Geschlechterdebatte Jungen Männer Medien

Wofür ist dieses Patriarchat eigentlich gut?

geschrieben von: Lucas Schoppe

Ein Beitrag in der Philosophiezeitschrift Hohe Luft fordert die „Männliche Emanzipation“. Haben Männer und Jungen auch etwas davon?

 

Cowboys und Opfer in Anführungszeichen

Davon auszugehen, Gewalt habe ‚ein Geschlecht’, nämlich das männliche, ist einfach nicht wahr. Es sind nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die ihre Partner sexuell missbrauchen; es waren auch Frauen, die in Konzentrationslagern folterten und mordeten; es waren mehr Frauen als Männer, die Hitler an die Macht wählten. All das ist hinreichend empirisch belegt. (S. 32)

So lenkt Rebekka Reinhard, Redakteurin der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft, in dem gerade erschienenen Artikel „Oh, Mann“ aus der aktuellen Ausgabe 4/2018 den Blick auf andere Männer als auf „Anzug tragende Cowboys in Führungspositionen“, nämlich auf:

Arbeitsunfähige, obdachlose Männer. Solche, die auf dem Bau malochen. Jene, die krank werden, weil sie nicht gelernt haben, sich um sich selbst zu kümmern oder andere um Hilfe zu bitten. Männer ohne Freunde. Männer, die in den Krieg ziehen müssen, im Gefängnis sitzen, sexuell missbraucht werden, das Sorgerecht für ihr Kind verlieren. Weinende Männer. Memmen? Windelwechsler? (S. 29)

Fast gleichzeitig mit einem Artikel im Spiegel erscheint also ein weiterer Beitrag, der sich mit spezifischen Nöten von Männern und Jungen auseinandersetzt – hier in einer Sparten-Zeitschrift, die sich nach eigener Auskunft an „alle, die Lust am Denken haben“ richtet. Interessant aber ist, wie Reinhard diese Nöte ins Spiel bringt, und wie sie sich mit feministischen und feminismuskritischen Traditionen auseinandersetzt. Ihr Schluss ist:

Solange sich Feministen wie Antifeministen weiterhin in ihrer jeweiligen ideologischen Ecke rekeln, wird sich nichts ändern. Wenn es wahr ist, dass auch Männer ‚Opfer’ des Patriarchats sein können, und wenn es gut und gerecht ist, ihre Befreiung aus diesem System voranzutreiben, dann muss sie – wie die weibliche Emanzipation – mit der Befreiung aus der Ideologie beginnen. (33)

Für Reinhard ist das die Ideologie des Patriarchats – und als Opfer kann sie Männer wohl deshalb nur in Anführungsstrichen wahrnehmen, weil sie zugleich auch Träger und Profiteure dieser Ideologie seien.

Grundsätzlich bezieht sie sich auf die amerikanische Philosophin und Feministin Kate Manne, die Sexismus von Misogynie unterscheidet. Sexismus sei die rationalisierende Rechtfertigung einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung, Misogynie hingegen seien Praktiken, mit denen die „guten“ Frauen belohnt und die „schlechten“ Frauen bestraft würden, also die Frauen, die in männliche Terrains eindringen würden.

Daher könne es nach Manne auch keine Misandrie geben, denn die müsste analog dazu eine matriarchalische Gesellschaftsordnung stützen. „Da das Matriarchat im Gegensatz zum Patriarchat keine historisch und hegemonial relevante Größe sei, gebe es auch keine ‚echten’ Fälle von Misandrie.“ (31) Eben hier widerspricht Reinhard: Könne es denn aber nicht auch Männer geben, die eben nicht nur Nutznießer, sondern auch Benachteiligte des Patriarchats seien?

Sind so große Hände: Patriarchale Handlungsfähigkeit, einmal voll ausgebildet, einmal noch im Wachsen begriffen.

Das fädelt unauffällig eine seltsame Überzeugung ein, die in der postmodernen Linken zum guten Ton gehört: dass nämlich Praktiken nur dann auf eine ernstzunehmende Weise gewaltsam seien, wenn sie sich als Ausdruck allgemeiner Machtstrukturen verstehen lassen. Natürlich ist das kein zwingender Zusammenhang – sonst könnten wir beliebige Gewaltpraktiken gegen Menschen etablieren, wenn wir sie nur zunächst als „privilegiert“ klassifiziert haben.

Wichtig aber ist vor allem: Wie kommt Reinhard denn eigentlich auf die Idee, dass die Machtstrukturen männlich, patriarchal seien?

 

Über Macht, Machtlosigkeit und Übermacht

Im Blog „Geschlechterallerlei“ haben sich djadmoros und Jonas gerade mehrere Artikel lang und mit vielen historischen Bezügen über die Frage verständigt, ob es eigentlich überhaupt einen Sinn ergibt, eine Gesellschaftsordnung wie unsere als „Patriarchat“ zu beschreiben. Das also ist zumindest keine Selbstverständlichkeit – und gerade von einem philosophischen Text wäre zu erwarten, dass er die Grundlagen seiner eigenen Argumentation klärt.

Reinhard allerdings bleibt auf der Ebene der Definitionen stehen. Die Annahme, dass Patriarchat überall sei, wo Männer Macht haben, modifiziert sie lediglich, da heute doch schließlich auch Frauen Machtpositionen besetzen würden: „Patriarchat ist überall, wo Männer die Übermacht haben.“ (30)

Was aber heißt dann „Übermacht“? Und welche „Männer“ – irgendwelche, oder irgendwie alle? Was ist zudem mit den Männern, die von dieser Übermacht wenig merken? Eben um diese Männer geht es doch, oder?

Die Nöte solcher Männer beschreibt Reinhard etwa so, „dass ihnen schnell mal das Sorgerecht abgesprochen wird“ (32) – was so nur zum Teil stimmt. Tatsächlich verlieren Männer nach Trennungen schneller das Sorgerecht als Frauen, ein großes bleibendes Problem aber ist, dass (nicht-verheiratete) Männer das Sorgerecht für ihre Kinder grundsätzlich überhaupt nicht haben, solange nicht die Mütter zustimmen oder Gerichte die Zustimmung ersetzen. Das ist eben kein Problem, das „mal“ auftaucht, sondern ein Problem rechtlicher Strukturen – und übrigens eine rechtliche Benachteiligung von Männern, wie es sie so für Frauen nirgends gibt, nicht einmal ansatzweise.

Die Strukturen der Gesellschaft sind erkennbar auf den Mann zugeschnitten.

Reinhard schreibt auch über Jungen und darüber, „dass sie mit einem negativen Männerbild aufwachsen, weil ein positives bisher nur als weibliche (verweiblichte) Variante verfügbar ist“ (32). Das besagt auf eine etwas verschwurbelte Weise, dass Weiblichkeit allgemein eher positiv, Männlichkeit allgemein eher negativ bewertet werde – so dass nur ein Männerbild mit weiblichen Anteilen als positiv wahrgenommen würde. Das mag sein oder nicht – aber was ist daran patriarchal?

Reinhard tut die Nöte von Männern ausdrücklich nicht als „Peanuts“ (32) ab, sortiert aber Männer wie den Autoren Ralf Bönt direkt neben der Plattform „WikiMANNia“ in einer „von Ressentiments getränkten Front“ (31) ein. Auf der Gegenseite platziert sie dann ausgerechnet den Autor Michael Kimmel, der mit Angry White Men wohl eines der am meisten ressentimentgeladenen Bücher der letzten Jahre geschrieben hat.

Welchen Sinn hat also die Rede von einem Patriarchat, wenn damit schon einfache Klassifizierungen gezwungen und unplausibel werden und soziale Daten nur verzerrt wahrzunehmen sind?

 

Patriarchat: Die Rettungsversuche sind nicht zu retten

Der Literaturwissenschaftler Peter Szondi hat in seiner brillanten Schrift „Theorie des modernen Dramas“ 1956 die These aufgestellt, dass moderne Erfahrungen in einem klassischen Fünf-Akt-Drama nicht mehr repräsentiert werden könnten. Wenn die Zuversicht verschwunden ist, dass wir die Ordnung der Welt grundsätzlich überblicken und uns gültig über sie verständigen könnten – dann würde die Form der wohlgeordneten Welt der fünf Akte notwendig in einen Widerspruch mit ihrem Inhalt geraten.

Für das moderne Drama unterscheidet Szondi dann Lösungsversuche – wie etwas das epische Theater Brechts – von Rettungsversuchen. Während Lösungsversuche neue Formen entwerfen, die modernen Erfahrungen besser entsprächen, würden Rettungsversuche das klassische Drama gerade so weit modifizieren, dass sie es aufbewahren können.

Reinhards Text ist, mit Szondi formuliert, ein solcher Rettungsversuch. Sie nimmt soziale Erfahrungen wahr, sie verschweigt sie nicht und redet sie nicht klein, aber sie versucht, sie in vertraute Muster zurückzustopfen: Patriarchy hurts men too. Sie kommt ich ihrem ganzen Text nicht auf die Idee zu fragen, ob der Begriff „Patriarchat“ nicht fallengelassen werden müsste – und so begründet sie auch nirgends, warum es trotz allem sinnvoll wäre, an ihm festzuhalten.

Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat eine weitere Unterscheidung formuliert, die hier hilfreich ist – die zwischen „Assimilation“ und „Akkomodation“. Wir würden die Welt nicht einfach naiv so wahrnehmen, wie sie ist (was immer das auch wäre), sondern mit der Hilfe von „Schemata“, die wir aus unseren bisherigen Erfahrungen gewonnen hätten. Nur so können wir uns die Welt beständig unwillkürlich ordnen, und nur so könnten wir Gelerntes aus einer Situation in einer andere übertragen.

Was aber tun wir, wenn wir eine neue Situation erleben, in der die Schemata nicht mehr passen? Grundsätzlich verhalten wir uns dann nach Piaget ökonomisch – wir definieren einfach das, was uns an der Situation stört, so um, dass es zu unseren Schemata passt. Wir „assimilieren“. Wenn wir zum Beispiel wissen, dass Schwäne weiß sind, und uns ein schwarzer Schwan begegnet, dann klassifizieren wir ihn einfach als Ausnahme und können unser Schema beibehalten.

Wenn wir aber auf Widersprüche stoßen, die so groß sind, dass wir nicht mehr sinnvoll assimilieren können – dann müssen wir „akkomodieren“, also unsere Schemata selbst ändern. Das kann sehr schmerzhaft und schwierig sein, weil es möglicherweise tiefe Überzeugungen angreift – es ist aber zugleich ein wesentlicher Lernschritt.

Wir brauchen beides: Würden wir nicht assimilieren können, wären wir beständig von einer Welt überfordert, die für uns unfassbar bliebe. Würden wir nicht akkomodieren können, würden wir erstarren und könnten schließlich nicht mehr sinnvoll in der Welt agieren.

Es ist ein typisches Kennzeichen von Ideologen, die Akkomodation zu verweigern. Wenn etwa ein Rassist davon überzeugt ist, dass Schwarze faul und dumm seien, dann können ihm noch so viele engagierte und kluge Schwarze begegnen – er wird immer Möglichkeiten finden, diese Erfahrungen in sein Schema einzupassen.

Damit aber ist dieses Schema schließlich nur noch auf sich selbst und seine eigene Reproduktion bezogen, nicht mehr auf die Wirklichkeit. Eben eine solche Funktion erfüllt offenkundig auch der Begriff „Patriarchat“ – und das wird bei Reinhard eben gerade deshalb deutlich, weil sie versucht, ihn zu retten.

Würde Müttern willkürlich der Kontakt zu ihren Kindern genommen werden, einfach weil die Väter das so wollen – dann würde das ganz gewiss als eine ganz besonders grausame Eigenschaft des „Patriarchats“ gewertet. Ist aber die Situation umgekehrt, stellen Reinhard und co. bestenfalls fest, dass das Patriarchat auch Männer schädige.

Dass Männer das Gros der Führungspositionen besetzen, lässt sich leicht als Beleg für patriarchale Strukturen deuten. Dass etwa 99% der Männer keine Führungspositionen innehaben, ist dann leicht zu assimilieren – etwa in Connells Rede von der „patriarchalen Dividende“, von der angeblich alle Männer profitieren würden.

Würden hingegen die meisten Führungspositionen durch Frauen besetzt, ließe sich auch das als Beleg für ein Patriarchat werten. Wir könnten dann argumentieren, dass Frauen zwar Geld und Einfluss besäßen, aber dafür auch ungeheuer viel arbeiten müssten – die Ehemänner dieser Frauen hingegen würden von Geld und Einfluss etwa im selben Maße profitieren, müssten aber die Arbeit nicht leisten. Selbst die mächtigsten Frauen arbeiteten noch für Männer – könnte es einen deutlicheren Beleg für ein Patriarchat geben?

Der Begriff „Patriarchat“ bezieht sich also überhaupt nicht auf die soziale Wirklichkeit, weil er durch soziale Daten gar nicht widerlegbar ist. Er signalisiert eine Selbstauskunft: Wer vom „Patriarchat“ redet, signalisiert, dass er gewillt ist, soziale Daten grundsätzlich als Hinweis auf eine Unterdrückung von Frauen durch Männer zu deuten. Tatsächlich kennzeichnet der Begriff damit auch eine Gruppenzugehörigkeit – und wer den Begriff kritisiert, signalisiert damit, zur Gegengruppe zu gehören.

Deshalb ist es auch gleichgültig, ob eine solche Kritik grobschlächtig oder subtil argumentierend erfolgt – zur Gegengruppe gehört der Kritiker so oder so.

Wie sich dieses Gruppendenken, das sich in dem Begriff „Patriarchat“ unweigerlich ausdrückt, auswirken kann, hat gerade eine ehemalige Nationalrätin der Grünen in Österreich demonstriert. Sigi Maurer hatte offenbar von einem Wiener Gastronom beleidigende und obszöne Nachrichten erhalten und diese öffentlich gemacht – woraufhin dieser rechtliche Schritte ankündigte. Maurer konterte auf Twitter mit einem Bild, das den Bezug zum Fall gar nicht kenntlich machte, aber stattdessen gegen Männer insgesamt austeilte.

Leiderfahrungen von Männern werden hier zum Kraftspender für die Frau – so bemüht luschtig das daherkommt, ist es doch ein unverkennbar sadistischer Kommentar zum Geschlechterverhältnis. Das wird auch nicht dadurch besser, dass Maurer die Male Tears allein auf die angekündigte Klage des Lokalbesitzers beziehen möchte.

Denn das ist hier ja gerade das Problem: Eine zweifellos belastende Erfahrung ordnet Maurer unvermittelt ein in ein klischeehaftes Muster männlicher Macht und weiblicher Ohnmacht. Wenn Männer klagen würden, dann lediglich über den Verlust ihrer Privilegien.

Auch das ist eine ironische Pointe des Begriffs „Patriarchat“, die seinen Benutzern für gewöhnlich verborgen bleibt: Der Begriff ist ganz und gar geprägt von einem altbackenen, längst überlebten Männerbild. Wer ihn benutzt, konzentriert sich ganz auf die wenigen erfolgreichen Männer, ignoriert die vielen anderen – und nimmt sie, falls sie dann doch einmal etwas sagen, als Jammerlappen wahr.

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25 Comments

  • Man müsste erst einmal anfangen, den Begriff „Patriarchat“ generell zu dekonstruieren. Und dafür gibt es mehrere Ansatzpunkte. Erstens wäre da der historische Punkt, dass Patriarchat, ausgehend von den jüdischen Tempelpriestern im antiken Jerusalem, in den Katholizismus übernommen und später neben dem religiösen „Vater“ (lat. „Pater“) ausschließlich für patrilineal organisierte Familienclans verwendet wurde. In den 60ern begannen Feministen dann den historischen Begriff umzudeuten, im Zuge einer vom marxismus entlehnten Klassenkampfideologie, um die herrschende Klasse damit zu kennzeichnen.
    Und hier setzt der zweite Punkt an, dass die herrschende Klasse damit begrifflich mit dem männlichen Geschlecht verknüpft wurde und somit Männer im Patriarchat die alleinige dominanz und unterdrückende Klasse sind. Das widerspricht sich natürlich mit dem angeblichen „Patriarchat schadet Männern auch“, aber nicht uneigennützig, impliziert es doch, dass die Previligierten durch das System der Previlegien, was sie stützen, an ihren eigenen Problemen selber schuld seien. Womit dieses ganze konstrukt im Grunde nichts weiter ist als hinter viel Blabla und Ideologie verstecktes Victimblaming.

  • Es bleibt dabei: Es gibt heutzutage in der westlichen Welt ganze zwei Patriarchate, nämlich den Katholizismus und Vater Staat.
    Und das staatliche ist erzfeministisch.
    Punkt!

    Der Tweet ist übrigens lustig, da grätscht mehrfach irgendein gestörtes Wesen dazwischen und besteht drauf, daß Male Tears ein Synonym für Sperma wäre ….

    • @Fiete:

      Ich würde das sogar auf den Katholizismus einschränken. »vater Staat« ist bloß eine Metapher, und »Großer Bruder« passt mittlerweile eh besser 🙂

      • @ djadmoros, Fiete Selbst bei der katholischen Kirche lässt sich das Klischee nicht aufrechterhalten, es ginge hier lediglich um Reproduktion von Machtstrukturen. Dem Ausschluss von Frauen aus den Institutionen und der Hierarchie entspricht eine ungeheure Idealisierung von Frauen in der Praxis. Als Faustregel: Je konservativer der Katholizismus, desto größer ist die Bedeutung der Maria.

        Es wäre ahnungslos, das lediglich als Trick der Kirchenhierarchie zu interpretieren, die Frauen mit kostenlosen Idealisierungen abspeist, um sie aus den Strukturen heraushalten zu können. Maria hat eine tiefe, urwüchsige Bedeutung: einerseits als Aspekt des Göttlichen, ja, als „Gottesmutter“ ihm sogar in gewisser Weise übergeordnet – andererseits als jederzeit ansprechbare Vermittlerin zwischen Mensch und Gott. Fürbittkerzen werden in den katholischen Kirchen bis heute fast ausschließlich vor einer Marienstatue aufgestellt, sehr sehr viel seltener vor Heiligen wie dem Christopherus.

        Ich möchte damit das katholische Frauenbild nicht verteidigen. Ich bin mir sicher, dass die katholische Kirche in Deutschland nur wieder auf die Füße käme, wenn sie das Zwangszölibat abschaffen und die Frauenordination einführen würde. Schon heute übernehmen viele Frauen de facto seelsorgerische Aufgaben, schon allein, weil es anders gar nicht mehr geht. Es geht mir nur darum, dass auch dieses antiquierte Frauenbild eine FUNKTION erfüllt und nicht lediglich zur Reproduktion von Herrschaft dient.

        Die Kehrseite der Entfernung von Frauen aus den Institutionen ist eben die Idealisierung des Weiblichen, dass durch pragmatische Machterwägungen nicht korrumpiert werden soll. Das wäre eigentlich auch für heutige Feministinnen interessant: Sie müssten sich wohl entscheiden, ob sie Frauen in den Institutionen und auf Machtpositionen möchten, oder ob sie am Ideal der Frau als dem besseren, sozialeren, friedlicheren Menschen festhalten möchten. Dieses Ideal nämlich ist eigentlich ein säkularisierter Marienkult. –.-

        Auch in der klassischen bürgerlichen Kleinfamilie kann es noch Sinn haben, von „patriarchalen Strukturen“ zu sprechen. Nur geht es eben auch da um pragmatische Funktionen, nicht allein um die Reproduktion von Herrschaft.

        Die traditionelle bürgerliche Kleinfamilie war ja um 1900 herum ohnehin nur auf ein kleines bürgerliches Milieu beschränkt, das allerdings medial dominant war und so seine eigenen Strukturen als Basisstrukturen der Gesellschaft verhandeln konnte. Die Kleinfamilie baute ökonomisch darauf, dass ein einziges Einkommen für alle reichte – etwas, was für Bauern- oder Arbeiterfamilien illusorisch gewesen wäre.

        Da die Frau damit von der Erwerbsarbeit freigestellt war und sich auf ihre häusliche Tätigkeit beschränken konnte und musste, konnte sich auch erst ein privater Bereich ausbilden, der klar von einer öffentlichen Sphäre abgegrenzt war.

        Dieses Neben- und Ineinander zweier Sphären schuf zugleich die Frage, wie den zwischen beiden vermittelt werden könnte. Es war naheliegend, dass diese Funktion der Mann übernahm, der in beiden Sphären tätig war: Er besorgte in der öffentlichen Sphäre die finanzielle Reproduktion der Familie und vertrat zugleich die private Sphäre nach außen.

        Das ist für mich überhaupt kein wünschenswertes Modell. Wesentlicher Konfliktpunkt mit der Mutter unseres Kindes war, dass ich nicht im Wesentlichen allein für die finanzielle Reproduktion verantwortlich sein, sondern mich auch um unser Kind kümmern wollte. Hier geht es mir aber nur darum, dass die Position des Vaters als „Familienvorstand“, der die Familie nach außen vertritt, eben nachvollziehbare pragmatische Funktionen erfüllt hat und nicht allein der Machtreproduktion diente.

        Das ist bis heute offenkundig. Ich kenne einige Familien, in denen der Mann den Löwenanteil der Hausarbeit und Kindesbetreuung erledigt, während die Frau den Löwenanteil des Familieneinkommens verdient. Diese Männer (nicht die Frauen) geraten regelmäßig unter Rechtfertigungsdruck – bei Freunden, in der Familie, bei den Eltern der Frau etc.

        Natürlich müssen sie sich nicht dafür rechtfertigen, dass sie nicht anständig ihre Machtposition reproduzierten – sondern dafür, dass sie ihre EIGENTLICHE Funktion für andere nicht erfüllten.

        • @Lucas:

          Du hast schon recht, über die positiven Effekte des katholischen Frauenbildes (zumindest vom Standpunkt der Antike aus betrachtet) habe ich ja selbst einen längeren Blogpost verfasst. Der Marienkult ist da natürlich einschlägig.

          In bezug auf die bürgerliche Kleinfamilie stimme ich Dir ohnehin zu. Die repräsentiert keine hierarchische Schichtung mehr, sondern eine funktionale Differenzierung, und hier ist der Mann ebenso wie die Frau in erster Linie jemand, der im Rahmen dieser Arbeitsteilung Verantwortung für andere übernimmt.

        • Kann das bestätigen. Ich als evangelisch-lutherischer Agnostiker bin immer wieder erstaunt, wenn ich meine katholische Frau aus Südamerika zur Messe begleite. Von der Jungfrau Maria ist wesentlich häufiger die Rede als von Jesus.

      • @ Djad & Lucas:
        Ihr denkt manchmal einfach zuviel … 😉
        Nee, im Ernst, es ging mir weder um das Frauenbild, noch um die Klischeefunktionen des Begriffs „Patriarchat“.
        Sondern um die pragmatischen Entwicklungen und Grundlagen, die man, mit viel gutem Willen, unter dem Begriff „strukturelles Patriarchat“ zusammenfassen könnte.
        Ich habe, sozusagen und im weitesten Sinne, einfach mal versucht, die angebl. Kriterien der feministischen Soziologie u. „Geschichtsforschung“ ( hust ) zur Basis zu machen.

        „Auch in der klassischen bürgerlichen Kleinfamilie kann es noch Sinn haben, von „patriarchalen Strukturen“ zu sprechen. Nur geht es eben auch da um pragmatische Funktionen, nicht allein um die Reproduktion von Herrschaft.“

        Und da steckt ja nun eine ziemlich lange Historie dahinter.
        Und das „noch“ in dem Zitat ist für mich der Dreh- u. Angelpunkt.

        Nicht zuletzt geht es, auch bei den Femis, ja um das „Gewaltmonopol“ und dessen Entwicklung.
        Selbiges wird übrigens auch in dem von Djad erwähnten Aufsatz, resp. in den Kommentaren auf AE dazu, kurz angesprochen.

        Ich fabuliere mal zur vereinfachten Darstellung ein wenig in der Steinzeit herum:
        Gelegentlich mußten auch derzeit schon Entscheidungen getroffen werden, welche für die ganze Familie, Horde, Nachbarschaftsgruppe o.ä. mehr o. weniger bindend waren.
        Nehmen wir mal comicartig an, die Mammuts zogen weiter ( oder so, da gibt es ja der Möglichkeiten viele ). Die An- u. Abmarschwege wurden zu lang, die Ausbeute in Relation zum Aufwand zu gering.
        Nun hatten sich die Nichtjäger des Verbands gerade hübsch gemütlich in ihren Wohnhöhlen eingerichtet.

        Trotzdem war es natürlich nur eine Frage von ein wenig Zeit, bis klar war, der ganze Verband mußte ein Stück weit umsiedeln.

        Logisch, daß das nicht jedesmal lange ausdiskutiert wurde, sondern, daß von den Hauptfleischbeschaffern schnell und sicher angenommen werden konnte, daß sie gute Gründe für ihre Entscheidung hatten ( die hätten bestimmt auch gern mal ein paar Tage „Urlaub auf dem Bärenfell“ gemacht ).

        Nun ja, das waren dann im Schnitt sicherlich die erfahrenen und erfolgreichen Männer. Sie führten die Gruppe also, zumindest in ihren geographischen Bewegungen.
        Was übrigens nicht heißt, daß die nicht möglw. mit bedauerndem Tonnfall geduldig mit allen anderen erstmal darüber gesprochen haben, aber das ist eigentlich nebensächlich, der Magen geht vor.
        (Klischeecomic Ende, wie gesagt, rein fiktive Prinzipiendarstellung )

        Somit ist es eine geradezu zwangsläufige Entwicklung, daß sich der Pater Familias und der Gruppenrat ( o.ä. ) sich derzeit schon parallel entwickelten. Wie genau im Einzelnen ist dabei m.E. relativ unbedeutend.
        Und das sicherlich über eine recht lange Zeit, vermutlich auch in Relation zu unserer noch sehr jungen „modernen“ soziologischen Entwicklung der letzten paarhundert Jahre.

        Dieses System der „patriarchalen Hierarchie“, welches also NICHT auf Machtgeilheit, Unterdrückung o.ä. basiert, sondern auf den unabänderlichen Existenzbedingungen, wurde verinnerlicht und hat sicherlich im Laufe der Jahrtausende auch in der Genetik jede Menge Marker hinterlassen.
        Deshalb wurde es in die sich später bildenden Gesellschaftsformen ( Landwirtschaft, gößere Gruppen[-zusammenschlüsse ], erste Staaten u.s.w. ) sozusagen mitgeschleppt, zumal es sich auch in jenen als „ganz praktisch“ erwies ( bspw. konnte man als abgeordnete Krieger, später beim Burgenbau o. Kanälegraben/Treideln o.w.a.i., auch am besten Männer gebrauchen und zu deren Führung in Konflikten o. bei Großprojekten besonders wieder die erfahrenen und erfolgreichen )…..
        Etc.pp.

        Erst jetzt, in der angebl. „Dienstleistungsgesellschaft“ ( m.E. ein lächerlicher Hirnfurz; den Feudalismus lasse ich der Übersichtlichkeit halber mal weg ) kommt das idiotische, großteils unterschwellig transportierte Narrativ auf, daß körperlich hochverschleißende Tätigkeiten und „eiskalt“-rationaler Pragmatismus ja „irgendwie nicht so wichtig“, „unterdrückend“ o. gar „machtbessene Selbstverwirklichung“ wären.
        Das erinnert mich stets ein wenig an das Paradis der Zeugen Jehovas, welche die logischen Lücken mit seltsamen Abkürzungen überbrücken. Bekanntestes Beispiel wäre wohl, daß es im Paradis automatisch friedlich zugehen würde, weil Löwen ja „in wirklich wahrer Wirklichkeit“ eigentlich lieber Stroh als Fleisch fressen würden.

        Wie eine engagierte Mutter mal sagte: “ das geht noch bis für uns alle gegenseitig die Haare schneiden, Zehnägel feilen und die Kinder der jeweils anderen betreuen“.
        Das schafft dann ein supertolles BIP, alle haben Arbeit, nur mit Strom, Wasser, Strassenbau, Nahrungsmittelproduktion u.s.w. ist es dann Essig. ( „Aber hey, laut destatis.de werden wir immer wohlhabender!“ ).

        V.dh. ist es durchaus naheliegend und richtig, bei Staaten, o. eben riesigen Glaubensgemeinschaften, die ja sehr ähnlch strukturiert sind, prinzipienbedingt, also von der strukturellen Entwicklung her, von einem „strukturellen Patriarchat“ zu reden.
        Nicht aufgrund des Geschlechts der „oberen Schichten“, auch nicht um willkürlich seine Herrschsucht auszutoben, sondern weil die notwendigen Funktionen ( bspw. das „Gewaltmonopol“ zur Sicherung des inneren Friedens/Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens ) es für die heutigen Gesellschaftsformen IMMER NOCH ( das ist dieses „noch“ welches ich eingangs hervorhob ) schlichtweg unabdingbar machen.

        Wer nun auf die Schnapsidee kam, ausgerechnet die feministischen Lobbies, die ja nun wirklich nichts zur Förderung der gesellschaftlichen Weiterentwicklung beigetragen haben ( außer man geht davon aus, daß durch Streit entstandene Katastrophen ja auch einen schönen Neuanfang bieten ), via „Marsch durch die Institutionen“ zu ermächtigen, diese Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens einerseits zum pösen Feind zu erklären, sie immer mal willkürlich in Teilbereichen zu zerstören, sie aber andererseits in grotesk verzerrter/eingeschränkter Form zum totalitären Herrschaftsinstrument zu überhöhen, weiß ich nicht. „Die Frauen“ waren es ganz sicher nicht und „die Männer“ noch weniger.

        Da wären vermutlich mal ein paar gründlich umfassende politologische Strukturanalysen interessant. ( Deren Erforscher bräuchten aber wohl schnelle Pferde und effektive Körperpanzerung )

        Tatsache ist jedenfalls, daß das, was man heute ( und wenn auch nur mit viel gutem Willen und im weitesten Sinne ) als „Das Patriarchat“ betiteln, beschimpfen, oder eben auch verherrlichen könnte, so man das wollte, im innerstaatlichen Bereich ( nach außen herrscht die Waffen- u. Rohstofflobby ) an praktisch allen relevanten Stellen entscheidend feministisch beeinflusst ist, teilweise mit schon ziemlich diktatorischen Attitüden.

        Sodele, und jetzt nochmal mit Hinblick auf das oben ausgeführte:
        „Es bleibt dabei: Es gibt heutzutage in der westlichen Welt ganze zwei Patriarchate, nämlich den Katholizismus und Vater Staat.
        Und das staatliche ist erzfeministisch.
        Punkt!“

        • „Dieses System der „patriarchalen Hierarchie“ […] wurde verinnerlicht und hat sicherlich im Laufe der Jahrtausende auch in der Genetik jede Menge Marker hinterlassen.“

          Das ist je nach Interpretation entweder eine bedeutungslose Trivialität (jede Entwicklung des Menschen hinterlässt DNS „Marker“), eine unüberprüfbare Theorie (wie soll man nachweisen, dass bestimmte genetische Veränderungen durch eine spezifische gesellschaftliche Hierarchie verursacht wurden) oder blanker Stuss (wenn die Behauptung lautet, der Drang zu bestimmten Gesellschaftsstrukturen sei in der DNS gespeichert).

          • Interessante Interpretation, @Strichmännchen!
            ( “ – männchen“, weil „-mädchen“ fehlinterpretationsanfällig wäre )
            Beschränkt sich Deine Wahrnehmung grundsätzlich auf den ( falls ja, wie prädestinierten? ) rein spekulativen Bereich?
            Oder ist das eher als verspäteter Aprilscherz zu werten?

            Aber zugegeben, auf den Dreh ( besonders bez. meiner selbst ) wäre ich simpler Denker tatsächlich nicht gekommen.

            Bei ersterem stimme ich Dir i.Ü. zu, eigentlich ist die Tatsache, daß Realität genetische Spuren hinterlässt, m.E. eine Binse, die vermutlich bei den meisten relativ intelligenzbehafteten Menschen zum nicht erwähnenswerten – und deshalb wahrscheinlich auch kaum je konkret ausformulierten – Allgemeinwissen gehört.
            Wobei heutzutage das Problem hinzukommt, daß sich verschiedene Wissenschaftsbereiche über die Kausalitätsrichtung und Wirkmächtigkeit von Sprache und erlebter Realität ( noch schlimmer „Wahrheit“ ) streiten.
            Lediglich die Art&Weise, sowie die Gewichtung und die Veränderbarkeit der jeweiligen Inhalte stehen v.dh. bei den verschiedenen Ideologien ( und durchaus auch seriösen Wissenschaften ) immer mal zur ( ernsthaften ) Diskussion.

            Den Rest Deines Kommentars hake ich ansonsten unter „Stuss“ ab, da er weder mit mir, noch entsprechenden Inhalten, in einem mir erkennbaren Zusammenhang steht.
            Aber ich würde es natürlich begrüßen, wenn Du einem armen Bildungsfernen wie mir mal die ( möglw. ja „irgendwie logischen“ ) Zusammenhänge zu erklären versuchen würdest, die Dich zu solch ulkigen Gedankengängen bewegen.

            Witziger Nick übrigens ……

  • Ich erkenne in dieser ganzen Patriarchatsleier nichts weiter als das ideologische Instrument, mit dem Privilegien für Frauen eingefordert werden. Weibliche Privilegien werden damit als Abbau männlicher Privilegien verkauft, was den Eindruck vermittelt, es sei eine gerechte Sache.

    Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass Frauen wenig Empathie für Männer aufbringen, die mit grossen Schwierigkeiten konfrontiert sind, während sich ein grosser Teil der Männer für das Wohl der Frauen verantwortlich fühlt. Es ist im Gegenteil so, dass Männer, die Klagen artikulieren von Frauen verachtet werden. Hier zeigt sich der Feminismus als reaktionäre Veranstaltung, die am bürgerlichen Geschlechterverhältnis festhält und insbesondere nur den starken, erfolgreichen und unabhängigen Mann respektiert. Die Vorstellung, dass sich Frauen in einflussreichen politischen Positionen für Männer und deren spezifische Anliegen einsetzen könnten erscheint diesen Frauen als geradezu widernatürlich. Die Flasche mit der Aufschrift „male tears“ ist ein Symbol für weibliche Empathielosigkeit in Bezug auf Männer und deren Probleme.

    Zur Empathielosigkeit ein aktuelles Beispiel: Die Bundesrätin Simonetta Sommaruga setzt sich für die Aufnahme von einigen Flüchtlingen aus libyschen Flüchtlingscamps ein. Dabei betont sie stets, dass „besonders verletzliche Personen“ bevorzugt würden. Als besonders verletzlich gelten ihr Frauen, Kinder, Kranke und Jugendliche sowie Behinderte. Es ist im Grunde eine Umschreibung für „keine (alleinstehende, gesunde) Männer“. Es ist ein Beispiel für viele, die für die „weibliche Empathielosigkeit“ angeführt werden könnten. Nicht die Empathie für die genannten „besonders Verletzlichen“ ist störend, sondern ihre verinnerlichte Empathielosigkeit für „normale Männer“. Es ist immer noch wie beim Untergang der Titanic: Frauen und Kinder zuerst, wobei ich mich frage, ob das nun eine Kategorie ist oder zwei.

    • @ Pjotr Das für mich beunruhigendste Beispiel dieser Empathielosigkeit ist noch immer das Kinderhilfswerk PLAN, das Hilfe ausdrücklich nur für Mädchen leistet und das „Keine Gewalt gegen Mädchen“ (statt „gegen Kinder“) fordert. https://man-tau.com/dossiers/kinderhilfswerk-plan/

      Da werden die ärmsten Kinder der Welt tatsächlich noch entlang der Geschlechtergrenze selektiert in diejenigen, die Anspruch auf unsere Hilfe haben, und diejenigen, denen diese Hilfe nicht zustünde. Diejenigen, die das so machen, haben dabei noch das Gefühl, etwas Gutes zu tun (und die Spender wollen ganz gewiss Gutes bewirken).

      Selbst Menschen, die mit „Männerrechten“ nie etwas am Hut hatten, müssten eigentlich merken, dass hier etwas Grundlegendes nicht stimmt.

    • Ich finde Frau Sommaruga nicht empathielos.
      Was ist falsch daran, sich besonders für Kranke und Schwache einzusetzen?

      • Dagegen ist nichts zu sagen, wenn man Kranke und Schwache nicht bloss bei Frauen sieht! Es fehlen eben die Männer als Kategorie.

    • @Piotr:
      „Frauen und Kinder zuerst, wobei ich mich frage, ob das nun eine Kategorie ist oder zwei.“
      In der Politik heutzutage garantiert nur exakt eine ….

  • Der Witz ist doch beim Diskurs vom unterdrückenden Patriarchat, dass dieser Diskurs doch längst hegemonial geworden ist, also längst kein häretischer Diskurs mehr ist. Wer ihn führt, gebärdet sich zwar als Häretiker, der er zwar nicht ist, zumal er ja einen hegemonialen Diskurs führt, aber er kann sich damit eine Unmenge an symbolischem Kapital einstreichen, zumal er sich ja nun als mutig und caritativ präsentieren kann. Also: m.E. die Anpasser par excellence der heutigen Zeit.

  • @Lucas: Du kennst wirklich die kuriosesten Zeitschriften. Dieses Hohe-Luft-Magazin kannte ich noch gar nicht. Etwas Suche im Netz ergibt: Angebliche Druckauflage 60.000, keine Angabe zur verkauften Auflage, eher schnieke aufgemachtes Lifestyle-Produkt (Hedonismus-Alarm!), bis auf zwei Quotenmänner scheinbar nur Frauen in der Redaktion und unter den Herausgebern. Rebekka Reinhard studierte laut Wikipedia(!) Philosophie, Amerikanistik und italienische Philologie, hat somit höchstwahrscheinlich kaum Ahnung von Soziologie, Verhaltensbiologie usw., schreibt aber trotzdem über das Geschlechterverhältnis. So richtig weiß ich nicht, ob ich die Zeitung und speziell diesen Artikel für wichtig halten soll.

    • @ mitm „Du kennst wirklich die kuriosesten Zeitschriften.“ Da staunst Du, was? 😉 Dabei ist die Zeitschrift gar nicht so abseitig – ich glaube, dass viele, die Interesse an Philosophie haben, ohne akademische Philosophen zu sein, die „Hohe Luft“ schon einmal in der Hand hatten.

      Ende 2011 kamen gleich zwei Zeitschriften zum ersten Mal heraus, die das typische Elfenbeinturm-Fach Philosophie popularisierten. Inspiriert wurden diese Magazine wohl u.a. durch den bleibenden Erfolg von Precht.

      Das „Philosophie Magazin“ war dabei noch etwas mehr auf Massengeschmack gebürstet, mit vielen Bildern, kürzeren Texten und einer etwas höheren Auflage (100.000). „Hohe Luft“ wirkte etwas karger, abstrakter, stärker auf die Texte konzentriert.

      Ich hatte mir damals ein einziges Mal eine Ausgabe des Philosophie Magazins gekauft – die machte auf mit der Frage, ob Frauen moralischer seien als Männer, und beantwortete die auch gleich: „Frauen sind gebildeter, sozial kompetenter, fürsorglicher und weniger aggressiv.“ https://philomag.de/nr-3-2012/ Ich war gerade ganz damit beschäftigt, den Kontakt zu unserem Kind aufrechtzuerhalten, was mir die Mutter damals nicht eben leicht machte – und mir ging diese Nummer so sehr auf die Nerven, dass ich mir die Zeitschrift nie wieder gekauft habe.

      Vielleicht war das falsch. Die Chefredakteurin ist immerhin Svenja Flaßpöhler, die sich ja auch schon zu der #Metoo-Welle ziemlich deutlich und kritisch geäußert hat. Bei „Hohe Luft“ ist Thomas Vašek Chefredakteur, also nicht gerade ein Quotenmann.

      Philosophie war eines meiner Hauptfächer, und ich habe es sogar bis zum Ende studiert – „sogar“, weil die Abbrecherquote gigantisch war, bei gut über 90%. Es ist ein ziemlich eigenartiges Biotop, ganz gewiss mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl etwas schräger Persönlichkeiten, aber auch interessant, weil viele Leute mit eigenwilligen Ideen und sturen Köpfen dabei sind.

      Nach philosophischen Selbstverständnis ist man übrigens natürlich jederzeit in der Lage, etwas zum Geschlechterverhältnis zu schreiben, weil man gelernt hat, Texte zu analysieren und ihre stillschweigenden Voraussetzungen auseinanderzunehmen.

      Ich glaube, dass es sich zu dem Thema tatsächlich lohnt, zwischendurch in philosophische Texte zu schauen. Es sind hier viele eigenwillig genug, um sich um stillschweigende oder offen formulierte Erwartungen an sie nicht weiter zu kümmern und einfach das zu schreiben, was sie für vernünftig halten (auch wenn es aus anderer Perspektive manchmal gar nicht vernünftig aussieht). Reinhard zum Beispiel orientiert sich an feministischen Autorinnen, schreibt aber selbstverständlich nicht in einer „geschlechtergerechten“ Sprache – ohne dass sie es nötig fände, das irgendwie zu erklären.

      • „Da staunst Du, was?“

        In der Tat. Ich traue Dir inzwischen alles zu 😉

        „Das „Philosophie Magazin“ …. Auflage (100.000). … Svenja Flaßpöhler, die sich ja auch schon zu der #Metoo-Welle ziemlich deutlich und kritisch geäußert hat.“

        Am Namen Flaßpöhler kam man in letzter Zeit ja kaum vorbei. Irgendwann haben ich die extreme Präsenz von ihr in den Medien als eigenes Phänomen aufgefaßt und etwas recherchiert, wer denn dieser Meinungsgigant eigentlich ist und wie wichtig man ihn nehmen muß. Sie hat rund ein Dutzend Interviews, teilweise sehr lange, und Rezensionen vor und nach der Veröffentlichung ihres neuen Buchs plazieren können. Das Buch selber ist kaum mehr als ein verlängerter Essay, in der Amazon Bestseller-Liste trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) aktuell Nr. 345. Der mediale Rummel und sie und das Buch steht mMn in keiner Relation zu dessen eher dünnem Inhalt. Wenn Du oder ich das Buch geschrieben hätte, hätte niemand davon Notiz genommen. Die Dame scheint enorm gut vernetzt in der Medienbranche zu sein, anders kann ich mir den Rummel um sie nicht erklären.

        Bei der Recherche ist mir aufgefallen, daß die heutige verkaufte Auflage des Philosophie Magazins weitaus kleiner als die Startauflage ist, s. z.B. https://www.boersenblatt.net/artikel-_philosophie_magazin_.1396905.html „Seit dem Start des „Philosophie Magazins“ am 16. November 2011 konnte die verkaufte Auflage laut Zeitschrift auf 30.000 Exemplare ausgebaut werden; sie wird von 10.000 Lesern abonniert.“ Das ist nicht schlecht, andererseits klein gegenüber den großen Zeitungen.

        Jedenfalls ist mir die Reichweite bzw. Breitenwirkung von beiden Philosophie-Magazine und auch die Eingangsfrage, wie wichtig Flaßpöhler und diese Magazine sind, nicht so ganz klar.

        „Nach philosophischen Selbstverständnis ist man übrigens natürlich jederzeit in der Lage, etwas zum Geschlechterverhältnis zu schreiben, weil man gelernt hat, Texte zu analysieren und ihre stillschweigenden Voraussetzungen auseinanderzunehmen.“

        Dieser subtile ironische Unterton zeugt von einer gründlichen philosophischen Schulung! Als MINTler werde ich da immer ganz neidisch.

      • Du schreibst oben in Deinem Kommentar:

        „Nach philosophischen Selbstverständnis ist man übrigens natürlich jederzeit in der Lage, etwas zum Geschlechterverhältnis zu schreiben, weil man gelernt hat, Texte zu analysieren und ihre stillschweigenden Voraussetzungen auseinanderzunehmen.“

        Mit dieser Einschätzung wäre ich vorsichtig. Im Angel-sächsischen Raum wird diese Art von Theoretisieren überwiegend als „armchair psychology“ kritisiert, und zwar von Philosophen so kritisiert. Zu recht.

        Du beschreibst mit Deiner Aussage also bestenfalls eine Anmaßung vieler Philosophen Kontinental-Europas.

  • „Wofür ist dieses Patriarchat eigentlich gut?“

    Ockhams Rasiermesser sagt, dieses „Patriarchat“ ist ein von Frauen konstruiertes abstraktes Feindbild, um widerspruchsfrei Schuld- und Verantwortungsprojektion betreiben zu können.

    Und es ist eine geniale Konstruktion, da es – wie ja im Artikel beschrieben – extrem flexibel und belastbar ist und trotzdem seinen Zweck erfüllt.

    Vielleicht wäre die Fragestellung sinnvoller, wieso das westlich normative Weiblichkeitsbild geradezu zwingend eine solche Konstruktion braucht.

    Und ob es im Interesse der Männer wäre, Frauen jede rhetorisch-abstrakte Möglichkeit dieser Schuld- und Verantwortungsprojektion zu nehmen.

    (Und wenn die Antwort darauf ja wäre, wie dies umsetzbar wäre)

  • Die enorme Verwässerung des Begriffs Patriarchat durch den Feminismus wird in meinen Augen besonders deutlich, wenn man sich vor Augen führt dass nach dieser simplen Definition die DDR, die BRD, Nazi-Deutschland, das Deutsche Kaiserreich und das Heilige Römische Reich deutscher Nation alle völlig unterschiedslos in derselben Schublade mit der Aufschrift „Patriarchat“ landen. Diese extrem unterschiedlichen Gesellschaften, mit völlig unterschiedlichen Machtstrukturen und einem völlig unterschiedlichen Alltag von einem Großteil der Bevölkerung lassen sich anhand dieser simplen Definition kaum voneinander unterscheiden. Und damit ist der Patriarchatsbegriff in der Form, wie er im Feminismus üblicherweise benutzt wird, für eine präzise Analyse gesellschaftlicher Strukturen völlig ungeeignet.

    • Mein Reden! Eben davon ging ich in meinen obigen Kommentaren aus. Wobei ich die Tatsache an sich eigentlich okay finde, da sie eine der Grundvoraussetzungen für einen Staat im Sinne der Definition ist und zunächst noch keine Wertung im positiven o. negativen Sinn enthält. Die kommt erst durch den feministischen Umbau zum staatsfeministischen Patriarchat zum tragen, da der klar totalitäre Aspekte enthält UND mittlerweile top-down auch um- und durchgesetzt hat.

  • Sehr schön der Rückgriff auf die Konzepte von Szondi und von Piaget.

    Man sieht daran sehr schön, wie der Fokus auf mitunter recht simple begriffliche Schemata – wie Lösen vs. Retten (also ungefähr: adäquat neu konstruieren vs. reparieren und somit bewahren) sowie „Assimilation“ vs. „Akkomodation“ – vertrackte Diskurse und ganze Ideologien schlagartig erhellen können.

    Ist bestimmt auch für Deine Schüler sehr lehrreich 😉

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