Feminismus Identitätspolitik Moderne/Postmoderne Zivilgesellschaft

Rechtsrutsch und Linksflucht

geschrieben von: Lucas Schoppe

Was als „Rechtsrutsch“ erscheint, ist auch das Ergebnis einer seltsamen Konstellation öffentlicher Debatten. In Massenmedien wie in sozialen Medien stehen sich heute nicht Rechte und Linke gegenüber, sondern Rechtsaußen-Akteure, die wissen, dass sie rechts sind – und Rechtsaußen-Akteure, die sich für links halten.

 

Ein Vogelschiss

„Vogelschiss“. Gaulands wegwerfende Bezeichnung für die Verbrechen des Nationalsozialismus ist auch deshalb „missdeutbar und politisch unklug“ (Gauland selbst einige Tage später), weil sie viele Assoziationen einfängt: Dass WIR – wir Deutsche, natürlich – irgendwie von oben herab besudelt worden wären, dass man UNS beschissen hätte – aber natürlich auch, dass das alles zwar ärgerlich und unappetitlich wäre, dass aber niemand ein riesiges Problem daraus machen müsse.

Als gäbe es eine EIGENTLICHE Identität der Deutschen, die von den Verbrechen weitgehend unberührt und intakt geblieben wäre.

Ralph Giordano hat in seinem Buch „Die zweite Schuld“ über die bundesrepublikanische Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen davon berichtet, dass er schon 1945 den Satz gehört habe, es müsse nun doch langsam einmal gut sein mit dem Reden über die Konzentrations- und Vernichtungslager.

„Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen,“ dekretierte Franz Josef Strauß dann 1969. Gauland bewegt sich also in alten Traditionen.

Was er heute sagt, hat gleichwohl einen anderen Charakter als das, was Strauß 1969 erklärte, auch wenn es damals schon beschränkt war – weil Gauland Positionen neu besetzt, die mit Ausnahme einiger Betonköpfe von ganz rechts erledigt schienen. Wie sein Parteigenosse Höcke erweckt auch Gauland den Eindruck, die Erinnerung an die deutschen Verbrechen diente vorrangig der Knechtung eines im Kern unschuldigen, aber unglücklicherweise allzu leicht zu beeindruckenden Volkes.

Mit einer Abgrenzung nach rechts und einer Konzentration darauf, die Enttäuschten der etablierten Politik einzufangen, hätte die AfD vermutlich noch viel mehr Erfolg, als sie es eh schon hat. Gauland geht es offenbar weniger um den Erfolg seiner Partei als darum, für Rechtsaußen-Positionen Zugänge zu schaffen.

Warum aber fällt Linken und Linksliberalen dazu kaum etwas anderes ein, als sich darüber zu amüsieren, wenn jemand dem badenden Gauland die Klamotten klaut?

 

Wer hier privilegiert ist, bestimme ich

Hier im Blog hier gab es dazu schon mehrmals eine Antwort: weil postmoderne Linke sich in einer irrationalen Identitätspolitik verstricken, mit der sie keine klare Position gegen rechts beziehen können, weil sie der rechten Identitätspolitik allzu ähnlich ist.

Neulich bei Twitter:

Das ist ein zentraler Glaubenssatz der identitären Linken, und daher ist es auch ganz unwichtig, von wem er in diesem Fall stammt – er lässt sich so oder ähnlich ohnehin hundertfach in den sozialen Netzen wiederfinden. Interessant ist allenfalls, dass er hier von einer Frau geäußert wird, die sich ganz sicher ist, beurteilen zu können, wovon Männer betroffen sind und wovon nicht.

Es gibt hier keine allgemeinen, für alle gleichermaßen gültigen Maßstäbe für Privilegierung oder Benachteiligung. Hier wird die Frage der Diskriminierung ohne Blick auf reale soziale Verhältnisse per Definition geklärt und anhand der Gruppenzugehörigkeiten von Menschen sortiert – und diese Gruppen konstituieren sich ausgerechnet an den biologischen Kriterien Rasse und Geschlecht. Zudem ist der Verfasserin offenbar überhaupt nicht klar, wie sehr auch sie damit in alten Traditionen steht.

Es gehört ja gerade traditionell zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die Feinde als bevorzugt und privilegiert zu fantasieren. Das mobilisiert gegen sie, Neid und Abwehr, und das erspart es anderen, ihnen mit Empathie zu begegnen – sie würden ja ohnehin immer schon für sich selbst sorgen.

Die eigene Gruppe steht dabei als rein, als unbefleckt und unbeteiligt an den Herrschaftsstrukturen der Gesellschaft da. Das entlastet erheblich von Verantwortung und bietet zugleich eine einfache Erklärung dafür, warum in der Welt trotz der unverkennbaren Güte der eigenen Gruppe so vieles im Argen liegt: Die Guten werden eben von den anderen dominiert und so daran gehindert, ihre Güte zum Nutzen aller ungehindert auszubreiten.

In unserem Kulturkreis ist die wichtigste, aber auch furchtbarste Ausprägung dieses Denkens der nationalsozialistische Antisemitismus. Sicherlich ist Linken, die heute auf solche Denkfiguren zurückgreifen, nicht klar, in welche Traditionen sie sich da stellen, aber das liegt eben auch in der Natur dieses Denkens: Es ist ja im Kern immer unschuldig, weil es nicht das Denken der Privilegierten sei.

Es sind wohl die Widersprüche und unüberschaubaren Strukturen moderner Massengesellschaften, die eine solche Trennung zwischen einem reinen, unbefleckten Kern der Identität und einer korrumpierten, falschen Welt nahelegen. Für Rechte wie für Linke spiegelt sich diese Trennung immer wieder besonders intensiv in einem Bereich wieder: in ihren Fantasien zur Geschlechterordnung.

 

Die Herstellung der reinen Frau durch das männliche Opfer

Der Männlichkeitskult der Nationalsozialisten war zugleich immer auch ein Kult des Menschen, der seiner eigenen völligen Verfügbarkeit freudig zustimmt, der sich für andere und für sein Volk bereitwillig opfert, ganz ohne Angst oder Fluchttendenzen, die im faschistischen Bild der Männlichkeit ohnehin als Ausdruck eines tiefen Egoismus erschienen. Der Mann, der sich opfert, auf den Schlachtfeldern und damit in den Außenbezirken des Reichs, sperrt damit zugleich in dessen Innern einen Bereich der Frau frei: Die deutsche Mutter in ihrer Verschmelzung mit dem Kind wird als Kern des Volkes fantasiert, und die Männer müssen in diesen Fantasien disponibel sein, damit der Kernbereich geschützt bleibt.

Nicht allein im Nationalsozialismus: Die Idee des disponiblen Mannes hat sich auch in zivilen Gesellschaften gehalten.

Es ist ein wesentliches Problem der feministischen Linken, dass sie sich in aller Regel mit der faschistischen Geschlechterordnung immer nur gerade eben so weit auseinandergesetzt hat, wie diese Auseinandersetzung ihre ohnehin immer schon bestehenden Grundthesen bestätigte. Sonst hätte sie irgendwann einmal bemerken müssen, dass sie diese Ordnung in wesentlichen Aspekten nicht etwa bekämpft, sondern sie reproduziert und variiert.

Die Entsorgung von Vätern, die heute nicht mehr auf Schlachtfelder ziehen müssen, aber dafür juristisch von ihren Kindern ferngehalten werden – die inzestuöse Verherrlichung der vom Vater ungetrübten Mutter-Kind-Innigkeit in der Fantasie einer „Alleinerziehung als Befreiung“ – die rituell wiederholte Imagination des Mannes als Täter und der Frau als Opfer – die Fantasie des Mannes als Vergewaltiger, als triebgesteuerte Bedrohung der unschuldigen Frau  – bis zur heutigen #MeToo-Bewegung, die statt soziale und ökonomische Strukturen zu analysieren auf Geschlechtszugehörigkeiten fixiert ist – und bis hin zu einer Schrift, die zum feministischen Kultbuch wurde, obwohl oder gerade weil sie sich unverkennbar und unverblümt in die Tradition des Nationalsozialismus stellte: Die hier nur skizzierten Übernahmen aus einer reaktionären oder faschistischen Geschlechterordnung sind so vielfältig, dass es eine beständige Anstrengung kosten muss, sie zu übersehen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Feminismus grundsätzlich „rechts“ sei. Selbst eine unfaire und einseitige Interessenvertretung für Frauen wäre eben unfair und einseitig, aber deswegen noch nicht rechts, reaktionär oder gar faschistoid. Irritierend und erklärungsbedürfig aber ist die Blindheit für die Parallelen, die offenkundig und eigentlich unübersehbar sind.

 

Wenn wir hassen, dann nur aus Liebe

Wer aber davon ausgeht, dass WIR und DIE ANDEREN zu ganz unterschiedlichen Kategorien des Menschseins gehören, der kann leicht auch offensichtliche Parallelen ignorieren. Das erklärt zugleich, warum in den letzten Jahren die eigentlich ausreichenden gesetzlichen Bestimmungen zur Volksverhetzung, zur Bedrohung, Beleidigung und anderen Straftatbeständen durch sehr allgemeine, emotionale Begriffe ergänzt wurden: Hass und Liebe.

Die Funktion dieser eigentlich unnötigen Begriffsausweitung ist nicht schwer zu verstehen. Wer anderen pauschal Hass oder Hate Speech unterstellt, der gesteht ihnen prinzipiell nicht zu, mit ihren Äußerungen etwas zu einer gemeinsamen Sache beitragen zu wollen, sondern interpretiert das Gesagte lediglich als Ausdruck ihrer Gefühle. Diese Gefühle wiederum haben eine enorme moralische Relevanz: Ein liebevoller Mensch steht als moralisch guter, ein hasserfüllter Mensch als destruktiver Mensch da.

Der amerikanische Autor Michael Kimmel hat die Unterstellung destruktiver Gefühligkeit gerade mit den beliebtesten Kategorien einer postmodernen Linken, Rasse und Geschlecht, kombiniert – sein ressentimentgeladenes Buch Angry White Men wird in Deutschland sogar von der Bundeszentrale für politische Bildung verlegt.

Statt im sachlichen Bezug auf eine gemeinsame Wirklichkeit strukturiert sich der Diskurs so über die persönliche Unterstellung und die Unterscheidung von Hasserfüllten und Liebevollen. Natürlich werden beide Gruppen auf gar keinen Fall nach gemeinsamen Maßstäben beurteilt: Der eigene Hass, die eigene Wut sei schließlich immer nur Reaktion auf den Hass der anderen und daher irgendwie immer etwas ganz anderes.

Es liegt nur nahe, dass sowohl Rechte als auch Linke öffentlich Listen politisch missliebiger Personen führen oder solche Listen ankündigen. Es geht dabei offensichtlich nicht um das bloße Sammeln von Informationen, die für Sachdiskussionen wichtig wären, sondern um die Einschüchterung von politisch unliebsamen Mitmenschen: Wer zum Diskurs nichts beizutragen habe als seinen Hass, der kann eben ohne schlechtes Gewissen aus dem Diskurs gedrängt werden.

Wie sehr an solchen Frontstellungen von beiden Seiten die Idee gemeinsamer Werte leidet, hat gerade eine Szene im Bundestag gezeigt.

 

Märtyrer-Olympiaden

Natürlich erinnern sich politische Gruppen an Menschen, die für ihre Sache gestorben sind – solch ein Gedenken kann eine wichtige zivile Funktion haben. Gerade sehr autoritäre politische Gruppen aber sind darüber hinaus gierig danach, Märtyrer zu produzieren. Der Tod dieser Menschen dient ihnen als Beweis für die Schlechtigkeit der Feinde, er verpflichtet aber auch die noch Lebenden. Sie sehen schließlich, welche Opfer andere bringen mussten, und werden unter Druck gesetzt, diese Helden bloß ja nicht im Stich zu lassen.

Das Horst-Wessel-Lied wurde den Nazis auch deshalb zur zweiten Nationalhymne, weil es gleich auf mehreren Ebenen einen Märtyrerkult bedient: Der Texter Horst Wessel selbst war 1930 an den Folgen einer Schussverletzung durch einen Rotfrontkämpfer gestorben, und sein erster Refrain stellt gleich klar: „Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen, / Marschier’n im Geist / In unser’n Reihen mit“.

Als nun der AfD-Abgeordnete Thomas Seitz im Bundestag eine Schweigeminute für die offenbar von zwei Migranten ermordete vierzehnjährige Susanna Feldmann einlegen wollte, wurde er von Sitzungsleiterin Claudia Roth mit Hinweisen zur Geschäftsordnung unterbrochen und aufgefordert, zur Sache zu sprechen oder das Pult zu verlassen.

Ganz sicher war es auch politisches Kalkül des AfD-Mannes, das ermordete Mädchen zu einer Märtyrerin der deutschen Migrationspolitik zu stilisieren. Es ist aber rätselhaft, warum der Bundestag nicht souveräner auf die Szene reagieren konnte. Eine Minute ist nicht lang – es wäre hinterher genug Gelegenheit gewesen, die Instrumentalisierung des Mordes zu kritisieren, auch auf Opfer rechter Gewalt hinzuweisen oder zu erklären, dass nur das Präsidium zu Schweigeminuten aufrufen könne.

Aber nicht einmal zu dieser basalen Gemeinsamkeit konnte sich der Bundestag aufraffen: das Märtyrerspiel der AfD zu unterlaufen und einfach aus zivilem Respekt für eine brutal ermordete Vierzehnjährige und ihre Familie eine Minute still zu bleiben.

Das liegt wohl auch daran, dass die Märtyrer-Olympiade, das gegenseitige Aufzählen der Opfer gegnerischer Politik, längst zum politischen Alltag gehört. Auch auf der Linken: Als im Jahr 2015 der zwanzigjährige Asylbewerber Khaled Idris Bahray in Dresden mit mehreren Messerstichen getötet und aufgrund der Nähe zu einer Pegida-Demonstration ein rechter Täter vermutet wurde, gingen Tausende zum Gedenken für ihn in Berlin auf die Straße. Als sich dann herausstellte, dass er tatsächlich von einem anderen Asylbewerber getötet worden war, nahm die engagierte Anteilnahme schlagartig ab. Bahray war nun nicht weniger tot, er eignete sich nur nicht mehr als Märtyrer.

 

Ein Kniefall

Diese Gier nach Märtyrern ist vermutlich eines der deutlichsten Signale einer undemokratischen, unzivilen Politik, der an einer Diskreditierung der Feinde so sehr liegt, dass sie dafür gern Tote in Kauf nimmt. Das Gegenbeispiel eines zivilen Gedenkens, das ebenso an der Würde der Opfer wie am Gemeinwohl orientiert bleibt, hat einmal ein deutscher Bundeskanzler vorgeführt: Willy Brandt bei seinem Kniefall in Warschau.

In Warschau erinnert mittlerweile ein Denkmal an Brandts Kniefall, der Platz darum heißt Skwer Willy’ego Brandta, Willy-Brandt-Platz.

Als Kämpfer gegen Nazideutschland trug Brandt deutlich weniger persönliche Schuld als andere, er agierte in Warschau aber als Repräsentant einer Gemeinschaft, die schuldig war an den Verbrechen im Ghetto und in ganz Europa. Gaulands brutales Vogelschiss-Geschwätz richtet sich eben gegen ein solches Gedenken, das die Schwere der Schuld akzeptiert: Brandt zeigte mit seinem Kniefall ja gerade, dass die Schuld zu groß war, um unter ihr stehen bleiben zu können, und er erwies gerade damit den Opfern Respekt.

Eben die zivile Gemeinschaft, die Brandt in Warschau repräsentierte, fehlt in heutigen Diskursen. Es ist eigentlich eine klassische rechte Politik, die Gesellschaft in unterschiedliche Gruppen versprengt zu sehen und Einzelne diesen Gruppen unterzuordnen – Gruppen, die sich unversöhnlich gegenüberstünden, die potenziell gewaltsam eher im Streben nach Macht kollidierten als sich im Bemühen um Verständigung zu begegnen, die keinen universellen Rahmen der Vernunft hätten und die jede Idee eines herrschaftsfreien Diskurses zum naiven Traum werden ließen.

In Massenmedien wie in sozialen Medien stehen sich also heute nicht Rechte und Linke gegenüber, sondern Rechtsaußen-Akteure, die wissen, dass sie rechts sind – und Rechtsaußen-Akteure, die sich für links halten. Gerade bei traditionellen Linken muss diese auf rechts gestrickte Linke an Unterstützung verlieren.

Willy Brandt wirkt derweil in dem nach ihm benannten Haus wie ein weiser weißer alter Mann, der den Weg weisen möchte, den aber niemand mehr so richtig ernst nimmt.

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19 Comments

  • Als gäbe es eine EIGENTLICHE Identität der Deutschen, die von den Verbrechen weitgehend unberührt und intakt geblieben wäre.

    Gibt es die nicht? Ok, sie ist weder unberührt, noch intakt geblieben. Aber sind wir Deutschen wirklich nur Judenverfolgung, Holcocaust und schuldig?
    Ich denke, wir haben tatsächlich auch Gutes getan und in die Welt gesetzt, neben dem 2. WK, der Schreckensherrschaft des Nazi-Regimes und des Massenmordes. Wir Deutschen sind tatsächlich mehr als die Jahre der Nazi-Zeit. Und so kann man den „Fliegenschiss“ dann durchaus auch deuten.

    Btw. Wenn ich dabei jetzt anmerke, dass auch andere Länder bzw. deren Menschen/Soldaten teils bestialische Verbrechen begangen haben, höre ich jetzt schon den Vorwurf der Relativierung.
    Dabei ist das gar nicht meine Intention, sondern einfach nur ein Ausdruck von Gerechtigkeit.
    Krieg ist nämlich generell scheiße! Und Menschen werden auf beiden Seiten zu Bestien.

    Wie sein Parteigenosse Höcke erweckt auch Gauland den Eindruck, die Erinnerung an die deutschen Verbrechen diente vorrangig der Knechtung eines im Kern unschuldigen, aber unglücklicherweise allzu leicht zu beeindruckenden Volkes.

    Womit die beiden aber leider auch nicht ganz unrecht haben.
    „Vorrangig“ und „Knechtung“ sind sicherlich genau so übertrieben, wie „unschuldig“ falsch ist.
    Die Nazikeule und der deutsche Schuldkult werden aber gerne und häufig genutzt, um Widerspruch im Keim zu ersticken.

    Ich kann mich noch an diese elendige „Diskussion“ erinnern, als 2006 zur WM wieder deutsche Flaggen an den Häusern und Autos wehten. Ja können wir Deutschen denn (so viel) Nationalstolz zeigen? Mit unserer schlimmen Vergangenheit?
    Na klar! Warum denn nicht? Der 2. WK ist jetzt mittlerweile über 70 Jahre her – da darf man sich langsam auch mal etwas entspannen und sich nicht immer in seiner angeblichen Schuld suhlen.
    Schuld bin ich ohnehin nicht, denn mich gab es damals noch gar nicht. Schuld bin oder werde ich höchstens, wenn ich solche Greueltaten noch mal zulasse. Dann sind es aber wahrscheinlich keine Juden, sondern Männer. (Außer den männlichen Feministinnen vielleicht.)

    Zudem wird gerne mit zweierlei Maß gemessen. Wenn Kauder von der CDU beklagt, dass Hunderttausende Christen verfolgt werden, dann ist das ok, beklagt sich die AfD 1-2 Jahre später ebenfalls darüber, ist das eine widerliche, rechte Instrumentalisierung.

    Will die AfD abgelehnte bzw. unrechtmäßige Flüchtlinge schneller abschieben, ist das fremdenfeindlich. Wenn unsere Bundesmerkel ein paar Wochen später ins selbe Horn stößt, ist das plötzlich politisch korrekt und notwendig. Und natürlich wird kein Wort darüber verloren, dass sie den Fall Susanne F. gerade selbst ein Stück weit „instrumentalisiert“.
    Denn natürlich macht sie damit Politik und geht auf Stimmenfang, so wie die AfD.

    Mir hat bisher noch niemand erklären können, warum angeblicher Nazi-Sprech von der AfD schlecht ist, wenn Merkel aber Menschen in Afrikas Wüsten, dem Mittelmeer oder aber in bspw. libyschen Gefängnissen, verrecken lässt, dieses weniger schlecht sein soll.
    Denn leider hat sich Merkel ja irgendwann in der ihr eigenen Art dazu entschlossen, ihre Flüchtlingspolitik (die ich durchaus begrüßt habe) zu ändern, weil sie irgendwann feststellte, dass ihre Meinung nicht mehr zur Stimmung der Wähler passte.

    Und ja! Wir haben eine Linksflucht. So wie Danisch gestern etwas zur Doppelmoral unserer Politiker (konkret C. Roth) schrieb, war bei ihm vor einigen Tagen von dieser Linksflucht zu lesen. Die zu einem nicht unbeträchtlichen Teil von unseren etablierten (mehr oder weniger linken) Parteien mitzuverantworten ist.

    • @Mario:

      »Die Nazikeule und der deutsche Schuldkult werden aber gerne und häufig genutzt, um Widerspruch im Keim zu ersticken.«

      Es mag an meinem Alter liegen, aber wie Lucas finde ich Gaulands Bemerkung darum unglaubwürdig, weil ich diese Einstellung schon aus den 70er und 80er Jahren kenne. Es gab damals und gibt heute immer noch und wieder Leute, die den Spieß der »deutschen Schuld« dahingehend umdrehen wollen, dass sie die Deutschen zum historischen Opfer einer westlich-jüdischen Weltverschwörung stilisieren. Das ist das eigentliche und originäre Alt- und Neonazi-Milieu, an das sich Gauland und Höcke kalkuliert anbiedern.

      Ansonsten habe ich sicher nichts gegen deutsche Fahnen, das ist immerhin die Fahne der deutschen Demokraten von 1848/49 – ich kann meine Einstellung zur deutschen Rechten sogar genau daran fest machen: die Grenze des Tolerablen liegt für mich genau da, wo die Rechte die schwarz-rot-goldene gegen die schwarz-weiß-rote Fahne austauscht.

      Dass von der Politk in bezug auf die AfD mit zweierlei Maß gemessen wird, steht auf einem anderen Blatt, und das finde ich ebenfalls abscheulich. Das hat eben mit dem Bedürfnis unseres Establishments zu tun, sich selbst als »Die Guten«(TM) zu inszenieren. Was gerade Lucas schon Dutzende Male analysiert hat.

    • @ Mario Dass Grüne in ganz unterschiedlichen Bereichen der Politik eine Doppelmoral vorführen, legitimiert ja keinen moralischen Verfall in anderen Gruppen. Eine politische Kraft, die nicht den Ehrgeiz hat, integrer als die Grünen zu sein, braucht ohnehin niemand. Das ist, sozusagen, eine Nulllinie, die man eh nicht unterschreiten sollte.

      Ansonsten finde ich das Selbstmitleid abstoßend, dass in Äußerungen wie denen von Höcke oder Gauland deutlich wird, und auch in solchen Begriffen wie „Schuldkult“. Da werden wirklich, wie djadmoros schreibt, die „Deutschen zum historischen Opfer einer westlich-jüdischen Verschwörung“ stilisiert.

      Dass die deutsche Geschichte nicht aus dem Nationalsozialismus allein besteht, bezweifelt ja niemand. Aber es ist eben eine entscheidende Phase. Abstoßend ist das Selbstmitleid eben deswegen, weil sich Deutsche hier als völlig passiv präsentieren, einer böswilligen BESCHULDIGUNG durch andere ausgesetzt – und sich überhaupt nicht darum kümmern, dass Deutsche hier etwas AKTIV getan haben. Es ist erbärmlich, Millionen Menschen fabrikmäßig zu ermorden, ganz Europa in Schutt und Asche zu legen und dann zu jammern, dass andere das ein paar Jahrzehnte später immer noch nicht vergessen haben.

      Was Gauland da wieder aufwärmt, war eben schon lange erledigt – und das ist der Unterschied selbst zu Strauß. In der Nolte-Habermas-Kontroverse, in der Weizsäcker-Rede, auch in der Debatte nach Walsers „Friedenspreisrede“ ist es eigentlich weithin zum Konsens geworden, dass der Versuch einer Entschuldung Deutschlands eher im Gegenteil mündet, in der neuen Konfrontation mit der Schuld.

      Wer nicht versteht, warum das so ist, kann ja vielleicht einfach mal daran denken, dass der Holocaust unter anderem der größte gezielte Kindermord der Weltgeschichte war. Um die Zukunft des europäischen Judentums zu zerstören, wurden von den Nazis die jüdischen Kinder systematisch und schnell ermordet, und zwar so flächendeckend und restlos wie nur möglich.

      Wenn Gauland das heute als Vogelschiss abtut, dann ist das eben ein primitives Nazi-Geschwätz, für das es überhaupt keine Entschuldigung gibt. Auch nicht im Hinweis auf die Doppelmoral von Grünen und anderen – das lenkt nur vom Thema ab.

      • Es gab damals und gibt heute immer noch und wieder Leute, die den Spieß der »deutschen Schuld« dahingehend umdrehen wollen, dass sie die Deutschen zum historischen Opfer einer westlich-jüdischen Weltverschwörung stilisieren.

        Wer das behauptet, hat nen Riss im Beton. Geschichtliche Dokumentation und Zeitzeugen dürften wohl recht eindeutig belegen, dass die Deutschen eine Schuld auf sich geladen haben und auch der Holocaust nicht nur ein jüdisches Märchen ist. Wobei ich auch hier wieder nicht ganz nachvollziehen kann, wieso man z.B. Holcaust-Leugner kriminalisiert. Menschen kann man von der Wahrheit nur überzeugen, nicht zum Glauben zwingen.

        Wenn Gauland das heute als Vogelschiss abtut, dann ist das eben ein primitives Nazi-Geschwätz, für das es überhaupt keine Entschuldigung gibt. Auch nicht im Hinweis auf die Doppelmoral von Grünen und anderen – das lenkt nur vom Thema ab.

        Das mag auf den konkreten Fall zutreffend sein. Aber ich hatte ja nicht nur ein Beispiel gebracht, wo unsere Politiker und unsere Gesellschaft (die sich da dann ebenfalls gerne als die Guten ansehen) mit zweierlei Maß messen.

        Es ist erbärmlich, Millionen Menschen fabrikmäßig zu ermorden, ganz Europa in Schutt und Asche zu legen und dann zu jammern, dass andere das ein paar Jahrzehnte später immer noch nicht vergessen haben.

        Richtig, diese Jammerei ist wirklich erbärmlich. Uns aber immer wieder unsere Schuld vorzuwerfen, die „wir“ als Deutsche hätten, finde ich nicht weniger erbärmlich, zumal damit ja auch bestimmte Ziele verfolgt werden. Irgendwelche Vorfahren (wahrscheinlich auch von mir) sind vielleicht an den Greueltaten beteiligt gewesen oder haben zumindest wissend weggesehen. Wobei ich das gar nicht mal also solches verurteilen will. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich zu der damaligen Zeit und in der damaligen Situation nicht genau so gehandelt hätte. Ich fürchte, zum stillschweigenden Mitläufer wird man schneller, als einem selbst lieb sein kann.
        Aber genau da ist mein Ansatzpunkt. Nicht die Kriege und Morde der Vergangenheit liegen in meinem Verantwortungsbereich, sondern das, was ich zulasse oder nicht.
        Dazu muss man mir unsere deutsche Kollektivschuld aber nicht ständig wieder aufs Brot schmieren. Zumindest nehme ich für mich in Anspruch, nicht so verblödet zu sein, dass ich diesen dunklen Teil in unserer Geschichte ignoriere oder vergesse.

        Nichtsdestotrotz steckt aber auch in dem unsäglichen Geschwafel vom Vogelschiss von Gauland & Co etwas Wahres. Wir waren nie nur ein Volk von Judenhassern – und sind es auch heute nicht. Und das wissen eben auch Typen wie Gauland Das Perfide an Leuten wie Gauland mag sein, dass die Zeiten, als Nazis nicht nur aussahen wie eine Billardkugel, sondern auch den IQ selbiger hatten, mittlerweile vorbei sind.
        Das Problem ist nämlich, dass unsere „Gutbürger“ den Typen aus der AfD in die Hände spielen, wenn sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihre (scheinheilige) Entrüstung über die AfD zum Ausdruck bringen. Und dann leider offensichtlich auch häufig, ohne über das Gesagte nachzudenken, sondern den Überbringer der Botschaft als wichtigstes Kriterium einer Nachricht einzustufen.
        Konkretes Beispiel: Die Genitalverstümmelung bei Jungen abzulehnen verstößt gegen das Recht auf Religionsfreiheit und ist islamophob.
        Was natürlich Quatsch ist!
        Jedem normaldenkenden Menschen sollte klar sein, dass a) das Recht auf körperliche Unversehrtheit höher einzuordnen ist und b) gerade die Genitalverstümmelung die Religionsfreiheit des Jungen im wahrsten Sinne des Wortes beschneidet.

        …dass der Holocaust unter anderem der größte gezielte Kindermord der Weltgeschichte war.

        Das spielt für mich eigentlich keine wesentliche Rolle. Ich unterscheide nicht zwischen Kindern und Erwachsenen oder zwischen Junge/Mädchen und Frauen/Männern.
        Kinder mögen häufig oder meinetwegen auch generell schutzbedürftiger sein, schützenswert sind für mich alle Menschen gleichermaßen. Unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft.

        • Also ich bin nach den Krieg geboren und fühle keine Schuld für den Holocaust. Würde ich vielleicht, wenn jemand aus meiner Familie persönlich beteiligt gewesen wäre, war aber nicht.

          Ansonsten ist das wie bei der christlichen Erbsünde, die sich auch seit Adam weiter vererbt an alle seine nachkommen.

          • Also ich bin nach den Krieg geboren und fühle keine Schuld für den Holocaust. Würde ich vielleicht, wenn jemand aus meiner Familie persönlich beteiligt gewesen wäre, war aber nicht.

            Ging mir genauso. Bis vorgestern.
            Bin derzeit in Warschau und beim Gang durch die Altstadt „Stara miesta“ hat es mir beim Realisieren, was die Nazis da alles in Schutt und Asche legten, schier „den Ärmel reingezogen“. Alter weisser Mann, 60er Jahrgang steht rum und heult in sein Taschentuch rein….

        • Ich vermute mal ( und das durchaus hoffnungsvoll ), daß Mario auf die prinzipiellen Ähnlichkeiten der Positionen in der Polarisierung der Debatte abhebt. Und da stimme ich zu.
          Die Antideutschen und ihre Mitläufer lassen kaum Zweifel daran, daß sie der Meinung sind, eine unveränderbare ( genetisch absolut fixierte ) Erbschuld als gegeben ansehen zu müssen, die im Endefekt schlichtweg nix weiter besagt, als daß jeder, der im Lande seine Wurzeln hat, qua Abstammung absolut unbelehrbar wäre und deshalb – mit welchen Mitteln auch immer – zum Aussterben gebracht werden müsse.
          Wobei sie anderen „Rassen“, Ethnien, Völkern, Nationalitäten seltsamerweise diese Eigenschaft mindestens nicht andichten, was ich noch paradoxer finde.
          Daß dies genau die Form von Unbelehrbarkeit, ja überhaupt Vernunftsunfähigkeit beschreibt, die eben diese Leute beklagen, ist schon ein äußerst erstaunliches Phänomen.
          Überflüssig zu erwähnen, daß die Parallele zu feministischen Faschisten unübersehbar ist und von RadFems und Antideutschen und von besonders deren Schnittmengen vollständig ausgeblendet wird ( eine faszinierende Fähigkeit, die mir ein absolutes Rätsel ist, da sie scheinbar in keinem direkten Zusammenhang zum IQ steht und m.E. auch mit Lügen, oder Kriminalität nicht ausreichend erklärt werden kann. Mehr als eine mögliche Folge von Bindungs-/Sozialisatonensproblemem, vlt. generationenübergreifend, fällt mir dazu einfach nicht ein ).

        • Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich zu der damaligen Zeit und in der damaligen Situation nicht genau so gehandelt hätte. Ich fürchte, zum stillschweigenden Mitläufer wird man schneller, als einem selbst lieb sein kann.

          Und diese Erkenntnis unterscheidet dich in positiver Weise von all den Helden, die sich heute – vor Selbstgerechtigkeit triefend – als Kämpfer „gegen rechts“ und „gegen den Faschismus“ darstellen.

          Helmut Kohl redete vor Jahren mal von der „Gnade der späten Geburt“. Die Reaktionen darauf waren nichts weniger als hysterisch. Ihm wurde alles Mögliche vorgeworfen, u.a. Verharmlosung des Holocaust. Dabei sagte er im Grunde nur das, was du richtig feststellst: So mancher hätte sich schuldig gemacht, auch wenn er das gar nicht gewollt hätte und die späte Geburt verunmöglichte eine Mitschuld.

  • Ein Artikel auf den ich eigentlich schon seit Jahren warte, dessen letzte Absätze m.E. schon eine ganze Weile im Raume stehen. Mit dem ich aber nicht wirklich zu rechnen gehofft habe. Und ich kann mir vorstellen, daß Du, @Lucas, möglw. auch erstmal „etwas gehadert“ hast, bevor Du den Entschluss gefasst hast, „diese einmalige Gelegenheit“ ( im allerweitesten und hier nicht gerade positiven Sinn ) zu ergreifen.
    Gerade wo es seit dem G20-Gipfel in Hamburg ( und den damit zusammenhängenden Unruhen ) einige, z.T. recht bizarr verlaufende „Rinks-Lechts-Debatten“ gegeben hat, die leider zu einem Großteil mehr Klarheiten beseitigt als geschaffen haben.
    Meinen aufrichtigen Dank dafür!

    „… und diese Gruppen konstituieren sich ausgerechnet an den biologischen Kriterien Rasse und Geschlecht. “

    Ähm, ist „biologisch“ in dem Zusammenhang richtig?
    Soweit mir bekannt unterscheiden Biologen Hautfarben, Ethnien o.ä. gerade nicht nach „Rassen“. Wären da nicht Anführungszeichen angebracht gewesen, resp. der politische Begriff „biologistisch“?

    „Die deutsche Mutter in ihrer Verschmelzung mit dem Kind wird als Kern des Volkes fantasiert, und die Männer müssen in diesen Fantasien disponibel sein, damit der Kernbereich geschützt bleibt.“

    Nun, als reine Phantasien sehe ich das nicht, besonders nicht den zweiten Satzteil. Der hat ja durchaus einen gewissen evolutionären Hintergrund, mal abgesehen davon, daß derselbe politisch arg pervertiert wird ( und zwar letztendlich von rechts und „links“ ).

    Gerade vor ein paar Wochen hatte ich in einem Nebenverlauf eines Gesprächs mit einer Soziologiestudentin des Thema unterschiedliche typische Verhaltensmuster der Geschlechter. Und habe es pauschal überspitzt ungefähr so symbolisch zusammengefasst: „Daß Männer nunmal eher prädestiniert sind, loszurennen, Mammuts o. Gruppengegner zu erschlagen und sich in große Gefahr zu begeben, während es für Frauen üblicher ist, bei Gefahr das weite zu suchen oder sich zu verstecken, ist eine insofern ganz normal, sinnvolle, komplementäre Entwicklung, die seit langem schon genetisch fixiert ist.“

    Das extreme daran ist der der völlig verdrehte Fetisch, der daraus gestrickt wird. Und auch den gibt es ja auf beiden Seiten, rechts im Martyrerkult und Übermenschendogmatismus, „links“ im kaum glaubhaft bestreitbaren Männerhass und Fetisch der generellen weiblichen Urunschuld.

    • @Fiete:
      Genau wie für Geschlecht gibt es auch für Knochenbau, Cerumen-Konsistenz, Melaningehalt der Haut uvam. genetische ‚Ursachen‘. Tatsächlich können (ernsthafte) Molekularbiologen mit sehr großer Sicherheit die (biologisch-)ethnische Zugehörigkeit (früher hätte man ‚Menschenrasse‘ gesagt) einer Person allein anhand ihrer DNA bestimmen (Stichworte hier: ‚relative Allele frequency‘ und ‚genetic drift‘).
      Die Tatsache, dass es (natürlich) keine klaren Grenzen zwischen (biologischen) Ethnien gibt (geben kann, da Individuen unterschiedlicher Ethnien per def. gemeinsame Nachkommen zeugen können) und deswegen gar keine biologischen Ethnien existieren können, ist etwa dasselbe Argument wie ‚Es gibt gar keine Berge, da man Berge von Hügeln nicht klar abgrenzen kann‘. Oder: „Es gibt überhaupt kein biologisches Geschlecht, da es (seltene, unfruchtbare) Individuen gibt, die genetische Mischformen darstellen. (XY-Frauen, X0 Turner-Syndrom, XXY Klinefelter-Syndrom, XXX etc.).“

      Dieses Narrativ, dass es keine biologischen (genetischen) Unterschiede zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Rassen gäbe, anhand deren man ein Individuum einer (biologisch-)ethnischen Gruppe zuordnen könne, wurde mW ab den 70ern von wenigen Personen mit Einfluß auf die UN gepushed.

      • Vielen Dank, @Count Zero, für diese interessanten Ausführungen.
        Allerdings beantworten dieselben meine Frage eigentlich nicht, bzw. wenn, dann dahingehend, daß der Terminus „Rasse“ wahrscheinlich mindestens obsolet ist.

        Ich versuche mal die Frage etwas präzisierend zu erläutern:

        Ich habe in der Schule gelernt ( vor über 4 Jahrzehnten ), daß die biologischen Wissenschaften durchaus einige verschiedene Kathegorien zur Unterscheidung von Lebewesen haben. Bspw. Art, Unterart, Familie, Sorte, Rasse, Variante etc.pp.. Und daß diese Begrifflichkeiten relativ deutlich ausdifferenzierbar sind. Also z.B., daß ein Geschlecht keine Spezies ist und eine Familie keine Variante, sehr grob gesagt.

        Und ich meine im Laufe der Jahrzehnte schon mehrfach gelesen zu haben, daß nach dieser Kathegorisierung die politisch- ideologische Bezeichnung „Rasse“ eben falsch ist, also in das biologische System nicht deckungleich übertragen werden kann.
        Daß sich @Lucas v.dh. nicht korrekt ausgedrückt hätte, wenn er eben diese Bezeichnung als „biologisch“ setzt.

        Nur darum ging es mir.

        • @Fiete:
          Ja, inwiefern der politische Begriff ‚Rasse‘ mit einem ebenfalls in der Biologie existierenden Begriff ‚Rasse‘ etwas zu tun hat, kann ich tatsächlich nicht sagen, weil ich über den Bedeutungsinhalt des politischen Begriffes nicht orientiert bin. (Ich hatte naiverweise gedacht, das wäre so ungefähr dasselbe).

          Biologisch sind Rassen Untergruppen von Spezies, deren Mitglieder sich phänotypisch (und damit praktisch immer auch genetisch) unterscheiden von Mitgliedern anderer Rassen, aber mit diesen gemeinsame Nachkommen zeugen können (sonst wären die Mitglieder solche unterschiedlicher Spezies). Insofern steckt natürlich eine bestimmte Willkür in einer Separation nach ‚Rassen‘ und die Kritik am Begriff ist durchaus berechtigt.

          Wie die deutschsprachige Wikipedia korrekt anmerkt, wird der Begriff „taxonomisch nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet“. Ich denke, dass ist auch besser so. Nach meiner eigenen Einschätzung ist das aber eine Folge der mißbräuchlichen Verwendung des Begriffs in beliebigen Spielarten von Rassismus (im Imperialismus, Nationalsozialismus und heute bei den white supremacy Propageten) und nicht, weil man herausgefunden habe, solcherart Eingruppierung besäßen keinen wissenschaftlichen Sinn (mehr), wie wikipedia im Artikel über Rassentheorie mit Bezug auf die „Deklaration von Schlaining“ behauptet. Meine eigene Einschätzung ist die, dass diese Deklaration einen stark wirklichkeitsverzerrenden SJW-Einschlag enthält… 😉

          Trotz aller auch berechtigter Kritik am Begriff und an der Idee, auch für Menschen statistisch unterscheidbare Subgruppen bestimmen zu wollen, wird Dir jeder Anthropologe oder Humangenetiker, wenn er keine Angst haben muß, eventuell als Rassist dargestellt werden zu können, sicher bestätigen, dass er anhand des Vorkommens bestimmter Allele bei einem Individuum mit sehr hoher Sicherheit sagen kann, ob es afrikanische, eurasische oder asiatische Vorfahren hat (und das idR wahrscheinlich noch deutlich enger eingrenzen kann). Das ist eine statistische Aussage, daher nie 100% sicher. Dabei existiert die größte genetische Vielfalt übrigens unter Afrikanern, ein Hinweis darauf, dass Eurasier und Asiaten irgendwann mal von dort ausgewandert sind (und nur einen Teil der genetischen Vielfalt mitgenommen haben). Allerdings kann ziemlich sicher ausgeschlossen werden, dass ein Labor die DNA eines Zulu-Kriegers als ‚Han-chinesisch‘ einstuft ;-).

          Die Tatsache, dass man sinnvolle Unterteilungen der Menschheit in derartige Gruppen vornehmen kann, heißt natürlich nicht, dass man „wissenschaftlich bewiesen“ hätte, eine Gruppe sei anderen Gruppen überlegen (also das, was echte Rassisten sich so sehr wünschen). Es gibt aber statistische Häufungen bei manchen Talenten.

          Die Beobachtung, dass die besten Sprinter*nnen 😉 der Welt aus Westafrika kommen oder von westafrikanischen Sklaven abstammen, während die besten Langstreckler alle Ostafrikaner sind, liegt unzweifelhaft an der genetischen Ausstattung der beiden Gruppen. Das heißt natürlich nicht, dass wir nie einen Haitianischen Marathonsieger sehen könnten, erst recht nicht in der heutigen Zeit des Profisportlertums. Statistisch für die Populationen stimmt die Aussage aber schon. Ähnlich wie der scherzhafte Spruch ‚White man can’t jump‘ keinen Dirk Nowitzki verhindert. 😉

          Alleine dass man mit dem Berichten einer solchen Beobachtung schon auf sehr dünnes Eis gerät, macht die Wissenschaftler in diesem Bereich natürlich äußerst vorsichtig mit irgendwelchen Aussagen.

  • Gauland ist schon ein seltsamer Zeitgenosse. Ein Vogelschiss auf dem Schuh beispielsweise ist ärgerlich, aber letztendlich unerheblich. Man wischt ihn einfach weg und gut ist. Eine seltsame Assoziation. Und das war damals doch eher ein riesiger Haufen Scheisse und kein kleiner Vogelschiss. Ist er sich der Wirkung seiner Worte und der voraussehbaren Reaktionen eigentlich bewusst? Ist es Kalkül oder mangelnde Sensibilität? Ich weiss es nicht.

    Der Historiker Ernst Nolte nannte die NS-Zeit die Vergangenheit, die nicht vergeht. Diese Aussage könnte ihm nun auch als Wunsch ausgelegt werden, dass doch endlich mal Schluss sein möge mit der ewigen Thematisierung und dem Gedenken an diese Vergangenheit. Ich glaube aber nicht, dass er das damit gemeint hat. Die Verbrechen der NS gelten als Referenzgrösse, als das absolut Böse, an dem sich die Boshaftigkeit des politischen Gegners messen lässt. Dabei gilt: Je ähnlicher, desto böser. Es hat schon etwas Zwanghaftes an sich, nach Parallelen zu suchen, ein Zwang, dem auch ich unterworfen bin.
    Was ich aber unausstehlich finde sind diese Selbstdarsteller, die sich als die grossen Kämpfer gegen Faschismus und NS inszenieren. Ich finde das billig. Es ist nun mal nicht mehr 1933. Dieser Gratismut, der so gar nichts kostet und nur der eigenen Selbstbeweihräucherung dient, der wird ganz bestimmt nicht das „nie wieder“ sichern. Diesen Leuten sage ich regelmässig: Es waren nicht die Opportunisten, die sich gegen den NS stellten.

  • Ein sehr guter Artikel. Er fasst genau die Gründe zusammen, warum ich als Linker inzwischen politisch völlig heimatlos bin. Und nicht nur ich. Neulich saß ich mit meinem besten Freund in unserer alten Stammkneipe (einer ehemaligen 68iger Spelunke, in der heute noch das Foto des längst verstorbenen Wirtes mit Daniel Ortega an der Wand hängt) und er sah mich traurig an und sagte unvermittelt: „Ich kann kein Linker mehr sein“.

    Hätte ich mich vor Jahren noch durchaus als „Feminist“ bezeichnen lassen (welcher vernünftige Mensch wäre auch gegen Gleichberechtigung?), so sehe ich mich inzwischen in entschiedener Gegnerschaft zu einer zutiefst menschenfeindlichen, irrationalen und totalitären Ideologie, die immer noch als „Feminismus“ verkauft wird. Wenn diese Gegnerschaft jetzt „rechts“ sein soll… tja, dann stehe ich jetzt wohl „rechts“.

    Aber die klassische linksliberale Position im Sinne von „viel individuelle Freiheit“ kombiniert mit „jedem helfen, der Hilfe braucht“ gibt es ja nicht mehr im Parteienspektrum.

  • Zu den Hintergründen für diese Entwicklung kam mir kürzlich folgender Gedanke: Die amerikanischen Linken und Rechten (aus den USA kommen ja diese Diskurse) wenden hier schlichtweg in der Innenpolitik eine Strategie an die die USA auch außenpolitisch immer wieder verwenden. Nämlich die, dass man schlichtweg jede Gruppierung unterstützt, die denselben Gegner hat wie man selbst. Dass manche dieser Gruppierungen dabei außer Kontrolle geraten können, wird dabei gar nicht bedacht bzw. immer erst dann wenn es zu spät ist.
    Das alles hat letztlich seinen Ursprung darin, dass amerikanische Diskurse immer nur aus einem Grabenkrieg zwischen Demokraten und Republikanern bestehen und dabei beide Seiten dazu neigen, für diesen Kampf gegen den politischen Gegner jede noch so radikale Gruppe zu unterstützen. Und irgendwo entsteht dann auch noch die Motivation diesen Grabenkrieg in die restliche Welt exportieren zu müssen.

    • Das alles hat letztlich seinen Ursprung darin, dass amerikanische Diskurse immer nur aus einem Grabenkrieg zwischen Demokraten und Republikanern bestehen …

      Das ist eine treffende Beobachtung. Die Polarisierung ist in den USA mittlerweile absolut und wenn man sich auf MSNBC und Fox-News informiert, dann ist man mit zwei völlig unterschiedlichen „Realitäten“ konfrontiert, die fast nichts mehr miteinander zu tun haben. Nachrichten sind Teil des permanenten Wahlkampfs und abwägende, um Objektivität bemühte Berichterstattung sind die grosse Ausnahme.

  • Ich kann im Wesentlichen dem Autor nur zustimmen und danken für diese Zuspitzung: 1. wie ähnlich radikal Linke und Rechte sind in ihrer Einteilung und Kategorisierung von Menschen aufgrund äußerer Merkmale, 2. wie wichtig auch ein äußeres Feindbild ist, auf das man seine Frustrationen und Hassgefühle projizieren kann, um nur nicht das Individuum im Antlitz des „Feindes“ zu sehen.
    Genau diese Mechanismen und Taktiken werden in meinem Crowdfunding-Projekt über links-grüne Lobbys auseinandergenommen, das wir nun bald angehen wollen, um eine größere öffentliche Debatte mitanzustoßen mit euch – über mediale und sonstige Unterstützung dieses Projekts freue ich mich! https://deutschlandreformen.org/lobbys/https://deutschlandreformen.org/lobbys/

  • Konzentrationslager: ca. 1830 in Georgia, um die Cheyenne auf den „Trail of Tears“ zu verfrachten.
    Endlösung (des Indianerproblems): ca. 1867 Sherman im Brief an Grant.
    Rassengesetze, Rassentrennung: USA ab 1900.
    Die USA galten als die modernste Nation der Welt.

    Nicht typisch deutsch oder nazi-deutsch. Nach Sebastian Haffner waren 1939 nur 20% stramme Nazis.

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