Monatsrückblicke

Werdet wie die Kinder (nämlich: erwachsen)

geschrieben von: Lucas Schoppe

Was war los im Monat September?

Im letzten Monat hatte ich damit begonnen, einen monatlichen Rückblick zu veröffentlichen – zumindest auf die Texte dieses Blogs und die daraus entstandenen Diskussionen. Im Kommentarbereich können dann sehr gern alle, die möchten, die Texte verlinken, die ihnen selbst in diesem Monat besonders wichtig waren.

 

Zwei Frauen, ein Thema

Der Monat begann und endete hier im Blog mit zwei ganz unterschiedlichen Frauen, aber demselben Thema. Wer zweifelt, hilft dem Feind: In einer Rede, die Sophie Passmann bei einer Veranstaltung der wichtigen bildungsbürgerlichen Wochenzeitung Die Zeit gehalten hatte, stand „unser Kampf, liebe Frauen“ im Mittelpunkt:

Keiner wird uns helfen. Wir müssen besser sein. Schneller, klüger, größer, großmütiger, mehr da, länger, früher, besser.

Unglücklicherweise vergaß Sophie Passmann ganz zu erwähnen, wie umfangreich eigentlich schon seit langer Zeit die Hilfsangebote der feindlichen männlichen Umwelt für Frauen sind. Glücklicherweise aber kam ihr bei der schriftlichen Wiedergabe ihrer Rede die Zeit-Redaktion zur Hilfe und redigierte die größten Peinlichkeiten der Rede hinaus.

So bleibt Passmanns Aufruf zu weiblicher Stärke Pose. Ganz anders bei Svenja Flaßpöhler, Herausgeberin des Philosophie-Magazins, die sich mutig und sehr kritisch zur #MeToo-Bewegung geäußert hatte. Hier freute es mich sehr, dass nach dem Text von Billy Coen im Vormonat wieder ein Gastautor dabei war: „mitm“ (einst für man in th(e) middle) veröffentlichte seinen enorm umsichtigen Text über Das mediale Phänomen Svenja Flaßpöhler zugleich hier im Blog und seinem eigenen Blog Maskulismus für Anfänger.

Flaßpöhler setzt dem Bild der Frau als Opfer männlicher Gewalt die Vorstellung der „potenten Frau“ entgegen, die sich ihrer eigenen Stärke bewusst ist. Anders als Passmann grenzt sie sich also nicht von Männern ab, die Frauen angeblich nicht helfen wollten – sondern von feministischen Positionen, die Frauen als unselbständige Wesen hinstellen würden.

Die Position von Passmann nahm hier die Spiegel-Hoffeministin Margarete Stokowski ein, die im Gespräch mit Flaßpöhler aggressiv den Eindruck erweckte, Frauen wären in Deutschland aufgrund der patriarchalen Strukturen des Landes sexuellen Übergriffen hilflos ausgeliefert. Im Kommentarbereich machten Crumar und Gunnar darauf aufmerksam, dass mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz AGG und dem noch deutlich älteren Beschäftigtenschutzgesetz und dem 2. Gleichberechtigungsgesetz schon seit Jahrzehnten ein gesetzlicher Schutz gegen sexuelle Übergriffe bestehe, den Stokowski allerdings praktischerweise unterschlagen hatte.

An der Vorstellung eines „Patriarchats“ hält gleichwohl auch Flaßpöhler fest. Trotz der inneren Widersprüche ihrer Position, die hier im Blog auch schon vorher einmal Thema waren, bescheinigt mitm ihr, „frischen Wind in die Geschlechterdebatte“ gebracht zu haben.

 

Bätschi: Die sanfte Gewalt der Verkindlichung

Ein Motiv, das stillschweigend beide Texte verband, war dann ausdrückliches Thema des Textes Die sanfte Gewalt der Verkindlichung, der wiederum bei einem anderen Kommentar Crumars zum Passmann-Text ansetzte. Ein kleiner Überblicksartikel, der an herausragenden oder auch einfach absurden Beispielen der letzten Jahre auch ein wichtiges Argument Flaßpöhlers aufgreift: Es ist auch für Erwachsene sicherlich oft praktisch und bequem, wie ein Kind angesehen und behandelt zu werden – es ist aber vor allem degradierend und einengend.

Hier ging es ausdrücklich um die politische Konstruktion von Frauen als Projektionsfläche eines irgendwie besseren, kindlich unschuldigen Menschseins – es ging nicht um die Unterstellung, dass Frauen kindlicher wären als Männer, oder umgekehrt. Für solch einen sexistischen Quatsch hat sich ohnehin die wichtige bildungsbürgerliche Wochenzeitung Die Zeit zuständig erklärt.

Welchen politischen Sinn aber kann die Verkindlichung von Menschen haben? Ein Text über die SPD war mir besonders wichtig: Deutschland ohne Sozialdemokratie. Es ist leicht, deren Absturz mit Häme zu begleiten, zumal das Verhalten der Parteispitze dabei eine Menge Fremdscham inspiriert. Da aber die SPD eine enorm wichtige Rolle für die demokratische, zivile Gesellschaft gespielt habe, habe dieser Absturz erhebliche Folgen für alle, auch die Gegner der Sozialdemokratie.

Ein wesentlicher Grund für diesen Absturz ist es sicherlich, dass die Partei, die immer von der Basis getragen wurde, sich schon längst auf Entscheidungsprozesse kapriziert, die streng von oben nach unten verlaufen. Skurill illustrierte dies die Parteiführung  direkt nach der letzten Bundestagswahl: Fünf Minuten nach Schließung der Wahllokale, und gerade nachdem sie ihre Partei an eine Mauer manövriert hatte, erklärte eben diese Führung ohne weitere Rücksprache und mit entschiedenem Gestus, in welche Richtung es von nun an weiter gehen müsse. Nur um dann kurze Zeit später wieder an einer Mauer zu landen und mit dem Gestus großer Gewissheit zu erklären, dass die Partei selbstverständlich ganz genau in die andere Richtung fahren müsse, aus staatspolitischer Verantwortung und so.

Das ist erstens selbst ein kindliches Verhalten, weil hier offenbar die Kontrolle fehlt, die Menschen zwingt, sich halbwegs erwachsen zu benehmen. Andrea Nahles’ „Bätschi! Bätschi!“-Zitat wird ihr wohl noch lange nachhängen. Weniger bekannt ist der Kontext. Sie hatte nämlich gerade festgestellt, dass die SPD noch gebraucht werde, und als sie eigentlich gerade hätten erklären müssen, wofür sie denn so gebraucht wird, kamen nur noch Bätschi-Rufe. (Also hab ich dann halt selbst einen Text geschrieben, um zu klären, ob die SPD eigentlich noch für irgendetwas nötig ist.)

Vor allem aber brauchen autoritäre Strukturen zweitens Menschen, die sich bereitwillig unterordnen, die sich wie Kinder behandeln lassen und sie nicht allzu deutlich aufmucken. Die Sorge Erwachsener für Kinder ist schön, wichtig und liebevoll – wenn aber Erwachsene andere Erwachsene, die eigentlich für sich selbst sorgen könnten, wie Kinder behandeln, dann stimmt offensichtlich etwas nicht. Die Verkindlichung von Menschen ist die nette, liebe, wenn auch infantile Seite autoritärer Strukturen.

 

Wie wäre es, erwachsene Menschen zur Abwechslung mal als Erwachsene zu behandeln?

Ich hatte ja schon im letzten Monatsrückblick geschrieben, dass ich immer auch selbst einen Text auswählen möchte, der für mich im vergangenen Monat der wichtigste war. Ich freue mich auch, wenn viele, die hier mitlesen, auch ihre Favoriten in den Kommentaren vermerken – ich werde sie dann auch ans Ende des Textes verlinken.

Mit meinem Favoriten schummle ich ein wenig, weil er am 2. Oktober erschienen ist und technisch betrachtet also nicht mehr in den September gehört. Der Text ist aber so bedeutend, dass ich hier unbedingt noch einmal auf ihn hinweisen möchte: Helen Pluckrose, James A. Lindsay und Peter Boghossians Academic Grievance Studies and the Corruption of Scholarship berichtet von einem wichtigen, aber auch witzigen und schockierenden wissenschaftlichen Experiment.

Von den 20 Unsinnstexten, die von den dreien bei wichtigen wissenschaftlichen Publikationen eingereicht wurden, ging der größte Teil durch den Peer Review-Prozess, sieben wurden gar für die Veröffentlichung angenommen, sieben weitere zur Überarbeitung und möglicher späterer Veröffentlichung zurück gegeben.

Das ist ein antiautoritärer Hoax und zugleich ein wichtiges, aussagekräftiges Experiment, über das aber bis zum heutigen Zeitpunkt in der deutschen Presse kaum berichtet wurde – mit Ausnahme eines Kommentars in der Süddeutschen Zeitung. Dass die akademischen Heimathäfen einer postmodernen Linken als korrupt dastehen, ist offenbar den großen deutschen Magazinen wie der  wichtigen bildungsbürgerlichen Wochenzeitung Die Zeit oder dem Spiegel politisch nicht recht opportun – und das, obwohl Pluckrose, Lindsay und Boghossian selbst politisch links sind.

So werden dann wichtige Themen, mit denen sich Linke unbedingt und schon im Eigeninteresse offen auseinandersetzen müssen, stattdessen beschwiegen, und die wichtige Diskussion wird nach rechts geschoben. Im nächsten Schritt lässt sich dieses Schweigen dann praktischerweise damit legitimieren, dass ein offenes Ansprechen der Probleme ja „rechte Narrative“ bedienen würde. Eine doppelte Abschottung – die aber von außen betrachtet leider eher nach Arroganz und Selbstbezogenheit aussieht als nach souveräner Diskursführung.

Ich bin mir sicher: Der AfD würde es sehr viel mehr schaden, wenn die etablierten Parteien Menschen als Erwachsene behandeln würden, anstatt zu unterstellen, beim offenen Ansprechen von Problemen – sei es bei der Geschlechterpolitik, der Bildungspolitik, der Medienpolitik, der Migrationspolitik oder sonstwo – würden viele viele Menschen unweigerlich und auf der Stelle nach rechts hetzen. Viele erwachsene Menschen, die ich kenne, haben ein durchaus intaktes Gespür dafür, wann sie von jemandem wie Kinder behandelt werden – und sie reagieren in aller Regel nicht mit Freude und Dankbarkeit darauf.

Nur relativ wenige Menschen hingegen genießen die infantile Narrenfreiheit, mit der die amerikanische Professorin Christine Fair gerade die Leichen alter weißer Männer kastrieren und an Schweine verfüttern wollte. In Deutschland hatte ein Leser – wie berichtet – an die Freie Universität Berlin geschrieben und gebeten, es nicht einfach wortlos hinzunehmen, wenn ein Professor der Uni sich der Betitelung von Männern als „Müll“ – #MenAreTrashöffentlich anschließt. Die Unileitung hat, so wurde der Leser mittlerweile informiert, dazu mittlerweile interne Gespräche geführt, was immer das heißen mag. Sie nehme nämlich Geschlechtergerechtigkeit sehr ernst.

Na, denn ist ja gut.

 

Musikalische Coda: Wieder einmal viele alte weiße Männer

Die vielen schlechten Reden über alte weiße Männer haben ja vielleicht eben darin ihren Grund, dass diese Männer oft eben gar nicht kindlich daherkommen. In der Musik jedenfalls war der September ganz gewiss ein Monat der alten weißen Männer („wie ja eigentlich jeder Monat“, würden viele Feministinnen bitter-höhnisch und einige alte Männer bescheiden triumphierend hinzufügen). Das übrigens tut der überragenden Bedeutung alter oder jüngerer schwarzer Männer keinen Abbruch, und auch nicht der von Frauen.

Paul McCartney und Paul Simon waren schon in den Sechziger Jahren erfolgreich und haben gerade neue Alben veröffentlicht: McCartney Egypt Station, Simon In the Blue Light, eine Sammlung von neuen Aufnahmen älterer Lieder.

In den Siebzigern hatte Paul Weller bei The Jam begonnen, schon längst ist er sowohl eine Musik- als auch eine Stil-Ikone. Auf seinem neuen Album True Meanings findet sich, unter anderem, ein wehmütiger, liebevoller Song mit dem Titel „Bowie“.

In den Achtzigern hatte sich in Seattle die Band Mudhoney gegründet, die dann in den Neunzigern zu einem wesentlichen Impulsgeber des Grunge wurde, ohne jemals so erfolgreich zu werden wie die anderen Seattle-Bands Nirvana oder Pearl Jam. Mudhoney macht einfach weiter Musik und hat gerade mit Digital Garbage ein Album herausgebracht, das schön nach Iggy Pop in seinen wilderen Zeiten klingt. Auch wenn „schön“ natürlich das falsche Wort ist.

Eminem ist übrigens auch schon Mitte vierzig, was ihn mindestens zum mittelalten Mann qualifiziert. Schon das Cover seines neuen Albums Kamikaze ist eine deutliche Hommage an die Hip-Hop-Götter Beastie Boys, und auf dem Album selbst ist Eminem anzumerken, wie wütend er über die Kritiker-Ablehnung seines letzten Albums war: Allein das enorme Tempo, dass er spielerisch immer wieder noch mal steigert, ist unverkennbar ein „Versucht lieber gar nicht erst, das nachzumachen“-Mittelfinger. Da wären das „FU“ oder „Suck It“ auf dem Cover kaum noch nötig gewesen.

Eine ähnliche Geschichte wie Mudhoney hat auch die Band Suede, nur im Britpop, nicht im Grunge. Gegründet Ende der Achtziger, war die Band ein wichtiger erster Teil des Britpop, ohne jemals so groß wie Oasis oder Blur zu werden. Mitten in der Düsternis ihres Albums The Blue Hour findet sich das hymnische Lied „Life Is Golden“, das – wenn ich mich nicht irre, aber vielleicht möchte ich es auch nur so verstehen – ein Vater für sein Kind singt. Was halt erwachsene Menschen so tun.

Das Video dazu wurde in einem ukrainischen Ort gedreht, der nach der Tschernobyl-Katastrophe verlassen wurde. Mittlerweile hat sich die Natur die verlassene Siedlung zurückgeholt: Leben ist golden, auch mitten in der Ödnis.

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14 Comments

  • Der paternalistische Habitus der Linken gegenüber dem Volk rührt wohl daher, daß sie ihre eigenen Lebenslügen beschützen möchten. Das sind unbewußte Prozesse, die letztlich auf alle pol. Lager zutreffen. Man sollte also nicht davon ausgehen, daß da irgendeine bewußte Strategie hinter steht.

    Das sind Reproduktionen der verdrängten Kindheitserfahrungen mit autoritären Eltern. Wir Wähler stehen hier für das authentische, wütende, untrügliche Kind, während die linken Weltverbesserer es natürlich besser zu wissen meinen.

    In der Demokratie hat das „Kind“ zahlreiche Möglichkeiten, sich dem destruktiven Einfluß der „Eltern“ zu entziehen, erst recht im Internetzeitalter. Es ist daher auch lustig zu sehen, wie die Eliten das Internet und die AfD dämonisieren. Mit billigsten Worthülsen. Wie dereinst die eigenen Eltern, die gegen die Wahrheit ihrer Kinder ankämpften.

    Die AfD ist natürlich nicht die Erlösung, aber im Moment das beste Korrektiv. Es ist nur traurig mitanzusehen, daß sich die SPD bis zum Suizid dagegen wehrt, ihre Lebenslügen und ihre perverse, kulissenhafte Gesinnungsethik zu hinterfragen.

    Die Linke muß ein bißchen „rechter“ werden, wenn sie erwachsen werden will.

    • @ Hate Speeches Der Hinweis auf Kindheitserfahrungen passt gut. „Die Angst des Lehrers vor seinem Schüler“ heißt ein pädagogisches Buch aus den Siebzigern, in dem der Autor Horst Brück ganz plausibel die These aufstellt, die Schüler würden für Lehrer deren eigene, nur zum Teil bewusste und verarbeitete Kindlichkeit repräsentieren und daher unvermittelt als Bedrohung wahrgenommen werden: gleichsam als jederzeit drohender Ansturm des Verdrängten, Wilden, Undisziplinierten.

      Das mag durchaus sein und kann auch auf die heutige politische Situation passen. Mir fällt jedenfalls auf, wie stark Beschreibungen politischer Gegner zu Feindbeschreibungen geworden sind, die nicht mehr auf unterschiedliche, ggfs. auch massiv abgelehnte sachliche Positionen abzielen – sondern ganz auf die Person und auf Unterstellungen bestimmter Gefühle.

      Anstatt dem Gegner, was ja auf diskursiver Ebene prinzipiell nachweisbar wäre, etwa „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ vorzuwerfen, wird ihm einfach „Hass“ unterstellt. Der Vorwurf zielt auf den Menschen, nicht auf seine Position.

      Das aber ist nicht mehr diskutabel, in jeglicher Hinsicht. Erstens ist Hass ein Gefühl, das nicht bewiesen, dessen Abwesenheit dann aber eben auch nicht nachgewiesen werden kann. Zweitens ist es ein Gefühl, das im zivilen Kontext nicht entschuldbar ist. Die hassenden anderen werden also lediglich als Bedrohung der eigenen Zivilität angesehen, nicht als Teil derselben Gesellschaft.

      Wesentlich finde ich aber die Frage, wie solche Strukturen eigentlich politisch ermöglicht werden. Da liegt eine Begründung nahe: durch die soziale Entkoppelung sowohl der ökonomischen Spitzen der Gesellschaft als auch der des unteren Randes. Zwar muss dort niemand mehr verhungern, zumindest in unserer Gesellschaft nicht – aber es gibt eben eine ganze Menge Menschen, die am sozialen, politischen und kulturellen Leben kaum noch partizipieren.

      Die Unterstellung des „Hasses“ dort, wo – wie im Internet – informelle Bereiche der Gesellschaft überhaupt noch allgemein sichtbar werden, zeigt vor allem, wie sehr sich formelle (institutionalisierte, strukturierte, mit einer eigenen Infrastruktur versehene) Bereiche von informellen wieder entfernt haben. Was Norbert Elias einmal als „Prozess der Zivilisation“ beschrieben hat, war genau das Gegenteil davon – nämlich die Verkleinerung des Grabens zwischen formellen und informellen Bereichen.

      Bei der Verbreiterung des Grabens ist nicht nur den Linken etwas Wichtiges verloren gegangen, aber das Verlorene ist etwas, das früher einmal zumindest für linke Intellektuelle zum Grundbestand gehörte – nämlich ein Sinn für Dialektik. Marx (und nach ihm viele andere) hat das von Hegel für den Kommunismus, Dewey hat das von Hegel für den demokratischen Sozialismus übernommen.

      Würden sich Linke heute noch mit dialektischem Denken, gar mit Hegel oder sogar endlich mal mit Dewey beschäftigen, dann wüssten sie, dass es viel zu einfach ist, sich die Welt bequem in Gute und Böse, Zivilisierte und Hasserfüllte, Privilegierte und Marginalisierte einzuteilen, in heilige Hillarys und teuflische Trumps.

      Sie könnten dann zum Beispiel auf die Idee kommen, dass scheinbar unversöhnliche politische Feinde tatsächlich zwei Seiten desselben Prozesses repräsentieren – und das „das Gute“ weder auf der einen noch auf der anderen Seite zu finden ist, sondern nur in einer Überwindung, Lösung oder auch schlicht Neubeschreibung des Konfliktes.

      Insofern stellt die AfD in meinen Augen ebenso wenig eine Perspektive dar, wie Trump sie in den USA darstellt. Bei der AfD kommt noch hinzu, dass einige in der Partei neonazistische Positionen einnehmen oder heute schon fantasieren, wen sie bei der Machtergreifung so alles aus dem Amt jagen.

      Nur bin ich mir auch sicher, dass die 18x%, die die AfD jetzt in den Meinungsumfragen hat, nicht dadurch zu Stande kommen, dass plötzlich so viele Leute ihre zuvor versteckte Vorliebe für Rechtsaußen-Positionen entdeckt haben – sondern dass viele einfach das Gefühl haben, nur durch eine Stimme für die AfD könnte sich an der in sich selbst erstarrten etablierten Parteienlandschaft etwas ändern.

      Die AfD ist sozusagen der dunkle Spiegel, in dem sich ein politisches Establishment selbst ansieht, aber nicht wiedererkennt.

      Nur: Es gibt auch nicht den geringsten Hinweis darauf, dass auf der anderen, rechten Seite mit mehr Reife und weniger Gut-Böse-Mustern argumentiert würde als auf der Seite einer selbstgefällig gewordenen Linken.

      • „Es gibt auch nicht den geringsten Hinweis darauf, dass auf der anderen, rechten Seite mit mehr Reife und weniger Gut-Böse-Mustern argumentiert würde als auf der Seite einer selbstgefällig gewordenen Linken.“

        Ergänzung hierzu: Es scheint, daß die regierenden Linken autoritäre Strukturen in Staat und Gesellschaft etablieren, die später einmal von der AfD wirksam genutzt werden können, freilich auf deutlich radikalere Weise …

        Ähnlich wie ja schon die Schröder-Regierung dem Neo-Liberalismus zum Durchbruch verholfen hat, einerseits durch alle Maßnahmen im Zusammenhang mit der Agenda 2010, andererseits durch die De-Regulierung des Finanz- und Kapitalmarktes in Deutschland (hauptsächlich vorangetrieben durch Steinbrück, assistiert durch Steinmeier).

        • Wenn ich mir das so anschaue, dann findet eher gerade der Etablierungsversuch der FrauenQuote im Bundestag statt mit der verbalen Umdefinierung der Gleichberechtigung auf Gleichstellung (Grundgesetz)… Frauentreffen, der Tenor der letzten Merkel-Rede etc. schnell noch bevor FRAU Bundeskanzler weg ist, die Fleischtöpfe sichern… un die geschlechterspezifisch Übermacht (per Quote, versteht sich)…

          • Wenn sie denn wenigstens so konsequent wären, nach dem Gleichstellungsbeauftragtenmodell getrennte Wahlen für Männer und männliche Abgeordnete und Frauen und weibliche Abgeordnete durchzuführen.
            Noch besser einen MännerBuTa und einen FrauenBuTa einzurichten ….

            Aber da ließe sich dann natürlich direkt in Zahlen ablesen, was dabei herauskommt und davor haben sie Angst.

          • @Fiete

            Ja, denn einen „MännerBuTa und einen FrauenBuTa “ einzurichten würde bedeuten, der MännerBuTa verwaltet die Ressourcen der Männer und ein FrauenBuTa den der Frauen.

            Die endgültig herbeigeführte Geschlechtergerechtigkeit, die ich natürlich begrüße, wäre nach ca. sechs Monaten ruinös für ein Geschlecht.

            Ich möchte nur erwähnen, das der ehrliche crumar (TM), Verwalter der Gelder eines MännerBuTa am Jahrestag dieser fairen Geschlechtersegregation eine Party für alle Männer und Jungen schmeißen wird.

            Kann ruhig 5-10 Milliarden Euro kosten.
            Ich warte nur auf eure Vorschläge, welche Brauerei ich kaufen soll, dann gibt es Freibier.

            Wer spielen soll – Led Zeppelin, Pink Floyd, Sex Pistols, Genesis oder die Stones oder alle spielt dann auch keine Rolle mehr.

          • @ crumar

            Kann ruhig 5-10 Milliarden Euro kosten.
            Ich warte nur auf eure Vorschläge, welche Brauerei ich kaufen soll, dann gibt es Freibier.

            Krombacher! Ich habe gehört, dass mit jeder gesoffenen Kiste Krombacher 1 Quadratmeter Regenwald geschützt wird. Ich rechne in der Zwischenzeit mal die Fläche des Amazonas-Regenwaldes aus …

          • @Fiete @Pjotr

            Euer Wunsch ist mir Befehl!
            Krombacher hat gerade mal 717 Mill. Euro Umsatz im Jahr – das ist ja eher Portokasse.

            Saufen für den Regenwald ist fast so gut, wie vögeln für den Weltfrieden! 🙂

            Lieber Fiete, zu dem guten Cardhu werde ich natürlich ausgesprochen gerne eingeladen!

            Meine Idee für die location wäre eine Industriebrache im Süden von Berlin (BER) oder Park Sanssouci in Potsdam.

            Ich plädiere für den BER, weil man in Anschluss an die Party gleich zum gemeinsamen Abriss und Neuaufbau übergehen kann.

            Da ich vorhabe, Brandenburg zur größten Hanf-Anbaufläche der Welt zu machen, brauchen wir natürlich für den Export den Flughafen.
            Aber eher für Fracht und eine – nun ja – Freihanfelszone.
            Wenn ihr versteht, was ich meine…

          • Somit dürfte das Wesentliche geklärt sein. Und mit Überzweidrittelmehrheit beschlossen.
            BER als Partylocation ist hervorragend! Danach den Dreck beseitigen und zack ist der Frachtfluchhafen fertig.
            Und Sanssouci ist als Anbaufläche für nachhaltig zukunftsträchtige, umwelt- u. ressourcenschonende Nutzpflanzen eh besser geeignet ( könnte auch als Forschungsplantage gefördert werden ).

            So machen wir’s!

  • Die Idee, einmal im Monat übergeordnet die Lage zu beurteilen, finde ich sehr gut, man verliert sich sonst in den täglichen kleinen Skandälchen.

    Wichtigstes Ereignis der vergangenen Wochen scheint mir der Geschlechterkrieg vertreten durch Kavanaugh und Ford zu sein. Auch wenn das in den USA stattfand, ist es auch hier stark wahrgenommen und diskutiert worden und durch die 1-Jahr-metoo-Feierlichkeiten zusätzlich gepushed worden.

    Entscheidend ist dabei weniger das Endergebnis, sondern der Kampf als solcher. Die feministische Seite hat im Kern nur ein Argument, das uralte Definitionsmacht-Konzept, wonach Frauen blind zu glauben ist, wenn sie Männer sexueller Verfehlungen bezichtigen, und der Angeklagte umstandslos sozial zu vernichten ist.

    Die Argumente gegen das Definitionsmacht-Konzept haben wir 2013 bei der Aufschrei-Kampagne gründlichst diskutiert, ich glaube nicht, daß irgendein neues Argument in der Kavanaugh-Ford-Debatte aufgetaucht ist.

    Das eigentlich erschreckende ist, daß inzwischen offenbar rund die Hälfte der Bevölkerung in den USA – die „Demokraten“ – Anhänger dieser feministischen Dystopie und des darin implizit vorhandenen Haß auf Männer sind. Hier in D. ist es vielleicht noch nicht ganz so schlimm, auch wenn die feministische Presse ihre gewohnte Propaganda fortsetzt.

    Unfreiwillig ehrlich war der Spiegel, der als Motto seiner Glorifizierung der metoo-Kampagne den Hashtag #Frauenland wählte – wohl als Synonym zu Matriarchat, das die Grünen schon in ihrem Frauenstatut implementiert haben.

    • „Die feministische Seite hat im Kern nur ein [einziges] Argument, das uralte Definitionsmacht-Konzept, wonach Frauen blind zu glauben ist, wenn sie Männer sexueller Verfehlungen bezichtigen, …“

      Streng genommen gibt es noch ein weiteres Argument, nämlich: Schaut Euch doch alle an, wie diese Frau leidet, seit dem sie ihren Peiniger angeklagt hat! (Die Frau steht nun im Licht der Öffentlichkeit, ebenso wie der angeklagte Mann.) Schaut Euch doch alle an, wie diese Frau leidet! Schaut Euch doch alle an, wie diese Frau leidet!!! Würde dies irgend eine Frau durchmachen (wollen), wenn ihre Anschuldigung falsch wäre?

      So etwa ein Kommentar von Hilary Clinton zur Glaubwürdigkeit der Aussage von Christine B. Ford. („Why would anybody put themselves through this if they did not believe they had important information to convey to the Senate?“)

      https://www.youtube.com/watch?v=-ZGKld58s_k

      Und so ganz abwegig ist diese Überlegung ja nicht. Wenn mir ein Kollege erzählt, vor etlichen Jahren sei bei seinem Auto der Auspuff mal defekt gewesen, so kann ich das in keiner Weise nachprüfen. Aber die Frage wäre dann: Warum erzählt er mit sowas, wenn es gar nicht stimmt?

      Natürlich wäre das nicht das Ende der Überlegung. Aber so ganz verkehrt ist das zunächst mal nicht.

      Zur Analyse der ganzen Affäre siehe auch

      https://owningyourshit.blogspot.com/2018/10/its-not-very-often-that-i-disagree-with.html

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