Moderne/Postmoderne Political Correctnes Wissenschaft

Kritik an Jordan Peterson – Antwort von Leszek auf Genderama-Leserbrief zu Jordan Peterson vom 16. Mai 2018 – Eine kleine Artikelserie, 1. Teil.

geschrieben von: Leszek

1. Einleitung

 

 2. Zur Präzisierung der in meinem Genderama-Leserbrief geäußerten Kritik an Jordan Peterson

 

3. Eine kleine Ideengeschichte der konservativen/rechten Kritik an der postmodernen Political Correctness im angloamerikanischen Raum

 

 3. a. Allan Bloom und die Nietzscheanisierung der Linken

 

3. a. a. Poststrukturalismus/Postmodernismus und Marx

 

3. b. William S. Lind und die Ideologie von der jüdisch-kulturmarxistischen Verschwörung

 

3. c. Jordan Peterson und die Ideologie von der postmodern-neomarxistischen Verschwörung

 

 4. Eine kurze Zusammenfassung zentraler Fehler in Jordan Petersons Ideologie von der postmodern-neomarxistischen Verschwörung

 

4. a. Marx, Derrida und Ethik

 

4. b. Poststrukturalismus/Postmodernismus ist kein Marxismus oder Neomarxismus

 

4. c. Es gibt einen nicht-politisch-korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus und einen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus

 

4. d. Es gibt einen demokratischen Marxismus und einen undemokratischen Marxismus

 

4. e. Gibt es postmoderne Marxisten?

 

4. f. Die Entstehung der postmodernen Political Correctness aus der US-amerikanischen Poststrukturalismus-Rezeption ist soziologisch zu erklären, nicht durch irrationale rechte Verschwörungstheorien

 

5. Die Funktion des Begriffs „marxistisch“ in konservativen/rechten Diskursstrategien im angloamerikanischen Raum

 

6. Jordan Peterson – kein moderner Sokrates

 

 

 1. Einleitung

 

Am Dienstag, dem 15. Mai 2018 veröffentlichte Arne Hoffmann mit meinem Einverständnis einen Leserbrief von mir, Leszek, zu einem Genderama-Beitrag über Jordan Peterson. In diesem Leserbrief äußerte ich mich kritisch zu Jordan Peterson.

Am Mittwoch, dem 16. Mai 2018 reagierte ein anderer Leserbriefschreiber, offenkundig ein Jordan-Peterson-Fan, auf Genderama auf meinen Beitrag und kritisierte diesen.

Mein ursprünglicher Leserbrief war eigentlich länger gewesen und ist auf Arnes Vorschlag hin mit meinem Einverständnis gekürzt worden. Offenbar war diese Kürzung leider doch keine so gute Idee von uns, da ein Teil des Argumentationskontextes damit unter den Tisch gefallen ist.

Im Folgenden nehme ich den Leserbrief des Jordan-Peterson-Fans als Anlass für eine kleine Artikelserie bei Man-Tau, in deren Rahmen ich auf die in den Leserbriefen angesprochenen Aspekte ausführlicher eingehe. Zum Teil werde ich dabei aus Zeitgründen auch Formulierungen aus früheren Kommentaren von mir auf verschiedenen Blogs wiederverwenden.

Am Anfang eines längeren Artikels zu einem komplexen Thema kann es sinnvoll sein, die eigene weltanschauliche Verortung kurz zu benennen.

 

– Meine allgemeine philosophische Position ist vermutlich am ehesten als neo-hegelianisch im Sinne von Philosophen wie Ken Wilber und Murray Bookchin zu bezeichnen, beide übrigens Kritiker des Postmodernismus. (Ich verwende die Begriffe Poststrukturalismus und Postmodernismus im Folgenden synonym.) Der Poststrukturalismus/Postmodernismus ist eine anti-hegelianische Philosophie, die auch als „Philosophie der Differenz“ bezeichnet wird.

 

– In moralphilosophischer Hinsicht bin ich u.a. Anhänger der neo-kantianisch inspirierten Strömungen der Moralpsychologie und Moralphilosophie. Die bekanntesten neo-kantianischen Kritiker des Postmodernismus sind übrigens Jürgen Habermas und Karl Otto Apel.

 

– In erkenntnistheoretischer Hinsicht bin ich Anhänger des Fallibilismus.

 

– In politischer Hinsicht bin ich primär Anhänger des libertären Sozialismus in der Tradition des Sozial-Anarchismus, ich bin also Anhänger eines antiautoritären, basisdemokratischen Sozialismus, der eine hohe Wertschätzung für persönliche Freiheit und Selbstverwirklichung beinhaltet. (Selbstverwirklichung hier verstanden nicht im trivial-egoistischen Sinne, sondern im Sinne der Humanistischen Psychologie als Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und Begabungen mit sozialer Verantwortung.)

 

– In geschlechterpolitischer Hinsicht verorte ich mich als integralen Antisexisten, was eine Position bezeichnet, die sich gegen jeden Sexismus wendet, egal welches Geschlecht betroffen ist. Ich unterstütze seit einigen Jahren den linken Flügel der Männerrechtsbewegung.

 

– Meine spezifische Position beim Thema Political Correctness ist die eines linken Kritikers der postmodernen Political Correctness bzw. des politisch korrekten Postmodernismus, der sich schon etwas länger wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt und die Entwicklung, Etablierung und Durchsetzung einer wahrheitsorientierten und auf einem universalistischen Moralverständnis beruhenden Kritik an der postmodernen Political Correctness aus linker politischer Perspektive zu unterstützen versucht.

 

Ich verstehe mich dabei gleichzeitig als Kritiker der postmodernen Political Correctness bzw. des politisch korrekten Postmodernismus UND als Kritiker der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie sowie als Kritiker der Ideologie von Jordan Peterson (welche ich beide auch als Varianten einer „Political Correctness von rechts“ betrachte).

 

 2. Zur Präzisierung meiner in dem Genderama-Leserbrief geäußerten Kritik an Jordan Peterson

 

Jordan-Peterson-Fan: „Der Autor sagt einerseits, Peterson sei kein Antisemit, um ihm dann genau das zu unterstellen.“

 

Ich habe gesagt, dass Jordan Petersons irrationale Verschwörungstheorie gewisse Überschneidungen zu bestimmten irrationalen Verschwörungstheorien über jüdisch-marxistische Verschwörungen aufweist, und das ist nunmal der Fall. Ich habe Jordan Peterson aber keine antisemitische Intention unterstellt, da ich nicht glaube, dass er antisemitisch motiviert ist. Bestimmte Aspekte von Jordan Petersons irrationaler Verschwörungstheorie ähneln dem klassisch-antisemitischen Konstrukt von der jüdisch-marxistischen Verschwörung, welches auch von den Vertretern der antisemitischen rechten Anti-Kulturmaxismus-Ideologie verwendet wird, allerdings zu deutlich, als dass man dies übersehen könnte.

In meinem Originalbeitrag hatte ich dazu in den gekürzten Passagen Folgendes ausgeführt:

Jordan Petersons irrationale rechte Verschwörungstheorie über sogenannte „postmoderne Neo-Marxisten“ unterscheidet sich von der (falschen und wissenschaftlich und moralisch völlig diskreditierten) rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie ja primär darin, dass bei Jordan Peterson nicht die Denker der ersten Generation der Frankfurter Schule oder Wilhelm Reich als Sündenböcke im Zentrum stehen, sondern die Denker des klassischen französischen Poststrukturalismus und dabei insbesondere Jacques Derrida, der von Jordan Peterson am meisten gehasst wird.

Barbara Kruger: Believe Anything

Von den französischen Poststrukturalisten wird Derrida am meisten von Jordan Peterson verleumdet, an zweiter Stelle dann Michel Foucault. (Foucault war allerdings nicht-jüdischer Herkunft.)

Ein besonders übles Video von Jordan Peterson, in dem er über Derrida und Foucault herzieht und ihre Positionen falsch darstellt, findet sich z.B. hier.

Der Poststrukturalismus/Postmodernismus wird von Jordan Peterson fälschlich als „Neomarxismus“ dargestellt – eine offenkundige Propagandalüge, mit der Jordan Peterson sicherlich in diskursstrategischer Hinsicht antikommunistisch sozialisierte Konservative manipulieren und mobilisieren will – und im Zentrum seiner Dämonisierung der französischen Poststrukturalisten steht nunmal mit Jacques Derrida ein Philosoph jüdischer Herkunft.

Dieser sei der gefährlichste Mensch im 20. Jahrhundert nach Hitler, Stalin und Mao gewesen und habe wesentlich die anti-westliche Philosophie entwickelt, die nun von den politisch korrekten Postmodernisten verwendet werde, mit dem Ziel die westliche Zivilisation zu zerstören.

Jordan Peterson sagt diesbezüglich u.a.:

We’ve been publicly funding extremely radical, postmodern leftist thinkers who are hellbent on demolishing the fundamental substructure of Western civilization. And that’s no paranoid delusion. That’s their self-admitted goal,” he said, noting that their philosophy is heavily based in the ideas of French philosopher Jacques Derrida, “who, I think, most trenchantly formulated the anti-Western philosophy that is being pursued so assiduously by the radical left.”

In einem anderen Video von Jordan Peterson heißt es:

“See the postmodernists completely reject the structure of Western civilization. And I mean completely (…).”

 Ich hatte in meinem Originalbeitrag auch auf einen Gastartikel von mir bei Man-Tau verwiesen, in dem ich u.a. darauf eingegangen bin, dass der klassische nicht-politisch-korrekte französische Poststrukturalismus/Postmodernismus  und der später in den USA entstandene politisch korrekte Poststrukturalismus/Postmodernismus unterschieden werden müssen.

 

3. Eine kleine Ideengeschichte der konservativen/rechten Kritik an der postmodernen Political Correctness im angloamerikanischen Raum

 

3. a. Allan Bloom und die Nietzscheanisierung der Linken

 

Es war im angloamerikanischen Raum nicht immer so gewesen, dass konservative Political-Correctness-Kritiker die Entstehung der postmodernen Political Correctness fälschlich mit Marx bzw. Marxismus in Verbindung brachten. In seinem 1987 erschienenen Bestseller “The Closing of the American Mind: How higher education has failed democracy and impoverished the souls of today’s students” (dt: “Der Niedergang des amerikanischen Geistes”), das von angloamerikanischen Konservativen viel gelesen und zitiert wurde, führte der Philosoph Allan Bloom (der sich selbst in politischer Hinsicht als liberal, in kultureller Hinsicht als konservativ positionierte) die Theorieentwicklung des Mainstreams der akademischen US-amerikanischen Linken an den Universitäten zutreffend auf eine Abwendung von Karl Marx und eine Hinwendung zu Friedrich Nietzsche zurück. Ein Kapitel seines Buches trägt den Titel „Die Nietzscheanisierung der Linken oder vice versa“. (Allan Bloom – Der Niedergang des amerikanischen Geistes. Ein Plädoyer für die Erneuerung der westlichen Kultur, Hoffmann und Campe, 1988, S. 282 – 294)

Mit der Bezeichnung „Nietzscheanisierung der Linken“ benennt Allan Bloom eine zutreffende ideengeschichtliche Linie. Die postmoderne Political Correctness ist in ideengeschichtlicher Hinsicht wesentlich aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus hervorgegangen, im französischen Poststrukturalismus wiederum steht nicht Karl Marx, sondern stehen Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger sowie der Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure als philosophische Bezugspunkte im Zentrum. Der Poststrukturalismus ist kein Neomarxismus, sondern ein linker Nietzscheanismus und linker Heideggerianismus.

Der französische poststrukturalistische Philosoph und Historiker Michel Foucault schrieb z.B.:

„Ich bin einfach Nietzscheaner und versuche so weit wie möglich, was eine gewisse Anzahl von Punkten betrifft, mit Hilfe von Texten Nietzsches – aber auch mit antinietzscheanischen Thesen (die gleichwohl nietzscheanisch sind!) – herauszufinden, was man in diesem oder jenem Bereich machen kann. Ich suche nichts anderes, aber dies suche ich sehr wohl.“

(aus: Michel Foucault – Die Rückkehr der Moral, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 868 f.)

„Mein ganzes philosophisches Werden war durch meine Lektüre Heideggers bestimmt.“

(aus: Michel Foucault – Die Rückkehr der Moral, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S.868)

So ist z.B. der Machtbegriff von Michel Foucault aus dem Machtbegriff von Friedrich Nietzsche abgeleitet. Diese primäre Orientierung an Nietzsche und Heidegger ist aber nicht nur für Michel Foucault, sondern für den gesamten französischen Poststrukturalismus/Postmodernismus typisch.

Im Folgenden sei auf Fachliteratur zu diesen Themen hingewiesen, anhand derer Interessierte den wesentlichen ideengeschichtlichen Einfluss von Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger auf den Poststrukturalismus/Postmodernismus nachprüfen können:

Zu Friedrich Nietzsches Einfluss auf den Poststrukturalismus/Postmodernismus allgemein:

– Alan D. Schrift – Nietzsche’s French Legacy: A Genealogy of Poststructuralism

– Bakhtiar Sadjadi – Friedrich Nietzsche and Post-Structuralism

Speziell zum Einfluss Friedrich Nietzsches auf Michel Foucault:

– Martin Saar – Genealogie als Kritik: Geschichte und Theorie des Subjekts nach Nietzsche und Foucault

– Marek Naumann – Die Präsenz Nietzsches im Denken Foucaults: Eine werkanalytische Untersuchung

– Karl-Heinz Geiß – Foucault-Nietzsche-Foucault: Die Wahlverwandtschaft

Speziell zum Einfluss von Friedrich Nietzsche auf Jacques Derrida:

 – Ernst Behler – Nietzsche – Derrida – Derrida – Nietzsche

Folgende Schriften zur Rezeption von Martin Heidegger in Frankreich enthalten unter anderem auch Kapitel zur Rezeption von Heidegger durch den französischen Poststrukturalismus/Postmodernismus:

– Dominique Janicaud – Heidegger in France

 – David Pettigrew &  Francois Raffoul  –  French Interpretations of Heidegger: An Exceptional Reception

– Dieter Thomä (Hg.) – Heidegger-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung

Diese ideengeschichtliche Linie (von Nietzsche und Heidegger zum nicht-politisch-korrekten französischen Postmodernismus zum politisch korrekten US-amerikanischen Postmodernismus) erklärt aber noch nicht, warum die US-amerikanische Poststrukturalismus-Rezeption diese spezifische Form angenommen hat, warum aus der US-amerikanischen Poststrukturalismus-Rezeption ein autoritärer politisch korrekter Postmodernismus hervorgegangen ist.

Um dies zu erklären, bedarf es m.E. einer soziologischen Perspektive. In meinem Gastartikel bei Man-Tau gehe ich ab dem 4. Abschnitt darauf ein, dass die postmoderne Political Correctness nicht deshalb entstanden ist, weil Derrida, Foucault, Lyotard etc. dies oder das gesagt haben, sondern aufgrund einer falsch angelegten Institutionalisierung von Diskriminierungsforschung an US-amerikanischen Universitäten.

 

3. a. a. Poststrukturalismus/Postmodernismus und Marx

 

Wie gesagt, sind Postmodernisten/Poststrukturalisten meistens keine Marxisten. Der französische Poststrukturalismus ist kein Neomarxismus, sondern ein linker Nietzscheanismus und linker Heideggerianismus.

Karl Marx wurde von den nicht-politisch-korrekten französischen Poststrukturalisten zwar partiell geschätzt – m.E. zu Recht – aber Marx steht als ideengeschichtlicher Einfluss für die französischen Poststrukturalisten nicht im Zentrum, sondern spielt eine untergeordnete Rolle. Nur kleine Teile der Werke der französischen Poststrukturalisten befassen sich mit Marx oder anderen marxistischen Denkern und in diesen interpretieren die französischen Poststrukturalisten Marx in der Regel auch noch durch die Brille von Nietzsche oder Heidegger.

Der französische Poststrukturalismus ist wesentlich ein Versuch, Nietzsche und Heidegger anstatt Hegel und Marx in das Zentrum einer linken kritischen Philosophie zu stellen.

Es gibt in den Geisteswissenschaften übrigens drei Positionen zur Frage des Stellenwertes von Marx für den französischen Poststrukturalismus, die ich an dieser Stelle zwar nicht ausführlicher referieren kann, aber kurz nennen will:

– Einige Autoren halten den französischen Poststrukturalismus wesentlich für anti-marxistisch. (Bei diesen handelt es sich meist um marxistische Autoren, die den Poststrukturalismus völlig ablehnen.)

– Einige Autoren sehen einen gewissen, aber stark untergeordneten Einfluss von Marx auf den französischen Poststrukturalismus.

– Einige Autoren sehen einen etwas größeren, aber immer noch untergeordneten Einfluss von Marx auf den französischen Poststrukturalismus. (Bei diesen handelt es sich meist um Autoren, die gleichzeitig eine relativ hohe Wertschätzung für Marx und für die französischen Poststrukturalisten haben.)

Aber niemand in der wissenschaftlichen Diskussion bezeichnet den französischen Poststrukturalismus als eine Variante des Marxismus oder Neomarxismus, denn das ist wissenschaftlich klar falsch. Im französischen Poststrukturalismus stehen Nietzsche, Heidegger und Ferdinand de Saussure (und je nach Autor noch andere Quellen) als philosophische Bezugspunkte im Zentrum und Marx spielt dort nur eine Nebenrolle.

Der autoritäre politische korrekte Postmodernismus/Poststrukturalismus entsteht in den 80er Jahren in den USA. Im Zuge der in den USA verbreiteten Institutionalisierung von Departments und Studiengängen für Diskriminierungsforschung bezüglich Frauen und verschiedener Minderheiten an den Universitäten suchen die US-amerikanischen Universitätsangehörigen in diesen Abteilungen nach einer theoretischen Grundlage. Da alle anderen linken Theorietraditionen dafür noch ungeeigneter sind als der Poststrukturalismus, wird dieser hierzu instrumentalisiert und entsprechend verändert und zurechtgebogen. Darauf bin ich in dem 4. Abschnitt in meinem Gastartikel bei Man-Tau eingegangen

Spielt Marx bereits beim französischen Poststrukturalismus nur eine untergeordnete Rolle, so verringert sich diese Rolle im politisch korrekten US-amerikanischen Postmodernismus noch einmal signifikant. Kapitalismusanalyse, Kapitalismuskritik, die Situation der Arbeiterklasse und der ökonomische Klassenkampf sind keine Themen, die die US-amerikanischen politisch korrekten Postmodernisten besonders interessieren, und sie tauchen daher meistens bei ihnen nicht oder nur am Rande auf.

Die einzige marxistische Strömung, die im Kontext der US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus anfangs noch eine nennenswerte Rolle spielte, ist nach meinen Kenntnissen der strukturalistische Neomarxismus von Louis Althusser, der in den 70er und 80er Jahren in den Literaturwissenschaften in den USA noch als eigenständige Strömung existierte, dann aber weitgehend durch rein postmodernistische und politisch korrekte postmodernistische Einflüsse verdrängt wurde. Ich fand in der Fachliteratur und bei meinen sonstigen Recherchen zum Thema aber bislang keinen Hinweis auf einen signifikanten Einfluss des strukturalistischen Neomarxismus in der Tradition von Althusser auf die Herausbildung der postmodernen Political Correctness.

Das Verhältnis von Postmodernismus und Marx kann also folgendermaßen kurz zusammengefasst werden: Im nicht-politisch-korrekten Postmodernismus ist Marx noch ein untergeordneter Einfluss, je politisch korrekter der Postmodernismus wird, desto mehr nimmt der Einfluss von Marx ab.

Die zentrale ideengeschichtliche Linie im Hinblick auf die postmoderne Political Correctness läuft von Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ferdinand de Saussure über den nicht-politisch-korrekten französischen Poststrukturalismus/Postmodernismus zum politisch korrekten US-amerikanischen Poststrukturalismus/Postmodernismus.

 

3. b. William S. Lind und die Ideologie von der jüdisch-kulturmarxistischen Verschwörung

 

Die falsche Behauptung, dass die postmoderne Political Correctness ideengeschichtlich auf Marx und Marxismus zurückginge und dass politisch korrekte postmoderne Linke „Neomarxisten“ seien, wurde insbesondere von dem US-amerikanischen Paläokonservativen (und erklärten Monarchisten) William S. Lind als Propagandastrategie popularisiert. William S. Lind konstruierte eine falsche ideengeschichtliche Herleitung der postmodernen Political Correctness, die in wissenschaftlicher Hinsicht unhaltbar ist, er führte die postmoderne Political Correctness fälschlich auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule zurück.

Dieses Propagandakonstrukt wurde in dem rechtskonservativen Think Tank „Free Congress Foundation“ entwickelt, mit dem Schlagwort „Cultural Marxism“ versehen und dann insbesondere durch unwissenschaftliche Propagandaschriften (und -videos) ohne Belegquellen von William S. Lind popularisiert.

Dabei geht es in diskursstrategischer Hinsicht wesentlich darum, durch die Verwendung zweier klassischer Feindbilder von bestimmten Spektren der politischen Rechten – des Marxisten und des Juden – in antikommunistischen und/oder antisemitischen konservativen, rechtskonservativen und rechtsradikalen Zirkeln zu mobilisieren. Und das versuchte Lind dann auch.

Antisemitische Stereotype transportiert  die rechte Anti-Kulturmaxismus-Ideologie in der Version von Lind u.a. durch die absurde und natürlich komplett unbelegte Behauptung, eine Gruppe jüdischer Marxisten habe  – bewusst und beabsichtigt natürlich – einen Plan zur Zerstörung der westlichen Kultur entworfen, der jetzt von der zeitgenössischen Linken umgesetzt würde, durch die absurde Behauptung von der Übernahme der Medien in Hollywood durch die jüdischen Marxisten der Frankfurter Schule und durch die falsche Behauptung, die Sozialforscher der Frankfurter Schule hätten ihre Forschungen zur autoritären Persönlichkeit – in Wahrheit eine bedeutende wissenschaftliche Pionierleistung – mit der Absicht durchgeführt,  die westliche Zivilisation zu zerstören. (Im Zeitalter von Stalinismus, Faschismus und Holocaust kann es ja auch keine andere Motivation für Sozialwissenschaftler jüdischer Herkunft geben, Forschungen zur Entstehung und Struktur autoritärer Persönlichkeiten durchzuführen, als das Bestreben die westliche Zivilisation zu zerstören, nicht wahr? Sind eben Juden, die können ja keine andere Motivation haben.)

Noch stärker eingebunden in Elemente klassisch antisemitischer Verschwörungstheorien wurde die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie dann von der antisemitischen Organisation Barnes Review (bei denen Lind eine Rede gehalten hatte).

Manchmal verbindet sich die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie auch mit einem offen biologistisch begründeten Antisemitismus, ein Vertreter dieser Variante ist Kevin B. MacDonald (von dessen Theorien sich auch einige Evolutionäre Psychologen klar distanziert haben).

Der Kampfbegriff „Kulturmarxismus“ ist zudem erkennbar inspiriert durch den Begriff „Kulturbolschewismus“, der bereits in der NS-Propaganda eine Rolle spielte.

Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule stellt in Wahrheit keinen zentralen theoretischen Bezugspunkt für den politisch korrekten Postmodernismus dar.

Dies lässt sich z.B. überprüfen, indem man Einführungsbücher/Lehrbücher von Unterströmungen des politisch korrekten Postmodernismus analysiert. Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule werden z.B. in Einführungsbüchern/Lehrbüchern zu Gender-Studies/Queer-Feminismus/Critical Whiteness/postmodernem Multikulturalismus etc. in der Regel entweder nicht oder höchstens am Rande erwähnt (so wie zig andere bekannte Namen mal am Rande erwähnt werden, ohne für die politisch korrekten postmodernen Theorien wichtig zu sein). Politisch korrekte Postmodernisten vertreten in der Regel in inhaltlicher Hinsicht andere Theorien als Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und befassen sich schwerpunktmäßig mit anderen Themen. Eine ernsthafte Beschäftigung mit Einführungsbüchern oder Lehrbüchern zu Unterströmungen der postmodernen politisch korrekten Linken wie z.B. Gender Studies, Queer-Feminismus, Critical Whiteness etc. widerlegt die falsche Behauptung, dass diese sich auf Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule als wesentliche ideengeschichtliche Quellen und theoretische Grundlagen beziehen würden.

Und Vertreter/Anhänger der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule befassen sich in der Regel nicht mit den typischen politisch korrekten Themen und Theorien. (Ich sage in der Regel, denn Einzelfallgarantien sind natürlich nicht möglich.) Zeitgenössische Vertreter der Frankfurter Schule (die nebenbei gesagt nicht zwangsläufig Marxisten sind, manche sind auch linksliberal/sozialdemokratisch) befassen sich schwerpunktmäßig mit Themen wie der Übertragung klassischer Konzepte der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule auf die Analyse des neoliberalen Kapitalismus und dessen Auswirkungen in den verschiedensten gesellschaftlichen Feldern oder mit moralphilosophischen Themen.

Die propagandistische Strategie der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologen wird leider dadurch begünstigt, dass es unterschiedliche Begriffsverwendungen des Begriffs „Kritische Theorie“ in Europa und den USA gibt.

In Europa und insbesondere in Deutschland bezieht sich der Begriff „Kritische Theorie“ in der Regel nur auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Andere Begriffsverwendungen sind selten.

In den USA hat sich allerdings eine inflationäre Begriffsverwendung entwickelt, bei der von kritischen Theorien im Plural gesprochen wird. Ausgangspunkt dieser Inflation war, dass Vertreter anderer linker Theorieströmungen, die ideengeschichtlich mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nichts zu tun haben, die exklusive Selbstbezeichnung der Vertreter /Anhänger der Frankfurter Schule als „Kritische Theorie“ ablehnten, weil sie meinten, dadurch würde quasi suggeriert, nur die Vertreter/Anhänger der Frankfurter Schule würden eine kritische linke Theorie vertreten und alle anderen linken Theorieströmungen in den USA wären dagegen unkritisch.

Deshalb begannen Vertreter/Anhänger anderer linker Theorie-Strömungen in den USA – einschließlich mehrerer postmodernistischer US-amerikanischer Strömungen – den Begriff „Kritische Theorie“ für sich selbst zu übernehmen, quasi nach dem Motto: wir sind doch auch kritisch.

Daher bezeichnen heute in den USA – aber in der Regel nicht in Europa und Deutschland – Vertreter/Anhänger verschiedener linker Theorie-Strömungen, die ideengeschichtlich mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nichts zu haben, ihre jeweiligen Ansätze als „critical theory“.

In der Fachliteratur ist diese unterschiedliche Begriffsverwendung von „critical theory“ natürlich bekannt. So schreibt z.B. der Assistenzprofessor für Philosophie Muharrem Acikgöz in seinem lesenswerten Buch zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule hierzu:

„Eine umfassende Beschreibung (…) kann man dem folgenden Zitat entnehmen:

 „Critical theory allows us to explore the cultural production and communication of meaning in precise and nuanced ways, and from a range of different perspectives. It questions the ways in which we might be used to making sense of artistic, historical or cultural artefacts and prompts us to reconsider our beliefs and expectations about the ways individuals interact with material things and which each other. Put very simply, critical theory aims to promote self-reflexive explorations of the experiences we have and the ways in which we make sense of ourselves, our cultures and the world.”

 “Editors`Introduction”,in: The Routledge Companion to Critical Theory, ed. by Simon Malpas and Paul Wake, London . New York, 2006 S. ix.

 Dieses Verständnis von critical theory, das in der englischsprachigen Literatur (…) verbreitet ist, bringt verschiedene theoretische Ansätze und Richtungen unter einen Hut. So werden z.B. Structuralism, Historicism, Feminism, Postmodernism als kritische Theorien beschrieben; die Kritische Theorie der Frankfurter Schule wird unter dem Abschnitt „Marxism“ behandelt.

 Diese Beschreibung der critical theory ist zu unspezifisch und somit für die Charakterisierung der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule unzureichend.“

 (aus: Muharrem Acikgöz – Die Permanenz der Kritischen Theorie, Westfälisches Dampfboot, 2014, S. 17 f.)

(Muharrem Acikgöz meint, dass diese diffuse Begriffsverwendung, bei der alles Mögliche, das mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ideengeschichtlich nichts zu tun hat, unter den Begriff „kritische Theorie(n)“ gepackt wird, auch im deutschsprachigen Raum bereits eine gewisse Verbreitung gefunden hätte. Meinen Kenntnissen zufolge irrt er sich in diesem Punkt aber zum Glück.)

Dass die Kritische Theorie der Frankfurter Schule etwas anderes ist als der Poststrukturalismus/Postmodernismus und erst Recht als die US-amerikanische politische korrekte Variante des Poststrukturalismus/Postmodernismus, kann auch jeder Interessierte anhand wissenschaftlicher Fachliteratur zur Rezeptionsgeschichte der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule in den USA nachprüfen.

Das wissenschaftliche Standardwerk zur Rezeption der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule in den USA ist das Buch des Philosophen Robert Zwarg – Die Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition. In diesem Buch geht es nur um die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, nicht um andere linke Theorieströmungen (allerdings wird in einem Kapitel auch darauf eingegangen, wie der französische Poststrukturalismus – auch „French Theory“ genannt – ab den 80er Jahren in den USA immer einflussreicher wurde und wie beide Theorieströmungen aufeinanderstießen).
In dem Buch wird – entsprechend der europäischen Begriffsverwendung – nur die Kritische Theorie der Frankfurter Schule als Kritische Theorie bezeichnet und kenntnisreich und mit Belegquellen wird ihre Rezeptionsgeschichte in den USA bis in die 90er Jahre hinein beschrieben.

Andere linke Theorieströmungen, die sich in den USA heute zum Teil als „critical theory“ bezeichnen, obwohl sie mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ideengeschichtlich nichts zu tun haben, werden in dem Buch rezeptionsgeschichtlich nicht berücksichtigt.

Das wissenschaftliche Standardwerk zur Entstehung der postmodernen Political Correctness, (die allerdings mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nichts zu tun hat), ist das m.E. ausgezeichnete Buch des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA. Das Buch beschreibt ausführlich, wissenschaftlich fundiert und mit Belegquellen, wie die postmoderne Political Correctness in ideengeschichtlicher Hinsicht aus der US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus in Verbindung mit einigen US-amerikanischen Quellen entstanden ist. Zwar steht in dem Buch der kulturrelativistische Multikulturalismus im Vordergrund, aber auch auf alle anderen Aspekte der postmodernen Political Correctness wird eingegangen. Das Buch ist pc-kritisch, aber sachlich. Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule kommt in diesem Buch nicht vor, weil sie für dieses Thema nicht relevant ist.

 

3. c. Jordan Peterson und die Ideologie von der postmodern-neomarxistischen Verschwörung

 

Kommen wir nun zu Jordan Peterson: Er führt die postmoderne Political Correctness in ideengeschichtlicher Hinsicht nicht auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule zurück, sondern auf den Poststrukturalismus, und mit diesem Punkt hat er erstmal Recht. Des Weiteren wird der offen antisemitisch auftretende rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologe Kevin B. MacDonald von Jordan Peterson kritisiert und auch dies beurteile ich natürlich positiv. Trotzdem knüpft Jordan Peterson an bestimmte Elemente der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie an und verwendet sie für seine eigene Propagandastrategie, obwohl sie falsch sind, und dies wird von mir kritisiert.

Die falsche Behauptung von „Neomarxisten“, die angeblich die westliche Zivilisation zerstören wollten, wird von Jordan Peterson beibehalten und wiederum werden zwei linker Denker jüdischer Herkunft (Karl Marx und Jacques Derrida) als die wesentlichen Ideengeber hierfür postuliert.

Es gibt übrigens schon in rein pragmatischer Hinsicht gute Gründe dafür, dass sich Jordan Peterson nicht der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie in der Version von Lind & Co anschließt, die die absurde Behauptung vertritt, dass die Vertreter der ersten Generation der Frankfurter Schule sowie Erich Fromm und Wilhelm Reich die postmoderne Political Correctness erfunden hätten, um die westliche Zivilisation zu zerstören:

 

– Die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie ist falsch und wissenschaftlich unhaltbar und im Feld der Tiefenpsychologie (in dem ja auch Jordan Peterson als Jungianer tätig ist) gibt es viele Personen, die dies wissen und stichhaltig begründen und belegen könnten. Mit absurden Behauptungen, wie dass bedeutende Tiefenpsychologen wie Erich Fromm und Wilhelm Reich wichtige Bezugspunkte für die zeitgenössische postmoderne Political Correctness seien oder das Theodor Adorno und Max Horkheimer die westliche Kultur zerstören wollten (kaum jemand war bezüglich der Errungenschaften der deutschen Hochkultur des 19. Jahrhunderts kulturkonservativer als Adorno und Horkheimer), würde man sich in tiefenpsychologischen Kreisen schnell lächerlich machen.

 

– Die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie ist, je nach der spezifischen Version, in unterschiedlichen Graden von Antisemitismus durchzogen und das ist ziemlich offensichtlich.

 

– Die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie beinhaltet auch noch einige weitere diskriminierende und autoritäre Elemente.

 

– Die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie fungierte außerdem für den Terroristen Anders Breivik als Legitimationsideologie für seine Anschläge.

 

Ein Akademiker, der sich positiv auf diese falsche und destruktive rechte Ideologie bezieht, verdeutlicht dadurch also vor allem, dass er sich in einem Zustand erheblicher intellektueller und moralischer Verwahrlosung befindet, und kann potentiell diskreditiert werden – und zwar zu Recht. Es ist also schon in rein pragmatischer Hinsicht sinnvoll für Jordan Peterson sich nicht direkt auf diese rechte Ideologie zu beziehen.

Nun muss man, wenn es um eine wahrheitsorientierte kritische Analyse geht, genau schauen, was Jordan Peterson für seine eigene Propagandastrategie aus der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie übernimmt, was er weglässt und was er verändert.

 

– Weggelassen wird von Jordan Peterson ein großer Teil des Unsinns, den die Vertreter der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie über die Kritische Theorie der Frankfurter Schule sowie über Erich Fromm und Wilhelm Reich erzählen. Bei Jordan Peterson kommen diese Autoren entweder nicht oder nur am Rande vor.

 

– Beibehalten wird von Jordan Peterson hingegen die falsche Behauptung, politisch korrekte postmoderne Linke seien „Neomarxisten“, die die westliche Zivilisation zerstören wollten.

 

– Beibehalten wird von Jordan Peterson ebenfalls die falsche Behauptung, dass Karl Marx ein zentraler theoretischer Bezugspunkt für den politisch korrekten Postmodernismus sei. Diese Behauptung findet sich bereits bei dem bekanntesten Vertreter der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie William S. Lind. Dieser schrieb:

 “The next conservatism should unmask multiculturalism and Political Correctness and tell the American people what they really are: cultural Marxism. Its goal remains (…): destroying Western culture and the Christian religion. It has already made vast strides toward that goal. But if the average American found out that Political Correctness is a form of Marxism, different from the Marxism of the Soviet Union but Marxism nonetheless, it would be in trouble. The next conservatism needs to reveal the man behind the curtain – – old Karl Marx himself.”

 

– Beibehalten wird von Jordan Peterson des Weiteren, dass bezüglich der französischen Poststrukturalisten Jacques Derrida besonders hervorgehoben wird. Dieser wird bereits in einer von William S. Lind herausgegebenen unwissenschaftlichen Propagandaschrift (übrigens als einziger von den französischen Poststrukturalisten) erwähnt und natürlich als „marxistisch“ gelabelt. Dabei wird, wie nicht anders zu erwarten, kein Wert darauf gelegt, zwischen Jacques Derridas authentischen Positionen und der Art und Weise, wie sein Werk im US-amerikanischen Postmodernismus rezipiert wurde, zu unterscheiden. (Auch der von Jordan Peterson zu Recht kritisierte Antisemit Kevin B. Macdonald lässt sich übrigens über Jacques Derrida aus.) Verändert wird von Jordan Peterson allerdings die spezifische Rolle, die Jacques Derrida im Rahmen der jeweiligen Verschwörungstheorien einnimmt. Bei den rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologen wird Derrida, wenn er überhaupt erwähnt wird, in der Regel nur am Rande erwähnt und spielt nur eine Nebenrolle, Jordan Peterson stellt Jacques Derrida hingegen ins Zentrum seiner Verschwörungstheorie.

 

– Verändert wird von Jordan Peterson die grundsätzliche Ausrichtung hinsichtlich des Sündenbocks. Während die rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologen behaupten, die bekannten Vertreter der ersten Generation der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule sowie Erich Fromm und Wilhelm Reich hätten die Political Correctness erfunden, um die westliche Zivilisation zu zerstören, behauptet Jordan Peterson, die Vertreter des französischen Poststrukturalismus hätten die Political Correctness erfunden, um die westliche Zivilisation zu zerstören, wobei Jordan Peterson dabei, wie gesagt, Jacques Derrida besonders hervorhebt.

 

– Verändert wird von Jordan Peterson der Name und zentrale Kampfbegriff der propagierten Verschwörungstheorie: Bei Jordan Peterson heißt er nicht mehr „Kulturmarxismus“, sondern er spricht von „postmodernem Neomarxismus“.

 

Soweit zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie und Jordan Petersons Propagandastrategie. Es gibt einige zentrale Unterschiede, die jede wahrheitsorientierte kritische Analyse berücksichtigen muss, es gibt aber auch auffällige Überschneidungen und Parallelen und man müsste schon blind sein, um diese nicht zu sehen. Und aufgrund der Überschneidungen und Parallelen zwischen Jordan Petersons Ideologie von der postmodern-neomarxistischen Verschwörung mit der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie, oder anders ausgedrückt, da es sich bei Jordan Petersons Ideologie von der postmodern-neomarxistischen Verschwörung  offenkundig um wenig anderes als eine modifizierte Version oder „Neu-Interpretation“ der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie handelt, bei der der Sündenbock ausgetauscht wurde, dabei aber trotzdem ein linker Denker jüdischer Herkunft ins Zentrum gestellt wurde, sowie das „Cultural“ im Titel weggelassen und ersetzt wurde, muss sich Jordan Peterson angesichts der von ihm gewählten propagandistischen Konstruktion nicht wundern, dass seine Ideologie anschlussfähig an die US-amerikanische Alt-Right, einschließlich ihres antisemitischen Segments, ist. Und wir müssen uns nicht wundern, dass Jordan Peterson, angesichts dieses von ihm offenbar nicht ausreichend vorhergesehenen Effekts seiner propagandistischen Strategie, der sich für ihn in pragmatischer Hinsicht unvorteilhaft auswirken könnte, nun auffällig darum bemüht ist, sich von dem antisemitischen Segment der US-amerikanischen Alt-Right zu distanzieren.


4. Eine kurze Zusammenfassung zentraler Fehler in Jordan Petersons Ideologie von der postmodern-neomarxistischen Verschwörung

 

4. a. Marx, Derrida und Ethik

 

Jordan Peterson-Fan: „Er kritisiert, Peterson habe mit Marx und Derrida zwei Menschen jüdischer Abstammung kritisiert. Ja und?“

 

Ich halte bezüglich Jordan Petersons Ausführungen zu Marx und Derrida den Begriff der Propagandalüge für passender als den der Kritik, da das meiste, was er in dem Video dazu sagt, falsch ist und offensichtlich der Dämonisierung sowie der Propagierung einer falschen ideengeschichtlichen Linie dient.

So belehrt uns Jordan Peterson (neben mehreren anderen falschen Behauptungen) in dem Video ja – hier seine Unwissenschaftlichkeit bei diesem Thema noch durch die Primitivität seiner Dämonisierungsstrategie übertreffend – dass, wenn Marx und Derrida ein Kind miteinander zeugen würden, (Ist Jordan Peterson etwa doch ein Genderist?), dabei eine dämonische Gestalt analog dem Joker in den Batman-Filmen herauskommen würde, wobei dies dann mit einem entsprechenden Bild visuell unterlegt wird.

Ein Screenshot aus dem verlinkten Video.

Auch dies ist eine merkwürdige Konstruktion, bedenkt man, dass in Wahrheit die von Karl Marx befürworteten ethischen Vorstellungen bekanntlich darauf hinauslaufen, dass (so weit wie möglich) die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller sein sollte, sowie, dass  (so weit wie möglich) die unterschiedlichen Bedürfnisse jedes einzelnen in gleicher Weise berücksichtigt werden sollten.

Und die von Derrida befürworteten ethischen Vorstellungen beruhen in Wahrheit auf einer Übernahme der Idee des Moral- und Religionsphilosophen Emmanuel Levinas von der unbedingten Verantwortung des individuellen Menschen gegenüber dem anderen individuellen Menschen in seiner Andersheit, bei Derrida steht ein bestimmtes Verständnis der Begriffe „Gerechtigkeit“ und „Verantwortung“ bei seinen ethischen Vorstellungen im Zentrum.

Ich stehe als Anhänger neo-kantianischer Moralphilosophien zwar den ethischen Vorstellungen von Marx relativ näher als denen von Derrida, bin mir aber ziemlich sicher, dass eine Synthese der beiden  verschiedenen Ethik-Ansätze von Marx und Derrida wesentlich anders aussehen würde, als von Jordan Peterson behauptet.

Jeder, der sich mit Karl Marx oder mit Denkern des französischen Poststrukturalismus wie Jacques Derrida und Michel Foucault etwas beschäftigt hat, kann, wenn er sich Jordan Petersons Videos ansieht, schnell erkennen, dass Jordan Peterson nie ein Buch von diesen oder ein verlässliches Einführungswerk über diese gelesen hat.

Eine insgesamt gute Kritik an Jordan Peterson aus dem englischsprachigen Raum, in der u.a. auch auf Jacques Derridas tatsächliche philosophische Positionen eingegangen wird, findet sich hier. (Leider enthält der Text auch einige wenige doofe politisch korrekte Formulierungen – nicht von Jacques Derrida, sondern von dem Autor des Textes – ich empfehle Interessierten diese zu ignorieren und trotzdem weiter zu lesen, davon abgesehen ist der Text nämlich m.E. gut.)

Ein weiterer interessanter Artikel zu Jacques Derridas tatsächlichen philosophischen Positionen, geschrieben  von einem geisteswissenschaftlichen Professor, der mit Jacques Derrida befreundet war und der sich auf Grundlage von Derridas Philosophie der Dekonstruktion gegen postmoderne Political Correctness und Identitätspolitik wendet, findet sich außerdem hier.

Jacques Derrida war übrigens der Ansicht, dass seine Philosophie der Dekonstruktion neben einer progressiven/kritischen Dimension, auch eine bewahrende/konservative Dimension besitzt.

Jacques Derrida:

 „Ich sehe wohl, worin bestimmte meiner Texte oder bestimmte meiner Praktiken (zum Beispiel) etwas „Konservatives“ haben, und ich bekenne mich dazu. Ich bin für die Bewahrung, die Erinnerung – die eifersüchtige Erhaltung – zahlreicher Traditionen, zum Beispiel, aber nicht nur an der Universität und in der wissenschaftlichen, philosophischen und literarischen Tradition. Ich kämpfe sogar für diese Bewahrung. Aber ich könnte auch zeigen, inwiefern einige meiner Texte (manchmal dieselben) oder einige meiner Praktiken (manchmal dieselben) die Grundlagen dieser Tradition wieder in Frage stellen, und ich bekenne mich auch dazu.“

(aus: Jacques Derrida – Unterwegs zu einer Ethik der Diskussion, in: Jacques Derrida – Die differance. Ausgewählte Texte, Reclam, 2004, S. 298 f.)

(Ein Beitrag von mir, in dem ich auf Jordan Petersons falsche Behauptungen in dem Video ausführlich und mit Belegquellen eingehe, folgt irgendwann noch.)

 

Jordan-Peterson-Fan: „Die Tatsache, dass die beiden jüdischer Abstammung sind, spielt bei Petersons Kritik an ihnen überhaupt keine Rolle.“

 

 Jordan Peterson hätte ja zur Abwechslung einfach mal die Wahrheit sagen können, dann hätte er sich die Parallelen zu irrationalen rechten Verschwörungstheorien über jüdisch-marxistische Verschwörungen ersparen können.

Eine Darstellung, der es tatsächlich um wahrheitsorientierte Analyse und Kritik geht, hätte m.E. Folgendes deutlich hervorzuheben:

 

4. b. Poststrukturalismus/Postmodernismus ist kein Marxismus oder Neomarxismus

 

Poststrukturalismus/Postmodernismus ist kein Marxismus oder Neomarxismus. Es gibt verschiedene Hauptströmungen der westlichen politischen Philosophie, dazu gehören u.a. Liberalismus, Konservatismus, Marxismus, Anarchismus, Kommunitarismus und Poststrukturalismus/Postmodernismus. Marxismus und Postmodernismus sind verschiedene politische und philosophische Strömungen. In den verschiedenen Hauptströmungen der politischen Philosophie gibt es wiederum stets jeweils mehrere Unterströmungen. Sowohl der Marxismus als auch der Postmodernismus beinhalten also jeweils Unterströmungen, der Marxismus beinhaltet marxistische Unterströmungen und der Postmodernismus beinhaltet postmodernistische Unterströmungen.

Eine Unterströmung des Marxismus ist der sogenannte Neomarxismus, der wiederum mehrere Unterströmungen beinhaltet.

Eine Unterströmung des Postmodernismus ist der politisch korrekte Postmodernismus, es gibt aber auch einen nicht-politisch-korrekten demokratischen Postmodernismus.

Der Postmodernismus ist aber keine Unterströmung des Marxismus oder Neomarxismus, sondern eine eigenständige politische und philosophische Strömung, und der politisch korrekte Postmodernismus ist ebenfalls keine Unterströmung des Marxismus oder Neomarxismus, sondern natürlich eine Unterströmung des Postmodernismus.

 

4. c. Es gibt einen nicht-politisch-korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus und einen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus

 

Es gibt sowohl einen nicht-politisch-korrekten demokratischen Postmodernismus/Poststrukturalismus als auch einen autoritären politisch korrekten Postmodernismus/Poststrukturalismus. Zwischen beiden muss differenziert werden.

Der klassische französische Poststrukturalismus/Postmodernismus  war z.B. nicht politisch korrekt. Tatsächlich sind die Mehrheit der bekannten poststrukturalistischen oder stark poststrukturalistisch beeinflussten Denker sowohl der ersten als auch der zweiten Generation des Poststrukturalismus/Postmodernismus keine Träger der postmodernen Political Correctness, sondern befassen sich mit anderen Themen.

Der Poststrukturalismus/Postmodernismus ist ursprünglich in Frankreich entstanden. Der politisch korrekte Poststrukturalismus/Postmodernismus ist aber nicht in Frankreich entstanden, sondern hat sich in den USA im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Poststrukturalismus-Rezeption entwickelt und ist von dort aus dann nach Europa gekommen.

 

4. d. Es gibt einen demokratischen Marxismus und einen undemokratischen Marxismus

 

Es gibt (in Geschichte und Gegenwart) sowohl einen basisdemokratischen Marxismus, der Marxismus als Bestreben nach Ausweitung der Demokratie versteht, als auch einen sozialdemokratisch orientierten Marxismus, der parlamentarisch-demokratisch orientiert ist, als auch einen autoritären, undemokratischen Marxismus (meist Marxismus-Leninismus genannt), der stark etatistisch/staatssozialistisch bzw. staatskapitalistisch orientiert ist. Zwischen diesen drei Marxismus-Varianten muss differenziert werden.

Aus demokratie-theoretischer Perspektive können die verschiedenen Strömungen des Marxismus in Geschichte und Gegenwart also grob in 3 Richtungen unterteilt werden:

– Die autoritären marxistisch-leninistischen Strömungen. Diesen sind die autoritären oder totalitären Systeme des sogenannten real existierenden Sozialismus (von mir als Staatskapitalismus bezeichnet) zuzurechnen. Hier findet sich jene Kombination von Parteidiktatur und Verstaatlichung der Produktionsmittel, die zu gewaltigen Machtkonzentrationen führt und nur destruktive Effekte hervorrufen kann.

– Sozialdemokratische oder quasi-sozialdemokratische marxistische Strömungen, die repräsentativ-demokratisch bzw. parlamentarisch-demokratisch ausgerichtet sind. Oft wird heute vergessen, dass, historisch betrachtet, auch die Sozialdemokratie wesentlich, aber nicht ausschließlich, aus dem Marxismus hervorgegangen ist. Die heutige deutsche SPD hat mit Marxismus und Sozialdemokratie natürlich nichts zu tun, sondern ist eine Partei, deren Parteispitzen von neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten genauso gekauft wurden wie die Parteispitzen der bürgerlichen Parteien. Marxisten gibt es in der heutigen SPD nicht mehr, aber es gibt Anhänger sozialdemokratisch-orientierter marxistischer Richtungen z.B. in der Linkspartei (dort gibt es freilich auch noch Marxisten-Leninisten). Die ökonomischen Vorstellungen zeitgenössischer sozialdemokratisch-orientierter marxistischer Strömungen dürften wohl nicht allzu weit vom Programm der Linkspartei entfernt liegen.

– Die libertär-marxistischen Strömungen, diese sind basisdemokratisch orientiert und lehnen politische Parteien oft ab. Es handelt sich um antiautoritäre, relativ-Anarchismus-nahe marxistische Strömungen, die Parteidiktaturen und Verstaatlichung der Produktionsmittel entschieden ablehnen und eine basisdemokratische Vergesellschaftung des politischen und ökonomischen Teilsystems der Gesellschaft auf Grundlage der Förderung der direktdemokratischen Selbstorganisation der Bevölkerung bejahen. (Ich bin kein Marxist, aber diese Marxismus-Variante steht meinen eigenen libertär-sozialistischen Positionen am nächsten.)

Sogenannte Neomarxisten –  ich spreche jetzt von tatsächlichen Neomarxisten, also von dem, was man in den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften allgemein anerkannt als Neomarxismus versteht  – gehören in der Regel zum demokratischen Spektrum des Marxismus, sind also der 2. oder 3. genannten Kategorie (oder eine Mischform aus diesen) zuzurechnen. Neomarxisten sind also meist demokratische Marxisten. Nicht zufällig überschneidet sich die ethisch orientierte Strömung des marxistischen Humanismus mit dem Neomarxismus. Sogenannte Neomarxisten bezeichnen sich selbst meist nicht als Neomarxisten, sondern einfach als Marxisten.

 

4. e. Gibt es postmoderne Marxisten?

 

Postmodernismus und Marxismus sind, wie gesagt, verschiedene politische und philosophische Strömungen. Gibt es auch theoretische Synthesen zwischen Postmodernismus und Marxismus? Ja, solche gibt es – nur sind solche Synthesen nicht die Regel. Die meisten Postmodernisten sind keine Marxisten und die meisten Marxisten sind keine Postmodernisten, aber es gibt auch kleinere Strömungen dazwischen, die tatsächlich gleichzeitig marxistisch und postmodernistisch sind.

Im Folgenden sei dies ausführlicher erklärt:

Der Marxismus ist, wie gesagt, eine andere Strömung der politischen Philosophie als der Postmodernismus.

Und sowohl Marxismus als auch Postmodernismus haben jeweils wiederum eigene Unterströmungen, der Marxismus hat marxistische Unterströmungen und der Postmodernismus hat postmodernistische Unterströmungen.

Nun gibt es aber auch Personen, die gleichzeitig sehr stark am Marxismus UND am Postmodernismus orientiert sind und die beides in ihrer Weltanschauung zu verknüpfen versuchen. Und daraus haben sich kleinere Zwischenströmungen herausgebildet, die eine theoretische Synthese aus Marxismus und Postmodernismus darstellen und die man teilweise tatsächlich als postmodernen Marxismus bzw. postmodernen Neomarxismus bezeichnen kann.

Solche postmodernen Marxisten sind also gleichzeitig Postmodernisten und Marxisten (jedenfalls ihren eigenen Selbstverständnis nach).

Der Punkt ist nur: Solche postmodernen Marxisten stellen eine Minderheit sowohl im Marxismus/Neomarxismus als auch im Postmodernismus dar. Die meisten Marxisten/Neomarxisten sind keine postmodernen Marxisten und die meisten Postmodernisten sind auch keine postmodernen Marxisten oder anders ausgedrückt: Die meisten Marxisten/Neomarxisten sind keine Postmodernisten und die meisten Postmodernisten sind keine Marxisten/Neomarxisten, es gibt aber auch eine Minderheit von Personen, die tatsächlich beides sind (jedenfalls ihrem Selbstverständnis nach).

Postmoderne Marxisten müssen nicht zwangsläufig politisch korrekt sein, denn nicht alle Unterströmungen des Postmodernismus sind politisch korrekt. Der klassische französische Poststrukturalismus/Postmodernismus war nicht politisch korrekt, und wenn postmoderne Marxisten primär an diesem orientiert sind anstatt am politisch korrekten Postmodernismus, dann sind sie auch nicht politisch korrekt. Es werden sich aber sicherlich auch postmoderne Marxisten finden, die sich leider in den politisch korrekten Postmodernismus verirrt haben. Ich persönlich würde dann den politisch korrekten Teil ihrer Ansichten für eigentlich nicht-Marxismus-kompatibel oder sogar für anti-marxistisch halten, ihrem subjektiven Selbstverständnis nach würden diese Leute sich aber leider als postmoderne Marxisten sehen.

Aber: Postmoderne Marxisten – egal ob politisch korrekt oder nicht – sind eben eine Minderheitenströmung sowohl im Marxismus/Neomarxismus als auch im Postmodernismus.

Der Postmodernismus an sich ist, wie gesagt, keine Unterströmung des Marxismus oder Neomarxismus, sondern eine eigenständige politische und philosophische Strömung und auch der politisch korrekte Postmodernismus an sich ist keine Unterströmung des Marxismus oder Neomarxismus, sondern eben eine Unterströmung des Postmodernismus.

D.h. also, es mag unter den politisch korrekten Postmodernisten eine Minderheit geben, bei denen es sich um politisch korrekte postmoderne Marxisten handelt, aber die meisten politisch korrekten Postmodernisten sind keine postmodernen Marxisten/Neomarxisten.

Beispiele für Synthesen zwischen Postmodernismus und Marxismus (die aber, wie gesagt, nicht politisch korrekt sein müssen) wären z.B. solche Varianten des strukturalistischen Neomarxismus in der Tradition von Louis Althusser, in denen dieser stärker poststrukturalistisch als strukturalistisch interpretiert wird oder (bis zu einem gewissen Grad) der sogenannte Post-Marxismus von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe oder (bis zu einem gewissen Grad) der Postoperaismus in der Tradition von Antonio Negri und Michael Hardt.

Louis Althusser selbst war nicht politisch korrekt und die meisten Marxisten, die sich in der Tradition von Althussers strukturalistischem Marxismus verordnen, sind keine Träger der postmodernen Political Correctness. Speziell in den USA hat es nach meinem Kenntnisstand aber auch eine Variante des Neomarxismus in der Tradition von Althusser gegeben, in der dieser stärker poststrukturalistisch als klassisch-strukturalistisch interpretiert wurde und bei dem eine Fraktion dieser Strömung auch den politisch korrekten US-amerikanischen Postmodernismus unterstützt hat. Nur handelt es sich dabei natürlich insgesamt um eine kleine Minderheitenströmung unter den politisch korrekten Postmodernisten.

Die beiden poststrukturalistischen Theoretiker Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, die für ihren theoretischen Ansatz den Begriff „Post-Marxismus“ verwenden, obwohl er eigentlich stärker poststrukturalistisch als marxistisch geprägt ist, gehören dem demokratischen und nicht dem politisch korrekten Spektrum des Postmodernismus an.

Chantal Mouffe ist sogar eine scharfe Kritikerin von oberflächlicher Moralisierung im Feld der Politik, wie sie u.a. die politisch korrekten Postmodernisten ja oft praktizieren. Trotzdem werden sich in den USA sicherlich auch irgendwelche Anhänger von Laclau und Mouffe finden, die den politisch korrekten Postmodernismus unterstützen – und wiederum wäre dies nur eine kleine Minderheitenströmung im politisch korrekten Postmodernismus.

Manchmal wird auch der postoperaistische Marxismus in der Version von Antonio Negri und Micheal Hardt als postmoderner Marxismus bezeichnet, da es sich um eine Form des operaistischen Marxismus handelt, die auch Theorie-Elemente von poststrukturalistischen Theoretikern wie Michel Foucault, Gilles Deleuze und Felix Guatarri aufgenommen hat. Ich halte diese Zuordnung in diesem Fall aber für fragwürdig, weil die marxistischen Elemente bei Negri und Hardt m.E. zu stark dominieren. Der Postoperaismus von Negri und Hardt befasst sich mit anderen Themen und Theorien als der politisch korrekte Postmodernismus.

Das waren drei Beispiele für Versuche von Synthesen von Postmodernismus und Marxismus, nur die erstgenannte kann aber m.E. strenggenommen als „postmoderner Marxismus“ bezeichnet werden, bei den anderen beiden ist jeweils einer der beiden Pole m.E. zu stark dominierend.

Es gibt übrigens auch Synthesen zwischen Postmodernismus und anderen linken Strömungen, z.B. zwischen Postmodernismus und Anarchismus (dies wird Postanarchismus genannt) oder Synthesen zwischen Postmodernismus und philosophischer Sozialdemokratie (z.B. Richard Rorty). Für solche Synthesen zwischen Postmodernismus und anderen linken Theorieströmungen gilt stets, dass sie nicht die Regel sind, die meisten Marxisten, Anarchisten oder sozialdemokratischen Philosophen sind keine Postmodernisten. Des Weiteren müssen Anhänger solcher Synthesen nicht zwangsläufig politisch korrekt sein, obwohl dies vorkommen kann.

 

4. f. Die Entstehung der postmodernen Political Correctness aus der US-amerikanischen Poststrukturalismus-Rezeption ist soziologisch zu erklären, nicht durch irrationale rechte Verschwörungstheorien

 

Die postmoderne Political Correctness ist in ideengeschichtlicher Hinsicht wesentlich aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus hervorgegangen (und nicht aus Marxismus oder Neomarxismus und auch mit der Frankfurter Schule hat die postmoderne PC nichts zu tun).

Die postmoderne Political Correctness ist aber nicht entstanden, weil die französischen Poststrukturalisten im Allgemeinen oder Jacques Derrida im Besonderen eine Ideologie zur Zerstörung der westlichen Zivilisation entworfen hätten, sie ist entstanden aufgrund einer falsch angelegten Institutionalisierung von Diskriminierungsforschung an US-amerikanischen Universitäten (wie in meinem Gastartikel bei Man Tau ausgeführt). Die politisch korrekten US-amerikanischen Universitätsangehörigen haben sich in diesem Kontext den französischen Poststrukturalismus so zurechtgebogen und ihn so verändert, wie sie ihn eben brauchten.

 

Aber wahrheitsorientierte, differenzierte Analysen kriegen wir von Jordan Peterson natürlich nicht zu hören, schließlich will er rechte Propaganda machen und nichts liegt m.E. Jordan Peterson bei seinen Kritiken ferner als Wahrheitsorientierung, Verantwortungsgefühl und differenziertes Denken. Daher heißt es bei Jordan Peterson eben: Jacques Derrida sei der gefährlichste Mensch im 20. Jahrhundert nach Hitler, Stalin und Mao gewesen und Postmodernisten seien „Neomarxisten“, die die westliche Zivilisation zerstören wollten, insbesondere Jacques Derrida, der Schlimmste von ihnen – und ähnlicher rechter Propagandamüll.

Und die relative Nähe zu irrationalen rechten Verschwörungstheorien über jüdisch-marxistische Verschwörungen, die bei einer solchen Konstruktion zwangsläufig bis zu einem gewissen Grad mitschwingt, nimmt Jordan Peterson dabei eben in Kauf – nicht aus antisemitischer Gesinnung, sondern, weil er diese spezifische Form von Propaganda, die er betreibt, für pragmatisch zweckmäßig hält. Er wird erst dann damit aufhören, wenn er damit auf die Nase fällt.

Ich persönlich halte Jordan Peterson für einen konservativen Demagogen – aber für einen Antisemiten halte ich ihn nicht.

 

Jordan-Peterson-Fan: „Der Autor macht sich die Identitätspolitik zu eigen, gegen die Peterson ankämpft.“

 

Identitätspolitik habe ich schon kritisiert, Jahre bevor Jordan Peterson bekannt geworden ist. Auch mein kürzlich bei Man-Tau veröffentlichter Gastartikel enthält ausführliche kritische Analysen zu rechter und linker Identitätspolitik. Ich zitiere im letzten Abschnitt des Artikels übrigens Kritiken an Identitätspolitik von drei bekannten französischen Poststrukturalisten (Julia Kristeva, Jacques Derrida und Michel Foucault).

Julia Kristeva, Jacques Derrida und Michel Foucault mussten ebenfalls nicht erst auf Jordan Peterson warten, um linke Identitätspolitik als schädlich zu erkennen und zu kritisieren.

 

Jordan-Peterson-Fan: „Aus aufgeklärter Sicht – man könnte es auch „gesunder Menschenverstand“ nennen –, spielt es für den Inhalt eines Arguments keine Rolle, welche Hautfarbe, Geschlecht, Religion der Absender des Arguments hat. Selbstverständlich kann man die Aussagen von Menschen jüdischen Glaubens ganz genau so kritisieren wie die Aussagen von Menschen jedes anderen Glaubens. Das ist kein Antisemitismus.“

 

Ich finde es stets amüsant, wenn Jordan-Peterson-Fans mich über Banalitäten belehren wollen. Als wenn ich je die Ansicht vertreten hätte, eine Kritik an Aussagen von Personen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft sei per se antisemitisch.

In einem Gastartikel von mir auf „Alles Evolution“, in dem es um die Rezeption von Jacques Derridas Kritik an der Metaphysik der abendländlichen Philosophie im US-amerikanischen politisch korrekten Postmodernismus geht, schrieb ich übrigens ausdrücklich:

Dass es leider auch antisemitische Kritiken an Derridas Philosophie gibt, bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass jede Kritik an Derridas Philosophie antisemitisch wäre.

 

5. Die Funktion des Begriffs „marxistisch“ in konservativen/rechten Diskursstrategien im angloamerikanischen Raum

 

Was ist der Grund dafür, dass angloamerikanische Konservative/Rechte Andersdenkende so häufig pauschal als „marxistisch“ bezeichnen?

Es handelt sich dabei um eine propagandistische Strategie, die seit der Zeit des kalten Krieges existiert.

Sie stellt das Äquivalent zur Diskursstrategie politisch korrekter Linker dar, wenn diese Andersdenkende pauschal als Faschisten oder Nazis labeln, und sie ist aus einer wahrheitsorientierten Perspektiv heraus ähnlich ernst zu nehmen: d.h. die entsprechende Zuschreibung kann in manchen Fällen richtig sein, in der Mehrheit der Fälle ist sie es nach wissenschaftlichen Kriterien aber nicht.

Marx lässt sich längst vielfältig benutzen, für Kaffeetassen und T-Shirts ebenso wie für politische Propaganda

Die Begriffe „Marxist“ und „Kommunist“ werden seit der Zeit des kalten Krieges von US-amerikanischen Konservativen/Rechten verwendet, um zu versuchen Andersdenkende damit zu diskreditieren, und es werden von konservativen/rechten Propagandisten marxistische Verschwörungen erfunden, um dadurch eine z.T. wenig gebildete, aber antikommunistisch sozialisierte konservative/rechte Basis zu manipulieren und gegen irgendetwas zu mobilisieren. Die Erfindung marxistischer Verschwörungen zur Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft hat in konservativen/rechten Kreisen speziell in den USA also Tradition. Das hat sicherlich auch mit dem im Vergleich zu Europa im Schnitt niedrigeren Bildungsstand in den USA zu tun.

So wie politisch korrekte Linke z.T. alles und jeden als Faschist oder Nazi labeln, was von ihren Ansichten stärker abweicht, so wird in der konservativen/rechten  Propaganda im angloamerikanischen Raum also z.T. alles und jeder als „marxistisch“ oder „kommunistisch“ gelabelt, was von den Ansichten der entsprechenden Konservativen/Rechten stärker abweicht.

Die Ideologie der kulturmarxistischen Verschwörung von William S. Lind und die Ideologie der postmodern-neomarxistischen Verschwörung von Jordan Peterson sind in diesem Sinne einfach nur aktuelle Versionen dieser traditionellen konservativen/rechten Diskursstrategie und haben mit wahrheitsorientierter Analyse und Kritik nichts zu tun.

Natürlich gibt es einen gravierenden Unterschied bezüglich der entsprechenden Zuschreibungen:

Es gibt keinen demokratisch-menschenrechtlichen, humanistischen Faschismus und Nationalsozialismus. Dagegen gab und gibt es stets neben den autoritären marxistisch-leninistischen Strömungen auch demokratisch-menschenrechtliche und humanistische Strömungen im Marxismus. Letzteres wird in der konservativen/rechten Propaganda natürlich unterschlagen, daher kommen z.B. in Jordan Petersons Videos niemals demokratische Marxisten vor, sondern immer nur böse Menschen, die angeblich glauben, wenn sie Stalins Machtposition einnehmen würden, würden sie es besser machen.

Ein ehemaliger Freund von Jordan Peterson, der ihn heute kritisch sieht, brachte diesen Aspekt kürzlich in einem Artikel folgendermaßen auf den Punkt:

“Following his opposition to Bill C-16, Jordan again sought to establish himself as a “warrior” and attacked identity politics and political correctness as threats to free speech. He characterized them as left-wing conspiracies rooted in a “murderous” ideology — Marxism. Calling Marxism, a respectable political and philosophical tradition, “murderous” conflates it with the perversion of those ideas in Stalinist Russia and elsewhere where they were. That is like calling Christianity a murderous ideology because of the blood that was shed in its name during the Inquisition, the Crusades and the great wars of Europe. That is ridiculous.“

 (Ich stimme nicht allen Positionen in dem Artikel zu. Während der Autor bezüglich Marxismus m.E. Recht hat, ist meine Einstellung zur postmodernen Political Correctness wesentlich kritischer als die des Autors. Postmodernismus und Marxismus sind, wie ausführlich erklärt, verschiedene philosophische und politische Traditionen, die beide jeweils sowohl demokratische als auch autoritäre Unterströmungen besitzen, ähnlich wie es auch einen demokratischen und einen undemokratischen Konservatismus gibt oder einen sozialen und einen unsozialen Liberalismus.)

 

6. Jordan Peterson – kein moderner Sokrates

 

Jordan Peterson arbeitet mit extremen Dämonisierungsstrategien, nach dem Motto: „Ich, der Gute – die, die Bösen, und zwar die absolut Bösen“.

Wie weit seine Verleumdungen gehen können, hatte ich ja am Beispiel von Jacques Derrida aufgezeigt.

Der französische poststrukturalistische Philosoph Jacques Derrida war in Wahrheit keineswegs „der gefährlichste Mensch im 20. Jahrhundert nach Hitler, Stalin und Mao“, sondern er war, nach allen mir vorliegenden Informationen, friedlich, demokratisch, menschenrechtlich engagiert, auf persönlicher Ebene sympathisch und er hat im Nachwort eines seiner Bücher („Limited Inc.“) anhand der Analyse einer Diskussion mit dem Philosophen John R. Searle, der Jacques Derrida heftig kritisiert hatte, einen Ansatz für eine Ethik der zivilisierten Diskussion entwickelt („Unterwegs zu einer Ethik der Diskussion“).

Jacques Derrida war übrigens auch kein „moralischer Nihilist“, sondern er war Anhänger der Ethik des jüdischen Moral- und Religionsphilosophen Emmanuel Levinas. (Ich bin kein Anhänger der Ethik von Levinas und Derrida, sondern präferiere die neo-kantianisch inspirierten Strömungen der Moralpsychologie und Moralphilosophie).

Jacques Derrida war– das hätte für jemand wie Jordan Peterson mit seinem Faible für Religiosität ja eigentlich interessant sein können – übrigens kein Atheist. Nicht, dass etwas dagegen einzuwenden wäre, Atheist zu sein, Derrida stand allerdings den Strömungen der Negativen Theologie in der jüdischen und christlichen Mystik nahe.

Zu Leben und Persönlichkeit von Jacques Derrida siehe die Biographie von Benoît Peeters – Jacques Derrida: Eine Biographie.

(Ich selbst bin kein Anhänger der Philosophie von Derrida. Ich behandle ihn wie jeden anderen Philosophen, ich frage nach den jeweiligen Teilwahrheiten und nach den Fehlern in seiner Philosophie. Die theoretischen Grundlagen des Poststrukturalismus als „Philosophie der Differenz“ lehne ich ab.)

Den linken Männerrechtler und pessimistischen analytischen Existenzphilosophen David Benatar – Autor des sehr lesenswerten männerrechtlichen Werkes The Second Sexism. Discrimination Against Men and Boys – versuchte Jordan Peterson übrigens in Verbindung mit der Mentalität von Gewaltverbrechern zu bringen. Auch in einer Diskussion mit David Benatar zu einem existenzphilosophischen Thema versuchte Jordan Peterson ihn moralisch zu diskreditieren, obwohl Benatar seine Position hierzu moralphilosophisch begründet.

David Benatar hat vor Jordan Peterson den in westlichen Gesellschaften vorherrschenden radikalen Feminismus kritisiert und zwar mit starken Argumenten. Er hat die einseitigen Definitionen von Sexismus im Mainstream-Feminismus zerlegt und überzeugend dargestellt, warum es in rationaler und ethischer Hinsicht geboten ist, anzuerkennen, dass gegen Jungen und Männer gerichteter Sexismus existiert sowie, dass dieser ein signifikantes soziales Problem darstellt.

David Benatar wendet sich gegen jeden Sexismus, egal welches Geschlecht betroffen ist, was auch der Position z.B. von linksliberalen Männerrechtlern wie Warren Farrell und Arne Hoffmann (sowie meiner eigenen Position) entspricht. David Benatars Buch „The Second Sexism. Discrimination Against Men and Boys“ bietet m.E. eine starke Argumentationsbasis für die Männerrechtsbewegung als emanzipatorische soziale Bewegung, die in öffentlichen Debatten genutzt werden kann.

Was hat David Benatar nun also getan, um sich die Feindschaft von Jordan Peterson zuzuziehen? Nun, David Benatar hat als analytischer Philosoph über viele Themen geschrieben, u.a. auch über analytische Existenzphilosophie, und in diesem Feld vertritt er eine Position des metaphysischen Pessimismus (ähnlich dem von Philosophen wie Arthur Schopenhauer und Emil Cioran). Er hält die Welt für so schlecht, dass es besser sei, keine weiteren Menschen zu zeugen. Wenn man schon auf der Welt ist, gäbe es zwar gute Gründe weiterzuleben, des Weiteren gäbe es eine ethische Verantwortung, menschliches Leben zu schützen und danach zu streben, das Leben für Menschen so human und erträglich wie möglich zu gestalten. Aber man sollte keine weiteren Menschen mehr in die Welt setzen, meint Benatar. Letzteres ist nicht meine Position. Es ist aber eine Sache, bei schwierigen philosophischen Fragen verschiedener Meinung zu sein, eine andere ist es, eine andere philosophische Position, die rational und ethisch begründet wird, zu dämonisieren.

Wir sehen also: Auch einem linken Männerrechtler und Feminismuskritiker kann es passieren, dass er  Bezugspunkt von Jordan Petersons Diskursstrategien gegen Andersdenkende wird, wenn er nur bei irgendeinem Thema zu stark von den Auffassungen von Jordan Peterson abweicht.

Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass Jordan Peterson die entsprechenden Diskursstrategien nicht bewusst anwendet.

 

– Sicherlich weiß Jordan Peterson, dass es stets auch demokratische und humanistische Marxisten gab. Jordan Peterson ist Tiefenpsychologe. Ein bekannter Tiefenpsychologe, der gleichzeitig ein demokratischer und humanistischer Marxist war, war der Neopsychoanalytiker und humanistische Psychologe Erich Fromm, der den autoritären Marxismus-Leninismus stets kritisiert hat. Erich Fromm war Neomarxist – damit meine ich natürlich tatsächlichen  Neomarxismus. Sollen wir wirklich annehmen Jordan Peterson würde Erich Fromm nicht kennen?

 

– Sicherlich weiß Jordan Peterson, dass Postmodernismus/Poststrukturalismus etwas anderes ist als Neomarxismus. Das kann man in ein paar Minuten im Internet nachrecherchieren und die ideengeschichtlichen Quellen des französischen Poststrukturalismus wie Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ferdinand de Saussure werden in jedem Einführungsbuch zum Thema erwähnt.

 

– Und sicherlich weiß Jordan Peterson, dass er das Werk z.B. von Philosophen wie Michel Foucault und Jacques Derrida überhaupt nicht wahrheitsgemäß beurteilen, geschweige denn kritisieren kann, wenn er nichts von ihnen und auch kein verlässliches Einführungswerk über sie gelesen hat, was bei Jordan Peterson offenkundig der Fall ist.

 

– Und sicherlich bekommt Jordan Peterson regelmäßig, vermutlich jede Woche, E-Mails von Personen, die jene Dinge erklären, auf die ich in diesem Artikel hingewiesen habe.

 

In Jordan Petersons pc-kritischen Videos und Schriften geht es aber nunmal nicht um wahrheitsorientierte Aufklärung, Analyse und Kritik. Die Abgebrühteren unter den Jordan-Peterson-Fans wissen das auch und unterstützen ihn nur, weil sie dies für sich in pragmatisch-zweckrationaler Hinsicht als vorteilhaft ansehen.

Jordan Peterson ist m.E. ein narzisstischer Charismatiker, instrumentell-pragmatisch agierender Propagandist und konservativer Demagoge.

Viele seiner Videos sind m.E. zu analysieren, wie man auch die Reden eines machtorientierten Spitzenpolitikers analysieren würde, da würde ja auch kein halbwegs kritischer denkender, erwachsener Mensch davon ausgehen, es ginge um „Wahrheit“, „Moral“, „Verantwortung“ etc., ganz gleich, wie häufig ein solcher Politiker diese Dinge im Mund führt, sondern jedem kritisch denkenden Menschen wäre klar: Es geht um Selbstdarstellung und knallharte ideologisch-pragmatische Machtstrategien, es geht um Durchsetzung der eigenen ideologisch-politischen Agenda mit allen verfügbaren Mitteln.

Merkwürdigerweise scheint es aber bezüglich Jordan Peterson einen erhöhten Anteil von Personen zu geben, die auf diese Show hereinfallen, die ihm sein propagiertes Image tatsächlich abnehmen und alles für bare Münze nehmen, was er von sich gibt.

Das finde ich erstaunlich, denn die Diskursstrategien von Jordan Peterson sind m.E. keineswegs besonders originell oder besonders schwer zu durchschauen.

„Political Correctness von rechts“, die vergleichbar funktioniert wie „Political Correctness von links“ und genauso kritikwürdig ist wie diese.

Auch Jordan Petersons Auffassung von Meinungsfreiheit ist in letzter Instanz ähnlich selektiv, wie die von extremen politisch korrekten postmodernen Linken.

In einem seiner Videos, das eine Rede von Jordan Peterson dokumentiert, redet Jordan Peterson öffentlich der Gewalt gegen Andersdenkende das Wort (ab 19.50).

Jordan Peterson Einstellung zur Meinungsfreiheit ließe sich also folgendermaßen zusammenfassen: Ich bin ein ganz, ganz großer Verteidiger der Meinungsfreiheit, wenn ich den Eindruck habe, dass die Meinungsfreiheit für meine eigene Meinung bedroht ist, aber Andersdenkenden, deren Meinung mir überhaupt nicht gefällt, sollte man ins Gesicht schlagen, so dass sie bewusstlos umkippen.

Ein weniger selektives Verständnis von Meinungsfreiheit als Jordan Peterson vertritt hingegen u.a. der bekannte Sprachwissenschaftler und Anarcho-Syndikalist Noam Chomsky.

Noam Chomsky:

„Wenn man an die Redefreiheit glaubt, dann ist das eine Redefreiheit für Meinungen, die einem nicht gefallen. Goebbels war auch für die Redefreiheit – bei Ansichten, die ihm passten. Stimmt´s? Stalin genauso. Wenn Sie also für Redefreiheit eintreten, dann bedeutet das die Freiheit, eine Meinung zu äußern, die Sie widerlich finden. Andernfalls wären Sie überhaupt nicht für Redefreiheit. Zur Redefreiheit kann man nur zwei Haltungen einnehmen, und jeder trifft seine Wahl.“

(aus: Noam Chomsky – Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung. Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens, Marino, 1996, S. 184)

(Ich verstehe mich in politischer Hinsicht primär als libertärer Sozialist in der Tradition des Sozial-Anarchismus in einem ähnlichen Sinne wie Noam Chomsky und ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass es für libertäre Sozialisten undenkbar wäre, die abscheulichen autoritären oder totalitären Systeme des sogenannten real existierenden Sozialismus, die wir meist mit dem Begriff Staatskapitalismus bezeichnen, als „echten Sozialismus“ oder „echten Kommunismus“ anzuerkennen. Für libertäre Sozialisten sind diese Begriffe untrennbar mit basisdemokratischen Organisationsformen  und einer strengen demokratischen Kontrolle politischer und ökonomischer Machtpositionen  verbunden.)

Hören wir an dieser Stelle auch noch Michel Foucault, einen Vertreter des französischen Poststrukturalismus, zum Thema  Meinungsfreiheit. (Ich persönlich halte Michel Foucault speziell in seinem Spätwerk übrigens für einen starken Kritiker jeder Form von Political Correctness.)

Michel Foucault schrieb:

„Ich will keine Kritik vorbringen, welche die anderen daran hindert zu sprechen, ich will nicht in meinem Namen einen Terrorismus der Reinheit und der Wahrheit ausüben. Ich will auch nicht im Namen der anderen sprechen und mir anmaßen, das, was sie zu sagen haben, besser zu sagen. Meine Kritik hat das Ziel, es anderen zu ermöglichen zu sprechen, ohne dem Recht zu sprechen, das sie haben, Grenzen zu setzen.“

(aus: Michel Foucault – Die Antworten des Philosophen, Gespräch mit C. Bojunga und R. Lobo, 1975, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1970 – 1975, Zweiter Band, Suhrkamp, 2002, S. 1016)

„Nichts ist unbeständiger als ein politisches Regime, dem die Wahrheit gleichgültig ist; doch nichts ist gefährlicher als ein politisches System, das die Wahrheit vorschreiben will.“

(aus: Michel Foucault – Die Sorge um die Wahrheit, 1984, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 836)

Eine wahrheitsorientierte Kritik der postmodernen Political Correctness aus linker Perspektive kann nur gegen Jordan Peterson durchgesetzt werden. M.E. ist es u.a. Aufgabe linker Political-Correctness-Kritik sowohl die „Political Correctness von links“ als auch die „Political Correctness von rechts“ (wozu ich sowohl die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie als auch die Ideologie von Jordan Peterson zähle) einer kritischen Analyse zu unterziehen, ihre Propagandalügen und spezifischen manipulativen Diskursstrategien aufzudecken und langfristig eine wirkungsvolle rationale und humanistische Alternative zu etablieren.

 

So, damit sind einige Grundlagen gelegt. Teil 2 meiner Erwiderung auf den Genderama-Leserbrief des Jordan-Peterson-Fans folgt demnächst, darin werden einige der behandelten Themen noch einmal angesprochen und etwas vertieft werden, u.a. wird auf die ideengeschichtlichen Grundlagen des Postmodernismus und auf die Unterschiede zwischen Postmodernismus und Marxismus/Neomarxismus noch etwas eingegangen.

 

 

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51 Comments

  • Bei „libertären Sozialismus in der Tradition des Sozial-Anarchismus“ und „Antisexist“ habe ich (vorerst) aufgehört zu lesen … solcher Mist ist genau der Grund warum ich JP für einen der klarsten Denker unserer Zeit halte

    • Danke, auch mein Gedanke! Absolut unverdaulicher Text, der sich in Identitätsverortungen und -zuordnungen erschöpft, anstatt mal ein paar klare Gedanken/ Thesen auszuformulieren.

      Und genau DAS macht JP so sympathisch, sein Redefluß aus dem Stegreif, manchmal eine kurze schöpferische Pause zum re-formulieren, aber immer klar im Gedanken und transparent im Zusammenhang.

      • @ Matt Paul

        „Danke, auch mein Gedanke! Absolut unverdaulicher Text, der sich in Identitätsverortungen und -zuordnungen erschöpft, anstatt mal ein paar klare Gedanken/ Thesen auszuformulieren.“

        In Wahrheit wirst du in meinem Artikel schwerlich eine Passage finden, die keine klaren Gedanken oder Thesen enthielte und du wirst (nach der Einleitung) auch keinen Abschnitt ohne Argumente finden. Das weißt du natürlich auch, daher schreibst du ja einen argumentfreien Kommentar.

        Und wie jeder leicht erkennen kann, der den Artikel gelesen hat, beinhaltet er neben einer kritischen Analyse der falschen Zuordnungen, die Jordan Peterson vornimmt, des Weiteren eine ideengeschichtliche und soziokulturelle Kontextualisierung von Jordan Petersons irrationaler Verschwörungstheorie sowie eine kritische Analyse einiger von Jordan Petersons manipulativen Diskursstrategien, Dämonisierungsstrategien und Propagandalügen. Der Text liefert also Informationen, die es ermöglichen Jordan Peterson besser zu durchschauen und Jordan Petersons manipulativen Diskursstrategien gute Argumente entgegenzusetzen. Zudem ist mein Text aus dezidiert political-correctness-kritischer Perspektive geschrieben. Das ärgert Jordan-Peterson-Jünger wie dich natürlich, das ist allerdings unvermeidbar.

        „Und genau DAS macht JP so sympathisch, sein Redefluß aus dem Stegreif, manchmal eine kurze schöpferische Pause zum re-formulieren, aber immer klar im Gedanken und transparent im Zusammenhang.“

        Na ja, bezüglich der „Klarheit“ so mancher Äußerungen von Jordan Peterson gibt es auch Kritiker von Jordan Peterson, die hierzu anderer Meinung sind:

        https://www.currentaffairs.org/2018/03/the-intellectual-we-deserve

        Und ganz unabhängig von der „Klarheit“ ist vieles, was Jordan Peterson sagt, in inhaltlicher Hinsicht falsch und das nicht zufällig, sondern als Teil bewusster Diskursstrategien, die manipulativen und propagandistischen Zwecken dienen.

        Und eine „sympathische“ Person ist Jordan Peterson sicherlich nicht. Es handelt sich bei Jordan Peterson m.E. um eine stark egozentrische Person (er veröffentlicht ja z.B. nicht zufällig ein Video nach dem anderen von sich und will der ganzen Welt erklären, wie sie zu denken und zu leben hat) und es handelt sich bei Jordan Peterson offensichtlich um eine Person mit wenig Hemmungen verbale Aggressivität gegen alle möglichen Personen und Gruppen zu richten, die irgendwie stärker von seiner Weltanschauung abweichen, (auch wenn sie demokratische Einstellungen haben und ihm nichts getan haben). Beispiele hierfür habe ich in meinem Text ja gegeben.

  • Hallo Leszek,

    ich habe in der Vergangenheit einige deiner Artikel und Kommentare gelesen. Auch ohne diesen Artikel hier war der Leserbrief auf Genderama in seiner einzigartigen Art auch sofort als von dir verfasst zu identifizieren. Weil ich deinen Argumenten inhaltlich zumindest teilweise zustimmen kann, werde ich hier mal ganz offen mit dir sein. Auch auf die Gefahr hin, zu direkt zu wirken.

    „[…] einer kritischen Analyse zu unterziehen, ihre Propagandalügen und spezifischen manipulativen Diskursstrategien aufzudecken und langfristig eine wirkungsvolle rationale und humanistische Alternative zu etablieren.“

    Dieser Artikel hier verdeutlicht exemplarisch, warum du meinen Eindruck nach nicht in der Lage bist, deinem eigenen oben zitierten Anspruch zu genügen.

    Du suchst dir genauso diejenigen Aussagen und Zitate aus, die deine Argumentation stützen, wie Prof. Peterson sich Aussagen und Zitate in die andere Richtung aussucht. Hinzu kommt, dass du dir bei Peterson selbst diejenigen Argumente aussuchst, die deiner Ansicht nach falsch sind und damit auf die Invalidität seiner anderen Argumente schließt, die teilweise gar nicht aus den von dir kritisierten abgeleitet wurden. Dementsprechend machst du leider den gleichen Fehler, den du Peterson hier vorwirfst.

    Zusätzlich wirkt deine hier wieder demonstrierte extrem herablassende und abwertende Schreibweise, die jede von deiner abweichende Meinung als Propaganda, Manipulation, etc. bezeichnet, auf mich verzweifelt und nimmt deinen aus meiner Sicht teilweise richtigen Argumente jede Glaubwürdigkeit. Du erweckst bei mir nur den Eindruck, Peterson habe dich mit seiner „Inkompetenz“ persönlich beleidigt. Das liest sich alles so, als sei es Peterson überhaupt nicht wert, sich mit ihm überhaupt zu beschäftigen, aber wenn schon dann zeigst du es ihm mal richtig.

    Das führt dazu, dass deine Argumentation zumindest für mich nicht mal im Ansatz überzeugend wirkt sondern als automatischer Beißreflex rüberkommt. Und das, obwohl ich mit einigen Aussagen Petersons auch nicht einverstanden bin, weil sie tatsächlich teilweise die aus meiner Sicht erforderliche Komplexität vermissen lassen oder von einer Korrelation auf eine möglicherweise nicht vorhandene Kausalität schließen. Allerdings hat er auch deutlich richtige Argumente, die du aufgrund deiner eigenen Voreingenommenheit gar nicht erst aufgreifst.

    Damit erreichst du, zumindest bei mir, das genaue Gegenteil dessen, was du wie oben zitierst forderst. Du machst nur deine eigene Ideologie-Ecke auf, die möglicherweise zu den vorhandenen Ecken eine Alternative bietet. Mit Sicherheit ist deine Kritik aber weder rational noch humanistisch und zumindest bei mir nicht wirkungsvoll.

    Hochachtungsvoll
    Ad

    • @Admiral K:

      Ich finde das gut zusammengefasst, mir geht es ganz ähnlich.

      Schade, dass Leszek seine eigene und grundsätzlich sehr vernünftige Einstellung

      Ich behandle ihn wie jeden anderen Philosophen, ich frage nach den jeweiligen Teilwahrheiten und nach den Fehlern in seiner Philosophie.

      so ganz offensichtlich ignoriert, sobald es um JBP geht.

      • Ja es ist schade. Leszek ist enorm belesen. Ich halte ihn von den regelmäßig schreibenden Foristen auf z. B. Alles Evolution für einen der klügsten Köpfe (neben z. B. etwa noch djadmoros).

        Aber sobald es um Peterson geht, klappt bei ihm irgendwie das Visier runter. Das deutet sich beim Text hier ja schon im obersten Absatz an, wo er den anderen Leserbriefautoren direkt als „Peterson-Fan“ bezeichnet. Muss das denn sein? Er kennt den doch gar nicht. Er mag das auch alles doof finden, was der geschrieben hat, aber warum hier so nachtreten, gegen eine ihm unbekannte Person, von der er nicht mehr kennt, als einen relativ kurzen Leserbrief? Zumal ich beim eigentlichen Aufhänger dieses Leserbriefes sogar bei dessen Autoren war: ich fand die Darstellung von Leszek im Leserbrief (ich glaube, wir wussten hier sofort alle, von wem der kam :D) auch unglücklich, zu sagen, er hielte Peterson ja auch nicht für einen Antisemiten, um ihm dann aber Argumentationen in antisemitischer Tradition zu unterstellen und alles was er innerhalb des von Arne veröffentlichten Teils als Beleg lieferte, war, das zwei von Petersons Lieblingshassobjekten der Historie Juden waren. Das empfand ich auch als grob simpel und hatte für mich eine diffamierende Tendenz. Wenn ich nen Schwarzen „Arschloch“ nenne, bin ich ja auch nicht gleich ein Rassist, so lange ich nicht meinen Eindruck, er sei ein Arschloch, einzig aus seiner Hautfarbe herleite.

        Dass sich der andere Leserbriefautor evtl. darüber hinaus in Aussagen „verstiegen“ hat, die nicht Leszeks (oder unter anderem auch crumars) Zustimmung fanden… Geschenkt. Das macht ihn nicht zwingend zu einem Fan. Vielleicht ist er auch nur einfach jemand, der bei einigen Themen ähnliche Meinungen und unter Umständen auch ähnliche philosophische Wissenslücken hat wie Peterson.

        Ich schlage vor: wir legen zusammen, reservieren irgendwo ein nettes Pub und fliegen Leszek und Peterson dort ein. Sie setzen sich bei kühlem Bier zusammen, diskutieren ihre Standpunkte (gewiss könnte auch Leszek noch einiges über psychologische Hintergründe – evtl. sogar seines eigenen Denkens und Handelns – lernen) und gehen nach ein paar Stunden als „Best Buddies“ wieder nach draußen. Hach, ich weiß, ich bin ein Träumer! 😉

        PS: Hatte sich nicht auch schon djad angeboten, den Text von Leszek auf Geschlechterallerlei zu veröffentlichen? Wird jetzt schon von Blogbetreibern um Gastbeiträge gebuhlt? Entwickelt sich da ein Markt? Gestehe Lucas: wie viel hast du Leszek gezahlt für die „Rechte“?!

        PPS: Wo wir hier grad nen Gastbeitrag haben: Was ist eigentlich mit Mark los? Lange nix mehr geschrieben und auch in Kommentarspalten taucht er schon länger kaum bis gar nicht mehr auf. Weiß da jemand was?

        • Ich hatte Leszek schon lange geschrieben, dass er hier gern jederzeit veröffentlichen kann. Warum Leszek den Text hier veröffentlicht hat, nicht bei geschlechterallerlei, weiß ich selbst nicht genau – ich hatte ihn selbst auf Leszeks Bitte an djadmoros weiter gereicht. Ich freue mich, wenn Leszek hier veröffentlicht, ich möchte aber nicht anderen Bloggern in die Quere kommen.

          Mark wiederum schreibt ein Buch.

          • Nicht dass das falsch verstanden wird: Lucas, das war ein Scherz. 🙂 Ich wollte dir sicher nicht unterstellen, hier Djadmoros auszustechen.

            Nur zur Sicherheit, weil deine Antwort klang so ernst…

            Wegen Mark: Danke für die Antwort. Naja, dann sei er mal entschuldigt… zur Abwechslung. Man ist ja nicht so. 🙂

        • PS. Das Angebot, hier Artikel einzustellen (oder sie mir zu schicken, so dass ich sie dann einstelle), gilt übrigens nicht nur für Leszek. 😉

        • @Billy Coen:

          »Hatte sich nicht auch schon djad angeboten, den Text von Leszek auf Geschlechterallerlei zu veröffentlichen? Wird jetzt schon von Blogbetreibern um Gastbeiträge gebuhlt?«

          Ich hatte aber auch gesagt: wenn es vorher kein anderer tut. Ich hatte mich da tatsächlich nur als »Servicetechniker« gesehen, der es schade gefunden hätte, wenn Leszeks Argumentation irgendwo tief in Christians Kommentar-Ozean untergeht. Geschlechterallerlei ist zudem nicht mein persönlicher Blog und daher auch nicht so etwas wie eine persönliche »Marke«.

          (Ja, ich habe zur Kenntnis genommen, dass das als Witz gemeint war 🙂 Und danke übrigens für das Kompliment 🙂 )

          Ungefragter Disclaimer: ich habe bislang schlicht keine Zeit gefunden, mich ausführlicher mit Peterson auseinanderzusetzen, deshalb halte ich mich aus der konkreten Diskussion raus – dass aber gerade auf Seiten der amerikanischen Rechten Ansichten über die politische Linke gehandelt werden, die kaum über das Niveau von Verschwörungstheorien hinauskommen, sehe ich unabhängig vom Streit um Peterson ebenso wie Leszek.

        • @Billy Coen
          Danke der Nachfrage übrigens! Ich schreibe tatsächlich ein Buch und hoffe, ich darf es dann hier mal vorstellen, obwohl thematisch nicht gerade passend. Und sonst lese ich fleissig mit und bin also total up to date. 🙂

    • „Du suchst dir genauso diejenigen Aussagen und Zitate aus, die deine Argumentation stützen, wie Prof. Peterson sich Aussagen und Zitate in die andere Richtung aussucht. Hinzu kommt, dass du dir bei Peterson selbst diejenigen Argumente aussuchst, die deiner Ansicht nach falsch sind und damit auf die Invalidität seiner anderen Argumente schließt, die teilweise gar nicht aus den von dir kritisierten abgeleitet wurden.“ Ich nehme mal dieses Zitat von Admiral K als Ansatzpunkt, weil ich daran gut darstellen kann, was ich an dem Artikel wichtig finde. Tatsächlich konzentriert sich Leszeks Text auf einen Teil dessen, was Peterson sagt, aber dafür gibt es auch gute Gründe.

      Es stimmt: Warum Peterson innerhalb von enorm kurzer Zeit ungeheuer erfolgreich geworden ist (seine „anderen Argumente“), wird nicht klar aus Leszeks Text, ist aber auch nicht das Thema. Dass auch Peterson mit Feindbildern arbeitet, mag zu diesem Erfolg beitragen, erklärt ihn aber nicht.

      Für mich sind wesentliche Gründe in dem schon legendären Interview von Cathy Newman zu erkennen, das ja weit über irgendwelche Filterblasen hinaus bekannt wurde (auch unter Schülern geht es rum).

      https://www.youtube.com/watch?v=aMcjxSThD54

      Petersons gelassene, klare, sogar belustigte Reaktion auf Newmans beständigen Versuch, ihm etwas in den Mund zu legen, was er nicht gesagt hat, ist grandios anzusehen. In Newmans Verhalten spiegelt sich beispielhaft dann gleich eine ganze Menge, was nach meiner Einschätzung viele Menschen aus ganz unterschiedlichen politischen Lagern umtreibt:
      – der Eindruck, massenmedial entweder besserwisserisch belehrt und diffamierend falsch dargestellt zu werden, oder beides,
      – der Eindruck, dass Positionen, die von einer selbstgerecht gewordenen, institutionalisierten Linken abweichen (seien es nun Konservative, Free-Speech-Befürworter, Feminismuskritiker, arme und von Armut bedohte Weiße, oder auch Schwarze und Latinos, die sich nicht vereinnnahmen lassen wollen, etc.) – dass also solche Positionen grundsätzlich verzerrt, vereinfacht, skandalisiert, jedenfalls übelwollend und unfair wiedergegeben werden,
      – der Eindruck, dass aus dem Establishment niemand zuhört.

      Eben dagegen kann Peterson – so zumindest geht es mir, wenn ich etwas von ihm sehe – wie ein Ventil wirken, weil er die Intelligenz, die Selbstsicherheit und das kommunikative Geschick hat, um dem längst erstarrten, sich links gebenden Establishment à la Newman etwas entgegenzusetzen.

      Es ist wohl auch kein Wunder, dass er offenbar Männer noch stärker anspricht als Frauen. Er vertritt eine starke Leistungsethik – in dem Sinne, dass Menschen für sich selbst und ihr Verhalten Verantwortung zu übernehmen haben, und dass das gesund sei.

      Männern wiederum wird nun seit Jahrzehnten medial und bis in Gesetze und Studiengänge hinein weisgemacht, die Leistungen, die sie für sich, für ihre Familien oder auch allgemein für andere erbringen, wären eigentlich Reproduktionen patriarchaler Machtausübungen, mit denen sie auf Kosten anderer einfach durch das Leben kämen.

      Vor dem Hintergrund solcher irrationaler Verdrehungen, an die wir uns aber gewöhnt haben, kann man bei Peterson den Eindruck bekommen, dass hier endlich wieder einmal eine Stimme der Vernunft zu hören sei – und, vor allem: dass hier endlich wieder einmal Bemühungen honoriert und nicht pauschal-selbstgerecht-unwissend abgewertet werden.

      Das sind in meinen Augen wesentliche Gründe für Petersons Erfolg. Ich schiebe das hier so weiträumig nach, weil das in dem Artikel nicht Leszeks Thema ist. Für mich ist der Artikel aus folgendem Grund wichtig, der direkt mit dem eben Beschriebenen zusammenhängt:

      Gerade wenn jemand so offensichtlich viele Hoffnungen bündelt, wie Peterson es tut, ist es wichtig, ab und zu ein wenig Distanz zu gewinnen. Die von Leszek angesprochenen Punkte sind dabei sehr wohl wichtig.

      Das lässt sich am Beispiel des Jokers erklären, für Peterson „love child“ einer klassischen und einer postmodernen Linken. Für ihn ist das Furchtbare am Joker, dass er die Zersetzung der Gesellschaft um der Zersetzung Willen anstrebe – also nicht einmal aus sonstigen ideologischen oder kommerziellen Interessen. Das ist, wortwörtlich, ein Bild des absoluten (also: von allen anderen Motiven abgelösten) Bösen, des Bösen um seiner selbst Willen.

      Zum Vergleich: Nicht einmal die größten Islamhasser unterstellen Muslimen, sie würden die westliche Gesellschaft um der Zerstörung selbst Willen zerstören wollen, sondern gehen davon aus, dass sie im Sinne einer reaktionären, inhumanen Ideologie handeln, die Zerstörung also kein Selbstzweck ist. Petersons Ablehnung der Linken in dem Joker-Bild geht also noch weiter als diese ohnehin schon sehr harte, ressentimentgeladene Ablehnung.

      Peterson ist kein Antisemit, aber gerade deshalb, und weil er natürlich ein sehr kluger Kopf ist, müsste ihm auffallen, dass diese Unterstellung einer Zersetzung um der Zersetzung Willen historische Vorbilder hat: nämlich im antisemitischen Bild „des Juden“. Dass er damit tatsächlich Juden trifft (Derrida, Marx kam immerhin aus einer jüdischen Familie), ist nicht der entscheidende Punkt, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ihm das irgendwie wichtig war. Meines Wissens gibt es sogar ausgesprochen philosemitische Texte von ihm. Aber es hätte wichtige Gründe gegeben, zu der Art seines Angriffs zwischendurch einmal etwas intellektuelle Distanz aufzubauen.

      Dies vor allem deshalb, weil er Sündenböcke aufbaut. In meinen Augen stimmt die Diagnose sogar, dass es gesellschaftliche Auflösungserscheinungen gibt, und in den USA ist die Frontstellung zweier Lager, die zur Kommunikation miteinander nicht mehr fähig sind, ja offensichtlich. Aber hier trifft Leszek einen zentralen Punkt: Es ist Quatsch, die Verantwortung dafür auf die Frankfurter Schule zu projezieren, und es ist auch Quatsch, sie auf die französische Postmoderne zu schieben (und das schreib ich, obwohl ich damit wenig anfangen kann, außer mit Lévinas übrigens).

      In meinen Augen lässt sich diese Auflösung als De-Zivilisierung beschreiben: als Verschwinden gesellschaftlicher Vermittlung. Ökonomisch hat sich das Einkommen durch Besitz ohnehin längst vom Einkommen durch Erwerbsarbeit völlig abgelöst, aber auch in der politischen, kulturellen Sphäre findet – so zumindest mein Eindruck – keine Vermittlung zwischen verschiedenen Milieus, politischen Anschauungen und sozialen Erfahrungen statt.

      (Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich hier im Blog viel empfindlicher als andere auf den islamistischen Terror reagiert habe – weil ich den direkten, gezielten Angriff auf Orte der zivilen Öffentlichkeit katastrophal finde, sowohl in ihren realen Folgen als auch in ihrer Symbolkraft.)

      An den Prozessen der De-Zivilisierung sind viele beteiligt: ökonomische Eliten, für die der Satz „Eigentum verpflichtet“ lachhaft ist – ein mediales und parteipolitisches Establishment, das seine eigenen Privilegien unter einer dicken Moralsoße verbirgt und das sich endlos damit beschäftigt, die Pöbelhaftigkeit und Gefährlichkeit des Pöbels nachzuweisen – eine Linke, die schon längst keine tragfähigen Konzepte von sozialer Gerechtigkeit mehr entwerfen kann – aber auch Gruppen von Menschen, die sich abgehängt fühlen und die sich beliebig in Ressentiments eingraben.

      Ich sehe aber überhaupt nicht schwarz – ich bin mir sicher, dass eine auf gesellschaftliche Vermittlung gestimmte, im besten Sinne bürgerliche Mitte eine breite Mehrheit der Bevölkerung darstellt. Nur kommt davon in der medialen Welt wenig an – es fehlt an ziviler Vermittlung.

      Und angesichts einer solche Situation ist es bescheuert, wenn jemand wie Peterson, der ein Potenzial für die Förderung einer solchen Vermittlung hätte, nun seinerseits in simplen Feindbildern und Sündenbock-Fingerzeigen mündet. Er greift tatsächliche, dringliche Probleme auf – beschreibt sie dann aber auf eine Weise, die zur Vertiefung dieser Probleme und nicht zu ihrer Linderung beiträgt.

      Das wiederum lässt sich an Leszeks Text sehr gut nachvollziehen.

  • Sich gegenseitig zu beschimpfen führt halt zu nichts. Die Kunst beim produktiven rationalen Diskurs besteht darin zu verstehen, wo der andere recht haben könnte, und sei es auch nur ein bisschen, auch wenn er sich beim Ausdruck dessen noch so ungeschickt anstellen möge. Denn einzig da ist eigener Erkenntnisgewinn und damit Wachstum möglich.

    In diesem Sinne ist das Konzept vom „Kulturmarxismus“ zwar einerseits, ganz wie Du es darstellst, ein Konzept relativ plumper politischer Propaganda, aber als solches beschreibt es eine politische Konfliktlinie und weist darin auch eine gewisse Konsistenz und Schlüssigkeit auf. Die Frage ist also, wie man die politische Differenz besser fassen, auf ihren Kern reduzieren kann?

    Mir scheint man kann die US-konservative (vulgär-)Verwendung der Kategorisierung „Marxismus“ dann verstehen, wenn man sich unter „Marxismus“ eine Lehre vorstellen würde, deren Kern zwischen

    … also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

    und

    Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.

    zu suchen wäre. Die fundamentale Differenz der hieran geschiedenen politischen Strömungen liegt dann in der Frage, ob es die Aufgabe einer Gesellschaft (und aller Menschen füreinander) sein soll, solche Verhältnisse umzuwerfen, oder ob es die Herausforderung, Verantwortung und Wachstumsmöglichkeit des Individuums sein soll, diese Befreiung selbst zu bewerkstelligen und die größte Güte dann erfolgreiche Anleitung dazu ist. Dabei geht es aber nicht so sehr um die Frage Kooperation ja oder nein und wie, sondern um den Unterschied zwischen einer Haltung, welche „die Lösung“ von den anderen erwartet und als eigenen Beitrag dazu ansieht, all das zu vermeiden, was für einen selbst vermieden werden soll und einer Haltung, welche die Verantwortung für die Lösung dem Individuum aufbürdet, welches aber dafür in Kauf nehmen kann (und vielleicht muss) anderen anzutun, was es selbst nicht erleben möchte. (Ich beschreibe das so natürlich als Verabsolutierung um die Differenz aufzuzeigen. Die Realität spielt immer irgendwo in der Mitte, in der konkreten Auflösung eines unauflöslichen Widerspruchs.)

    Und verstünde man das obige als „Marxschen Imperativ“, dann lässt sich dieser meinem Eindruck nach schon in einer Linie durch die Frankfurter Schule und insbesondere das Konzept des Autoritären Charakters, überhaupt Kritische Theorie und dann auch weiter bei Foucault und Derrida zur Praxis der Diversitätsförderung an den Universitäten und bis hin zur Political Correctness ziehen. Und ich gehe davon aus, dass Du das zwar nicht unbedingt als „marxistisch“ bezeichnen würdest, aber Dich gleichwohl heftig zu einem solchen Grundanliegen oder einer solchen Moral bekennst. Vielleicht würdest Du sie sogar originär links nennen, womit dann eigentlich ganz verständlich wird, warum der politische Gegner auch nur ein undifferenziertes Label draufpackt?

    Meinem Eindruck nach versteht Peterson leider nur rudimentär, was genau an dieser „linken Moral“ und der daraus resultierenden Ordnung korrupt ist und kann es deshalb gar nicht differenziert ausdrücken. Aber hat recht damit ganz im Stil eines klassischen Propheten darauf hinzuweisen, dass die Ergebnisse dieser Moral (nicht irgendwo im Gulag, sondern hier in unseren liberalen Gesellschaften) deutlich zeigen, dass die gesellschaftlich praktizierte Verfolgung dieses Wertes (jeder ethische Wert ist in seiner Abstraktion ein Vektor ins Unendliche einer Richtung) offenbar vom rechten Weg abführt. Anstatt ihn für diese Botschaft zu beschimpfen wäre es viel sinnvoller die Arbeit zu tun, die er leider unterlässt. Nämlich genau herauszuarbeiten, wo eigentlich das Problem mit der „linken Moral“ ist und welche Anpassungen des moralischen Kurses nötig sind.

  • „Eine kleine Artikelserie, 1. Teil.“

    Das ist doch wohl hoffentlich nur eine Drohung?! Dagegen stellen sich Lucas‘ Beiträge ja geradezu als Kurzgeschichten dar.

    Oder, um es in den Worten von Kaiser Joseph II. zur Uraufführung der »Entführung aus dem Serail« zu sagen, denn er hatte gewisse Vorbehalte und richtete diesbezüglich sein kaiserlich beurteilendes Wort an Mozart:

    »Zu viele Noten, streich er einige weg, und es ist richtig.«

  • So, mal etwas ernster jetzt, nach meinem Kommentar weiter oben:

    „Peterson kritisiert „politische Korrektheit“ bei Themen wie Privilegien der weißen Bevölkerung („white privilege“), kultureller Aneignung und neo-marxistischer sowie feministischer Postmoderne.[15][16]

    Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte Peterson 2016 als Kritiker des im Juni 2017 verabschiedeten kanadischen Gesetzes „Bill C-16“. Die Gesetzesänderung soll Transgender-Rechte über Geschlechtsidentität (gender identity) und -ausdruck (gender expression) stärken. Er beruft sich in seiner Kritik auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung: „Ich werde keine Worte von Ideologen aussprechen, denn wer das macht, wird zur Marionette ihrer Ideologie.“[Anm. 1]

    Laut Peterson gebe es nicht ausreichend Belege dafür, dass Geschlechtsidentität und biologische Sexualität unterschiedliche, voneinander unabhängige Konstrukte wären.“

    Wo, lieber Leszek liegt dieser Mann in seiner Einschätzung denn daneben? Etwa, weil er natürliche Unterschiede nicht „dekonstruiert“ oder weil er nur das betont, was der Feminismus -indirekt- schon seit Jahrzehnten postuliert?

    Sie fordern Gleichheit und berufen sich auf ihre Andersartikeit. Vulgo: Das weibliche Geschlecht wird unterdrückt vom Patriarchat! Basta! Deswegen: Gleiche Rechte für alle weiblichen Humanoidinnen (oder so).

    Erkennt denn niemand diesen Widerspruch in sich?

    Gleiches Recht für Alle – aber für Frauen darf es dann gerne doch ein bißchen mehr sein. Denn sie sind ja irgendwie anders und so … (vgl. Familienrecht, Quoten, Rechtsprechung, halluzinierte PayGaps etc.pp.)

    Ernsthaft, wie kann man sich dann an solch einem Mann abarbeiten, der nicht zu Unrecht meint:

    „Peterson kritisierte, durch die Änderungen am Menschenrechtsgesetz würden sich Arbeitgeber und Organisationen künftig strafbar machen, wenn ein Mitarbeiter oder Gesellschafter etwas sage, das direkt oder indirekt, „ob absichtlich oder unabsichtlich“, als beleidigend ausgelegt werden könne.“

    Bitte sage mir jetzt niemand, dass Leszek solches doch schon beantwortet hat. Bei aller Wertschätzung denke ich, dass man das ein bisschen einfacher halten könnte.

    Quellen: Wikipedia (die den vermutlich ablehnen)

  • Einer der Vorzüge der Männerrechtsbewegung ist ihre Gutmütigkeit, die sich darin ausdrückt, eine Bemühung eines ihrer Mitglieder, das einen Sachverhalt zwar unzutreffend, aber in ehrlicher Absicht, darstellt, wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen.

    Unzutreffend ist in meinen Augen das Formelhafte der Beschreibung der verschiedenen Denkströmungen – man muss da schon hineingehen und von dort aus seine Gegenrede führen. Wieso wirken bei dir die linken Denker immer so putzig? Foucault war nicht putzig. Der war schräg drauf. Alle Denkrichtungen sind auf eine einfache Struktur reduzierbar. Peterson arbeitet mit einfachen Kategorien, die in seinen Augen wesentlich das Denken der hier beschriebenen Personen charakterisieren – dadurch wird er verständlich. Ich habe in einem Kommentar zu einem deiner Beiträge irgendwann einmal ein Zitat der Frankfurter Schule gereicht, in dem (wars Horkheimer oder Adorno?) explizit die Zersetzung der Familie gefordert wird. Exakt das gleiche Argument kommt von feministischen Postmodernisten. Die Übereinstimmung im Ziel führt offenbar bei Kritikern zur Subsumierung unter einer Kategorie (Marxismus). Es wäre schön, wenn du einmal von deren gemeinsamer Forderung zurückgingest und dich fragtest, wo die Überschneidungspunkte zwischen der Frankfurter Schule und dem Radikalfeminismus lägen und von dort aus wieder zurück im Schluss zum selben Ergebnis führten. Überschneidungen einfach wortreich zu leugnen, wo die Ähnlickeiten der Ergbnisse jedem ins Auge springen, überzeugt nicht.

    • „Ich habe in einem Kommentar zu einem deiner Beiträge irgendwann einmal ein Zitat der Frankfurter Schule gereicht, in dem (wars Horkheimer oder Adorno?) explizit die Zersetzung der Familie gefordert wird. Exakt das gleiche Argument kommt von feministischen Postmodernisten.“

      Das Problem ist erstens, es wird in der Regel behauptet, es gäbe da ein Zitat – irgendwo – aber dann kommt nichts und man darf raten.
      Ist es ein Zitat aus den „Studien über Autorität und Familie“?
      Dann waren es entweder Horkheimer oder Fromm.
      Mir ist aber schleierhaft, woraus sich die „Zersetzung“ herleiten lassen soll, die ich für ein Hirngespinst halte.

      Nächstes Problem ist, wenn es sich denn auf Marx bezieht, wird der klassische Satz aus dem „Manifest“ komplett missverstanden.
      Dort steht, es handle sich um die „Aufhebung“ der Familie, gelesen und – leider auch so ins Englische – übersetzt wird jedoch „Abschaffung“ (abolition). Das steht da aber nicht.

      „Aufhebung“ bezieht sich auf einen zentralen Begriff von Hegel:
      „Er bezeichnet den Vorgang der Überwindung eines Widerspruchs, wobei die positiven, wertvollen Elemente erhalten und fortgeführt werden und die negativen entfallen.“ (Wiki)

      Korrekt übersetzt also wäre: „In Hegel, the term Aufhebung has the apparently contradictory implications of both preserving and changing, and eventually advancement (…). The tension between these senses suits what Hegel is trying to talk about. In sublation, a term or concept is both preserved and changed through its dialectical interplay with another term or concept. Sublation is the motor by which the dialectic functions.“
      = Sublation (obwohl auch das nicht so ganz richtig ist).

      Abgesehen davon, dass es in den USA viele Rechte gibt, die den abenteuerlichsten Blödsinn über die Marx und die Frankfurter Schule verbreiten, gibt es zwei weitere Probleme: Schlechte Übersetzungen und das „englische Lesen“.

  • @ quellwerk

    „(wars Horkheimer oder Adorno?)“

    Ich denke, keiner von beiden.
    Gäbe es ein solches Zitat, wäre ich wahrscheinlich im Laufe der Jahre mal drauf gestoßen.

    Was ich aber kenne, sind Zitate von Horkheimer und Adorno, in denen sie den Niedergang der Familie beklagen.
    Vielleicht hast du das ja verwechselt. 🙂

    Theodor W. Adorno:

    “Mit der Familie zerging, während das System fortbesteht, nicht nur die wirksamste Agentur des Bürgertums, sondern der Widerstand, der das Individuum zwar unterdrückte, aber auch stärkte, wenn nicht gar hervorbrachte. Das Ende der Familie lähmt die Gegenkräfte. Die heraufziehende kollektivistische Ordnung ist der Hohn auf die ohne Klasse”

    Max Horkheimer:

    HORKHEIMER: Ein Beispiel: Freud lehrte, das Gewissen des Menschen entstehe durch die Autorität des Vaters. Indem Sohn und Tochter täglich vom Vater hören: “Seid fleißig! Sagt die Wahrheit! Tut das Rechte!” — geht die Forderung in ihre Psyche ein. Schließlich vernehmen sie des Vaters Stimme als ihre eigene. Während der Pubertät hält der Sohn dem Vater dann entgegen: “Sprichst denn du immer die Wahrheit? Tust du immer das Rechte?” Bis dann der Sohn versteht, daß man in dieser Welt nicht immer die Wahrheit sagen und nicht immer das tun kann, was man sollte. Das ist ein Moment der Reife. Nun aber Ist heute die Autorität des Vaters erschüttert durch die vielen soziologischen, psychologischen und technischen Veränderungen (…). Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Spielt das Gewissen, da die Autorität des Vaters nicht mehr dieselbe wie früher ist, eine andere Rolle? Oder kann es sich überhaupt nicht mehr herausbilden?

    SPIEGEL: Und wenn es so wäre?

    HORKHEIMER: Auf jeden Fall scheint doch klar, daß der Zusammenbruch des Vater-Mythos die Existenz des Gewissens als gesellschaftliches Phänomen in Frage stellt, Die Mutter, die einen Beruf ausübt, ist schon lange etwas anderes als die Mutter, deren Lebensaufgabe im wesentlichen die Erziehung der Kinder war.

    SPIEGEL: Weil ein Teil ihrer Energie durch den Beruf absorbiert wird?

    HORKHEIMER: Nicht nur das. Der Beruf verdinglicht ihre “Gedanken, wie es beim Mann der Fall ist. Dazu kommt noch etwas anderes. Sie ist gleichberechtigt. Sie strahlt nicht mehr die Liebe aus wie vorher. Die Mutter war bisher diejenige, die ihre Natur Im positiven Sinn bewahrte, durch ihre Sprache und ihre Gebärden. Ihre bewußten und unbewußten Reaktionen spielten eine wichtige Rolle in der Erziehung. Sie prägten das Kind vielleicht entscheidender als die Weisungen.

    SPIEGEL: Wollen Sie das alles zurückholen?

    HORKHEIMER: Natürlich kann man solche Prozesse nicht rückgängig machen. Man kann aber versuchen, etwas von dem Überlieferten zu bewahren, indem man die Wandlung auch in ihrer Negativität sichtbar macht. Das ist eine wichtige Aufgabe Kritischer Theorie.

    • @ Lezek

      Es ist durchaus möglich, dass ich kein Originalzität von einen der beiden genommen hatte, sondern eine Formulierung aus Wikipedia im Zshg. mit kritischer Theorie, welche dann eine, nach deiner Lesart unzulässige, Interpretation wäre. Die von dir genannten Zitate habe ich auch gefunden, was einen konservativen Wertekanon bei Adorno und Horkheimer hinsichtlich der Einstellung zur Familie nahelegt.
      Eine naive Folgerung könnte sein: da siehst man doch, dass die kritische Theorie die Familie gut fand und gefördert hat! Alles Verleumdung!
      Auf der anderen Seite stößt man im Zshg mit der Forderung nach Abschaffung der Familie immer wieder auf die kritische Theorie: wie ist das mit dem vorgeblichen Familienkonservatismus von Adorno/Horkheimer vereinbar?
      Mich stoßen die Wortlandschaften der Frankfurer Schule ab und daher werde ich mich hier nicht besonders einarbeiten. Eine einstündige Recherche zu diesem Thema ergab für mich, dass die Methode der negativen Dialektik, gepaart mit Freud, Hegel, Reich, Marx und ähnlichem ein wenig freundliches Bild der Familie zeichnet. Horkheimer spricht davon, dass es im strengsten Sinne keine bürgerliche Familie gäbe, weil sie ihr Potential nie verwirklicht habe und jetzt lediglich einen Stabilitätsanker des Kapitalismus darstelle. Was soll man davon halten? Dies ist doch eine Einladung, die gescheiterte Familie abzuschaffen! Eine merkwürdige, haltungslose, pessimistische Stellungnahme zur Familie.
      Konsequenter Weise eignet sich diese Rede für den Feminismus, um fruchtbar anzusetzen. Ich habe erschreckende 320.000 Treffer, wenn ich nach „feminismus und kritische theorie“ suche, wovon ich hier die ersten drei gebe:
      1. Kritische Theorie und feministische Anschlüsse (Dr. Imke Schmincke)
      http://www.gender.soziologie.uni-muenchen.de/studium-lehre/archiv-lehrveranstaltungen/archiv-semester/lehre_wise10_111/koerperchmincke/index.html
      2. Feminismus & Kritische Theorie – Ein Vortrag von Barbara Umrath
      https://www.youtube.com/watch?v=ZDGv8M6Sw6M
      3. Kritische Theorie verstehen
      https://kritischetheorieverstehen.wordpress.com/2017/06/06/feministisch-kritische-theorie/
      Es ist bekannt und unbestreitbar, dass der Feminismus die Kleinfamilie als Unterdrückung der Frau deutet. Daraus folgt logisch zwingend, ohne dass ich jetzt hier Fundstellen beibringen muss, dass die Grundintention des Feminismus die Abschaffung konventioneller Kleinfamilien ist. Wenn 300000 Treffer eine Interessengemeinschaft zwischen kritischer und feministischer Theorie nahelegen, folgt daraus, dass die Grundintention der kritischen Theorie hinsichtlich zur Familienfrage der feministischen Theorie nicht zuwiderläuft.
      Eine Untersuchung der Schrift „Deutsche Ideologie“ von Karl Marx und hier wahrscheinlich die Fassung, die sich mit Stirner befasst, bringt folgende Blüten, die ich, wenn ich es nicht besser wüsste, einem Genderisten zugeordnet hätte, vor allem weges des darin aufblitzenden Zynismus, eine nach meiner Einschätzung oft anzutreffende Eigenschaft linker Denke:

      „Die in der Familie latente Sklaverei entwickelt sich erst allmählich mit der Vermehrung der Bevölkerung … “
      Hier bestreitet er einen Begriff der Familie. Sie sei nur eine empirische Zufälligkeit:
      „Diese Familie, die im Anfange das einzige soziale Verhältnis ist, wird späterhin, wo die vermehrten Bedürfnisse neue gesellschaftliche Verhältnisse, und die vermehrte Menschenzahl neue Bedürfnisse erzeugen, zu einem untergeordneten (ausgenommen in Deutschland) und muß alsdann nach den existierenden empirischen Daten, nicht nach dem „Begriff der Familie“, wie man in Deutschland zu tun pflegt, behandelt und entwickelt werden“
      „Mit der Teilung der Arbeit …, ist zu gleicher Zeit auch die Verteilung, und zwar die ungleiche, sowohl quantitative wie qualitative Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte gegeben, also das Eigentum, das in der Familie, wo die Frau und die Kinder die Sklaven des Mannes sind, schon seinen Keim, seine erste Form hat. Die freilich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das erste Eigentum, das übrigens hier schon vollkommen der Definition der modernen Ökonomen entspricht, nach der es die Verfügung über fremde Arbeitskraft ist.“
      Familie als strukturelles Herrschaftsmittel:
      „Der junge Bourgeois macht sich von seiner eignen Familie unabhängig, wenn kann, löst für sich die Familie praktisch auf; aber die Ehe, das Eigentum, die Familie bleiben theoretisch unangetastet,weil sie praktisch die Grundlagen sind, auf denen die Bourgeoisie ihre Herrschaft errichtet hat, weil sie in ihrer Bourgeoisform die Bedingungen sind, die den Bourgeois zum Bourgeois machen, gerade wie das stets umgangene Gesetz den religiösen Juden zum religiösen Juden macht.“
      Die wahre Familie besteht nur aus Zuneigung (Ehe für alle):
      Es ist überhaupt nicht von „der“ Familie zu sprechen. Die Bourgeoisie gibt historisch der Familie den Charakter der bürgerlichen Familie, worin die Langweile und das Geld das Bindende ist und zu welcher auch die bürgerliche Auflösung der Familie gehört, bei der die Familie selbst stets fortexistiert. Ihrer schmutzigen Existenz entspricht der heilige Begriff in offiziellen Redensarten und in der allgemeinen Heuchelei. Wo die Familie mit wirklich aufgelöst ist, wie im Proletariat, findet grade das Gegenteil von dem statt, was „Stirner“ meint. Dort existiert der Familienbegriff durchaus nicht, während stellenweise allerdings Familienzuneigung, gestützt auf höchst reale Verhältnisse,gefunden wird.
      Familie als reiner Stabilitätsanker des Kapitalismus:
      „Im achtzehnten Jahrhundert wurde der Familienbegriff von den Philosophen aufgelöst, weil die wirkliche Familie auf den höchsten Spitzen der Zivilisation bereits in der Auflösung begriffen war. Aufgelöst war das innere Band der Familie, die einzelnen Teile, aus denen der Familienbegriff komponiert ist, z.B. Gehorsam, Pietät, eheliche Treue pp.; aber der wirkliche Körper der Familie,Vermögensverhältnis, ausschließliches Verhältnis gegen andre Familien, gezwungenes Zusammenleben, die Verhältnisse, die schon durch die Existenz der Kinder, den Bau der jetzigen Städte, Bildung des Kapitals pp. gegeben waren, blieben, wenn auch vielfach gestört, weil das Dasein der Familie durch ihren Zusammenhang mit der vom Willen der bürgerlichen Gesellschaft unabhängigen Produktionsweise nötig gemacht ist.“

      • Ähhh, du bist dir schon klar darüber, die „Deutsche Ideologie“ ist

        1. nie als solches Werk geplant,
        2. zu Lebzeiten von Marx und Engels nicht veröffentlicht worden, dass 3. Marx und Engels auch nie vorhatten, dies Werk so zu veröffentlichen?!
        Schließlich handelt es sich
        4. eine solide stalinistische (!) Fabrikation.

        „Das Ziel Stalins war es, das MEI als Ort kritischer marxistischer Intellektueller zu liquidieren. Zum Nachfolger wurde Vladimir Adoratskij ernannt; insbesondere dem stellvertretenden Direktor I. Tovstucha kam die Aufgabe der „Säuberung“ zu, die zur Entlassung von 131 der 243 MitarbeiterInnen des Instituts führte. Damit begann eine weitere Phase. Die neuen Herausgeber der „Deutschen Ideologie“ erstellten nun durch Kompilation einen Text, der den kanonischen Anspruch erhob, ein abgeschlossenes Werk von Marx und Engels darzustellen, in dem die Grundlagen des historischen Materialismus entfaltet worden seien.
        Dieser wurde dann 1955 (auf Deutsch 1958) zur Grundlage der Marx-Engels-Werke Bd. 3 und damit auch maßgebend für die weitere Marx-Forschung, Lehre und politische Bildung. Dieser Band markiere den Gipfelpunkt des Versuchs, ein „abgeschlossenes Werk zu rekonstruieren, das als Gründungsschrift des historischen Materialismus gelten sollte“.“
        https://marx200.org/blog/die-deutsche-ideologie-hat-es-nie-gegeben-und-jetzt

        Nachdem Stalin den „Leninismus“ erfunden hatte, warum nicht auch einen passenden „Marxismus“ erfinden?

        Gedanken zur Familie sind tatsächlich erst wieder aufgegriffen worden von Engels im Rahmen von „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“.
        An diesem Werk hätte ich ebenfalls zwei oder drei Kritikpunkte.

        • Sach mal, ihr wollt wohl immer das letzte Wort haben? Marx sagt hier ganz klar, dass Familie Sklaverei und ein Prototyp für den arbeitsteiligen Kapitalismus sei. Das soll nun auch nicht gelten, weil irgendwelche linken Mafiosis ihre Finger im Spiel hatten?. Sind wir hier beim „Das ist nicht mein Feminismus“? Anstatt solche Spielchen, wären Neuschöpfungen von Inhalt und Begriff für eine neue linke Bewegung der Mitte, die man-tau hier ins Spiel bringt, wesentlich interessanter. Dafür müsste man seinen Kopf anstrengen. Wie verhält sich nun eine neue linke Bewegung zu Phänomenen wie das Genderparadoxon? Lezeks Weltanschaung ist nach seinen eigenen Worten wahrheitsorientiert – ich nehme an, er meint damit faktenbasiert? Wie geht ein Linker, der Gleichheit will, mit Ungleichheit um? Man muss hier doch mal klare Ansagen machen, was an erster, zweiter, dritter Stelle kommt. Gibt es eine Hirarchie der Werte? Steht das Individuum an erster Stelle? Die Altvorderen sind für eine Beantwortung dieser Fragen untauglich, was man daran erkennen kann, dass wenn sie beim Wort genommen werden, immer einer hervorhüpft und verkündet, dass sei nicht relevant.

      • Du hast m.E. ein zentrales Problem, du liest die Vertreter der Kritischen Theorie damit so, wie es die *feministische Lesart* hergibt – es ist nicht relevant und Ausgangspunkt, was bspw. Horkheimer wirklich geschrieben hat, sondern wie feministische Autorinnen ihn gerne interpretieren würden.
        „Es ist bekannt und unbestreitbar, dass der Feminismus die Kleinfamilie als Unterdrückung der Frau deutet.“
        Logisch.
        Was hast du denn anderes erwartet?
        In der feministischen Geschichtsschreibung muss es ein kontinuierliches Moment einer „strukturellen“ patriarchalen Unterdrückung geben, alle Verhältnisse müssen Zwangsverhältnisse sein, die *ausschließlich für Frauen* gelten.
        Da es sich um einen bürgerlichen Feminismus handelt, interessiert sie die bürgerliche Kleinfamilie oder maximal die kleinbürgerliche Kleinfamilie.
        So sorgt dieser Feminismus wie von selbst dafür, Familienverhältnisse für die Mehrheit der Gesellschaft zu sehen, die für diese *nicht existiert haben*, damit erfinden sie selbstverständlich auch eine *Geschichte*, die nicht existiert hat.

        Die würden jeden -ismus kooptieren, so lange er das von ihnen gewünschte Resultat aufzeigt.
        Der Marxismus und alle Marxismen hatte das Unglück, für die zweite Welle des Feminismus die „soziale Konflikttheorie“ des Vertrauens zu sein, wir wissen, die Vorliebe hielt nicht lange.
        Und weil es passt wie Arsch auf Eimer hier die Überschrift des „Zerwürfnisses“ als Text von 1979 (!):
        „THE UNHAPPY MARRIAGE OF MARXISM AND FEMINISM TOWARDS A MORE PROGRESSIVE UNION“ https://web.ics.purdue.edu/~hoganr/SOC%20602/Hartmann_1979.pdf

        Enough said? Es kann sich die Verbindung von zwei Theorien überhaupt nur im Rahmen einer „Hochzeit“ vorgestellt werden und zentrale These ist natürlich: „Happy wife, happy life!“ – nur sagt man das nicht so deutlich, aber meint es. Feminismus ist ein Parasit.

        Hier ein Zitat, das als feministische Grundüberzeugung bis in die Neuzeit der feministischen „care-revolution“ reicht und – keine Angst – sie meint es so: „As a general rule, men’s position in patriarchy and capitalism prevents them from recognizing both human needs for nurturance, sharing, and growth, and the potential for meeting those needs in a non-hierarchical, non-patriarchal society.“
        Womit es ein „geheimes weibliches Wissen“ über menschliche Bedürfnisse gibt, das sich unbeschadet *durch* den Kapitalismus *im* Kapitalismus entwickeln und halten konnte. 😉

        Sie haben ihre eigene Widersprüchlichkeit nie begriffen.
        Niemals nicht.

        • Danke, für den zutreffenden Hinweis. Wer hätte gedacht, dass wir mal auf eine Linie kommen? 🙂 Da ich weiss, dass jede Bemerkung von mir eine Gegenrede von dir triggert, enthalte ich mich der weiteren Erörterung der Frage des Sinns, die die Lezeksche Genealogie der Kritischen Theorie haben soll, vielleicht nur soviel: was macht ihre Rehabilitierung für einen Sinn, wenn es so leicht ist, sie zu missbrauchen?

          • Aus der Diskussion will ich mich allgemein raushalten, weil ich diesbezüglich einfach viiiiiiiel zu unbewandert bin. Nur mal hierzu: „…was macht ihre Rehabilitierung für einen Sinn, wenn es so leicht ist, sie zu missbrauchen?“

            Ist nicht jede Theorie, jede Philosophie leicht zu missbrauchen, wenn man ihr einfach nur einzelne Aspekte, die einem ins Narrativ passen, entnimmt, um sie dann völlig entkontextualisiert in Endlosschleife runterzubeten? Ein Darwin hätte wohl auch nie gedacht, dass es Leute geben wird, die seine Theorien vom „survival of the fittest“ schlank auf die menschliche Gesellschaft umlegen, um damit jegliche Form sozialer Unterstützung in Frage zu stellen, sie gar als Vehikel zur Schwächung und Zersetzung der Menschheit an sich auslegen. Jeder, der sich nur halbwegs mit den Konzepten der Evolution auskennt, weiß, dass hier geradezu DAS Musterbeispiel für einen biologistischen Fehlschluss vorliegt, was aber besagte Typen nicht davon abhält, an ihren Fehlschlüssen festzuhalten.

            Es ist da nur verständlich, dass dann Biologen darauf hinweisen, dass gerade soziales Verhalten seit Urzeiten eine evolutionäre Überlebensstrategie der menschlichen Spezies war. Das hat dann auch nichts damit zu tun, dass sie nur eine leicht missbräuchliche Theorie zu rehabilitieren versuchen. Sie versuchen sie nur auf das zurückzuführen, was diese Theorie tatsächlich, außer der verkürzten Aussagen durchgeknallter Ideologen, aussagt, indem sie die Verkürzungen wieder in ihren Kontext zurückführen.

            Und so deute ich die Kommentare von Leszek, Crumar und Co. hier. Und das finde ich mehr als legitim.

          • @ Billy Coen

            Warum so bescheiden?

            Allerdings machst du dich auch eines Fehlschlusses schuldig. Du vergleichst den nachträglichen Missbrauch Darwins (übrigens hat sich auch der Kommunismus von Darwin inspirieren lassen) mit dem nachträglichen Missbrauch der Kritischen Theorie. Die Aussagen der Evolutionsbiologie sind naturwissenschaftliche, die Aussagen der kritischen Theorie geisteswissenschaftliche. Die Aussagen der zweiten Gruppe sind „weicher“. Der biologische Fehlschluss, der sich auf Evolutionsbiologie gründet, ist einsichtig. Darum spricht auch keiner von einer evolutionsbiologischen Verschwörung, weil die Gruppe, die den Fehlschluss ausführt, identifizierbar und das Fehlverhalten auf den Schluss beziehbar ist. Es macht keinen Sinn, die Evolutionsbiologie zu diskreditieren (wie es Konservative über den Begriff des Kulturmarxismus mit der Kritischen Theorie machen), weil die Aussagen der Evolutionsbiologie Fakten sind.

            Sind die Aussagen der Kritischen Theorie Fakten? Ist der Kulturpessimismus ein Faktum, den man sich beugen muss? Hat es „Familie“ noch nie wirklich gegeben, wie es Horkheimer sagt? Es es möglich einen Fehlschluss des Feminismus nachzweisen, der sich auf eine fehlerhafte Anwendung von Aussagen der kritischen Theoie gründet?
            Dein Analogischluss ist voreilig. Du kannst geisteswissenschaftliche Theorien als untauglich verwerfen, soweit sie schädliche Wirkung haben. Das ist mit der Evolutionsbiologie nicht möglich. Ein Linker kann sagen: ich möchte die Vergemeinschaftung des Eigentums an Produktionsmittel und glaube, dass die familiale Struktur einer Gesellschaft hierfür die besten Voraussetzung bietet. Why not? Man könnte nicht das Gegenteil beweisen, weil mit Sicherheit, wenn eine theoretische Widerlegung dieser These versucht würde, genauso viel Gründe angeführt werden könnten (möglicherweise wiederum durch einen biologischen Fehlschluss), die für die aufgestellte These sprächen.
            Diese neue These würde sich, wenn sie klug wäre, nicht auf die Aussagen der kritischen Theorie stützen, weil deren Position möglicherweise zwar nachvollziehbar und sogar wahr sein könnte, aber viel zu relativierend, skeptisch und schwächlich, um als Grundlage für die neue These zu fungieren.

          • @ quellwerk

            Meine „Bescheidenheit“ begründet sich darin, dass ich hier vorrangig thematisierte Geisteswissenschaftler nur im Anriss aus Sekundär- und Terziärquellen kenne, was ich nicht für eine gute Basis empfände, hier in einer Art mitzudiskutieren, als wüsste ich wirklich, wovon ich rede… 😉

            Ein Grund, warum ich hier als Analogie die Missinterpretation evolutionsbiologischer Theorien angeführt habe, war, dass mir da zunächst als erstes ein Beispiel mit den Sozialdarwinisten eingefallen ist. Ich weiß schon, dass man Theorien der Naturwissenschaften nicht so ohne weiteres mit denen der Geisteswissenschaften gleichsetzen kann. Aber gerade deshalb fand ich den Ansatz insofern günstig plakativ, weil er aufzeigt, dass sogar Theorien einer „harten“ Wissenschaft grotesk fehlinterpretiert werden können. Ich wollte damit nur darauf hinaus, dass es nicht (zumindest nicht zwingend) Schuld der Theorie sein muss, wenn sie (teils offenkundig) missbraucht wird.

            Ich gebe dir aber Recht, dass es natürlich in der Reaktion darauf wesentlich leichter, weil handfester und belegbarer, ist, bei „harten“ Wissenschaften aufzuzeigen, warum der Depp, der sie fehlinterpretiert und missbraucht eben tatsächlich nur ein Depp ist, der sie fehlinterpretiert und missbraucht. Das lässt sich dann in der Regel auch öffentlich, selbst für Laien verständlich, wesentlich leichter darlegen. Geisteswissenschaften, die sich weniger greifbarem und noch schwerer konkret beweisbarem zuwenden, lassen dadurch auch mehr Spielräume für teils recht freie Interpretationen, die dann eben, selbst wenn sie wenig bis nichts mit dem zu tun haben, was der ursprüngliche Autor eigentlich meinte, schwerer klar als eindeutige (missbräuchliche) Fehlinterpretationen zu enttarnen sind. Ich wage zu behaupten, der teils etwas verkopfte bis manchmal völlig verquaste Schreibstil einiger Geisteswissenschaftler trägt da noch sein Übriges zu bei… ;P

            Inwieweit nun die Postmodern Linke Foucault, Derrida und Co. falsch interpretieren und damit einhergehend auch Petersons Kritik an denen ins Leere läuft oder nicht, das überlasse ich in dieser Diskussion aus eingangs erwähntem Grund den Fachleuten hier. Einzig noch möchte ich hier auch noch das aufgreifen, was Pjotr bereits zu bedenken gab: das was wir heute flächendeckend unter PC subsummieren, schwappte wellenweise aus den Staaten hierher; genau wie auch die Kritik daran und an den vermeintlichen Quellen, auf welche sich heutige politische Korrekte berufen. Wie von Pjotr angedeutet reden wir da von einer Gesellschaft, in der einige schon „Marxismus“ plärren, wenn sie nach nem Umzug von der Telefongesellschaft eine Anfrage nach Aufnahme ins Telefonbuch kriegen. Und manchmal überkommt mich das Gefühl, betrachtet man z. B. den Zustand der dortigen Unis, dass ein nicht unerheblicher Teil des gesellschaftlichen Diskurses sich auf derartigem geistigen Niveau bewegt. Insofern würde es mich zumindest nicht überraschen, wenn von dort exportierte Interpretationen, an denen sich Peterson ja nun teils abarbeitet, nicht weiter von dem entfernt sein könnten, was die jeweiligen Geisteswissenschaftler damit eigentlich zum Ausdruck bringen wollten.

            Aber wie gesagt: ist eben nur ein Gefühl von mir. Leszek kann da sicher besseres und konkreteres zu aufwarten.

      • @ Andreas Lange „Ich habe erschreckende 320.000 Treffer, wenn ich nach ‚feminismus und kritische theorie‘ suche“ Ganz zweifellos ist die Kritische Theorie à la Adorno gut für einen Feminismus zu gebrauchen, der die Gesellschaft insgesamt als „Patriarchat“ beschreibt. Besonders interessant muss hierbei dann die Vorstellung einer umfassenden Falschheit der (gesellschaftlichen) Verhältnisse sein.

        Allerdings müssen andere zentrale Aspekte Adornos dafür völlig ignoriert werden. Nun ist eine solche selektive Nutzung von Theorien ganz normal. Sie ist keine seriöse Interpretation des Vorhandenen, sondern nutzt es gleichsam als Werkzeugkasten, aus dem eben gerade das herausgenommen wird, was momentan nötig ist.

        Hier ging es allerdings um den Vorwurf, Adorno und Kritische Theorie („Kulturmarxismus“) oder Derrida und französischer Postmoderne (Peterson) ginge es um die Zersetzung der Gesellschaft, einfach um der Zersetzung Willen. Das ist so sicherlich falsch. Obwohl sich Einsteins Theorie zum Bau von Atombomben nutzen ließ, wäre es trotzdem abstrus, ihm den Vorwurf zu machen, es sei ihm bei der Relativitätstheorie um die Zerstörung japanischer Städte gegangen.

        Anhänger der Kritischen Theorie sollten allerdings tatsächlich überlegen, ob die Annahme einer umfassenden Falschheit gesellschaftlicher Verhältnisse nicht einfach Blödsinn ist – das ist sie nämlich aus einer pragmatischen Hinsicht, die man mit Peirce oder Dewey beschreiben könnte.

        Für das, was andere daraus machen, sind sie allerdings bestenfalls zum Teil verantwortlich. Wer Adorno beliebig verwurstet, muss dafür schon selbst Verantwortung übernehmen und kann sich damit nicht auf Adorno berufen.

        Ich hab mal vor Jahren in einem Text zu den Gender Studies deren Verhältnis zu Adornos Ansatz kurz skizziert – und auch, warum Adorno eigentlich überhaupt nicht für sie nutzbar ist. Ich kopiere das hier einfach einmal hinein, im Originalartikel sind dann noch Links:

        „Warum man mit Adorno keine Gender Studies basteln kann

        Es lohnt sich, kurz einen Blick auf theoretische Hintergründe dieser Probleme zu richten. Manfred Köhnen wirft in der Schrift der grünen Heinrich-Böll-Stiftung zur Verteidigung der Gender Studies dem Blog „Kritische Wissenschaft“ vor, in seiner Gender Studies-Kritik einseitig die Position Karl Raimund Poppers zu vertreten und „noch nicht einmal eine Fußnote zum Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ einzufügen (S. 45) – was übersetzt bedeutet, dass das Blog die durch Adorno prominent vertretene Gegenposition nicht würdige.

        Im Positivismusstreit, initiiert durch zwei 1961 gehaltene Vorträge Poppers und Adornos zur „Logik der Sozialwissenschaften“, geht es, kurz gefasst, um den Stellenwert empirischer Überprüfbarkeit von Theorien. Während für Popper sinnvolle wissenschaftliche Sätze prinzipiell empirisch widerlegbar sein müssen, zweifelt Adorno grundsätzlich an der Vertrauenswürdigkeit empirischer Daten in der Sozialwissenschaft. Einzelbeobachtungen seien immer durch gesellschaftliche Strukturen insgesamt geprägt, und Einzeldaten würden täuschen ohne „die Antizipation jenes strukturellen Moments, des Ganzen“.

        Wer also auf die einzelnen Daten baue, „sabotiert sich selbst samt dem Begriff der Wahrheit“, weil er übersehe, wie sehr sich in diesen Daten selbst „das gesellschaftliche Unwahre“ zeige. Knapp ausgedrückt: In einer Gesellschaft, die insgesamt falsch ist, kann man nach Adorno nicht naiv von der Richtigkeit einzelner Beobachtungen ausgehen.

        Es ist verständlich, dass diese Position für die Autoren einer Schrift interessant ist, die gegen ein „sehr enges Verständnis von Wissenschaftlichkeit“ (S. 7) argumentieren und damit eben die Zumutung empirischer Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Positionen meinen. Allerdings können sie sich tatsächlich kaum auf Adorno berufen – und der Grund, warum sie das nicht können, ist charakteristisch für die Gender Studies insgesamt.

        Adorno distanziert sich in seinem Vortrag, darin Popper ausdrücklich zustimmend, von einer „Standpunktsphilosophie“ und „Standpunktssoziologie“ – der Gedanke, dass die parteiliche Sicht von einem bestimmten Klassenstandpunkt oder die „Sicht von unten“ „bessere Wissenschaft“ produziere, ist Adorno ebenso fremd wie Popper. Der Grund lässt sich erläutern an einer Schrift Adornos, die vier Jahre später erschien, an seinen „Meditationen zur Metaphysik“.

        „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. (…) Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.“ (Meditationen zur Metaphysik, S. 62)

        Eine Kultur, in der Nationalsozialismus und organisierte Massenmorde in den Vernichtungslagern möglich wurden, ist für Adorno in radikaler Weise nicht vertrauenswürdig. Wer diese Kultur verteidige, produziere ebenso Müll wie derjenige, der sie kritisiere und ja doch zugleich ein Teil von ihr sei, und auch das Schweigen biete keinen Ausweg. Es ist dem gegenüber naiv, wenn Köhnen und co. glauben, dass das ja alles so sein möge – aber wer die Position von reflektierten Frauen einnehme und die heterosexuelle Matrix kritisiere, der habe eben doch einen Ausweg gefunden.

        Adornos systematische Produktion theoretischer Ausweglosigkeiten ist, wahlweise oder abwechselnd, in inspirierender oder ärgerlicher Weise provozierend – eine Grundlage für einen „Wissenschaftsbereich“ (S. 32) ist sie in keinem Fall. Wer Adorno wie Köhnen für die Gender Studies vereinnahmt, der simplifiziert seine Position ebenso wie die konservativen Kulturmarxismus-Schattenboxer, die Adorno und die Frankfurter Schule als Totengräber der westlichen Kultur phantasieren.“

        https://man-tau.com/2013/07/31/gender-studies-und-die-logik-der-feindschaft/

        • Ich folge deinem Argument. Der Auszug aus Meditationen zur Metaphysik, S. 62, erläutert eine nachzuvollziehende Haltung. Die Methapher der Kreises ist hellsichtig. Dies hat aber mehr geschichtliches Interesse. In jeden Fall ist seine Haltung skeptisch und pessimistisch. Kombiniere dies mit Skepsis und Optimismus (Bestreitung objektiver Realität, Befreiung der Frau), dann ist die Adornosche Position wie ein Blatt im Wind. Ein Konservativer weisser Mann aus der unteren Mittelschicht, der kontinuierliche Abwertung erfährt, wird sich gegen diese Skepsis wehren und alles, was seine Abwertung fördert, verdammen und unter einem Begriff bringen, wie zum Beispiel dem des Kulturmarxismus.

        • das ist sie nämlich aus einer pragmatischen Hinsicht, die man mit Peirce oder Dewey beschreiben könnte

          Dewey? Oha, sehr verdächtig, war Dewey doch engagierter Verteidiger von Trotzki, als der im mexikanischen Exil lebte! Damit haben wir den Beweis: Lucas Schoppe ist Kulturtrotzkist!

          Die „Kulturmarxismustheorie“ ist bekanntlich eine Theorie aus den USA. Dort gibt es eine beträchtliche libertaristische anarchokapitalistische Strömung, die grundsätzlich jeder staatlichen Intervention kritisch bis radikal ablehnend gegenüber steht. In diesem Koordinatensystem wird staatliche Einflussnahme ganz salopp unter Marxismus subsummiert und wenn sich die Einflussnahme auf Kulturelles erstreckt, dann wird es eben als Kulturmarxismus etikettiert. Die Herleitung dieser Theorien von Derrida, Focault oder Adorno ist der hilflose Versuch, eine historische Kontinuität zu behaupten, die nicht gegeben ist.

          • @Pjotr „Oha, sehr verdächtig, war Dewey doch engagierter Verteidiger von Trotzki, als der im mexikanischen Exil lebte!“ Und er hat sogar eine Kommission geleitet, die Stalins Vorwürfe gegen Trotzki und den Moskauer Prozess untersuchte und die Trotzki schließlich umfassend entlastete.

            Das, obwohl Dewey vorher Trotzki scharf kritisiert hat. Die beiden hatten sich in mehreren Essays mit der Frage beschäftigt, ob der Zweck die Mittel heiligen könne – was Trotzki bejahte, Dewey aber entschieden verneinte.

            Damals war das also irgendwie noch möglich: dass man die Meinung von jemandem für völlig falsch, sogar fatal halten konnte – dass man diesen Menschen aber zugleich engagiert gegen die Verletzung seiner Rechte verteidigte. Weiß ich auch nicht, wie die Menschen das damals gemacht haben….

          • @ L.S
            Mir ist Dewey eigentlich nur in diesem Zusammenhang bekannt – wegen meines Interesses für russische Geschichte und damit seiner Rolle als Kommissionsleiter der sogenannten, nach ihm benannten „Dewey-Kommission“.

        • „Allerdings müssen andere zentrale Aspekte Adornos dafür völlig ignoriert werden. Nun ist eine solche selektive Nutzung von Theorien ganz normal. Sie ist keine seriöse Interpretation des Vorhandenen, sondern nutzt es gleichsam als Werkzeugkasten, aus dem eben gerade das herausgenommen wird, was momentan nötig ist.“

          Du meinst so, wie das Laszek im hier vorliegenden Text mit Peterson macht ?

          Aber egal. Weiter gehts mit
          „Hier ging es allerdings um den Vorwurf, Adorno und Kritische Theorie („Kulturmarxismus“) oder Derrida und französischer Postmoderne (Peterson) ginge es um die Zersetzung der Gesellschaft, einfach um der Zersetzung Willen. Das ist so sicherlich falsch. “

          Und wie Peterson darauf antworten würde: „No, i didn’t say that“.
          Diese Unterstelung ist völiger Humbug, auf den man doch mMn nur kommen kan, wenn man Petrsons Aussage über den Joker bewusst falsch interpretiert (warum macht man sowas? Letztlich doch – genau – um ihn (moralisch) zu diskreditieren – auch so einer der am häufigsten von Laszek vorgebrachten Behauptungen ggü Peterson…)

          Nein, sowas sagt Peterson absolut überhaupt nicht. Er sagt, dass „ein Kind der beiden“, also ein Mensch, der unter dem einfluss einer von solchen Grundgedanken ausgehenden Erziehung aufwächst, zu einem solchen Joker zu werden droht. Dass ein Mensch, der unter einer solchen Erziehung aufwächst, aufgrund von entwicklungspsychologischen dynamiken eben nicht zu einem menschenfreundlichen humanisten heranwächst, wie es möglicherweise Derrida selbst ja gewesen sein mag, sondern zu einem solchen nihilistischen Monster wie dem Joker, der dann tatsächlich Zersetzung um der Zersetzung willen betreiben kann. (Und auch wenn ich Petersons Formulierung von Derida als „gefährlichsten Menschen nach … für tatsächlich völlig daneben halte: darin liegt die von ihm postulierte „gefährlichkeit“: Dass, unabhängig davon, dass Derida selbst ein ganz lieber Kerl gewesen sein mag, sein Denken und sein Einfluss einen solcherart desaströsen Einfluss haben könne.)

          DAS ist die Aussage von Peterson. Er denkt und argumentiert hier wieder einmal als Psychologe, was offenkundig Laszek in einer Art und Weise fremd ist, dass ihn diese Art einer Argumentation intellektuell vollständig zu überfordern scheint – jedenfalls wird all das, was er da an „Argumentation“ auffährt, Petersons Argumentation einfach in keiner Hinsicht gerecht, weil es dessen Aussagen im Grunde kaum tangiert.
          Er quatscht einfach völlig blind an Peterson vorbei – Entschuldigung, wenn ich das so platt formulieren muss, aber anders kann ich das kaum noch ausdrücken.

          Und daher ist es wohl besser, hier gleich nach den ersten Sätzen wider auszusteigen. Das tut mir nicht gut, mich da reinzusteigern – um all den Blödsinn zu kommentieren, müsste man die Antwort ja nochmal so lange schreiben, wie Laszeks Elaborat war.

          Ich kann nur dringend hoffen, dass Laszek sich von seinem neuen Lieblingsfeindbild wieder abwendet und anderen Dingen zuwendet, von denen er mehr versteht, und die von seinem anderweitig durchaus vorhandenen Scharfsinn profitieren könnten.

      • @ quellwerk

        „Einer der Vorzüge der Männerrechtsbewegung ist ihre Gutmütigkeit, die sich darin ausdrückt, eine Bemühung eines ihrer Mitglieder, das einen Sachverhalt zwar unzutreffend, aber in ehrlicher Absicht, darstellt, wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen.“

        Da freue ich mich aber, dass du so gnädig bist. 🙂

        „Unzutreffend ist in meinen Augen das Formelhafte der Beschreibung der verschiedenen Denkströmungen“

        „Unzutreffend“ ist in deinen Augen also das, was man in einer wissenschaftlichen Perspektive eine differenzierte und um Objektivität bemühte Darstellung nennt.

        „Wieso wirken bei dir die linken Denker immer so putzig? Foucault war nicht putzig. Der war schräg drauf.“

        Also in seinen jungen Jahren war Foucault nach meinen Kenntnissen eher unsympathisch, in seinen späteren Jahren finde ich ihn hingegen sympathisch. Siehe zu Leben und Persönlichkeit von Michel Foucault die Biographie von Didier Eribon – Michel Foucault. Eine Biographie:

        https://www.bol.de/shop/home/artikeldetails/michel_foucault/didier_eribon/EAN9783518395868/ID2961068.html

        Politisch korrekt war Foucault jedenfalls nicht. Du kannst dich übrigens schon auf einen kommenden Artikel von mir freuen, der wahrscheinlich den Titel tragen wird „Michel Foucault als Kritiker der Political Correctness“.

        „Alle Denkrichtungen sind auf eine einfache Struktur reduzierbar.“

        Aha.

        „ Peterson arbeitet mit einfachen Kategorien, die in seinen Augen wesentlich das Denken der hier beschriebenen Personen charakterisieren – dadurch wird er verständlich.“

        Peterson hat die Autoren, über die er sich auslässt, nicht gelesen, weiß nicht, was sie wirklich vertreten und betreibt diesbezüglich triviale rechte Propaganda.

        „Ich habe in einem Kommentar zu einem deiner Beiträge irgendwann einmal ein Zitat der Frankfurter Schule gereicht, in dem (wars Horkheimer oder Adorno?) explizit die Zersetzung der Familie gefordert wird.“

        Wohl eher nicht. Es gibt nach meinen Kenntnissen keinen Autor im Kontext der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, der eine „Zersetzung der Familie“ befürwortet hat.

        „Exakt das gleiche Argument kommt von feministischen Postmodernisten.“

        Theorien zur Abschaffung der Familie gab es im klassischen Radikalfeminismus in den 70er und 80er Jahren, sind aber heute auch im klassischen Radikalfeminismus weitgehend out.

        Im postmodernen Gender/Queer-Feminismus gibt es das allerdings m.W. nicht. Eine Forderung nach Abschaffung der Familie wird im Gender/Queer-Feminismus im Allgemeinen nicht vertreten. Deren Kritik beim Thema Familie ist anders aufgebaut. Ich bin u.a. in Kommentaren in diesem Strang

        https://allesevolution.wordpress.com/2017/11/07/familismus/

        darauf eingegangen, was zeitgenössische postmoderne Gender/Queer-Feministinnen zu diesem Thema vertreten.

        „Die Übereinstimmung im Ziel führt offenbar bei Kritikern zur Subsumierung unter einer Kategorie (Marxismus).“

        Es gibt keine diesbezügliche Übereinstimmung und die Subsumierung ist wissenschaftlich unzutreffend.

        „Es ist durchaus möglich, dass ich kein Originalzität von einen der beiden genommen hatte, sondern eine Formulierung aus Wikipedia im Zshg. mit kritischer Theorie, welche dann eine, nach deiner Lesart unzulässige, Interpretation wäre.“

        Ja, sowas wird´s wohl gewesen sein. 🙂

        „Die von dir genannten Zitate habe ich auch gefunden, was einen konservativen Wertekanon bei Adorno und Horkheimer hinsichtlich der Einstellung zur Familie nahelegt.“

        Die waren halt Freudianer. Und sowohl Vater und Mutter erfüllen eben gemäß der klassischen psychoanalytischen Theorie wichtige Funktionen.

        Horkheimer ist übrigens auch allgemein im Laufe seiner Entwicklung immer konservativer geworden. Da ich nicht konservativ bin, bin ich darüber nicht so begeistert, aber auch in dieser Phase hat er noch interessante Sachen geschrieben.

        „Auf der anderen Seite stößt man im Zshg mit der Forderung nach Abschaffung der Familie immer wieder auf die kritische Theorie:“

        In der konservativen/rechten Propaganda.

        „Eine einstündige Recherche zu diesem Thema ergab für mich, dass die Methode der negativen Dialektik, gepaart mit Freud, Hegel, Reich, Marx und ähnlichem ein wenig freundliches Bild der Familie zeichnet.“

        Verschiedene Dinge zusammenzuwerfen und dann irgendwas behaupten, ist natürlich ein schönes diskursstrategisches Mittel.

        „Horkheimer spricht davon, dass es im strengsten Sinne keine bürgerliche Familie gäbe, weil sie ihr Potential nie verwirklicht habe und jetzt lediglich einen Stabilitätsanker des Kapitalismus darstelle.“

        Belegquelle? Kontext?

        „Was soll man davon halten? Dies ist doch eine Einladung, die gescheiterte Familie abzuschaffen!“

        Nee, Horkheimer hielt von einer Abschaffung der Familie überhaupt nichts.

        „Ich habe erschreckende 320.000 Treffer, wenn ich nach „feminismus und kritische theorie“ suche, wovon ich hier die ersten drei gebe:“

        Wenn du die Worte „Feminismus“ „kritische“ und „Theorie“ in eine Suchmaschiene eingibst, dann erscheinen Seiten, in denen diese Begriffe auftauchen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, dass diese Begriffe in irgendwelchen Texten auftauchen ohne, dass dies etwas mit der Frankfurter Schule zu tun hat.

        „Es ist bekannt und unbestreitbar, dass der Feminismus die Kleinfamilie als Unterdrückung der Frau deutet. Daraus folgt logisch zwingend, ohne dass ich jetzt hier Fundstellen beibringen muss, dass die Grundintention des Feminismus die Abschaffung konventioneller Kleinfamilien ist.“

        Theorien zur Abschaffung der Familie gab es, wie gesagt, in den 70er und 80er Jahren, insbesondere im klassischen Radikalfeminisnus, aber z.T. auch in anderen feministischen Strömungen. In der heutigen feministischen Theoriebildung spielt das aber nur noch selten eine Rolle.

        „Wenn 300000 Treffer eine Interessengemeinschaft zwischen kritischer und feministischer Theorie nahelegen, folgt daraus, dass die Grundintention der kritischen Theorie hinsichtlich zur Familienfrage der feministischen Theorie nicht zuwiderläuft.“

        Die Treffer legen nur nahe, dass es eine entsprechende Anzahl an Seiten gibt, in denen in irgendwelchen Kontexten die Begriffe „Feminismus“, „Kritische“ und „Theorie“ vorkommen. Meistens wird das mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule wohl nichts zu tun haben.

        Außerdem solltest du die feministischen Strömungen m.E. etwas genauer ausdifferenzieren.

        Für den politisch korrekten postmodernen Gender/Queer-Feminismus ist die Kritische Theorie der Frankfurter Schule weitgehend irrelevant. Vertreter der Frankfurter Schule werden in Schriften von Gender/Queer-Feministinnen in der Regel nicht oder nur am Rande erwähnt. (Ausnahmen, die die Regel bestätigen, mag es geben, entscheidend ist aber die Regel.) Der Gender/Queer-Feminismus vertritt andere Theorien als die Frankfurter Schule und beschäftigt sich mit anderen Themen.

        Auch feministische Bloggerinnen aus dem Spektrum des Gender/Queer-Feminismus beziehen sich in ihren Blog-Artikeln ja in der Regel nicht auf Vertreter der Frankfurter Schule.

        Daneben gibt es aber auch eine feministische Strömung, die tatsächlich theoretisch an die Kritische Theorie der Frankfurter Schule anknüpft. Das ist aber eine ANDERE feministische Strömung als der politisch korrekte postmoderne Gender/Queer-Feminismus.

        Es gibt bekanntlich verschiedene feministische Strömungen. Die beiden einflussreichsten sind in heutigen westlichen Gesellschaften der klassische Radikalfeminismus und der postmoderne Gender/Queer-Feminismus (die auf ideologischer Ebene übrigens miteinander zerstritten sind). Diese beiden feministischen Strömungen stehen – zusammen mit dem Staatsfeminismus bzw. staatlich institutionalisierten Feminismus – bei meiner Feminismuskritik im Zentrum.

        Außer diesen gibt es auch noch eine Reihe weiterer feministischer Strömungen, die kleiner und weniger einflussreich sind. Und zu diesen kleineren und weniger einflussreichen feministischen Strömungen gehört u. a. auch eine Feminismus-Variante, die an die Kritische Theorie der Frankfurter Schule anknüpft. Das ist im heutigen Feminismus aber eine Minderheitenströmung.

        Eine bekanntere Feministin, die tatsächlich an die Kritische Theorie der Frankfurter Schule anknüpft, ist z.B. Nancy Fraser. Von deren feministischem Ansatz halte ich zwar nicht viel, da er mit linksmaskulistischen bzw. integral-antisexistischen Sichtweisen bislang leider nicht kompatibel ist, aber, wenn Nancy Fraser über andere Themen schreibt als Feminismus, ist sie m.E. als politische Theoretikerin oft lesenswert. Des Weiteren ist Nancy Fraser eine Kritikerin des postmodernen Gender-Feminismus, den sie – zu Recht – für neoliberalismus-kompatibel hält. Hierzu gibt es lesenswerte Texte von ihr.

        • Kann man alles so stehen lassen, wenn man sich nur gegen Auswüchse feministischer Strömungen richten möchte. Ich verfolge einen anderen Ansatz, der sich nicht um spezielle feministische Strömungen kümmert, sondern sich gegen feministische Strömungen i.A. richtet, mein Standpunkt ist der Antifeminismus.

        • @Lezek

          In dieser Quelle

          http://www.wyss-sozialforschung.ch/kommentare/kkkkommentare/k0114/k0114_horkheimer2.html

          wird die Aussage Aussage Horkheimers zur Familie

          „Im strengsten Sinn gibt es die ‚bürgerliche Familie‘ überhaupt nicht. (Institut für Sozialforschung (1956): S. 122)“

          zitiert aus

          „Institut für Sozialforschung
          (1956)
          Familie
          In: Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Soziologische Exkurse. Nach Vorträgen und Diskussionen. Fr.a.M.: Europäische Verlagsanstalt 1983: 116-132

        • @Leszek:
          Die Treffer legen nur nahe, dass es eine entsprechende Anzahl an Seiten gibt, in denen in irgendwelchen Kontexten die Begriffe „Feminismus“, „Kritische“ und „Theorie“ vorkommen. Meistens wird das mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule wohl nichts zu tun haben.

          Das ist doch ein (schlechte) Ausrede.

          Hier die ersten 3 (von vielen Tausend) Treffern wenn man bei google Scholar nach
          Feminismus „kritische theorie“
          sucht (man beachte die Anführungszeichen, damit erzwingt man dass die Worte in genau dieser Form vorkommen müssen. Damit ist deinem Einwand „es kommen diese Worte in irgendwelchen Kontexten vor“ Rechnung getragen):

          Knapp, 2012: „Kritische Theorie in der feministischen Rezeption“, Zitiert von 41
          Klinger 1998: „Feministische Philosophie als Dekonstruktion und Kritische Theorie“, Zitiert von 33
          Becker 2010: „Handbuch Frauen-und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie“ mit dem Unterkapitel „Kritische Theorie“, Zitiert von 403

          Wiederholt man die Suche auf englisch (feminist „critical theory“) erhält man über 100.000 hits auf google scholar (nicht auf google!). Angesichts dieser Ergebnisse sehe ich nicht, wie man eine Verbindung von Feminismus und kritischer Theorie abstreiten kann.

          Das gelingt nur, indem du denselben Taschenspielertrick anwendest, der auch von vielen Feministinnen in der Diskussion verwendet wird: Es gibt nicht „den“ Feminismus. Als wären die verschiedenen feministischen Strömungen alle völlig unabhängig und hätten nichts miteinander zu tun.
          Ja, es gibt verschiedene Unterkategorien von Feminismus (Genderfeminismus, Radikalfeminismus, Queerfeminisus, Sex-negativer Feminismus). Dennoch sind das alles Unterkategorien von „Feminismus“. Es ist m.M.n. nicht sinnvoll so strikte Grenzen zwischen den Unter(!)kategorien einzuziehen und so zu tun als hätte der Genderfeminismus gaaaaaar nichts zu tun mit dem Sex-negativen Feminismus.

          Die Frage was eine angemessene Differenzierungsebene ist, bleibt natürlich dennoch bestehen (und ist sinnvoll).


          Für den politisch korrekten postmodernen Gender/Queer-Feminismus ist die Kritische Theorie der Frankfurter Schule weitgehend irrelevant. Vertreter der Frankfurter Schule werden in Schriften von Gender/Queer-Feministinnen in der Regel nicht oder nur am Rande erwähnt. (Ausnahmen, die die Regel bestätigen, mag es geben, entscheidend ist aber die Regel.) Der Gender/Queer-Feminismus vertritt andere Theorien als die Frankfurter Schule und beschäftigt sich mit anderen Themen.

          Auch feministische Bloggerinnen aus dem Spektrum des Gender/Queer-Feminismus beziehen sich in ihren Blog-Artikeln ja in der Regel nicht auf Vertreter der Frankfurter Schule.

          Hierzu ein anderer Gedanke der mich beschäftigt: Wir wissen, dass die feministischen „Wissenschaften“ in der Regel alles andere als wissenschaftlich arbeiten. Das bedeutet allerdings auch, dass man aus der Nicht-Erwähnung von bestimmten Autoren und philosophischen Strömungen in feministischen Schriften NICHT folgern kann, diese Autoren und philosophischen Strömungen hätten keinen Einfluss. Es könnte auch einfach schlechte wissenschaftliche Praxis sein.
          Beim einem Großteil der feministisch-„wissenschaftlichen“ Texte schlägt man doch schon beim Abstract entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Und da soll die Literaturliste auf einmal über alle Zweifel erhaben sein und als Argument „hat aber nichts mit X zu tun, weil X wurde nicht zitiert“ herhalten? Scheint mir unwahrscheinlich, im Gegenteil gibt es doch gerade in den Gender Studies regelrechte Zitationszirkel und wenig erkennbares Interesse die philosophischen Grundlagen angemessen zu würdigen.

          • @ Ping Pong

            „Das ist doch ein (schlechte) Ausrede.“

            Keineswegs. Mit Bezug auf die Anzahl von Ergebnissen bei Google irgendetwas zu „beweisen“, ist mit jeder x-beliebigen politischen, philosophischen oder religiösen Weltanschauung möglich: Es kommt stets zu Tausenden von Ergebnissen, wenn man die entsprechenden Begriffe kombiniert.

            Ein paar Beispiele:

            – Liberalismus Kritische Theorie: 1.730.000 Ergebnisse

            – Hinduismus Kritische Theorie: 414.000 Ergebnisse

            – Christentum Kritische Theorie: 1.080.000 Ergebnisse

            – Platonismus Kritische Theorie: 125.000 Ergebnisse

            – Ethnopluralismus Kritische Theorie: 5.350 Ergebnisse

            Das kannst du nun, wenn du möchtest, den ganzen Tag mit allen möglichen politischen, religiösen und philosophischen Weltanschauungen so weitermachen. Dadurch lässt sich also alles „beweisen“.

            „Hier die ersten 3 (von vielen Tausend) Treffern wenn man bei google Scholar nach
            Feminismus „kritische theorie“
            sucht (man beachte die Anführungszeichen, damit erzwingt man dass die Worte in genau dieser Form vorkommen müssen. Damit ist deinem Einwand „es kommen diese Worte in irgendwelchen Kontexten vor“ Rechnung getragen):“

            Bei mir erscheinen, wenn ich – „Kritische Theorie“ Feminismus – bei Google Schoolar eingebe, gerade mal 3.800 Ergebnisse. Ziemlich wenig also, wenn man bedenkt, dass die Kritische Theorie der Frankfurter Schule ja eine der bekannteren linken Theorieströmungen ist.

            Die bloße Anzahl der Ergebnisse belegt natürlich nur, dass in den Texten irgendwo die Begriffe „Feminismus“ und „Kritische Theorie“ vorkommen und nicht, dass es sich um Texte von Feministinnen handelt, die tatsächlich wesentlich an die Kritische Theorie anknüpfen. Natürlich werden auch solche dabei sein, wie viele es aber sind, kann man aus der Anzahl der Ergebnisse nicht schließen. Ebenso erscheinen ja auch solche Texte, in denen die Kritische Theorie in irgendeinem Zusammenhang mal am Rande erwähnt wird.

            „Knapp, 2012: „Kritische Theorie in der feministischen Rezeption“, Zitiert von 41
            Klinger 1998: „Feministische Philosophie als Dekonstruktion und Kritische Theorie“, Zitiert von 33
            Becker 2010: „Handbuch Frauen-und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie“ mit dem Unterkapitel „Kritische Theorie“, Zitiert von 403“

            Ja und? Ich habe nicht behauptet, dass es keine Feministinnen gebe, die an die Kritische Theorie anknüpfen, ich habe schon mehrfach im Laufe der Zeit gesagt, dass es eine Feminismus-Variante gibt, die an die Kritische Theorie anknüpft. Dabei handelt es sich nur eben um eine andere feministische Strömung als den politisch korrekten postmodernen Gender/Queer-Feminismus. Und ich habe des Weiteren darauf hingewiesen, dass Feministinnen, die an die Kritische Theorie anknüpfen, im heutigen Feminismus eine Minderheitenströmung darstellen. In den 70er und 80er Jahre gab es Feministinnen, die an die Kritische Theorie anknüpfen, übrigens häufiger als heute, aber auch damals war das keine der feministischen Hauptströmungen.

            „Wiederholt man die Suche auf englisch (feminist „critical theory“) erhält man über 100.000 hits auf google scholar (nicht auf google!).“

            Das ist noch weniger aussagekräftig. Ich bin in meinem obigen Artikel ja ausführlich darauf eingegangen, dass der Begriff „critical theory“ im US-amerikanischen Raum anders verwendet wird als dies in Europa und Deutschland in der Regel geschieht. In den USA verwenden leider auch Anhänger akademischer linker Theorieströmungen, die mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nichts zu tun haben, diesen Begriff. Die entsprechende Passage in meinem Text findet sich in diesem Abschnitt:

            https://man-tau.com/2018/05/30/kritik-an-jordan-peterson-antwort-von-leszek-auf-genderama-leserbrief-zu-jordan-peterson-vom-16-mai-2018-eine-kleine-artikelserie-1-teil/#w123

            „Angesichts dieser Ergebnisse sehe ich nicht, wie man eine Verbindung von Feminismus und kritischer Theorie abstreiten kann.“

            Tatsächlich bin in diesem Strang in genau jenem Kommentar, auf den du dich beziehst, darauf eingegangen, dass es auch eine feministische Strömung gibt, die an die Kritische Theorie anknüpft.
            Da ich u.a. auch Bücher von solchen Feministinnen besitze, die an die Kritische Theorie anknüpfen, werde ich wohl kaum behaupten, dass es diese nicht gäbe. Dies ändert freilich nichts daran, dass es sich dabei im heutigen Feminismus um eine Minderheitenströmung handelt.

            Hier sind übrigens zwei Artikel von einer Feministin, die sich in der Tradition der Kritischen Theorie verortet. Vielleicht möchtest du ja mal reinlesen:

            Nancy Fraser – Neoliberalismus und Feminismus: Eine gefährliche Liaison

            http://emanzipatorischelinke.files.wordpress.com/2013/12/fras1312.pdf

            Nancy Fraser – Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte

            http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/august/feminismus-kapitalismus-und-die-list-der-geschichte

            „Das gelingt nur, indem du denselben Taschenspielertrick anwendest, der auch von vielen Feministinnen in der Diskussion verwendet wird: Es gibt nicht „den“ Feminismus.“

            Dass von feministischer Seite der Umstand, dass es verschiedene feministische Strömungen gibt, manchmal als diskursive Strategie verwendet wird, um begründete Kritik abzuwehren, ändert nichts daran, dass die Aussage, dass es verschiedene feministische Strömungen gibt, aus geisteswissenchaftlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektive richtig ist. Dabei sind einige feministische Strömungen allerdings einflussreicher als andere.

            „Als wären die verschiedenen feministischen Strömungen alle völlig unabhängig und hätten nichts miteinander zu tun.“

            Eine fundierte Beurteilung muss eben versuchen sowohl die jeweiligen Gemeinsamkeiten als auch die jeweiligen Unterschiede zu berücksichtigen.

            Wie ich bei der Beurteilung und Kritik feministischer Strömungen speziell aus männerrechtlicher Perspektive vorgehe, hatte ich übrigens in diesem Kommentar dargestellt:

            https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2015/10/29/gamergate-und-feminismus/comment-page-1/#comment-7400

            „Ja, es gibt verschiedene Unterkategorien von Feminismus (Genderfeminismus, Radikalfeminismus, Queerfeminisus, Sex-negativer Feminismus). Dennoch sind das alles Unterkategorien von „Feminismus“.“

            Ganz so einfach kann man es sich m.E. nicht machen, es kann zwischen den verschiedenen feministischen Strömungen je nach Thema durchaus große Unterschiede und auch gegenseitige Konflikte geben.

            „Es ist m.M.n. nicht sinnvoll so strikte Grenzen zwischen den Unter(!)kategorien einzuziehen“

            Das sehe ich anders. Ich beurteile alle politischen, philosophischen und religiösen Hauptströmungen stets auf der Grundlage von Strömungsdifferenzierungen. Ich bin der Ansicht, dass wahrheitsgemäße, fundierte und faire Beurteilungen ansonsten nicht möglich sind. Dabei ist, wie gesagt, zu berücksichtigen, dass bestimmte Strömungen meist einflussreicher sind als andere.

            „und so zu tun als hätte der Genderfeminismus gaaaaaar nichts zu tun mit dem Sex-negativen Feminismus.“

            Der Gender-Feminismus stellt in vielerlei Hinsicht eine Variante des sex-negativen Feminismus dar. Allerdings ist der klassische Radikalfeminismus noch umfassender sex-negativ ausgerichtet. Nun lässt sich allerdings kaum behaupten, dass Radikalfeminismus und Gender-Feminismus viel mit einem sex-positiven Feminismus zu tun hätten.

            „Die Frage was eine angemessene Differenzierungsebene ist, bleibt natürlich dennoch bestehen (und ist sinnvoll).“

            Na also.

            „Hierzu ein anderer Gedanke der mich beschäftigt: Wir wissen, dass die feministischen „Wissenschaften“ in der Regel alles andere als wissenschaftlich arbeiten.“

            Das ist richtig:

            https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/08/04/gastartikel-leszek-zu-der-frage-ob-gender-studies-unwissenschaftlich-sind/

            „Das bedeutet allerdings auch, dass man aus der Nicht-Erwähnung von bestimmten Autoren und philosophischen Strömungen in feministischen Schriften NICHT folgern kann, diese Autoren und philosophischen Strömungen hätten keinen Einfluss. Es könnte auch einfach schlechte wissenschaftliche Praxis sein.“

            Ich besitze mehrere Lehrbücher/Einführungsbücher z.B. zu Gender Studies, Queer-Feminismus, Critical Whiteness etc. und komme nicht zu dem Ergebnis, dass in diesen die ideen- und theoriegeschichtlichen Grundlagen der eigenen Strömung falsch dargestellt werden. Mein Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit bezieht sich auf andere Bereiche (siehe bezüglich der Gender Studies den obigen Link)

            „Beim einem Großteil der feministisch-„wissenschaftlichen“ Texte schlägt man doch schon beim Abstract entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Und da soll die Literaturliste auf einmal über alle Zweifel erhaben sein und als Argument „hat aber nichts mit X zu tun, weil X wurde nicht zitiert“ herhalten? Scheint mir unwahrscheinlich, im Gegenteil gibt es doch gerade in den Gender Studies regelrechte Zitationszirkel und wenig erkennbares Interesse die philosophischen Grundlagen angemessen zu würdigen.“

            In den Büchern, die ich zu diesen Themen besitze, werden die jeweiligen ideen- und theoriegeschichtlichen Grundlagen, wie gesagt, m.E. nicht falsch dargestellt.

            Aber selbst, wenn es so wäre, würde sich bezüglich der Kritischen Theorie keine andere Beurteilung ergeben.

            Ich habe mich ja in meinem Artikel und in dem Kommentar, auf den du Bezug nimmst, nicht darauf beschränkt festzustellen, dass in Einführungsbüchern/Lehrbüchern zu Strömungen der politisch korrekten postmodernen Linken Vertreter der Kritischen Theorie in der Regel nicht oder nur am Rande erwähnt werden, ich habe auch darauf hingewiesen, dass diese in der Regel andere Theorien vertreten und sich schwerpunktmäßig mit anderen Themen befassen.

            Speziell bei jener Minderheitenströmung von Feministinnen, die sich heute auf die Kritische Theorie bezieht, gibt es natürlich zwangsläufig auch irgendwelche thematischen Überschneidungen mit anderen feministischen Strömungen, nur werden diese dann meist von verschiedenen theoretischen Grundlagen her bearbeitet.

            Wenn ich feministische Bücher lese, achte ich ja sowieso (unabhängig davon welche Namen erwähnt werden) darauf, ob in inhaltlicher Hinsicht irgendwelche Aspekte aus den verschiedenen (von mir geschätzten) linken Theorieströmungen instrumentalisiert wurden. Speziell der Gender/Queer-Feminismus ist allerdings faktisch intellektuell zu primitiv als dass es da meistens überhaupt zu größeren Instrumentalisierungen jenseits einer sehr selektiven Poststrukturalismus-Rezeption käme.

  • @Lezek

    Ich frage mich, was diese ganze Widerlegung soll? Alle wissen, dass die kultivierte Haltung eines Linken à la man-tau von der nächsten linken Splittergruppe mit dem Arsch umgerissen und zu ihrem Gunsten umgedeutet wird. Wenn sich der Feminismus die kritische Theorie einverleibt und einen Staatsfeminismus durchsetzt, dann darf ich die kritische Theorie nicht als Vehikel des Staatsfeminismus benennen? Was ist der Sinn dieser Übung? Warum machst du nicht mal was richtig Linksrevolutionäres und vereinigst die Evolutionsbiologie mit Diskurstheorie und Kapitalismuskritik? Trommel doch mal für ein linkes Patriarchat – Horkheimer hättest du da wohl auf deine Seite 🙂

  • Nun gibt es aber auch Personen, die gleichzeitig sehr stark am Marxismus UND am Postmodernismus orientiert sind und die beides in ihrer Weltanschauung zu verknüpfen versuchen.

    @ Leszek

    Ich steh möglicherweise auf dem Schlauch, aber wie soll eine Synthese von Postmodernismus und Marxismus aussehen? Ist es nicht ein Merkmal postmoderner Praxis, dass die grossen Erzählungen – Metaerzählungen sozusagen – ausgedient haben und ist nicht der Marxismus eine Metaerzählung, an deren Ende die klassenlose Gesellschaft Kommunismus) steht?

    Vielleicht liegt die Schwierigkeit darin, dass der vage Begriff Postmodernismus lediglich ein Bündel von Weltanschauungen umfasst, die nur deshalb als eine Kategorie zusammengefasst werden, weil sie nach der Moderne entstanden.

    Es wäre interessant, wenn du die Begriffe etwas erläutern würdest, insbesondere, was für dich den Wesenskern ausmacht.

    • @ Pjotr

      „Es wäre interessant, wenn du die Begriffe etwas erläutern würdest, insbesondere, was für dich den Wesenskern ausmacht.“

      O.k., ich versuche im Folgenden dann mal, zentrale Merkmale zu benennen, die es m.E. erlauben eine philosophische und politische Perspektive als marxistisch oder als poststrukturalistisch/postmodernistisch zu identifizieren.
      Im Anschluss daran ließe sich dann überlegen, welche Arten von Synthesen diesbezüglich möglich sind und ab wann es legitim wäre von „postmodernem Marxismus“ zu sprechen und wann nicht.

      Marxismus:

      Ich würde hier folgende Merkmale vorschlagen, die vorhanden sein müssen, damit es legitim ist, dass eine Person ihre politische/philosophische Weltsicht als marxistisch bezeichnet bzw. diese von Anderen so bezeichnet wird. (Dabei können du oder Crumar oder wer sich sonst ernsthaft für Marx und Marxismus interessiert, mir natürlich widersprechen und Alternativen vorschlagen.)

      – Eine deutliche Bejahung der Kapitalismusanalyse und Kapitalismuskritik von Karl Marx bzw. Weiterentwicklungen von diesen. D.h. also, jemand, für den die Kapitalismusanalye/Kapitalismuskritik innerhalb der marxistischen Tradition wenig oder gar nicht relevant ist, kann kein Marxist sein.

      – Eine deutliche Orientierung am Konzept eines ökonomischen Klassenkampfes mit einer Positionierung auf Seiten der Arbeiterklasse.

      Hierbei ist es m.E. in definitorischer Hinsicht nicht zwangsläufig notwendig in der Arbeiterklasse ein revolutionäres Subjekt zu sehen, aber wer die Existenz des ökonomischen Klassenkampfes leugnet oder diesen zwar nicht leugnet, sich aber nicht auf Seiten der Arbeiterklasse positioniert, kann m.E. kein Marxist sein. Ich setze bei diesem Punkt außerdem voraus, dass es verschiedene Arten und Weisen geben kann, den Begriff Arbeiterklasse zu definieren sowie dass ein Marxist neben dem ökonomischen Klassenkampf sich auch für andere Arten sozialer Konflikte interessieren und sich in diesen positionieren kann. Um Marxist zu sein, ist es m.E. aber notwendig, dass der ökonomische Klassenkampf (unabhängig davon für welche Arten sozialer Konflikte man sich außerdem noch interessiert) eine zentrale Bedeutung für die Weltsicht einer Person hat.

      – Hinzu kommt eine deutliche Bejahung gesellschaftlicher Veränderungen mit dem Ziel einer sozialistischen Gesellschaft, durch welche die soziologisch-strukturellen Probleme des Kapitalismus vermieden oder gelöst werden, wobei Marxisten, je nach marxistischer Strömung, sehr unterschiedliche Dinge unter dem Begriff Sozialismus verstehen können, (siehe auch die Einteilung marxistischer Strömungen aus demokratietheoretischer Perspektive in meinem Artikel).

      – Eine deutliche Bejahung einer Analyseperspektive, die gesellschaftliche Phänomene wesentlich ausgehend vom ökonomischen Teilsystem der Gesellschaft und dessen Einflüssen aus analysiert.

      Dabei ist es m.E. nicht notwendig ein Basis-Überbau-Schema zu bejahen, also der Ansicht zu sein, dass alle wichtigen gesellschaftlichen Phänomene stets in letzter Instanz ökonomisch determiniert seien. Das Basis-Überbau-Modell wird z.B. von vielen sogenannten Neomarxisten m.E. zu Recht abgelehnt, trotzdem ist auch bei allen neomarxistischen Strömungen die Ökonomie als wesentlicher Ausgangspunkt gesellschaftlicher Analysen vorhanden. Marxisten interessieren sich in gesellschaftsanalytischer Hinsicht also für Einflüsse des ökonomischen Teilsystems der Gesellschaft, einschließlich der Wechselwirkungen zwischen dem ökonomischen Teilsystem der Gesellschaft und anderen gesellschaftlichen Teilsystemen.

      Ich setze bei diesem Punkt nicht voraus, dass die ökonomische Analyseperspektive die einzige Analyseperspektive sein müsse, die man als Marxist bejaht oder anwendet, ich setze aber voraus, dass die ökonomische Analyseperspektive für einen Marxisten immer eine wesentliche sein muss. D.h., wer sich für die Einflüsse des ökonomischen Teilsystems der Gesellschaft wenig oder gar nicht interessiert, wer eine ökonomische Analyseperspektive nicht als wesentlich ansieht, kann kein Marxist sein.

      – Eine tatsächliche Verortung der genannten Aspekte innerhalb der marxistischen Tradition, es gibt ja auch noch andere nicht-marxistische sozialistische und klassenkämpferische Traditionen.

      Diese fünf Aspekte müssen 1. alle zusammenkommen und 2. für die philosophische oder politische Weltsicht einer Person wesentlich sein (also keine Nebenrolle, sondern eine zentrale Rolle spielen), ansonsten kann von „Marxist“ m.E. nicht gesprochen werden.

      Soweit meine Vorschläge hierzu, ich denke, dass diese fünf genannten Aspekte tatsächlich in allen marxistischen Strömungen (klassisch-marxistische und neomarxistische, freiheitliche und autoritäre marxistische Strömungen) vorhanden sind. (Wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass es sich bei den autoritären marxistischen Strömungen, also den marxistisch-leninistischen Strömungen – im Gegensatz zu den basisdemokratischen libertär-marxistischen Strömungen – so verhält, dass, sobald es autoritären Marxisten-Leninisten gelungen ist die Macht zu erobern und für sich zu monopolisieren, ihre Positionierung zugunsten der Arbeiterklasse zu einem reinen Lippenbekenntnis wird, da sie dann in Wahrheit selbst zur herrschenden (staats)kapitalistischen Ausbeuter- und Unterdrückerklasse werden.)

      So, nun zu zentralen Merkmalen des Poststrukturalismus/Postmodernismus – ich würde folgende zentrale Merkmale nennen, die für den Poststrukturalismus/Postmodernismus m.E. charakteristisch sind:

      – Eine deutliche Bejahung der auf den strukturalistischen Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure zurückgehenden Auffassung, dass Sprache die Wirklichkeit nicht nur abbildet (repräsentiert), sondern, dass Sprache einen wesentlichen Einfluss darauf hat unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit zu erschaffen sowie dass die Bedeutung von Zeichen kontextabhängig ist, die Bedeutung eines Zeichens also nicht nur vom Bezug auf einen Referenten in der Außenwelt, sondern auch von ihrem Verhältnis zu anderen Zeichen abhängt sowie dass wir keinen direkten Zugang zur Wirklichkeit besitzen, sondern, dass dieser stets durch Sprache vermittelt ist.

      Ich setze dabei nicht voraus, dass diese sprachtheoretische Sichtweise zwangsläufig in eine Variante des radikalen Konstruktivismus führen muss, wie dies im US-amerikanischen autoritären politisch korrekten Postmodernismus oft der Fall ist, sondern dass diese Sichtweise auch im Sinne eines gemäßigten Konstruktivismus verstanden werden kann (so verstehe ich die nicht-politisch-korrekten französischen Poststrukturalisten). Wer diese Sichtweise nicht teilt oder für wenig wichtig hält, kann m.E. nicht als Poststrukturalist/Postmodernist bezeichnet werden.

      – Eine deutliche Bejahung einer (auf eine bestimmte Interpretation von Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger zurückgehende) differenzphilosophischen Position, die das Partikulare, das Besondere, die Verschiedenheit, die Differenz, die Vielfalt stärker betont als das Allgemeine und Universelle und die darauf aufbauend dazu neigt bestimmte philosophische und soziologische Konzepte und Kategorien möglichst pluralistisch aufzufassen.

      Ich setze dabei voraus, dass es unterschiedliche Ausprägungen dieses Aspekts im Poststrukturalismus/Postmodernismus geben kann (von sehr extrem bis gemäßigter) und dass es im Poststrukturalismus/Postmodernismus gewisse Unterschiede hinsichtlich der Vorstellungen geben kann, welche philosophischen/soziologischen Kategorien/Konzepte wie weitgehend pluralisiert werden sollten.

      Jemand, der diesen differenzphilosophischen Aspekt aber nicht bejaht oder nicht für wesentlich hält, kann m .E. nicht als Poststrukturalist/Postmodernist bezeichnet werden.

      – Ein deutliches Interesse an gesellschaftlichen Ausschlüssen/Ausgrenzungen und eine Präferenz zur Positionierung auf Seiten von Personen/Gruppen, von denen angenommen wird, dass sie von Ausschlüssen/Ausgrenzungen betroffen sind, soweit diese Ausschlüsse/Ausgrenzungen als ungerecht angesehen werden. (Hierbei steht allerdings nicht die Kategorie der Ausbeutung im Vordergrund.)

      Die an sich positive Tendenz ungerechte gesellschaftliche Ausschlüsse/Ausgrenzungen zu kritisieren, kann (wie die meisten Dinge) auch mißbraucht werden und u.U. sogar ins Gegenteil umschlagen. Dies geschah im autoritären politisch korrekten Postmodernismus, wo diese an sich positive Tendenz im universitären Kontext dogmatische, irrationale und vulgäre Formen annahm und zu den unwissenschaftlichen und einseitigen (Anti-)Diskriminierungstheorien des autoritären politisch korrekten Postmodernismus führte, die dann neue Ausschlüsse produzieren (z.B. durch die „Norm-Feindbilder“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich).

      Das muss aber nicht zwangsläufig passieren, Diskriminierungsforschung ließe sich m.E. auch anders institutionalisieren und anders betreiben.

      Eigentlich sollte das Interesse an (Anti-)Diskriminierungsthemen in meinen Augen dazu führen, dass Poststrukturalisten/Postmodernisten die Männerrechtsbewegung unterstützen.

      Ein paar Gedanken dazu, wie eine tatsächlich wissenschaftliche Diskriminierungsforschung aussehen könnte, hatte ich in diesem Beitrag mal kurz zusammengefasst:

      https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/12/23/gastartikel-leszek-darueber-wie-eine-echte-ungleichheits-und-diskriminierungsforschung-aussehen-kann/

      Allerdings müsste man Diskriminierungsforschung m.E. zusätzlich dazu auch in institutioneller Hinsicht anders aufziehen, z.B. keine eigenen Abteilungen für bestimmte gesellschaftliche Gruppen, wie dies in den USA an den Universitäten verbreitet ist, das führt m.E. zwangsläufig zu Unwissenschaftlichkeit und Identitätspolitik.

      – Als letzten Punkt würde ich nennen: Eine deutliche Bejahung einer Analyseperspektive, die gesellschaftliche Phänomene wesentlich ausgehend von der Idee der bedeutungsgenerierenden Kraft kultureller Diskurse analysiert.

      Dabei ist es für die Zuordnung zum Poststrukturalismus/Postmodernismus m.E. nicht notwendig nicht-diskursive gesellschaftliche Praktiken weitgehend oder völlig zu ignorieren und die bedeutungsgenerierende Kraft kultureller Diskurse zum absolut zentralen Einflussfaktor auf das Erleben und Verhalten von Menschen zu überhöhen, wie dies im autoritären politisch korrekten Postmodernismus oft geschieht. Aber die diskursanalytische Perspektive muss m.E. vorhanden sein und als wesentlich angesehen werden, damit dieser Aspekt erfüllt ist.

      So, nun könnte man darüber streiten, ob für eine wissenschaftlich legitime Zuordnung zum Poststrukturalismus/Postmodernismus zwangsläufig alle genannten vier Aspekte oder nur bestimmte von ihnen vorhanden sein müssen, ich würde allerdings zumindest die beiden erstgenannten als definitorisch notwendig für die Zuordnung zum Poststrukturalismus/Postmodernismus ansehen, d.h. diese müssen m.E. mindestens vorhanden sowie für die Weltsicht einer Person wesentlich sein, damit die Zuordnung zum Poststrukturalismus/Postmodernismus legitim ist. Ob dies für die beiden letztgenannten Aspekte auch gilt, darüber müsste ich noch genauer nachdenken.

      Ich würde aber sagen, dass bei den meisten Poststrukturalisten/Postmodernisten (bei den nicht-politisch-korrekten wie bei den politisch- korrekten) alle vier genannten Aspekte vorhanden sind.

  • Thomas Mann hat einmal in einem Brief den Theoretiker Georg Lukács kritisiert: „Solange er sprach, hatte er recht.“ Solange.

  • Artikel und Diskussion berühren mich beide nicht. Intellektuelles Fingerhakeln? Akademische Feinkost ohne Relevanz? Exemplarisches Mansplaining? Das Rückholprogramm für verloren gegangene AfD-Wähler?

    Lucas Schoppes Beiträge berühren mich als heimatvertriebenen Linken dagegen sehr. Mit dem machtversessenen, rassistischen, sexistischen und erzreaktionären Feminismus passe ich nicht unter eine Decke. Danke, Lucas, für deinen Blog. Ich bewundere deinen Lebensmut. Du bewahrst Anstand und Contenance auch in widrigen persönlichen Umständen.

    Demokratische Gesellschaften überleben und entwickeln sich weiter, wenn sie fähig sind, in konkreten Einzelfragen temporäre mehrheitsfähige Allianzen zu bilden. Voraussetzung wäre Zuhören, Bescheidenheit und Vertrauen.

    Zuhören, Bescheidenheit und Vertrauen. Weg mit der Nazikeule.

    Ich kenne mein Etikett nicht. Frag’ mich morgen wieder. Vielleicht kann ich morgen ‘verorten’, wo ich heute war. Ich bin mein Leben, die Summe meiner Auseinandersetzungen und Begegnungen. Ich bin nicht das biologische Lebenserhaltungssystem eines warum auch immer aufgesuchten Standpunkts.

    • @ Lupo

      Also Lupo, bei Leuten, die die von dir gewählte Diskursstrategie unter einem Artikel anwenden, um diesen abzuwerten, muss ich stets ein bißchen den Kopf schütteln.

      „Artikel und Diskussion berühren mich beide nicht.“

      Du hast also den ganzen langen Artikel und die Kommentare darunter gelesen, obwohl der Text dich nicht interessiert und nicht „berührt“. Und dies wolltest du mir jetzt mitteilen. Aha.

      Na ja, die angemessene Antwort darauf kann natürlich nur lauten:

      1. Wenn dich ein Text nicht interessiert, dann lies ihn eben nicht. Du musst dich nicht verpflichtet fühlen, Texte von mir zu lesen.

      2. Du hast keinen Anspruch darauf, dass ein Autor Texte schreibt, die dich interessieren oder „berühren“.

      „Lucas Schoppes Beiträge berühren mich als heimatvertriebenen Linken dagegen sehr. Mit dem machtversessenen, rassistischen, sexistischen und erzreaktionären Feminismus passe ich nicht unter eine Decke. Danke, Lucas, für deinen Blog. Ich bewundere deinen Lebensmut. Du bewahrst Anstand und Contenance auch in widrigen persönlichen Umständen.“

      Lucas Schoppes großartige Texte habe ich auch schon häufiger gelobt. Allerdings würde mir nicht einfallen, ein solches Lob unter den Artikel eines anderen Autors zu posten, um diesen Artikel damit abzuwerten. Ein solches Lob hinterlässt nämlich zwangsläufig einen gewissen negativen Beigeschmack, weil ja diskursstrategisch eigentlich ein anderer Zweck damit verfolgt wird.

      „Demokratische Gesellschaften überleben und entwickeln sich weiter, wenn sie fähig sind, in konkreten Einzelfragen temporäre mehrheitsfähige Allianzen zu bilden.“

      Mit wem ich Allianzen bilden möchte und mit wem nicht, dass entscheide ich allerdings selbst. Und mit Jordan Peterson möchte ich keine Allianzen bilden. Wenn dir das nicht gefällt, ist das nicht mein Problem.

      „Voraussetzung wäre Zuhören, Bescheidenheit und Vertrauen.“

      Also, ein bißchen Kritikfähigkeit sollte man sich m.E. auch im Kontext von Allianzen bewahren. Sonst läuft man nämlich z.B. Gefahr über den Tisch gezogen zu werden oder sehr fragwürdige Dinge mitzutragen.

      „Zuhören, Bescheidenheit und Vertrauen.“

      Es ist aber erstaunlich, dass „Zuhören, Bescheidenheit und Vertrauen“ für dich so wichtige Werte sind, dass du sie gleich zweimal hintereinander erwähnst, dass dir aber die gravierenden Abweichungen eines Jordan Peterson in seinem Verhalten von diesen Werten offenbar völlig egal sind.

      „Weg mit der Nazikeule.“

      Die Nazikeule wurde von mir in diesen Abschnitt

      https://man-tau.com/2018/05/30/kritik-an-jordan-peterson-antwort-von-leszek-auf-genderama-leserbrief-zu-jordan-peterson-vom-16-mai-2018-eine-kleine-artikelserie-1-teil/#fu123

      des Textes kritisch thematisiert und zusätzlich dazu auch eine ähnliche Diskursstrategie, die von konservativer/rechter Seite im angloamerikanischen Raum häufiger angewendet wird.

      „Ich kenne mein Etikett nicht. Frag’ mich morgen wieder.“

      Warum sollte ich?

      „Vielleicht kann ich morgen ‘verorten’, wo ich heute war. Ich bin mein Leben, die Summe meiner Auseinandersetzungen und Begegnungen. Ich bin nicht das biologische Lebenserhaltungssystem eines warum auch immer aufgesuchten Standpunkts.“

      Ja, ja, du bist ein ganz Toller.

      Aber Lupo, wenn es um politische, wissenschaftliche oder philosophische Themen geht, dann kommt man häufig nicht ohne Kategorien aus. Anders ist nämlich oft keine ernsthafte Darstellung, Beurteilung, Kritik und Diskussion möglich.

      Und wo dir doch nach Eigenaussage so viel an „Zuhören, Bescheidenheit und Vertrauen“ liegt, sollte es dir ja eigentlich nicht egal sein, wenn ein bekannter konservativer Psychologe, der sich als Political-Correctness-Kritiker betätigt, falsche Behauptungen, Lügen, Verleumdungen und extrem aggressive Ausfälle gegen Andersdenkende in die Welt posaunt.

      Stell dir einfach mal vor, du selbst wärst von den in meinem Artikel dargestellten und kritisierten Diskursstrategien eines Jordan Peterson betroffen – die sich von denen, jener von dir abgelehnten machtversessenen und erzreaktionären Feministen ja nun nicht groß unterscheiden – stell dir mal vor, ein Jordan Peterson würde solche Mittel und Methoden gegen dich anwenden. Wie würdest du dich dann fühlen?

      Und stell dir mal vor, ein solches Verhalten würde in der Gesellschaft zur Regel, stell dir mal vor alle oder die Mehrheit der Menschen in einer Gesellschaft würden sich vergleichbar verantwortungslos und aggressiv verhalten wie ein Jordan Peterson – der sich diesbezüglich eben nicht anders verhält als jene machtversessenen und erzreaktionären Feministinnen, die du ablehnst. Kannst du dir vorstellen, wie die Gesellschaft dann aussähe? Wie viel bliebe dann wohl noch übrig von deinen postulierten Werten „Zuhören, Bescheidenheit und Vertrauen“?

      In den eigenen Gefühlen zu schwelgen und sich darüber zu ereifern, dass ein anderer doch tatsächlich in einem Artikel zu komplexen Themen Kategorien verwendet, sowie zu erklären, dass – da man ja selbst von den Lügen, Verleumdungen, Falschbeschuldigungen und aggressiven Ausfällen eines Jordan Peterson nicht betroffen ist (und auch keine Empathie für Leute aufbringen möchte, die davon betroffen sind) – einen dies nicht „berührt“, ist nämlich keineswegs eine so großartige Perspektive, wie du es in deinem Beitrag darstellen möchtest.

      Wenn du mal versuchen möchtest Dinge ein bißchen objektiver und etwas weniger egozentrisch zu beurteilen, dann würde ich dir empfehlen zwei leicht nachvollziehbare ethische Beurteilungskritierien heranzuziehen.

      Einmal die goldene Regel und zweitens ein Universalisierungsprinzip.

      – Bei der goldenen Regel geht es um Fragen wie: Wie würdest du es finden, wenn mit dir jemand so umgehen würde?

      – Bei dem Universalisierungsprinzip geht es um Fragen wie: Welche Konsequenzen hätte es, wenn dieses Verhalten in einer Gesellschaft zur Regel würde?

      • Danke für deine Antwort. Die berührt mich nun tatsächlich und zwar dort, wo ich bei dir persönliche Betroffenheit wahrnehme. Der Eisberg Lupo braucht wohl die Gewissheit, dass sein Gegenüber auch einer ist. Solange sich bloss der Zehntel über der Wasserlinie zeigt und wenn der erst noch so glatt und bis ins kleinste Detail geschliffen und ziseliert daherkommt, kann ich der Versuchung zur Herausforderung nicht widerstehen. Es mag sein, dass du für deine episch breiten Ausführungen fachliche Anerkennung verdienst und das erwartest. Ohne Sarkasmus und ganz ehrlich: Ich bin dazu nicht in der Lage, weil ich dir über weite Strecken nicht folgen kann. Das liegt zweifellos an mir, an meinem fehlenden Wissen, das Eingeständnis bereitet mir keine Mühe. Deine Replik scheint meinen Eindruck zu bestätigen, dass es dir tatsächlich einzig und allein um eine Kritik an Jordan Peterson geht. Du bist sicher ein geübter Schnellschreiber und -denker und kannst auch Textpassagen aus deinem Fundus zusammenklicken. Trotzdem fallen Akribie und Aufwand auf, mit welchen du dich an der Figur Peterson abarbeitest.

        Mir stellt sich die Frage nach deiner Motivation.
        Wie gefährlich ist dieser Mann tatsächlich?
        Stellt er sich zum Beispiel gegen die Beseitigung von strukturellem Unrecht in der Geschlechterfrage?
        Befürwortet er die Massenvernichtung von Menschengruppen, wie es extreme Feministinnen bisher ungehindert tun dürfen?
        Ist er eine Bedrohung für die freie Rede?
        Stellt er generell die demokratische Grundordnung in Frage?
        Willst du uns also warnen? Darauf wäre ich dann nicht angewiesen, wenn es bloss bei seinen von dir dargelegten Verfehlungen bliebe. Als politisches Wesen pflege ich selbst zu denken und Schlüsse zu ziehen, ohne Querbezüge und Quellenangaben zwar aber trotzdem wachsam genug und schon aus Eigeninteresse dem Schutz unserer demokratischen Strukturen verpflichtet.
        Ich kenne Peterson kaum, habe halt ein paar YouTube-Vorträge gesehen (Er kann seinen Eisberg kaum verbergen…), und mein Englisch ist eher bescheiden. Aber ich habe ein paar Jahrzehnte als Grundschullehrer mit Jungen und Mädchen und auch mit deren Eltern aus sämtlichen Schichten gearbeitet. Das ist kein Ponyhof und wenn du es mit offenem Blick tust, lernst du eine ganze Menge darüber, wie Menschen ticken, was in den Familien abgeht und an den Arbeitsplätzen. Du lernst den ganz natürlichen Hunger von Kindern nach Rollenbildern und nach Führung kennen und lebst in der täglichen Herausforderung, diesem legitimen Anspruch gerecht zu werden, vor dir das Ziel einer demokratischen Gesellschaft, im Nacken den grössten Führer aller Zeiten.

        Peterson benennt, offenbar schmerzauslösend, in den Elfenbeintürmen Dinge, die jeder LKW-Fahrer schon immer weiss. Dass z.B. nur verteilt werden kann, was auch produziert worden ist. Das ist nicht konservativ und nicht rechts, das ist Logik auf Kleinkindniveau. Oder dass der Wohlstand in den westlichen Demokratien noch nie so gross und vor allem noch nie so gut verteilt gewesen ist wie heute. Noch längst nicht perfekt zwar und trotzdem sowohl in der geographischen Horizontalen wie auch in der historischen Vertikalen sonst unerreicht für das durchschnittliche Individuum. Dass das ein Wert ist, den es zu verteidigen lohnt. Dass Umsicht und Dankbarkeit für das Glück angebracht wären und nicht Häme gegen die alten toxischen weissen (MINT-) Männer, die das alles fast ganz alleine, brav und stumm und fleissig am Laufen halten, sobald sie morgens um sieben aus dem Bus gekrabbelt sind. Dass er schlüssig aufzeigt, warum verschwindend wenig Männer und noch etwas weniger Frauen absolute Spitzenpositionen im Management belegen.

        Ich will den Geisteswissenschaftler Peterson hier gar nicht lang und breit verteidigen, ich kenne ihn kaum und komme auch ohne ihn klar. Dass er Zuhörer findet, wundert mich nicht. So wenig wie es mich wundert, dass ehemals linke Männer ihren Bewegungen den Rücken kehren. Links stand nämlich mal gegen Ausbeutung und Unrecht.

        All die philosophischen, soziologischen und psychologischen Theorien und Einordnungen, die sich die Geisteswissenschaftler, zu denen natürlich auch Peterson zählt, so gern zum Selbstzweck um die Ohren schlagen, wären vergessen, wenn schon nur mal für wenige Stunden unsere Stromversorgung zusammenbräche. Einen 7-tägigen Generalstreik oder nennen wir es doch besser eine 7-tägige Denkpause aller toxischen weissen Männer würde ich sehr begrüssen. Die Welt wäre nicht mehr dieselbe danach, das steht fest.

        Damit ist vielleicht mein eigener Eisberg etwas umrissen? Als bisher stiller Mitleser auf man tau habe ich tatsächlich Erwartungen an die Themenwahl, das stimmt.
        Vielleicht ist meine Erwartung falsch, wenn ich hier Beiträge und vielleicht sogar Lösungsansätze erwarte, die sich mit der anspruchsvollen Situation von uns Männern im Jahr 2018 befassen? In deinem Beitrag sehe ich meine Erwartung nicht erfüllt. Den Grummel darüber hast du zu spüren bekommen.

  • Ich bin hier kein regelmäßiger Leser und kenne keine vorangegangenen Artikel. Ich habe nur diesen Artikel gelesen, obwohl es sich ganz offensichtlich um eine Schmähschrift, keine wertneutrale Erörterung, handelt. Das Wording macht es offensichtlich (Petersons Ideologie, Petersons Propaganda – nicht: Petersons Ideen oder Gedanken), die Quellenverweise sind bisweilen sehr manipulativ (z. B. ein Videoverweis, in dem Peterson für Gewalt gegen Andersdenkende werbe – schaut an sich den Clip ein paar Minuten vor dem Timecode an, erfährt man, dass es hierbei um Menschen geht, die die massenmörderische Ideologie des Stalinismus und das Maoismus legitimieren oder verharmlosen, eine „gescheuert bekommen sollten“), und in diesem Stil weiter. Besonders auffällig ist der mehrfache, penetrante Verweis auf die jüdische Herkunft Marx‘ und Derridas, die in Petersons Argumentation KEINE Rolle spielt. Die Assoziation entsteht im Kopf des Verfassers.

    Die philosophiegeschichtliche Abhandlung ist wohl das, worauf es dem Verfasser ankam. Das ist natürlich legitim und notwendig. Man gewinnt den Eindruck, dass es Leszek insbesondere darum geht, Marx zu retten, indem alles, was sich Marxismus nennt, konkret auf Äußerungen Marx‘ zurückgeführt werden soll, ansonsten als eine der vielen anderen Strömungen bezeichnet werden soll. Dass Marx für Foucault und die anderen französischen Philosophen kaum eine Rolle spielte, weiß man, wenn man deren Bücher liest, aber es ist gut, darauf hinzuweisen.

    Die theoretische Abhandlung ist jedoch auch gerade das, was diesen Artikel am eigentlichen Thema vorbeigehen lässt. Peterson hat sich aus psychologischer Sicht mit totalitären Systemen befasst. Zu weltweiter Bekanntheit gelangte er durch eine POLITISCHE Kritik an POLITISCHEN Missständen, die in ihrer Ausprägung eklatante Gemeinsamkeiten mit den Bewegungen des Faschismus, des Stalinismus oder des Maoismus zeigen. (Die These, dass das gegenwärtige Problem aus einem selektiven Missverständnis der französischen Philosophen stamme, ist daher zumindest zum Teil unzutreffend – ein großer Teil ist älter.) Peterson ist kein Philosophiehistoriker; die Menschen, die ihn für sein politisches Engagement schätzen, suchen nach Antworten und Ursprüngen. Peterson kann die Struktur der Strömung analysieren, vertut sich jedoch bei den Ursachen und der Benennung der ideologischen Basis. Das kann und sollte man ankreiden, tut der Gültigkeit der politischen Kritik jedoch keinen Abbruch. Und das ist das Problem, an dem obiger Beitrag krankt, und der symptomatisch für die ganze Debatte um die p.c. ist – die analytische Zergliederung aller Bewegungen in kleinere und kleinste Strömoungen, an deren Ende nichts mehr übrig bleibt, um eine relevante Kritik zu formulieren. Nur dass es eben eine ziemlich deutliche Strömung gibt, die das politische und soziale Leben dominiert.

    Der Autor ist im Philosophischen zweifelsohne bewanderter als ich und wird sich an Unis ebenfalls auskennen; die allgegenwärtigen, teils verpflichtenden p.c.-und Gender-Ideologie-Seminare dürften ihm daher nicht entgangen sein. Ebenso dürfte daher bekannt sein, dass es tatsächlich die kritisierten Philosophen sind, auf die diese Seminare begründet werden. (Natürlich im selektiven Sinne für die eigenen Interessen, aber es geht bei der Causa Peterson wie gesagt nicht um faktische Philosophiegeschichtsschreibung, sondern um Politik.) Die Forderung, die Kritik müsse aus dem linken Spektrum kommen, an Realitätsferne kaum zu überbieten. Der Text – von der irritierenden argumentativen Unsauberkeit abgesehen – tut daher nichts, als die berechtigte Kritik an den Zuständen in irrelevante Orchideenthemen umzulenken und für die ideologische Kritik zu neutralisieren.

    • Sehe ich im Wesentlichen genau so.

      Einen Punkt würde ich stärker formulieren. Du schreibst oben:

      „Peterson ist kein Philosophiehistoriker; die Menschen, die ihn für sein politisches Engagement schätzen, suchen nach Antworten und Ursprüngen. Peterson kann die Struktur der Strömung analysieren, vertut sich jedoch bei den Ursachen und der Benennung der ideologischen Basis. Das kann und sollte man ankreiden, tut der Gültigkeit der politischen Kritik jedoch keinen Abbruch.“

      Meine Ergänzung: Es tut auch seiner „Therapie“, also seinen Vorschlägen und Forderungen zur Beseitigung dieser politischen Missstände („Strömungen“ bei Dir) keinen Abbruch.

    • @ Gelegenheitsleser

      „Ich bin hier kein regelmäßiger Leser und kenne keine vorangegangenen Artikel.“

      Ein vorangegangener Artikel von mir zum Thema „linke und rechte Identitätspolitik“ war dieser,

      https://man-tau.com/2018/04/10/postmodernismus-ethnopluralismus-differenzphilosophie-identitaetspolitik/

      der in meinem Artikel zur Kritik an Jordan Peterson auch an mehreren Stellen verlinkt wurde.

      „Ich habe nur diesen Artikel gelesen, obwohl es sich ganz offensichtlich um eine Schmähschrift, keine wertneutrale Erörterung, handelt.“

      Es handelt sich um eine begründete Analyse und Kritik von Propagandalügen, manipulativen Diskursstrategien und Dämonisierungsstrategien, die von Jordan Peterson verwendet werden. Dabei ist meine Analyse keinesfalls erschöpfend, es könnte noch einiges mehr dazu gesagt werden. Im Gegensatz zu Jordan Petersons Art von „Kritik“ an Andersdenkenden beziehe ich mich dabei auf Dinge, die Jordan Peterson tatsächlich sagt und gebe die Quellen an, so dass die entsprechenden Formulierungen auch im Kontext angehört oder nachgelesen werden können. Meine Kritiken werden des Weiteren sowohl in wissenschaftlicher als auch in ethischer Hinsicht begründet.

      Wenn eine solche Art von Kritik für dich nun also mit dem Begriff „Schmähschrift“ zu bezeichnen ist, dann wäre es ja interessant zu erfahren, wie denn all jene „Kritiken“ von Jordan Peterson zu bezeichnen wären, in denen er jene Mittel und Methoden anwendet, die in meinem Artikel kritisch analysiert werden.

      „Das Wording macht es offensichtlich (Petersons Ideologie, Petersons Propaganda – nicht: Petersons Ideen oder Gedanken),“

      Die Begriffe Ideologie und Propaganda sind bewusst gewählt und ich halte sie in Bezug auf Jordan Peterson für sachlich zutreffend.

      „die Quellenverweise sind bisweilen sehr manipulativ“

      Die Quellenverweise bezüglich Jordan Peterson sind keineswegs manipulativ, die Quellen werden angegeben (und so weit wie möglich auch verlinkt) und ich beziehe mich auf tatsächliche Äußerungen von ihm, die auch nachgelesen oder angehört werden können.

      „(z. B. ein Videoverweis, in dem Peterson für Gewalt gegen Andersdenkende werbe – schaut an sich den Clip ein paar Minuten vor dem Timecode an, erfährt man, dass es hierbei um Menschen geht, die die massenmörderische Ideologie des Stalinismus und das Maoismus legitimieren oder verharmlosen, eine „gescheuert bekommen sollten“), und in diesem Stil weiter.“

      Das ist falsch. Jordan Peterson spricht nicht davon, dass Stalinisten oder Maoisten oder Personen, die den Stalinismus oder Maoismus legitimieren oder verharmlosen „eine gescheuert bekommen sollten“.
      Er spricht davon, dass Personen, die sagen, dass leninistisch/stalinistisch/maoistisch geprägte Herrschaftssysteme kein echter Kommunismus gewesen seien, ins Gesicht geschlagen werden sollte, so dass sie bewusstlos umkippen.

      Da ich als traditioneller Anarchist ganz explizit die Ansicht vertrete, dass die abscheulichen autoritären oder totalitären Systeme des sogenannten real existierenden Sozialismus kein echter Kommunismus waren/sind, richtet sich diese Gewaltphrase z.B. auch gegen mich, sowie gegen viele andere Menschen, die entschiedene Gegner des Leninismus/Stalinismus /Maoismus sind.

      Davon abgesehen ist die Aussage, dass der sogenannte real existierende Sozialismus kein echter Kommunismus gewesen sei, natürlich auch gemäß der Auffassungen von Marx richtig, nicht nur, weil Marx kein Anhänger von Parteidiktaturen war, sondern auch, weil der Begriff Kommunismus bei Marx für einen basisdemokratischen Gesellschaftszustand nach „Absterben des Staates“ steht. Nun haben Anarchisten stets völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass es zu diesem „Absterben des Staates“ nie kommen wird, weil die neue herrschende Klasse ihre Macht nicht freiwillig abgeben wird, was aber nichts daran ändert, dass der Begriff Kommunismus auch bei Marx faktisch für einen anarchistischen Kommunismus steht. Die Aussage „That was not real communism“ ist nicht nur gemäß anarchistischer Theorie, sondern auch gemäß marxistischer Theorie wahr.

      Für Jordan Peterson reicht es schon aus, dass eine demokratisch gesinnte Person den Begriff Kommunismus so verwendet, wie er in der marxistischen oder anarchistischen Theorie nunmal traditionell verwendet wird, wo er eben NICHT für Parteidiktaturen mit verstaatlichten Produktionsmitteln steht, um Bezugspunkt von Jordan Petersons primitiven Gewaltphantasien zu werden.

      Und davon abgesehen redest du am Prinzip der Meinungsfreiheit vorbei (obwohl dieses in meinem Artikel ja erklärt wurde).

      Selbst wenn – was nicht der Fall ist – sich Jordan Petersons unreife Gewaltphrase tatsächlich nur auf reale Stalinisten und Maoisten bezogen hätte oder auf Leute, die den Stalinismus oder Maoismus legitimieren oder verharmlosen, dann müsste Jordan Petersons Äußerung aus Perspektive der Bejahung der Meinungsfreiheit trotzdem kritisiert werden.

      Die Grenze der Meinungsfreiheit in Deutschland wird durch § 130 des Strafgesetzbuchs (Volksverhetzung) festgelegt und auf jeden Fall wäre es für die Meinungsfreiheit sehr gefährlich Einschränkungen darüber hinaus vorzunehmen.

      Der Prüfstein für die Einstellung zur Meinungsfreiheit ist nunmal, dass diese auch für Meinungen zu gelten hat, die man selbst stark ablehnt. Es hat keinen Sinn von Meinungsfreiheit zu sprechen, wenn diese nicht auch für aus demokratisch-menschenrechtlicher Perspektive abstoßende Weltanschauungen gilt: für Faschisten, Stalinisten, religiöse Fundamentalisten etc. Selbstverständlich muss man solche Weltanschauungen in ideologischer und politischer Hinsicht bekämpfen und das tue ich auch, aber man muss sie bekämpfen, ohne dabei das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Meinungsfreiheit der Anhänger solcher menschenrechtswidriger autoritärer/totalitärer Ideologien zu verletzen.

      Ich bin übrigens bislang noch nie auf einen Jordan-Peterson-Fan gestoßen, der diese zivilisationsbrüchige, gewaltlegitimierende Äußerung von ihm verurteilt und die Meinungsfreiheit gegen Jordan Peterson verteidigt hätte, aber schon auf einige Personen, die versucht haben diese Passage schönzureden. Dies verdeutlicht m.E., wie Jordan-Peterson-Fans im Hinblick auf die Meinungsfreiheit so einzuschätzen sind und welche Art von Einfluss Jordan Peterson auf seine Anhänger ausübt.

      „Besonders auffällig ist der mehrfache, penetrante Verweis auf die jüdische Herkunft Marx‘ und Derridas, die in Petersons Argumentation KEINE Rolle spielt. Die Assoziation entsteht im Kopf des Verfassers.“

      Die Assoziation entsteht vielmehr – wie von mir auch ausführlich erklärt wurde – dadurch, dass in dem angloamerikanischen soziokulturellen Kontext, in dem Jordan Peterson agiert, innerhalb des politischen Spektrums von rechtskonservativ bis rechtsradikal, Formen von Political-Correctness-Kritik, die nach dem Muster von Verschwörungstheorien über jüdisch-marxistische Verschwörungen aufgebaut sind, verbreitet sind. Es gibt mehrere Varianten, aber das inhaltliche Grundmuster ist immer das Gleiche: Irgendwelche linken Denker jüdischer Herkunft hätten eine Ideologie zur Zerstörung der westlichen Zivilisation entwickelt und deshalb gebe es heute eine internationale „neomarxistische“ Verschwörung zur Zerstörung der westlichen Zivilisation.

      Ich habe ausführlich erklärt, dass und warum diese rechten Verschwörungstheorien falsch sind und welche diskursstrategischen Zwecke, jene Ideologen, die sich solchen rechten Propagandamüll ausdenken und verbreiten, damit verfolgen.

      Und innerhalb dieses Kontextes betritt nun also Jordan Peterson die Bühne.

      Was tut er nun? Sagt er zur Abwechslung mal die Wahrheit? Weist er darauf hin, dass Postmodernismus und Neomarxismus etwas Verschiedenes sind? Weist er darauf hin, dass die postmoderne Political Correctness nicht entstanden ist, weil diese oder jene europäischen linken Denker diese oder jene Theorie vertreten haben, sondern weil an US-amerikanischen Universitäten leider ab den 70er Jahren der Fehler gemacht wurde haufenweise spezifische Abteilungen und Studiengänge zur Diskriminierungsforschung bezüglich Frauen und verschiedener Minderheiten einzurichten und dass es aufgrund dieser Art von Institutionalisierung von Diskriminierungsforschung – nicht aus böser Absicht, sondern aufgrund eines spezifischen soziologisch-strukturellen Effekts – zur Entstehung der linken Political Correctness mit ihren zahlreichen Verrücktheiten kam?

      https://man-tau.com/2018/04/10/postmodernismus-ethnopluralismus-differenzphilosophie-identitaetspolitik/#sozio654

      Und stellt Jordan Peterson bei seiner propagandistischen Strategie zur Abwechslung mal keine linken Denker jüdischer Herkunft ins Zentrum, sondern klärt wissenschaftlich fundiert und verantwortungsvoll über die tatsächlichen soziologischen Ursachen der postmodernen Political Correctness auf?

      Darauf können wir bei Jordan Peterson leider lange warten, denn Wahrheitsorientierung, Verantwortungsgefühl und differenziertes Denken sind Jordan Peterson nunmal fremd.

      Jordan Peterson greift einfach die bereits vor ihm im konservativen/rechten politischen Spektrum vorhandenen Propagandastrategien und irrationalen Verschwörungstheorien auf und modelt sie etwas um.

      Das Resultat ist dann unglaublich originell:

      – Es gebe eine „neomarxistische“ Verschwörung zur Zerstörung der westlichen Zivilisation. (Gähn.)

      – Diese gebe es, weil irgendwelche europäischen linken Denker eine Ideologie zur Zerstörung der westlichen Zivilisation entwickelt hätten. (Gähn.)

      – Und ins Zentrum seiner Verschwörungstheorie stellt Jordan Peterson – auch hier wieder sehr originell – zwei linke Denker jüdischer Herkunft (Marx und Derrida).

      Obwohl Jordan Peterson in einem soziokulturellen Kontext agiert, in dem es im pc-kritischen konservativen/rechten politischen Spektrum an bekloppten irrationalen Verschwörungstheorien, die nach dem Muster von Ideologien über jüdisch-marxistische Verschwörungen aufgebaut sind, keinen Mangel gibt, baut er allen Ernstes seine eigene propagandistische Strategie nochmal nach dem gleichen Muster auf. Und das war mein Kritikpunkt bei dieser Sache.

      Dies tut Jordan Peterson, wie gesagt, nicht aus antisemitischer Gesinnung, sondern, weil er sich propagandistische Erfolge dadurch erhofft, den Schwachsinn von den „Neomarxisten“, die die westliche Zivilisation zerstören wollen, nachzuplappern und weil er sich propagandistische Erfolge davon erhofft über Marx und Derrida (die er beide nicht gelesen hat) dämonisierend herzuziehen. Jordan Peterson ist dabei also nicht antisemitisch motiviert, er ist nur verlogen und verantwortungslos.

      Aus Perspektive der Alt-Right, einschließlich der offen antisemitischen Strömungen in der Alt-Right, stellt es sich nun allerdings zwangsläufig so dar, dass Jordan Peterson ihnen dabei behilflich ist ihre Ideologie in den Mainstream zu bringen, denn sie haben ja schon vor Jordan Peterson behauptet, es gebe eine „neomarxistische“ Verschwörung zur Zerstörung der westlichen Zivilisation, die von linken Denkern jüdischer Herkunft wesentlich inspiriert sei.

      Wäre Jordan Peterson nicht die narzisstisch gestörte Persönlichkeit, die er ist, dann hätte er diesen ganzen Schwachsinn bleiben lassen und hätte stattdessen ernsthaft und ausreichend lange zum Thema recherchiert und dann versucht eine Political-Correctness-Kritik zu entwickeln und zu verbreiten, die wahrheitsgemäß informiert, aufklärt und kritisiert – dies steht übrigens nicht im Widerspruch zu scharfer oder polemischer Kritik, wo diese begründet als sinnvoll erscheint.

      So ist Jordan Peterson eben nur der x-ste Political-Correctness-Kritiker im konservativen/rechten Spektrum im angloamerikanischen Raum, der etwas über „Neomarxisten“, die die westlichen Zivilisation zerstören wollen, daherbrabbelt und bei dem irgendwelche linken Denker jüdischer Herkunft dämonisiert werden, weil sie angeblich als zentrale Ideengeber hierfür fungieren.

      Ich fasse diesen Aspekt also nochmal zusammen: Jordan Peterson ist nicht vorzuwerfen, dass er ein Antisemit wäre. Ihm ist vorzuwerfen, dass er, obwohl er innerhalb eines soziokulturellen Kontextes agiert, in dem im konservativen/rechten pc-kritischen Spektrum irrationale Verschwörungstheorien, die nach dem Muster von Verschwörungstheorien über jüdisch-marxistische Verschwörungen aufgebaut sind, verbreitet sind, er seine eigene propagandistische Strategie nach einem ähnlichen Muster aufbaut (obwohl er es eigentlich besser wissen müsste) – anstatt die Wahrheit zu sagen.

      „Die philosophiegeschichtliche Abhandlung ist wohl das, worauf es dem Verfasser ankam.“

      Eigentlich nicht, die kritische Analyse von Propagandalügen, manipulativen Diskursstrategien und Dämonisierungsstrategien von Jordan Peterson, ist das, worauf es mir ankommt.
      Und außerdem, dass es sowohl im Marxismus als auch im Poststrukturalismus/Postmodernismus neben den autoritären Strömungen auch freiheitlich-demokratische Strömungen gibt.

      „Das ist natürlich legitim und notwendig. Man gewinnt den Eindruck, dass es Leszek insbesondere darum geht, Marx zu retten, indem alles, was sich Marxismus nennt, konkret auf Äußerungen Marx‘ zurückgeführt werden soll, ansonsten als eine der vielen anderen Strömungen bezeichnet werden soll.“

      Es ist ein wesentlicher Aspekt des Prinzips der Wahrheitsorientierung bei politischen, wissenschaftlichen oder philosophischen Kritiken, dass man Kritik an die richtige Adresse richtet und nicht an die falsche. Keine politische, philosophische oder wissenschaftliche Strömung muss sich für Dinge kritisieren lassen, die sie in Wahrheit nicht vertritt, sondern die von einer anderen politischen, philosophischen oder wissenschaftlichen Strömung vertreten werden. Wer bereits dieses grundlegende Prinzip nicht einhält, ist an wahrheitsorientierter Kritik nicht interessiert.

      „Dass Marx für Foucault und die anderen französischen Philosophen kaum eine Rolle spielte, weiß man, wenn man deren Bücher liest, aber es ist gut, darauf hinzuweisen.
      Die theoretische Abhandlung ist jedoch auch gerade das, was diesen Artikel am eigentlichen Thema vorbeigehen lässt. Peterson hat sich aus psychologischer Sicht mit totalitären Systemen befasst. Zu weltweiter Bekanntheit gelangte er durch eine POLITISCHE Kritik an POLITISCHEN Missständen, die in ihrer Ausprägung eklatante Gemeinsamkeiten mit den Bewegungen des Faschismus, des Stalinismus oder des Maoismus zeigen.“

      Erstens beschränkt sich Jordan Peterson bekanntlich keineswegs auf psychologische Dinge, sondern redet gerne und viel auch über andere Dinge, auch wenn er sich mit diesen wenig beschäftigt hat.

      Zweitens ist es eine triviale Feststellung, dass es stets Ähnlichkeiten zwischen autoritären/ totalitären Ideologien bzw. autoritären/ totalitären sozialen Bewegungen bzw. autoritären/ totalitären Systemen gibt. Deshalb bezeichnet man diese ja als autoritär oder totalitär – weil es Ähnlichkeiten gibt, die es begründet als richtig erscheinen lassen, sie unter diese Kategorien zu subsumieren.

      Niemand in wissenschaftlichen Kreisen würde aber z.B. einen Totalitarismusforscher, der, sagen wir mal, Nationalsozialismus, Stalinismus und Islamismus aus psychologischer Perspektive vergleichend analysiert, besonders ernstnehmen, wenn dieser nicht ebenfalls dazu in der Lage ist, diese drei totalitären Strömungen auseinanderzuhalten und sie auch in ihren jeweiligen kontextspezifischen Eigenarten zu erfassen – wenn er sie also gleichsetzt.
      Denn Nationalsozialismus, Stalinismus und Islamismus sind zwar alle drei totalitäre Ideologien, die viele gemeinsame Merkmale – auch in psychologischer Hinsicht aufweisen – sie sind aber offenkundig trotzdem nicht dasselbe, es gibt neben den Gemeinsamkeiten eben auch Unterschiede.

      Aber davon mal abgesehen: Einer meiner Kritikpunkte in meinem Text ist außerdem, dass von Jordan Peterson nicht zwischen demokratischen und undemokratischen Strömungen im Marxismus und im Poststrukturalismus (was etwas anderes ist als Marxismus) differenziert wird. Für Jordan Peterson ist noch der demokratischste Marxist nur ein Stalinist und noch der demokratischste Postmodernist nur ein politisch korrekter Fanatiker. Das ist ungefähr so, als hätten wir es mit einem besonders einseitigen und fanatischen Linken zu tun, für den noch der demokratischste Konservative nur ein Faschist ist und für den noch der sozialste Liberale nur ein neoliberaler Sozialdarwinist ist. Demokratiefähigkeit sieht anders aus.

      „(Die These, dass das gegenwärtige Problem aus einem selektiven Missverständnis der französischen Philosophen stamme, ist daher zumindest zum Teil unzutreffend – ein großer Teil ist älter.)“

      Das halte ich für falsch. Der politisch korrekte Postmodernismus kann in ideengeschichtlicher und in sozialgeschichtlicher Hinsicht nur im Rahmen der US-amerikanischen soziokulturellen und soziologischen Bezüge und Kontexte verstanden werden, in denen er sich entwickelt hat. Und erst, wenn man ihn in diesem Sinne analysiert hat, kann man ihn in einem 2. Schritt auch mit anderen autoritären Ideologien systematisch vergleichend analysieren.

      „Peterson ist kein Philosophiehistoriker;“

      Man braucht kein Philosophiehistoriker zu sein, um Dinge zu wissen, wie, dass Postmodernismus und Neomarxismus etwas Verschiedenes sind oder dass Neomarxisten meist demokratische Marxisten sind oder dass man Philosophen nicht wahrheitsgemäß beurteilen, geschweige denn kritisieren kann, wenn man nie etwas von ihnen und auch kein verlässliches Einführungsbuch über sie gelesen hat. Zu solchen Erkenntnissen kann man schnell und leicht kommen, ohne größere Kenntnisse über Philosophiegeschichte zu haben.

      „die Menschen, die ihn für sein politisches Engagement schätzen, suchen nach Antworten und Ursprüngen.“

      Und stattdessen bekommen sie von Jordan Peterson Propagandalügen, spezifische Diskursstrategien und Dämonisierungsstrategien aufgetischt, die nicht der Aufklärung und Information, sondern der Manipulation und Mobilisierung dienen sollen.

      „Peterson kann die Struktur der Strömung analysieren, vertut sich jedoch bei den Ursachen und der Benennung der ideologischen Basis.“

      Peterson kann die autoritäre politisch korrekte Variante des Postmodernismus weder in psychologischer, noch in soziologischer, weder in ideengeschichtlicher, noch in sozialgeschichtlicher Hinsicht tiefergehend verstehen, wenn er ihn nicht in seiner kontextspezifischen Eigenart erfasst, sondern einfach mit Stalinismus gleichsetzt und dies dann auch noch fälschlich als „Neomarxismus“ bezeichnet, obwohl Neomarxisten in Wahrheit meist entschiedene Antistalinisten sind.
      Allerdings geht es Peterson ja auch nicht darum, den autoritären politisch korrekten Postmodernismus wissenschaftlich zu verstehen, es geht Jordan Peterson darum triviale rechte Propaganda zu betreiben, jedenfalls solange dies funktioniert.

      „Das kann und sollte man ankreiden, tut der Gültigkeit der politischen Kritik jedoch keinen Abbruch. Und das ist das Problem, an dem obiger Beitrag krankt, und der symptomatisch für die ganze Debatte um die p.c. ist – die analytische Zergliederung aller Bewegungen in kleinere und kleinste Strömoungen, an deren Ende nichts mehr übrig bleibt, um eine relevante Kritik zu formulieren.“

      Das ist falsch. Es ist problemlos möglich von politisch korrektem Postmodernismus zu sprechen, wenn politisch korrekter Postmodernismus gemeint ist.
      Es ist im Allgemeinen zum Glück in den meisten Kontexten selbstverständlich, dass man Kritiken z.B. an politischen, religiösen, wissenschaftlichen oder philosophischen Strömungen wahrheitsgemäß und zutreffend zu adressieren hat. Nur gegenüber Anhängern einer Variante linker oder liberaler oder konservativer/rechter oder einer anderen Form von Political Correctness (gibt es alles) muss man solche Selbstverständlichkeiten leider immer wieder erklären und immer wieder darauf pochen, dass bezüglich des Adressierens von Kritik Lügen, Verleumdungen und Falschbeschuldigungen nicht in Ordnung sind.

      „Nur dass es eben eine ziemlich deutliche Strömung gibt, die das politische und soziale Leben dominiert.“

      Ja, und diese entstand an US-amerikanischen Universitäten und zwar in ideengeschichtlicher Hinsicht wesentlich aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus, (die sich vom ursprünglichen französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus aber deutlich unterscheidet) in Verbindung mit einigen US-amerikanischen Quellen.

      „Der Autor ist im Philosophischen zweifelsohne bewanderter als ich und wird sich an Unis ebenfalls auskennen; die allgegenwärtigen, teils verpflichtenden p.c.-und Gender-Ideologie-Seminare dürften ihm daher nicht entgangen sein.“

      Nein, ist mir nicht entgangen:

      https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/08/04/gastartikel-leszek-zu-der-frage-ob-gender-studies-unwissenschaftlich-sind/

      https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/08/07/gastartikel-leszek-darueber-wie-vertreter-der-gender-studies-mit-kritik-umgehen/

      „Ebenso dürfte daher bekannt sein, dass es tatsächlich die kritisierten Philosophen sind, auf die diese Seminare begründet werden. (Natürlich im selektiven Sinne für die eigenen Interessen, aber es geht bei der Causa Peterson wie gesagt nicht um faktische Philosophiegeschichtsschreibung, sondern um Politik.)“

      Nicht ganz, in solchen Seminaren stehen nicht die französischen Poststrukturalisten selbst im Zentrum, sondern die Schriften von Vertretern der politisch korrekten Variante des Postmodernismus (Gender Studies, Queer-Feminismus, Critical Whiteness, postmoderner Multikulturalismus etc.), die sich bei den französischen Poststrukturalisten selektiv bedient haben.

      „Die Forderung, die Kritik müsse aus dem linken Spektrum kommen, an Realitätsferne kaum zu überbieten.“

      Das ist nicht einfach eine Forderung, sondern es gibt eine Political-Correctness-Kritik aus linker Perspektive. Natürlich wird es – da muss man realistisch sein – noch länger dauern, bis sie sich innerhalb der Linken stärker durchsetzen wird, das wird wohl erst geschehen, wenn die Krise der zeitgenössischen Linken ein gewisses Ausmaß überschritten hat. Aber es ist m.E. wichtig daran zu arbeiten linke PC-Kritik bekanntzumachen, weiterzuentwickeln und zur Durchsetzung zu bringen.

      Es gibt z.B. linke Kritiker an der postmodernen Political Correctness allgemein. Drei bekanntere Werke hierzu sind z.B.:

      Walter Benn Michaels: The Trouble with Diversity: How We Learned to Love Identity and Ignore Inequality

      https://www.bol.de/shop/home/verknuepfung/ID43750877.html

      Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur (Dieses Buch findet sich glücklicherweise zur Zeit in fast jeder Buchhandlung.)

      https://www.bol.de/shop/home/suchartikel/ID63890877.html

      Slavoj Zizek – Der Mut der Hoffnungslosigkeit

      https://www.bol.de/shop/home/artikeldetails/ID83642205.html

      Es gibt darüber hinaus z.B. auch linke Männerrechtler und linke Feminismuskritiker, es gibt übrigens auch linke Multikulturalismus-Kritiker und es gibt z.B. auch linke Islam-Kritiker.

      „Der Text – von der irritierenden argumentativen Unsauberkeit abgesehen“

      Ha, ha, geil. Das sagt ausgerechnet ein Jordan-Peterson-Fan.

      „ – tut daher nichts, als die berechtigte Kritik an den Zuständen in irrelevante Orchideenthemen umzulenken und für die ideologische Kritik zu neutralisieren.“

      Ich bin in politischer Hinsicht wesentlich traditionell-links und ich will weder in einer Gesellschaft leben, die von der postmodernen Political Correctness geprägt ist, noch in einer Gesellschaft, die von den Ideen von Jordan Peterson geprägt ist. (Eine neoliberale Diktatur begünstigen m.E. ohnehin beide.)

      Und des Weiteren ist zu konstatieren, dass die postmoderne Political Correctness und die Variante einer „Political Correctness von rechts“, die Jordan Peterson vertritt, in ihrer Tiefenstruktur mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen und das die eine nicht besser ist als die andere.
      Für Jordan Peterson ist jede Lüge, Verleumdung und propagandistische Bösartigkeit o.k., wenn sie „seine“ Sache voranbringt.
      Und das stört dich eben nicht groß, solange du den Eindruck hast, dass es in pragmatisch-zweckrationaler Hinsicht funktioniert.

      Aber, Gelegenheitsleser, das kannst du doch nicht ernsthaft von Anderen erwarten.

      Von Political Correctness-Kritik aus linker Perspektive sollten die Menschen m.E. Besseres erwarten können als irrationale rechte Verschwörungstheorien, die nach dem Muster von Ideologien über jüdisch-marxistische Verschwörungen aufgebaut sind und andere rechte Verdummungspropaganda.

      Mein Genosse Noam Chomsky schrieb einmal:

      „Die Intellektuellen haben die Verantwortung, die Wahrheit zu sagen und Lügen aufzudecken.“

      Chomskys Begriff des Intellektuellen ist glücklicherweise kein elitärer.

      Noam Chomsky:

      „Ein Intellektueller zu sein, ist eine Berufung für jedermann: es bedeutet, den eigenen Verstand zu gebrauchen, um Angelegenheiten voranzubringen, die für die Menschheit wichtig sind. Einige Leute sind privilegiert, mächtig und gewöhnlich konformistisch genug, um ihren Weg in die Öffentlichkeit zu nehmen. Das macht sie keineswegs intellektueller als einen Taxifahrer, der zufällig über die gleichen Dinge nachdenkt und das möglicherweise klüger und weniger oberflächlich als sie. Denn das ist eine Frage der Macht.“

      Ich sehe es also ganz und gar nicht als Aufgabe linker Kritiker der postmodernen Political Correctness an die Propagandalügen, manipulativen Diskursstrategie und Dämonisierungsstrategien von Jordan Peterson zu unterstützen, sondern ich sehe es als Aufgabe linker PC-Kritik an, diese genauso auseinanderzunehmen wie die postmoderne Political Correctness.

      Das Thema Political Correctness ist, gesellschaftlich betrachtet, ein diskursives Feld, in dem die verschiedensten Teilnehmer an der Debatte aus propagandistischen Gründen lügen und manipulative Diskursstrategien anwenden und andere wiederum aus Uninformiertheit falsche Behauptungen weiterverbreiten.

      Aufgabe linker PC-Kritik ist es m.E. u.a. (wie in meinem Artikel auch erwähnt) die Propagandalügen und manipulativen Diskursstrategien auf den verschiedensten Seiten aufzudecken und eine möglichst wahrheitsorientierte Analyse und Kritik der postmodernen Political Correctness in die Öffentlichkeit zu bringen.

      Des Weiteren beruht linke Kritik an der postmodernen Political Correctness, wie ich sie verstehe, auf Werten und Prinzipien, die mit jener Synthese aus Freiheit und Gerechtigkeit kompatibel sind, die allen freiheitlich-linken sozialen Bewegungen und allen freiheitlich-linken Theorieströmungen in der einen oder anderen Weise zugrundeliegt.

      All dies ist mit der PC-Kritik von Jordan Peterson unvereinbar. Und deshalb schrieb ich in meinem Artikel:

      „Eine wahrheitsorientierte Kritik der postmodernen Political Correctness aus linker Perspektive kann nur gegen Jordan Peterson durchgesetzt werden.“

      Das ist nunmal so.

  • Hallo Leszek,

    nach Deiner Ankündigung habe ich die Kritik an Peterson mit Spannung erwartet, danke dafür! Ein stückweit Entzauberung ist denke ich ganz angebracht.

    Was mich allerdings gestört hat ist das Einbringen von Judentum. Rasse ist mir soweit möglich egal. Das Egal geht am Besten wenn ich gar nicht erst weiss welcher Rasse/Hautfarbe/WTF jemand ist. So wusste ich z.B. nicht dass Derrida Jude ist, aber nach diesem Artikel kann ich das nicht mehr ignorieren. Danke, nein Danke.

    Es stößt mich darüber hinaus ab, wenn Du die Verbindung Peterson – Jude – Kritik – Rechtsradikal ziehst. Sicher, Du wirfst ihm nicht direkt vor er wäre judenfeindlich. Aber seien wir doch mal ehrlich: Hierzulande braucht man das nicht, es reicht vollkommen aus zu schreiben dass jemand einen Juden kritisiert, oder? (Zumindest wirkt das bei mir als Lechzer so, wenn ich mich nicht aktiv dagegen wappne).
    Ein wesentlicher Grund warum mich das stört ist, weil ich dasselbe in der Geschlechterdebatte sehe: Wenn ich als Mann eine Frau kritisiere, dann bin ich ein Frauenfeind, egal ob ich sie nun als Frau, Mensch oder Arschloch kritisiere.

    Viele Grüße,
    Hauke

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