenz und Vielfalt (jedenfalls für bestimmte Kontexte), beide sind in Frankreich entstanden und zwar in etwa zur gleichen Zeit. Bezüglich des französischen Poststrukturalismus wird in der philosophischen Literatur der Begriff „Philosophie der Differenz“ ja auch manchmal verwendet, bezüglich Alain de Benoist geschieht dies auch hin und wieder, nur wird er seltener in philosophischen Schriften erwähnt.

      „Kennst du Jonathan Haidts Kritik an den Theorien von Piaget und Kohlberg? Er wirft ihnen eine Überschätzung der Bedeutung von Denken und Rationalität für menschliches Verhalten vor, meines Erachtens zu recht.“

      Ich kenne ein Zitat von ihm dazu, dass du in der Vergangenheit einmal gepostet hattest. Deinem Zitat zufolge schreibt er hierzu Folgendes:

      „Psychologists such as Kohlberg said that the action in ethics was in reasoning, not emotion. (…) From Plato through Kant and Kohlberg, many rationalists have asserted that the ability to reason well about ethical issues causes good behavior. They believe that reasoning is the royal road to moral truth, and they believe that people who reason well are more likely to act morally. But if that were the case, then moral philosophers — who reason about ethical principles all day long—should be more virtuous than other people. Are they? The philosopher Eric Schwitzgebel tried to find out. He used surveys and more surreptitious methods to measure how often moral philosophers give to charity, vote, call their mothers, donate blood, donate organs, clean up after themselves at philosophy conferences, and respond to emails purportedly from students. And in none of these ways are moral philosophers better than other philosophers or professors in other fields.”

      Ausgehend von diesem Zitat macht es nicht den Eindruck, dass Jonathan Haidt sich mit den moralpsychologischen Befunden und Theorien von Piaget und Kohlberg ausreichend beschäftigt hat. Seine eher auf Lächerlichmachung abzielende Formulierung könnte aber natürlich auch einfach Resultat innerakademischer Konkurrenz im Feld der Moralpsychologie sein.

      Natürlich laufen Piagets und Kohlbergs Theorien nicht darauf hinaus, dass jemand, der wie ein professioneller Moralphilosoph häufig über ethische Fragen reflektiert, deshalb automatisch im Alltag häufiger moralisch handeln würde.

      Ihre Argumentation bezüglich des Zusammenhangs von kognitiven und moralischen Stufen ist sehr plausibel.
      Kohlberg vertritt eine entwicklungspsychologisch fundierte Moralpsychologie, er interessiert sich dafür, welche moralpsychologischen Stufen Menschen in ihrer Entwicklung durchlaufen und er identifiziert diese Stufen anhand der Begründungen, die Menschen in moralisch relevanten Situationen für ihre moralischen Urteile geben.

      Das bedeutet nicht, dass die angegebenen Begründungen oder die einzelnen moralischen Stufen keine emotionale Dimension aufweisen, es bedeutet nur, dass die moralischen Stufen nicht anhand emotionaler Faktoren, sondern – da dies offenkundig in methodischer Hinsicht einfacher ist – anhand konkreter Begründungen für moralische Urteile identifiziert werden.

      Und die Zunahme kognitiver Komplexität als Voraussetzung des Erreichens höherer Moralstufen ist anders zu verstehen als Haidt es darstellt. Gemeint sind Dinge wie, dass ein Mensch die kognitive Fähigkeit die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen entwickeln muss, um eine andere Person überhaupt moralisch angemessen berücksichtigen zu können oder, dass ein Mensch eine Grundkompetenz im abstrakten Denken entwickeln muss, um sich von ansozialisierten Werten und Normen innerlich soweit distanzieren zu können, um sie im Lichte rationaler Reflektion beurteilen und kritisieren zu können.

      Man benötigt demnach also stets eine Grundkompetenz auf der jeweiligen kognitiven Stufe um dann die entsprechende Moralstufe erreichen zu können. Das hat nichts damit zu tun, dass ein Moralphilosoph im Alltag ein besserer Mensch sein müsse, weil er viel über ethische Themen nachdenkt – sondern es geht um kognitive Grundkompetenzen, die entwickelt sein müssen, um bestimmte Formen moralischen Urteilens überhaupt ausführen zu können: Grundkompetenzen, nicht Höchstkompetenzen.

      Haidts Aussage, der wesentliche Unterschied zwischen Kohlbergs Moralpsychologie und seiner liege darin, dass Haidt stärker die emotionale Dimension betont und Kohlberg stärker die kognitive, ist m.E. insofern eine falsche Dichotomie als dass dieser Unterschied sich primär aus methodischen Unterschieden ergibt. Wenn man methodisch so vorgeht, dass man Moralstufen anhand der Begründungen für moralische Urteile klassifiziert, dann steht notwendigerweise die kognitive Dimension im Vordergrund.

      Der tatsächlich entscheidende Unterschied zwischen beiden Formen der Moralpsychologie liegt aber m.E. darin, dass es sich bei Kohlbergs Moralpsychologie um eine entwicklungspsychologisch-fundierte Moralpsychologie handelt und bei Haidt um eine auf einer Typologie politischer Einstellungen beruhende Moralpsychologie.

      Kohlberg interessiert sich für die verschiedenen entwicklungspsychologischen Stufen, die Menschen im Laufe ihrer Entwicklung in moralpsychologischer Hinsicht durchlaufen, Haidt interessiert sich hingegen für die unterschiedlichen Wertepräferenzen, die Menschen mit verschiedenen politischen Einstellungen jeweils in moralpsychologischer Hinsicht aufweisen.

      Das sind schlicht unterschiedliche Forschungsfragen. Beide Modelle könnten m.E. potentiell aber kombiniert werden.

      Ich persönlich verwende ja folgende etwas einfachere Klassifikation von Wertepräferenzen bei politischen Einstellungen (auf die ich zwar unabhängig von Haidt gekommen bin, die sich aber mit seinem Modell überschneidet): M.E. haben Liberale eine Wertepräferenz für den Wert der persönlichen Freiheit, haben Linke eine Wertepräferenz für den Wert Gerechtigkeit und haben Konservative eine Wertepräfenz für den Wert Sicherheit. Hinsichtlich politischer Unterströmungen und erst Recht bei Individuen kann es dabei natürlich zu zahlreichen Mischformen kommen.

      (Nun müsste man eigentlich noch genauer präzisieren, was hier mit Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit genau gemeint ist, aber dies ist jetzt nicht das Thema.)

      Wenn es stimmt, dass es solche Unterschiede hinsichtlich Wertepräferenzen bei Menschen mit verschiedenen politischen Einstellungen gibt – ganz gleich, was jeweils die Ursachen dafür sind – dann sagt uns das aber noch nichts über die Abfolge entwicklungspsychologischer Stufen bei der Moralentwicklung, denn das ist ein anderes Thema.

      Wir können m.E. die plausible Hypothese aufstellen, dass sobald sich eine solche Wertepräferenz – warum auch immer – bei einem Menschen herausgebildet hat, er die verschiedenen von Kohlberg erforschten Moralstufen unter dem Schwerpunkt dieser spezifischen Wertepräferenz weiter durchlaufen wird.

      Das hieße also, wenn wir jetzt um der Einfachheit halber mal „reine Typen“ imaginieren: Wenn sich – warum auch immer – die entsprechende Wertepräferenz bei einem Individuum jeweils herausgebildet hat, dann durchlaufen sowohl der Liberale als auch der Konservative als auch der Linke trotzdem weiter die verschiedenen Moralstufen, aber der Liberale durchläuft sie stärker unter der Perspektive der Wertepräferenz für Freiheit, der Konservative durchläuft sie stärker unter der Perspektive der Wertepräferenz für Sicherheit und der Linke durchläuft sie stärker unter der Perspektive der Wertepräferenz für Gerechtigkeit.

      Gemäß den Forschungsbefunden von Kohlberg erreichen nicht alle Menschen die höheren Moralstufen, zudem scheint die Möglichkeit des Erreichens dieser höheren Moralstufen in Abhängigkeit von kulturspezifischen Sozialisationsfaktoren zu variieren, aber potentiell kann meiner Hypothese zufolge sowohl der Liberale als auch der Linke als auch der Konservative die höheren, also die postkonventionellen Moralstufen erreichen, sie werden dann aber unter der Perspektive der jeweiligen Wertepräferenz interpretiert werden. Alle würden in diesem Fall also demokratisch-menschenrechtliche Einstellungen haben, die aber unter der Perspektive der jeweiligen Wertepräferenz interpretiert würden.

      Was ich hier kurz skizziert habe, ließe sich sicherlich auch auf das Modell von Haidt übertragen. Die moralpsychologischen Modelle von Haidt und Kohlberg ließen sich also m.E. potentiell verbinden, so dass sie neue Forschungen in jene Richtung anregen könnten, die ich im Rahmen meiner Hypothese kurz skizziert habe.

      Und den Versuch einer solchen Synthese würde ich Haidt langfristig auch empfehlen, anstatt weiter zu versuchen Kohlbergs Positionen zu karikieren.

      Die Forschungsbefunde und Theorien von Kohlberg beruhen auf einem Ausmaß an empirischer Forschung, welches Haidt bei seinem eigenen moralpsychologischen Ansatz bisher sicherlich nicht besitzt.

      In einem Kapitel zu Moral im Kulturvergleich aus einem Lehrbuch zur Kulturvergleichenden Psychologie heißt es u.a. zu Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung:

      „Generell kann festgestellt werden, dass es besser um die Entwicklungspsychologie als Fach stünde, wenn über jede Theorie so viel Forschung vorläge, wie über diejenige von Kohlberg, und zwar sowohl im Längsschnitt als auch im Kulturvergleich. Die einst von Alastair Heron und Elke Kroeger (1981) geforderte Realisierung einer Tiefen- und Breitendimension für jede seriöse entwicklungspsychologische Forschung (also eine Stützung durch Längsschnittdaten und durch kulturvergleichende Forschung) ist in diesem Bereich vergleichsweise vorbildlich verwirklicht. Systematisch handelt es sich um Generalisierungsstudien, die allerdings zunehmend durch Differenzierungsstudien ergänzt wurden. Obwohl es kein systematisches Programm dafür gab, liegen praktisch aus allen Teilen der Welt Arbeiten zu Kohlbergs Theorie vor. Mir sind sieben Längsschnittstudien außerhalb Europas, den USA und Kanadas bekannt (Bahamas, Indien, Island, Indonesien, Israel, Taiwan und Türkei), zusätzlich Querschnittsuntersuchungen aus allein 25 Kulturen (Alaska, Bulgarien, China, Guatemala, Honduras, Island, Korea, Mexiko, Namibia, Nepal, New Guinea, Neu Seeland, Hong Kong, Indien, Iran, Japan, Kenia, Pakistan, Puerto Rico, Polen, Taiwan, Thailand, Nigeria, Yucatan und Sambia), die im engeren Sinn zu Kohlbergs Theorie gearbeitet haben (z.T. liegen aus einzelnen Ländern mehrere Studien vor).“

      (aus: Lutz H. Eckensberger – Kultur und Moral, in: Alexander Thomas (Hrsg.) – Kulturvergleichende Psychologie, 2. überarb. und erweit. Auflage, Hogrefe, 2003, S. 320)

      „Warum spielt in diesem ganze Text Biologie keine Rolle?“

      Ich sprach beim Menschenbild im französischen Poststrukturalismus ja davon, dass es sich zum Teil um ein „biologieblindes Blank Slate-Menschenbild“ handelt, das war natürlich kritisch gemeint. Aber der Text ist ja so schon recht lang und er musste eben auch mal fertig werden.

  • „Dass in den USA der Poststrukturalismus/Postmodernismus – und nicht eine der anderen linken Theorie-Traditionen (und schon gar nicht die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, die damit nichts zu tun hat) zur zentralen theoretischen Grundlage für die politisch korrekten Anti-Diskriminierungstheorien wurde, liegt also nicht daran, dass die französischen Poststrukturalisten bereits politisch korrekt gewesen wären, es liegt daran, dass alle anderen linken Theorie-Traditionen dafür noch weniger geeignet waren.“
    Entgegen deiner oben zitierten Einschätzung, der ich zustimme, reklamieren US-amerikanische Autoren aber immer wieder explizit die Frankfurter Schule als analytische Grundlage ihrer ’structural oppression narrative‘ und der daraus folgenden Identitätspolitik, während der französische Poststrukturalismus in diesem Zusammenhang nie erwähnt wird. Ein Beispiel aus dieser Woche:
    https://www.alternet.org/activism/progressive-infighting.
    „If the conservative Ancestral Story is anchored in ancient theologies like those in the Bible and Quran, and the Social Liberal Story is rooted in Enlightenment philosophy, the Structural Oppression Story is grounded in a neo-Marxist analysis of society known as Critical Theory, most often applied as Critical Race Theory or Critical Gender Theory.“
    Wie würdest du diesen Widerspruch auflösen?

    • @ Jochen

      „Entgegen deiner oben zitierten Einschätzung, der ich zustimme, reklamieren US-amerikanische Autoren aber immer wieder explizit die Frankfurter Schule als analytische Grundlage ihrer ’structural oppression narrative‘ und der daraus folgenden Identitätspolitik, während der französische Poststrukturalismus in diesem Zusammenhang nie erwähnt wird.“

      Dazu hatte ich in der Vergangenheit schon häufiger was geschrieben und erlaube mir daher, ein paar ältere Beiträge von mir hier wiederzuverwenden.

      Die falsche Behauptung, dass linke Political Correctness und Identitätspolitik von der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule abstammen würden, ist ursprünglich als Teil einer Propagandastrategie in einem US-amerikanischen Think Tank aus dem Spektrum des Paläokonservatismus ausgearbeitet worden.

      Dieses Konstrukt wurde in dem rechtskonservativen Think Tank „Free Congress Foundation“ entwickelt, mit dem Schlagwort „Cultural Marxism“ versehen und dann insbesondere durch unwissenschaftliche Propagandaschriften (und -videos) ohne Belegquellen von dem Paläokonservativen (und erklärten Monarchisten) William S. Lind popularisiert.

      Dabei geht es in diskursstrategischer Hinsicht wesentlich darum durch die Verwendung zweier klassischer Feindbilder der politischen Rechten – des Marxisten und des Juden – in antikommunistischen und/oder antisemitischen konservativen, rechtskonservativen und rechtsradikalen Zirkeln zu mobilisieren.

      Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule stellt in Wahrheit KEINEN zentralen theoretischen Bezugspunkt für die politisch korrekten postmodernen Anti-Diskriminierungstheorien dar. Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule werden in Einführungsbüchern/Lehrbüchern zu Gender-Studies/Queer-Feminismus/Critical Whiteness/postmodernem Multikulturalismus etc. in der Regel entweder nicht oder höchstens am Rande erwähnt (so wie zig andere bekannte Namen mal am Rande erwähnt werden, ohne für die politisch korrekten postmodernen Theorien wichtig zu sein). Jeder ernsthafte Blick in Einführungsbücher oder Lehrbücher zu Unterströmungen der postmodernen politisch korrekten Linken wie z.B. Gender Studies, Queer-Feminismus, Critical Whiteness etc. widerlegt die falsche Behauptung, dass diese sich auf Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule (oder auf Wilhelm Reich) als wesentliche ideengeschichtliche Quellen und theoretische Grundlagen beziehen würden.

      Und Vertreter/Anhänger der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule befassen sich in der Regel nicht mit den typischen politisch korrekten Themen und Theorien. (Ich sage in der Regel, denn Einzelfallgarantien sind natürlich nicht möglich.) Zeitgenössische Vertreter der Frankfurter Schule (die nebenbei gesagt nicht zwangsläufig Marxisten sind, manche sind auch linksliberal/sozialdemokratisch) befassen sich schwerpunktmäßig mit Themen wie der Übertragung klassischer Konzepte der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule auf die Analyse des neoliberalen Kapitalismus und dessen Auswirkungen in den verschiedensten gesellschaftlichen Feldern oder mit ethischen Fragen.

      Die linke Political Correctness ist in ideen– und theoriegeschichtlicher Hinsicht aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption und Interpretation des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus in Verbindung mit einigen US-amerikanischen Quellen hervorgegangen (wobei sich diese politisch korrekte Version des Poststrukturalismus vom klassischen nicht-politisch-korrekten französischen Poststrukturalismus aber – wie oben dargestellt – wesentlich unterscheidet).

      Der französische Poststrukturalismus wiederum ist keine Unterströmung des Marxismus oder Neomarxismus, sondern eine eigenständige philosophische und politische Strömung, bei der der Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure sowie die beiden Philosophen Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger als zentrale philosophische Bezugspunkte im Zentrum stehen. Man spricht bezüglich des französischen Poststrukturalismus hinsichtlich seiner philosophischen Einordnung daher auch von einem Links-Nietzscheanismus und Links-Heideggerianismus.

      „Ein Beispiel aus dieser Woche:
      https://www.alternet.org/activism/progressive-infighting.
      „If the conservative Ancestral Story is anchored in ancient theologies like those in the Bible and Quran, and the Social Liberal Story is rooted in Enlightenment philosophy, the Structural Oppression Story is grounded in a neo-Marxist analysis of society known as Critical Theory, most often applied as Critical Race Theory or Critical Gender Theory.“
      Wie würdest du diesen Widerspruch auflösen?“

      Es gibt leider unterschiedliche Begriffsverwendungen des Begriffs „Kritische Theorie“ in Europa und den USA.

      In Europa und insbesondere in Deutschland bezieht sich der Begriff „Kritische Theorie“ in der Regel nur auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Andere Begriffsverwendungen sind selten.

      In den USA hat sich allerdings eine inflationäre Begriffsverwendung entwickelt, bei der von kritischen Theorien im Plural gesprochen wird. Ausgangspunkt dieser Inflation war, dass Vertreter anderer linker Theorieströmungen, die ideengeschichtlich mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nichts zu tun haben, die exklusive Selbstbezeichnung der Vertreter /Anhänger der Frankfurter Schule als „Kritische Theorie“ ablehnten, weil sie meinten, dadurch würde quasi suggeriert, nur die Vertreter/Anhänger der Frankfurter Schule würden eine kritische linke Theorie vertreten und alle anderen linken Theorieströmungen in den USA wären dagegen unkritisch.

      Deshalb begannen Vertreter/Anhänger anderer linker Theorie-Strömungen in den USA – einschließlich mehrerer postmodernistischer US-amerikanischer Strömungen – den Begriff „Kritische Theorie“ für sich selbst zu übernehmen, quasi nach dem Motto: wir sind doch auch kritisch.

      Daher bezeichnen heute in den USA – aber in der Regel nicht in Europa und Deutschland – Vertreter/Anhänger verschiedener linker Theorie-Strömungen, die ideengeschichtlich mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nichts zu haben, ihre jeweiligen Ansätze als „critical theory“.

      Dies lässt sich übrigens auch in dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel „Critical Theory“ nachlesen, da ist es zwar nicht ausführlich erklärt, aber auf die Übertragung des Begriffs „Critical Theory“, auf Theorien, die mit der Frankfurter Schule nichts zu tun haben, wird kurz eingegangen, nämlich unter der Sparte „Postmodern critical theory“. Da heißt es:

      „The term „critical theory“ is often appropriated when an author works within sociological terms, yet attacks the social or human sciences (thus attempting to remain „outside“ those frames of inquiry). Michel Foucault is one such author.[17] Jean Baudrillard has also been described as a critical theorist to the extent that he was an unconventional and critical sociologist; this appropriation is similarly casual, holding little or no relation to the Frankfurt School.“

      Auch in der Fachliteratur ist diese unterschiedliche Begriffsverwendung von „critical theory“ natürlich bekannt. So schreibt z.B. der Assistenzprofessor für Philosophie Muharrem Acikgöz in seinem lesenswerten Buch zur 2. und 3. Generation der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule hierzu:

      „Eine umfassende Beschreibung (…) kann man dem folgenden Zitat entnehmen:

      „Critical theory allows us to explore the cultural production and communication of meaning in precise and nuanced ways, and from a range of different perspectives. It questions the ways in which we might be used to making sense of artistic, historical or cultural artefacts and prompts us to reconsider our beliefs and expectations about the ways individuals interact with material things and which each other. Put very simply, critical theory aims to promote self-reflexive explorations of the experiences we have and the ways in which we make sense of ourselves, our cultures and the world.”

      “Editors`Introduction”,in: The Routledge Companion to Critical Theory, ed. by Simon Malpas and Paul Wake, London . New York, 2006 S. ix.

      Dieses Verständnis von critical theory, das in der englischsprachigen Literatur (…) verbreitet ist, bringt verschiedene theoretische Ansätze und Richtungen unter einen Hut. So werden z.B. Structuralism, Historicism, Feminism, Postmodernism als kritische Theorien beschrieben; die Kritische Theorie der Frankfurter Schule wird unter dem Abschnitt „Marxism“ behandelt.

      Diese Beschreibung der critical theory ist zu unspezifisch und somit für die Charakterisierung der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule unzureichend.“

      (aus: Muharrem Acikgöz – Die Permanenz der Kritischen Theorie, Westfälisches Dampfboot, 2014, S. 17 f.)

      (Muharrem Acikgöz meint, dass diese diffuse Begriffsverwendung, bei der alles Mögliche, das mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ideengeschichtlich nichts zu tun hat unter den Begriff „kritische Theorie(n)“ gepackt wird, auch im deutschsprachigen Raum bereits eine gewisse Verbreitung gefunden hätte. Meinen Kenntnissen zufolge irrt er sich in diesem Punkt aber zum Glück.)

      Dass die Kritische Theorie der Frankfurter Schule etwas anderes ist als der Poststrukturalismus/Postmodernismus und erst Recht als die US-amerikanische politische korrekte Variante des Poststrukturalismus/Postmodernismus kann auch jeder Interessierte anhand wissenschaftlicher Fachliteratur zur Rezeptionsgeschichte in den USA zu diesen Themen nachprüfen.

      Das wissenschaftliche Standardwerk zur Rezeption der (von mir geschätzten) Kritischen Theorie der Frankfurter Schule in den USA ist das Buch von Robert Zwarg – Die Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition.

      https://www.bol.de/shop/home/suchartikel/ID45441785.html?sq=zwarg%20kritische%20theorie

      In diesem Buch geht es nur um die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, nicht um andere linke Theorieströmungen, (allerdings wird in einem Kapitel auch darauf eingegangen wie der französische Poststrukturalismus – auch „French Theory“ genannt – ab den 80er Jahren in den USA immer einflussreicher wurde und wie beide Theorieströmungen aufeinanderstießen).
      In dem Buch wird – entsprechend der europäischen Begriffsverwendung – nur die Kritische Theorie der Frankfurter Schule als Kritische Theorie bezeichnet und kenntnisreich und mit Belegquellen wird ihre Rezeptionsgeschichte in den USA bis in die 90er Jahre hinein beschrieben.

      Andere linke Theorieströmungen, die sich in den USA heute zum Teil als critical theory bezeichnen, obwohl sie mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ideengeschichtlich nichts zu tun haben, werden in dem Buch rezeptionsgeschichtlich nicht berücksichtigt.

      Wenn sich jemand auf wissenschaftlicher Grundlage mit der Entstehung der postmodernen Political Correctness beschäftigen möchte, (die allerdings mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nichts zu tun hat), dann wäre hierzu das m.E. ausgezeichnete, bereits oben erwähnte Standardwerk des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt zu empfehlen – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA

      https://www.bol.de/shop/home/suchartikel/multikulturalismus_und_political_correctness_in_den_usa/mathias_hildebrandt/EAN9783531148762/ID10352038.html

      Das Buch beschreibt ausführlich, wissenschaftlich fundiert und mit Belegquellen, wie die postmoderne Political Correctness in ideengeschichtlicher Hinsicht aus der US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus in Verbindung mit einigen US-amerikanischen Quellen entstanden ist. Zwar steht in dem Buch der kulturrelativistische Multikulturalismus im Vordergrund, aber auch auf alle anderen Aspekte der postmodernen Political Correctness wird eingegangen. Das Buch ist pc-kritisch, aber sachlich. Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule kommt in diesem Buch nicht vor, weil sie für dieses Thema nicht relevant ist. Mathias Hildebrandt merkt hierzu lediglich in einer Fußnote kurz an:

      „Nach meinen Erkenntnissen spielen die Frankfurter Schule und der Marxismus nur eine sehr untergeordnete Rolle und können nicht den Hauptkomplex des Multikulturalismus, die „Identity Politics“ erklären; Berman (1992b: 12-15) stimmt mit meiner Betonung des Einflusses des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus überein.“

      (aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political in den USA, VS Verlag, 2005, S. 94)

      Und zu den rezeptionsgeschichtlichen Quellen der postmodernen Political Correctness, die in dem Buch ausführlich dargestellt werden, schreibt er an einer Stelle kurz zusammenfassend:

      „Der transformative Multikulturalismus hat seine Wurzeln in den politischen Erfahrungen der 60er und 70er Jahre, und seine philosophischen Grundlagen speisen sich aus Theorien, die in dieser Zeit entwickelt wurden. Von grundlegender Bedeutung sind dabei das „Black Power Movement“ und das „Ethnic Revitalization Movement“. In beiden Bewegungen wurde zum einen eine grundsätzliche Kritik der europäischen, insbesondere aber der amerikanischen Zivilisation entwickelt. Der Hauptgegner war die Kultur der White-Anglo-Saxon-Protestants (WASPs). Durch die Rezeption euro-afrikanischer Kolonialismustheorien und deren Übertragung auf die US-amerikanische Gesellschaft entstanden die Theorien des „Institutional Racism“ oder der „Structural Oppression“: Sie behaupteten die Unterdrückung all jener Minoritätenkulturen, die nicht zur WASP-Kultur gehören. Diese beiden Formen der Unterdrückungstheorie wurden im Rahmen des sich entwickelnden Multikulturalismus immer stärker mit dem Kulturbegriff der amerikanischen „Cultural Anthropology“ synthetisiert, der gewissermaßen die theoretische Grundlage des multikulturellen Kulturverständnisses lieferte. Ein weiteres wesentliches Ergebnis des „Black Power Movements“ und des „Ethnic Revitalization Movements“ war die Betonung der partikularen Identitäten der Minoritäten und der damit verbundene Aufstieg der „Identity Politics“. Der Multikulturalismus „drew from American identity politics. Its fundamental unit was the identity politics idea that in cultural affairs, the single most important way to classify people is by race, ethnicity, and gender – the kind of thinking that leads us to define one person as white male, someone else as an Asian female, a third person as a Latina lesbian, and so forth“ (Berman 1992b: 13). Unter dem Blickwinkel dieser „Identity Politics“ rezipierten amerikanische Intellektuelle im Laufe der 70erund 80er Jahre im Wesentlichen zwei europäische philosophische Quellen. Zu diesen gehören zum ersten die deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ludwig Wittgensein; zum zweiten der französische Strukturalismus von Ferdinand de Saussure, Claude Levis-Strauss und Roland Barthes und dem französischen Post- oder Ultrastrukturalismus von Michel Foucault, der Friedrich Nietzsche weiterführte, Jacques Lacan und Jacqes Derrida, deren Denken stark durch Martin Heidegger geprägt waren und der postmodernen Theorie Jean-Francois Lyotards, der stark auf die späte Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins zurückgriff. (…) Diese, in erster Linie europäischen Quellen postmodernen Denkens erhielten bei ihrer Rezeption eine eigentümliche amerikanische Wendung durch die Verbindung mit der „Identity Politics“ und führten zu einer typisch US-amerikanischen Ausbildung des postmodernen Diskurses in Form der „Politics of Difference“ (…). Diese Mischung aus (…) psychologischen und insbesondere postmodernen Theorien ist derart grundlegend für den amerikanischen „Multiculturalism“, das ohne diesen philosophischen Hintergrund die viel gescholtenen Phänomene der „Political Correctness“ gar nicht existieren würden, weil der multikulturellen Politik die theoretische Begründung und Rechtfertigung fehlen würde bzw. diese erst erfunden werden müsste.“

      (aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, VS Verlag, 2005, S. 93 f.)

    • An dieser Stelle noch eine Anekdote am Rande: Die ersten Artikel des französischen neu-rechten Philosophen Alain de Benoist, die in den USA erschienen sind, sind in einer Zeitschrift der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule veröffentlicht worden (Telos). Alain de Benoist war mit dem Herausgeber Paul Piccone befreundet. Nun schreibt Alain de Benoist ja zum Glück nicht nur über Ethnopluralismus, aber „Telos“ hat auch ethnopluralistische Artikel von ihm veröffentlicht. Ich halte dies für falsch. Es ist gewiss nicht Aufgabe linker Zeitschriften zur Verbreitung des Ethnopluralismus beizutragen. Aber auch wenn ich dies für kritikwürdig halte, macht es jedenfalls deutlich, dass die Telos-Redaktion offensichtlich nicht besonders politisch korrekt war. Hierbei mag außerdem noch eine Rolle gespielt haben, dass Alain de Benoist zufällig Fan der ersten Generation der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ist und Adorno, Horkheimer und Marcuse gerne zustimmend in seinen Schriften zitiert.

  • Hallo Leszek
    Es ist ein umfangreicher Text. Ich picke mir einen Aspekt heraus, den ich kritisch sehe und mit dir nicht übereinstimme.
    Wenn du von den „universellen Menschenrechten“ sprichst, dann hat das den Geschmack des Absoluten und Unhinterfragbaren. Es wäre an dieser Stelle zu prüfen;

    – was im Katalog der „universellen Menschenrechte“ genau aufgeführt wird
    – und woraus sich der Anspruch der universellen Gültigkeit denn ableitet, wenn er nicht auf einem universellen Konsens beruht (was er i.m.h.o nicht tut)

    So wie du von den universellen Menschenrechten sprichst ist das so, als habe Moses höchselbst diese vom Berg Sinai herab den Menschen gebracht.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: ich selbst habe eine mehr oder weniger klare Vorstellung, was universell gültig sein sollte. Das allein genügt aber nicht, um von anderen zu fordern, nach diesen Regeln zu leben. Übrigens wurde und wird die Nichteinhaltung der Menschenrechte als Kriegsgrund behauptet.

    Der Anspruch der universellen Gültigkeit bedeutet, dass alles, was da aufgeführt wird als sakrosant zu gelten hat.

    • @ Pjotr

      „Es ist ein umfangreicher Text. Ich picke mir einen Aspekt heraus, den ich kritisch sehe und mit dir nicht übereinstimme.“

      Klar, mach das.

      „Wenn du von den „universellen Menschenrechten“ sprichst, dann hat das den Geschmack des Absoluten und Unhinterfragbaren.“

      In moralphilosophischer/ethischer Hinsicht ist der moralische Universalismus meine Grundposition. In meinem Fall beruht diese Position primär auf der traditionellen Ethik des Sozial-Anarchismus einerseits und den neo-kantianisch-inspirierten Strömungen zeitgenössischer Moralphilosophie und Moralpsychologie andererseits. Daher verteidige ich moralischen Universalismus und versuche bei moralisch relevanten Fragen aus dieser Perspektive heraus zu argumentieren.

      Zwangsläufig bringt mich dies in Konflikt mit (linken, rechten und liberalen) kulturrelativistischen Auffassungen.

      D. h. aber nicht, dass ich der Ansicht wäre, dass Anhänger kulturrelativistischer Auffassungen nicht für ihre Ansichten argumentieren dürften oder dass sie stets bösartig motiviert wären, wenn sie es tun. Ich vertrete bei diesem Thema nur eben gegenteilige Auffassungen wie sie.

      „Es wäre an dieser Stelle zu prüfen;
      – was im Katalog der „universellen Menschenrechte“ genau aufgeführt wird“

      Ich habe, wenn ich von universellen Menschenrechten spreche wesentlich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 im Sinn und zwar in einer verantwortungsethischen Interpretation (was auch Artikel 30 der Menschenrechtserklärung entspricht). Dabei kann es sein, dass meine Ansichten auch schonmal von bestimmten Formulierungen oder Details abweichen, dem meisten stimme ich aber zu.

      „– und woraus sich der Anspruch der universellen Gültigkeit denn ableitet, wenn er nicht auf einem universellen Konsens beruht (was er i.m.h.o nicht tut)“

      Ich bin der Ansicht, dass die Idee der Gleichwertigkeit aller Menschen, verstanden im Sinne gleicher Menschenwürde, die wichtigste Grundlage ethischer und normativ-politischer Reflektion darstellen sollte. Daraus ergibt sich logisch und schlüssig, die Forderung nach gleichen Menschenrechten für alle Menschen (die nicht ohne einen Grund, der sich wiederum aus rational begründeten menschenrechtlichen Erwägungen und Gewichtungen herleitet, für einen Menschen eingeschränkt werden dürfen).

      Daraus ergibt sich außerdem eine kritische Beurteilung von Kulturen/Gesellschaften danach, inwiefern sie – nach innen UND nach außen hin – mit menschenrechtlichen Grundsätzen im Einklang stehen. Hierbei ist an westliche und nicht-westliche, moderne und vormoderne Gesellschaften die gleiche Beurteilungsperspektive anzulegen. Ich lehne es z.B. genauso ab mich auf Seiten des US-Imperialismus zu stellen (wie es z.B. manche Antideutsche tun), wie ich es ablehne mich auf Seiten des Scharia-Islams zu stellen (wie es manche Antiimperialisten tun).

      Die Idee der Gleichwertigkeit aller Menschen (verstanden im Sinne gleicher Menschenwürde) ist mit der kulturrelativistischen Idee der Gleichwertigkeit aller Kulturen nicht vereinbar. In diesem Punkt muss man sich für eines von beiden entscheiden: Entweder die Idee der Gleichwertigkeit aller Menschen oder die Idee der Gleichwertigkeit aller Kulturen. Beides zusammen geht nicht.

      „So wie du von den universellen Menschenrechten sprichst ist das so, als habe Moses höchselbst diese vom Berg Sinai herab den Menschen gebracht.“

      Ich sehe die Idee universeller Menschenrechte wesentlich als Resultat entwicklungspsychologischer Prozesse UND sozialer Kämpfe.

      Einerseits bin ich Anhänger entwicklungspsychologisch-fundierter Theorien kultureller Evolution in der Tradition von Jean Piaget und Lawrence Kohlberg, wie sie in den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften z.B. von Jürgen Habermas, Karl Otto Apel, Günther Dux, Christopher Hallpike, Georg W. Oesterdiekhoff und Ken Wilber vertreten werden. (Es handelt sich nicht um eine konkrete Gruppe, nur um Personen, die in dieser Hinsicht in eine ähnliche Richtung argumentieren.)

      Die entwicklungspsychologisch-fundierten Theorien kultureller Evolution in der Tradition von Piaget und Kohlberg sind in empirischer Hinsicht sehr fundiert, sie können auf sehr viele Forschungsergebnisse aus den verschiedensten Kulturen zurückgreifen.

      Aufklärung und die Idee der Menschenrechte sind in der Perspektive kulturvergleichender Entwicklungspsychologie wesentlich Resultat der Aktivierung bestimmter entwicklungspsychologischer kognitiver und moralischer Strukturen (formal-operationale kognitive Stufe nach Jean Piaget und postkonventionelle Moralstufe nach Lawrence Kohlberg).
      Diese entwicklungspsychologischen Potentiale existieren in allen Menschengruppen, können aber nur unter bestimmten Sozialisations- und Bildungsbedingungen aktiviert werden. Werden sie aufgrund eines Mangels an Alphabetisierung und Bildung nicht oder nur in geringem Maße aktiviert, besitzen Menschen nicht oder in zu geringem Maße die kognitive Fähigkeit zum formal-operationalen, abstrakten Denken und somit in zu geringem Maße die Fähigkeit sich von den kulturellen Werten, Normen und Praktiken, mit denen sie aufgewachsen sind gedanklich zu distanzieren, sie quasi „von außen zu betrachten“ und sie im Lichte rationaler Reflektion einer Kritik zu unterziehen.
      Dies ist in der Perspektive der Forschungsbefunde der kulturvergleichenden Entwicklungspsychologie der wesentliche Grund, warum Menschen in vormodernen Gesellschaften mit fehlender oder geringer Alphabetisierung und Bildung autoritäre und menschenrechtswidrige Werte, Normen und Praktiken akzeptieren.

      Alphabetisierung und Bildung sind daher die zentralen Faktoren von kulturellen Modernisierungsprozessen.

      Ein weiterer psychologischer Faktor, der eine kulturelle Modernisierung in vormodernen Kulturen erschweren kann, sind die Einwirkungen autoritärer Erziehungsformen auf die Persönlichkeit. Diese können u.U. auch dann noch eine kulturelle Modernisierung verzögern, wenn Alphabetisierung und Bildung bereits zu einer signifikanten Aktivierung der Fähigkeit zum formal-operationalen, abstrakten Denken in Teilen der Bevölkerung geführt haben. Die kognitiven Fähigkeiten, die nötig sind, um sich gedanklich von den kulturellen Werten, Normen und Praktiken der eigenen Kultur zu distanzieren und diese einer kritischen Reflektion zu unterziehen, sind in diesem Fall bei einem Teil der Bevölkerung zwar an sich vorhanden, die Menschen werden aber von klein auf darauf dressiert diese kognitiven Fähigkeiten nicht in diesem Sinne, also nicht zur kritischen Reflektion über Kultur und Gesellschaft, zu benutzen. Ein solches Hinauszögern einer kulturellen Modernisierung mittels autoritärer Erziehungsformen bei schon vorhandener Aktivierung der höheren kognitiven entwicklungspsychologischen Strukturen in einer Gesellschaft scheint aber nur begrenzte Zeit möglich zu sein.

      Ich bejahe daher eine Förderung der kulturellen Modernisierung durch Förderung von Alphabetisierung und Bildung.
      Menschenrechtliche Ideen entstehen und verbreiten sich dann m.E. mit der Zeit automatisch.

      M.E. ist es mehr oder weniger „Zufall“, dass sich menschenrechtliche Ideen zuerst in der westlichen Kultur herausgebildet haben, dies hätte (wären einige historische Ereignisse anders gelaufen) m.E. auch in jeder anderen Kultur als erstes passieren können. Ich sehe menschenrechtliche Ideen also nicht als in einem kultur-essentialistischen Sinne mit der westlichen Kultur verknüpft, sondern als Resultat einer Aktivierung entwicklungspsychologischer Strukturen, die als Potential in allen Menschengruppen vorhanden sind und potentiell überall aktiviert werden können.

      Der Zusammenhang von Alphabetisierung und Modernisierung wird übrigens auch von den beiden französischen Soziologen Youssef Courbage und Emmanuel Todd in ihrem m.E. sehr lesenswerten Buch „Die unaufhaltsame Revolution“ anhand soziologischer, demographischer und historischer Daten dargestellt.

      Ich habe des Weiteren eine besonders starke Sympathie für emanzipatorisch orientierte Alphabetisierungs- und Bildungsinitiativen „von unten“, wie sie z.B. von den spanischen Anarchisten in den Jahrzehnten vor dem Spanischen Bürgerkrieg in ländlichen Gebieten durchgeführt wurden oder für die Pädagogik des brasilianischen Befreiungspädagogen Paulo Freire:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Paulo_Freire

      Ich bejahe des Weiteren auch konkrete Initiativen zur Abschaffung solcher kultureller Praktiken, die bestimmte Menschenrechte in gravierender Weise verletzen, z.B. wenn westliche Aktivisten mit Aktivisten aus den entsprechenden Ländern zusammen die einheimische Bevölkerung über die negativen Folgen von Genitalverstümmelung aufklären.

      Ich sehe die Idee universeller Menschenrechte des Weiteren aber AUCH als Resultat sozialer Kämpfe (ökonomische Klassenkämpfe und andere soziale Kämpfe) unterdrückter, benachteiligter oder ausgebeuteter Gruppen im Laufe der Geschichte.

      Es versteht sich von selbst, dass ich als libertärer Sozialist auch eine internationale Solidarität aller freiheitlichen (also antiautoritär-basisdemokratischen) sozialistischen Kräfte bejahe.

      „Um nicht falsch verstanden zu werden: ich selbst habe eine mehr oder weniger klare Vorstellung, was universell gültig sein sollte.“

      Dann haben wir ja in diesem Punkt einen Grundkonsens. Unterschiedliche Positionen wären dann nur hinsichtlich konkreter Vorstellungen, was universell gültig sein sollte sowie hinsichtlich der Frage wie solche Rechte, deren universelle Geltung begründet als richtig angesehen wird, gefördert werden sollten, möglich.

      „Das allein genügt aber nicht, um von anderen zu fordern, nach diesen Regeln zu leben.“

      Bezüglich konkreter Maßnahmen zur Förderung von Menschenrechten ergibt sich natürlich das gewichtige Problem, die moralische Legitimtiät einer Maßnahme und die potentielle Wirksamkeit einer Maßnahme genau zu begründen.

      „Übrigens wurde und wird die Nichteinhaltung der Menschenrechte als Kriegsgrund behauptet.“

      Ja, westliche imperialistische Kriege, die in Wahrheit durch das Macht- und Profitstreben westlicher ökonomischer und politischer Herrschaftseliten motiviert sind, werden oft mit Bezugnahme auf die Menschenrechte begründet. Die Idee der Menschenrechte kann in diesem Sinne als Herrschaftsinstrument mißbraucht werden und sie wurde und wird in diesem Sinne mißbraucht.

      Ich bin bei diesem Punkt – im Gegensatz zu Alain de Benoist, aber im Einklang mit Noam Chomsky – allerdings der Ansicht, dass Imperialismuskritik aus einer menschenrechtlichen Perspektive heraus eine Instrumentalisierung menschenrechtlicher Ideen für faktisch imperialistische Zwecke, kritisieren sollte.

      Ich trete in diesem Sinne für einen menschenrechtlich-begründeten Anti-Imperialismus in einem ähnlichen Sinne wie dem von Noam Chomsky ein.

      Ich bin aber nicht der Ansicht, dass militärische Interventionen niemals gerechtfertigt sein könnten. Im Falle von Völkermorden oder im Falle von Diktaturen, die große Teile der eigenen Bevölkerung verhungern lassen, können militärische Interventionen m.E. auch moralisch gerechtfertigt sein.

      Dass die meisten von westlichen Regierungen geführten Kriege imperialistischen Zwecken gedient haben, dass die antiimperialistische Kritik meistens zutrifft, entbindet m.E. nicht von der Verantwortung mitzureflektieren, dass es auch Situationen geben kann, in denen militärische Interventionen moralisch gerechtfertigt sind. Daher braucht es m.E. genaue Kriterien zur Differenzierung und eine Prüfung jedes Einzelfalls.

      „Der Anspruch der universellen Gültigkeit bedeutet, dass alles, was da aufgeführt wird als sakrosant zu gelten hat.“

      Jene normativen Forderungen, die wir mit dem Begriff Menschenrechte bezeichnen, müssen einen hohen Status besitzen, sonst könnten sie ihre Funktion nicht erfüllen. Entsprechend muss genau reflektiert und begründet werden, was in diese Kategorie aufgenommen wird und was nicht. Ich bin für Abtreibung, aber ich bin entschieden dagegen ein Recht auf Abtreibung in die Kategorie der Menschenrechte aufzunehmen.

      Die Idee universeller Menschenrechte zu bejahen, bedeutet also nicht nur sie gegen Kritiker und Gegner argumentativ zu verteidigen, sondern auch sie gegen solche Bestrebungen zu verteidigen, sie für spezifische Partikularinteressen zu instrumentalisieren.

  • Sehr schöner Aufsatz!

    Besonders gut ist der immer um Klarheit und Gradlinigkeit bemühte Stil. Die Illustrationen mit den Schachfiguren sind liebvoll gemacht und passen ganz hervorragend zum Inhalt. Sehr aufschlussreich, über das Thema selbst weit hinaus, ist der Nachweis einer erheblichen Diskontinuität in der Tradition der „Differenzphilosophie“. Das ist ein Faktor, der sonst zu wenig beachtet wird, wie massiv Ideen umgestaltet und verändert werden, ohne dass ein Bewusstsein darüber herrschen muss.

    Weiterhin, das ist jetzt nur meine Meinung zum Gegenstand des Aufsatzes von Leszek:

    Mir kommt es so vor, als sei das Missverständnis über die Differenzphilosophie schon von vorne her angelegt gewesen, sei sozusagen schon von vorne herein Telos, „inhärentes Ziel“, gewesen. Wenn man die Welt als Gegensatz („Differenz“) liest und dazu auffordert, diesen Gegensatz stärker zu beachten, landet man bei diesem Gegensätzlichen und nicht in einer neuen Mitte oder Synthese.

    Mit anderen, drastischen Worten: Foucault war ein verkappter Faschist, dessen ganze „Philosophie“ nur davon getrieben war den Faschismus wieder salonfähig zu machen. Es kam ihm nur auf die Vermittlung seiner Willensphilosophie an, die sich mit dem banalen „Macht ist die letzte Ursache aller Dinge“ ausdrücken liesse. Und genau diese Verabsolutierung der Macht, das ist der Faschismus, das ist all seine Quitessenz.

    Alle „Differenzphilosophie“, das „Dekonstruieren“, war nur zum Zerreden, Relativieren und Gleichmachen aller möglichen Ansichten und Argumente, beigeordnet, um der Hauptsache, seinem absoluten Machtverständnis indirekt zum Durchbruch zu verhelfen. Denn absolut kann Macht ja nur sein, wenn Ideen vollkommen willkürlich und austauschbar sind, eine so gut wie die andere ist! Gäbe es aber Hierachien von Ideen und deren Wertigkeit, dann wäre keine absolute Macht letzthinnig legitimierbar.

    Und deshalb sind es womöglich keine Missverständnisse, die den Weg Foucaults in die „political correctness“ und in den progressiven Autoritarismus bereiteten, sondern auf systematisches Missverständnis und Missverstehen hatte es Foucault mit allen seinen Inhalten von vorne herein abgesehen, damit sich am Ende der Kern, das Dogma vom absoluten Willen, durchsetzen möge.

    • Schließe mich an. Die nachträgliche Reinwaschung französischer Postrukturalisten finde ich übergriffig, gerade auch genüber einem autonomen Denker wie Foucault. Feministen haben Foucault zu seinen Lebzeiten schon verehrt und wurden nass bei seinen gedrechselten Wortschlössern – der hat sich im Gegenzug über fem. Jammersusen lustig gemacht und war von ihnen gelangweilt. Dein Hinweis auf den absoluten Willen stimmt, aber ich glaube, Foucault hat dieses Motiv benutzt, um sich und andere (sexuell) zu befreien, nicht um andere zu unterdrücken. Der erste Schritt, die Befreiung mittels Zersetzung des Herrschaftdiskurses und die Priorisierung des eigenen Willens, führt notwendig zu zweiten, nämlich die Absolutsetzung des neuen, herrschaftsfreien Diskurses und die Vernichtung anderer Diskurse, die Herrschaft begründen könnten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Foucault diese Implikationen selbst gesehen hat. Deswegen finde ich ihn auch so ätzend, weil er es „gewissenlos“ ignoriert hat. Die Franzosen waren wohl zu geistreich, um die Implikationen Foucaultscher Lehre direkt in die Praxis umzusetzen. Amerikaner sind praktischer veranlagt. Ob das Interesse an der Wahrung eigener Pensonionsansprüche zum political correctness – Syndrom in Amerika geführt hat, bezweifle ich.

      • Ich finde es überhaupt seltsam, dass sich grade in Frankreich, das ja nun eines der Ursprungsländer der Aufklärung war und als erstes die Revolution gemacht hat, diese philosophischen Gurus in der Art von Derrida und Foucault so sehr durchsetzten konnten. Traditionell gilt doch „Klarheit“ als großes ideal der französischen Philosophie, Descartes als Musterbeispiel.

        • Der unscharfe Tiefsinn ist ein Import aus Deutschland, Hegel und vor allem Nietzsche und hat Frankreich stark geprägt. Die „Philosophen der Differenz“ sind dieser „deutschen Tradition“ zuzurechnen, ebenso die Existenzialisten.

  • Da ein Bekannter meinte, es wäre sicherlich witzig, wenn ich mal bissl was hier schreib, mach ich das mal.
    Der letzte Absatz bezieht sich eher auf Communities, die am Linkssein festhalten, obwohl sie die aufbrechenden Widerspruche erkennen.

    Der Anfangsfehler von linker / marxistischer Theorie ist, dass davon ausgegangen wird ökonomie wäre ein Nullsummenspiel. Wenn der Kapitalist mehr verdient, dann hat er offensichtlich dem Arbeiter etwas weggenommen / voreinhalten. Diese Annahme ist schlichtweg und empirisch belegbar falsch. Jede Theorie, die sich auf einer fehlerhafter Theorie aufbaut, muss in der Konsequenz fehlerhaft sein. Die neo-marxistischen und postmodernistischen Theorien übernehmen die fehlerhafte Annahme und müssen versuchen diesen „Designfehler“ aufzulösen.

    Als die sogenannten linken Arbeiterparteien gemerkt haben, dass die Arbeiter gemerkt haben, dass ökonomie kein Nullsummenspiel ist und sich von ihnen losgesagt haben, brauchten die Arbeiterparteien neue Wähler, eine neue Zielgruppe. Die interlektuellen und „wissenschaftlichen“ Fundamente und Theorien, die den Richtungswechsel der „neuen Linken“ flankieren sollten, waren ja schon gelegt, wie du mit deinem proto-soziologischen Moloch von Kommentar rekonstruiert hat. Nicht, dass er nicht akkurat wäre, er ist nur praktisch irrelevant. Die linken Arbeiterparteien haben mit dem Verlust der Arbeiter als Wähler, einfach eine neue Wählerbasis definiert: alle Minderheiten. Erst war es der Kampf für Frauen und dann, je nachdem wie erfolgreich die Etablierung einer oder mehrerer Minderheiten in den verschiedenen Staaten war, auch besagte Minderheiten.

    In deiner Analyse „Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten?“ scheiterst du daran, zu realisieren, dass PC nicht nur den den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten nutzt, sondern sich ihnen zum Diener macht. Aus ökonomischer Perspektive ist das Importieren überflüssiger Arbeitskraft in eine nationale Ökonomie ein Krieg gegen die Arbeiter am mittleren bis unteren Rand der sozialen Stratifikation / Schichtung. Linke Parteien haben sich also nicht nur vom alten Mileu abgewendet, sondern gegen dieses. Vielleicht hilft dir das ja die Gesinnung der wohlwollenden Linken ein wenig besser zu durchschauen. PC hilft dem Neoliberalismus nicht nur, es befeuert ihn und profitiert von ihm.

    Kleine Anekdote: Als ich auf einen Fressenheftkommentar, der die AfD mit den Nazis gleichsetzte, fragte, ob Nationalkonservatismus und Nationalliberalismus erlaubt bzw. legitim wäre, bekam ich die Antwort: „Ja aber sicher, so lange man nicht sexistisch-homophob-völkisch-[insert more Buzzwords here] sei“.
    Das werfen von Buzzword-Strings scheitert daran, einzusehen, dass jedes dieser Buzzwords sich direkt gegen eine Kernannahme von (feindlichen) Ideologien / Weltbildern richtet und in neomarxistischen Think-Tanks als Waffe gegen diese Konstruiert wurde. Noch schlimmer, das Buzzword erhebt die Autorität über das sagbare. Das Zusammenführen der einzelnen Buzzwords zu einem String von Buzzwords bring eine Reinheitspirale in Gang, die mit weiterem Hinzufügen von Buzzwords immer enger wird und in Dogmatismus endet. Glaubst du wirklich, dass du gegen eine Reinheitspirale auf Steoriden mit Argumenten, die in der Reinheitspirale selbst begründet sind, ankämpfen kannst?

    Wenn du etwas von „völkischem Nationalismus“ schreibst, bist du nicht nur blind für die Tatsache, dass es ein neo-marxistisches Buzzword aus einem Think-Tank ist, sondern auch blind für die Realität. Jeder Nationalismus ist völkisch. Der Nationalstaat hat sich faktisch durch Völker, wie auch immer sich diese selbst definiert haben, konstituiert. Der heutige kurdische Nationalismus konstituiert sich genauso durch eine Volksidentität wie z.B. der serbische Nationaliberalismus im 19. und 20. Jahrhundert. Weiterhin scheiterst du (und linke generell) miserabel daran, einzusehen, dass die UN-Charta nicht nur die individuellen Menschenrechte beinhaltet, sondern auch ein sogenanntes „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, weil völkisch ist ja böse.
    Wenn wir „Deutschen“ als Volk entscheiden, dass es uns garnicht gibt und wir gerne „multikulturell“ sein wollen, ist das unser gutes Recht. Wie uns das jetzt das Recht gibt, den Polen zu erklären, was diese wollen sollen, erschließt sich mir persönlich nicht und verstößt streng genommen gegen das Völkerrecht. Soviel zum Begriff „völkisch“.

    Das Problem linker Theorien ist, dass sie nicht mit der Realität im Einklang stehen. Das Proletariat hat eben im 20 Jahrhundert gemerkt, dass es ihnen immer besser geht, auch wenn es dem Kapitalisten immer noch ein Stück besser ging. Genau wie die Proletarier seht ihr nun ein, dass Geschlecht eben kein Spektrum ist sondern ein Binär, weil ihr sonst gegen die Biologie in den Krieg ziehen müsstet. Ihr könnt euch nicht über die Anfrage der AfD zu Migration, Inzest und Behinderungen aufregen, weil ihr sonst mit in den Krieg gegen die Genetik einsteigen müsstet. Und man wird halt auch einsehen müssen, dass die Polen unter sich leben wollen, oder man muss weiter den Krieg gegen das Völkerrecht mitmachen. Da hilft auch die Instrumentalisierung des Begriffes Völkisch nicht.

    • Der Anfangsfehler von linker / marxistischer Theorie ist, dass davon ausgegangen wird ökonomie wäre ein Nullsummenspiel. Wenn der Kapitalist mehr verdient, dann hat er offensichtlich dem Arbeiter etwas weggenommen / voreinhalten.

      Das ist ein Strohmann. Es besteht ein Interessenkonflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wie man bei jeder Lohnverhandlung sehen kann.

      Als die sogenannten linken Arbeiterparteien gemerkt haben, dass die Arbeiter gemerkt haben, dass ökonomie kein Nullsummenspiel ist und sich von ihnen losgesagt haben, brauchten die Arbeiterparteien neue Wähler, eine neue Zielgruppe.

      Auf wundersame Weise hat sich der Interessenskonflikt in Luft ausgelöst. In ihren erfolgreichsten Zeiten wurde die SPD als Vertretung der Arbeitnehmerschaft wahrgenommen und von dieser auch gewählt. Das ist heute viel weniger der Fall. Ein wesentlicher Punkt ist, dass in einer globalisierten Wirtschaft sich Sozialstandards nicht mehr so einfach durchsetzen lassen. Um ihre Unfähigkeit zu kaschieren, haben sich die linken Parteien auf das Kulturelle verlegt, um politische Relevanz zu simulieren. Damit ist die Linke entkernt und eigentlich keine Linke in klassischem Sinn mehr.

      Das Problem linker Theorien ist, dass sie nicht mit der Realität im Einklang stehen. Das Proletariat hat eben im 20 Jahrhundert gemerkt, dass es ihnen immer besser geht, auch wenn es dem Kapitalisten immer noch ein Stück besser ging.

      Schöner Werbespot. Ist der von der FDP?

      Wenn du etwas von „völkischem Nationalismus“ schreibst, bist du nicht nur blind für die Tatsache, dass es ein neo-marxistisches Buzzword aus einem Think-Tank ist, sondern auch blind für die Realität. Jeder Nationalismus ist völkisch.

      Das ist nicht die allgemein gebräuchliche Verwendung des Begriffs „völkisch“.

      Aus ökonomischer Perspektive ist das Importieren überflüssiger Arbeitskraft in eine nationale Ökonomie ein Krieg gegen die Arbeiter am mittleren bis unteren Rand der sozialen Stratifikation / Schichtung.

      Es ist richtig, dass die unteren Gesellschaftsschichten primär mit den negativen Aspekten der Massenimmigration konfrontiert sind.

      Wie bereits gesagt: Die real existierende Linke, vor allem SPD, hat nur noch wenig gemeisam mit der SPD vor Jahrzehnten, die als Interessensvertretung der Arbeitnehmerschaft wahrgenommen wurde.

      • „Um ihre Unfähigkeit zu kaschieren, haben sich die linken Parteien auf das Kulturelle verlegt, um politische Relevanz zu simulieren.“

        Ist das nicht eine nette Umschreibung von Kulturmarxismus?

        • Ist das nicht eine nette Umschreibung von Kulturmarxismus?

          Es ist wohl das, was mit „Kulturmarxismus“ gemeint ist. Nur ist es irreführend, etwas als eine Form des Marxismus zu bezeichnen, das sich nicht um Ökonomie schert. Aber ich lasse mich gern belehren und warte auf die Zitate, die Marx als Genderisten ausweisen, der sich um die 4000 Geschlechter sorgt.

          • OK. Dann sind sich wohl alle darin einig, daß wir prinzipiell alle das Gleiche meinen (Der Verrat der Linken am Proletariat), aber wir uns nicht auf das korrekte Label einigen. Leszek et al. nennen das die postmoderne politische korrekte Linke, andere nennen es Kulturmarxismus (eben darauf abzielend, daß ehemalige Marxisten Teile ihrer ökonomischen Strategien nun auf zB kulturelle Lebensbereiche anwenden). Leszek sagt, dies sei falsch und wissenschaftlich ungenau. Das verstehe ich prinzipiell, aber da es das zu umschreibende Phänomen wirklich gibt, verstehe ich den Hickhack nicht, der um den Term gemacht wird. Und wie gesagt, da marxistische Theorien derzeit und wohl auch nie wieder eine ökonomische Rolle spielen (werden), ist es doch eh obsolet, ob man dem alten Marx nun noch mal nachträglich was anhängt. Akademisch bestimmt unerträglich, realpolitisch völlig wumpe.

          • Es ist nicht völlig wumpe. Es verhindert, dass ein neues Phänomen als solches erkannt und mit tauglichen Argumenten kritisiert wird.

          • Ich defieniere als Kulturmarxismus alles, was den ursprünglichen Fehlschluss, dass jegliche Ungleichheit auf arbiträre Ausbeutung zurückführt. Wie gesagt, der Schluss ist zwischen Kapitalisten und Proletariat Unfug und es wird nicht besser, wenn mann es auf ethnische Gruppen überträgt.

      • Ich glaube nicht, dass das ein Strohmann ist. Klar bestehen Konflikte zwischen Arbeitgeber, aber wenn die Geschäftsbeziehung ohne Staatseingriffe erfolgt, kann der individuelle „Arbeitnehmer“ sehr viel mehr Gewicht entfalten. Das gilt besonders, wenn der Arbeitnehmer für sich selbst streitet und nicht für ein Kollektiv von Arbeitnehmern, die weniger qualifieziert ist, als er selbst.

        Zum völkisch-Argument: Das ist wie es gerade instrumentalisiert wird.

  • So wie der Begriff des Kulturmarxismus (bzw. Cultural Marxism) besonders von der amerikanischen Rechten gebraucht wird, läuft er auf eine Verschwörungstheorie hinaus, die Zusammenhänge unterstellt, die real nicht bestehen. Alles nur, weil Horkheimer, Adorno usw. in den USA im Exil waren, wo sie aber kaum Einfluss hatten.

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