Gedichte Väter

Vom Winter, der African Queen und einem schönen neuen Jahr

geschrieben von: Lucas Schoppe

Oder: Wie ich von einem Gedicht aus der Anfangszeit des Blogs über den Film „African Queen“ und die Spektrallücke schließlich doch noch zu Neujahrswünschen komme

 

Das Gedicht am Ende dieses Beitrags war vor nun fast sechs Jahren einer der ersten Texte, die ich hier im Blog veröffentlicht habe. Der achte, um genau zu sein. Es war zugleich auch der erste, der überhaupt kommentiert wurde, und ich weiß noch, wie ich mich über den Kommentar gefreut habe.

Ich hatte mir in dem Gedicht jemanden vorgestellt, der sich nicht mehr vorstellen kann, dass es noch irgendetwas anderes als den Winter geben könnte. Wenn dann der Winter zu Ende geht, ist das für ihn lediglich eine graue Zeit, in der Menschen gereizt sind und der schöne Schnee verschwindet, der vorher die Welt bedeckt hat. Ihm kommt nicht einmal die Idee, dass es auch der Beginn eines Frühling sein könnte, weil er gar nicht weiß, was das ist.

Natürlich waren es auch Erfahrungen als Trennungsvater, die zu diesem Gedicht beitrugen – zum Beispiel die Erfahrung, dass sich nichts zum Guten verändern kann, ganz gleich, wie viel Energie auch investiert wird.

Aber das ist unverkennbar zugleich auch ein sehr begrenzter Blick.

Es gibt in dem alten John Huston-Film African Queen eine Szene, in der Humphrey Bogart und Katherine Hepburn ein altes Boot mit unendlicher Mühe durch ein sumpfiges afrikanisches Gebiet steuern, im verzweifelten Versuch, offenes Wasser zu erreichen. Schließlich geben sie erschöpft auf, die Kamera fährt nach oben – und als Zuschauer können wir sehen, dass sie ganz kurz davor sind, das Meer zu erreichen. Die Anstrengungen, die so sinnlos wirkten, haben sich so schließlich doch gelohnt.

Für die, die statt eines Beispiels aus dem alten Kino lieber ein naturwissenschaftliches Beispiel hätten, habe ich zufällig gerade von einem gelesen. In der Atomphysik gibt es den Begriff der „Spektrallücke“ für Atome, die klar unterscheidbare – „diskrete“ – Energieniveaus haben. Das heißt, es kann ihnen eine gewisse Menge an Energie zugeführt werden, ohne dass überhaupt irgendetwas passiert, bis sie dann schließlich in den nächsten Zustand springen, wie über eine Lücke hinweg.

Die zugeführte Energie hat auch hier zunächst überhaupt keine erkennbaren Konsequenzen, bis sie dann plötzlich eine neue Situation schafft, die ohne die zuvor scheinbar nutzlos investierte Energie nicht möglich wäre.

Das habe ich, von der atomaren in die soziale Welt übertragen, durchaus auch schon als Vater erlebt – dass neue Möglichkeiten entstehen können, mit denen ich nicht mehr gerechnet hätte, die aber ohne die nutzlosen Bemühungen zuvor nicht möglich gewesen wären.

Damit bin ich nun also in kurzer Zeit von einem Jahreszeiten-Gedicht über einen Bogart-Hepburn-Film und die Spektrallücke bei der Situation von Trennungsvätern gelandet, die aber offensichtlich auch allgemein auf politische Veränderungen bezogen werden kann. Ich versuche nun einmal zum Jahreswechsel, da wir alle wenig Zeit haben, mich ausnahmsweise mal kurz zu fassen.

Das Gedicht ist also ein Text über die Möglichkeit des Neuen aus der Perspektive von jemandem, der sich gar nicht mehr vorstellen kann, dass etwas Neues möglich ist.

Ich wünsche allen ein schönes neues Jahr – und ganz besonders dann, wenn sie sich gar nicht mehr vorstellen können, dass gute Entwicklungen möglich sind! Bis nächstes Jahr dann 🙂

 

Winter

Ich habe gehört, dass die Bäume zu anderer Zeit
einmal Blätter und Blüten hatten –
und auch, dass es wieder so sein wird, dereinst.
Doch das glaube ich nicht.

Ich habe gehört, dass es Vögel gibt, die
den ganzen Tag über singen
und die in den wärmeren Süden ziehn, ehe es kalt wird.
Ich weiß nicht, was damit gemeint ist.

Man erzählte sich von einer anderen Zeit,
wenn der Tag länger ist als die Nacht
und die Sonne die Erde erwärmt und nicht nur beleuchtet –
dass die Menschen dann oft außer Haus sind
und leichtere Kleider tragen
und es mögen, noch spät in der Nacht im Freien zusammenzusitzen.
Ich kann dazu leider nichts sagen.

Das Letzte, was ich noch erinnere, ist:
dass die Farben fast alle verschwunden sind aus dieser Welt,
dass die Wege voll Matsch sind und kaum noch passierbar
und die Wiesen von Pfützen bedeckt, weil das Wasser nicht abläuft,

und dass die Menschen gereizt sind und müde und bleich,
wenn der schöne Schnee nicht mehr liegt.

 

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10 Comments

  • Einen hierzu ähnlichen Fall gibt es vielleicht in der Savanne Afrikas:

    Wenn dort nach langer unendlich langer Trockenheit doch noch die Regenzeit anbricht und der erste Regen in Strömen die staubig-vertrocknete Erde durchnäßt, wissen die erschöpften Tiere – Gnus, Zebras, Gazellen – so gar nichts mit diesem lebensspendenden Naß anzufangen: Sie stellen sich mit dem Rücken gegen den Wind und warten. Erst ein oder zwei Tage später erwachen die Tiere zu neuem Leben und erfreuen sich am köstlichen Wasser.

    Allen Lesern und Schreibern hier ein gesundes und erfolgreiches Neues Jahr 2019!

  • Zunächst wünsche ich Euch allen, dass die über Jahre auf Eure Ziele verwendete Energie plötzlich zu einer Zustandsänderung führt! 🙂

    Ich habe den Spektrum-Text nicht gelesen (bp;dr), in Quantenmechanik kenne ich mich nun aber zufällig aus ;-). Daher eine Ergänzung, die nicht-naturwissenschaftlich interessierte Leser gern überspringen dürfen.

    „Die zugeführte Energie hat auch hier zunächst überhaupt keine erkennbaren Konsequenzen, bis sie dann plötzlich eine neue Situation schafft, die ohne die zuvor scheinbar nutzlos investierte Energie nicht möglich wäre.“

    Der hier beschriebene Übergang der alten in die neue ‚Situation‘ ist der berühmte ‚Quantensprung‘. Das bedeutet „eine Änderung zwischen zwei unterschiedlichen Zuständen OHNE ÜBERGANGSZUSTAND“. So, wie eines der berühmten ‚Kippelbilder‘. Etwas, was in der klassischen Mechanik (Newton, Lagrange & Hamilton) unbekannt ist. Klassisch sind sämtliche Zustandsänderungen KONTINUIERLICH.

    Das bedeutet, dass man klassisch durch fortgesetzte (kontinuierliche) Energiezugabe an ein System (z.B. ein Wasserstoffatom im Grundzustand) dieses System kontinuierlich in Richtung zum neuen Zustand verschoben wird. Dem Wasserstoffatom im Grundzustand führt man Energie zu als elektromagnetische Energie, also hier: Licht. Nun hat Licht eine Energiedichte, welche von zwei Größen abhängt: (1) die LichtINTENSITÄT (2) die FREQUENZ des Lichtes (rot ist energieärmer als blau oder Röntgenlicht).

    Das, was die Pioniere der Quantenmechanik nun empirisch beobachteten (und was ihnen erhebliches Kopfzerbrechen bereitete) war, dass sie beliebig viel Energie durch INTENSITÄT (über Zeit) hinzufügen konnten, OHNE dass sich der Zustand des Systems veränderte. Wählten sie aber eine bestimmte FREQUENZ des Lichtes, änderte sich der Systemzustand vom Grundzustand zum angeregten auch ohne lange Einwirkung der Bestrahlung.

    Die (im Sinne von Kuhn) paradigmenverschiebende Erklärung war(ist) die, dass das Wasserstoffatom Energie nur in ganzzahligen Vielfachen einer Mindestmenge aufnehmen kann, seine (atomaren) Zustände sind QUANTISIERT. Von einem Zustand in einen anderen kann das Elektron des Systems nur gelangen, wenn das Licht, welches die Energie für die Übergänge liefert, EXAKT* der Energiedifferenz zwischen zwei Zuständen entspricht: die Spektrallücke.

    Im Laborpraktikum für Anfänger spürt man diesen Experimenten selbst nach: der photoelektrische Effekt schlägt Elektronen aus einer Metalloberfläche erst ab einer bestimmten Lichtfrequenz heraus, im Franck-Hertz-Versuch beobachtet man Resonanzen durch Stöße zwischen Atomen und in diversen Spektroskopie-Versuchen vermißt man die Linienspektren (mit Spektrallücken zwischen den Linien) von leuchtenden Elementen, wie Natrium, Quecksilber, Neon etc. In diesem Sinne habe ich die Spektrallücken also tatsächlich selbst gesehen. Ob ich auf die theoretische Erklärung gekommen wäre am Anfang des 20. Jh…? Wahrscheinlich nicht, sooo schlau bin ich dann leider doch nicht.

    (In dem Sinne hinkt also der Vergleich: über Zeit investierte Energie verschiebt zwar die ‚African Queen‘ Richtung Ozean, aber nicht das Elektron aus dem Grundzustand. Die ‚zurvor scheinbar nutzlos investierte Energie‘ ist im beschriebenen quantenmechanischen Beispiel also tatsächlich nicht im Geringsten zielführend. Ein einziger Absorptionsvorgang eines Photons mit der korrekten Energie reicht aber für eine Zustandsänderung aus. Egal wieviel Energie mit nicht-ausreichend energiereichen Photonen vorher zugeführt wurde.)

    Frohes, leuchtendes Neues Jahr an alle!

    ___________
    *) in QM ist natürlich alles höchstens exakt innerhalb der Heisenberg’schen Unschärferelation…

  • Der hier beschriebene Übergang der alten in die neue ‚Situation‘ ist der berühmte ‚Quantensprung‘. Das bedeutet „eine Änderung zwischen zwei unterschiedlichen Zuständen OHNE ÜBERGANGSZUSTAND“.

    Hmm ja. Das kann ich einfach nicht in mein Weltbild integrieren. In meiner Auffassung von Realität sind diskrete Zustände ohne kontinuierlichen Übergang von einem Zustand zum nächsten nicht vorgesehen. Ich vermute, Gott hat hier einen Fehler gemacht. 🙂
    Es gibt übrigens einen griechischen Philosophen aus alter Zeit – leider weiss ich nicht mehr, wer das war – der sehr überzeugend argumentiert hat, warum der Übergang von einem Zustand zum nächsten in der Natur ein kontinuierlicher sein muss. Naja, muss ich wohl damit leben, dass es eben nicht so ist.

    • Pjotr, da bist Du nicht der einzige helle Kopf, den dieser experimentelle Befund schockiert hat… ;-). „Natura non facit saltus!“ ist aber seit QM ziemlich sicher widerlegt, Bohm’sche Mechanik vs. Kopenhagerner Interpretation hin oder her… ;_)

  • Nur eine kleine Anmerkung zum Film ‚African Queen‘. Bogart und Hepburn erreichen mit ihrem Schiff nicht etwa das Meer sondern einen afrikanischen Binnensee – genauer den Tanganjikasee. Dort geht die African Queen dann auch in einem Sturm unter, nachdem sie wegen des hohen Wellengangs und der in den Rumpf gesägten Löcher für die beiden selbstfabrizierten Torpedos vollgelaufen war.

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