Feminismus Geschlechterpolitik Krieg & Frieden Väter

Politische Leere, politische Gewalt

geschrieben von: Lucas Schoppe

Zu Texten von Teresa Bücker und Antje Schrupp

Am Beispiel zweier Texte von Teresa Bücker und Antje Schrupp zeigt sich: Was eine auch nur halbwegs linke, humane Politik heute braucht, ist keine Militanz – sondern mehr Ehrlichkeit.

Beim Quizduell kann ich jeden Monat gegen „Deutschland“ spielen und also herausfinden, ob ich die Nachrichten des vergangenen Monats besser im Kopf habe als die Mehrheit der anderen, die schon mitgespielt haben. Beim letzten Oktober-Quiz war ich dabei ganz gut, und in einer Frage wusste ich auch besser Bescheid als die Mehrheit: Bei der Frage danach, welche Studiengänge in Ungarn nun gestrichen worden seien. Dass das die Gender Studies sind, war mir sofort präsent, während es an den meisten anderen vorbeigegangen war.

Was beständig an geschlechterpolitischen Aufgeregtheiten durch Blogs, Klick-Bait-Artikel wie die von Stokowski und die entsprechenden Kommentarspalten oder durch Hashtags gejagt wird, interessiert die meisten Menschen wenig, die in der Regel ganz andere Sorgen haben. Nur wer direkt mit den Konsequenzen konfrontiert wird, merkt, dass hier nicht nur erhitzte Luft ventiliert, sondern auch folgenreich politisch agiert wird.

Männer würden vermutlich fast rundweg eine leicht irritierte, irgendwie souverän-gelangweilte „Lass sie doch reden, irgendwie haben sie ja auch recht“-Haltung gegenüber Feministinnen einnehmen, wenn nicht viele von ihnen, beispielsweise, die Erfahrung gemacht hätten,  dass sie als Väter nach einer Trennung überraschend rechtlos sind.

 

Frau Bücker entdeckt Empathie für Väter

Das aber ist eben nicht das Problem, mit dem sich Teresa Bücker gerade in der Edition F. beschäftigt – das „F“ steht hier wahlweise für „Feminismus“ oder für „Frauen“. Die „modernen Väter“ seien „eher Urban Legend als Trend“, würden bei der Kindessorge eher die späteren Zeiten übernehmen, „wenn man mit dem Kind schon etwas anfangen kann“, kümmerten sich nicht um bessere Elternzeiten für Väter in Unternehmen und lebten ohnehin in einer Gesellschaft, die „sie wie Helden feiert, wenn sie wickeln können“.

In den ersten Monaten wurde unser Kind ausschließlich von mir gewickelt – ich habe es der Mutter schließlich beigebracht – und kann mich nicht daran erinnern, dafür jemals als Held gefeiert worden zu sein, oder das erwartet zu haben. Was Bücker Männern unterstellt, ist weitgehend projektiv, verkürzt, und es blendet den Anteil von Frauen aus. Zum Beispiel den, dass weiterhin, und nach meinem Eindruck bei Schülerinnen und Schülern eher wieder verstärkt, sowohl Frauen als auch Männer von Männern erwarten, dass sie in der Lage sind, die Familie zu ernähren. Wenn das Geld, das die Frau verdient, nicht ausreicht – dann begrenzt das nun einmal die Möglichkeiten des Mannes, seine Zeit im Beruf zu verknappen.

Nur kurz streift Bücker, dass die rechtliche Stellung von Vätern nach Urteilen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und des Verfassungsgerichts gestärkt werden musste:

Die Sorgerechtsreform von 2013 erleichterte unverheirateten Vätern den Zugang zum Sorgerecht für ihre Kinder – ohne sie dazu zu verpflichten, dieser Sorge auch tatsächlich nachzukommen.

Lutz Bierend hat diesen Satz schon kommentiert und darauf hingewiesen, wie schwer es Vätern trotz der leicht gewachsenen rechtlichen Möglichkeiten immer noch gemacht werden kann, wenn sie für ihre Kinder sorgen wollen.

Bücker aber erweckt den Eindruck, Väter würden sich Vorteile herauspicken, sich vor Unterhaltszahlungen möglichst drücken, aber Verantwortungen scheuen. Dass sie weiterhin rechtlich und, mehr noch, institutionell gegenüber Müttern benachteiligt sind, erwähnt sie dagegen nicht.

Sie erwähnt schon gar nicht, dass es insbesondere Feministinnen waren, die sich einer Gleichberechtigung von Vätern und Müttern in den Weg stellten, die Väter pauschal als Kinderschänder hinstellten und eine Vater-Kind-Bindung leugneten, die Müttern Tipps gaben und geben, um Väter aus der Kindessorge herauszuhalten, und die eine verbissene Lobbyarbeit gegen die stärkere Beteiligung von Vätern organisieren.

Im immerhin offen geführten Kommentarspalten-Dialog mit Markus Witt vom Väteraufbruch für Kinder bezeichnet sie das „Maternal Gatekeeping“ – also das gerade im deutschen Recht traditionell verankerte mütterliche Privileg, über die Möglichkeiten des Vaters zur Kindessorge entscheiden zu können – als „Mythos“. Allerdings reproduziert sie dessen Logik selbst.

Aufhänger ihres Textes ist die brutale Abschiebung eines Migranten und werdenden Vaters, der im Krankenhaus festgenommen wurde, als seine Frau gerade in den Wehen lag. Bei dem Fall mache

die Unmenschlichkeit einer Abschiebung während der Geburt sprachlos, die ohne Zweifel auch die Frau traumatisiert hat, die in einer Situation, in der sie besonderen Schutz und Ruhe braucht, das Auseinanderreißen ihrer Familie mitbekam, während sie doch ihr Baby in Empfang nehmen wollte.

Warum die plötzliche Empathie für einen Vater und die Wut darüber, dass seine spezifische Bedeutung nicht respektiert wurde?

Möglich, aber unwahrscheinlich ist es, dass der Vater hier eben kein weißer Mann und daher im traditionellen Verständnis des intersektionellen Feminismus kein Herrscher ist. Das allerdings hatte Feministinnen auch nicht im berühmten Skandalfall des Kazim Görgülü interessiert, der jahrelang darum kämpfen musste, für seinen Sohn sorgen zu können – weil die Mutter den Sohn ohne sein Wissen zur Adoption freigegeben hatte.

Im aktuellen Fall aber möchte die Mutter den Vater dabei haben – er wird gegen ihren Willen von ihr und dem Kind getrennt. Eben das verändert die Situation schlagartig: Die Empathie für den Vater ist eigentlich Empathie für die Mutter, von der auch ein wenig für ihn abgezwackt wird.

Gleichwohl schreibt Bücker ihren Text in einer politischen Gemengelage, in der die vielen Studien nicht mehr zu leugnen sind, die zeigen, wie sehr auch nach Trennungen die Doppelresidenz dem bisherigen De-Facto-Standard der mütterlichen Einzelresidenz überlegen ist. Die Bedeutung von Vätern für die Kinder, und nicht nur für den Unterhalt, lässt sich vernünftig längst nicht mehr leugnen. Bückers Text erweckt nun den Eindruck, Feministinnen hätten schon immer gegen den Widerstand und das Desinteresse von Vätern für eine Stärkung der Väter in den Familien gekämpft.

Es geht der Autorin daher nicht um eine Auseinandersetzung mit Sachfragen, sondern darum, Widersprüche der eigenen Position kaschieren und einen Rückzug aus nicht mehr zu haltenden Schützengräben als Offensive verkaufen zu können. Etwa so:

 

Könnte es tatsächlich sein, dass die Erde eine Kugel ist?

Flacherdler (im Weiteren kurz: F.): Die Erde ist eine Scheibe.

Irgendein Kritiker: Nein, wir können ziemlich genau nachweisen, dass die Erde tatsächlich eine Kugel ist.

F.: Was für ein Unsinn. Das leugnet kurzerhand und arrogant die tägliche Erfahrung von Tausenden!

K: Nein, genaugenommen gibt es auch Erfahrungen, die meine Position belegen. Zum Beispiel….

F.: Ich hör nicht zu. Ich hör nicht zu. Man sollte diesem Menschen ohnehin nicht zuhören und einen Cordon Sanitaire um ihn legen. Er versucht, Menschen dazu zu bewegen, auf die andere Seite der Scheibe zu gehen und herunterzufallen. Alles, was er sagt, verschleiert nur, dass es ihm um die Sicherung seiner Privilegien geht!

K: Welche…? Ach, nein, ich… (Stille)

An diesem Bild ist deutlich erkennbar, dass die Erde eine Scheibe ist. Sonst würden die Wolken im unteren Teil schließlich herunterfallen.

Fünfzig Jahre später. Die „Victoria“ kommt gerade von ihrer ersten Weltumseglung zurück.

F.: Was für ein wunderbarer Tag. Und er bestätigt alles, was wir immer gesagt haben: Die Erde ist eine runde Scheibe, die nun ein ganzes Mal umfahren wurde.

K: Nein, tatsächlich ist die Victoria einmal um die Kugel gefahren.

F.: Absurd. Dann wäre sie heruntergefallen.

K: Nein, die Gravitation, also die Erdanziehung hat sie gehalten. Das lässt sich…

F.: Pseudotheorien! Tatsächlich sind die Kugelisten allein an der Aufrechterhaltung ihrer Privilegien interessiert und organisieren seit Jahrtausenden skrupellos das Herunterfallen von Menschen. Es wird Zeit, ihnen das Handwerk zu legen und ihre Gefährlichkeit endlich zu erkennen.

K: Nein, ich.-… (Geräusche eines Handgemenges. Dann: Stille)

Hundert Jahre später. Vom ersten Raumflug wurden beeindruckende Bilder der Erdkugel übermittelt.

F.: Was für ein Erfolg! Was für eine Freude! Und ohne uns wäre diese Leistung niemals möglich gewesen. Hätten wir nicht immer wieder darauf hingewiesen, wie gefährlich die Konzepte der Kugelisten sind, und wie absurd ihre Pseudotheorie einer Gravitation – das Raumschiff hätte sich niemals in das Weltall erheben können.

Wieder einmal zeigt sich: Es gibt kein gesellschaftliches Problem, das sich ohne unser Handwerkszeug lösen ließe. Es gibt keinen Bereich unserer Kultur, bei dem wir verzichtbar wären.

(Endloser Beifall vom Band)

 

Frau Schrupp flirtet mit politischer Gewalt

Es gibt kein gesellschaftliches Problem, das sich ohne feministisches Handwerkszeug lösen ließe. Es gibt keinen Bereich unserer Kultur, bei dem Feministinnen verzichtbar wären.

So gerade in der Frankfurter Rundschau Antje Schrupp, eine von Deutschlands wichtigsten Feministinnen, die auch schon einmal gefordert hatte, Vätern doch der Einfachheit halber alle Pflichten und Rechte ganz zu streichen. Der FR-Text ist irritierend – nicht, weil dort neue Gedanken enthalten wäre, sondern weil Schrupp irritierend unbekümmert mit politischer Gewalt flirtet.

Sie begründet diesen Flirt mit einer Liste von Enttäuschungen:

Die nachhaltig stereotype familiäre Rollenverteilung. Der Rückgang des Frauenanteils in den Parlamenten. Fehlende Diversität in Institutionen und Konzernen. Der Rosa-Hellblau-Terror im Marketing.

Nun sind Frauen mindestens so sehr wie Männer an der familiären Rollenverteilung beteiligt, ihr Anteil im Bundestag ist immer noch überproportional viel größer als ihr Anteil an der Mitgliedschaft in Parteien, Frauen streben Führungsposten selten an, und der „Rosa-Hellblau-Terror“ – angesichts des realen Terrors, den Europa und andere Teile der Welt erleben, ohnehin eine bescheuerte Dramatisierung – wird wesentlich von Frauen getragen: Frauen kaufen Kinderspielzeug, bei dem Rosa-Blau-Aufteilungen ja besonders beliebt sind, und wenn Frauen für einen Rasierer mehr Geld ausgeben, nur weil er rosa ist, dann ist auch das nicht die Schuld von Männern.

Die Enttäuschung Schrupps entsteht also nicht durch irgendwelche Widerstände irgendeines Patriarchats, sondern dadurch, dass ein Großteil der Frauen offenbar wenig an dem interessiert ist, was Feministinnen so fordern.

Mehr Militanz lässt sich besonders wirkungsvoll aus einem bequemen Fernsehsessel heraus herbeischreiben: aus Antje Schrupps Twitter-Profil.

Gerade fordert beispielsweise Katharina Barley gesetzliche Regelungen zur Anhebung des Frauenanteils im Bundestag. Natürlich könnten Frauen sich auch einfach stärker politisch engagieren, oder sie könnten konsequent Kandidatinnen wählen – aber unglücklicherweise setzen viele von ihnen offenbar andere Prioritäten.

Da kämpft die SPD um ihr Überleben – da ist der rechtliche Rahmen der Migration offensichtlich ungerecht und, siehe oben, stellenweise grausam – aber die sozialdemokratische Justizministerin hat nichts Wichtigeres zu tun, als die fehlende Massenbasis ihrer Geschlechterpolitik durch gesetzlichen Druck ersetzen zu wollen. Die Vorstellung ist offenkundig irreal, in einer feministisch inspirierten Politik gleichsam einen archimedischen Punkt gefunden zu haben, mit dem alle andere Politik aus den Angeln gehoben und in ihre richtige Form gesetzt werden könne.

Barley wie Schrupp beziehen sich auf die Suffragetten und das vor hundert Jahren erkämpfte Frauenwahlrecht – obwohl längst eigentlich jeder wissen müsste, dass damals nicht allein Frauen, sondern auch einem großen Teil der Männer das Wahlrecht vorenthalten worden war. Der Frau-Mann-Kampf war damals schon vorwiegend eine Inszenierung, aber eine gewalttätige. Der Autor Gunnar Kurz schreibt über die Gewalt der Suffragetten-Bewegung:

Sie zerstörten Bilder in öffentlichen Galerien, schütteten Säure in Briefkästen, lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, versuchten einen Teil der Bank of England, die Royal Academy und Gebäude einer Schule in die Luft zu sprengen und planten, die Kinder von Winston Churchill zu kidnappen. Sie schickten Briefbomben an bekannte Mitglieder der Gesellschaft – eine davon verletzte die Hand eines Postbeamten –, verübten einen Bombenanschlag auf das Landhaus des Schatzkanzlers, steckten Kirchen in Brand und fackelten einen Bahnhof ab (…).

An eben diese Militanz erinnert Schrupp heute, sie raunt von einer Ausweitung der Kampfzone und fragt suggestiv, ob es denn reichen würde, T-Shirts zu tragen und zu demonstrieren. „Oder braucht die Frauenbewegung wieder mehr Militanz?“

Allerdings ruft sie nicht direkt zur Gewalt auf, sondern kokettiert lediglich mit der Idee und legt es nahe, die Frage nach der Militanz mit „Ja“ zu beantworten. Wenn daraufhin jemand wirklich gewalttätig wird, hat sich die Redakteurin von „Evangelisches Frankfurt“ nicht die Hände schmutzig gemacht und kann sie zur Not in Unschuld waschen.

Da sie aber nur kokettiert und nahelegt, den Gedanken an politische Gewalt jedoch nicht konsequent durchspielt, stellt sie auch nicht die Frage, wenn denn diese Gewalt überhaupt legitimiert werden könnte. John Dewey beispielsweise hat sie mit einem schlagenden Argument abgelehnt: Politische Gewalt, auch revolutionäre Gewalt, würde nichts Neues schaffen, sondern lediglich bewirken, dass alte Strukturen in neuer Einkleidung weiter existierten. Er dachte dabei offenbar an den Übergang vom autoritären Zarenreich zum autoritären Bolschewismus.

Wenn überhaupt, dann war diese Gewalt in Situationen gerechtfertigt, in der sich ökonomische, soziale und kulturelle Strukturen längst weiter entwickelt hatten, politische Strukturen aber betoniert und veränderungsunfähig schienen: so wie bei der amerikanischen Revolution 1776 oder der französischen 1789. Aber in demokratischen Strukturen greift auch diese Legitimation nicht, weil diese Strukturen prinzipiell veränderbar sind.

Es gibt in einer Demokratie keine schlüssige Legitimation politischer Gewalt.

Zudem ist Schrupp ja eben nicht von fehlender Beweglichkeit der politischen Ebene enttäuscht. Im Gegenteil: In Parteien, in Parteiorganisationen wie der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen oder dem grünen Gunda-Werner-Institut, im Familienministerium, in Hunderten von Stellen für Gleichstellungsbeauftragte, in staatlicher Förderung von Frauenprojekten und feministisch inspirierter akademischer Forschung werden feministische Akteurinnen umfassend gefördert.

Ihr Problem ist nicht die fehlende Unterstützung, sondern die Unannehmlichkeit, dass sie ihre Positionen schlecht legitimieren können, weil ein Großteil der Frauen gar nicht an ihrem Aktivismus interessiert ist.

Die Gewalt, mit der Schrupp flirtet, ist also nicht die Gewalt der Hoffnungslosen, die seit Jahrzehnten schon für humanere Strukturen kämpften und die dabei immer wieder an betonierten politischen Verhältnissen zerschellten.

Es ist die Gewalt der Ideen- und Substanzlosen, die ihr inneres Vakuum als Resonanzraum für politische Lautstärke nutzen und die sich eine verschärfte Freund-Feind-Konfrontation herbeiträumen, weil sie glauben, darin so etwas wie einen Sinn entdecken zu können.

Das ist besonders verantwortungslos angesichts einer Situation, in der sich in den USA tatsächlich eine gewaltsame Konfrontation zweier gleichermaßen substanzloser politischer Lager abzeichnet und in der es schön wäre, wenn europäische Gesellschaften etwas rationalere Wege finden würden.

Der Feminismus, und nicht nur er, braucht ganz gewiss nicht mehr Militanz. Mehr Ehrlichkeit: Das wäre unspektakulärer, undramatischer, weniger verkaufsfördernd – aber ein sehr guter Anfang.

 

Danke für die Informationen an Genderama!

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29 Comments

  • Von „Bombe 20“, der hier auch schon öfter mal kommentiert hat, gibt es unter dem Artikel in der FR einen schönen Kommentar, den ich hier auch dokumentieren möchte. Also:

    „Fassen wir mal kurz zusammen: Eine nicht ganz unbekannte Feministin glorifiziert Gewalttaten in der Vergangenheit (eben nicht „nur“ das Bespucken von Polizisten; Suffragetten begingen auch diverse Sprengstoff- und Brandanschläge) und fordert dann, ohne unnötig konkret zu werden, der heutige Feminismus müsse sich daran ein Beispiel nehmen und „militanter“ werden.

    Und die Frankfurter Rundschau bereitet Ihr kommentarlos eine Bühne.

    Ich kann mir zahllose Konstellationen vorstellen, in denen man so etwas zurecht als Terrorpropaganda bezeichnen würde. Warum hier nicht?

    Letztlich zeigt dieser Vorgang ein erhebliches Maß an Frauenverachtung: Gewalt („Militanz“) von oder im Namen von Frauen kann doch gar nicht wirklich schlimm sein. Frauen sind doch harmlos; eben nicht nur im moralischen, sondern auch im physischen Sinne.

    Wenn Feministinnen ein Gebäude anzünden, dann ist das aus der Sicht solcher Frauenverachter eben viel weniger schlimm, als wenn Neonazis oder Schwulenfeinde das gleiche tun. Und damit tun sie genau das, was sie den Anderen ständig vorwerfen: Sie nehmen Frauen nicht ernst.

    Emanzipation und Gleichberechtigung bedeuten, Männer und Frauen tatsächlich als gleich menschlich wahrzunehmen. Von gleicher moralischer Fähigkeit zum Guten wie zum Bösen. Als gleich fähig, die Welt zu verändern; wieder, zum Guten wie zum Schlechten.

    Es sind ausgerechnet die selbsternannten Feministinnen, Menschen, die solche Artikel schreiben und veröffentlichen, die Frauen eben nicht den gleichen Respekt entgegenbringen wie Männern. Die Frauen nicht für voll nehmen.

    Aber gleichzeitig behaupten sie, für „die Frauen“ zu sprechen. Das tun sie aber genauso wenig, die Islamisten für die Masse der Moslems sprechen.

    Vielleicht wäre dieses kleine Bißchen „Militanz“ tatsächlich dringend nötig: Daß die Mehrheit aufsteht und sagt: „Not in my name.“

    B20

    Und als ein PS:

    „Nebenbei: Es ist sicher nur ein höchst geschmackloser Zufall, daß dieser Aufruf zu mehr Militanz einer sozialen Bewegung, der sich direkt auf deren Vorgängerinnen bezieht, die sich unter anderem durch Brandanschläge hervortaten, ausgerechnet auf den 80. Jahrestag der Reichspogromnacht datiert.

    B20“

    Ein weiterer enorm kritischer Kommentar – von Jizzyb – macht schon darauf aufmerksam, dass feministische Positionen ein Problem mit ihrer Mehrheitsfähigkeit auch unter Frauen haben.

    Andere Kommentare sind auch nach zwei Tagen nicht da.

  • Was mich am meisten verblüfft: vor kurzem gab es auch ein Interview mit Maggy S., in dem sie auch auf die Suffragetten verwies, die „in ihrer Verzweiflung“ zu radikalen Maßnahmen „gezwungen“ waren.

    Jahrzehntelang wurden die Suffragetten grotesk verklärt. Immerzu wurden sie dargestellt als großartige, starke und doch so umsichtige und friedfertige Frauen. Auf einmal geben aber selbst vollkommen durchgeknallte Feministinnen des härtesten Kerns unumwunden zu, dass ein nicht unerheblicher Teil des politischen Schaffens dieser Damen das war, was man ohne Frage als Terrorismus bezeichnen muss.

    Bombe20 hat mit seinem Kommentar vollkommen recht: es ist erschreckend, wie fehlgeleiteter, „benevolenter“ Sexismus dazu führt, dass Aussagen von Leitmedien als nicht weiter der Rede wert oder gar legitim erachtet werden, die nichts anderes sind, als verklausulierte Aufrufe zum Landfriedensbruch, solange sie von (feministischen) Frauen stammen. Einen solchen Umgang erfahren für gewöhnlich nur Kleinstkinder – selbst von einem Fünfjährigen erwartet man für gewöhnlich schon, dass er derartige Rohheiten als irgendwie falsch erkennt – und geistig Schwerbehinderte. Wären besagte Damen kognitiv auch nur zu einem klitzekleinen Bisschen Reflexion fähig, sollte ihnen das eigentlich mal schwer zu denken geben.

    Nun könnte man natürlich jammern, was wohl los wäre, wenn Arne Hoffmann in einem Interview raushauen würd, er wünsche es sich ja nicht selber unbedingt, aber wäre nicht verwundert, wenn demnächst mal das eine oder andere Jugendamt oder Familiengericht in Flammen aufgeht. Aber tatsächlich erkennt man daran doch eigentlich nur, dass man „uns“ im Gegensatz zu „denen“ offensichtlich noch ernst nimmt. Bedenklich eben nur, dass man dann ausgerechnet denen, die man per konkludentem Handeln erkennbar als nicht zurechnungsfähig einschätzt, politisch den roten Teppich ausrollt. Handelt es sich hierbei um eine auf die Gesamtgesellschaft umgemünzte Version des alten Ratschlags für den Umgang mit schwer geisteskranken: egal was sie sagen, bloß nicht widersprechen?

    Hervorheben möchte ich auch die Parallelen zwischen Feministinnen heute und damals. Es ist ja kein Geheimnis, dass gerade die durchgeknalltesten Feministinnen unserer Zeit alle eines gemeinsam haben: einen Lebenslauf, der gezeichnet ist von einer allzeitigen und allumfassenden Vollversorgung und Pamperung, erst von den Eltern und dann von Institutionen. Das sind Menschen, denen jegliche Form eines klaren Blickes von Unmengen an Privilegien verstellt wird, ironischerweise vor allem der Blick auf ihre Privilegien selbst. Und aus dieser Position heraus imaginieren sie sich in eine alberne Opferrolle, die sie für sich als Blancolegitimation für jede Form eigenen Agierens verwerten.

    Nun, was natürlich unter typischen Aussagen über die Suffragetten, wie sie z. B. von Stokowski kamen (sahen sich in ihrer Verzweiflung gezwungen…), vollends vergraben wird, ist die Tatsache, dass sich die Suffragetten durch die Bank aus Damen der gehobenen Bürgerschicht rekrutierten. Die kamen aus, gerade zu ihrer Zeit, hochgradig privilegierten Verhältnissen. Das Geld verdienten ihre Männer und den Haushalt schmissen Dienstmädchen. Diese Damen mussten ihr ganzes Leben keinen Finger krumm machen, brauchten lediglich den Nachwuchs gebären, was sie gewiss auch damals schon als unerträgliche Belastung für das gesamte Leben betrachteten (wer sonst keine Sorgen im Leben kennenlernt, kann gewiss eine Schwangerschaft und Geburt erst pro- und später retrospektiv als das mit Abstand absolut schlimmste betrachten, was das ganze Leben für die Spezies Mensch an sich überhaupt nur bereit halten kann).

    Tatsächlich ist diese Klassenzugehörigkeit wohl auch wesentlich verantwortlich für ihr politisches Streben gewesen, denn nur Frauen dieser Schichten konnten dort überhaupt eine „Ungerechtigkeit“ entdecken. Die Frauen aus unteren Schichten hatten zwar auch kein Wahlrecht, erlebten aber auch, dass ihre Männer ebenso davon ausgeschlossen waren.

    Während man nun also scheinbar inzwischen nicht mehr zu verschleiern versucht, dass die Suffragetten „in ihrer Not“ auch zu terroristischen Aktionen griffen, um ihre Forderungen durchzusetzen, obwohl sie komischerweise, ganz entgegen revisionistischer Narrative, von Anfang an in Parlamenten offene Türen einrannten und viele männliche Unterstützer fanden, wird man wohl auch künftig nicht darauf hinweisen, dass sie diese Forderungen in der Regel auch nur für Frauen ihres Standes erhoben. Sie wollten eben kein allgemeines Wahlrecht, sondern nur eine Ausweitung des im prädemokratischen Europa weit verbreiteten Ständewahlrechts auf Frauen – eben konkret gesagt auf sich selbst, aber nicht auf Frauen, wie schon erwähnte Dienstmädchen, die mit ihrer schlecht bezahlten Arbeit dafür sorgten, dass die holden Damen überhaupt für ihr Treiben die Muße finden konnten. Diese Tatsachen werden wohl auch künftig unter dem Mantel des Schweigens verbleiben, denn derartige Klassenungerechtigkeiten lassen sich schwerer mit irgendwelchen Phrasen wie einer vermeintlichen „Not“ wegquatschen, vor allem wenn man dabei versuchen müsste, die naserümpfende Herablassung Hochprivilegierter den sozial deutlich schlechtergestellen gegenüber zu rechtfertigen. Das würde dann wohl tatsächlich zu derartig grotesken, hirnverdrehenden Rationalisierungsversuchen führen, die man nicht einmal feministischen Frauen durchgehen lassen würde – was immerhin schon etwas heißen mag.

    Wobei es mich schon überrascht hat, dass aktuell zumindest von t-online ein anderer wenig appetitlicher Punkt ans Tageslicht gezogen wird, der auch im Bestreben der teils regelrechten Heiligsprechung der Suffragetten gerne verschwiegen wird: der in der Bewegung sehr verbreitete Rassismus. https://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_84758146/frauenwahlrecht-freiheit-fuer-die-weisse-frau-der-suffragetten-rassismus.html

    Danke an Arne Hoffmann für den Hinweis auf Genderama.

    • D’ac­cord in allen Punkten. Habe versucht den Link von Arne bei SPON (Stokowski) in einem Kommentar zu posten, die mögen das nicht. Bin jetzt gesperrt (wer am Heiligenschein kratzt, wird exkommuniziert vom „Menschsein“)… Kann ja mal ein anderer sein Glück versuchen…

      • Moment! Du hast also direkt auf t-online verlinkt und gar nicht mal auf den betreffenden Eintrag bei Genderama? Und dafür wurdest du gesperrt? Das ist krass!

        Ich könnte ja zumindest mitgehen, wenn ein Kommentar gelöscht würde, der auf doch eher als dubios geltende Quellen wie pi-News oder Wikimannia verlinkt (eine Account-Sperrung wäre das aber auch noch lange nicht wert).

        Aber jemanden zu sperren, weil er auf ein von einer riesigen und auch als weitgehend seriös geltenden Firma betriebenes Newsportal verlinkt, das ist schon krampfhaftes Aufrechterhalten von Filterblasenhygiene im Endstadium.

        Die Reaktion wird aber nachvollziehbar, wenn man mal die geistige Konstitution etwa einer Maggy S. berücksichtigt. Sie ist stramme intersektionale Feministin. Da stehen sowohl Frauen (in diesem Kontext vertreten von Suffragetten) als auch Schwarze im Opferranking ganz weit oben. Gleichzeitig stehen die Suffragetten bei Feministinnen jeder Couleur unangefochten und mit riesigem Abstand auf Platz 1 des Heldenrankings. Und dann kommt so jemand wie du und verlinkt auf einen Artikel, in dem thematisiert wird, wie diese größten Heldinnen unter allen größten Helden die jemals gelebt haben und (im intersektionalistischen Sinne) auch Opfer gegen eine andere sehr gewichtige Opfergruppe recht offen opponiert haben. Sie haben sich ja nicht nur nicht für Schwarze (noch nicht einmal für schwarze Frauen) eingesetzt, sondern sogar offen bekundet, dass sie befürchteten, dass im Fahrwasser ihrer Bewegung auch eine schwarze Bürgerrechtsbewegung mehr Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Akzeptanz finden könnte. Das verursacht bei solchen in derart einfachen Mustern denkenden Menschen kognitive Dissonanzen von schon biblischen Ausmaßen. Und solche Zitate gab es von vielen und vor allem auch führenden Suffragetten, meines Wissens sogar von der ja schon fast gottgleichen Emmeline Pankhurst.

        Bin mal über ein „Quiz“ gestolpert: „Suffragette oder Kukluxklan“. Da wurden zahlreiche Zitate genannt und man konnte immer entscheiden, ob das von einer Suffragette oder einem Anhänger des Kukluxklans gesagt worden war. Weil ich während des Beantwortens irgendwann langsam unsicher wurde, habe ich zwei bis dreimal auf KKK geklickt und lag dabei immer daneben, denn der Geck an der Sache war, dass alle Zitate in diesem „Quiz“ von Suffragetten stammten. Ich weiß, böse polemisch, aber dadurch wurde ich das erste Mal auf diese sehr fragwürdigen Haltungen einflussreicher Suffragetten zum Thema der Rassensegregation hingewiesen. Und über die Sache mit den teils terroristischen Methoden hat mich erst Gunnar auf seinem Alternativlosaquarium aufgeklärt. Eigentlich schon besorgniserregend, wenn man weniger tolle Sachen über Menschen, die einem in der medialen Öffentlichkeit bzw. sogar in der Schule zeitlebens als reine Heldengestalten präsentiert werden, über private Freizeitblogs und augenzwinkernd präsentierte Raterunden in Erfahrung bringen muss. Das bedingungslose Verklären von historischen Personen und (bewusste) Verschweigen von Dingen, die ein wenig am Lack kratzen könnten, ist in meinen Augen nichts anderes als Geschichtsrevisionismus.

    • @ Billy „Jahrzehntelang wurden die Suffragetten grotesk verklärt.“ Was zugleich bedeutet, dass der Konflikt, um den es ging, holzschnittartig verkürzt wurde – und wird. Es ist ja mittlerweile bekannt, dass auch ein großer Teil der Männer kein Wahlrecht hatte – oder das Männer das Wahlrecht um Unterschied zu Frauen nur gemeinsam mit der Wehrpflicht bekamen. das aber heißt: Es ging nie um einen Konflikt zwischen privilegierten Männern und tapferen entrechteten Frauen.

      Die Logik, Menschen das Wahlrecht vorzuenthalten, war wohl: Es sollten nur die Menschen wählen, die die Gesellschaft tragen – denn wenn alle wählen könnten, dann würden die, die eigentlich die Verantwortung für alle tragen, nicht mehr auch selbst die dafür nötigen Entscheidungen treffen können.

      Das bedeutet: Das Selbstverständnis der Gegner eines allgemeinen Wahlrechts war sehr paternalistisch. Sie fühlten sich wohl nicht einmal im Unrecht, sondern nahmen einfach andere Menschen als Kinder wahr, für sie sie – als die eigentlichen Erwachsenen – die wichtigen Entscheidungen treffen mussten.

      Das heißt aber: Die von Dir und Bombe 20 angesprochene Selbst-Infantiliserung, mit der selbst noch offene Gewalt oder offene Gewaltkoketterie als irgendwie halb so schlimm verklärt wird, reproduziert von der anderen Seite eigentlich diese paternalistische Logik, mit der die Gesellschaft unterteilt wird in die erwachsenen Kinder und die richtigen Erwachsenen.

      Insgesamt kaschiert also die feministische Geschichtsschreibung also die Herrschaftslogik, anstatt sie herauszuarbeiten – sie verwischt die harten sozialen Unterschiede ebenso wie rassistische Strukturen – und in ihrer Selbst-Infantilisierung reproduzieren einige besonders laute Feministinnen wie Stokowski oder Schrupp eben die Herrschaftsstrukturen, die zu bekämpfen sie vorgeben.

  • „In den ersten Monaten wurde unser Kind ausschließlich von mir gewickelt – ich habe es der Mutter schließlich beigebracht“

    Mit Verlaub: das klingt zunächst mal wie eine Lüge.

    Wenn es aber doch stimmen sollte: was war denn mit ihr passiert? Konnte sie in Folge der Geburt wochen- oder monatelang nicht laufen z.B.?

    • @ semikolon Ganz schön dreist, was Du da schreibst, oder? Wie kommst Du darauf, hier gleich den Verdacht der „Lüge“ ins Spiel zu bringen? Mir erscheint das vorderhand als ein schönes Beispiel dafür, wie schwer es Frauen manchmal fällt zu akzeptieren, dass Väter auch in den ersten Tagen und Wochen gut für das Kind da sein können.

      Tatsächlich hatte die Hebamme die Meinung vertreten, dass Wickeln Männersache wäre, weil die Mutter schon mit dem Stillen beschäftigt sei. Deshalb hat sie das auch mir gezeigt, und ich hab es später an die Mutter weiter gegeben.

      • Ich mein: wie will die Hebamme sich das denn vorgestellt haben NACH den (wahrscheinlich zwei?) Vätermonaten (die die Wenigsten direkt nach der Geburt nehmen – die Wenigsten von der Minderheit der Väter, die sich die Auszeit überhaupt leisten)?

        Total überheblich wirkt übrigens Dein „ich habe es an die Mutter weiter gegeben“.
        Man, it’s not rocket science!
        Selbst wenn Du an der Story festhalten willst, musst Du ja zugeben, dass es da keiner „Einweisung“ bedurft hätte.

        • Übrigens 1: Ich selbst habs weder gezeigt bekommen noch jemanden „beigebracht“. Obwohl es allein 3 Väter waren, die (auch) an unserer Großen zum 1. Mal das Wickeln übten: mein Partner, mein Vater, sein Vater – allerdings hat Letztgenannter es irgendwann plötzlich fertiggebracht, dem Kind die Windel falschrum anzuziehen, also mit den Klebestreifen nach hinten. Große Kunst^^. Nachdem das mehrfach passierte, hab ichs dann lachend seinem Sohn überlassen, ihn sanft zurück auf den rechten Weg zu bringen.

          Übrigens 2: Vorgeburtlich hatte ich dem Kindsvater das Versprechen abgerungen, dass er dauerhaft wenigstens eine Windel pro Tag wechseln würde. Und klar war er der gelobte Held, als sich rausstellte, dass ihm das nicht nur nicht schwer fiel, sondern er das Pensum häufig sogar überschritt.

        • @Semikolon

          Ich finde nicht nur erstaunlich, wie dreist du mit der Unterstellung einer Lüge bist, sondern in erster Linie deine Annahme, es verhalte sich selbstverständlich anders herum.

          Als gäbe es also so etwas wie „wickel-Gene“, die sich ausschließlich bei Frauen finden lassen.

          Ich würde mal sagen, frisch gebackene Eltern sind beide gleichermaßen unbeleckt in der Praxis der Kinderaufzucht.
          Die Idee, Frauen wären per Geschlecht dafür besser geeignet, weil Vagina, halte ich für hochgradig – nun ja – sozial konstruiert.

          • Diese Story hier besteht aus:

            – einer Hebamme, die den frischgebackenen Eltern vermitteln wollte: „Wickeln ist Männersache“ solange die Mutter stillt

            – die deshalb auch nur dem Papa zeigte, wie das Neugeborene zu händeln sei

            – ein junges Elternpaar, das sich auch strengstens an die von der Hebamme „vorgeschlagene“ Aufgabenverteilung hält &

            – zuguterletzt noch diesen Papa, der Monate nach der Geburt meint der Kindsmutter noch irgendwas bezüglich des Händlings des Säuglings „beibringen“ oder „weitergeben“ zu können. Und das obwohl sie ihn all-täglich viele viele Stunden gehalten haben müsste…

            Dass diese Schilderung nicht die Wahrheit beschreiben kann, riecht man doch wohl Kilometer gegen den Wind!

          • @crumar, diese Idee der sozialen Konstruktion lese ich gerade häufiger. Aber für mich ist der Gedanke „Die Idee, Frauen wären per Geschlecht dafür besser geeignet, weil Vagina, halte ich für hochgradig – nun ja – sozial konstruiert.“ sozial konstruiert. Das Problem mit der Philosophie ist, dass sie an der Realität vorbei geht. Dass es empthische Männer gibt und auch weniger empathische Frauen ist unzweifelhaft. Aber i.A. ist es eher umgekehrt. Ich hätte jedenfalls ein ernsthaftes Problem, wenn mein Vater meine konstruierte Mutter gewesen wäre und umgekehrt.
            Genauso gut könnte ich mit dem Wagen gegen eine Wand fahren, weil ich annehme, sie sei nur ein gedankliches Konstrukt.

          • @ semikolon Mach gerne so weiter. Du demonstrierst prima, wie schwer es einer Frau fallen kann zu akzeptieren, dass der Mann sich möglicherweise in manchen Bereichen stärker um das Kind – und auch schon um den kleinen Säugling – kümmert als die Mutter.

            Ich glaube nicht, dass alle Frauen diesen Besitz- und Alleinzuständigskeitsanspruch auf das Kind haben. Das Problem aber ist: Die Frauen, die diesen dysfunktionalen Anspruch ausleben, werden politisch gepampert (um mal eine Metapher zu wählen, die zum Thema passt). Insofern verstehe ich sogar, dass Dir das, was Du hier schreibst, irgendwie ganz normal vorkommt – das wird Dir ja auch so vermittelt.

            Zugleich ist das eben ein schönes Beispiel dafür, wie falsch und ressentimentgeladen Bückers Fantasie ist, Frauen (und insbesondere: feministische Frauen) hätten sich irgendwie immer schon um eine stärkere Beteiligung der Väter bemüht, während die Väter sich aus ihrer Verantwortung rausgezogen hätten.

            „Dass diese Schilderung nicht die Wahrheit beschreiben kann, riecht man doch wohl Kilometer gegen den Wind!“ Ich fürchte, da riechst Du vor allem Dich selbst – also: Deine eigene Vorurteile.

            @ crumar, Reinhard Es geht ja vor allem um die Beliebigkeit im Umgang mit der Idee sozialer Konstruiertheit. Wenn jemand behauptet, Jungen würden sich tendenziell schon als Kleinkinder eher für Sachen und ihr Funktionieren (also: für Technik oder insgesamt MINT ohne Bio) interessieren, dann greifen geübte Feministinnen demonstrativ nach dem Riechsalzfläschchen und fordern stärkere Unterstützung für Mädchen in MINT-Fächern, was praktischerweise auch Stellen für die eigene Gruppe generiert.

            Wenn aber ein Vater sagt, dass er in der ersten Zeit das Kind allein gewickelt hat, dann kann nicht sein, was nicht sein darf. Als würde der Wickelwunsch den Müttern und die Wickeltischphobie den Vätern in den Genen stecken.

          • „Du demonstrierst prima, wie schwer es einer Frau fallen kann zu akzeptieren, dass der Mann sich möglicherweise in manchen Bereichen stärker um das Kind – und auch schon um den kleinen Säugling – kümmert als die Mutter.“

            Kappes.

            Du kannst mir einfach nicht erzählen, dass eine Hebamme nicht (auch) im Sinne hätte, die Mutter-Kind-Bindung zu stärken, ihr ihre Unsicherheiten zu nehmen etc. – das ist (als Zuständige für die Nachsorge) nunmal auch einfach Teil ihres Jobs! (da Du die „Hausgeburt“sfrage nicht beantwortet hast, gehe ich einfach mal davon aus, dass sie im Krankenhaus entbunden hat. Und allerhöchstwahrscheinlich hat sie ihn da auch bereits das erste Mal gewickelt…)

            Dazu kommt, dass in wenigstens 8 von 10 Fällen die Erstlings-Mami wenige Tage nach der Geburt komplett allein zuhause sitzt 8/10/12 Stunden mit dem Neugeborenen.

            Eine Hebamme, die Wickeln zur prinzipiellen „Männersache“ erklärte, wäre Nichts Anderes als weltfremd!

            Ich kann mir sogar noch vorstellen, dass sie irgendwas in Deine Richtung gesagt hat, was Dir als Grundgerüst für dieses Ammenmärchen ausreicht. Womöglich gerade weil es so außergewöhnlich für sie war, dass da ein Vater just zu Anfang ein paar Wochen berufliche Auszeit für die Familiengründungsphase nahm (mit der ich – Du weißt es sicher – alle angestellten Väter zwangsbeglücken würde, solange sich die Kindsmutter nicht schriftlich dagegen ausspricht. Eben weil es einfach sehr sehr gut ist, wenn sie von ihm entlastet wird während des Wochenbetts)

            Was ich Dir aber auf gar keinen Fall glaube:

            – dass sie ihn tatsächlich nicht gewickelt hätte die ersten Wochen

            – dass Du ihr irgendwas beibringen konntest bzw. musstest, bevor Du dann wieder 5x die Woche tagsüber außer Haus warst

            Vielleicht kannst Du Dir ja doch noch eingestehen, dass Du Dir da nur was zurechtphantasiert hast.

            Hast Du auf diese Darstellung denn schon mal Rückmeldungen erhalten (bestenfalls von der Ex selbst)?

          • Hallo Reinhard, „diese Idee der sozialen Konstruktion lese ich gerade häufiger.“ – die in diesem Forum argumentierenden seit Jahren.
            Das war daher ein Insiderwitz, wenn man so will.

            Seitens des aktuellen Feminismus wird gerne konstruktivistisch argumentiert, wenn es gegen traditionelle Rollenmodelle geht und das Frauen nützt und biologistisch, wenn diese traditionellen Rollenmodelle Frauen nützen.

            Es ist vor dem Hintergrund dieser Ideologie kein Problem, Kindesbetreuung zu gleichen Teilen zu fordern und wenn das realisiert worden ist, im Trennungsfall zu insistieren, das Kind oder die Kinder gehörten selbstverständlich – quasi natürlich – zur Mutter.
            Die kognitive Dissonanz wird aber von den Akteurinnen nicht erkannt, sondern man äußert zwei sich widersprechende Aussagen und ist der festen Überzeugung, mit beiden recht zu haben.

            Daher schrieb Lucas: „Ich glaube nicht, dass alle Frauen diesen Besitz- und Alleinzuständigskeitsanspruch auf das Kind haben. Das Problem aber ist: Die Frauen, die diesen dysfunktionalen Anspruch ausleben, werden politisch gepampert“.

            Die Idee der Alleinzuständigkeit wird unterstützt von der Idee, Frauen könnten – gleichsam von Geburt an – alle auf das Kind bezogenen Tätigkeiten besser als Männer. Dass dem eben praktisch (Empathie hin oder her) nicht so ist, schrieb Lucas im Text, was Semikolon so aber nicht stehen lassen konnte. Beim Gedanken, Frauen könnten und müssten etwas von ihrem männlichen Partner lernen war ihr erkennbar unwohl.

            Lutz Bierend wiederum hat die Politische Ökonomie des pamperns dysfunktionaler weiblicher Ansprüche gut auf den Punkt gebracht: „Sorgerecht alleine hilft wenig um tatsächliche Fürsorge durchzusetzen. und diese wird Vätern immer noch erschwert, weil Mütter sich mit Verweigerungshaltung relativ leicht durchsetzen können und Männer kaum eine Chance haben da wirkungsvoll gegen vorzugehen. Der Gesetzgeber behält den Vater lieber als Unterhaltszahler, damit der Staat nicht mit Transferleistungen einspringen muss. Das fällt schwerer, wenn der Vater gleichberechtigter Betreuer ist.“

            Dem Staat fällt nämlich nach einem Trennungsfall erst ein, wie hoch reale Kosten für Kind und Betreuung sind. Da in der empirischen Realität eine gleichberechtigte Teilhabe in Sachen Familieneinkommen nicht stattfindet, verlässt sich der Staat einfach fortgesetzt auf genau ein Geschlecht – Männer – zur Begleichung dieser Kosten.

            Wenn man weiterhin berücksichtigt, dass dieser Staat für den Eigenbetrieb einen Teil der Steuermittel verbrät, die Männer erarbeitet haben, erklärt dies den politischen „bias“ eben dieses Staates.
            Die staatliche Bereitschaft ist groß, eine unproduktiven (keinen Wert produzierenden) Tätigkeit demjenigen Teil der Gesellschaft zu übereignen, von dem man die eigene Finanzierung ohnehin nicht erwartet.
            Das erklärt m.E. recht gut, warum trotz aller Fortschrittsrhetorik diese „dysfunktionalen Ansprüche“ gepampert werden, die zählebig dafür sorgen, dass sich die traditionellen Rollenmodelle der Geschlechter halten.

            Insofern ist die Allianz von Feminismus, Konservativismus und neoliberalem Staat nachvollziehbar und – in diesem Zusammenhang – haben diese weiblichen Ansprüche durchaus eine Funktion, weil sie das System stabilisierend wirken.

          • „Dass es empathische Männer gibt und auch weniger empathische Frauen ist unzweifelhaft. Aber i.A. ist es eher umgekehrt.“

            Nein, ist es nicht. Männer sind das soziale Geschlecht. Grund (sehr vereinfacht): Evolutionär sind Männer auf die Interaktion und Kooperation mit anderen Menschen angewiesen, um reproduktiv erfolgreich zu sein.

            Für Frauen trifft genau dies nicht zu: Evolutionär hängt ihr reproduktiver Erfolg nicht davon ab, daß die Chemie stimmt, daß sie gut mit anderen Leuten können, daß sie wissen oder ahnen, was sich in anderen Leuten bewegt oder entwickelt, usw.

            Siehe z. B.: Baumeister and Sommer: „What do men want? Gender differences and two spheres of belongingness“, in: Psychological Bulletin 122, 1997, pp. 38 — 44.

      • Inzwischen bin ich übrigens der Meinung, dass Du nicht bewusst gelogen hast hier.

        Nur: wenn die Hebamme ausschließlich Dir gezeigt hat, wie Du ihn wickeln sollst, dann bestimmt deshalb, weil die Kindsmutter bereits (nach vielleicht 2 Tagen Krankenhausaufenthalt) geübt genug und man sich nur Deiner Fähigkeiten nicht sicher schien… und die Anmerkung, Wickeln sei während Deines Heimatfront-Urlaubs „Männersache“, sollte wohl ermutigend wirken.

        Beides irgendwo ein wenig herablassend von der Grundidee her, imho (obwohl gut gemeint).

        Dass Du im Nachhinein vergessen hast, dass bestimmt auch sie dann und wann – auch schon in den ersten Wochen – ne neue Hose machte, ist auch gar nicht mehr so unverständlich für mich…

        Ich versuch mir vorzustellen, wie ungern ich meinen Säugling nach 8 Wochen zurückließe… und gehe davon, dass Deine Gefühle ähnlich waren.

        Dir schien es von Anfang an unfair, dass sie und nicht Du zuhause blieb die ersten Jahre, nehm ich an?

        • @Semikolon:

          »Inzwischen bin ich übrigens der Meinung, dass Du nicht bewusst gelogen hast hier.«

          Na, da hat ja Lucas gerade noch mal Glück gehabt, Euer Gnaden »ein wenig herablassend« Forenprinzessin!

          • Mit Betonung auf „bewusst“.
            Dass ausschließlich er das Kind gewickelt habe und ihr – damit sie diese Aufgabe auch ohne ihn ausführen könne – etwas beibringen hätte müssen, ist offensichtlich eine Falschaussage… über die er nur nie gezwungen war zu reflektieren, scheinbar.

    • @Semikolon, du scheinst mir ein schönes Beispiel, wie Feministinnen heutzutage den Vätern überall versuchen zu verwehren, eine der Mutter ebenbürtige und gleichgestellte Elternrolle einzunehmen. Was ich aus meinem Umfeld an Stories höre, wie Väter beim Hallenbadbesuch, auf dem Spielplatz, beim Elternabend etc von Müttern gemobbt und gedisst werden, lässt mir die Haare zu Berg stehen.
      Ihr Feministinnen wollt faktisch die Männer gar nicht gleichberechtigt am Familienleben teilnehmen lassen, weil ihr dann eure Vormachtstellung im Familienrecht verlieren würdet. -> Wer heute Gleichstellung für Mütter und Väter will, muss den Feminismus überwinden.

  • @Semikolon, bei der Patchwork-Enkelin wickel ich nicht mehr. Da kann getrost die Oma allein ‚ran‘. Schuldgefühle habe ich deswegen nicht. Ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Meinen Sohn habe ich schon mit versorgt. Ende der 80er musste ich in der BRD noch den angesparten Urlaub dafür nehmen. Irgendwie ging alles zu regeln, auch wenn die Großeltern 500 km weit entfernt wohnten. Heute empfinde ich vieles als Jammern auf hohem Niveau. Die Zustände heutzutage sind ja geradezu paradiesisch.
    Was allerdings die mütterliche/weibliche Empathiefähigkeit angeht – trotz systemischer Weiterbildung hat meine Exfrau hinterher fast alles falsch gemacht, sozusagen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Ich bin zwar innerlich die Wände hochgegangen, aber um mein Kind nicht noch mehr zu irritieren, habe ich das kritiklos hingenommen und nur versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben.

  • Kleine Ergänzung zu oben:

    „… dass weiterhin, und nach meinem Eindruck bei Schülerinnen und Schülern eher wieder verstärkt, sowohl Frauen als auch Männer von Männern erwarten, dass sie in der Lage sind, die Familie zu ernähren.“

    Männer haben ein paar nicht so gute Eigenheiten, leider. Dazu gehört etwa, daß Männer bereitwillig Perspektiven, Werte und Prioritäten von Frauen übernehmen – sprich: für sich akzeptieren -, sobald es für sie – die Männer – schwierig wird, reproduktiv erfolgreich zu sein.

    Ergebnis: Partnerschaft mit einer Frau um fast jeden Preis. Ist ein bißchen doof, aber typisch Mann.

      • Ja, klar gibt es da ein paar Typen, die keine Familie wollen, die vielleicht nicht mal eine Partnerschaft mit einer Frau wollen. Ergebnis: diese Männlein werden keine Nachkommen zeugen – ihre Gene sterben gewissermaßen mit ihnen aus.

        Und dann gibt es die vielen anderen Typen, die sich immer wieder grotesk verbiegen, bloß damit sie doch noch irgendwie eine Partnerschaft hinkriegen. Einige von diesen Typen zeugen männliche Nachkommen.

        Und was glaubst Du wohl, zu welcher Sorte diese Nachkommen zählen werden: zu den geraden oder zu den verbogenen? Mehrheitlich zu den verbogenen, es sind die Söhne ihrer Väter.

        Für einen Mann gibt es viele Gründe, um auf die Gründung einer Familie zu verzichten: Klugheit, aber auch Faulheit. Welche Gründe mann auch immer wählen mag: dieses Lebensmodell wird sich evolutionär nicht durchsetzen, denn Männer im selbst gewählten Zölibat zeugen keine Kinder.

        Zurück zu Deiner Frage – nimm mal ein extremes Beispiel: Viktorianismus – Frauen kneifen 24 Stunden am Tag die Beine zusammen, fallen in Ohnmacht, sobald ihnen ein Mann mal ein Kompliment macht, verdächtigen ihre „Schwestern“ (also andere Frauen), daß diese heimlich sich selbst befriedigen (ist keine Übertreibung, war eine regelrechte Moral-Panik im 19. Jahrhundert in den USA), usw.

        So, und was tun jetzt die Männer im Viktorianismus? Man würde erwarten, daß diese zumindest unter der Hand ihren sexuellen Notstand bedauern, sich sexuellen Tagträumen hingeben, immer wieder versuchen, den Umgang zwischen Männern und Frauen irgendwie aufzulockern, ein wenig ambivalent zu gestalten: andeutungsweise schlüpfrig, od. dgl.

        Einige wenige Männer haben dies bestimmt getan. Die Mehrheit der Männer aber – jedenfalls in der gutbürgerlichen Gesellschaft – hat die hyper-repressive Einstellung der Frauen für sich übernommen und andere Männer daraufhin überwacht.

        Wir haben hier eine verquere Form männlicher Anpassung mit dem Ziel: Maximierung der eigenen Reproduktion. Ja, sehr traurig das alles.

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