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Linker Rassismus

geschrieben von: Lucas Schoppe

Es gibt tatsächlich keinen „umgekehrten Rassismus“. Was als umgekehrter Rassismus erscheint, ist schlicht eine Spielart des Rassismus. Auch die Rede davon, dass es keinen Rassismus gegen privilegierte Gruppen gegen könne, wiederholt eben die rassistischen Strukturen, die zu beschreiben sie vorgibt: sogar Strukturen eines traditionellen weißen Rassismus. Die Diskussion um Sarah Jeong und die New York Times ist dafür ein deutliches Beispiel.

 

Nein, das ist kein Rassismus

Würde es eine Umfrage geben, welche Tageszeitung weltweit die wichtigste und beste ist, wäre die New York Times Favorit. Besonders ihre Kolumnisten prägen das Bild der Zeitung: Paul Krugman beispielsweise erhielt 2008 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, Thomas Friedman war selbst im fernen Deutschland verbindliches Abiturthema. Schon längst ist die Zeitung hier auch in die Literaturgeschichte eingegangen: Uwe Johnson strukturiert sein gigantisches Hauptwerk „Jahrestage“ an der täglichen New York Times-Lektüre seiner Protagonistin Gesine Cresspahl.

Gerade ist die Vorzeigeinstitution des weltweiten Journalismus selbst, wieder einmal, zum Nachrichtenthema geworden. Die Zeitung berief die Journalistin Sarah Jeong – geboren in Südkorea, als Dreijährige mit der Familie in die USA immigriert, hat sie studiert in Berkeley und Harvard – als Kolumnistin in ihr Editorial Board. Unglücklicherweise war Jeong nicht nur bei Forbes, dem Guardian, Vice und der New York Times tätig, sondern auch auf Twitter. 

Dort hat sie über viele Jahre hinweg Tweets veröffentlicht, die verachtungsvoll, gewaltvoll und höhnisch gegen „white people“ gerichtet sind. Der Journalist Nick Munroe hat sie gesammelt  – und schon die schiere, unüberschaubare Menge erweckt den Eindruck einer Obsession mit krankhaften Zügen. Ich wollte eine kleine Auswahl hier übersetzen, aber obwohl ich schon stark selektiert hatte, sammelten sich so viele Beispiele an, dass sie etwa ein Drittel des gesamten Textes hier eingenommen hätten. Deshalb habe ich sie im Eingang zum Artikel in einem Bild zusammengefasst.

Nein, das ist kein Rassismus, sondern einfach Sarah Jeongs bunte Welt.

Schon die beunruhigende Menge der Tweets macht die Entschuldigung der New York Times unglaubwürdig, Jeong habe sich lediglich gegen Belästigungen im Netz gewehrt, denen sie als junge asiatische Frau ausgesetzt sei. Das feministische Magazin Jezebel empört sich gleichwohl rollengerecht darüber, dass die New York Times, überhaupt eine Erklärung für nötig hielt, behauptet ebenfalls, dass Jeong sich lediglich gegen rassistische Trolle gewehrt hätte, und übersieht dabei praktischerweise deren Aggressionen gegen weiße Linke und weiße Feministinnen, die ohnehin nicht recht ins Bild gepasst hätten.

Was aber ist Rassismus eigentlich? Die europäische Kommission definiert Rassismus, ähnlich wie die UNO, als

„die Überzeugung, dass ein Beweggrund wie Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion, Staatsangehörigkeit oder nationale oder ethnische Herkunft die Missachtung einer Person oder Personengruppe oder das Gefühl der Überlegenheit gegenüber einer Person oder Personengruppe rechtfertigt“.

In ihrer Obsessivität, ihrer unverhohlenen, nach rassischen und biologistischen Kriterien verteilten Verachtung, ihrer Unterordnung von Individuen unter Gruppen, ihrer demonstrativen Empathielosigkeit und ihrem ausdrücklichen Vernichtungswunsch liefert Jeong also ein Lehrbuchbeispiel für Rassismus. Wie aber ist es möglich, dass Menschen dieses Beispiel sehen und behaupten können, was sie schreibe, habe nichts mit Rassismus zu tun, sondern sei lediglich eine Reaktion oder eine Parodie auf den Rassismus anderer?

 

Jammernde zerbrechliche alte weiße Männer

Der Journalist Till Raether erklärt im Beitrag Hört auf zu jammern, alte weiße Männer für das Magazin der Süddeutschen Zeitung, dass eine Rassismus-Definition wie der EU-Kommission oder der UNO „völlig überholt“ und „schädlich“ sei, und hält dagegen, wie „die Soziologie Rassismus definiert“.

Die Soziologie“ ist bei Raether die amerikanische Soziologin Robin DiAngelo, die ein Buch über White Fragility/Weiße Zerbrechlichkeit geschrieben hat, über das sie auch gerade in einem ZEIT-Interview spricht. Tatsächlich sei Rassismus, so die Soziologie bzw. Robin DiAngelo bzw. Till Raether, ein „strukturelles System, in dem weiße Menschen ‚soziale und institutionelle Macht über people of color’ haben.“

Nun ist unglücklicherweise schon die Rede von „People of Color“ bzw. PoC seltsam auf Weiße fixiert, weil sie – wie ein User bei Twitter in einem einzigen Tweet erklären kann  – völlig unterschiedliche Menschen und Kulturen unter einem einzigen Begriff zusammenwirft: Diese Menschen haben nichts weiter gemein als die Tatsache, dass sie nicht weiß sind.

Diese universelle Fixierung aller auf Weiße bedingt wohl auch, dass die WoC (Woman of Color) Sarah Jeong von ihren Verteidigern als irgendwie marginalisiert und diskriminiert wahrgenommen wird, obwohl sie als Asian American zur Gruppe mit dem größten Durchschnittseinkommen in den USA gehört, und obwohl sie an mehreren Eliteuniversitäten studieren konnte.

Noch gravierender aber ist, dass für Raether

„der immer wieder aufgewärmte Vorwurf unsinnig (ist), als Weißer verbal angegriffen zu werden sei Rassismus. Mag sein, dass das ein feindseliger Akt ist. Aber Feindseligkeit ist kein Rassismus. In einer Welt, in der Weiße seit Jahrhunderten die Macht haben und die Spielregeln bestimmen, kann es per Definition keinen ‚umgekehrten Rassismus’ geben.“

Vorurteile, Klischees oder Vernichtungswünsche könnten also immer erst dann rassistisch sein, wenn sie aus einer Position der Macht geäußert werden. Der Nutzen dieses Arguments ist, dass ein Blick auf die empirische Wirklichkeit, auf soziale Realitäten oder einfach auf das, was jemand sagt, gar nicht mehr nötig ist: Per definitionem ist ausgeschlossen, dass es rassistisch sein kann, wenn jemand gegen Menschen agitiert, die irgendwie privilegiert seien.

Dieser Versuch, soziale Realitäten über die Wahl der geeigneten Definition endgültig zu klären, wirkt deshalb nicht ganz absurd, weil einige Aspekte davon ja ganz einleuchtend sind. Natürlich ist es ein erheblicher Unterschied, ob gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aus einer Position der Stärke gegen Schwächere, von einer Mehrheit gegen eine Minderheit in Stellung gebracht wird – oder umgekehrt.

Allerdings könnte ja gleichwohl beides entsprechend der Definitionen aus UNO und Europäischer Kommission als Rassismus bezeichnet werden, der eben unterschiedlich gravierende Konsequenzen hat. Warum kommt Raether nicht auf diese naheliegende Idee?

Mit der brutalen Logik der Ausgrenzung in der segregierten Gesellschaft und heutigen Nachteilen von schwarzen Amerikanern ist die Situation weißer Amerikaner allgemein nicht vergleichbar. Das schließt es nicht aus, auch Rassismus gegen Weiße wahrnehmen zu können.

Wer per Definition festlegt, dass es einen Rassismus gegen bestimmte Gruppen gar nicht geben könnte, schafft klare Fronten in einer schwarz-weißen Welt. Auf der einen Seite stehen dann die Rassisten, auf der anderen die, die sich gegen Rassismus wehren. Dass sich Raethers und DiAngelos Definition in „der Soziologie“  niemals durchgesetzt hat, liegt aber wohl nicht allein an dieser allzu offensichtlichen und bequemen politischen Nutzbarkeit, sondern an ihrem fehlenden Nutzen für die Analyse von modernen Massengesellschaften.

 

Wozu braucht man eigentlich Individuen?

Es gehört nämlich grundsätzlich zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die Gruppen, gegen die sich die Feindseligkeit richtet, als privilegiert und mächtig zu fantasieren. Aus der Sicht der Rassisten richtet sich ihre Wut immer, irgendwie, gegen die Mächtigen. Eben das ist wohl ein wesentlicher Grund dafür, warum auch Gruppen, die sich als links verstehen, noch immer ohne erkennbare kognitive Dissonanzen einen Hass auf Juden pflegen können.

In Bremen und Bonn beispielsweise wanderten Akteure der israelfeindlichen BDS-Bewegung in weißen Kitteln als „Inspekteure“ durch Kaufhäuser, um Waren aus Israel aufzuspüren, als würden sie eine Ungeziefer-Inspektion durchführen. Die kaum verhohlene Anknüpfung an Klischees des nationalsozialistischen Judenhasses – vom „Kauft nicht beim Juden“-Slogan bis zur Gleichsetzung von Juden mit Ungeziefer – wird hier auch durch die Fantasie jüdischer Macht möglich. Es träfe ja die Richtigen, die Unterdrücker des palästinensischen Volkes.

Nein, das ist kein Judenhass, sondern Menschenrechtsaktivismus. Oder so. Wie Ungezieferkontrolleure wandern Aktivistinnen der antiisraelischen BDS-Bewegung durch den Bonner Kaufhof, auf der Suche nach israelischen Waren, die angeprangert werden müssten.

Angesichts der Ausblendung der komplexen, ambivalenten politischen und sozialen Realität des Nahost-Konflikts zugunsten einer einfachen Macht-Ohnmacht-Zuordnung fragt nun die große israelische Tageszeitung Haaretz, ob die „neue Definition des Rassismus“ der „Progessiven“ nicht für Juden besonders gefährlich sei.  Mit direktem Bezug auf Jeong setzt sich der Artikel damit auseinander, dass Juden im judenfeindlichen Klischee ja nicht nur als Weiße, sondern traditionell auch als institutionell privilegiert und mächtig angesehen werden.

Die Gleichung Rassismus=Vorurteil+Macht hat also möglicherweise erhebliche Konsequenzen, die von ihren Vertretern überhaupt nicht übersehen oder, schlimmer noch, nicht ernst genommen werden.

Es ist nun einmal in einer modernen Massengesellschaft kaum möglich, anhand bestimmter, zu allem Überfluss auch noch biologistisch definierter Gruppen – Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung – allgemeingültig Macht und Ohmacht zuzuordnen. Ein Beispiel aus Deutschland: Die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah wurde in Kiel als Kind einer Familie aus dem Iran geboren.  „Almans“, also weiße Deutsche, beschreibt sie in der Sprache der identitären Linken rituell als „Kröten“ oder als „Kartoffeln“. Natürlich rechtfertigt sich diese Verachtung dadurch, dass sie sich gegen Mächtige richte.

Das wird für taz-Leser aus einem bürgerlich-akademischen Hintergrund leicht zu verschmerzen sein. Wo aber ist denn das Privileg eines weißen Kindes, das in ganz anderen Verhältnissen aufwächst, nämlich zum Beispiel in Stadtvierteln, wo es eine „weiße“ Mehrheitsgesellschaft nicht oder kaum noch gibt? Was hätte ein solches Kind davon, dass ein Gericht die Rede von einer „Köterrasse“ nicht als Volksverhetzung einstuft, weil damit ja nicht lediglich ein Teil der Bevölkerung getroffen worden sei? Wer aus der Perspektive Raethers oder der taz-Redaktion von weißen Privilegien redet, beschränkt sich in seiner Wahrnehmung ganz auf seinen eigenen Kontext.

Es ist aber für eine moderne Massengesellschaft typisch, dass einzelne Menschen sich in ganz unterschiedlichen Kontexten bewähren und selbst scharfe Widersprüche zwischen ihnen moderieren müssen. Eine Frau beispielsweise kann erleben, dass sie im familiären Kontext erhebliche rechtliche Vorteile gegenüber dem Mann hat, dass ihr eben diese Vorteile aber im Kontext des Arbeitsmarktes zur Belastung werden.

Moderne Menschen sind niemals nur Mitglieder bestimmter Gruppen, sondern müssen sich als Individuen durch unterschiedliche Kontexte navigieren. Wir sollten nicht vergessen, dass die Gesellschaft auch eine Zusammenkunft von Individuen sei, schreibt Iona Italia ganz in diesem Sinn zur Jeong-Diskussion.

 

White Supremacy, auf links gewendet

 

Zudem sind moderne Gesellschaften in hohem Maße dynamisch – wer heute gesellschaftliche Macht hat, kann morgen schon hilflos sein, wie etwa die Buren Südafrikas.

Die Vorstellung, ganze Gruppen von Menschen säuberlich in Privilegierte und Marginalisierte einteilen zu können, wird also einer modernen Massengesellschaft nicht gerecht, sondern orientiert sich insgeheim an der mittelalterlichen Ständegesellschaft. Dort waren Herrschaftsbeziehungen zwischen den Ständen tatsächlich über Jahrhundert hinweg einigermaßen stabil, und dort hatte sich eine höfische Oberschicht so weit auf sich selbst bezogen isoliert, dass sie gar nicht mehr erleben musste, wie sehr ihre Position von der Zuarbeit aller anderen abhing.

Es ist kennzeichnend für die Selbstisolation eines sich irgendwie als links verstehenden politisch-medialen Establishments, dass es heute zentrale politische Positionen an solchen höfischen Strukturen ausrichtet, den Blick für die sozialen Realitäten moderner Gesellschaften aber verliert. Raether erwähnt seine eigenen Privilegien sogar – er kann sich nur nicht vorstellen, dass sie seine politische Position beeinflussen.

In seiner berühmten „I have a dream“-Rede spricht Martin Luther Kind von seinem Traum, dass Schwarze und Weiße wie Geschwister zusammeleben könnten und ihre Hautfarbe keine Rolle mehr spiele. Aus der Perspektive einer identitären Linken ist Kings Position ihrerseits rassistisch, weil sie strukturelle Machtunterschiede überspiele. Dass sie damit einer Segregation der Diskurse zuarbeiten, nehmen die linksidentitären Akteure nicht wahr – oder es interessiert sie nicht.

Wer aber von einer solchen, tatsächlichen Machtposition aus dekretiert, dass ein Rassismus gegen Weiße nicht möglich sei, bewegt sich damit tatsächlich in Traditionen eines rassistischen White Supremacy-Denkens. Für ihn sind Weiße so überlegen, dass es ihm unvorstellbar ist, jemand könne Weiße tatsächlich als eine minderwertige Rasse wahrnehmen – was Jeong unzweifelhaft tut. Die Frage, welche Privilegien denn eigentlich ein weißes Opfer der Opioid-Krise gegenüber einer Frau wie Jeong haben könnte, stellt sich ihm gar nicht – er fantasiert sich Weiße ohne Seitenblick auf soziale Realitäten als überlegen.

Der Spott über eine white fragility – oder auch der über eine male fragility – erfüllt dieselbe Funktion. Weiße Männer erscheinen darin insgeheim als unverletzliche Übermenschen, die schlimmstenfalls auf hohem Niveau klagen, aber per definitionem keine ernsthaften Probleme haben oder gar Nachteile erleben können. Feministische Klischees von der „Männermacht“ im „Patriarchat“ können also, paradoxerweise, gerade solche Männer ansprechen, die ein starkes Bedürfnis haben, sich selbst als mächtig und unverletzbar wahrzunehmen.

Jedenfalls ist der Begriff des umgekehrten Rassismus oder auch des umgekehrten Sexismus tatsächlich nicht haltbar – nicht aber wegen der Substantive, sondern wegen des Adjektivs „umgekehrt“. Was Raether verteidigt, ist ganz normaler Rassismus, kein umgekehrter Rassismus – und es ist nicht nur ein Rassismus gegen Weiße, sondern auch ein Rassismus, der an White-Supremacy-Traditionen anknüpft und sie auf links wendet.

Was Jeong schrieb, und was ihre Unterstützer verteidigen, ist ebenso simple Fortsetzung und Variation eines traditionellen Rassismus oder Sexismus, aufbauend auf traditionelle Klischees weißer, männlicher Macht, die dabei fortlaufend reproduziert werden.

Welchen Sinn aber hat das?

Auf Twitter schrieb mir vor einer Weile jemand etwas, was ich zunächst für eine Satire gehalten habe. Ich solle doch nicht denken, mit dem Begriff „weiße Männer“ seien tatsächlich weiße Männer gemeint, tatsächlich ginge es um Strukturen.

Wenn aber jemand wirklich Strukturen analysieren möchte, ist es offensichtlich eine der schlechtesten möglichen Ideen, diese Strukturen ausgerechnet biologistisch zu betiteln. Diese Redeweise hat eine ganz andere Funktion als die der Analyse:  Die identitäre postmoderne Linke erspart es sich, soziale Strukturen zu analysieren, indem sie biologistische Kategorien kurzerhand zu Strukturen erklärt.

Das Remake des Klassikers Papillon, schreibt Till Kadritzke gerade in einer Film-Kritik für den Spiegel, „liefert neue Bilder für das alte Bedürfnis, dass sich auch weiße Männer als Opfer von Unterdrückung fühlen wollen.“ Dass in Europa der Kampf gegen Unterdrückung natürlich, und von wem auch sonst, von unterdrückten Weißen – und ganz besonders von weißen Männern – geführt wurde, ist für den Spiegel-Journalisten nicht einmal mehr eine ferne historische Erinnerung.

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43 Comments

    • Das denke ich mir auch oft, wenn von Strukturen die Rede ist. Man kann beliebige „Strukturen“ behaupten, sie sind kaum falsifizierbar.

      Was mich interessiert: WER tut WAS? Also Handlungen, die man Individuen zuschreiben kann. Meinetwegen auch Gruppen von Individuen, wenn man Durchschnitte berechnet.

      • @ Klaus, kardamon Und wenn jemand von „Strukturen“ redet, dann muss er sagen, welche Strukturen er meint. Institutionen? Politisches System? Auch Alltagshandeln hat Strukturen – wir agieren nicht beliebig, sondern wissen unwillkürlich, womit wir Anstoß erregen und womit nicht. Aber wenn es um solche Strukturen geht, ist es besonders wichtig, genau zu sein – weil man sonst sofort ins Beliebige rutscht.

        Aber von Strukturen zu reden und damit die Hautfarbe oder das Geschlecht von Menschen zu meinen, ist politische Quacksalberei.

  • Was zur allgemeinen Einstufung von weißen Amerikanern als privilegiert auch nicht wirklich passen will, ist die Situation weißer Amerikaner irischer und schottischer Herkunft. Die bilden in den USA traditionell das einfache Arbeitervolk und gehören meistens zu unteren sozialen Schichten. Und die Irischamerikaner bilden dabei auch noch die zweitgrößte Gruppe innerhalb der weißen US-Bevölkerung. Das interessiert die postmodernen Linken aber auch überhaupt nicht. Führt man sich das vor Augen wird der Rassismus der Postmodernen noch eindeutiger.

    • „Das interessiert die postmodernen Linken aber auch überhaupt nicht und sie.“
      Das „und sie“ bitte wegdenken, ist ein Schreibfehler.

  • Wie waren denn die Machtverhältnisse in diesem Fall: https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%BCgelattacke_in_der_M%C3%BCnchner_U-Bahn_2007

    Mächtiger weißer Deutscher gegen benachteiligte Migranten? Ich kann da nur zwei junge, Starke gegen einen alten, Schwachen sehen, das ist das reale Machtverhältnis.

    Oder hier:

    https://www.mz-web.de/dessau-rosslau/urteile-nach-gruppenvergewaltigung-eritreer-muessen-mehrere-jahre-in-haft-31038906

    Vier diskriminierte Persons of Color gegen eine mächtige weiße Frau?

    Ist alles dermaßen lächerlich….

    • @ El Mocho Das ist eben ein weitere Nachteil der Vermischung biologistischer Kategorien mit einer Rede von Strukturen (die natürlich niemals in einer ANALYSE von Strukturen mündet).

      Wer Menschen nach ihrer Hautfarbe einteilt, der teilt damit eben auch lauter einzelne Menschen zu. Die „Strukturen“, die sich in der Hautfarbe angeblich spiegeln, bleiben aber abstrakt. Ein einzelner Mensch kann dann Erfahrungen machen, die mit den angeblichen „Strukturen“ überhaupt nichts zu tun haben – zugleich wird ihm aber zugemutet, sich als Träger dieser Strukturen zu begreifen, beispielsweise sich selbst als privilegiert oder marginalisiert zu sehen.

      Wer Menschen entsprechend ihrer Hautfarbe einteilt, aber behauptet, damit „Strukturen“ anzusprechen, changiert also beständig und beliebig zwischen verschiedenen Ebenen hin und her – und so, dass er (wie ein hin und her hüpfendes Ziel) jedem Gegenargument ausweichen kann.

      In welchem Verhältnis die Ebene des Systems und die der einzelnen Akteure zueinander stehen – das ist übrigens eine soziologische Grundsatzfrage, die hier von „der Soziologie“ Raethers so souverän ignoriert wird, als hätten „die Soziologen“ noch nie etwas von ihr gehört.

      • @Schoppe

        Gewisse soziale Ungleichheitsstrukturen können natürlich schon entlang „ethnischer“ Bevölkerungsgruppen gehen. Nur haben wir eben bei Gruppen das Problem, dass sie meist nur etwas über den Durchschnitt dieser Gruppe aussagen. Vielfach wird ja nicht einmal der Median ermittelt, was ein viel realistischeres Bild ergeben würde. Aber ich gehe dann später mal noch umfassend auf den Text ein.

        • Da stellt sich doch die Frage, was denn primäres Kriterium, was denn der Massstab ist, um die Privilegierten von den Unterdrückten / Benachteiligten sein soll. Da wir in einer kapitalistischen Marktwirtschaft leben und die Lebensqualität nicht ausschliesslich, aber wesentlich von Einkommen und Vermögen abhängen, muss doch genau das das primäre Kriterium sein und Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Orientierung zunächst lediglich auf Korrelationen hinweisen.

          Zu Jeong: Wieder einmal ist die mediale Berichterstattung einfach nur mies. Gut, dass Lucas als Lehrer über reichlich Freizeit verfügt, um die ganze Sache ins rechte aahm ins richtige Licht zu rücken (kleines Spässchen am Rande 🙂 ). Jeong sagt genau das, was die Pseudolinke hören will: Ich bin das Opfer hier, weil Asiatin und Frau und die wahren Täter sind weisse Rassisten, die mich beleidigten und ich habe es ihnen mit gleicher Münze heimgezahlt. Die üblichen Verdächtigen der Mainstreammedien übernahmen diese Position ungeprüft, weil es sich nahtlos in ihr Weltbild fügt. Recherche? Fehlanzeige. Jeongs halbseidene Rechtfertigung ist unglaubwürdig und feige dazu.

          Noch etwas zum ewigen Gejammere über den homophoben, fremdenfeindlichen und misogynen weissen Mann. Ich habe mir gerade eine Doku angesehen, in der ein nichtweisser Brite – in den Zeiten der Identitätspolitik ein äusserst wichtiges Merkmal – der Frage nachgeht, in wieweit Ablehnung der Homosexualität in GB verbreitet ist. Er selbst wie auch einige interviewte Homosexuelle sagten, dass die Weissen eindeutig am liberalsten seien, während eingewanderte Asiaten (vor allem Muslime) und auch eingewanderte Afrikaner der Homosexualität ausgesprochen ablehnend begegnen.
          Ich frage mich, ob „die Weissen“ nicht obwohl sie meist liberal sind ständig kritisiert werden, sondern weil sie liberal sind und deshalb ein leichtes Ziel abgeben.

          • Da stellt sich doch die Frage, was denn primäres Kriterium, was denn der Massstab ist, um die Privilegierten von den Unterdrückten / Benachteiligten …

            unterscheidet

            soll das heissen

          • „Da stellt sich doch die Frage, was denn primäres Kriterium, was denn der Massstab ist, um die Privilegierten von den Unterdrückten / Benachteiligten …“

            Die Frage stellt sich gerade *nicht*, bzw. sie zu stellen ist Blasphemie!!

            Das ganze basiert im Kern wieder einmal auf der sattsam bekannten feministischen Privilegientheorie, und da haben die ideologischen Hohepriester ganz einfach die naturgegebene Macht, Privilegien bzw. Diskriminierungen (gerne auch „Ausschlüsse“) zu erkennen und zu definieren.

            Die festgestellten Privilegien zu hinterfragen ist eine Todsünde!!

          • Du meinst, wie die Szenegroupies, die den schüchternen Beta niedermachen, und dann mit dem Obermacker in der Heia verschwinden?

          • Sorry, vergesse immer diese Blogoptik der Antwortzuordnung, gemeint war Pjotrs
            „Ich frage mich, ob „die Weissen“ nicht OBWOHL sie meist liberal sind ständig kritisiert werden, sondern WEIL sie liberal sind und deshalb ein leichtes Ziel abgeben.“

  • Dieses „Race baiting“ wird zum größten Teil von Journalisten betrieben und dafür werden sie immer mehr verachtet. Sie realisieren das aber nicht und machen immer weiter. So wie es mir vorkommt, mit zunehmender Absurdität.

    Man muss sich nur Mal „Thema Young Turks“ ansehen und was für einen Aufwand die betreiben um die Realität so falsch darzustellen, das sie daraus einen Weiße=Nazis & PoC=immer-unschuldige-Opfer Fall basteln können. Das passiert nicht aus Versehen, weil TYT besonders dumm sind, sondern mit vollem Vorsatz.

  • „Umgekehrter Rassismus“ macht keinen Sinn, so sinnlos wie „Umgekehrte Körperverletzung“.
    Nur glauben manche, Rassismus wäre eine Einbahnstraße, was natürlich kompletter Blödsinn ist. Rassismus funktioniert in jeder Richtung. So wie auch jede und jeder diskriminiert werden kann. Allein schon die Behauptung gegen einen bestimmten Teil der Bevölkerung könnte man nicht rassistisch sein, egal aus welchen Grund, ist nichts anderes als die pure Lust am Rassismus.
    Man erklärt jemanden als nicht rassismus-fähig, um dann gewissenlos seinen eigenen Rassismus auszuleben. Jemanden als nicht rassismus-fähig oder als nicht diskriminierbar zu erklären, entspricht den früheren Begriff „Vogelfrei“, also es ist ein Akt der Entrechtung.

    • @ Ralf „Man erklärt jemanden als nicht rassismus-fähig, um dann gewissenlos seinen eigenen Rassismus auszuleben.“ Tatsächlich ist das selbst eine Art von Rassismus, den man als Meta-Rassismus bezeichnen könnte. Eine bestimmte Gruppe wird so definiert, dass sie gar kein Opfer von Rassismus werden könne, dass sie also auch in dieser Hinsicht keine Empathie nötig habe. Es ist einfach eine Art von Rassismus, die eine andere Art von Rassismus legitimiert.

      Wobei es trotzdem natürlich offensichtlich ist, dass Rassismus gegen Weißenicht annähernd solche Folgen hatte und hat wie z.B. der Rassismus gegen schwarze Amerikaner. Aber das ist eine empirische Aussage, die empirisch bestätigt oder ggfs. auch widerlegt werden könnte. Es ist kein bloßes Spiel mit Definitionen.

  • zum oben zitierten ZEIT-Interview von Robin DiAngelo:

    Erschreckend ist nicht nur DiAngelos Rassismus, der hier glorifiziert wird, sondern auch noch eine Zutat der ZEIT, die sich als Ministerium für Wahrheit positioniert und dem Leser eine Informationsbox zu den Begriffen „of colour“, „weiß“ und „race“ anbietet.

    „of colour“: Der Zusatz „of colour“ meint keine Hautfarbe im biologischen Sinn, sondern ist ein Sammelbegriff von und für Menschen mit Rassismuserfahrung aufgrund ihrer vermeintlichen Hautfarbe. … Verwendung findet er vor allem in der Wissenschaft und unter politisch aktiven Menschen.

    weiß: Ebenso wie „of colour“ beschreibt „weiß“ keine messbare Hautpigmentierung, sondern eine soziale Zugehörigkeit. Gemeint ist: Ein Mensch, der aufgrund seines Aussehens im Alltag eher keine Rassismuserfahrungen macht. Wer als „weiß“ zählt, ist nicht streng definiert, sondern kontextabhängig.

    Wenn Haut und deren Farbe für die Hautfarbe irrelevant sind, dann ist der Begriff komplett entkernt. Was bitte ist eine „vermeintliche“ Hautfarbe?

    Übrig bleiben leere Worthülsen, die mit moralischen Kategorien wie „gut“ und „böse“ aufgeladen werden und deren Inhalt nach Belieben („kontextabhängig“) umdefiniert werden kann – von wem wohl? Von unserem neuen Ministerium für Wahrheit, der ZEIT und Frau DiAngelo, sozusagen dem neuen Adelsstand, der über dem gemeinem Volk steht.

    Orwellsches Doublespeak und zug. Denkstrukturen in Reinstform.

    • „Wenn Haut und deren Farbe für die Hautfarbe irrelevant sind, dann ist der Begriff komplett entkernt. … Übrig bleiben leere Worthülsen, die mit moralischen Kategorien wie „gut“ und „böse“ aufgeladen werden und deren Inhalt nach Belieben („kontextabhängig“) umdefiniert werden kann …“

      Als Beleg: gemäß der ZEIT-Definition von „weiß“ könnte eine Person afrikanischer Abstammung durchaus weiß – in diesem definierten Sinne – sein: nämlich schon dann, wenn sie im Alltag „keine Rassismuserfahrungen macht“.

      Gemäß dieser ZEIT-Definition sind die meisten in Afrika lebenden Afrikaner „weiß“.

      • @Jochen Schmidt:
        Ja, das habe ich auch gleich gedacht. Womit wir Orwell vollständig realisiert hätten („Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei“ und schwarz ist weiß).

        Cool.

        • Ich finde die Orwell-Assoziation passend.

          „Newspeak was founded on the English language as we now know it, though many Newspeak sentences, even when not containing newly-created words, would be barely intelligible to an English-speaker of our own day.“

          So Orwell in seinem Newspeak-(Neusprech-)Anhang von 1984. Die Neu-Sprache basiert also grundsätzlich auf der bekannten Alltagssprache, aber die Begriffe werden anders verwendet. Sprache entwickelt sich hier nicht auf der Basis der Alltagserfahrungen von Menschen weiter, sondern wird designed. Widersinnigkeiten sind dabei kein Versehen, sondern Absicht – wer Menschen dazu bringt, Widersinniges zu akzeptieren, der gewöhnt ihnen das eigenständige Denken ab.

          Eine politische Sprache, die sich so wie in den hier angeführten Beispielen – und ohne nachvollziehbaren sachlichen Grund – vom herkömmlichen alltagssprachlichen Gebrauch unterscheidet, muss unwillkürlich spalten: grundsätzlich in die Wissenden und die Uninformierten. Diese Spaltung wird dann durch beständig mitschwingende Rassismus-Unterstellungen auch noch moralisierend grundiert – die Wissenden würden rassistische Strukturen reflektieren, die Uninformierten hätten an dieser Reflexion kein Interesse und würden damit rassistische Strukturen reproduzieren.

          Ich halte dieses Spiel, soziale Distinktionsmanöver durch eine scheinbar linke politische Moral zu legitimieren, für sehr gefährlich. Wer sich gegen diese Distinktion – also: gegen die eigene unterschwellige soziale Deklassierung – wehren möchte, muss sich dann auch von Inhalten distanzieren, die ja für sich genommen eigentlich sehr sinnvoll und wichtig sind.

          Diese Politik der sozialen Distinktion fördert also eben die rassistischen, feindseligen Strukturen, die sie zugleich empört beklagt. In meinen Augen hilft gegen eine solche Politik, die trotz allem Moralisieren sehr inhumane Folgen hat, nur ein doppeltes Mittel.

          Einerseits müssen die Manöver dieser Politik vorgeführt werden: die sprachliche Manipulation zum Beispiel, oder die Abkehr von der Idee allgemeiner Menschenrechte. Andererseits muss man aber auch die wichtigen Inhalte, die von dieser Politik zur sozialen Distinktion lediglich benutzt werden, wieder stärken – hier vor allem eine reale antirassistische Politik.

          Deshalb finde ich beispielsweise auch die Hinweise auf Martin Luther King hier im Thread sehr wichtig – einer der wichtigsten Antirassisten aller Zeiten, dessen Position aber direkt konträr zur Position der identitären Linken à la Raether oder DiAngelo steht.

          Orwells 1984 im (englischen) Volltext, aus dem ich zitiert habe:
          https://ebooks.adelaide.edu.au/o/orwell/george/o79n/complete.html

    • @ mitm

      Gott, ist das hohl. Solch undurchdachter Mumpitz in einer einflussreichen Zeitung als „Infokasten“, so als handele es sich dabei um feststehende, schon lange wissenschaftliche verifizierte Tatsachen.

      Jetzt könnte man sich sicherlich freuen, dass diese Definitionen von Weiß und PoC theoretisch auch zulassen, dass ein weißer Obdachloser als PoC und z. B. die Obamas als weiß klassifiziert werden. Aber wir alle wissen, dass die PomoLi-Rassisten so weit nun natürlich nicht gehen würden, bzw. das sooooo natürlich nicht gemeint war.

      Ich glaube, dass diese seltsamen Gedankenverdrehungen daher rühren, dass es längst darum geht, die „Opfer-Olympiade“ für jeden zu öffnen, der nicht nordwesteuropäisch weiß ist. Betrachtet man sich hierzulande z. B. die meisten Türken / Kurden, so befänden die sich mit ihrem leicht bräunlichen Teint auf einer Farbskala mit Sicherheit noch deutlich in der Hälfte der Weißen, was man aber natürlich nicht sein will. Man will natürlich unbedingt PoC sein, damit man sich dann selbst als Opfer fühlen und mit dieser Begründung über „Weiße“ oder „Almans“ herziehen kann, ohne sich dabei der Gefahr ausgesetzt zu sehen, mit dem Vorwurf des Rassismus‘ konfrontiert zu werden.

      Fun Fact: in den USA, woher dieser ganze Blödsinn importiert wurde, obwohl er hier sogar noch weniger Sinn macht als jenseits des großen Teiches, ist gut zu beobachten, wie eine solche Entkernung von Begriffen funktioniert: Asiaten gelten da in Diskursen mal als weiß und mal als PoC, je nachdem, wie sie sich gerade aus identitärer Sicht nutzbar machen lassen. Gilt es mal wieder zu beweisen, dass alle Weißen permanent gegen alles und jeden rassistisch sind, werden Asiaten gerne als Argumentationsverstärker mit zur Opfergruppe gezählt, geht es aber um die Fördertöpfe für Minderheitenquotierungen, wo sie dann zur Konkurrenz für Schwarze und Hispanics werden könnten, sollen sie natürlich ganz schnell außen vorbleiben. Da sind sie dann wieder plötzlich so weiß wie der Schnee an einem kalten Wintermorgen.

      Hinter der offensichtlichen Willkürlichmachung der Begriffe steht im Endeffekt nichts anderes, als hinter allen postmodern linken wie auch feministischen Double Speak Anwandlungen: das Ergreifen und Verteidigen von Deutungshoheit. Ein erhebliches Privileg im Übrigen, was von den Anhängern dieser Ideologie aber partout nicht erkannt werden will.

      • @Billy

        Wichtiger Punkt: „Asiaten gelten da in Diskursen mal als weiß und mal als PoC, je nachdem, wie sie sich gerade aus identitärer Sicht nutzbar machen lassen.“

        Gerade in der Google-Debatte hat man das sehr gut nachvollziehen können, es handelt sich um einen Kampf um Ressourcen und Macht, der – wenig überraschend – vor allem weißen Frauen nutzt.

        Erstens ist die Klage über den hohen Männeranteil in der IT absurd, schaut man sich Frauenanteile in traditionell von Frauen dominierten Sektoren in den USA an, nämlich Gesundheit, Soziales und Erziehung.
        Gegen die ethnische Verteilung im Gesundheitssektor ist Google geradezu vorbildlich „divers“, denn noch ein paar Prozentpunkte mehr und man könnte dort ein Zweigstelle des Ku-Klax-Clan vermuten.

        Zweitens war an der Debatte sehr auffällig, dass die überproportional bei IT-Unternehmen arbeitenden Männer „asiatischer“ Herkunft auf einmal umgelabelt wurden.
        Sie verloren den minoritären Status, mutierten zu Männern und wurden damit ebenfalls dem Vorwurf ausgesetzt, sich „unverdienter Privilegien“ zu erfreuen.
        So schnell ist man weg aus dem „victim stack“.

        Dabei wurde auf die ungerechte (was sonst?) Verteilung der Management-Positionen abgehoben, in dem mir ausgesprochen verdächtig erschien, dass hier in zwei Zahlen nach Ethnie und nach Geschlecht subsumiert und von der konkreten Tätigkeit abstrahiert wird.

        D.h. es wurde auf eine Detail-Analyse „verzichtet“, wer eigentlich in einem Technologieunternehmen mit entsprechender (universitärer) Ausbildung in welchem Verhältnis in Management-Positionen auftauchen sollte.

        Da Frauen mit asiatischem Hintergrund überproportional in IT-Studiengängen und als „professionals“ bei Google vertreten sind, sollte sich das auch im Management widerspiegeln.
        Das tut es aber nicht.
        Entgegen aller öffentlichen Propaganda stellt die Gruppe der weißen Frauen die meisten Management-Positionen im Verhältnis zu den Beschäftigten und die asiatischen Frauen die wenigsten.
        Wegen „sisterhood“ waren letztere nun aber nicht in der Lage, aus dem feministischen Machtspielchen auszusteigen, sondern mussten in die Klage gegen „die Männer“ mit einstimmen.

        Da jedoch der Frauenanteil in der IT seit Jahrzehnten sinkt bzw. stagniert und selbst der überproportionale Anteil asiatischstämmiger Frauen dies nicht ausgleichen kann, ist logisch, dass ein höherer Anteil von Frauen (generell) bei Google oder anderen IT-Firmen gar nicht bedeuten kann, diese würden in der IT arbeiten, weil sie die Qualifikation nicht haben.

        Was wiederum darauf hinausläuft, sie in einem „Wasserkopf“ zu beschäftigen, bzw. bürokratische Zwischenschichten aufzubauen, die sich bspw. ausschließlich um „gender+diversity“ kümmern.
        Sind solche Institutionen erst einmal geschaffen, wird die Diskriminierung nach Geschlecht und „Rasse“ gar nicht verschwinden können, weil der eigene Arbeitsplatz davon abhängt.

        Wenn du also schreibst, es ginge um „das Ergreifen und Verteidigen von Deutungshoheit“, dann ist dies natürlich eine Machtfrage und verfolgt einen Zweck.

        • Ich habe auch den Eindruck, bei vielen AkteurInnen des SJW-tums ist ein tief verwurzelter Rasssismus vorhanden, oder aber eine große Furcht, selbst mal wegen dieser einen oder anderen stereotypen Äußerung des Rassismus, oder auch meinetwegen Sexismus geziehen zu werden.
          Es kann jemandem ja schnell mal was rausrutschen, was dann negativ interpretiert werden könnte.
          Um die eigenen Gedanken wissend, spüren manche Leute halt, dass da das eine oder andere Vorurteil, oder auch „Meme“ vorhanden sein könnte, das in einer emotional aufgeladenen Situation durch die Stimmbänder flutschen könnte.
          Deswegen wird dann auch gerne, sobald man z.B. bei Twitter vor dem Monitor emotional wird, auf irrationale, gruppenfeindliche, aber politsch korrekte Beschimpfungen umgeschaltet.
          Vielleicht nicht, weil man durch die bösen, bösen Rassisten überall im Internet etc. emotional, meist wütend, wird, und dann kategorisch und „ironisch“ wird, sondern umgekehrt, weil man eben konstante Wut in sich hat, sich permanent nicht wertgeschätzt und nicht ernstgenommen fühlt, und wenn dann der Trigger kommt, alle Dämme zu brechen drohen, und man etwas offenbaren könnte, was andere Menschen lieber nicht über einen erfahren sollen, und da gibt es glücklicherweise jetzt eine sowohl von den „RebellInnen“ als auch den staatlichen Autoritäten geduldetes Ventil für Hatespeech, und das ist eben der umgekehrte Rassismus, Sexismus und was weiß ich noch alles.

          Oft kommt mir das so vor wie eine öffentliche Selbsttherapie in Massenmedien auf strikt monologischer Basis.

          Ob es ein tiefsitzendes schlechtes Gewissen ist, eine Angst, aus der Peer Group zu fallen, oder eine tiefsitzende Angst vor Bestrafung durch Autoritäten, oder einfach nur manipulativer Narzissmus, jedenfalls kann man anscheindend heutzutage durch spiegelbildlichen Rassismus/Sexismus demonstrieren, auf der „richtigen“ Seite zu stehen. Und es winken ja auch noch Karrierebelohnungen.
          Vor allem aber kann man so von der möglichen Diskussion um eigene Mängel ablenken, und vielleicht auch dem ehrlichen internen Umgang mit seinen eigenen Fehlern ausweichen, weil man nämlich auch nicht eingestehen kann, selber nicht perfekt zu sein, weder nach den Maßstäben Anderer, noch nach den eigenen, woher auch immer diese kommen mögen.
          Ob nun überwiegend interessengeleitet, oder eher emotional motiviert, jedenfalls kann man so auf Applaus, Ansehen bei der Peergroup und eine etwas seltsame Form von Respekt, nämlich nahezu unbedingten Gehorsam rechnen ( manchen Leuten schmeichelt Unterwürfigkeit sehr!), und darauf, dass man von Peer Group, technischen Blockademechanismen und administrativen Autoritäten gegen Kritik oder unwillkommene Argumente beschützt wird. Man kann sich so hermetisch abschirmen.
          Ich bin jedenfalls überzeugt, viele SJW haben Einiges an „Issues“.

          Hier in Deutschland ist man ja doch recht stark von amerikanischer Kultur geprägt, im Guten wie im Bösen, aber manchmal, wenn ich da so rumsurfe, bin ich doch erststaunt, was da so alles geht, was man sich hierzulande nicht vorstellen kann.
          Z.B. das hier https://www.theblaze.com/news/2018/08/14/the-entire-west-virginia-supreme-court-was-just-impeached-heres-everything-you-need-to-know?utm_source=site_scout

          Hunderte Jahre Knast für Richter und Richterinnen des Obersten Gerichtshofes in West Virginia stehen in Aussicht?
          Sicher alles nur böse Trump-Machenschaften, klar.
          Aber hier bei uns wohl völlig undenkbar, wenn ich mal an den doch ziemlich milden Umgang damals mit Richter Gnadenlos denke. Weil wir doch hier so eine tolle Konsenskultur haben, jedenfalls in manchen Bereichen.

          Und dann, Thema Karrieredienlichkeit von SJW-tum, warum passiert eigentlich sowas hier immer kurz vor Wahlen, also wenn neue politische Jobs vergeben werden:
          https://www.theblaze.com/news/2018/08/12/dnc-co-chair-keith-ellison-hit-with-major-abuse-allegations-days-before-important-primary-election?utm_source=site_scout
          Da kommt die Rangordnung von Privilegien und Opferstatus wohl etwas durcheinander, um den Fall zu entscheiden, müssen wir wohl mal die Opferpunkteskala heranziehen:
          Also, der Beschuldigte ist schwarz, das anscheinende Opfer ist weiß, noch dazu irisch, andererseits ist er ein Mann, und sie eine Frau, er ist noch dazu mächtig, was sie beruflich so macht, wissen wir nicht genau, andererseits ist sie katholisch.
          Nun gut, vielleicht ist er ja selbst schuld, ich meine, wir haben doch von der Neolinken gelernt, alle Iren sind Rassisten, aber vielleicht ist ja auch sie selbst schuld, ich meine, wir wissen doch vom Feminismus, alle Cis-Males sind vergewaltigende Sexisten, also was gibt sie sich mit Männern ab, es gibt doch genug sexuell unversorgte Lesben?
          Also, ich blicke da nicht ganz durch, wen ich schuldig sprechen soll, die Tatbestände an sich interessieren ja nicht, aber es gibt doch da in den USA solche verbindlichen Opferpunkteskalen und Berechnungsschlüssel für Privilegien- und Opferhierarchien, weiß jemand, wo man die findet? Gibt es da vielleicht sogar dezidierte Gesetze zu?
          Und zuletzt etwas, das direkt zu Lucas‘ Artikel passt.
          Es geht um Rassismus und „kulturelle Appropriation“
          Den Typ , MMA-Trainer in Shanghai, finde ich generell unterhaltsam, interessant und informativ:
          „Marvel’s „Iron Fist“: Reaction to the reaction. Dear internet, stop. “

          https://www.youtube.com/watch?v=X6msEG2rPRI

    • Hmm. Also sind meine Kinder (die weiß sind) nicht „weiß“, weil sie – an einer Schule mit 70 Prozent türkischstämmigen Kindern – in ihrem Alltag Rassismuserfahrungen gemacht haben, sondern „of colour“? Ich aber, der keine Rassismuserfahrungen gemacht habe, bin „weiß“. Oder?

    • Diese Definitionen kommen von den gleichen Leuten die sagen das wenn man von Ärzten spricht, alle Menschen sich nur männliche Ärzte im Kopf vorstellen, weswegen Ärztinnen extra erwähnt werden müssen, und sie erwarten jetzt hier das alle Menschen das Kunststück vollbringen bei „weiße Männer“ nicht an Männer mit weißer Hautfarbe zu denken, obwohl das genau das ist an das man in diesem Kontext denkt.

      Ich vermute das ist ihre nicht funktionierende Lösung gegen Rassismusvorwürfe, die der Feminismus ja auch bei Vorwürfen von Männerhass verwendet, bei dem, wenn mal wieder eine Feministin die Ausrottung „aller Männer“ zur Rettung der Erde fordert, doch bitte schön jedem klar sein sollte das mit „aller Männer“ gar nicht „aller Männer“ gemeint sind. Wer sich dann trotzdem angesprochen fühlt, soll mal seine Privilegien checken und ist wahrscheinlich Teil des Problems.

      Aber schön zu wissen. Ich bin also PoC. ^^

    • weiß: Ebenso wie „of colour“ beschreibt „weiß“ keine messbare Hautpigmentierung, sondern eine soziale Zugehörigkeit. Gemeint ist: Ein Mensch, der aufgrund seines Aussehens im Alltag eher keine Rassismuserfahrungen macht. Wer als „weiß“ zählt, ist nicht streng definiert, sondern kontextabhängig.

      Und wieder einmal bestätigt sich, was ich schon einige Male angemerkt habe: Die Dekonstruktivisten dekonstruieren vor allem und zuerst sich selbst, wobei wir so langsam den Endpunkt erreicht haben – völlig beliebige Umdeutung von Begriffen („kontextabhängig“)

      • @Matze
        Wir Germanen sind alle PoCs, schließlich wurden wir damals alle versklavt und indoktriniert, erst durch das Römische Imperium, und dann durch die gewaltsame Christianisierung. Dazu kommen die Hunnen, die Mongolen und die Osmanen. Und auch die Mauren.
        Obwohl da weniger die Hautfarbe das Element of Color repräsentiert, sondern eher die Augen-und Haarfarbe (blauäugig-blond, bzw. rothaarig, bzw. bärtig, die Römer waren eher glattrasiert, wiederum im Gegensatz zu den Griechen usw. usf.)
        Im Grunde stammen wohl die meisten Menschen irgendwo sowohl von Sklaven als auch von Sklavenhaltern ab, von Proleten als auch von Adligen, von Emporkömmlingen als auch von Abgehalfterten, von Sadduzäern als auch von Pharisäern, von Priestern als auch von Häretikern. Jeder ist „ein Sechzehntel Cherokee“.
        Man muss nur lange genug in der Vergangenheit suchen. Das ist das Schöne am Biologismus, jeder kann es drehen, wie er will.

    • Wenn Haut und deren Farbe für die Hautfarbe irrelevant sind, dann ist der Begriff komplett entkernt. Was bitte ist eine „vermeintliche“ Hautfarbe?

      Der Begriff weiß/PoC macht schon im US-Kontext keinen Sinn, in Deutschland, wo rassistische Diskriminierung eben oft nicht von der Hautfarbe im eigentlichen Sinn abhängt (z.B. gegen Osteuropäer – die sind häufig hellhäutiger als der Durchschnittsdeutsche), zeigt sich die Abstrusität in vollem Ausmaß. Trotzdem wird er benutzt. Ich erinnere mich an einen Bericht über ein No-Border-Camp in Köln(?) 2013(?), bei dem eine Critical-Whiteness-Gruppe die Veranstaltung mit ihren Rassismusvorwürfen gegen alles und jeden sprengte. Höhepunkt: Ein Mitglied dieser Gruppe definierte sich als PoC (mit dem damit einhergehenden Recht, allen nicht-PoCs den Mund zu verbieten) allein aufgrund seines slawisch klingenden Nachnamens(!), der zu Diskriminierungserfahrungen geführt hätte. Kann man sich fast nicht ausdenken.

  • @Lucas Schoppe:
    Du verwendest durchgängig den Begriff ‚biologistisch‘. Inwiefern unterscheidet der sich von ‚biologisch‘ und meinst Du nicht tatsächlich ‚biologisch‘?

  • Ich habe hier auch noch zwei Rassismus-Definitionen gefunden: eine enge und eine weite:

    Klassisches Konzept von ‚Rassismus‘ (enge Bedeutung)
    Rassistisch sind Ideologien, welche die Menschheit in eine Anzahl von biologischen Rassen mit genetisch vererbbaren Eigenschaften einteilen und die so verstandenen «Rassen» hierarchisch einstufen.
    Das klassische Konzept war vorherrschend in der Epoche des europäischen Kolonialismus und Imperialismus bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese pseudo-biologische Ideologie diente der Rechtfertigung des Kolonialismus, der Sklaverei, der Verbrechen der Nazis oder von Apartheidregimes.

    Verallgemeinertes Konzept von ‚Rassismus‘ (weite Bedeutung)
    ‚Rassismus umfasst Ideologien und Praxisformen auf der Basis der Konstruktion von Menschengruppen als Abstammungs- und Herkunftsgemeinschaften, denen kollektive Merkmale zugeschrieben werden, die implizit oder explizit bewertet und als nicht oder nur schwer veränderbar interpretiert werden.‘ (Johannes Zerger, Was ist Rassismus?, Göttingen 1997, S.81).
    Diese Definition erweitert den Anwendungsbereich des Ausdrucks «Rassismus» von den biologisch aufgefassten «Rassen» auf alle Arten von Abstammungsgruppen, die als andersartig dargestellt werden, insbesondere auf die «ethnischen Gruppen» oder «Völker».

    Wenn wir nun die Definition nehmen, die offenbar Robin DiAngelo bevorzugt, also „Rassismus ist ein strukturelles System, in dem weiße Menschen ‚soziale und institutionelle Macht über people of colors’ haben“, dann fällt Folgendes auf:
    Bei den herkömmlichen Definitionen geht es ganz klar um Ideologien oder Praxisformen, die Menschengruppen konstruieren und diese abwerten oder ihnen bestimmte kollektive Merkmale zuschreiben (Stereotypenbildung). Die Faktoren soziale und institutionelle Macht spielen absolut keine Rolle bei der Definition von Rassismus. Bei der Definition von DiAngelo spielt also nur noch die Herrschaft oder die Hegemonie einer abgrenzbaren Gruppe über eine andere Gruppe für die Rassismus-Definition eine Rolle. Die Konstruktion der Gruppe plus Abwertung bzw. Festschreibung auf bestimmte Merkmale spielt offenbar absolut keine Rolle mehr.
    Jetzt gesteht offenbar Raether noch ein, wenn „Weisse“ sozial konstruiert und abgewertet werden, dass es sich höchstens um Feindschaft handelt, aber sicherlich nicht um Rassismus, zumal der Faktor soziale und institutionelle Macht fehle. Nur kann man sich natürlich fragen, ob es analytisch sehr viel weiter hilft, wenn man das eine quasi gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nennt und das andere Rassismus. Es würde ev. analytisch weiterhelfen, wenn man davon ausgehen könnte, dass sich die Herrschaftsverhältnisse aufgrund von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ausgebildet haben und sich daraus dann eben eine rassistische Herrschaft gebildet hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies im imperialen und kolonialen Zeitalter tatsächlich der Fall war. In der heutigen USA oder Europa bin ich mir nicht mehr so sicher, dass dies vornehmlich der Fall ist. Vielmehr gehe ich davon aus, dass heute nicht mehr primär rassistische Ideologien und Praxisformen zu sozialer und institutioneller Macht bzw. Herrschaft führen, die Weisse über Schwarze haben, sondern dass sich der „Rassenkonflikt“ quasi auf einen Klassenkonflikt verlagert bzw. verschoben hat. Das heisst: Schwarze haben im Verhältnis nicht deshalb im Durchschnitt weniger politisches, kulturelles und ökonomisches Kapital etc. als Weisse, sondern weil es ganz allgemein schwer ist, aus einer unteren Schicht bzw. Klasse aufzusteigen: Kleines Beispiel: In den USA spielt vor allem das ökonomische Kapital eine grosse Rolle, ob jemand einen Uniabschluss hat und nicht die Hautfarbe. Wenn Schwarze gleich viel ökonomisches Kapital besitzen wie die Weissen, dann haben wir quasi keine Unterschiede mehr, was einen Uniabschluss anbelangt. Das heisst: Man muss genau untersuchen, was ist überhaupt noch auf eine Struktur entlang „Ethnien“ zurückzuführen und wo haben wir nun vor allem Klassen, Schichten und soziale Milieus, die Ungleichheit produzieren. Das heisst, wenn Weisse aus unteren sozialen Schichten genau so fest unterrepräsentiert sind, was soziale und institutionelle Macht anbelangt wie der Durchschnitt der Schwarzen, dann sind eben nicht mehr rassistische Strukturen dafür verantwortlich, sondern andere Faktoren.
    Den Rassismusbegriff aber so zu verengen, wie dies DiAngelo macht, dürfte aber auch sonst problematische und gefährliche Komponente besitzen. Wie Schoppe schon mal gesagt hat, können sich Machtverhältnisse immer wieder ändern und dann kann eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit schnell in Massenmord umschlagen: Die Linken vergessen einfach immer wieder den real existierenden Sozialismus mit seinen Massenmorden in China, Kambodscha, Sowjetunion etc.
    Das Problem setzt sich fort, wenn wir zwei Gruppen haben, die beide nicht die Herrschaft bzw. die Macht haben: Was haben wir dann, wenn wir hier gegenseitige gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit haben? Ist das nun Rassismus oder nicht? Und wieso und weshalb? Hinzu kommt, dass in einer Gesellschaft mit einer repräsentativen Demokratie eine nummerische Mehrheit einer Gruppe immer auch die Mehrheit der politischen und institutionellen Machtpositionen innehaben wird, was nichts mit Diskriminierung zu tun hat, sondern eine logische Folge der nummerischen Mehrheit ist. Und wenn Frauen und Schwarze in einer repräsentativen Demokratie in den politischen Institutionen nicht repräsentativ vertreten sind, ist das meist ein selbst gemachter Zustand: weil sie entweder nicht an den Wahlen teilnehmen oder nicht das wählen, was sie wählen könnten, damit sich der Zustand verändert.
    Und was für eine Hegemonie, Macht oder Herrschaft soll die Unterschicht der Weissen über die Schwarzen haben? Die sind ja genauso besitzlos, was politisches, kulturelles und ökonomisches Kapital anbelangt wie der Durchschnitt der Schwarzen. Hier würde also die Rassismusdefinition von DiAngelo sowieso nicht mehr greifen. Herrschaft und Hegemonie einer Gruppe über die andere Gruppe kann auch ohne gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit einhergehen, somit scheint mir das Konzept von DiAngelo analytisch mehr oder weniger unbrauchbar zu sein.

    • höchstens um Feindschaft handelt, aber sicherlich nicht um Rassismus

      Feind·schaft
      Feíndschaft/
      Substantiv, feminin [die]
      1.
      [ohne Plural] Haltung einem anderen Menschen gegenüber, die von dem Wunsch bestimmt ist, diesem zu schaden, ihn zu bekämpfen oder sogar zu vernichten
      „sich jemandes Feindschaft zuziehen“

      Ich weiß ja nicht, aber wenn man sagt das es sich höchstens um Feindschaft handelt und, Gott bewahre, ja nicht um Rassismus, also Vorurteile und eine Ungleichbehandlung, die aber nicht darauf aus ist mir aktiv zu schaden, soll das einem dann beruhigen?

    • Walter Benn Michaels hat darauf hingeweisen, dass an den meisten amerikanischen Universitäten inzwischen mehr Schwarze studieren als Weiße aus der Arbeiterschicht.

  • Trost und Hoffnung finde ich in Martin Luther Kings Rede.

    „But there is something that I must say to my people, who stand on the warm threshold which leads into the palace of justice: In the process of gaining our rightful place, we must not be guilty of wrongful deeds. Let us not seek to satisfy our thirst for freedom by drinking from the cup of bitterness and hatred. (…)

    The marvelous new militancy which has engulfed the Negro community must not lead us to a distrust of all white people, for many of our white brothers, as evidenced by their presence here today, have come to realize that their destiny is tied up with our destiny. And they have come to realize that their freedom is inextricably bound to our freedom.

    We cannot walk alone.“

    • Ich denke, ein wesentlicher Aspekt, warum Martin Luther King auch viele Weiße von sich überzeugen konnte, war der, dass er überzeugend jeglichen Revanchismus ablehnte. In seinen Reden schloss er die weiße Bevölkerung ein und erklärte sie nicht zu einem zu überwindenden Hindernis. In Zeiten, in denen ein Malcolm X und die Black Panther auf einem ziemlich gegenläufigen Trip waren, war das ein Segen für die schwarze Bürgerrechtsbewegung, die ansonsten wohl noch weit mehr Schwierigkeiten bekommen bzw. gar selbst heraufbeschworen hätte.

      Mit dieser inkludierenden Botschaft konnte er nicht nur die Weißen, die eh schon auf seiner Seite waren, begeistern, sondern auch jene überzeugen, die noch gar keine oder sogar leicht skeptische Haltung hatten. Naja, und dass er aus durchgeknallten Hardcore-Rassisten nicht mit ein paar schönen Worten von jetzt auf gleich „Niggerfreunde“ machen würde, das war ihm sicher klar, aber die waren für den angestrebten Wandel auch nicht relevant. Relevant war es, jene von diesen rassistischen Rattenfängern loszukriegen, die noch offenen Herzens und Hirns waren.

      Traurig, wenn es dann sogar Menschen gibt, die von rassistischen Äußerungen betroffen sind und diese dann, wie Herr Raether, als nicht rassistisch umzudefinieren und zu legitimieren versuchen. Tatsächlich wäre für ihn wohl das, was Martin Luther King dort gesagt hat, Relativierung wenn nicht gar Entschuldigung von Rassismus und das zum Verstummen Bringen berechtigt geäußerter Wut.

  • Ich bin ja selbst ein Freund akribischer Analysen, habe aber im Moment keine Zeit, den Artikel komplett zu lesen.
    Daher nur was zu dem „bunt-diversen“ Anfang.

    Ein ganz kleines bisschen triggert mich dieser Kram (ich nehme an, es handelt sich um Zitate von dieser Jeong?), aber vom intersektionellen Rassismus lernen heißt siegen lernen, und so immunisiere ich mich gegen diese vorsätzliche Trigger-„Scheiße“, wie auch gegen die anderen Hengamehs dieser Welt,
    mit hermetischer Exklusion:

    -Asiatinnen können Weiße nicht verstehen. Nur Weiße können das.
    Koreanerinnen können übrigens schon Japanerinnen nicht verstehen. Nur Japanerinnen können das nämlich.
    Was hat überhaupt eine Koreanerin in den USA zu suchen, vielleicht wurde sie ja dorthin entführt auf einem Sklavenschiff, aber schön, wo sie nun schon mal da ist:
    das ist doch kulturelle Appropriation, sich in den USA aufzuhalten, und dort ENGLISCH zu sprechen, noch dazu in einer weißen angelsächsischen Tageszeitung, anstatt in der koreanischen Community zu bleiben, und koreanisch zu sprechen, und eine koreanische Tageszeitung herauszugeben?
    Umgekehrt könnte man fast meinen, sie sei eine Verräterin an der koreanischen Identität.
    Oder so eine Art Onkel Tom in koreanisch. Eine Buch über sie müsste wohl heißen „Tante Sarahs Hütte“, und ihre Hütte ist die weiße NYT.
    Im Black-Panther-Jargon wäre sie wohl als „House Nigger“ bezeichnet worden.
    Sie macht den Weißen die Wäsche, im mehrfachen Sinne, und lebt davon ganz auskömmlich, verglichen mit den meisten anderen Menschen, ob weiß oder nicht-weiß, und die Wäsche ist Rassismus.
    Sie hilft den weißen Hypokriten von der NYT, sich mit weißer (sic!) Weste bezüglich Rassismus zu schmücken, indem sie auf die weiße Plebs eindrischt, nicht aber auf ihre selbst unter Weißen privilegierten weißen Herren von der NYT. Wie erbärmlich.
    Und sie macht den Rassismus salonfähig, als umgekehrter Rassismus, und macht damit den „absoluten Rassismus“ (der postmodern eine biologische Eigenschaft nur von Weißen ist und SEIN KANN) zu einem relativen, denn eine bestimmte Hautfarbe zu haben, scheint wohl Rassismus zu rechtfertigen.
    Das ist entlarvend in Bezug auf die NYT, die schon immer strukturell, wenn auch meist hinter vorgehaltener Hand, rassistisch ist, weil sie weiß ist; und dass diese alten weißen Männer jetzt zur Simulation von antirassistischer Diversity eine koreanische Rassistin in die Gremien holen, ist ENTLARVEND:
    Mächtige „weiße Männer“ wie die NYT können, selbst wenn sie antirassistisch sein wollen, ihre Anliegen nur rassistisch ausdrücken (lassen), und paternalistisch, indem sie einen rassistischen gelben „House Nigger“ quotieren.

    -den Hengameehs, Feministinnen, Türken, Afrikanern schmettere ich das Selbe entgegen:
    Hengameehs können Homini Sapienti nicht verstehe, Feministinnen können Männer nicht verstehen, Türken können Almans nicht verstehen, Afrikaner können Europäer nicht verstehen. Denn sie sind alles das jeweils nicht.
    Also sind alle eure Analysen und Beschuldigungen sinnlos.
    Und Osmans können übrigens auch niemals Opfer oder gar Sklaven sein, denn sie sind selbst eine tief verwurzelte Sklavenhalterkultur, Osmans sind ein Tätervolk, dass noch nicht mal den Holocaust an den Armeniern zugeben will.
    Özil wurde nicht vom Rassismus der Almans zurück in die Türkei GETRIEBEN, was den reichen Effendi Özil zurück ZIEHT in seine wirkliche Heimat, ist das Bedürfnis, jetzt, da er den Aufstieg geschafft hat, seinen zustehenden Platz in einer naturgegebenen Herrenmenschenstrukur einzunehmen.
    Es ist das Sklavenhalter-Genom, dass sich unter seinesgleichen einfach gemütlicher fühlt, sobald man den gewissen materiellen Status erreicht hat.
    Unter den Almans fühlte er sich unbehaglich, ist ja auch logisch, denn Osmans können Almans einfach nicht verstehen, denn sie sind ja eben selber keine.
    Als kleiner Proletensohn mit kleinkrimineller Hartz-IV-Zukunft wäre er von seinem Sultan wohl kaum so protegiert worden, und einen Platz in der osmanischen Oberschicht hätte er sich abschminken können. Da muss man schon wenigstens eine goldig glänzende Aura haben. Damit man sich gegenseitig versteht 😉

    Aber vielleicht gehe ich da zu weit, wie kann ich mir als Deutscher anmaßen, eine faschistische Gesellschaft wie die osmanische zu verstehen. Das wäre ja geistige Vorbereitung zum „Almansplaining“.

  • Diese Autorin und Aktivistin war mir bisher noch gar nicht bekannt, sicher ist ihre Berufung für die NYT ein aufschlussreicher Modellfall. Mir fällt viel zu dem Beitrag und den Kommentaren ein. Ich fange mal mit dem Begriff der Feindschaft/Feindseligkeit an, auf den Mark Smith oben schon eingegangen ist.
    Ein Bezug, der sich mir aufdrängt ist folgender: Der Begriff der Feindschaft steht im Zentrum von Carl Schmitts düsterer Definition des Politischen, die er 1932 publizierte (Der Begriff des Politischen, hier ein Link zum Text: https://bit.ly/2PhOI99). Schmitt war der Vordenker einer nationalsozialistischen Justiz. Ist es möglich, dass die Feministen politische Denkweisen aus den 1930er aktualisieren? Ich meine eben ein Denken, für das Feindschaft zu als anders identifizierten Gruppen essentiell ist. Es würde sich lohnen, den Text von Schmitt nochmal genauer zu lesen, da er viel scharfsinniger und offener ist, als das, was die heutigen Netzfeministen produzieren.

    • Ich würde sagen, da Emily Mutter eines Sohnes ist, wäre es Zeit für das Jugendamt, hier mal einzuschreiten.
      Schwerer Verdacht auf Kindswohlgefährdung.

  • Ich frage mich, auf welche Art der Internetfeminismus mit dem Medium zusammenhängt, in dem er sich verbreitet. Lucas hat ja die Obsessivität betont, mit der die betrachtete Autorin getwittert hat. Der Begriff der Obsessivität lässt sich dabei, scheint mir, nicht nur auf den Hass gegen andere anwenden, sondern auch auf die fast pausenlose Nutzung des Mediums Twitter. Ich dachte schon etwas ähnliches, als ich ein paar Mal den Twitter-Account von Sibel Schick und Ash Kay betrachtet habe. Kay hat vor einigen Tagen einen Widerspruch provozierenden Beitrag im Freitag publiziert: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/sexismus-laesst-sich-nicht-umdrehen (wie so oft sind die Kommentare darunter besser als der Beitrag). Ihr Twitter-Account @problematash ist momentan nicht aufrufbar, vielleicht war da selbst für Twitter zu viel Hass drin.

    Ich wundere mich, wie häufig diese Leute twittern, auch über banale Sachen wie: welche Eiscrème will ich essen? Als wären sie von der Nutzung des Mediums abhängig. Die obsessive Konzentration auf ein einziges Thema scheint mir mit der obsessiven Nutzung des Mediums verbunden, das pausenlos Material für die Obsession liefert und den Menschen permanent zu beschäftigen vermag.

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