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Die stromlinienförmige Gesellschaft

geschrieben von: Lucas Schoppe

Über die Parallelen zwischen Fußball und Politik und die wahren Gründe für das frühe Ausscheiden der Nationalmannschaft. Und über Frau Schrupp, die sich als Gouvernante betätigt.

 

Schland unter: Macht Löw es wie Merkel?

„Der Fußball und die Nationalelf waren schon oft Seismografen für die Lage des Landes“,  behauptet der Spiegel gerade in seiner Titelgeschichte „Schland unter“ über die angeblich parallelen Krisen in „Fußball, Politik, Wirtschaft“.  Er zitiert Oliver Bierhoff, für den „die Nationalmannschaft immer ein bisschen Spiegelbild der Gesellschaft“ ist und eine Funktion als „letztes Lagerfeuer der Nation“ habe, also als letztes verbliebenes Zentrum, um das herum sich ein Großteil des Landes versammeln würde.

Da man tau ja bekanntlich immer ein bisschen Fachblog für Fußball und Gesellschaft ist, muss ich diese Vorlage selbstverständlich verwerten. Mit der „Ana­lo­gie zwi­schen dem Team und den rest­li­chen 80 Mil­lio­nen Deut­schen“ erklärt der Spiegel immerhin auch das frühe Ausscheiden der Mannschaft bei der WM:

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren (…) fühl­te sich Deutsch­land si­cher und war zu­frie­den mit sich, selbst­herr­lich eben.

Wären allerdings Selbstherrlichkeit und Selbstzufriedenheit hinreichende Gründe dafür, schlecht Fußball zu spielen, dann hätte Cristiano Ronaldo vermutlich noch nie einen Ball getroffen. Der aber geht mit seiner Gockelhaftigkeit, seiner offensiv zur Schau gestellten Eitelkeit und seiner immer mal wieder vorgeführten Unfairness allen empfindsamen Fußballfans so sehr auf die Nerven, dass sie sich dringlich wünschen, er möge doch bitte endlich mal so richtig auf die Schnauze fallen – und schießt dann stattdessen mal eben drei Tore im WM-Spiel gegen Spanien.

Könnte es also vielleicht sei, dass es Deutschland zwar nicht an Selbstherrlichkeit, aber an Eigenwilligkeit gefehlt hat, also an Akteuren, die ihren eigenen Kopf haben und die sich nicht darum scheren, ob sie damit anderen auf die Nerven gehen?

Sandro Wagner jedenfalls hatte nach seiner Ausbootung durch Löw offen beklagt, dass der Trainer Leisetreter bevorzuge.  Löw hätte jemanden wie Wagner ganz gut gebrauchen können, wenn denn seine Mannschaft ab und zu mal ein Tor schießen hätte schießen sollen – und mehr noch Leroy Sané, der gerade zum besten Nachwuchsspieler der Premier League gewählt wurde. Wäre der gegen Südkorea mit seinen Dribblings mehrere Male hängen geblieben und nur ein, zwei Mal durchgekommen, hätte sein von der Süddeutschen Zeitung attestiertes „überhebliches Jung-Star-Gehabe“ niemanden mehr ernsthaft gestört.

Als Werder-Fan finde ich es natürlich besonders auffällig, wie chancenlos Max Kruse bei Löw war, obwohl der wesentlich beigetragen hat, um aus dem Immer-wieder-fast-Absteiger wieder eine Mannschaft zu machen, die richtig schönen Fußball spielen kann.

Die Mannschaft, die sich Löw zusammenstellte, war keine Treter-, aber eine Leisetreter-Truppe. Mit dem nachdenklichen Mertesacker, dessen schroffe Antworten auf etwas dämliche journalistische Fragen legendär wurden, oder Schweinsteiger, der den Weltmeistertitel zu seiner persönlichen Mission gemacht hatte, fehlten zentrale Figuren der letzten WM.

Stattdessen führten Gündogan und Özil vor, dass auch Leisetreter illoyal agieren und destruktive Unruhe schaffen können. Die beiden hatten sich zwar unterwürfig und autoritätshörig verhalten, das aber unglücklicherweise zu einer ungünstigen Gelegenheit getan. Ihre Wahlkampfhilfe für den Antidemokraten Erdogan, der Kritiker ohne Gerichtsbeschlüsse monatelang in Gefängnisse wirft und der gern auch mal demonstrierende Schüler zusammenschlagen lässt, war politisch eine brutale Aktion.

Löw aber attestierte den Spielern unverdrossen „einen sehr guten Charakter“  und vermied ansonsten eine klare Position – was wieder eine mediale Vorlage war:  „Löw macht es wie Merkel“.  Der Versuch, die Situation für erledigt zu erklären, ohne den offensichtlichen Konflikt anzusprechen, belastete die Mannschaft über Woche hin.

Natürlich wäre das auch unbequem gewesen, und der Trainer hätte differenzieren, sich von nationalistischen Positionen abgrenzen und demokratische Positionen stark machen müssen. Dazu hätte zum Beispiel die Unterscheidung gehört, dass es völlig normal und verständlich ist, wenn Migranten sich verschiedenen Ländern zugehörig fühlen – dass sich daraus aber nun einmal nicht ergebe, die Unterstützung für einen gewalttätigen Autokraten ganz okay zu finden.

Dass der Versuch, den Konflikt geschmeidig aus der Welt zu schweigen, auch solche wichtigen Unterscheidungen verhindert, ist kein Zufall. Stromlinienförmigkeit verträgt nun einmal keine Ambivalenzen, keinen Widerspruch und keine Widersprüchlichkeiten.

Nur ist Löw nun vielleicht gerade aus demselben Grund noch Bundestrainer, aus dem auch Merkel noch Bundeskanzlerin ist: Niemand weiß so recht, wer es denn sonst machen könnte. Dieselbe Stromlinienförmigkeit, mit der sie in die Sackgasse geglitten sind, hat auch die Auswege geschliffen, die aus dieser Sackgasse wieder herausführen könnten.

Es gibt kaum eine bessere Illustration der Alternativlosigkeit, für die Merkel so berühmt ist, als die erste Halbzeit von Löws Nationalmannschaft gegen Mexiko. Die Mexikaner waren frecherweise taktisch ganz anders eingestellt, als der deutsche Trainerstab das vorausgesehen hatte – und obwohl alle halbwegs erfolgreichen Trainer nun schon eine ganze Weile den Begriff In-Game-Coaching bekannt gemacht haben und ihre taktische Ordnung mehrmals in einer Halbzeit verändern können, fiel Löw die ganze erste Hälfte des Spieles über nichts ein, womit er seine Mannschaft auf die unerwartete Situation einstellen könnte.

Eine stromlinienförmig ausgerichtete Gruppe funktioniert eben gut, solange alles läuft wie geplant – hat aber keine Ressourcen, um Unerwartetem zu begegnen. Hier funktioniert die Analogie zwischen einer Fußballmannschaft und einer Massengesellschaft noch – in einem anderen Punkt trägt sie nicht mehr.

 

Braucht eine ideale Gesellschaft ganz einfach keine Widerspruch mehr?

Eine moderne Massengesellschaft nämlich lässt sich natürlich nicht stromlinienförmig einrichten. Dafür ist sie von zu vielen unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen Milieus, unterschiedlichen sozialen Erfahrungen und unterschiedlichen Überzeugungen geprägt. Damit eine solche Gesellschaft überhaupt, einigermaßen, EINE Gesellschaft sein kann, braucht sie eine gemeinsame Öffentlichkeit, in der die unvermeidbaren Konflikte offen angesprochen und moderiert werden können.

Wer stattdessen stromlinienförmige Gruppen bastelt, vermeidet Konflikte nicht, sondern verschärft sie. Dabei entstehen unterschiedliche Untergruppen, die jeweils für sich halbwegs uniform sind, die aber andere Gruppen lediglich als Störung ihrer inneren Harmonie wahrnehmen können. Sie agieren bald in dem Eindruck, dass alle wesentlichen Probleme sich lösen würden, wenn nur diese anderen – Rechte, Linke, Flüchtlinge, „Almans“, Maskus, Feministinnen etc. – endlich Ruhe geben würden.

Selbst noch die Art und Weise, wie über Özil und Gündogan geschrieben wurde, war weithin von einem Bedürfnis nach Widerspruchsfreiheit geprägt, das für solch eine Gemengelage typisch ist. Für die eine Seite waren die beiden Fußballer dann plötzlich immer schon überschätzt, und irgendwie erschienen ihre Handlungen nun schon seit Jahren verwerflich, so als führte eine gerade Linie unvermeidlich vom Nicht-Mitsingen der Nationalhymne zur Unterstützung eines antidemokratischen Gewaltherrschers. Auf der anderen Seite waren sich Menschen, die sich selbst für linksliberal hielten, ganz sicher, dass die Kritik an den beiden Erdogan-Fanboys im Kern „Rassismus“ wäre.

Die Aufspaltung des öffentlichen Diskurses in unterschiedliche Unterdiskurse, die untereinander nicht mehr zu vermitteln sind, ist zugleich Ursache und Folge der Stromlinienförmigkeit. Je stromlinienförmiger die Gruppen in sich sind, desto weniger können sie abweichende Positionen einbinden – und je schroffer sie sich nach außen abgrenzen, desto mehr Druck könne  sie aufbauen, sich nach innen stromlinienförmig zu verhalten.

Als Trennungsvater, der die willkürliche Trennung von seinem Kind nicht einfach kommentarlos hinnehmen möchte, bin ich gegenüber solchen Konstellationen vermutlich besonders aufmerksam – weil ich immer mal wieder merke, dass eine Situation wie die von mir und unserem Kind in vielen Milieus ein unerwünschtes Thema ist.

 

 

Macht Maskusverlinken unrein?

Vor eine Weile bekam ich zufällig einmal mit, wie bei Twitter jemand einen man-tau-Artikel verlinkt hatte und dann sogleich dafür zur Rede gestellt wurde.

Antje Schrupp ist Redakteurin einer evangelischen Kirchenzeitung und eine der bekanntesten feministischen Bloggerinnen. Ihr Blog heißt „Aus Liebe zur Freiheit“ (ich verlinke Femis!), meint damit aber immer recht spezifische Freiheiten spezifischer Gruppen – wenn sie dort zum Beispiel fordert,  Vätern einfach generell kein Sorgerecht und damit den Müttern mehr Freiheit zu geben.

Dazu gehört es dann eben auch, im Netz falls nötig auch als Gouvernante aufzutreten und aufzupassen, dass niemand etwas Ungehöriges tut: Die eigenen Diskurse werden rein gehalten, indem die FREMDEN Diskurse draußen gehalten werden. Es ist dabei besonders wichtig und nur schlüssig, auf die Selbstbeschreibung der Fremden keine Rücksicht zu nehmen, sondern sie aus der Perspektive auf sie darzustellen – alles andere würde ja unweigerlich ihre Position einbinden.

Wichtig ist zudem, sich nicht ernsthaft mit diesen fremden Positionen auseinandersetzen zu müssen, sondern sie über einfache Label auf die Ablage verschieben zu können. „Masku“ muss reichen, und falls jemand dann immer noch nicht versteht, wird es halt zur Not noch mal mit „Nazi“ kombiniert. Gerade hat ein Schweizer Journalist darüber berichtet, wie solche Labelsetzungen – von links – gezielt eine Online-Zeitung beschädigen, weil diese versucht, politische Beiträge „ausdrücklich aus allen politischen Lagern“ zu veröffentlichen. (via Genderama)

Ich habe mich nie als „Maskulist“ bezeichnet und mich ursprünglich sogar für gut feministisch gehalten, weil ich es völlig richtig und wünschenswert finde, wenn auch Mütter für das Familieneinkommen sorgen und wenn auch Väter direkt für die Kinder da sind. Es hat halt eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich aus der Sicht vieler Feministinnen damit „antifeministische“ Positionen einnehme und ein „Männerrechtler“ bin.

Wenn aber zwecks Reinerhaltung der Positionen wichtige, vitale und legitime Interessen vieler Einzelner und ganzer sozialer Gruppen aus dem Diskurs gedrängt werden, dann ist das offensichtlich erstens gefährlich für den sozialen Zusammenhalt und zweitens undemokratisch. Nun haben wir eigentlich von Kindheit an gelernt, wie wichtig demokratische Strukturen sind und was passieren kann, wenn eine Demokratie zusammenbricht. Wie ist es möglich, dass antidemokratischen Positionen trotzdem wieder normal und salonfähig werden, ja sogar als die Positionen der EIGENTLICH GUTEN dastehen können?

Ein Grund ist sicher eben der, dass antidemokratische Positionen nicht brutal und schroff, sondern tief moralisierend daherkommen. Der diffuse und intensiv emotionale Begriff Hate Speech“ etwa erfüllt die Funktion, dass seine Benutzer gar nicht mehr mühsam zwischen den klassischen Tatbeständen einer Beleidigung, Bedrohung oder Volksverhetzung und dem bloßen Äußern einer abweichenden Meinung unterscheiden müssen. Als wären das alles irgendwie einfach nur unterschiedliche Ausprägungen desselben Hasses.

Trotzdem bleibt die Frage: Wie konnte ein solcher Quatsch weithin erfolgreich werden?

Ganz sicher trägt dazu bei, dass wir eine demokratische, zivile Massengesellschaft als Selbstverständlichkeit wahrnehmen, nicht als die fragile, unwahrscheinliche Ordnung, die sie ist. Der erzdemokratische Philosoph und Pädagoge John Dewey hat für die Demokratie den sperrigen, aber passenden Begriff „Meliorismus“ verwendet: Eine perfekte Ordnung sei nie erreicht, die Demokratie bestehe stattdessen wesentlich aus der beständigen und niemals beendeten Arbeit, sie besser (lat.: melior) zu machen.

Unsere öffentlichen Debatten aber sind von Akteuren geprägt, die so auftreten, als hätten die Altvorderen immer schon alles vernünftig demokratisch eingerichtet. Als müssten wir uns um demokratische Diskurse gar nicht mehr kümmern, so dass wir die Hände frei hätten für Wichtigeres, wie zum Beispiel wahlweise die Dekonstruktion der heterosexuellen Herrschaftsmatrix oder den Kampf gegen die irgendwie doch gewiss schon längst geplante Umvolkung.

Im Beruf fällt mir zunehmend etwas auf, womit ich noch vor einigen Jahren niemals gerechnet hätte. Erwachsene Menschen werden keineswegs autoritär auf Line gezwungen, sondern praktizieren so synchron eine Selbstgleichschaltung, als ob das jemand koordinieren würde. Einer ganzen Menge Menschen muss überhaupt niemand sagen, was sie gefälligst zu tun oder zu denken hätten – sie nehmen immer schon von sich aus vorweg, welche Haltungen wohl erwünscht sind, um diese Haltungen dann möglichst irritationsfrei einzunehmen.

Wenn sich das verallgemeinern lässt, kann das vieles erklären.

Die Herstellung von Stromlinienförmigkeit durch Selbstgleichschaltung ist deswegen besonders gefährlich, weil sie autoritäre Strukturen aufbaut, die als autoritäre Strukturen gar nicht mehr kenntlich sein müssen. Sie wirken dann eher wie der nötige formale Rahmen einer harmonischen Gruppe zivil kooperierender Akteure. Die dabei verdeckten inneren Konflikte können dann praktischerweise den Störenfrieden von außen zur Last gelegt werden.

Hier trägt dann sogar die Parallele zum Fußball wieder: Bei Instagram unterscheidet Nationalspieler Niklas Süle gerade sauber „wahre Fans“ von den „Medien, die sowieso versuchen alles schlecht zu reden“.

Als hätten die eigens viel reden müssen, um die Mannschaft schlecht dastehen zu lassen.

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13 Comments

    • Vielen Dank für die Hinweise! Die Fußball-Politik-Parallelen bieten sich natürlich an, und solange sie etwas Spielerisches haben, finde ich sie auch ganz nett. Der Spiegel verbindet sie mit seiner schon seit Längerem gepflegten Vorliebe fürs Apokalyptische, da wird es dann komisch und ein wenig übertrieben.

      Den Artikel über Mausfeld und Dewey kannte ich ebenfalls nicht, der gefiel mir gut. Das Thema, das da anklingt, ar tatsächlich ein wichtiges Thema für Dewey, es ist aber auch ohne diesen Bezug sehr interessant: Wie können wir, die wir auf Erfahrungen in einem persönlichen, sinnlich wahrnehmbaren und von direkter Interaktion geprägten Umfeld bauen, mit einer abstrahierten, gigantischen, unser Fassungsvermögen weit übersteigenden offenen Massengesellschaft umgehen, in der die meisten Interaktionen indirekt und vielfach vermittelt sind?

      Ich glaube, dass z.B. die so enorm aufgeladenen, aber von außen auch oft absurd wirkenden Geschlechterdebatten die Funktion haben, die Konflikte abstrakter sozialer Systeme auf eine lebensweltlich fassbare Weise zu spiegeln, als Konflikte zwischen Männern und Frauen eben. Das richtet offensichtlich mehr Schaden an, als dass es nützen würde.

  • „Als hätten die eigens viel reden müssen, um die Mannschaft schlecht dastehen zu lassen.“

    Wobei man hier sagen müsste: die Aussage von Süle hört sich natürlich vor dem Hintergrund eines historisch schlechten Abschneidens etwas gewagt an, aber der Kern passt schon: Das letzte Turnier, bei dem das Abschneiden der Deutschen für tatsächlichen Grund zur Kritik gereichte, war jenes der Euro 2004. Das ist immerhin 14 Jahre her. Auch ich hatte da bei den Tastaturvergewaltigern in den Redaktionsstuben den Eindruck, dass die dieses „Happening“ nun aufnehmen, wie ein Fixer seinen ersten Schuss seit über 36 Stunden. Man bedenke, dass die Gier nach sich nun einmal viel leichter zu schreibender und sich in der Regel auch besser verkaufender Nörgelei dazu geführt hat, dass vor sechs Jahren ein HALBFINALAUS gegen ITALIEN schon fast wie ein sportliches Desaster behandelt worden war. Und vor der WM 2014 hatte ich bei der Berichterstattung auch den Eindruck, dass zahlreiche Schreiberlinge nur daran interessiert waren, jeden Tag mindestens fünf weitere Dinge zu finden, wegen derer Deutschland nun aber ganz sicher keine Chance mehr auf den Titel haben würde, wenn nicht gar auch dort schon ein Vorrundenaus unausweichbar schiene.

    Und auch dort liegt eine Parallele zwischen Fußball- und allgemeiner Berichterstattung: Bei beidem zeigt sich, dass Journalisten mehrheitlich ein sehr eigener, sehr schräger Menschenschlag sind. Die nun von vielen zur Schau gestellte „ich hab’s ja schon immer gesagt“-Attitüde mit der absoluten Gewissheit, in den derzeit in die Gazetten gerotzten Plattitüden und Gemeinplätzen läge nun die ganz große und einzige Wahrheit darüber, woran es denn nun gelegen hat, all das ist doch offensichtlich dicht verwandt mit der über lange Zeit peu-à-peu eingeübten Gewissheit, sich als Volkserzieher und Meinungsmacher gebaren zu können und müssen. Denn auch jene sind den Überzeugungen eigener Allwissenheit anheim gefallen, die meinen, alles was von ihrer medialen Mainstreammeinung abweicht, direkt diffamieren zu müssen, um so jeglicher intellektueller Auseinandersetzung damit von vornherein zu entgehen, oder auch jene die meinen (um hier quasi eine Schnittstelle zu finden), jede Kritik an Spielern wie Özil oder Gündogan könnte ja nur mit Rassismus zu erklären sein (hab da auch nen anderen Artikel eines anderen Schreiberlings gelesen, der genau denselben bornierten Stuss sabbelt, wie der vom Spiegel). Ich meine was könnte jemals Selbstherrlicher sein, als scheinbar davon auszugehen, mehreren Millionen Menschen, die man nicht kennt und wohl auch nie zu Gesicht bekommen wird, in die Köpfe gucken und ein derart vernichtendes, küchenpsychologistisches Urteil über deren Aussagen treffen zu können.

    Deshalb funktioniert eben in deinem abschließenden Beispiel die stromlinienförmige Abgrenzung von „denen“ und „uns“ auf beiden Seiten. Süles Aussage ist einfach unpassend aufgrund der Sachlage, aber auf der anderen Seite sind und waren auch die von ihm kritisierten tatsächlich nie an sachlicher und vor allem Sachverstand zeigender Berichterstattung und nun an Aufarbeitung interessiert, sondern vielmehr an selbstgefälliger, mehr schlecht als recht als profunde Fachkritik getarnte Masturbation.

    PS: Was zum Beispiel die Personalie Sané angeht, muss man schon sagen, dass er, trotz all seiner geehrten Leistungen in der Premier League, noch nie auch nur ein ansatzweise gutes Länderspiel gemacht hat. Seine Aktionen bei Auftritten für Deutschland waren bislang nahezu ausschließlich bestenfalls überflüssig, in Teilen gar offen kontraproduktiv. Er hat zumindest noch nie in der Nationalmannschaft etwas gezeigt, was einen abseits von Kaffeesatzlesereien ernsthaft vermuten lassen könnte, dass ausgerechnet er nun gegen Südkorea das geschafft hätte, wozu Reus, Draxler, Özil, Kroos und Müller nicht in der Lage waren. Ich sage mal einfach, auch er hätte sich in die allgemeine ideenlose Tristesse des Angriffsspiels mit eingereiht. Sicher ist auch das nur Kaffeesatzleserei, aber… naja, ich finde es immer müßig, nach Misserfolgen über die Personalien zu spekulieren, die gar nicht dabei waren. Vor allem, wenn ein so offenkundig das gesamte Mannschaftsspiel betreffendes Problem vorlag, wo meines Erachtens einzelne andere Spieler auch wenig bis gar nichts hätten ändern können. Ich denke, da lagen fundamentalere Probleme vor bei der Truppe.

    Wenn sich ein Team pro Spiel zwanzig hundertprozentige Chancen erspielt und doch immer 0:1 verliert, ist es nachvollziehbar, z. B. über potentiell bessere Torjäger zu diskutieren, wenn aber eine Mannschaft, die über Jahre wie aus einem Guss und nicht selten mit den schönsten Fußball aller Nationalteams gespielt hat, nun bei einer WM eine derart triste Vorstellung abliefert, liegt das aber gewiss nicht an ein bis zwei unglücklich gewählten Personalien.

    • @ Billy „Was zum Beispiel die Personalie Sané angeht, muss man schon sagen, dass er, trotz all seiner geehrten Leistungen in der Premier League, noch nie auch nur ein ansatzweise gutes Länderspiel gemacht hat.“ Das stimmt. Löw hat sich durch die Sané-Ausbootung unter Druck gesetzt. Wer so eine unerwartete Entscheidung trifft, muss dann damit auch erfolgreich sein.

      So sehr Wagner auch selbst ein komischer Typ ist und enttäuscht war, habe ich schon den Eindruck, dass er sachlich nicht daneben liegt (Stilfragen sind was anderes). Bei aller Suche nach der so beliebten „Teamfähigkeit“ und dergleichen ist es für Gruppen nach meiner Erfahrung auch wichtig, Typen dabei zu haben, die Kritik raushauen, Harmonie stören, oder die vielleicht auch einfach nur etwas schräge Vögel sind. Eben da ist es auch mein Eindruck, dass solche Leute es bei Löw schwer haben. Dass das für das Ausscheiden der MANNSCHAFT verantwortlich ist, hab ich natürlich vor allem behauptet, um zum apokalyptischen Szenario des Spiegel eine Alternative zu haben – nachweisen lässt sich daran natürlich gar nichts.

      „Deshalb funktioniert eben in deinem abschließenden Beispiel die stromlinienförmige Abgrenzung von „denen“ und „uns“ auf beiden Seiten.“ Ich glaube, das ist einer der wichtigsten Punkte überhaupt in heutigen Debatten. Es bekommen ja schon viele mit, dass Spaltungen größer und Frontstellungen erbitterter werden – aber die Verantwortung dafür wird jeweils, passenderweise, an die ANDEREN verwiesen.

      Süles „wir“ gegen „die“ ist polemisches Selbst-Marketing, wäre aber so nicht möglich, wenn nicht der Mainstream-Journalismus tatsächlich abgehoben und selbstbezüglich wäre.

      Die Berichte über den angeblichen Rücktritt Seehofers sind das jüngste Beispiel dafür, dass ich den Eindruck bekomme, Journalisten würden nicht darüber berichten, was passiert, sondern einfach irgendetwas behaupten, was sie sich wünschen – um das dass irgendwie herbeizuschreiben. Ich hatte den Kommentar von Kai Gniffke dazu in den tagesthemen gesehen (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-420693.html ) , und obwohl Seehofer gar nicht mein Fall ist, fand ich Gniffkes Auftreten irgendwie verrückt.

      Er wirkt wie ein gestrenger Gymnasiallehrer alten Schlags, der den Eltern am Elternsprechtag klarmacht, dass es so nicht weiter geht und dass die Schule froh sein wird, den Sprößling los zu sein.

      Vor allem die Mischung aus 100% Attitüde und 0% inhaltlicher Auseinandersetzung geht mir auf die Nerven – und da bekomme ich ebenfalls, wieder einmal, den Eindruck, die Journalisten der Leitmedien würden in ihrer eigenen Welt leben, in der sie um sich selbst kreisen und von unserer Welt da draußen wenig mitbekommen.

  • „dr. caligari“ gab mal den Hinweis auf „Eden“, 1959, von Stanisław Lem : https://allesevolution.wordpress.com/2018/06/12/feministin-fragt-wo-eigentlich-das-problem-dabei-ist-wenn-man-maenner-hasst/#comment-347073
    Ich nahm das zum Anlass, da nochmal reinzuschauen. Und siehe da, der Lem schilderte schon damals Erwachsene Menschen werden keineswegs autoritär auf Linie gezwungen, sondern praktizieren so synchron eine Selbstgleichschaltung, als ob das jemand koordinieren würde. Einer ganzen Menge Menschen muss überhaupt niemand sagen, was sie gefälligst zu tun oder zu denken hätten – sie nehmen immer schon von sich aus vorweg, welche Haltungen wohl erwünscht sind, um diese Haltungen dann möglichst irritationsfrei einzunehmen.

    Okay, bei Lem ist davon auszugehen, dass er eigentlich eine unterschwellige Kritik m damaligen sozialistischen System schrieb.

    Für mich waren heute, 2018, die Parallelen zum heutigen sogenannten „Diskurs“ frappierend.

    Davon ausgehend, dass von Lems Publikation bis zum Zusammenbruch des von ihm kritisierten Systems 40 Jahre ins Land gehen mussten, wird mir sehr unwohl….

  • Okay, von Rasentippkick habe ich keinen Dunst, das Thema geht mir am Arsch vorbei.
    Aber netterweise ist da ja noch die andere Hälfte des Blogspots.

    „Erwachsene Menschen werden keineswegs autoritär auf Line gezwungen, sondern praktizieren so synchron eine Selbstgleichschaltung, als ob das jemand koordinieren würde. Einer ganzen Menge Menschen muss überhaupt niemand sagen, was sie gefälligst zu tun oder zu denken hätten – sie nehmen immer schon von sich aus vorweg, welche Haltungen wohl erwünscht sind, um diese Haltungen dann möglichst irritationsfrei einzunehmen.

    Wenn sich das verallgemeinern lässt, kann das vieles erklären.“
    Lässt es sich, @ Lucas.
    Es ist die untere Kante dessen, was mit dem Spruch:
    „Soche Leute brauchen keine Verschwörung, sie wissen auch so was sie zu tun haben“,
    umschrieben wird.
    Das Prinzip zieht sich bis in die höchste Politik durch alle infrage kommenden Institutionen und sonstige Gruppen.
    Parallel zu irgendwelchen zum Selbstzweck erhobenen Gruppenidentitäten.

    „Die Herstellung von Stromlinienförmigkeit durch Selbstgleichschaltung ist deswegen besonders gefährlich, weil sie autoritäre Strukturen aufbaut, die als autoritäre Strukturen gar nicht mehr kenntlich sein müssen.“

    Korrekt! Man könnte da quasi von Undercover-Autoritarismus sprechen.
    Oberste Regel:
    „Sowas macht man nicht!“
    ( z.B. diesen Masku-Blog Man-Tau verlinken ).

  • Ausgewogen und doch nicht in Beliebigkeit versinkend, getragen von Vernunft, Augenmaß und Haltung – es war eine Wohltat, diesen Text zu lesen. Ich sage aus vollem Herzen: Danke.

  • Als Werder-Fan finde ich es natürlich besonders auffällig, wie chancenlos Max Kruse bei Löw war

    Wer zum Teufel ist Max Kruse? Spielt der bei den Fischköppen da oben im Norden oder was?

    Als Schweizer fällt mir immer wieder auf, wie hyperkritisch die Deutschen bezüglich ihrer Nationalmannschaft sind und nicht nur da: Hyperkritisch wird auch in der Politik verfahren – wenn es den politischen Gegner betrifft. Eher beisst man sich die Zunge ab als dass man einmal zugeben würde, dass die andere Seite auch mal was richtig gemacht hat.

    Was das enttäuschende Abschneider der Mannschaft betrifft: Da wird eine Menge hineininterpretiert und ausgedeutet. Wäre in zwei Monaten noch einmal WM, dann wäre es gut möglich, dass Deutschland den Halbfinal oder gar den Final erreichen würde. Sport hat nun mal etwas Unberechenbares, was einen Teil seines Reizes ausmacht. Wäre es völlig berechenbar, dann brauchte man nicht mehr zu spielen.

    Ich empfehle eine Rochade. Löw wird Kanzler und Merkel Bundestrainerin. Der Kruse da kann von mir aus Aussenminister werden. Schlechter als Maas wär er sicher nicht.

    • @ Pjotr „Was das enttäuschende Abschneider der Mannschaft betrifft: Da wird eine Menge hineininterpretiert und ausgedeutet.“ Stimmt ja. Es war für mich aber auch eine Gelegenheit, mal etwas spielerisch über politische Themen zu schreiben, indem sie im Fußball gespiegelt werden. Und das macht schon Spaß, obwohl es vermutlich ungefähr genauso valide ist wie Astrologie (aber die kann ja auch Spaß machen, wenn man sie nicht ernst nimmt).

      Max Kruse ist übrigens ein sehr guter Poker-Spieler. Dein Vorschlag für das Außenministerium ist also traumwandlerisch richtig. Es könnte allerdings ab und zu passieren, dass er bei internationalen Konferenzen das eine oder andere Bundesland verzockt, dann aber wiederum bei anderer Gelegenheit verkündet, dass er Trump gerade Alaska, New York und Kalifornien abgeknöpft habe.

  • Hallo Lucas!

    Auch ich habe die Passage

    „Im Beruf fällt mir zunehmend etwas auf, womit ich noch vor einigen Jahren niemals gerechnet hätte. Erwachsene Menschen werden keineswegs autoritär auf Line gezwungen, sondern praktizieren so synchron eine Selbstgleichschaltung, als ob das jemand koordinieren würde. Einer ganzen Menge Menschen muss überhaupt niemand sagen, was sie gefälligst zu tun oder zu denken hätten – sie nehmen immer schon von sich aus vorweg, welche Haltungen wohl erwünscht sind, um diese Haltungen dann möglichst irritationsfrei einzunehmen.“

    als besonders interessant empfunden, da Du dort etwas aus Deinem täglichen Erleben beschreibst, was parallel vielleicht tausendfach in Deutschland stattfindet.

    Hast Du eine Ahnung, wie es zu dieser Synchronizität kommt?

    Viele Grüße,
    Klaus

  • „Damit eine solche Gesellschaft überhaupt, einigermaßen, EINE Gesellschaft sein kann, braucht sie eine gemeinsame Öffentlichkeit, in der die unvermeidbaren Konflikte offen angesprochen und moderiert werden können.“

    Zufall oder auch keiner, das ist eine der zentralen Thesen eines neuen Vortrags von Mausfeld:
    https://www.youtube.com/watch?v=bw5Px3rR9Jo
    ÖDP Vortrag 04. Juni 2018 // Prof. Dr. Rainer Mausfeld „Wie werden politische Debatten gesteuert?“

    Er fokussiert hier auf den öffentlichen Debattenraum als ein „Herzstück der Demokratie“ und auf die Verengung dieses Debattenraums durch „die Mächtigen“ und u.a. durch die von diesen kontrollierten Medien.

    Ich finde seine Vorträge einerseits sehr interessant, weil sie auf verborgene Mechnismen in der Politik und in der menschlichen Psyche hinweisen, ohne deren Kenntnis man vieles nicht versteht oder falsch interpretiert.

    Was mich zunehmend stört ist sein Verschwörungsgestus und die fehlende Kritik an den eigenen Thesen. In diesem Vortrag stellt er z.B. die repräsentative Demokratie als reine Erfindung „der Mächtigen“ hin, die gewählten Repräsentaten dienen nur dazu, dem Volk zu sagen, was es meinen soll. Da ist etwas dran, aber das sind nur 20% des ganzen Bilds. So ähnlich bei seine These, der öffentliche Debattenraum würde immer mehr eingeschränkt. Es gibt genug Stimmen, die von einem weitgehenden Machtverlust der klassischen Medien durch neue reden, auch hier ist das Bild komplizierter.

    Sehr gut finde ich seine Beobachtungen und Beispiele (ungefähr bei 52:00), wonach (Politik-) Journalisten Teil der herrschenden Klasse sind, genau danach streben und selber Akteure sein und Politik gestalten wollen. Das hatten wir ja eben noch beispielhaft bei den Affären um Kai Gniffke und Juliane Leopold.

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