Feindbild Mann Feminismus Frauen

Von potenten und von utopischen Frauen – Svenja Flaßpöhlers „Die potente Frau“

geschrieben von: Lucas Schoppe

Das Buch wirke „wie eine intellektuelle Offenbarung“ und solle den Feminismus auf eine neue Stufe heben – so Denis Scheck in einer begeisterten Kritik von Svenja Flaßpöhlers Die potente Frau. Die Autorin ist von der Zeit bis hin zu Blogs, von 3sat bis zu Podiumsdiskussionen medial präsent.

Tatsächlich kritisiert der Text am heutigen „Hashtag-Feminismus“ schlüssig, dass er veraltete Geschlechterbilder konserviere. In der Erklärung aber, wie es dazu kommen konnte, mündet er in Widersprüchen.

 

Ist #metoo ein Trick des Patriarchats?

Tatsächlich festigt #metoo ein zutiefst patriarchal geprägtes, von Passivität und Negativität gezeichnetes Frauenbild, anstatt es aufzubrechen. (S. 16)

So grundsätzlich kritisiert Svenja Flaßpöhler, Philosophin und Herausgeberin des Philosophie Magazins, die #metooBewegung in ihrem Buch Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit. Der unscharfe Begriff der „sexualisierten Gewalt“ decke ein großes Spektrum von der „Vergewaltigung bis hin zur verbalen Belästigung“ ab.

Es ist genau diese Unschärfe, die den Eindruck systematischer Unterdrückung erweckt und so eine althergebrachte Struktur weiter festschreibt, die da lautet: Männer beherrschen Frauen. (S. 13)

Im Zentrum des relativ kurzen Textes steht so auch die Frage, „was Frauen zur Festigung der männlichen Macht, die immerhin keineswegs mehr rechtlich legitimiert ist, selbst beitragen.“ (S. 9)

Für Flaßpöhler nämlich setzt die Spielart des Feminismus, die sich im Hashtag #metoo äußert, in ihrer „Koppelung von weiblicher Sexualität und Negativität“ (19) ein Frauenbild fort, nach dem Frauen nicht als Subjekte ihres Lebens, sondern als Objekte männlicher Aktivität erscheinen.

Der zeitgenössische Hashtag-Feminismus (…) reproduziert ein patriarchales Welt- und Weiblichkeitsbild. Anstatt Frauen in die Potenz zu bringen, weist er sie als hilflos und, sexuell gesehen, als Negativität aus. Die Frau selbst begehrt in dieser Sichtweise nicht, ihre Sexualität erschöpft sich darin, den Mann entweder abzuwehren oder ihm bis zur Selbstaufgabe zu gefallen. (30)

Tatsächlich, so Flaßpöhler im Bezug auf Lacans Satz „LA femme n’existe pas“ (22), existiere die Frau hier gar nicht. Das gelte allerdings auch für Judith Butler, die Lacans Satz „in letzter Konsequenz“ (33) wiederhole. Butler weise zwar „auf die Gefahren eines biologistischen Essenzialismus hin“, entziehe aber mit ihrem Versuch der Dekonstruktion der Geschlechter auch „der weiblichen Position gleich jede Grundlage“. (33)

Könnte es sein, dass Frauen hinter #metoo verschwinden?

In einem traditionellen Verständnis von Weiblichkeit existieren Frauen nicht als Subjekte – im dekonstruktivistischen Verständnis existieren menschliche Subjekte nicht als Frauen. Flaßpöhler sucht also nach einer dritten Möglichkeit „zwischen Dekonstruktion und essenzialistischer Festschreibung des Weiblichen“, die bei allen Unterschieden beide gleichsam in einem weiblichen Nichts münden.

Sie orientiert sich bei dieser Suche an phänomenologischen Ansätzen, die „das subjektive Erleben in den Mittelpunkt“ (35) stellten und dabei auf leibliche Erfahrungen konzentriert sind.

Was Männlichkeit und Weiblichkeit unterscheidet, ist die unbestreitbare Exklusivität ganz bestimmter, leiblich gebundener Erfahrungen sowie die faktische Unmöglichkeit, sich den Erfahrungsraum des jeweils anderen Geschlechts vollständig zu erschließen (…). (37)

Dabei gäbe es Erfahrungen, die „ausschließlich in der Potenz der Frau – und nicht in der des Mannes – liegen. Nur die Frau hat eine Gebärmutter. Nur sie kann gebären.“ (38)

Nun geht es Flaßpöhler allerdings nicht darum, dass Frauen gebären müssten und nur dadurch wirklich Frauen würden: „Die nichtrealisierte Option ist (…) nicht weniger wert als die realisierte.“ (38) Für sie ist es zentral, Frauen überhaupt so zu beschreiben, dass ihnen positive Möglichkeiten zur Verfügung stehen, aus denen sie wählen können, und dass Weiblichkeit so nicht an Negativität geknüpft bleibt.

Der lateinische Begriff „potentia“ nämlich meine „Macht“, „Kraft“, „Vermögen“, Fähigkeit“ – die potente Frau sei also eine Frau, die ihre Kraft aus der Möglichkeit schöpfe. (38/39)

Das hat gleich eine Reihe von Konsequenzen, mit denen Flaßpöhler sich von der #metoo-Bewegung erheblich unterscheidet. Sie begräbt die Unterscheidung, Männer als „offensiv und aktiv“, Frauen als „defensiv und passiv“ hinzustellen. (41) Sie leugnet Situationen absoluter Hilflosigkeit nicht, hält aber fest: „Wenn ich mich belästigt fühle, dann bin ich – in der Regel – der Situation keineswegs ausgeliefert.“ (14)

Dass Frauen nicht hilflos sind, sondern selbst beteiligt sein können, ermöglicht auch ein Wechselspiel von Männern und Frauen, etwa in der Verführung. So wird auch ein Satz verständlich, den #metoo-Feministinnen ganz besonders verwerflich finden können:

Wer eine Welt ohne Belästigung will, will in letzter Konsequenz eine Welt ohne Verführung.“ (14)

Je nachdem, ob eine Frau einen Mann attraktiv finde oder nicht, wie sie sozialisiert wurde oder in Stimmung ist, könne nämlich „ein und dieselbe Geste als Verführung oder Belästigung wahrgenommen werden“. (14) Da das aber ein Mann unmöglich vorher wissen kann, kann er nur sicher gehen, wenn er Gesten der Annäherung ganz unterlässt.

Anders als Butlers Dekonstruktivismus, die Frauen in ihrer steten Verknüpfung von Männlichkeit und Herrschaft eine Ablehnung der Heterosexualität nahelege, mündet Flaßpöhlers auf spezifischen Erfahrungen bauender „Experienzialismus“ (33) so in der Möglichkeit eines Dialogs zwischen Männern und Frauen.

Bei #metoo verlaufe die Diskussion noch „absolut einseitig. Die Frau teilt sich mit, der Mann schweigt, weil eine Äußerung von ihm nicht vorgesehen ist.“ (17) Die potente Frau aber habe es nicht nötig, „den Mann in ihr Gefängnis hineinzuziehen“. (43) Anders formuliert:

Anstatt den Mann zu kastrieren, muss die Frau selbst in die Potenz finden: Aktion statt Reaktion. Positivität statt Negativität. Fülle statt Mangel. (44)

 

Wer hat Angst vor der potenten Frau?

Wie aber verträgt sich diese weibliche Potenz mit der Vorstellung patriarchaler Herrschaft, die den Text durchzieht? Flaßpöhler beginnt ihn mit der Vorstellung, dass auch potente Frauen der „Unterdrückung, historisch betrachtet, noch nicht lange entkommen“ (7) seien.

Sie bedauert, dass Frauen sich auf sexuelle Übergriffigkeit konzentrieren, anstatt sich „mit derselben Intensität zum Beispiel, sagen wir, dem Thema ‚ungleiche Löhne’ zu widmen“ (11).

Wenn sie unterschiedliche Erfahrungen von Männern und Frauen beschreibt, dann stellt sie es als spezifisch weibliche Erfahrung dar, „von Blicken taxiert oder von Pfiffen verfolgt zu werden“, und als spezifisch männliche, „einen Penis zu besitzen, ein Organ mithin, das die längste Zeit der Menschheitsgeschichte Macht symbolisierte.“ (37)

Wenn sie fragt, woher eigentlich die Unterscheidung zwischen aktiven Männern und passiven Frauen stamme, dann fällt ihr dazu lediglich „die männliche Furcht vor der potenten Frau“ ein. (41) Eben damit aber beschreibt sie dann ihrerseits und auf der nächsten Ebene Männer als aktiv, die Frauen als passiv: Als läge es am Widerstand der verängstigten Männer, wenn Frauen nicht in die Potenz fänden.

Eine ganze Menge medialer starker Frauen begannen als Männerfantasien, als Bilder männlicher Sehnsüchte – bevor sie zu feministischen Ikonen wurden.

Das trifft männliche Wünsche an Frauen kaum. Ob in Videospielen, in Filmen, in Liedern oder auch in männlichen Selbstdarstellungen – schon längst lässt sich vielfach eine männliche Sehnsucht nach der potenten Frau nachweisen. Nach einer Frau also, die eigenständig ist und nicht vom Mann versorgt werden muss, die selbst stark ist und daher die männliche Stärke, und auch eine männliche Selbstaufopferung, nicht braucht und nicht ausbeuten muss.

So ist es eine Schwäche des Textes, dass Flaßpöhler ohne weitere Überlegung am Begriff des Patriarchats und der Vorstellung einer Männermacht festhält. Zum Vergleich: Die Arbeiterbewegung hatte sich darauf konzentriert, Arbeitern deutlich zu machen, dass eigentlich sie selbst es in der Hand hätten, die Strukturen abzuschaffen, unter denen sie litten. Sie selbst nämlich würden durch ihre – entfremdete – Arbeit diese Strukturen tragen und könnten daher die Entfremdung auch beenden: „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“

Wie aber kommen Frauen, die hilflos einem Patriarchat ausgeliefert sind, in die Position der Macht? Wenn wir überhaupt allgemeine Strukturen männlicher Macht als Ausgangspunkt setzen, dann ist es durchaus konsequent, wenn Feministinnen bis heute Frauen als hilflos und ausgeliefert beschreiben. Denn wie sollten Frauen etwas ändern, wenn nicht auch sie immer schon an diesen Strukturen beteiligt sind? Flaßpöhler müsste also genauer darstellen, wie und warum Frauen die männliche Macht stützen, indem sie sich schwächer machten, als sie sind. (44)

Das eröffnet zwei Möglichkeiten, die im Text beide nicht mehr diskutiert werden: Entweder Frauen sind durch Männer in deren Furcht vor weiblicher Stärke so dressiert worden, dass sie männliche Herrschaft mittragen – dann würden Frauen wiederum in die Passivität geworfen, als Objekte männlicher Aktivität.

Oder: Frauen haben eigene Interessen, die Strukturen mitzutragen, die Flaßpöhler als patriarchal beschreibt.

 

Wer braucht die utopische Frau?

Hier rächt sich im Text auch, dass eine Feminismuskritik, die seit Jahrzehnten – und seit einigen Jahren verstärkt – von Männern und auch von Frauen formuliert wurde, aus öffentlichen Diskursen weitgehend ausgeblendet bleibt. Warren Farrells The Myth of Male Power etwa erschien vor 25 Jahren – und wird bis heute in der Gender-Forschung weitgehend ignoriert.

Die liberale und linke Kritik an der feministischen Vorstellung eines „Patriarchats“ lässt sich in drei wesentliche Einwände gliedern.

Erstens ließen sich Herrschaftsverhältnisse nur zu einem kleinen Teil sinnvoll als Geschlechterverhältnisse beschreiben.

Zweitens ließen sich soziale Verhältnisse, also auch Geschlechterverhältnisse, nur zu einem kleinen Teil sinnvoll als Herrschaftsverhältnisse beschreiben.

Drittens könne Herrschaft zwischen den Geschlechtern nicht sinnvoll rundweg als Männerherrschaft beschrieben werden.

Von diesen drei wesentlichen Einwänden greift Flaßpöhler lediglich den zweiten auf. Es eröffnet neue Möglichkeiten der Verständigung und nimmt der Debatte ihre Bitterkeit, wenn sie die Interaktion zwischen den Geschlechtern, etwa in der Verführung, nicht rundweg als Reproduktion illegitimer Herrschaft interpretiert. Sie blendet aber auch – was für phänomenologische Ansätze durchaus typisch ist – Herrschaftsstrukturen fast ganz aus, und insbesondere die, die nicht in das Klischee eines Patriarchats passen.

Vielen Betrachtern wird vermutlich gar nicht auffallen, wie sehr sich in diesem Bild gesellschaftliche Machtverhältnisse reproduzieren. Oder so. Dass z.B. der Mann den Hut auf hat, ist bezeichnend!

Da ihr spezifische Nachteile für Männer gar nicht in den Blick kommen, stellt sie auch nicht die Frage, welches Interesse Frauen denn selbst an traditionellen Geschlechterfunktionen haben könnten. Flaßpöhler bezieht sich etwa auf Simone de Beauvoir und stellt fest, dass zur Zeit der Veröffentlichung von Das andere Geschlechtdie meisten Frauen tatsächlich zur Immanenz verurteilt, das heißt an Haus und Herd festgenagelt“ gewesen seien. (43)

Nun war es allerdings für Beauvoir in ihrem grundlegenden Werk ein – wenn auch schnell abgewehrtes – Problem, dass proletarische Frauen in großer Mehrheit angaben, sie würden lieber Hausarbeit verrichten als in der Fabrik arbeiten, wenn sie denn die Wahl hätten. Das zeigt zweierlei:

In der Rede von den „meisten Frauen“ bleiben die meisten Frauen der Zeit ausgeblendet, weil sich die feministische Vorstellung eines Patriarchats uneingestanden auf soziale Verhältnisse des gehobenen Bürgertums konzentriert.

Zweitens kommen die eigenständigen Interessen von Frauen, eben ihre „Potenz“, gar nicht in den Blick. Welches Interesse sollten sie aber an einer traditionellen Weiblichkeit haben? Welches Interesse sollte insbesondere der Feminismus haben, gegen sein eigenes Programm diese traditionelle Weiblichkeit fortzusetzen?

Die zweite Welle des Feminismus beschrieb das Land der Frauen gleichsam als ein besetztes Land, okkupiert von männlicher Macht – im deutschen Sprachraum emblematisch in Schwarzers Der kleine Unterschied (und seine großen Folgen). Männlichkeit stand für eine destruktive Herrschaft, Weiblichkeit für die Möglichkeit einer besseren Zukunft.

Die Frau hat im radikalfeministischen Denken so keinen sozialen Ort, sie ist im Wortsinne eine Utopie (ou tópos – kein Ort, Nicht-Ort). Ausgeblendet bleibt dabei, wie viele Ressourcen von bürgerlichen Männern wie von nichtbürgerlichen Frauen und Männern aufgewandt werden mussten, um den tatsächlich sehr spezifischen sozialen Ort der bürgerlichen Ehefrau überhaupt erst zu ermöglichen.

Die Frau als Utopie hat gleich mehrere leicht erkennbare Vorteile. Die Vorstellung eines Patriarchats verwischt wesentliche soziale Unterschiede in einem selbstbezogenen bürgerlichen Selbstgespräch. Sie nimmt Frauen aus der Verantwortung, sei es für Nationalsozialismus und Massenmord, sei es für die Unweltverschmutzung und die weltweite Rüstung oder für Härten moderner Gesellschaften. Zugleich wird die Frau als unbegrenzte Projektionsfläche des gesellschaftlichen Guten angeboten, als friedfertige Frau.

Die dritte Welle des dekonstruktivistischen Feminismus kritisiert diese Tendenz nicht etwa, sondern radikalisiert sie. Männer und Frauen sind nun ganz soziale Konstruktionen – aber diese Konstruktionen werden nicht etwa im Hinblick auf ihre pragmatischen Funktionen analysiert, sondern rituell als Reproduktionen einer männlich geprägten Herrschaft entlarvt.

Den Entlarvungsriten aber liegt still die Utopie eines irgendwie eigentlichen Menschseins zu Grunde, das sich von sozialen Geschlechterkonstruktionen frei gemacht hat – das aber paradoxerweise durch die beständige Verknüpfung von Männlichkeit und Herrschaft zugleich weiblich konnotiert ist. Auch hier wird die Frau sorgfältig in der Utopie gehalten.

Die vierte Welle des intersektionalen Feminismus schließlich bietet keine Ausweg, sondern exerziert den Glauben an ein von sozialer Macht unberührtes und unkorrumpiertes Menschsein auf eine Weise, die unverhohlen im Biologismus mündet: An die Stelle einer Analyse sozialer oder gar ökonomischer Strukturen tritt die Verknüpfung von Macht mit den Kategorien Rasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung. Ein Programm für die politische Sackgasse.

Eben das ist demgegenüber eine wesentliche Leistung Flaßpöhlers: Sie distanziert sich von einer Fantasie, die Weiblichkeit mit Machtlosigkeit, dadurch aber auch mit Reinheit und Freiheit von Verantwortung verknüpft.

Sie gerät aber in Widersprüche, wenn sie skizziert, wie sich diese Vorstellung überhaupt etablieren konnte. Diese Fantasie legitimiert eben nicht nur männliche Herrschaft, sie ermöglicht stillschweigend auch eine Sakralisierung des Weiblichen.

Daran wiederum haben nicht nur Männer ein Interesse, sondern auch Frauen – die niemals so machtlos waren, wie die Rede vom „Patriarchat“ sie darstellt.

 

Svenja Flaßpöhler: Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit, Berlin 2018

RSS
Follow by Email
Facebook
Facebook
Twitter
Google+
PINTEREST
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

48 Comments

  • Schicke Analyse!
    Möglicherweise könnte es eine gute Sache sein, Flaßpöhler den Text zuzusenden.
    Er könnte ihr nützlich sein. Und das wäre vielleicht für die Entwicklung des momentanen Zeitgeistes ein gewisser Beschleunigungsfaktor.
    Wie ich in meinem Kommentar zum Artikel auf alles Evolution schon angedeutet habe,
    https://allesevolution.wordpress.com/2018/07/17/svenja-flasspoehler-zu-metoo-wir-duerfen-nicht-alle-probleme-den-maennern-in-die-schuhe-schieben/#comment-350838
    hat sich Flaßpöhler auf einen ziemlich kniffeligen Weg gemacht. Nicht gerade, daß sie in’s kalte Wasser gehüpft ist. Nach Deinem Text hier, @Lucas, sehe ich sie eher irgendwo bei den Duschräumen herumgeistern. Was auch die von Dir angesprochenen Widersprüche z.T. miterklären mag.
    Aber da sie offen einige Methodiken, sowie verdeckte Prämissen und Postulate aller nennenswerten feministischen Strömungen nicht nur hinterfragt, sondern sie auch recht mutig auseinanderschraubt, und trotzdem seltsamerweise nicht sofort eingestampft, totgeschwiegen, oder sonstwie aus dem Verkehr gezogen wurde, sondern – warum auch immer – ziemlich präsent ist, kommt ihr möglw. eine historische Rolle zu. Zumindest hier in D..
    Wenn sie so weitermacht, markiert sie u.U. einen regelrechten Wendepunkt in der Karriere der feministischen Radikalisierungen, welche bis jetzt praktisch nur die Steigerung des Irrwitzes kannten und sich gerade auf dem Höhepunkt einer Entwicklung befinden, wo sie z.T. offen in eine neue, fanatische Spökenkieker-Esotherik hineintaumeln.

    Ein insofern selbstkritischer und positiv aufbauender Ansatz ( sie zeigt ja deutlich, daß sie gerade dabei ist, sich erstmal selbst aus den feministischen Filterblasen herauszuwurschteln ), noch dazu relativ laut und öffentlich, ist neu, um nicht zu sagen geradezu revolutionär, jedenfalls für bekannte feministische Verhältnisse, in denen eine derartige Vorgehensweise bis jetzt absolut tabu war.

    Warum und wie das möglich ist, daß das bis jetzt scheinbar relativ friedlich klappt, ist mir allerdings ein Rätsel.

    Wird es geduldet, weil man hofft, daß sie so „Kundschaft“ für andere Feminismen „anlocken“ könnte, resp. Interesse von mehr normalen Frauen ( und Männern ) für Feminismus an sich hervorruft?
    Eigentlich nicht, denke ich, denn so dumm sind die Mainstreamfemis m.E. auch nicht, daß sie sich so grob verschätzen. Denn, daß so ziemlich alle feministischen Argumentationen, besonders die populistischen, so voller Ungereimtheiten und Fehler stecken, daß sie bei näherer Betrachtung durch ernsthaft Interessierte leicht auffliegen, sollte doch wenigstens den hochbezahlten Meinungsführern relativ klar sein.

    Und sie erstmal etwas auflaufen zu lassen, um dann um so massiver und gehässiger zuzuschlagen, wäre m.E. auch ziemlich dumm. Dazu waren die Erfolge, z.B. nach der kölner Sylvestergeschichte, mit dieser Methode einfach zu gering. Damit erreicht man nur eh schon einbetonierte Blasenbewohner. Die so beförderte Polarisierung der aufmerksameren Mitbürger würde wahrscheinlich eher den Kritikern von Vorteil sein.

    Und, daß man sie lässt, weil man sowieso gerade ein Sprungbrett sucht, um von den immer radikaleren Auswüchsen und deren Dynamik wegzukommen, kann ich mir auch nicht so recht vorstellen. Wäre natürlich schön, wenn die Großparteien und davon gesteuerten Institutionen endlich ein Einsehen hätten, daß ihre Handlanger so langsam mal zurückgepfiffen werden müssen und sicherlich wären die obersten Rädelsführer ggf. heilfroh, wenn sie nicht zu begossenen Pudeln werden, sich wohlmöglich selbst im Staub wälzen müssten. Aber dazu sind die mir viel zu verbohrt.
    Ich kann mir nicht vorstellen, daß die jetzt dankbar hoffen, daß jemand anders schon mal ein paar Kartoffeln für sie aus dem Feuer fischt, so daß sie am Ende stumpf sagen könnten: “ Genau! War ja schon immer meine Meinung“.
    Dazu ist Flaßpöhler offenbar längst zu weit von deren Gesabbel weg.

    Und bei der nichtvorhandenen feministischen Gesprächsbereitschaft hätten auch dann die Kritiker den größeren Vorteil, falls eine breitere Diskussion zu Flaßpöhlers Gedankengängen aufkommt.

    Vielleicht hat auch einfach niemand damit gerechnet, daß „so ein kleines Philosophenbüchlein“ plötzlich so viel Bekanntheit in so kurzer Zeit erlangt.
    Das könnte ich mir z.Z.t. noch als wahrscheinlichste Möglichkeit vorstellen, also daß man schlichtweg ( noch ) durch das Überraschungsmoment gehemmt ist.

    V.dh. warte ich erstmal ab, ob man sie nicht doch propagandistisch zu überrennen versucht. Könnte aber schwierig werden, da Flaßpöhler ( wie „ih“ auf AE auch schon anmerkte ) nicht so ein intellektuelles Leichtgewicht ist, wie die üblichen Femipropagandisten.

    Schaun mer mal …

    • @ Fiete „Warum und wie das möglich ist, daß das bis jetzt scheinbar relativ friedlich klappt, ist mir allerdings ein Rätsel.“

      Ich glaube, es ist ein Zeichen dafür, dass die Debattenlage sich langsam verschiebt – so langsam wie ein Gletscher allerdings (ist ja auch eine vereiste Diskurslandschaft). Denn eigentlich ist Flaßpöhlers Text in seinen Widersprüchen ja ein typisches Beispiel für eine Übergangszeit: Bestehende Gewissheiten tragen schon nicht mehr, werden auch klar kritisiert – aber der Rahmen, in dem sie kritisiert werden, ist noch der alte. Es scheint so, als ob die selbstverständliche, nicht weiter überprüfte Rede von einem „Patriarchat“ weiterhin die Eintrittskarte für die Beteiligung an allgemeinen Geschlechterdiskursen ist.

      Das Besondere an diesen Themen ist allerdings, das wir uns nun schon seit fast fünf Jahrzehnten in einer Übergangszeit befinden – oder noch länger, je nachdem, wo wir den Anfang setzen. Schon Filme der 50er Jahre machten z.B. die große Bedeutung der Väter für Kinder deutlich, besonders prominent und intensiv „Rebel Without a Cause/ …denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit James Dean. https://man-tau.com/2013/03/04/james-dean-und-die-fehlenden-vater/

      Seit Jahrzehnten steht es beständig kurz bevor, dass die Rolle von Vätern sich ändert, von den finanziellen Versorgern hin zu Menschen, die für ihre Kinder präsent sind. Aber es ändert sich tatsächlich nicht viel – weil die Widerstände zu groß sind.

      Ich galube allerdings auch nicht, dass Flaßpöhler deswegen recht wenig kritisiert wird, weil sie „nicht so ein intellektuelles Leichtgewicht ist, wie die üblichen Femipropagandisten.“ Das war Camille Paglia in den Neunziger Jahren auch nicht, trotzdem ist sie enorm hart angegriffen worden, als sie vergleichbare Thesen wie Flaßpöhler geäußert hat.

      Tatsächlich glaube ich, dass heute die selbstverständliche Akzeptanz beliebiger feministischer Thesen bröckelt. Lange Zeit hatten sich die meisten Männer (und auch viele Frauen) damit kaum beschäftigt, hatten lediglich gönnerhaft „Gleichberechtigung“ und „Frauenrechte“ unterstützt – ohne aber irgendein Interesse zu haben, sich z.B. mit den Texten von Schwarzer, Brownmiller, MacKinnon, Dworkin oder gar Solanas, von Butler, aber auch von liberalen Feministinnen wie Badinter zu beschäftigen. Mittlerweile jedoch haben mehr Menschen mitbekommen, dass es im Feminismus keineswegs nur um „Gleichberechtigung“ geht, und dass dort zum Teil sogar Thesen vertreten werden, die mit einer zivilen, demokratischen, gleichberechtigten Gesellschaft nur schwer zu vereinbaren sind.

      Mittlerweile kann selbst in der ZEIT ein kritischer Artikel zum Feminismus erscheinen https://man-tau.com/2018/04/06/zeit-bedrohter-mann/ – auch wenn dann natürlich in der Folgewoche Bernd Ulrich pflichtschuldig einen Gegentext publiziert. https://man-tau.com/2018/04/12/zeit-jessen-ulbrich/

      Ich sehe das an meiner eigenen Entwicklung. Lange Zeit war ich überzeugt, feministische Thesen zu vertreten. Ich war und bin natürlich für gleiche Rechte von Männern und Frauen, und es ging mit im Studium auf die Nerven, mit welcher Herablassung manche über Texte von Frauen sprachen, die mir gut gefielen (Ingeborg Bachmann, Marie von Ebner-Eschenbach, etc.). Dass ich als Vater nicht nur finanziell für unser Kind da sein wollte, sondern dass ich ein Interesse daran hatte, den Kleinen auch direkt zu versorgen – das hielt ich eigentlich für gut-feministisch.

      Ich merkte dann aber, dass ich eben damit zur Zielscheibe, zum Teil gar (bei Typen wie Anita Heiliger oder Edith Schwab) zum Hassobjekt von Feministinnen wurde – und dass die rechtlichen und institutionellen Schwierigkeiten der Trennungsväter besonders von Feministinnen verbissen verteidigt wurden.

      Das war für mich ein schneller, harter Lernprozess, den aber ja nur wenige so extrem erleben müssen. Ich habe aber den Eindruck, dass auch in allgemeinen Diskursen die selbstverständliche (insgeheim aber auch oft desinteressierte) Idealisierung des Feminismus langsam einer realistischeren Einschätzung weicht – so dass feministische Positionen, wie andere politische Positionen auch, kritikfähig werden, auch im allgemeinen Bewusstsein Licht- und Schattenseiten haben.

      In dieser Diskurslage haben dann Feministinnen durchaus ein Interesse daran, diese Kritik als interne Kritik herausstellen zu können. Flaßpöhler bezeichnet sich selbst ja explizit als Feministin. In gewisser Weise ist es ein Versuch, die Diskurshoheit zu behalten, indem sich etablierte Akteure Kritik an ihren Positionen zu eigen machen, sich damit auseinandersetzen – ohne aber die eigenen Grundlagen tatsächlich in Frage stellen zu müssen. Das gilt, soweit ich sehe, nicht für Flaßpöhler selbst, aber für ihre vergleichsweise wohlwollende Rezeption.

      • @Lucas:
        „Tatsächlich glaube ich, dass heute die selbstverständliche Akzeptanz beliebiger feministischer Thesen bröckelt.“

        Das halte ich für eine leicht zu beobachtende Tatsache. Wie schon mehrfach gesagt, unterhalte ich mich seit einiger Zeit desöfteren mit professionellen Soziologinnen ( fast alle Frauen ) und werde von denen mittlerweile gelegentlich u.a. auch zu Einschätzungen bestimmter anderer Leute befragt. Und es ist nicht zu übersehen, daß das keineswegs ( nur ) als Shittest gehandhabt wird, sondern man sich dabei ganz offenbar in der Bandbreite der möglichen Annahmen erweitern will.
        Und oft geht es dabei nicht zuletzt auch um eine feminismuskritische Betrachtungsweise, die also durchaus als ein Aspekt unter mehreren erwünscht ist. Und ich liefere natürlich prompt, allerdings unter klarer Betonung der obligatischen Vorbehalte.

        „In dieser Diskurslage haben dann Feministinnen durchaus ein Interesse daran, diese Kritik als interne Kritik herausstellen zu können. Flaßpöhler bezeichnet sich selbst ja explizit als Feministin. In gewisser Weise ist es ein Versuch, die Diskurshoheit zu behalten, indem sich etablierte Akteure Kritik an ihren Positionen zu eigen machen, sich damit auseinandersetzen – ohne aber die eigenen Grundlagen tatsächlich in Frage stellen zu müssen. Das gilt, soweit ich sehe, nicht für Flaßpöhler selbst, aber für ihre vergleichsweise wohlwollende Rezeption.“

        Ja, dämmert mir auch so. Bspw. Sünderhauf wird ja auch kaum je offen angegriffen. Allerdings habe ich gehört, daß sie intern schon bei manchen ziemlichen Unmut hervorruft, was dann auch zu unschönen Reaktionen und Verhaltensweisen, z.B. in Fachgremien, führt.

        Möglw. schwingt da aber auch so ein Wenig die Hoffnung mit, daß das Strohfeuer dann schneller wieder in Harmlosigkeit verflacht, wenn man es sich totlaufen lässt..

      • @Lucas „In dieser Diskurslage haben dann Feministinnen durchaus ein Interesse daran, diese Kritik als interne Kritik herausstellen zu können.“

        Ich glaube nicht, daß unsere medial dominierenden Netzfeministinnen Flaßpöhler als eine der ihren ansehen.

        Vor einigen Wochen habe ich etwas Ordnung in meine Linksammlung gebracht (JB-Peterson-Profi-Tip!), weil es 20+ Links zum Thema Flaßpöhler geworden waren und weil mir ihr kometenhafter Aufstieg in der Geschlechterdebatte ein Rätsel war. Erkenntnisse:

        1. Sie ist sozusagen ein Schwergewicht in der Kulturszene, ihre mediale Reichweite erklärt sich mMn großenteils aus dieser Machtstellung. Von dort kommen auch die vielen Jubel-Rezensionen Ihres Buchs.

        2. Mit Feministinnen aus der Stokowski-Kategorie versteht sie sich gar nicht gut, weil sie das Opferabo von Frauen angreift, sowas ist für Stokowski et al. ein Sakrileg. Flaßpöhler gehört außerdem zum Establishment, das macht sie verdächtig. Dementsprechend giftig sind die Reaktionen auf Flaßpöhlers Buch aus dieser Ecke.

        Mit den typischen Feministinnen der 2. Welle hat sie auch nicht viel am Hut, bei Bj. 1975 ist auch der Altersunterschied zu groß.

        Im Endeffekt bin ich nicht sicher, welcher Feministinnengruppe man sie zuordnen kann.

  • @Lucas: sehr interessant.

    Ich hatte keine Zeit und Lust, mir das dünne Buch zu besorgen, nachdem schon ein größerer Teil vorab publiziert worden war (https://www.welt.de/icon/iconista/article175847071/Vorab-Auszug-aus-Die-potente-Frau-Fuer-eine-neue-Weiblichkeit.html) und ich seit Anfang 2018 wenigstens 15 kürzere oder längerer Artikel / Interviews zu Flaßpöhler und ihren Thesen gelesen habe, darunter die oben von Dir zitierten.

    Steht denn überhaupt noch irgendeine wichtige Idee in den Band, die nicht schon in den einzelnen Artikeln präsentiert wurde?

    • @mitm Doch, ich finde, es steht schon etwas Neues darin – auch wenn das Buch tatsächlich sehr schmal ist und ungefähr den Umfang einer längeren Reportage hat. Was veröffentlicht wurde, bezieht sich meistens sehr direkt auf #metoo – so wie auch der Auszug aus der Welt, der Teile vom Beginn des Textes präsentiert. Das sind ja auch die Aspekte, die für eine journalistische Auseinandersetzung zunächst einmal besonders interessant und provokant sind.

      Was Flaßpöhler aber als „potente Frau“ beschreibt, und wie sie das über einen Bezug auf die Phänomenologie einführt – und in diesem Zusammenhang auch ihre Auseinandersetzung mit Butler – das habe ich bislang in journalistischen Texten allenfalls angedeutet gefunden.

      • @Lucas „Was Flaßpöhler aber als „potente Frau“ beschreibt, und wie sie das über einen Bezug auf die Phänomenologie einführt …“

        Interessant. Geht sie denn dabei auf biologisch begründete Phänomene und Verhaltensdifferenzen zwischen Frauen und Männern ein? In ihren Interviews und Aufsätzen wird das mit keiner Silbe erwähnt, dabei ist das sozusagen der Elefant, der im Raume steht und wegen Betriebsblindheit übersehen wird.

        Der Begriff Potenz ist ja ziemlich nahe verwandt mit dem Begriff Libido, und die Libido-Differenz zwischen Frauen und Männern ist ein biologisch basiertes Phänomen, das das Geschlechterverhältnis ganz entscheidend prägt. U.a. die recht erfolgreichen Sexualmarktmodelle basieren darauf.

        Ihre diversen Appelle an „die Frauen“, potenter zu werden, scheinen mir fast identisch mit Appellen, eine stärkere Libido zu haben – mMn ziemliches Wunschdenken. Frauen sind auch risikoaverser als Männer. Simple Appelle, jetzt doch bitte mal etwas risikofreudiger zu werden, sind kindisch.

        Ich fand auch ihre Hypothese, wenn Frauen sexuell potenter wären, würden sie auch in anderen Gebieten (Beruf, Politik usw.) „potenter“ aufreten, ziemlich gewagt. Da müßten alle nymphomanen Frauen automatisch tolle Karrieren machen.

        • Nun ja, daß sie mit dem Begriff Potenz erkennbar herumspielt, mag nicht zuletzt publizistische Gründe haben ( Teaserfunktion ). Finde ich für Fühlosofen verzeichlich.

  • Anscheinend ist Frau Flaßpöhler bereit Dogmen des modernen Feminismus in Frage zu stellen, von daher ist ihr Buch ein erster Schritt in die richtige Richtung. Hoffen wir das weitere Schritte folgen.

  • Danke an Lucas für die Rezension, die mein Interesse an dem Buch geweckt hat.
    Gestützt auf die Rezension frage ich mich, inwiefern Flaßpöhler tatsächlich noch eine feministische Position vertritt. Wie Lucas herausgearbeitet hat, beruht die feministische Komponente ihrer Position ja wesentlich auf der Vorstellung, das ‚Patriarchat‘ herrsche über die Frauen. Andererseits entkräftet sie die feministische Kernthese, dass Männer schuldbehaftete Täter und Frauen passive Opfer seien, gesteht Männern sogar das Recht zu, sich Frauen anzunähern, sie anzusprechen, um spielerisch deren Reaktion auf sich selbst in Erfahrung zu bringen. Zeichnet sich in dem Buch ein Abschied vom Feminismus ab?

    Kürzlich habe ich eine längere Diskussion mit einer Freundin geführt, die sich selbst entschieden als Feministin bezeichnet und behauptet, auf feministische Männer zu stehen. Sie plädierte, kurz gesagt, für Gleichberechtigung und dafür, überkommene Geschlechterbilder zu prüfen. Ich hielt ihr entgegen, alle ihre Argumente seien Argumente gegen den Feminismus und sie sei mit der Offenheit für verschiedene Lebensentwürfe, für die sie eintritt, gar keine Feministin. Die einzige nötige Grundthese des Feminismus sei, dass aus einer kollektiven weiblichen Identität ein politisches Programm abzuleiten sei, worin die weibliche Identität dominieren und über andere mögliche Identitäten, Perspektive, etc. privilegiert sei. Daraus könne keine progressive Politik hervorgehen, das sei eine gescheiterte Ideologie. Sie war zwar (etwas scherzhaft) empört, dass ich ihr absprach, eine Feministin zu sein, aber etwas in ihr ist doch in Bewegung geraten, meine ich. Vielleicht nicht nur bei ihr? Argumente können anscheinend da, wo Gesprächsbereitschaft besteht, durchaus helfen.

  • Auch von mir ein Dankeschön für die Rezension an Dich, Lucas. Aufgrund der Rezension ist für mich klar, dass ich das Buch nicht kaufen werde. Die ‚Neuigkeiten‘ darin sind wenig revolutionär, reichlich spekulativ und auf jeden Fall irrelevant in Bezug auf den real existierenden Staatsfeminismus.

    Da war Esther Vilar seinerzeit nicht bloss radikaler in ihren Ideen; sie dröselte auch weitaus plausibler die Geschlechterverhältnisse auf. Die Idee der ‚Potenten Frau‘ etwa wurde von Frau Vilar wesentlich besser und näher an der Realität beschrieben, auch wenn sie es anders benannt hat. Bewirkt haben ihre berühmten drei Bücher so gut wie nichts. Die weitere Radikalisierung des Staatsfeminismus und das fortgesetzte Aufeinanderhetzen von Männern und Frauen (v.a. im Rahmen des Familienrechts) haben ihre scharfsinnig geschriebenen Bücher nicht verhindert.

    Auch andere Feministinnen (z.B. Katharina Rutschky) haben deutlich mehr zu sagen gewusst. Von weiteren kritischen Feministinnen v.a. aus dem angelsächsischen Sprachraum (z.B. Erin Pizzey) brauche ich gar nicht erst zu berichten.

    Das Buch von Frau Flasspöhler ist dagegen ein Mäusefurz und wird genauso wenig bewirken. Aber die meisten Männerrechtler von heute gieren offenbar derart nach einem winzigen Leckerli, dass sie selbst solch schmalbrüstiges Geschwafel noch als männerfreundliche Philosophie etikettieren.

    Deine Rezension, werter Lucas, erscheint mir denn auch wesentlich interessanter als das rezensierte Buch. Du stellst nämlich eine (wenn nicht sogar die entscheidende) der Schlüsselfragen, um die sich die meisten Feministinnen in ihren Welterklärungsversuchen konsequent herumdrücken:

    ‚Denn wie sollten Frauen etwas ändern, wenn nicht auch sie immer schon an diesen Strukturen beteiligt sind?‘

    Ich formuliere diese Frage etwas um: Warum sollten Frauen an den bestehenden Strukturen etwas ändern wollen, an denen sie schon immer beteiligt waren und sie stützten?

    Die Antwort ist simpel: Die meisten wollen eben nichts daran ändern, weil sie davon profitieren oder zumindest davon zu profitieren glauben.

    Warum das so ist, da könnte man wahrscheinlich ganze Bibliotheken mit Abhandlungen füllen. Der objektiv feststellbare, gewaltige materielle Wertschöpfungstransfer von Männern zu Frauen hin, ist einer der wichtigsten Profite der Frauen seit jeher.

    Deswegen sind die weitaus meisten Feministinnen, die überhaupt ein gewisses Verständnis den Männern entgegenbringen (oder vielleicht auch nur heucheln?), auch blosse Dampfplauderinnen. Wenn ihre Reflektion über die gesellschaftlichen Verhältnisse tief genug geht, dann wissen sie ihr Männerverständnis genau zu dosieren, um ihre eigenen Vorteile als Frauen nicht zu gefährden. Ansonsten ist es vielleicht auch eine blosse Gefühlsduselei gegenüber Männern, von denen sie womöglich einige Exemplare ja doch irgendwie mögen, oder vielleicht ein vages Empfinden von Ungerechtigkeit, dass die Männer bei dem gesellschaftlichen Deal zwischen den Geschlechtern eine ganze Reihe von massiven Nachteilen haben. Aber die Fähigkeit zu einer kritischen Selbstreflektion ist nur wenigen Frauen gegeben – und unter den Feministinnen muss man solche Frauen geradezu mit der Lupe suchen. Monika Ebeling ist die einzige mir bekannte Ausnahme der letzten 10 Jahre im deutschsprachigen Raum.

    Esther Vilar war da ein ganz anderes Kaliber. Zwar glaube ich nicht jedes Detail von dem, was sie sagte, und mit ihren sozialreformerischen Umverteilungsideen kann ich schon gar nichts anfangen. Aber in den Grundzügen hatte sie mit ihrer Analyse der Wesenheiten von Männern und Frauen durchaus recht. Seit Vilar ist mir im deutschsprachigen Raum keine einzige Feministin mehr untergekommen, die derart fundiert, realitätsnah und offen über Geschlechterverhältnisse geredet hätte. Da ist zumindest für mich jegliches Geld für Frau Flasspöhlers Buch einfach zum Fenster rausgeschmissen. Aber das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden…

    Eine andere Frage ist jedoch, ob man mit ausufernden gesetzlichen Regulierungen überhaupt eine Erhöhung der Gerechtigkeit erreicht – insbesondere der sogenannten Geschlechtergerechtigkeit. Männerrechtler werden diese Frage mit ‚ja‘ beantworten, sonst wären sie ja keine solchen. Ich bezweifle das, weshalb ich auch kein Männerrechtler bin.

    Ich glaube vielmehr, dass man grosse Teile der gesetzlich installierten Regelungen abbauen sollte, um dadurch näher an einen natürlich austarierten Interessenausgleich zu kommen. Das mag man dann meinetwegen Gerechtigkeit nennen.

    • @ Maesi „Der objektiv feststellbare, gewaltige materielle Wertschöpfungstransfer von Männern zu Frauen hin, ist einer der wichtigsten Profite der Frauen seit jeher.“ Damit entsteht dann dasselbe Problem wie bei Flaßpöhler, nur umgekehrt: Warum tragen Männer zu Zuständen bei, die offensichtlich mit Nachteilen für sie verbunden sind? Und auch hier gibt es prinzipiell zwei Antwortmöglichkeiten:

      Entweder sind Männer so dressiert, dass sie Zustände stützen, unter denen sie leiden. Das ist praktisch, weil es Männer aus der Verantwortung nimmt, hat aber den Nachteil, dass Männer damit – so wohlwollend es auch immer formuliert sein mag – nicht mehr so recht zurechnungsfähig sind.

      Oder Männer haben eigene Interessen an diesen Zuständen. Das ist offensichtlich der Fall, zumal ja auch nicht alle Männer – ebenso wenig wie alle Frauen – dieselben Interessen haben. Die rechtlichen Nachteile von Vätern z.B. wären von Mütterlobbys allein niemals durchzusetzen gewesen, dazu hat es auch Männer gebraucht, die mit eigenen Interessen involviert sind.

      Männer beispielsweise, die es befremdlich finden, dass ein Mann direkt für sein Kind sorgen will, anstatt anständig für das finanzielle Wohl der Familie zu sorgen. Oder einfach Männer, die keine Lust haben, sich im ihre Kinder zu kümmern.

      Väter, die sich ihrer Verantwortung entziehen, und Mütter, die Väter herausdrängen, arbeiten de facto seit Jahrzehnten effizient zusammen. Auf Kosten anderer Väter UND Mütter, und immer auf Kosten der Kinder.

      Wer soziale Verhältnisse so beschreibt, dass die Nachteile eindeutig auf der einen, die Vorteile eindeutig auf der anderen Seite liegen, blendet meistens etwas aus. Die meisten Situationen sind mehrdeutiger. Immer noch finden z.B. viele Frauen (und Männer), dass Männer beim Kennenlernen den ersten Schritt machen sollten. Männer riskieren damit, eindeutig Interesse zu signalisieren und ALS REAKTION DARAUF eindeutige Signale des Desinteresses zu bekommen. Das ist natürlich verletzend. Andererseits haben Männer damit auch den Vorteil, dass sie die Situation aktiver bestimmen können, nicht darauf warten müssen, angesprochen zu werden, etc.

      Erst feministische Interpretationen mit ihrer Sucht nach eindeutigen Zuordnungen haben diese Situation (für mich zumindest) aus dem Gleichgewicht gebracht. Anstatt zuzugestehen, dass das Arrangement für beide Seiten Vor- und Nachteile enthält, haben sie der Situation das Klischee des männlichen Raubtiers und des weiblichen Opfers übergestülpt.

      Ich selbst habe meist in Umfeldern gelebt, die politisch eine deutliche rot-grüne, damit auch fast immer feminismusfreundliche Tendenz hatten. Mir war es schon als Jugendlicher zu doof, unter solchen Bedingungen Frauen – oder damals: Mädchen meines Alters – anzusprechen. Dass ich verletzt werden könnte, wäre noch okay gewesen – dass ich aber als potenzieller Vergewaltiger dastehe, nur weil ich von Ferne verliebt oder bezaubert bin und mich traue, das zu zeigen: Das ging mir dann zu weit.

      Gerade die Sucht nach eindeutigen Opfer-Täter-Zuordnungen schafft also Probleme, die dann mit diesen Zuordnungen wieder geklärt werden sollen. Das kann nicht klappen – auch bei Vilar nicht.

      Vilar entscheidet sich bekanntlich für die oben skizzierte erste Version. Ich hab „Der dressierte Mann“ schon in der Schulzeit gelesen, und ich fand vor allem eines an dem Buch faszinierend: nämlich zu sehen, wie selbstverständlich das feministische „Männer beuten Frauen aus“ einfach umgedreht werden kann, wenn man nur (wiederum) alle Informationen rauslässt, die nicht ins Bild passen.

      Vilar ist auch in den Passagen, die einleuchtend und erhellend sind, polemisch und überzeichnend, sie blendet wie ihr Gegenpol Schwarzer störende Informationen aus, und auch für Vilar ist es völlig selbstverständlich, sich auf bürgerliche Geschlechterverhältnisse zu konzentrieren und die stillschweigend absolut zu setzen. Das ist überhaupt ein interessanter Punkt: Von der proletarischen und der bürgerlichen Frauenbewegung vom Beginn des 20. Jahrhunderts wurde nur die bürgerliche wieder aufgegriffen, die proletarische ist verschwunden.

      Trotzdem war es natürlich irre, das Vilar mit Gewalt – und zwar mit körperlicher, nicht nur diskursiver Gewalt – aus Deutschland vertrieben wurde. Daher habe ich auch oben im Text stillschweigend einen anderen Text zu Schwarzer und Vilar verlinkt, weil es zum Thema passt: Der heute vorherrschende Feminismus speist sich vor allem aus der Ausblendung von allem Störenden.

      • @Maesi @Lucas

        Erst einmal vielen Dank an Lucas für die schöne Rezension!

        Maesi schrieb: „Ich formuliere diese Frage etwas um: Warum sollten Frauen an den bestehenden Strukturen etwas ändern wollen, an denen sie schon immer beteiligt waren und sie stützten?

        Die Antwort ist simpel: Die meisten wollen eben nichts daran ändern, weil sie davon profitieren oder zumindest davon zu profitieren glauben.“

        Damit bist du bereits auf den Frame hereingefallen, den Lucas so beschreibt: “ (…) auch für Vilar ist es völlig selbstverständlich, sich auf bürgerliche Geschlechterverhältnisse zu konzentrieren und die stillschweigend absolut zu setzen. Das ist überhaupt ein interessanter Punkt: Von der proletarischen und der bürgerlichen Frauenbewegung vom Beginn des 20. Jahrhunderts wurde nur die bürgerliche wieder aufgegriffen, die proletarische ist verschwunden.“

        „Frame“ bedeutet hier, es hat ein bürgerlicher/kleinbürgerlicher Feminismus vollbracht, uns einen Bezugsrahmen aufzudrücken, in dem Erfahrung „von Frauen“ als Erfahrung einer Mehrheit der Frauen geschildert wird, die faktisch nur einer Minderheit betroffen hat und demzufolge nutzen konnte.

        Die immer wieder geschilderte Diskriminierung von Frauen durch den Ausschluss aus der Sphäre der Öffentlichkeit, die Verbannung in Heim und hinter den Herd betrifft ausschließlich solche Frauen, deren Männer per Erwerbsarbeit vermochten, Frauen von eben dieser Erwerbsarbeit fernzuhalten.

        Man erkennt den kleinbürgerlichen/bürgerlichen Feminismus an der Priorisierung eben solcher Erfahrungen, die einer bäuerlichen Frau fremd bleiben musste, da sie selbstverständlich auf dem Feld mithelfen musste.
        Auch eine proletarische Frau wurde in die Fabriken gezwungen, weil der sinkende Lohn des Mannes sie von diesem Schicksal nicht verschonte.

        Dem kleinbürgerlich/bürgerlichen Feminismus ist es also gelungen, die Erfahrung einer Minderheit von Frauen ex-post und revisionistisch (im schlechten Sinn) zu einer Mehrheitserfahrung zu machen.
        Diese Erfahrung der Mehrheit aller Frauen hat aber niemals existiert.

        Wenn du also schreibst „weil sie davon profitieren oder zumindest davon zu profitieren glauben“, dann redest du nicht von „Frauen“, sondern von Frauen einer bestimmten sozialen Schicht.

        Flaßpöhler legt den Finger auf die Wunde eines solchen Feminismus.
        Wer den goldenen Käfig beklagt, sollte sich darum sorgen flügge zu werden, statt über die Beschaffenheit der Käfigstangen zu meditieren.
        Unter Aussparung der Frage, warum der Käfig vergoldet ist und wer für diesen Käfig bezahlt hat. Natürlich.

        In jedem verdammten Artikel der Mainstream-Medien findet sich ein Hinweis darauf, worüber Frauen empört sind, sich Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu sehen, die darauf verweisen>/b>, welche Funktion der „goldene Käfig“ hatte.
        Das Gefühl einer Konkurrenz ausgeliefert zu sein, der man nicht gewachsen ist, das Gefühl ersetzbar zu sein, das Gefühl der Entfremdung vom (vollständigen) Mensch sein.

        Die zahlreichen Studien, die darauf verweisen, Frauen würden immer unglücklicher besagen letztlich, sie kommen in der Realität an.
        Nämlich der männlichen Realität, die uns seit Jahrhunderten geprägt hat, worauf Flaßpöhler auch verweist.

        Den Verweis auf die generative Potenz von Frauen als Alleinstellungsmerkmal halte ich auch nicht für zufällig, denn das ist der rosa Elefant im Raum.
        Egal, wie sehr Feminismus diese biologische Tatsache als Fluch begreift, die Bindung an die Biologie ist die einzige Möglichkeit, aus diesem Alleinstellungsmerkmal einen Anspruch zu generieren.
        Und genau das steht zu Disposition: ist die Frage der gelungenen Erziehung des Nachwuchses nicht mehr eine Frage des Geschlechts, dann löst sich auch das mütterliche Eigentumsverhältnis auf.
        Und damit das biologische Alleinstellungsmerkmal, aus dem der Anspruch erwächst.

        Flaßpöhler versucht – aus dieser Perspektive – tatsächlich mit dem Verweis auf die Biologie den Status quo zu retten.
        Indem sie den lieben Schwestern klar macht, dass mit dem Verzicht auf die biologische Dimension dieses Alleinstellungsmerkmals die Ansprüche zusammen fallen werden wie ein Kartenhaus.

        • @ crumar „Wer den goldenen Käfig beklagt, sollte sich darum sorgen flügge zu werden, statt über die Beschaffenheit der Käfigstangen zu meditieren.“ Dazu hat Christian gerade heute ein schönes, aber auch verrücktes Beispiel.

          Hengameh Yaghoobifarah tritt in der taz um sich, gegen „Almans“ (also gegen weiße Deutsche), die zu „rücksichtslosen Kröten“ erzogen würden, Männer, die „Arschlöcher“ seien, etc. „Ich bin einfach nur sauer“, ist der taz-Text überschrieben.

          Und worüber ist Henga so sauer? Darüber, dass sie 24 Stunden auf Facebook gesperrt wurde.
          24 Stunden!
          Auf Facebook!!
          Und da soll eine aufrechte Aktivistin dann nicht ausrasten, oder was??!!!

          Das treibt die klassische Position der bürgerlichen Ehefrau ins ganz Absurde. Das politische Engagement in sozialen Medien wäre nicht zwei Sekunden lang möglich ohne Heerscharen verachteter (und zu geschätzten 99 % männlicher) Nerds, die die Infratstruktur un die nötigen Geräte erst erarbeitet haben. Und ohne die Menschen, die notwendige Rohstoffe besorgen, Geräte produzieren, die Infrastruktur warten, etc.

          Das, was als „goldener Käfig“ erscheint, ist eigentlich eine bürgerliche Version aristokratischer Verhältnisse: Menschen leben in einer geschützten Welt, die sorgfältig so strukturiert ist, dass ihnen niemals auffallen muss, welch eine unüberschaubare Menge an Leistungen nötig war, um diesen Schutzraum überhaupt erst zu schaffen.

          Es ist eigentlich weniger ein goldener Käfig als ein goldener Panic Room, in den sich Menschen zurückziehen, um vor der bedrohlichen Realität da draußen geschützt zu sein. Es ist nur verständlich, dass dort nach einer Weile alles Gefühl für Relationen verloren geht.

          Was allerdings Flaßpöhler angeht, bin ich mir nicht sicher, ob sie tatsächlich unbedingt auf der Schwangerschaft als Alleinstellungsmerkmal beharrt. Ihr Text changiert in diesem Punkt: Einerseits ist die Möglichkeit der Schwangerschaft eine für Frauen typische Erfahrung, andererseits ist sie aber auch eine typische POTENZ, die den Männern fehlt.

          Der zweite Aspekt ist verkürzt – die weibliche Potenz ist ohne die entsprechende männliche ja gar nicht realisierbar. Den ersten Aspekt finde ich aber plausibel. Ich finde es z.B. sehr wohl nachvollziehbar, dass die Erfahrung einer möglichen Schwangerschaft auf das Leben von Frauen auf eine Weise prägt, die Männer so nicht kennen.

          Bis in das 20. Jahrhundert hinein war die Schwangerschaft z.B. verbunden mit der realen Gefahr eines frühen Todes. In Autobiografien der letzten 200 Jahre finden sich – gerade in Texten von Frauen – beständig Erzählungen darüber, dass sie z.B. gute Freundinnen sehr früh verloren haben – oder dass Männer ein zweites Mal heirateten, weil die erste Frau früh verstorben war, etc.

          Das Problem bei Flaßpöhler ist m.E. aber die phänomenologische Orientierung. Eine Grundidee der Phänomenologie ist es, die Subjekt-Objekt-Differenz aufzuheben: Meine Erfahrung eines Gegenstandes z.B. sei untrennbar zugleich MEINE Erfahrung (subjektiv) und eine Erfahrung DES GEGENSTANDES (objektiv).

          Was daran verkürzt ist, lässt sich leicht an einer anderen Unterscheidung zeigen, die etwa Luhmann häufig nutzt, an der zwischen Lebenswelt und System. Lebenswelt ist das Konkrete, die mir vertraute Welt meiner alltäglichen direkten Interaktion. Das System hingegen ist abstrakt – politische und institutionelle Strukturen, unendlich verlängerte Handlungsketten usw.

          Die Phänomenologie kann offensichtlich zur Beschreibung der Lebenswelt einiges beitragen, hat aber zum System faktisch nichts zu sagen. Das System entzieht sich ja gerade der leiblichen Wahrnehmung, die für die Phänomenologie so zentral ist.

          Deshalb habe ich im Text auch geschrieben, dass bei Flaßpöhler Herrschaftsverhältnisse überhaupt keine Rolle spielen. Das ist einerseits erleichternd, wenn es ein Gegengewicht zur Macht-Fixiertheit der #metoo-Bewegung bildet. Es ist andererseits aber auch verkürzend, weil es so vieles ausblendet – zum Beispiel die systematischen Benachteiligungen von Vätern, oder den enormen Finanztransfer von Männern zu Frauen.

          Es ist dann aber wiederum eine Verkürzung, die sich unschwer in die Position der bürgerlichen Ehefrau einpasst. Deren Anspruch war es nämlich auch, sich auf lebensweltliche Belange konzentrieren zu können und mit Zumutungen des Systems in Ruhe gelassen zu werden.

          • Die Kritik an der Phänomenologie finde ich toll – schön kurz auf den Punkt gebracht!

            Angeregt durch deine Aussagen zur „bürgerlichen Ehefrau“ hab ich mal nach der „proletarischen Arbeiterin“ in den 60gern gesucht – und nichts gefunden. Aus eigenem Erleben als Kind kannte ich nur die typische arbeitsteilige Welt der 50ger und 60ger: Frau macht den Haushalt, Mann geht arbeiten. Wie die Familienwelt damals aussah, zeigt sehr detailreich und dennoch kurz dieser Artikel:

            http://www.das-waren-noch-zeiten.de/familie.htm

            Mein Vater stand an der Hollerith-Maschine einer Behörde und verdiente am alleruntersten Ende der Besoldungsordnung. Alle Ausgaben im Haushalt wurden (von den Eltern gemeinsam) genau geplant, anders wäre es nicht gegangen. Immerhin gab es 1962 den ersten Italienurlaub, auf den das ganze Jahr gespart wurde.

            In heutigen Essays zum Thema Einkommensentwicklung finde ich auch immer wieder die Aussage, früher hätte „ein Einkommen gereicht“, um eine Familie zu ernähren. Das muss sich also auch auf Arbeiter im gewerblichen Sektor bezogen haben.

            Kurzum: Aus eigenem Erleben und dem, was ich dazu durch die Jahrzehnte gelesen/gesehen habe, geht hervor: die Hausfrauenehe war die Norm, nicht etwa nur Praxis einer privilegierten Minderheit.

            Dann mal was zu dem „enormen Finanztransfer von Männern zu Frauen“, der auf Männerblogs immer wieder angeführt wird. Frauen wir vorgeworfen, weniger zum Haushaltseinkommen beizutragen und und und…

            Ich kenne durchaus den Unterschied zwischen bereinigtem und unbereinigtem Gender Pay Gap und ärgere mich gelegentlich, wenn dazu undifferenzierte Statements kommen.

            ABER: All das verkennt den Fakt, dass Frauen (nicht alle, aber die Mehrheit) bis heute die meiste Care-Arbeit leisten: nicht nur in der Kindererziehung, sondern auch in der häuslichen Pflege der Eltern und Schwiegereltern. Diese Arbeit wird entweder gar nicht gesehen oder unterbewertet. Sofern sie teilweise professionalisiert ist, wird sie extrem schlecht bezahlt, obwohl wir alle darauf angewiesen sind, genau wie auf die Erwerbstätigkeit von Männern.

          • @Claudia
            Das ist sicherlich so, dass die Care-Arbeit zu einem grossen Teil von Frauen geleistet wird, aber man muss ja schlussendlich die gesamte unbezahlte Arbeit einberechnen und auch Männer machen eben unbezahlte Arbeit, einfach andere: vor allem handwerkliche oder technische unbezahlte Arbeit. Die wird aber vielfach nicht einberechnet. Ausserdem werden eben vielfach die Transferleistungen, die Frauen vom Partner erhalten oder vom Staat bekommen, nicht in die Rechnung einbezogen. Frauen bezahlen beispielsweise für das Gesundheitswesen viel weniger ein und erhalten doch viel grössere Leistungen. Das Gleiche gilt natürlich für das gesamte Steueraufkommen etc. Ich habe noch nie eine Gesamtrechnung gesehen, die wirklich alle Faktoren einbezieht, sodass man dann schauen könnte, was wirklich Sache ist.

          • Deine Kritik an der Phänomenologie finde ich toll – schön kurz auf den Punkt gebracht!

            Angeregt durch deine Aussagen zur „bürgerlichen Ehefrau“ hab ich mal nach der „proletarischen Arbeiterin“ in den 60gern gesucht – und nichts gefunden. Aus eigenem Erleben als Kind kannte ich nur die typische arbeitsteilige Welt der 50ger und 60ger: Frau macht den Haushalt, Mann geht arbeiten. Wie die Familienwelt damals aussah, zeigt sehr detailreich und dennoch kurz dieser Artikel:

            http://www.das-waren-noch-zeiten.de/familie.htm

            Mein Vater stand an der Hollerith-Maschine einer Behörde und verdiente am alleruntersten Ende der Besoldungsordnung. Alle Ausgaben im Haushalt wurden (von den Eltern gemeinsam) genau geplant, anders wäre es nicht gegangen. Immerhin gab es 1962 den ersten Italienurlaub, auf den das ganze Jahr gespart wurde.

            In heutigen Essays zum Thema Einkommensentwicklung finde ich auch immer wieder die Aussage, früher hätte „ein Einkommen gereicht“, um eine Familie zu ernähren. Das muss sich also auch auf Arbeiter im gewerblichen Sektor bezogen haben.

            Kurzum: Aus eigenem Erleben und dem, was ich dazu durch die Jahrzehnte gelesen/gesehen habe, geht hervor: die Hausfrauenehe war die Norm, nicht etwa nur Praxis einer privilegierten Minderheit.

            Dann mal was zu dem „enormen Finanztransfer von Männern zu Frauen“, der auf Männerblogs immer wieder angeführt wird. Frauen wir vorgeworfen, weniger zum Haushaltseinkommen beizutragen und und und…

            Ich kenne durchaus den Unterschied zwischen bereinigtem und unbereinigtem Gender Pay Gap und ärgere mich gelegentlich, wenn dazu undifferenzierte Statements kommen.

            ABER: All das verkennt den Fakt, dass Frauen (nicht alle, aber die Mehrheit) bis heute die meiste Care-Arbeit leisten: nicht nur in der Kindererziehung, sondern auch in der häuslichen Pflege der Eltern und Schwiegereltern. Diese Arbeit wird entweder gar nicht gesehen oder unterbewertet. Sofern sie teilweise professionalisiert ist, wird sie extrem schlecht bezahlt, obwohl wir alle darauf angewiesen sind, genau wie auf die Erwerbstätigkeit von Männern.

          • @ Claudia Dass in den 50er und 60er Jahren die Hausfrauenehe auch für ins Kleinbürgertum aufgestiegene Arbeiter zum Normalzustand wird, ist sicherlich ein Grund dafür, dass es für die proletarische Frauenbewegung keine Fortsetzung gab.

            Den Hinweis auf den Finanztransfer habe ich zunächst einmal ganz sachlich gemeint. Es ist nicht allein ein Transfer auf der persönlichen Ebene, sondern auch einer durch die Institutionen, über Steuern, Krankenversicherungsbeiträge, Rentenversicherungsbeiträge. Deshalb gehört das auch auf die Ebene des Systems.

            Mit Herrschaft hat das insoweit zu tun, als einzelne Männer gar nicht die Option haben, sich diesen Transfers zu verweigern. Es ist aber m.E. keine illegitime Herrschaft, weil nach meiner Einschätzung der größte Teil der Männer damit durchaus einverstanden ist. Zum Beispiel im Hinblick darauf, dass viele Frauen ja im Haus Arbeit verrichten.

          • @Claudia zuerst

            Du kannst nichts dafür, aber dein Beispiel ärgert mich, weil es natürlich deine BRD-Erfahrung absolut setzt, während konsequent ignoriert wird, dass es eine DDR-Geschichte gab, die völlig anders verlief.
            Der BRD-Feminismus ist letztlich Nutznießer des Versuchs, die DDR-Geschichte auszuradieren.

            Anders herum: deine BRD-Erfahrung – also quasi deine lebensweltlichen Bezüge, um in dem von Lucas erklärten Bild zu bleiben, hast du nur auf der Basis eines Klassenkompromisses erfahren können.

            Darauf bezieht sich „die Aussage, früher hätte „ein Einkommen gereicht“, um eine Familie zu ernähren“, nämlich eine von Gewerkschaften und Unternehmerverbänden in der BRD ausgehandelte (bzw. sehr engagiert erstrittene) Lohnhöhe.
            Diese Lohnhöhe hätte es ohne den rosa Elefanten am Verhandlungstisch, namens „real existierender Sozialismus“ nicht gegeben.

            Wenn du ein wenig genauer hinschaust, ist das Modell der „typisch arbeitsteiligen Welt der 50ger und 60ger: Frau macht den Haushalt, Mann geht arbeiten“ eine eingedeutsche Version des „american way of life“ – aber eine BRD Form von „Deutsch“.
            D.h. dieses
            Modell war bewusst als Gegenentwurf zum real-sozialistischen Modell gedacht, in der es ein Recht und eine Pflicht zur Arbeit für die Frau gab.

            Und stell dir meine Überraschung vor, wenn dominant Westfrauen genau die Parteien wählten, die ihnen dieses konservative Lebensmodell offerierten /sarcasm off.
            Hier haben wir das System der „Unterdrückung“ – gewählt von den Unterdrückendinnen.
            Schau dir die Zahlen nüchtern an, Claudia.
            Nach dem zweiten Weltkrieg – bei all den ermordeten Männern und denen, die noch in Kriegsgefangenschaft saßen – konnte sich auch nur eine einzige Partei in der BRD leisten, ernsthaft gegen Fraueninteressen zu handeln?

            Sie mussten etwas bieten, um Frauen in der BRD zu bestechen und diese Frauen haben sich bestechen lassen.
            Rentenreform, Ehegatten-Splitting, Junggesellensteuer, Mitversicherung in der KK, no fault divorce etc. pp.
            Ein Riesenbündel materieller Transfers in Richtung Frau; auf dem Elterngeld, Anrechnung von Erziehungszeiten bei der RK, Unisex-Versicherungen aufbauen etc. und die dies konsequent weiterführen.

            Das ist die SYSTEMperspektive.

            Dein Beispiel der „care-Arbeit“ ist für mich ein Witz.
            Es kann jemand nur und ausschließlich „care-Arbeit“ verrichten, wenn ihn vorher jemand durch Erwerbsarbeit freigestellt hat, diese Tätigkeit unentgeltlich zu verrichten.
            Jeder männliche oder weibliche Single weiß, Hausarbeit oder care-Arbeit ist unentgeltlich und muss zusätzlich zur Erwerbsarbeit verrichtet werden.

            Dein Beispiel ist im dreifachen Sinne konservativ, weil es traditionelle Paarbeziehungen voraussetzt, in der eine traditionelle Aufgabenteilung gibt.
            In der die traditionelle Frau beklagt, es fände keine „Wertschätzung“ ihrer Arbeit statt, die zugleich voraussetzt, es existiert ein „Familieneinkommen“ durch Erwerbsarbeit, zu dem ihr Beitrag (in der BRD) mangelhaft ist.

            Die Frage ist tatsächlich, wie viel ist „care-Arbeit“ eigentlich wert und damit verbunden: wie viel ist unqualifizierte Arbeit eigentlich wert, wenn es sich überhaupt um Arbeit handelt und nicht um eine beliebige Tätigkeit?!
            In der Regel maximal den Mindestlohn und ich glaube, eine Baby-Sitterin bekommt noch nicht einmal den.

            Als Marxist finde ich es bezeichnend, dass der Anspruch aus einer bürgerlichen Ehe auf die Hälfte des Familieneinkommens bei einem qualifizierten Ehepartner bei weitem das übersteigt, was die Tätigkeiten unqualifizierter „care-Arbeit“ auf dem Markt wert wären.
            Mann könnte sich – anders herum – nämlich auch überlegen, z.B. den Trennungsunterhalt gestaffelt nach dem Marktwert der weiblichen Tätigkeiten zu berechnen.
            Das wäre ein unangenehmes Erwachen für viele Frauen.

            Die lieben „linken“ Feministinnen, die diese idiotische Diskussion gerade initiieren, sollten in einer freien Minute – und frei von der üblichen Selbstgerechtigkeit – noch einmal überdenken, welchen Schwachsinn sie verzapfen, weil sie eine konservative Ideologie als Grundlage verwenden.

            Die Single-Haushalte in Großstädten wie Berlin oder Hamburg bilden inzwischen die Mehrheit der Haushalte.
            Preisfrage: warum zünden „linke“ feministische Ideologien nicht so richtig, die auf traditionellen, konservativen Partnerschaftsmodellen basieren?

            Egal für wie „links“ sich Frigga Haug und Konsorten (RLS, HBS) halten, sie sind der Wurmfortsatz konservativer Ideologie.

          • Die These, die Hausarbeit sei unbezahlt, ist ebenfalls falsch im Normalfall, daß ein Paar in Zugewinngemeinschaft lebt.

            Selbst ohne Zugewinngemeinschaft ist Hausarbeit niemals unbezahlt.
            Wenn die Frau nicht (oder weniger) arbeiten geht, lebt sie nämlich vom Einkommen ihres Mannes.

          • Dass zum Stichwort „Care-Arbeit“ schnell eine engagierte Diskussion entsteht, liegt m.E. auch an der Funktion, die dieser Begriff oft hat. Die Süddeutsche Zeitung z.B. schreibt:

            „Es gibt viel zu diskutieren. Nicht nur die Frage, warum die sozialen Berufe so schlecht bezahlt sind – sondern auch, warum der Großteil der unbezahlten Care-Arbeit – etwa Kindererziehung oder die Pflege kranker Angehöriger – von Frauen übernommen wird. Das führt nämlich dazu, dass Frauen häufiger als Männer Teilzeit oder gar nicht arbeiten – und auf den Gender Pay Gap ein Gender Pension Gap von 57 Prozent folgt, die Frauen also extrem viel weniger Rente bekommen als die Männer.“

            Also: Gerade WEIL Frauen an andere und nicht an sich denken, würden sie vom (offensichtlich männlich geprägten) System bestraft, würden weniger verdienen und weniger Rente erhalten. Implizit bedeutet das zugleich, dass Männer mehr bekämen, weil sie eher an sich selbst denken würden.

            Das ist natürlich eine Klischeeproduktion. Die SZ weist wie selbstverständlich den Zusammenhang nicht nach, den sie herstellt: Frauen könnten deshalb weniger gegen Entgelt arbeiten, weil sie sich mehr um Kinder und Alte kümmern. Das ließe sich selbstverständlich auch anders beschreiben: Frauen können unentgeltliche Arbeit verrichten, weil Männer für sie mitverdienen.

            Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die öffentliche, fast immer feministisch inspirierte Diskussion um Care-Arbeit erstens durch Geschlechterklischees geprägt ist (sorgende Frau, egoistischer Mann) und zweitens durch eine beliebige Vermischung von Marktlogik und Vermeidung der Marktlogik.

            Die Forderung nach einer Bezahlung bzw. Anrechnung der Care-Arbeit (die es ja schon gibt) ist eine Forderung danach, diese Arbeit in der Bezahlung der Erwerbsarbeit gleichzustellen, die über den Markt vermittelt wird. Zugleich wird diese Martvermittlung aber vermieden.

            Denn tatsächlich ist die Position einer Ehefrau, die ihr Leben ganz oder zu großen Teilen durch die Arbeit ihres Mannes finanzieren kann (und das betrifft einen Großteil der „Care-Arbeit“), gegenüber einer normalen Erwerbsarbeit ja erheblich bevorteilt.

            Es ist eine ungelernte Arbeit, mit der sonst auf dem Arbeitsmarkt wenig verdient werden könnte, die hier aber oft mit einem gehobenen Lebensstil verknüpft ist. Wenn der „Arbeitgeber“ – nämlich de facto der Mann, der die Arbeit finanziert – den Arbeitsvertrag löst (=Scheidung), muss er den Lohn trotzdem weiter zahlen, auch ohne weitere Gegenleistung. Ja sogar: Wenn die Arbeitnehmerin den Vertrag selbst löst, auch ohne Angaben von Gründen, muss dieser seltsame Arbeitgeber ihr den Lohn über Jahre hinweg weiter zahlen. Sie darf in der Regel sogar seine Kinder mitnehmen.

            Solche Bedingungen würden sich auf dem normalen Arbeitsmarkt natürlich nicht finden lassen.

            Eigentlich ist die Care-Arbeit also schlicht eine Arbeit, die nicht über den (Arbeits-)Markt vermittelt wird und die entsprechend auch nicht so bezahlt wird wie eine über den Arbeitsmarkt vermittelte Tätigkeit. Das ist grundsätzlich stimmig so und nicht nur mit Nachteilen, sondern auch mit erheblichen Vorteilen verbunden.

            Wenn wir fragen, warum Frauen so etwas machen, müssen wir also nicht unbedingt grenzenlosen Altruismus unterstellen, der Männern fremd wäre. Wir können außerdem fragen, warum Männer so etwas mitmachen. Warum z.B. soll ER arbeiten, damit SIE ihre Eltern pflegen kann? Würde sie das andersherum für ihn auch machen?

            Nach allen persönlichen Erfahrungen bin ich mir aber sicher, dass ein großer Teil der Männer mit diesem Arrangement durchaus einverstanden ist. Prinzipiell.

            Es kippt immer dort, wo der Staat vermeintliche Ungerechtigkeiten zu entdecken glaubt und beseitigen will – etwa in einem Scheidungsrecht, in dem der Partner, der stärker in der Erwerbsarbeit steht (oder: gerade WEIL er in der Erwerbsarbeit steht), regelmäßig erhebliche Nachteile erlebt. Daher ist die Skepsis auch berechtigt, wenn die Ungerechtigkeit der Care-Arbeit beklagt und staatliches Eingreifen gefordert wird.

          • @Lucas

            Das hier: „auf den Gender Pay Gap (folgt) ein Gender Pension Gap von 57 Prozent, die Frauen also extrem viel weniger Rente bekommen als die Männer.“ pisst mich richtig an.

            DDR-Frauen haben eine marginal geringere Rente als Männer mit der identischen Biographie.
            Der „Gap“ existiert also, weil BRD-Frauen weniger erhalten, weil sie weniger eingezahlt haben und das liegt daran, weil sie weniger gearbeitet haben.

            Dass sie weniger arbeiten konnten lag an dem Sack von Subventionen, die Männer bezahlt haben.
            Ob es das Ehegattensplitting war, das über die „Junggesellensteuer“ in Gestalt der Steuerklasse 1 finanziert wurde, die Krankenkasse, bei der die Ehefrau beim Ehemann „mitversichert“ war, was alle anderen KV-Mitglieder zu subventionieren hatten oder in der RV die „Witwenrente“, die es in einer umlagenfinanzierten RV gar nicht geben kann.

            Nur die konservative Rechtsprechung hat es ermöglicht zu „entdecken“, es hätte ihr Mann mit seinen individuellen RV-Beiträgen ein „Vermögen“ ansammeln können, welches vererbbar ist.
            Ist es eigentlich noch niemandem aufgefallen, dass es sich hier um einen fundamentalen Widerspruch handelt?
            Der Witz an der umlagenfinanzierten Rente ist, es wird eben nichts angespart.

            Die Idee, mit einer Einzahlung von 0 Euro in die RV müsste eine identische Auszahlung zu der von Männern erfolgen ist das bisher absurdeste Beispiel einer „equality of outcome“.

            Dass dieses aus der dummbratzigsten und -dreisteten Zeitung in Deutschland erfolgt ist, sollte nicht erstaunen.

          • Grundsätzlich ist es vollkommen blödsinnig, Begriffe wie „Care-Arbeit“ überhaupt zu verwenden. Damit soll irgendein Zusammenhang mit Erwerbsarbeit massiv suggeriert werden. Tatsächlich gibt es den überhaupt nicht.
            Natürlich kann ein sozialer Kontakt, noch dazu ein aktiv ausgeübter, durchaus mal anstrengend sein, egal ob das nun ein wöchentlicher Stammtisch, Squashabend, oder der Besuch bei Muddi ist.
            Das sind aber trotzdem Freizeitaktivitäten, also reine Privatsachen. Und die werden nunmal nicht von austauschbaren Kunden bezahlt.

            Das liegt in Punkto Versorgung von nicht vollfitten Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld nicht zuletzt auch daran, daß es sich prinzipiell um eine Art Renten- u. Versicherungssystem handelt, welches älter als jede Art von Geldwirtschaft ist. Es funktioniert nunmal nicht nach einem standardisierten Zahlungssystem, sondern im weitesten Sinne im idealistischen Ringtausch, oder einfach unter Investition von „Anstand“ auf Verdacht, in der Hoffnung damit ein gutes Vorbild abzugeben und dafür durch ungefähr adäquate Wertschätzung und Behandlung belohnt zu werden.

            Eben das geht Femis, welche bekanntlich den Hals nicht vollkriegen, gewaltig gegen den Strich. Denn familiäre Versorgungskultur ist ja ein traditionell überkommener Wert.
            Und, da ihnen die Familie per se stinkt, ist es naheliegend, eine Professionalisierung von sozialen Selbstverständlichkeiten zu pushen, um sie in der originären Form abzuschaffen. Mehr hochbezahlte Arbeitsplätze für studierte Sozialarbeiter aller Art sind ein Segen für die Dienstleistungsgesellschaft und sehen im BIP superschön aus.
            Vergrößern aber logischerweise das Elend für weite Bevölkerungsteile auf finanziellem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet erheblich.

            Denn irgendwer muß nicht nur z.B. die zu pflegenden Menschen, sondern auch deren Bearbeiter bezahlen. Sicherlich sollen das überwiegend die Männer und die durch die Sozialprofis „freigestellten“ Frauen tun. Schon bei den Kosten für einen Kindergartenplatz passt das aber oftmals schon nicht, da ist das von der Mutter halbtags dazuerarbeitete Geld einfach zu wenig. Ergo wird von Steuergeldern satt dazugeschossen.

            Also verbreitet man mit solchen Unworten Neid und Mißgunst, um die, die es sich leisten können, für ihre Leute da zu sein, gegen die aufzuhetzen, die das erwirtschaften, eben damit sie sich wenigsten diesen Rest von umfeldbedingter Wertschätzungs- u. Versorgungskultur überhaupt noch so ein wenig leisten können.‘

            Konsequenter nächster Schritt wäre, eine gerechtere Entlohnung von Freundschaftprostitution zu fordern. Weit weg sind wir davon nicht, die basalen Strukturen für diesen Industriezweig gibt es schon, er wurde nur noch nicht offen zum Streitgegenstand erhoben, da fehlen vermutlich noch ein paar Vorarbeiten bei der Begründungsfindung.

          • @Lucas Schoppe:
            „Dass in den 50er und 60er Jahren die Hausfrauenehe auch für ins Kleinbürgertum aufgestiegene Arbeiter zum Normalzustand wird, ist sicherlich ein Grund dafür, dass es für die proletarische Frauenbewegung keine Fortsetzung gab.“

            Gute Beobachtung, hatte ich bisher noch nicht so betrachtet.

            Aus woanders dargestellten Beobachtungen aus meinem persönlichen Umfeld (und dem, was ich in Darstellungen des Alltagslebens in historischen Epochen Europas gelesen habe), würde ich ableiten, dass die Ehefrau des Arbeiters (und auch die kleinbürgerliche Ehefrau, @crumar) für ihre in Haushalt, Nebenerwerbslandwirtschaft oder eigener, außerhäusiger Arbeit (Wäscherei?) geleistete Arbeit durchaus hohe Wertschätzung erhielt. In meiner Familie trifft das jedenfalls zu und ja, ich weiß dass die Mehrzahl von ‚Anekdote‘ nicht ‚Daten‘ ist… Aber dazumal dauerte allein das Anfeuern eines mit Kohle oder Holz betriebenen Herdes (meine Großeltern hatten einen solchen noch in den 70ern) mehrere Stunden! Den Ehemännern (jedenfalls meinen Großvätern) war völlig klar, dass sich Hemdkrägen nicht von allein stärken und Bett- oder Unterwäsche sich nicht von allein wäscht und erst recht nicht bleicht, die kaputten Klamotten sich nicht selbst nähen oder dass das Mittagessen, welches um Punkt 12 Uhr auf dem Tisch stehen mußte, sich nicht selbst zubereitete. In diesen Familienstrukturen wurde von allen Mitgliedern der Großfamilie mitgearbeitet, wozu und soviel man eben beitragen konnte. Und wenn gebrechliche Uromas
            gepflegt werden mußten (‚Care-Arbeit‘), dann wurde das zwischen Kartoffeln schälen und Obst einkochen eben noch miterledigt. Ein ’sich drücken‘ war da nicht drin.

            Daher erhielten auch alle Mitglieder der Großfamilie (gleiche) Wertschätzung, und Freizeit gab’s nach Einbruch der Dunkelheit sowie Sonntags nach der Kirche.

            Die Verhältnisse im Bürgertum waren aber anders: Die Wäsche kam in die Wäscherei (okay, hinbringen und abholen mußte man die schon noch selbst), kaputte Kleidung bekam die Näherin, Arbeit auf dem Grundstück erledigte der Gärtner und oft, insbesondere vor dem ersten Weltkrieg, wurden
            Hausmädchen bezahlt, die bei der Hausarbeit unterstützten. Sogar Reisen konnte man, wenn auch üblicherweise innerhalb Deutschlands und mit dem Zug, was in meiner Großelterngeneration völlig undenkbar gewesen wäre („HOTELZIMMER???!!! Von welchem Geld sollen wir das bezahlen?? Und wer kümmert sich um die Hühner/das Gemüse/die Apfelernte….“).

            In der Nachkriegszeit, also der Generation meiner Eltern, änderte sich das jedoch: durch höhere Löhne hatte Nebenerwerbslandwirtschaft plötzlich keinen Grenznutzen mehr, Waschmaschinen, Staubsauger und – in den 80ern – Wäschetrockner machten die härteste Hausarbeit und sogar das erste Auto und den ersten Italienurlaub konnte man sich auch in der unteren Mittelschicht plötzlich leisten.

            Damit hatte sich aber vor allem die Rolle der Arbeiter-/KleinbürgerEHEFRAU gewandelt: an ihre 20 Jahre früher noch bitter benötigten Arbeitskraft bzw. -leistung war nun Freizeit getreten bzw. sie konnte – genau wie die (groß-)bürgerliche Frau früher schon – sich nun mit Handarbeiten (Pullis stricken, feine Tischdecken sticken oder Wandbehänge knüpfen) oder Literatur und Musik beschäftigen. Mit anderen Worten, sich selbst verwirklichen. Während ihr Ehemann immer noch
            in Stahlwerk und unter Tage dieselbe Arbeit verrichtete wie vor dem Krieg, und der Sohn eventuell sogar ‚ins Büro‘ aufgestiegen war.

            Nach meiner Ansicht hat zur Befreiung der Frau (sic! von der harten Hausarbeit nämlich) die Technisierung der Hausarbeit
            deutlich mehr beigetragen als sämtliche politischen Strömungen zusammengenommen. Feminismus? Pah. Waschmaschinen!

    • „Aber die meisten Männerrechtler von heute gieren offenbar derart nach einem winzigen Leckerli, dass sie selbst solch schmalbrüstiges Geschwafel noch als männerfreundliche Philosophie etikettieren.“

      Diesen Verdacht habe ich auch. Wobei Schoppe ja deutliche Kritik an dem Buch geäußert hat.

      • Ich habe jetzt Lucas‘ Text auch nicht als erleichterte zur Kenntnisnahme ausufernder Männerfreundlichkeit gelesen. Ich lese da vielmehr heraus, dass er darin erhebliche Widersprüche festgestellt hat, die wohl darauf beruhen, dass sich Frau Flaßpöhler durchaus glaubhaft von schädlichen bis teils offen menschenverachtenden Tendenzen der feministischen Ideologie distanzieren will, ohne dabei aber die grundlegenden Dogmata eben dieser Ideologie hinterfragen zu wollen. Sie liefert Kritik immer nur so weit, dass nicht etwa am Ende noch Fundamente des eigenen Weltbildes dabei in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Sie übt Kritik, an dem, was ihr nicht gefällt, vermeidet aber eine zu tiefgreifende Analyse, welche eventuell Schlussfolgerungen hervorbringen könnte, die ihr noch weniger gefallen (wie z. B. der, dass die Existenz eines Patriarchats sowohl empirisch als auch im Erleben der alltäglichen Realitäten jedes einzelnen Menschen nicht wirklich plausibel dargelegt werden kann). Zum Teil hat es was von Rationalisierung, was erfahrungsgemäß selten abläuft, ohne sich in Widersprüche zu verstricken.

        Man könnte fast sagen, ihr klebt die rote Pille schon an der Zunge, aber sie versucht sie verzweifelt wieder auszuspucken.

        • @ Billy „Man könnte fast sagen, ihr klebt die rote Pille schon an der Zunge, aber sie versucht sie verzweifelt wieder auszuspucken.“ Das kann auch daran liegen, dass jemand stillschweigend bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, um überhaupt zum etablierten „Geschlechter-Diskurs“ zugelassen zu werden. Das lässt sich auch an der verlinkten Rezension von Denis Scheck zeigen. Bevor der überhaupt etwas zu dem Buch sagt, macht er erstmal pflichtschuldig klar, dass er natürlich für Gleichberechtigung sei, etc.

          Das ist offenkundig verbunden mit der stillschweigenden Voraussetzung, wir würden in einer Männerwelt leben, die grundsätzlich unfair gegenüber Frauen wäre. Ganz gleich, was also jemand später sagen möchte: Erst einmal muss er klar machen, dass er SELBSTVERSTÄNDLICH davon überzeugt ist, Frauen müssten gegen die Unfairness der Männerwelt geschützt werden.

          Daher hatte ich auch geschrieben, dass die Rede von einer „Männerherrschaft“ oder einem „Patriarchat“ so etwas wie eine Eintrittskarte ist, die jemand vorzeigen muss, um überhaupt zum Diskurs zugelassen zu werden. Das erklärt auch, warum als Begründung dann regelmäßig so wenig kommt, und fast nie etwas Differenziertes (Führungspositionen sind von Männern besetzt, Gender Pay Gap etc pp).

          Vom „Patriarchat“ zu reden, ist eine abzuleistende Formalität. Kein Beitrag zur Debatte selbst, sondern eine Bedingung, um überhaupt mitreden zu können. Daher hat es auch kaum einen Sinn, dagegen zu argumentieren: Denn wer gegen die Idee eines „Patriarchats“ argumentiert, zeigt allein damit schon, dass er gar kein satisfaktionsfähiger Diskursteilnehmer ist.

          • @Lucas „Das kann auch daran liegen, dass jemand stillschweigend bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, um überhaupt zum etablierten „Geschlechter-Diskurs“ zugelassen zu werden.“

            Eine zentrale Beobachtung. Voraussetzungen sind nicht nur die Verwendung bestimmter Demutsbekundungen für die herrschende Ideologie, sondern auch ganz profan eine Machtposition im Partei- und/oder Medienbetrieb und – Überraschung – persönliche Ausstrahlung und Auftritte im Medienzirkus. Wenn ich Zeit habe, schreibe ich am WE dazu etwas auf (bin im Moment ziemlich eingespannt).

          • @ Lucas
            Das steht natürlich außer Frage und könnte natürlich die Frage aufwerfen, wie viel von dem, was dort zu Widersprüchen führt, tatsächlich auf dem festen Glauben Frau Flaßpöhlers beruht und wie viel am Ende nichts anderes ist, als eine Art präventiver Kotau.

            Aber gerade diese Strukturen finde ich ja so extrem problematisch, weil sie (absichtsvoll) tatsächlicher Aufklärung und (in diesem Kontext) einer nicht von ständiger Einseitigkeit und misandrischen Ressentiments geprägten „Geschlechterdebatte“ im Wege stehen.

            Hier zeigen sich die Parallelen zwischen der hier zugrunde liegenden Ideologie und religiösem Dogmatismus.

            Auch Wissenschaftler waren im Mittelalter strikt daran gebunden, ihre Erkenntnisse stets mit dem Weltbild der Kirche in Einklang zu bringen. Veröffentlichte jemand Dinge, die die mannigfaltigen Dogmata des Christentums ins Wanken hätten bringen können, begab er sich zu der Zeit gar noch in absolute Lebensgefahr. Wer heutzutage prominent feministische Dogmata hinterfragt, muss in der Regel „nur“ öffentliche Diffamierung und Ausgrenzung befürchten.

            Zu was das damals geführt hat, weiß wohl fast jeder. Exemplarisch mal die Sternenkunde: Im Mittelalter befassten sich auch abseits von Copernicus viele Leute mit dem Aufbau unseres Sonnensystems und den Planetenbahnen. Da aber der Glaube an eine zentrale göttliche Schöpfung mit dem Menschen als Krönung im Widerspruch dazu stand, dass die Erde nichts anderes ist, als einer von vielen runden Planeten, der um ein Zentralgestirn kreist, mussten sie ihre Beobachtungen immer in die Grundannahme eines geozentrischen Systems einfügen. Dies führte zu vollends absurden Planetenbahnen, voller Schlenker und Schleifen, weil die sich ebenfalls ständig verändernde Position der Erde selbst in Relation zu den Konstellationen der anderen Planeten auf keinen Fall Berücksichtigung finden durfte.

            Ich finde, da entsteht auch ein wunderbares Gleichnis zu den heutigen „Geschlechterdebatten“. Da werden ständig „Erkenntnisse“ in den Raum geworfen, die so (für jeden, der sich nur mal ein Bisschen damit beschäftigt) unterkomplex bis vollends weltfremd sind, dass man sich fragt, wie jene, die das raushauen, überhaupt noch selbst daran glauben können, ganz zu schweigen von Politikern und Medienmachern, die diesen Schwachsinn pflichtbewusst nachseiern.

            Der Versuch, Erkenntnisse zu gewinnen, dabei aber von vornherein in der Regel nur auf Basis von lobbyistischen Behauptungen aufbauenden, keinesfalls zu hinterfragenden „Grundannahmen“ auszugehen, kann einfach nur in Unsinn münden. Unsinn wie z. B. die meist unbeholfenen Versuche, zumindest retrospektiv die Annahme eines männerbevorzugenden Patriarchats im Sinne von „Männerherrschaft“ für mindestens frühere Massengesellschaften gegen etwa Einwände zu rationalisieren, warum es dann aber ausgerechnet die Angehörigen des vermeintlichen Herrengeschlechts waren, die, über die Menschheitsgeschichte hinweg, zu Milliarden per staatlichem Zwangsdekret in den Tod auf Schlachtfeldern geschickt worden waren, während angehörige des vermeintlich unterdrückten Geschlechts immerzu von dieser ultimativen Form maximalentmenschlichender Entrechtung verschont geblieben sind. Da kommen dann verlässlich nur Hohlphrasen, wie ein auch Männer schädigendes Patriarchat, aber dass allein schon die bloßen quantitativen Verhältnisse zwischen herrschenden Männern und Männern ohne sogar ein Recht auf unversehrtes Leben (was es im Übrigen in der klaren Mehrheit auch der heutigen und auch westlichen Gesellschaften immer noch gibt; in Deutschland letztlich auch immer noch so im GG verankert) eigentlich mehr als deutlich darauf hinweisen, dass es da weit mehr zu geben scheint als nur Männer vs. Frauen, das wird zugunsten des bloßen Glaubens gezielt ignoriert.

            Aber was ein Wenig hoffnungsvoll stimmt, ist die Tatsache, dass selbst so repressive Systeme wie das fundamentalistische Christentum des Mittelalters in dieser Form überwunden werden konnten und wohl auch dieser abstruse Spuk irgendwann (evtl. erst nach unser aller Lebensspanne) ein Ende finden wird… und dem nächsten irrationalen Nonsens Platz macht. 😉

          • @Claudia:

            »Im verlinkten ZEIT-Interview spricht Flaßpöhler vom „Post-Patriarchat“«

            Aus dem Interview wird aber auch klar, wie sie das meint: »Rechtlich ist das Patriarchat vorbei.« Kulturell besteht es ihrer Meinung nach fort – neu ist nur, dass sie den Feminismus an dieser kulturellen Reproduktion beteiligt sieht:

            »Weil ich zeigen möchte, inwiefern der Hashtag-Feminismus patriarchale Denkmuster reproduziert.«

            Und an dem Punkt denkt sie eben nicht wirklich radikal: weil man m. E. zeigen kann, dass bereits die seit der Frühaufklärung entstandenen bürgerlichen Rollenmuster selbst »post-patriarchal« sind – was wiederum nicht ausschließt, dass sie dennoch geschlechtsspezifisch rigide gewesen sind. Aber diese Rigidität schließt eine moralische Aufwertung der Frau und eine moralische Abwertung des Mannes mit ein, zudem verändert sich das Idealbild des Mannes vom souveränen Krieger zum angepassten Marktteilnehmer. Statt »patriarchaler Herrscher« ist er vielmehr der Inbegriff des entfremdeten Menschen, und obendrein wird mit der neuen Moral der »Empfindsamkeit«, die seit der Weimarer Klassik auch für den Mann gefordert wird, bereits damals die Idealvorstellung des »Neuen Mannes« (das »Weichei«!) propagiert.

            Insbesondere die Merkmale der moralischen Überhöhung der Frau und der völlig selbstverständlichen Funktionalisierung des Mannes in seinen Berufsrollen wird vom Feminismus uneingestandenermaßen beerbt statt kritisiert. Die bürgerliche Gesellschaft »patriarchal« zu nennen verschleiert dabei sehr komfortabel, wie sehr der Feminismus auf diesen bürgerlichen Rollenmodellen aufbaut und von ihnen zehrt anstatt sie zu überwinden.

            Das hat Flaßpöhler nicht durchschaut, wenn sie in diesem Kontext selbst den Patriarchatsbegriff verwendet.

          • @Billy Coen:

            »Dies führte zu vollends absurden Planetenbahnen, voller Schlenker und Schleifen, weil die sich ebenfalls ständig verändernde Position der Erde selbst in Relation zu den Konstellationen der anderen Planeten auf keinen Fall Berücksichtigung finden durfte.«

            Kleiner Einwand am Rande (bei sonstiger Zustimmung): die Epizykeltheorie stammt selbst schon aus der Antike und ist nicht erst das Produkt des christlichen Dogmatismus.

          • Danke @ djadmoros für den Hinweis. Mir war tatsächlich nicht bekannt, dass es bereits in der Antike derartige Vorstellungen von Planetenbahnen gab.

            Was ich dann wiederum einwenden möchte, ist, dass diese aber wohl eher dadurch entstanden, dass den Astrologen etwa im alten Griechenland aufgrund der noch vergleichsweise geringen Kenntnisse über die Erde und das Sonnensystem ein Stück weit die Vorstellungskraft fehlte, sich eben dieses System so auszumalen, wie es nun mal besteht. Zumindest fällte es mir schwer, mir vorzustellen, dass sich griechische Astrologen aufgrund sozialer oder religiöser Zwänge zu derlei Modellen genötigt sahen, berücksichtigt man einmal, welche Rolle gerade Wissenschaftler und Philosophen des alten Griechenlands für die Menschheitsgeschichte spielten und zu was für bahnbrechenden Gedanken und Erkenntnissen sie bereits zu ihrer Zeit gelangt waren.

            Im Mittelalter gab es allerdings tatsächlich zahlreiche Männer, die schon teils recht klare Vorstellungen vom Sonnensystem hatten und dieses in, unter Berücksichtigung der recht primitiven Mittel, die ihnen zur Beobachtung zur Verfügung standen, wahrlich erstaunlich genauen Modellen darstellten. Einzig die genaue Form der Umlaufbahnen bereitete ihnen noch Probleme. Da sie von einer perfekt runden Umlaufbahn und immer stetig gleichen Umlaufgeschwindigkeiten ausgingen, passten dann die tatsächlichen Positionen der Planeten zu bestimmten Zeitpunkten doch nie so ganz genau zu ihren Berechnungen. Es dauerte dann doch noch eine Weile, bis man dahinterkam, dass die Umlaufbahnen elliptisch und die Planeten partiell mal schneller, mal langsamer unterwegs sind.

            Diese Modelle allerdings hielten sie größtenteils in ihren Kämmerlein unter Verschluss, weil sie wussten, dass ihnen bei Bekanntmachung Verfolgung, Folter und u. U. gar der Scheiterhaufen drohten. Es ist wenig überraschend, dass erst zu Zeiten der von Firenze ausgegangenen Renaissance speziell in Italien Wissenschaftler wie der bereits erwähnte Copernicus mit ihren revolutionären Theorien an die Öffentlichkeit kamen, denn das war eine Zeit, in der einflussreiche, wohlhabende Familien wie die Florentiner Medici Künstler und Wissenschaftler förderten und ggf. vor der Willkür des Vatikans, soweit es ihnen möglich war, in Schutz nahmen. Die Gefahr für „gotteslästerliche“ Querdenker war zwar immer noch groß, aber es gab zumindest Hoffnung. Leider folgte auf diese Epoche bekanntlich ein massiver, radikalreligiöser Backlash, vor allem in Firenze, der Wiege der italienischen Renaissance, aber die Aufklärung war zum Glück nicht mehr durch Kleriker und Inquisitoren gänzlich in den Griff zu bekommen, wie wir heute wissen.

            Was ich dabei immer bemerkenswert finde: wie die Menschheit, obwohl es so mannigfaltige Beispiele für eigentlich fast alles in unserer Geschichte gibt, doch immer wieder denselben Käse in nur geringfügig anderer Form wiederholt. Wir wissen, dass öffentliche wie informelle Denkverbote nie zu etwas langfristig erbaulichem führen, aber dennoch tauchen sie immer wieder in unterschiedlichsten Gestaltungen auf. Wir wissen inzwischen, dass es falsch ist, Menschen aufgrund von biologischen oder ethnischen Faktoren Eigenschaften zuzuschustern und sie danach zu beurteilen und dennoch feiern Dinge wie Intersektionalismus, welcher genau das tut, gerade Hochkonjunktur; und das ausgerechnet vor allem in Universitäten, die eigentlich die geistigen Eliten der Zukunft ausbilden sollten.

            Das Verfallen in dogmatische Sichtweisen, die immer wieder nur alter Wein in neuen Schläuchen sind und die damit verbundene Weigerung, diese Sichtweisen an neue, widersprechende Erkenntnisse anzupassen, sondern stattdessen die Erkenntnisse so zu framen, dass sie wieder irgendwie ins Weltbild passen, das scheint doch tatsächlich sehr tief in der menschlichen Natur verwurzelt zu sein.

          • Der Gedanke, dass möglicherweise die Erde um die Sonne kreist, der wurde schon von Aristarchos von Samos (geb. 310 v.Chr.) vertreten. Die Parallaxe – scheinbare Verschiebung eines Objekts vor dem Hintergrund – konnte aber nicht nachgewiesen werden. Aristarchos begründete dies (richtig) mit der grossen Distanz zu den Fixsternen, die den Nachweis zur damaligen Zeit verunmöglichte. Er setzte sich aber damit nicht durch.

        • @Billy Coen:
          „Was ich dann wiederum einwenden möchte, ist, dass diese aber wohl eher dadurch entstanden, dass den Astrologen etwa im alten Griechenland aufgrund der noch vergleichsweise geringen Kenntnisse über die Erde und das Sonnensystem ein Stück weit die Vorstellungskraft fehlte, sich eben dieses System so auszumalen, wie es nun mal besteht.“

          Ich denke eher, dass das mit selbstgeschaffenen Prämissen der antiken Theoriefindung zu tun hat. Planetenbahnen mußten einfach kreisförmig sein, weil eine Kugel ein ‚perfekter‘ Körper war und (IIRC) lt. Aristoteles alles oberhalb der Sphäre (‚Sphärenmusik‘!) des Mondes perfekt sein mußte (und auch nicht aus den vier Elementen Feuer, Erde, Luft und Wasser, sondern aus dem fünften Element ‚Quintessenz‘ oder ‚Äther‘ zu bestehen hatte. Also nicht sooo weit weg vom christlichen Dogmatismus…)

          Die antike Naturphilosophie war im Allgemeinen bei weitem nicht so Empirie-orientiert wie die dann in der Renaissance entstehende moderne Naturwissenschaft.

          • Ich denke eher, dass das mit selbstgeschaffenen Prämissen der antiken Theoriefindung zu tun hat. Planetenbahnen mußten einfach kreisförmig sein

            Das ist sicher ein wesentlicher Grund für die Dogmatik, die bis ins späte Mittelalter fort bestand. Ein zweiter, eben so wesentlicher Grund ist Autoritätsgläubigkeit. Was Aristoteles und Ptolemaios sagten und schrieben, das galt schlicht als wahr.

  • Flaßpöhler hat ein Büchlein geschrieben mit ein paar Sätzen drin, denen ich beim Lesen sofort zustimmen konnte. Doch im Kern ist die Feministin Flaßpöhler lediglich bemüht, den eklatanten Widerspruch des 3. Welle Femismus – Frauen können alles vs. Frauen sind IMMER Opfer der herrschenden Verhältnisse zu korrigieren, indem sie die starke Frau als Zielbild ausruft, die ihre Kraft aus der Selbstermächtigung gewinnt.

    Das einige Kommentatoren und auch Du Lucas u.a. DARAUS (dem Büchlein) den Optimismus ableiten, es könnte eine Veränderung in Gang kommen, kann ich nur schwer nachvollziehen.

    Ich kann wirklich an keiner Stelle erkennen, weshalb Frauen die ihnen gesellschaftlich zugestandenen Privilegien aufgeben sollten. Es sitzt sich doch sooo gut auf dem hohen Ross.

    Es ist unstrittig, dass sich innerhalb einer Generation deutlich mehr Frauen fortpflanzen als Männer der gleichen Generation (gilt nicht nur für die Kriegsgeneration!). Doch die Männer nehmen es scheinbar leichtschultig hin, dass sie keine reproduktiven Rechte besitzen. Außerdem hat sich an der rechtlichen Schlechterstellung des Vaters mit Blick auf seine eigenen Kindern die letzten Jahrzehnte doch rein gar nix geändert! Trotz der vielen um ihre Kinder kämpfen Väter in den Generationen vor uns.

    • „Doch im Kern ist die Feministin Flaßpöhler lediglich bemüht, den eklatanten Widerspruch des 3. Welle Femismus – Frauen können alles vs. Frauen sind IMMER Opfer der herrschenden Verhältnisse zu korrigieren, indem sie die starke Frau als Zielbild ausruft, die ihre Kraft aus der Selbstermächtigung gewinnt.“

      Würde ich auch so sehen.

    • @Thomas @Jochen

      Darf ich euch beide bitte darauf hinweisen, dass es einen fundamentalen Unterschied zum Verlauf der angelsächsischen und schwedischen #metoo-Kampagne und der französischen sowie deutschen gibt?

      Hier gab es mit Dieter Wedel lediglich einen Versuch, einen prominenten Mann allein durch massive Vorwürfe in einer Zeitung auszulöschen.
      Es gab früh Widerspruch durch Deneuve und ihre verbündeten Frauen (übrigens wenig erstaunlich viele Kuratorinnen darunter) , Thomas Fischer hat den Versuch der SZ souverän konterkariert, auf telepolis wurde der rosa Elefant im Raum, nämlich quid pro quo-deals thematisiert.
      Flaßpöhler wiederum wird medial der Raum eröffnet zu kritisieren, warum die intersektionale Opfer-Olympiade Frauen schadet und „patriarchale“ Denkmuster reproduziert.
      Kein Twitter-Mob fordert ihre Entlassung oder schaltet auf Dauerempörung.

      Die Kampagne ist trotz Daueranstrengung der beteiligten Medien in Deutschland nicht nur politisch ins Leere gelaufen, sondern hat völlig unerwartet Kritik von mehreren Seiten erfahren, die von vielen Kommentatoren auch noch unterstützt worden ist.
      Richtig überraschend war eben, dass auch viele Frauen engagiert widersprochen haben.

      In diesem politischen Kontext sehe ich den Text von Flaßpöhler.
      Sicher Karen Straughan hat wesentlich früher engagiert für uns Partei ergriffen. Aber Karen ist eben Karen.

      Ihr Ansatz, aus einer emanzipierten Frauenperspektive zu argumentieren, dass die Opfer-Perspektive beizubehalten Frauen bereits jetzt schadet, orientiert sich an dem universalistischen Maßstab der Emanzipation.
      Nicht an dem zentralen Interesse des intersektionalen Feminismus, ihr Machtspielchen fortzuführen, um durch moralische Erpressung an Macht und Ressourcen zu gelangen.

      Das wieder in das Bewusstsein transportiert zu haben rechne ich ihr hoch an. Gemessen an diesem strategischen, höheren Ziel ist die Taktik des intersektionalen Feminismus erbärmlich und niedrig.

      • @crumar: ich laboriere seit einiger Zeit an einem Blogpost über das mediale Phänomen Flaßpöhler herum, in dem Deine Bemerkungen zentrale Punkte sind, neben einigen anderen. Ich hoffe, ich bekomme das noch fertig.

        Frage an alle: Kannte irgendwer Flaßpöhler schon vor der metoo-Kampagne, insb. zu Themen in der Geschlechterdebatte?

  • Großartig und vielen Dank!

    Darf ich diese Analyse als Rezension bei Amazon veröffentlichen (bzw, wenn Du dort einen Account hast, kannst Du das ja machen)?

    Liebe Grüße Andi

  • Off topic: Open Thread?
    Dieser Kommentar bezieht sich nicht auf den obigen Beitrag, ich wollte ihn ausnahmsweise trotzdem hier veröffentlichen, da der Beitrag ja bereits relativ ausgiebig kommentiert worden ist. Ich hätte diese Nachricht auch direkt an Lucas schreiben können, wollte die Idee aber gerne auch anderen Lesern dieses Blogs vorstellen:

    Wie wäre es, vielleicht einmal im Monat einen Open Thread zu veröffentlichen, in dem jeder Links und Gedanken teilen kann, die für das Thema des Blogs relevant sind?

    Das würde den Blog etwas erweitern und öffnen. Mein Vorbild ist hier der Blog Moon of Alabama, der sich mit geopolitischen und medienkritischen Themen beschäftigt und den ich sehr empfehle (http://www.moonofalabama.org/). Ein Open Thread-Beitrag könnte nach diesem Muster so aussehen, dass Lucas zunächst noch einmal die Blogbeiträge des Monats auflistet. Bei Bedarf können unter einem Listenbeitrag neuere Entwicklungen zum im Beitrag behandelten Thema benannt und Links plaziert werden. Der Beitrag könnte mit einem Vermerk dazu enden, dass die Kommentarsektion als Open Thread gedacht ist. Ich wollte die Idee kurz vorstellen, da man ja manchmal relevanten Phänomenen begegnet, die in den Beiträgen des Blogs noch nicht behandelt worden sind und die man nicht sinnvoll als Kommentar zu einem bestimmten Beitrag behandeln könnte. Ein regelmäßiger Open Thread könnte diesen Blog mehr zu einem offenen Forum machen. Ist am Ende natürlich Lucas‘ Entscheidung, ob das überhaupt in das Konzept passt. 🙂
    DIe Schrift im Kommentarbereich würde ich übrigens einen Tick kleiner stellen.

    • @ Martin Vielen Dank für den Hinweis, und für die Anregung!

      Ich hatte hier im Blog mal einen Monatsrückblick, den ich aber irgendwann nicht mehr weiter geführt hatte, weil die Zusammenstellung der Texte viel Zeit beanspruchte und ich einfach nicht mehr dazu kam. Mark hat hier eine ganze Weile einen Wochenrückblick veröffentlicht, der m.W. auch sehr arbeitsintensiv war, mit Links und kurzen Kommentaren auf verschiedene Blogs. Darüber habe ich immer wieder gute Hinweise bekommen, aber in den Antworten kamen dann relativ wenig weitere Empfehlungen.

      Gut finde ich, was Geschlechterthemen angeht, den „Selbermach Samstag“ und den „Selbermach Mittwoch“ im Blog Alles Evolution. Das hat Christian sich, soweit ich sehe, von der „Mädchenmannschaft“ abgeschaut. Hier besteht dann der Kommentarstrang wesentlich aus Hinweisen aus Hinweisen und Links auf empfehlenswerte Texte.

      Einen monatlichen Rückblick fand ich aber eigentlich gut, weil ich es sinnvoll finde, regelmäßig mal kurz zurückzublicken. Vielleicht ließe sich das mit einem Kommentarstrang verbinden, in dem Leser den Text verlinken, der für sie im Monat jeweils der wichtigste war. Auf diese Weise würde, wenn es denn klappt, ein ganz gutes Archiv entstehen. Ich denke mal darüber nach.

Leave a Comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.