Fake News Medien Zivilgesellschaft

Georg Restle und das Verschwinden der Öffentlichkeit

geschrieben von: Lucas Schoppe

Natürlich ist der Monitor-Redaktionsleiter Georg Restle nicht dafür verantwortlich, dass es nach und nach keinen öffentlichen Raum mehr gibt, in dem sich Menschen ganz unterschiedlicher Milieus, Meinungen und Erfahrungen treffen können. Sein „Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus“ zeigt aber, wie Akteure in den Leitmedien an diesem Prozess beteiligt sind.

 

Sind neutrale Journalisten wahnsinnig?

Journalismus im Neutralitätswahn – Warum wir endlich damit auhören sollten, nur abbilden zu wollen, „was ist“.

Mit einem Zitat von Rudolf Augstein („sagen, was ist“) und einem kleinen  Rechtschreibfehler, vor allem aber mit dem Begriff „Neutralitätswahn“ kündigt Georg Restle, Redaktionsleiter der ARD-Sendung Monitor, seinen Text für die aktuelle Ausgabe von WDR Print an: „Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus“.

Es lohnt sich, das Augstein-Zitat, von dem sich Restle distanziert, im ganzen Satz zu lesen:

Der Journalist hat nicht das Mandat, Wahlen zu gewinnen und Parteien zu promovieren. Er gerät auf die Verliererstraße, wenn er versucht, Kanzler und Minister zu machen, Große oder Kleine Koalitionen zu begünstigen, kurz, wenn er der Versuchung erliegt, Politik treiben zu wollen. Unternimmt er es dagegen, Erkenntnissen zum Durchbruch zu verhelfen und zu sagen, was ist, dann ist er mächtig.

Natürlich lässt sich Augsteins Pathos des Faktischen kritisieren – wer berichtet, „was ist“, hat auch dafür ausgewählt, Wichtiges von Unwichtigem unterschieden und seinen eigenen Blick auf das, was ist, wiedergegeben.  Gleichwohl ist Augsteins Punkt klar: Journalisten würden verlieren, wenn sie versuchten, Politik zu machen – wirklich mächtig wären sie, wenn sie einfach ihre Rolle als Journalisten wahrnähmen.

Vor allem Restles Begriff „Neutralitätswahn“ stachelte mich zu einem kleinen Antwort-Thread bei Twitter an (für den ganzen Thread einfach das Datum im Tweet anklicken).

Restle arbeitet mit einer falschen Alternative: Entweder würden seine Kollegen sich in „einer der größten Lebenslügen des heutigen Journalismus“ eine göttliche, eben ganz „neutrale“ Perspektive auf die Welt anmaßen – oder sie müssten sich für eine Seite engagieren.

Wer nicht anmaßend sein will, muss dann also nur noch klären, welche Parteinahme die Richtige ist – und das ist für ihn, im Anschluss an Egon Erwin Kisch, die „Parteinahme für die Benachteiligten“.

Nun treten heute bedauerlicherweise alle möglichen politischen Gruppen von rechtsaußen nach linksaußen für die Benachteiligten, die Unterdrückten, die Vergessenen und die Marginalisierten ein, können sich aber partout nicht darauf einigen können, ob die Unterdrückten nun die Schwarzen, die Weißen, die Deutschen, die Migranten, die Frauen oder die Transsexuellen sind. Oder vielleicht noch ganz andere, die nur viel zu unterdrückt sind, um bislang in den Focus geraten zu sein?

Daher jedenfalls kommt der „Anwalt der Geschmähten und Unterdrückten“ nicht ohne irgendeinen neutralen Maßstab aus, um unterscheiden zu können, welches die richtigen, authentischen Unterdrückten sind.

Restle bräuchte für diese Neutralität nicht einmal die Anmaßung einer göttlichen Perspektive, er müsste nur einmal einen Blick in den journalistischen Ethik-Kodex werfen.  „Audiatur et altera pars“ (man möge auch den anderen Teil hören) ist eine Regel aus dem römischen Recht – für Journalisten bedeutet der Satz, dass Personen, die von einer Berichterstattung betroffen sind, eine Chance haben müssen, sich auch selbst dazu zu äußern. Journalisten sollen also nicht nur über Menschen reden, sondern auch mit ihnen.

Neutralität ist in diesem Sinne weder ein angemaßter gottgleicher Standpunkt noch die Perspektive der irgendwie richtigen Parteinahme für die Unterdrückten. Es ist die Möglichkeit, Perspektiven miteinander zu vermitteln – darzustellen, dass derselbe Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlich aussehen kann und meist reicher ist als aus einer Perspektive allein.

Anders formuliert: Neutral ist keine einzelne Perspektive, neutral ist ein Raum, in dem verschiedene Perspektiven vermittelt werden können, ohne dass einzelne Perspektiven dort privilegiert wären und einen beständigen Heimvorteil hätten. Eben gegen diese Vorstellung eines Vermittlungsraumes polemisiert Restle:

Und meinen wir wirklich, neutral und ausgewogen zu sein, wenn wir nur alle zu Wort kommen lassen, weil die Wahrheit schließlich irgendwo in der Mitte liegt? Und wenn die Mitte immer weiter nach rechts wandert, liegt die Wahrheit eben bei den Rechten?

Natürlich aber bedeutet Vermittlung nicht einfach eine Mehrheitsabstimmung, sondern einen Abgleich der verschiedenen Positionen nach gemeinsamen Regeln. Würden zwei Wissenschaftler behaupten, dass der Gefrierpunkt von Wasser bei 0°Celsius liegt, und zwei andere, dass Wasser bei 6° Celsius gefriere – dann würden sie sich nicht in der Mitte treffen und Wasser bei 3°Celsius gefrieren lassen, sondern sie würden nachmessen. Das bedeutet: Sie würden sich nach gemeinsamen Regeln auf eine gemeinsame Wirklichkeit beziehen und ihre Aussagen überprüfen.

Das eben ist das gerade Gegenteil eines „Wahns“ – denn wahnhaft agieren ja Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass Wirklichkeit anders sein könnte, als sie ihnen scheint. Um eben das aber feststellen zu können, brauchen wir den Zugang zu anderen Positionen als unserer eigenen.

Dass dann ein solcher Wirklichkeitsbezug in der Politik einer modernen Massengesellschaft komplizierter ist als im Wasserglas, rechtfertigt es also nicht, einige Perspektiven grundsätzlich auszuschließen. Denn wie ist Restles abfällig-ablehnender Spott darüber sonst zu verstehen, dass „wir nur alle zu Wort kommen lassen“ sollten?

 

Wir haben die Fakten – die anderen nur Fakes

Ein großer Teil der Bevölkerung scheint bei ihm zu einer verantwortungsvollen Teilnahme an der Meinungsbildung gar nicht in der Lage – und so redet der Redaktionsleiter einer moralisierend begründeten Eliteherrschaft das Wort. Wer möchte schließlich schon Parteigänger der Rechten sein. Das wärmt Debatten auf, die schon vor hundert Jahren geführt wurden, zum Beispiel zwischen dem Philosophen John Dewey und dem Journalisten Walter Lippmann.

Während für Lippmann Journalisten die elitäre Funktion haben, einer von der modernen Gesellschaft überforderten Bevölkerung wesentliche Sachverhalte in einer einfachen Form näher zu bringen, ist das Vertrauen Deweys in die Fähigkeit der Menschen, ihre eigenen Angelegenheiten verstehen zu können, bedeutend größer. Sein demokratisches Verständnis einer Öffentlichkeit, die aus unterschiedlichen Teilöffentlichkeiten besteht und an der sich alle beteiligen können, weist den Journalisten übrigens keineswegs die Rolle als bloße Informationsvermittler zu.

Restle legitimiert sein eigenes elitäres Konzept heute mit der Vorstellung, dass „rechte“ Meinungen sich durchsetzen könnten, wenn einfach  – Gott bewahre! – alle gehört würden. Wer „rechts“ ist und wer nicht, wird in diesem Modell allerdings allein durch eine Fremdzuschreibung geklärt. Rechts sind, natürlich, Typen wie Höcke oder Gauland, die gerne die Schuld der nationalsozialistischen Verbrechen einstampfen würden – aber „rechts“ können auch einfach Menschen sein, die etwa das muslimische Kopftuch ablehnen, die der Willkommenskultur gegenüber skeptisch waren oder die feministische Positionen kritisieren.

Für Restle erfüllt der Begriff „rechts“ eben dieselbe Funktion, die in vergangenen Zeiten ein Begriff wie „Pöbel“ erfüllte: als Legitimation für den Ausschluss von Menschen aus Diskursen. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass eine solche Haltung rechte Positionen eher fördert als behindert. Erstens, weil damit der öffentliche Raum autoritär strukturiert wird und antidemokratische Positionen ein passendes Umfeld finden. Zweitens, weil Begriffe wie „rechts“ – oder in anderen Fällen: „Nazi“, „faschistisch“, „KZ“ – in die Beliebigkeit überführt werden.

Seine eigenen Privilegien als öffentlich-rechtlicher Journalist reflektiert Restle mit irritiernder Selbstverständlichkeit an keiner Stelle. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht einerseits in existenziellen Abhängigkeiten von den Parteien des Bundestags, mit denen er über Rundfunkräte und Vorstände zudem vielfach verflochten ist – und hat andererseits eben gerade dadurch eine finanziell und infrastrukturell weit überlegene Position. Es wäre interessant gewesen, wenn Restle wenigstens ein paar Worte dazu verloren hätte, warum ausgerechnet das eine günstige Ausgangsposition für die „Anwälte der Unterdrückten“ sein sollte.

Stattdessen sieht er sich als einen Journalisten „in Zeiten des millionenfachen Geblökes in den ‚sozialen’ Netzwerken“. Die Schafs-Metapher ist brutal, verrät aber auch viel über ihren Autor: Für ihn ist die Masse der Menschen eine riesige Ansammlung tumber Tiere.

Wer Menschen als Schafe beschreibt, der braucht dann eben auch Hunde, um sie im Zaum zu halten und sie vor den Wölfen zu beschützen. Das ist der Blick eines wohlwollenden Herrenmenschen, der sich seiner eigenen Verachtung nicht bewusst ist.

Das Verhältnis zwischen dem Journalisten und seinem Publikum wird von Georg Restle als ausgesprochen idyllisch beschrieben.

Die sozialen Netzwerke erscheinen ihm als illegitime Konkurrenten, die einem seriösen Journalisten durch ihr unendliches Geblöke die ihm rechtmäßig zustehende Aufmerksamkeit seines Publikums streitig machen. Das eben ist wohl ein zentraler Fehler von Journalisten in ihrer Konkurrenz zu den sozialen Netzwerken, denen Restle den Begriff „sozial“ eigentlich gar nicht zugestehen will: Sie sehen darin eine Konkurrenz um ihr Publikum, anstatt zu verstehen, dass ihr Publikum zu einem großen Teil eben die Akteure in den sozialen Netzwerken sind.

Die Verachtung Restles ist eine Verachtung für das eigene Publikum.

Wer die Perspektiven anderer so abwertet, der kann auch nicht verstehen, warum ein neutraler Raum wichtig sein sollte, der verschiedene Perspektiven miteinander vermitteln kann. Wie aber passt es dann zu Restles Ablehnung der Neutralität, dass er am Ende seines Textes betont, Journalisten sollten sich einfach „an die Fakten halten“, anstatt sich „in Mutmaßungen und Gefühlen zu verlieren“?

Es passt gar nicht. Wer sinnvoll von Fakten reden möchte, braucht auch ein positives Konzept von Neutralität. Tatsächlich führt Restle hier nur eben die Spaltung fort, die seinen ganzen Text kennzeichnet – denn von „Mutmaßungen und Gefühlen“ sind selbstverständlich nur die anderen geleitet. Wir haben die Fakten – die anderen haben nur Fake News.

Natürlich wird in sozialen Netzen, aber eben auch anderswo eine große Menge an fragwürdigen, bewusst irreführenden oder auch einfach erlogenen Informationen verbreitet. Nur: Dass die eigene Position faktisch korrekt ist, die der anderen aber manipulativ und moralisch fragwürdig, behauptet dabei eigentlich jede Seite. Ein öffentlich-rechtlicher Journalist kann es nur eben wirkungsvoller behaupten, weil seine Position im Diskurs deutlich stärker ist.

Wirkungsvoll gegen das Verbreiten von Manipulationen wäre eben das Gegenteil: unterschiedliche Positionen miteinander zu konfrontieren und zu vermitteln, anstatt lediglich ähnliche Positionen zueinander zu gruppieren, die sich allesamt gegenseitig bestätigen.

Um den Tiervergleich Restles einmal fortzuführen: Sich selbst als Faktenfinder darzustellen, ist das medienpolitische Äquivalent zum Verhalten eines Hundes, der an der Straßenlaterne sein Bein hebt. Damit wird ein Claim abgesteckt, ein privilegierter Zugang zur Wirklichkeit behauptet, der anderen eben verschlossen sei. Öffentlichkeit wird dadurch als gemeinsamer Raum zerstört und in verschiedene Bereiche gespalten, die Informationen aus anderen Bereichen nur noch als „Fake“ codieren können.

 

Die Emma, die Medienkritik und die Rechten

Umso wichtiger wäre eine Medienkritik, die über solche Prozesse reflektiert und die der medialen Öffentlichkeit dadurch einen Raum zur Selbststeuerung schafft. Die medienkritische Website Übermedien, 2016 von Stefan Niggemeier gegründet, hat gerade einen Beitrag von Laura Lucas über die „Emma“ und den „Beifall von rechts“  veröffentlicht. Die Berichterstattung zu den Übergriffen in der Silvesternacht 2015 und Alice Schwarzers ablehnende „Haltung zum Kopftuch“ kämen „gut an bei den Rechtspopulisten“. 

Am muslimischen Kopftuch lässt sich fast modellhaft zeigen, wie radikal unterschiedlich Perspektiven auf denselben Sachverhalt sein können.

Im Kontext der Proteste im Iran und die scharfen Strafen gegen diese Proteste ist das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung und Gewalt. Es steht auch für scharf getrennte Geschlechterrollen und für harte Zuschreibungen an Männer und Frauen: Während Frauen als Verführerinnen zur Sünde erscheinen, stehen Männer als animalische Wesen da, die zur rationalen Selbststeuerung kaum in der Lage sind.

Im weniger repressiven Kontext der Bundesrepublik kann das Kopftuch aber auch, ähnlich dem christlichen Kreuz, schlicht als Symbol religiöser Zugehörigkeit interpretiert werden. Es kann für muslimische Migranten und ihre Familien ein Symbol der Bewahrung ihrer Herkunftskultur sein – und aus eben diesem Grund können deutsche Rechte es auch als massive Provokation deuten.

Im säkulär-abgeklärten Kontext kann es aber auch schlicht als modischer Gag interpretiert werden – oder von Feministinnen gar als Zeichen weiblicher Stärke, weil es Frauen erlaube, sich dem männlichen Blick zu entziehen.

Der kritischen Haltung der Emma aber stellt Lucas keineswegs solche anderen Perspektiven gegenüber, um sie dann mit Schwarzers Perspektive abzuwägen. Sie geht überhaupt nicht auf das Sachproblem ein, sondern greift einfach auf Bilder zurück, die der Kommunikationswissenschaftler Luca Hammer erstellt hat. Dort werden Verbindungen zwischen Twitter-Nutzern grafisch wiedergegeben, verschiedene Nutzer-Bereiche werden farblich unterschieden – und Hammer behauptet, damit zum Beispiel rechte Filterblasen darstellen und von anderen Twitter-Subsystemen unterscheiden zu können.

Als „rechts“ stehen damit dann zum Beispiel auch die liberalen, kritischen Muslime Ahmad Mansour und Seyran Ateş da, weil schließlich Rechte ihnen folgen würden. Anstatt ihre Positionen inhaltlich zu bewerten, werden hier also Akteure im Netz selbst bewertet – und zwar anhand der Kontakte, die sie haben. Es ist dabei nicht einmal wichtig, was für Kontakte es sind – es reicht der bloße Sachverhalt, dass ein Kontakt besteht.

Wer Kontakt zu Verdächtigen habe, werde damit selbst verdächtig und mache wiederum alle verdächtig, die mit ihm Kontakt haben – diese Logik von Stasi und McCarthy wird also heute in einer wichtigen medienkritischen Seite als wichtiges Instrument zur Analyse politische Kommunikation präsentiert. Suspekt sind hier ausgerechnet Menschen, die über ihre eigenen Filterblasen hinausschauen und die Kontakte darüber hinaus pflegen.

Damit aber analysiert Medienkritik nicht etwa die Verwüstung der Diskurse durch den Einzug von Schützengräben, sondern ist selbst am Ausbau dieser Schützengräben beteiligt. Anstatt Probleme zu analysieren, wiederholt diese Medienkritik sie. Eine gemeinsame Öffentlichkeit, die über eine gemeinsame Welt debattiert, verschwindet – und eine Medienkritik, die diesen Prozess zumindest beschreiben könnte, beteiligt sich stattdessen daran, ihn zu beschleunigen.

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25 Comments

  • Gerade gestern kam ich zufällig mal dazu, mir diesen Vortrag von R. Mausfeld anzuschauen, der einige der oben von Dir angesprochenen Aspekte ebenfalls bearbeitet:
    https://www.youtube.com/watch?v=aK1eUnfcK4Q
    Übrigens bei weitem der radikalste Mausfeld, den ich bis jetzt gesehen habe, da geht er ausnahmsweise ziemlich in’s Eingemachte und streut auch mal ein paar konkrete Details seiner persönlichen Ansichten mit ein, was m.E. recht erhellend ist.
    Hätte gar nicht gedacht, daß der Mann so böse sarkastisch/polemisch sein kann, entsprechend überrascht reagiert auch das Publikum.

    Einer der ersten Kommentatoren unter dem Video meint:
    „sowas sollte zum schulstoff gehören…“

    Ja, das wäre m.E. wünschenswert, von wegen „Medienkompetenz“ und so …

  • Jetzt mal nur kurz, vielleicht später dann noch etwas länger:
    Es gibt bei den journalistischen Textsorten grundsätzlich drei unterschiedliche Gattungen:

    1. Tatsachenbetonte Textsorten
    – Nachricht
    – Bericht
    – Feature
    – Magazinstory

    2. Erzählende Textsorten
    – Interviews
    – Porträit
    – Reportage

    3. Meinungsbetonte Textsorten
    – Kommentar
    – Feuilleton
    – Kritik
    – Betrachtung

    Wenn Georg Restle etwas gegen den „Neutralitätswahn“ hat, dann möchte er offenbar, dass Journalisten nur noch meinungsbetonte Textsorten verbreiten; was natürlich Schwachsinn ist. Bevor man sich eine Meinung bilden kann, sollte man auch die Fakten, die Realität oder die Tatsachen kennen. Und Tatsachen sind nun mal nicht normativ: es handelt sich also mal vorgängig um Deskription. Journalisten sollten also auch analytisch, investigativ und deskriptiv arbeiten und nicht einfach nur ihre Meinung absondern.

    • @Mark

      Das Problem ist m.E., die nachfolgende Generation von Journalisten (m/f) in D ist ausdrücklich der Meinung, die Welt verändern und – nach ihrem Gusto – verändern zu wollen.
      Das sieht man an der politischen Präferenz dieser und auch der Präferenz für „Meinungsbetonte Textsorten“.
      Wobei diese Generation dazu neigt, die beiden anderen journalistischen Textsorten, die vom Publikum am meisten nachgefragt werden, auch in eine „Meinungsbetonte Textsorte“ zu verwandeln.
      Hier gibt es zunächst klare Fehleinschätzung der Nachfrage nach solchen Textsorten, die ein wenig mit dem Narzissmus solcher Journalisten (m/f) zu tun hat. Die auch nicht verstehen, dass ihr Bedürfnis nach Weltverbesserung a. daran scheitert, dass sie keinen demokratischen Auftrag für diesen haben und b. auch nicht dafür bezahlt werden.

      Wer nur noch dpa-Meldungen abschreibt und das für „Wirklichkeit“ hält, kommt aber irgendwann auf die Idee, „Meinungsbetonte Textsorten“ sei der eigentliche Journalismus. Es ist also in diesem Hirn Wirklichkeit+, nämlich die eigene Meinung, Journalismus.

      Problem ist m.E. zweitens, früher war diese den besten Journalisten (m/f) einer Publikation vorbehalten – quasi den „Edelfedern“.
      Im Zuge der Ausbreitung von „Meinung“ in diesen Publikationen fühlt sich jede/r bemüßigt, seine Meinung darzustellen, ohne dazu besonders befähigt zu sein.
      Es gibt bspw. kein einziges qualitatives Kriterium für die Wahl von Margarete Stokowski als Kolumnenschreiberin für SPON außer ihrer „Meinung“ als Feministin.

      Juliane Leopold wird neue Chefin bei tagesschau.de und „Dabei gilt die Devise: So viel crossmediale Strukturen wie möglich und so viel plattformbezogenes Arbeiten und Expertentum wie nötig.“
      Das Ziel: „Die Web-Angebote der öffentlich-rechtlichen sollen damit deutlich als Bewegtbild-Angebote daherkommen, um eine “Presseähnlichkeit” zu vermeiden.“
      Das ist hübsch gesagt und zum Glück bedient sie als Mitgründerin von „kleinerdrei“ und Chefredakteurin von „Buzzfeed“ genau die genannten Punkte.

      Der Text von Restle wiederum passt in dieses Muster.

      „41 raffinierte Tattoo-Ideen, die sogar deinen Eltern gefallen werden
      17 italienische Babynamen, in die du dich sofort verlieben wirst
      14 Leute, die komplett und zu 100% recht haben
      20 bedrückende Geschichten, die zeigen, warum Frauen Angst haben, Männer zurückzuweisen
      17 Hunde, die sich wirklich furchtbar für ihr Betragen schämen sollten
      25 wirklich peinliche Dinge, die du beim Feiern in den 2000ern gemacht hast
      23 unfassbar ekelhafte Geständnisse, die dich richtig zum Würgen bringen“ Buzzfeed

      Sind das nicht wirklich wertorientierte Standpunkte?

      • @Crumar
        Nun, der Journalismus hat sich natürlich sowieso in den letzten Jahren und Jahrzehnten stark verändert.
        Der Anteil an Softnews im Vergleich zu Hardnews ist markant gestiegen.
        Auch die Gesellschaft richtet sich vermehrt nach der Medienlogik: alles wird zum Event, es regiert die Welt der Superlative.
        Journalismus ist heute viel eher literarisch: es werden also Geschichten gesucht: also Personalisierung und Emotionalisierung und Moralisierung.
        Und: weil nicht alle Medien Breaking-News bringen können, also neue Fakten, muss halt die neuste Meinung ausreichen. 🙂
        Wir avancieren auch immer wie mehr zur Erlebnisgesellschaft: Auch die Medien wollen Erlebniswelten schaffen und deshalb auch die Bevorzugung des Narrativen.

        • Man muss aber fairerweise festhalten, dass die „Holzmedien“ als Übermittler von Nachrichten aka. Fakten in den Zeiten des Internets ausgedient haben. Sie sind entbehrlich geworden und haben ihre Gatekeepr-Funktion verloren. Je mehr die Bedeutung der Journalisten schwindet, desto schriller wird ihre Meinungsmache – so zumindest mein Eindruck.

        • @Mark @Pjotr

          Es geht mir nicht nur um den Bedeutungsverlust klassischer Printmedien im Vergleich zu den online-Medien, sondern um den Verlust an (intellektueller) Qualität, der bereits einsetzte bevor es das Internet gab.
          Du kannst jederzeit auf einen Flohmarkt gehen, einen „Spiegel“ von 1975 kaufen und den mit einem Exemplar von 1995 vergleichen, um meine These nachvollziehen zu können.
          Das „dumbing down“ ist meiner Ansicht nach innerhalb dieser 20 Jahre unverkennbar, es hat sich durch das Internet und die einsetzende Boulevardisierung qua SPON nur beschleunigt.
          Stokowski hätte 1975 mit ihren Textproben nicht nur keinen Job gehabt, sie hätte noch nicht einmal ein Einstellungsgespräch geführt (vermutlich 1995 auch nicht).
          Sprache, Stil, logischer Aufbau ihrer Texte, sachliche Richtigkeit ihrer Argumente – alles Totalschäden.
          Personalisierung, Emotionalisierung und Moralisierung, um „Geschichten“ zu verkaufen gab es schon immer; es ist durchaus möglich, Medien versuchen nun „Erlebniswelten“ zu verkaufen – aber wenn ich „Disneyland“ will, dann brauche ich keinen SPON, dann reicht auch HuffPo.
          Angesichts der gestiegenen formalen schulischen Qualifikation der Bevölkerung ist meine These, dass das sinkende intellektuelle Niveau mit der Nachfrage des Publikums nicht zu erklären ist, sondern das Personal in den Medien ist gar nicht mehr in der Lage, ein höheres zu produzieren.

          Beispiel für das stattgefunden habende dumbing down die aktuelle Kolumne von Augstein „Einwanderung: Ein deutscher Traum“: „Der amerikanische Traum ist ausgeträumt. Deutschland könnte sich diesen Traum aneignen und daraus eine bessere Wirklichkeit machen. Die Arme öffnen für Menschen, die ein besseres Leben suchen. (…)
          Für das Einwanderungsland Deutschland ist das eine Schicksalsfrage. Auf der politischen Rechten ist sie schnell beantwortet. Weil man dort keine Einwanderung will, finden sich plötzlich ungeahnte Verteidiger des Sozialstaats. Und der Gegensatz wird auf die Spitze getrieben, damit auch noch der letzte „Gutmensch“ vom Befürworter der Einwanderung zu ihrem Gegner werde.(…) Aber man kann das Argument auch umdrehen und den Rechten recht geben: Weil sich die Einwanderung nicht mit dem bisherigen Sozialstaat verträgt, entscheiden wir uns für die Einwanderung und für einen anderen Sozialstaat.
          Das lässt sich moralisch begründen: wenn der Preis für unseren Sozialstaat die Toten im Mittelmeer sind, ist er es nicht wert.“

          Dass der Sozialstaat mit den Toten im Mittelmeer überhaupt zu tun hat, Einwanderung eine „Schicksalsfrage“, die USA mit Deutschland zu vergleichen, die Rechte Befürworter des Sozialstaats ist, lässt sich weder aus Geschichte, noch aus der politischen Realität herleiten.
          Das ist nicht „Moralisierung“, sondern es ist reines Hirngespinst und elitär. Einem Multimillionär wie Augstein kann der Sozialstaat schnuppe sein, aber dass dieser gefühlt-irgendwie-(Pseudo-) Linke seine privilegierte Position nutzt, um eine „höhere Moral“ auszustellen, mit der es „moralisch begründbar“ ist, den Sozialstaat für weniger Privilegierte für obsolet zu erklären ist sagenhaft.
          Auf den Nachdenkseiten ist er als Wahlkämpfer der AfD gewürdigt worden, ich würde hinzufügen als Beispiel für Solipsismus, Narzissmus und mediales dumbing down taugt er ebenfalls.
          Bezeichnend, der erste Kommentar unter seiner Kolumne forderte, die Satire doch bitte als solche zu kennzeichnen. 🙂

          • @crumar „Angesichts der gestiegenen formalen schulischen Qualifikation der Bevölkerung ist meine These, dass das sinkende intellektuelle Niveau mit der Nachfrage des Publikums nicht zu erklären ist, sondern das Personal in den Medien ist gar nicht mehr in der Lage, ein höheres zu produzieren.“

            Ich fürchte, die gestiegene formale schulische Qualifikation der Bevölkerung ist kein Indiz für eine gestiegene tatsächliche Qualifikation bzw. Nachfrage nach hoher Qualität, nicht zu reden von der Noteninflation, die auf das Gegenteil hindeutet. Man kann ja über die 1968er zu Recht schimpfen, aber die waren halt dank des Konflikts mit der (Vorkriegs-) Elterngeneration gezwungen, sich intellektuell zu trainieren. Mitte der 80er setzte schon eine gewisse Wohlstandsverdummung ein, und bei der Generation iGen (Jean M. Twenge) schwant einem Böses.

            Beim Eindruck, daß das Personal in den Medien gar nicht mehr in der Lage ist, ein höheres intellektuelles Niveau zu produzieren, sind wir uns wieder einig.

            Aber nicht so sehr bei den Gründen hierfür. Auch wenn die Bevölkerung verdummt, wären ja am oberen Rand immer noch genügend Qualifizierte vorhanden, die die paar 1000 Jobs in den Redaktionen füllen. Nach meinem Eindruck stinkt der Fisch vom Kopf her. Mir ist erst in meiner Zeit als Masku die enorme Macht der feministischen Verlegerinnen und genereller der Missionierungswille der Presse klar geworden. Daraus folgt, daß nur 100% linientreue Journalisten die Jobs bekommen. Hinzu kommt die Filterblasenwirkung in diesen Kreisen.

          • @mitm

            Das Problem ist, ich muss hier ohne Darstellung von Statistiken auskommen. Weil „nicht zu reden von der Noteninflation, die auf das Gegenteil hindeutet“ ist das eigentliche Problem.

            Das ist nicht unser Problem.

            Die große Gefahr der Übertragung der gesammelten youtube-Debatten war schon immer, die Idiotie 1:1 auf dieses Land (D) zu übertragen.
            Ein Abitur mit der Note 1 zu machen hat sich in D verdoppelt, aber von 2,5 zu 5% eines Jahrgangs – das ist meilenweit entfernt von den 21% in GB. Es ist Lichtjahre entfernt vom Zustand in den USA, wo die Ergebnisse der SAT-Tests seit Jahrzehnten sinken und die Notendurchschnitte immer besser werden.
            Auch universitär: Der Median von Harvard ist ein A.
            Das ist komplett irreal.

            Die hiesigen TrottelInnen schreiben von den dortigen TrottelInnen ab. Ich habe in der US-Presse ein Interview gelesen, wonach für „asians“ das A- gleichbedeutend mit einem C sei und der Interviewte meinte das „rassenbedingt“ lustig.
            Es ist aber gar kein Spaß, sondern Angesichts von grade inflation ist (übersetzt) eine 1- wirklich eine 3.

            Es hat ihnen – seit Jahrzehnten – niemand eine Rückmeldung darüber gegeben, wo sie intellektuell wirklich stehen.
            Niemand hat sie intellektuell herausgefordert, niemand hat von ihnen irgendetwas abverlangt.
            So erklären sich Stokowski und Augstein – satt und saturiert.

            Die Folge auf youtube, wo Jordan Peterson und Sam Harris sich über „Wahrheit“ unterhalten (über 2 Stunden) haben über 500.000 Menschen verfolgt.
            Augstein und Stokowski wären nicht über 5 Minuten hinaus gekommen – das ist, wo sie intellektuell stehen.
            Aber mein Punkt ist: Eine halbe Million Menschen hatte einen solchen Hunger auf diese Debatte, sie haben sie geduldig verfolgt.

            Weil eine Horde kleinbürgerlicher TrottelInnen das intellektuelle Vermögen nicht besitzt und auch keine Lust hat intellektuell zu wachsen bedeutet das nicht, es fänden sich keine Mehrheiten für die, die sich nach der Decke strecken wollen.

            Wir sollten diesen Massen vertrauen, mitm, und nicht irgendwelchen feministisch orientierten Verlegerinnen.
            Aber, ganz ehrlich, wir müssen umziehen.
            Das alles hier taugt nicht wirklich.

          • Weil sich die Einwanderung nicht mit dem bisherigen Sozialstaat verträgt, entscheiden wir uns für die Einwanderung und für einen anderen Sozialstaat.

            Für einen anderen Sozialstaat? Da hätte ich gerne gewusst, wie dieser „andere Sozialstaat“ denn aussieht. Im Kontext seiner Ausführungen kann das nur bedeuten, dass dieser andere Sozialstaat ein Staat mit erheblich reduzierten Sozialleistungen wäre. Das ist also das neue „links“.

            Wisst ihr, wie Hofreiter von den Grünen / Team Gina Lisa die Bürger des Landes adressiert? Die, die schon hier sind. Was genau ist das Ziel solcher Traumtänzer? Die AfD bei 40% oder was?

            Mir ist es etwas unwohl bei dem Gedanken, dass die AfD die Partei sein soll, die sich für den Erhalt des Sozialstaats einsetzt.

            Was Augstein und viele sogenannte Linke anbelangt: Die sind völlig orientierungslos. Meine These bestätigt sich wieder mal auf eindrückliche Weise: Die Dekonstruktivisten dekonstruieren vor allem und zuerst sich selbst.

          • @crumar schrieb:
            „Aber, ganz ehrlich, wir müssen umziehen.
            Das alles hier taugt nicht wirklich.“

            Wie meinst Du das? Umziehen mit der Diskussion in die Kommentarspalten eines anderen Blogs? ein anderes Medium? Oder physisch umziehen in eine andere Gesellschaft, ein anderes Land?

            Die IIRC 2×2.5h-Unterhaltung zwischen Harris und Peterson steht noch auf meiner ‚anschauen‘-Liste… leider kann ich nur begrenzte Zeit für die Beschäftigung mit solchen Themen aufwenden :/

          • @Pjotr

            „Was Augstein und viele sogenannte Linke anbelangt: Die sind völlig orientierungslos. Meine These bestätigt sich wieder mal auf eindrückliche Weise: Die Dekonstruktivisten dekonstruieren vor allem und zuerst sich selbst.“

            Korrekt. Das ist das blamable Endspiel der Pseudo-Linken.
            Ab hier übernehmen wir.

            „Wie meinst Du das? Umziehen mit der Diskussion in die Kommentarspalten eines anderen Blogs? ein anderes Medium?“

            Mein erster Vorschlag wäre, zusammen eine Plattform zu begründen auf der Basis von Typo3.
            Mein wesentlich zeitgemäßerer Vorschlag wäre, wie ziehen um auf youtube.
            Wie auch immer wir die Debattenkultur dort organisieren, die uns hier vorwärts gebracht hat weiß ich nicht.
            Vielleicht wird sich das zeigen.

  • Zu Restle:

    Das Weltbild in Restles Artikel ist so neu nun auch wieder nicht. Nach dem der Vorwurf der „Lügenpresse“ in den letzten Jahren immer häufiger aufkam gab es einige Artikel in denen versucht wurde das Verhältnis Medien-Leser journalistisch aufzuarbeiten. Dort wurde dann „festgestellt“ das für den „Leser die Welt zu komplex ist“, das der „Journalist studiert hat, der Leser aber nicht“ oder ähnlichen Aussagen. Insofern ist Restles Forderung nach einem „Wertejournalismus“ ja nur eine Fortsetzung der Entwicklung der letzten Jahre. Aber ob es sinnvoll ist, den Graben zwischen Journalisten und Lesern noch weiter zu vertiefen, darf bezweifelt werden.

    Zu uebermedien:

    Die Netzwerkanalyse kann sinnvoll sein, z.B. kann man beim Fußball schauen welche Spieler besonders einflußreich sind und es ist durchaus auch möglich Gruppenzugehörigkeit herauszufinden (Wenn ich mich richtig erinnere war das Textbuchbeispiel Mitglieder eines Karateclubs). Für Twitter halte ich so eine Analyse nicht möglich, denn folgen/gefolgt werden kann aus vielen Gründen möglich sein.

    Mich würde interessierem wie viele „rechte accounts“ dem Spiegel oder der Zeit folgen und ob die Autorin bei 10%-15% rechten auch behaupten würde die würden das rechte Spektrum bedienen.

    • @ Anon Ich glaube, dass es eine irrige Hoffnung ist, die Interaktion zwischen Menschen auf eine rein schematische Weise abbilden zu können. Das bedeutet nicht unbedingt, dass einfache Unterscheidungen – etwa: folgen/nicht folgen bei Twitter – nutzlos sind. Man kann an den Visualisierungen der Netzwerkanalyse ja z.B. erkennen, welche Accounts größer (mehr Follower) und welche kleiner sind.

      Da es aber bei menschlichen Interaktionen immer auch darum geht, welche Bedeutung Handlungen für die Beteiligten haben, geht es nicht ohne eine Interpretation der Daten. Es müsste z.B. irgendein Argument kommen, warum Mansour oder Ates als „rechts“ eingeordnet werden sollten. Tatsächlich ist es ja eigentlich offensichtlich, dass sie klassisch liberal argumentieren, während ihre Gegner unter Muslimen deutlich rechte und reaktionäre Positionen einnehmen.

      Hier täuscht dann die Netzwerkanalyse eine Objektivität vor, die sie nicht hat, wird damit zum Instrument der Denunziation und verschleiert Sachverhalte, die sie zu klären vorgibt.

      Selbst beim Fußball sind die Daten ja interpretationsbedürftig. Sicher kann man sehr gut feststellen, welche Spieler im Zentrum eines Spieles steht und welcher eher draußen und ins Spiel kaum eingebunden ist. Aber schon bei der Fehlpassquote müsste gewichtet werden. Gündogan hatte z.B. nach meiner Erinnerung gegen Schweden fast keinen Fehlpass dabei. Er war aber auch so offensichtlich verunsichert, dass er fast nur einfache Sicherheitspässe gespielt hat.

      Selbst bei so etwas Simplem wie dem Fußball würden wir ohne eine qualitative Interpretation der Daten kaum hinkommen – z.B. zu werten, ob ein Pass ein Spiel öffnet, Torchancen schafft oder nicht.

      • Die Entwicklung des Tools von Luca Hammer habe ich – damals aktiv in der Bloggersphäre – ja mitbekommen. Es gab damals eine Facebookgruppe für Blogger, über die die ersten Registrierungen möglich waren („Testphase“). Es wurden – um die Vernetzung der Blogger zu visualisieren – die Twitter-Accounts verwendet.

        Was an sich schon ein Denkfehler war: Ein Twitter-Account heißt nicht, daß man das „zugehörige“ Blog auch regelmäßig liest (vielen Twitteren bin ich z.B. erst nach einem Bloggertreffen gefolgt und die entsprechenden Twitterer umgekehrt mir.)

        Es wurden schon bei dieser einfachen Aufgabe (die Vernetzung der Blogger zu visualisieren) eklatante Fehlschlüsse gezogen und von Annahmen ausgegangen, die in der Realität einfach nicht gestimmt haben.

        Die Leute, mit denen ich angeblich gut vernetzt war, haben meinen Blog wohl nur selten gelesen, ich deren Blogs bestenfalls auch nur selten.

        Einige Linien zu mir dürften nur deshalb zustande gekommen sein, weil ich bei den betreffenden Leuten am WordPress-Theme rumgebastelt habe – dies brachte mir beispielsweise einige Verbindungen in die Beauty-Blog-Szene (und mit denen habe ich definitiv nichts zu tun (außer eben die Themebasteleien): Schminktipps interessieren mich als Mann nun mal nicht 🙂 )

        Es war halt eine nette „Spielerei“ (eigentlich eine Abschlußarbeit, Master oder Bachelor oder sowas), und die größte Erkenntnis war bei den Anwendern eigentlich im Stil von „Ach, die zwei kennen sich also auch?“. Interessant zu sehen und sonst – nichts.

        Damals mußte man übrigens noch die Thematik des eigenen Blogs von Hand auswählen – das war dann die Grundlage für die Farben. Insofern hat das wenigstens noch in Ansätzen gestimmt, aber auch nicht immer: Ich hatte eine Bandhomepage und das Blog gepflegt, dementsprechend Musik ausgewählt und war aber mit den anderen Musikblogs (die nur Rezensionen über die neueste Gitarreneffektgeräte u.a. schrieben) folglich überhaupt nicht vernetzt, da es für mich keinen Grund gab, regelmäßig den Kram zu lesen geschweige denn, mich mit diesen Webmastern zu vernetzen – einen Gitarren-Effektheimer kauft Otto-Normalbürger ja auch nicht jeden Tag 😉
        Also auch da hat die Zuordnung nur bedingt funktioniert (aber immerhin einigermaßen).

        Daß dieses Tool in der Form nun für Rückschlüsse auf die politische Ausrichtung der User verwendet wird, ist – wohlwollend formuliert – sehr befremdlich. Ich bezweifle, daß die analysierten Twitteraccounts ihre politische Ausrichtung über ein Dropdown-Menü ausgewählt haben.

        Kurz:

        Ich glaube, dass es eine irrige Hoffnung ist, die Interaktion zwischen Menschen auf eine rein schematische Weise abbilden zu können.

        Diese Vermutung ist absolut richtig – und wurde auch damals schon in der FB-Gruppe angesprochen.

  • Viele Journalisten gefallen sich in einer selbstgerechten Pose. Restle gehört offensichtlich zu dieser Sorte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Pfaffen mittlerweile überall sind seit die Kirchen leer bleiben. Moralapostel, wo immer man hinsieht.
    Restle ist ein Befürworter der gelenkten Demokratie. Er, so wie viele andere, misstraut dem Bürger, der, würde er nicht zum Guten hin gelenkt, den neuen Hitler wählen würde. Weniger Demokratie wagen ist sein Motto. Leute seines Typs begreifen nicht, dass der demokratische Prozess an sich wichtiger ist als das sich unmittelbar einstellende Resultat. Er versteht auch nicht, dass der Erfolg der AfD zum Teil zumindest dem Versagen der Linken zuzuschreiben ist. Seine Kritik an „den Rechten“, also vor allem AfD, ist nichts weiter als die Behauptung, das seien alles böse Menschen, die eine solche Partei wählen. Ein moralisches Urteil, das ist seine politische „Analyse“. Für sowas intellektuell Seichtes würde ich doch niemals freiwillig zahlen. Der Erkenntnisgewinn ist gleich null.

    • @Pjotr:

      »Restle ist ein Befürworter der gelenkten Demokratie. Er, so wie viele andere, misstraut dem Bürger, der, würde er nicht zum Guten hin gelenkt, den neuen Hitler wählen würde. Weniger Demokratie wagen ist sein Motto. Leute seines Typs begreifen nicht, dass der demokratische Prozess an sich wichtiger ist als das sich unmittelbar einstellende Resultat.«

      Und das ist dann derselbe Restle, der sich vor Kritik nicht mehr einkriegt, wenn es um die gelenkte Demokratie Russlands geht.

    • @Pjotr:
      „Er, so wie viele andere, misstraut dem Bürger, der, würde er nicht zum Guten hin gelenkt, den neuen Hitler wählen würde.“

      (müde) Tja. Oder, würde man ihn ‚falscher‘, gar ‚gefährlicher‘ Ansichten aussetzen, Ansichten, die den Georg Restles dieser Welt nicht passem oder mit denen sie nicht übereinstimmen, würden spätestens zwei Tage nachdem der Bürger solcherart Ansichten ausgesetzt wurde, zusammen mit anderen Bürgern wieder im Stechschritt und fackeltragend durch deutsche Städte marschieren.

      Diese Art paternalistischer Einstellung steckt doch hinter all diesen ’no platforming‘-Protesten, vom Nürnberger Gender-Kongreß über Thilo Sarrazin bis Milo Yiannopoulos. Was ist eigentlich aus dem ‚mündigen Bürger‘ geworden, zu dem zu meiner Schulzeit die Eleven noch erzogen werden sollten? Merken die Georg Restles eigentlich nicht, dass sie genau die totalitären Einstellungen vertreten, die zu verhindern zu wollen sie vorgeben? Oh Mann!

  • Ich waere erst mal gegen ein Burka- und Kopftuchverbot. Koennte man das durchsetzen, wuerde man nur die Realitaet verschleiern, anstatt die Frauen der Invasoren. Im alten Rom hat angeblich ein Senator vorgeschlagen, man sollte alle Sklaven mit einem weissen Armband versehen, um sie besser erkennen zu können. Ein weiser Senator sagte angeblich, ”Nein. Wenn sie sehen wie viele sie sind, dann gibt es einen Aufstand gegen uns.“

    Grundsaetzlich wuerde ich Restles Forderung nach einem werteorientierten Journalismus befuerworten, aber nicht so wie er es meint. Er und seine Kollegen sollten die Ereignisse an den Werten der ueberwiegenden Mehrheit und den im GG verfestigten Werten spiegeln. Tut er aber nicht, sondern spiegelt alles an seinen utopischen linken Werten, die er allen Lesern aufzwingen will. Das ist nicht Journalismus, sondern Propaganda.

    Zur weiteren Erhellung:
    https://www.youtube.com/watch?v=vs41JrnGaxc

    • @Luisman

      »Tut er aber nicht, sondern spiegelt alles an seinen utopischen linken Werten, die er allen Lesern aufzwingen will. Das ist nicht Journalismus, sondern Propaganda.«

      Bei aller nachvollziehbaren Kritik eines abstrakten linken Utopismus sollte man freilich nicht vergessen, dass eine andere abstrakte Utopie seit nunmehr vier Jahrzehnten ungebrochen ihren Einfluss entfaltet, ohne dass ein Ende ihrer Hegemonie abzusehen wäre: die neoliberale Utopie des deregulierten Marktes als Garant von Wohlstand und Freiheit. Sie ist empirisch ebensowenig haltbar wie die früheren Erwartungen an die Planwirtschaft, ihre Theorien sind nicht weniger dogmatisch und illusorisch wie die des orthodoxen Staatssozialismus, und sie haben die Eliten des Westens ideologisch ebenso fest im Griff wie seinerzeit der Marxismus-Leninismus die Eliten des Ostblocks.

      • @ djadmoros
        Das ist eine Tatsache, die von konservativer Seite nicht nur übersehen wird, sondern die sich mehr noch eine staatsozialistische Misswirtschaft herbei fantasieren. Das ist eine bemerkenswerte Realitätsverweigerung. Die Linke hat sich auf das Kulturelle zurück gezogen, weil sie sonst nichts mehr haben, wo sie noch politische Relevanz simulieren könnten.

        • Und die tragische Ironie daran: gerade dadurch machen sie sich als „Linke“ vollends irrelevant. Man kann nun mal keine auf Klassen oder gesellschaftliche Schichten ausgelegte Sozialanalysen eins zu eins auf andere Schemata übertragen, wie z. B. demographische Gruppen, die allesamt durchweg in allen sozialen Schichten vertreten sind, was dann aber plötzlich hinter der Darstellung vermeintlich diskriminierter oder marginalisierter Gruppen in den Hintergrund tritt.

          Und damit machen diese um Relevanz kämpfenden „Linken“ eben exakt denselben Fehler, wie jene, die alles, was ihnen an unserer Gesellschaft und den politischen Entwicklungen nicht passt, als „Kulturmarxismus“ beplärren.

          Und irgendwo dazwischen sitzt ein Karl Marx auf seiner Wolke und fragt sich, fassungslos den Kopf schüttelnd, wie bloß gleich Vertreter aller politischen Spektren seine Theorien dermaßen missverstehen und / oder zweckentfremden können…

      • […]neoliberale Utopie des deregulierten Marktes[…]
        Wir sind da gar nicht so weit auseinander. Ich sehe das etwas gradueller auf der rechten Seite und pauschalisiere mehr auf der linken Seite; Du umgekehrt. Ich kreierte so Begriffe wie ‚Kapital-Feudalismus‘, um den globalisierten Finanz-Kapitalismus zu kritisieren. Oder z.B. Neoliberal-Sozialismus um zu beschreiben, wie die Eliten die Mittelklasse zwingen die Unterklassen zu finanzieren, um den Umsatz stabil zu halten. Deregulierte Maerkte gab es nie und gibt es nie, weshalb Trump das der EU ja vor Kurzem als Karotte vor die Nase hielt.

        Ich meine nur dass die Neoliberalen zumindest weniger schlecht waren, in Bezug auf Freiheit und Wohlstand als die Staatssozialisten.

  • @Lucas:

    »Und wenn die Mitte immer weiter nach rechts wandert, liegt die Wahrheit eben bei den Rechten?«

    Mit diesem Satz verrät er sich, denn der ist doppelt falsch. Erstens, weil er öffentliche Debatten auf eine Resultante wirkender Kräfte reduziert, die sie darauf einschränken, wer welche Diskursmacht ausüben kann. Denn die »Mitte« in Restles Sinn ist einfach der Punkt, an dem sich alle wirkenden Kräfte gegenseitig aufheben.

    Und zweitens, weil – wie Du selbst schon sagst – das Trennkriterium »rechts« auch inhaltlich viel zu unscharf ist, um in der Praxis in fairer Weise angewendet werden zu können. Tatsächlich ist es gerade diese Unschärfe, die bei Restle und vielen anderen zur Methode gemacht wird: um einen vermeintlich inhaltlichen Grund dafür zu haben, eine bedrohte Machtposition zu verteidigen.

    Dass so viele Standpunkte heute als »rechts« erscheinen oder so etikettiert werden, kann nämlich auch schlicht bedeuten, dass sich die Realität in einer Weise verändert hat, dass sie mit dem für Restle und seinesgleichen geltenden Begriffs- und Werterahmen nicht mehr angemessen zu erfassen ist. Globalisierung ist kein Automatismus, den man nur laufen lassen muss, damit sie ein gutes Ende nimmt, das gilt kulturelle ebenso wie ökonomisch.

    Aber unsere derzeitigen Eliten haben beiderlei Doktrinen »hook, line and sinker« geschluckt und können sich überhaupt nicht mehr vorstellen, dass man mindestens für eine Weile auch mal wieder einen Gang runterschalten muss.

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