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Wie wird man bloß diese Wirklichkeit los? – Ein Rückblick auf den Dezember

geschrieben von: Lucas Schoppe

Ein Rückblick auf die Texte des Monats Dezember – und auf die Frage, wofür Medien und politische Debatten eigentlich eine soziale Wirklichkeit brauchen

 

Sagen, was ist: Wirklichkeit ist das, was wir dazu erklären

Die Dezember-Texte dieses Blogs und die Kommentare dazu kamen von ganz unterschiedlichen Seiten immer wieder auf dasselbe Thema zurück: darauf, dass sich politische Debatten und mediale Darstellungen verselbständigen und von der sozialen Wirklichkeit lösen, um die es in ihnen angeblich geht.

Natürlich steht dabei im Rückblick die katastrophale Spiegel-Affäre um die mit Unwahrheiten gespickten, preisgekrönten Texte von Claas Relotius im Mittelpunkt: Der Spiegel-Skandal und die unaufgeklärte Aufklärung. Da sich viele Falschangaben umstandslos von Deutschland aus und per Telefon oder Internet hätten überprüfen lassen, bleibt nicht mehr viel übrig von der Behauptung des Spiegel, seine Texte würden vor ihrer Veröffentlichung einer rigiden, unparteiischen Faktenüberprüfung unterzogen.

Zurecht, aber viel zu spät wurden nun auch massenmedial Zweifel an einem Journalismus geäußert, der mit dem selbstgewissen Anspruch auftritt, Wirklichkeit zu Geschichten zu verdichten und sie damit nicht nur umfassend wiederzugeben, sondern passende Interpretationen auch gleich mitzuliefern.

Wenn der Spiegel jetzt aber schon auf seiner Titelseite so tut, als wäre das alte Rudolf-Augstein-Motto „Sagen, was ist“ ein Gegenmittel gegen die Auflösung von Wirklichkeit in leicht fassbare Geschichten, dann wiederholt er damit nur die Selbstgewissheit, mit der Relotius solche Geschichten erdacht, geschrieben und als Journalismus verkauft hat. Noch immer, und trotz allem, hält der Spiegel an der Idee fest, dass er die Institution sei, die klarstellen könne, WAS IST. Als wäre die soziale Wirklichkeit kein gemeinsamer Bezugspunkt im gemeinsamen Diskurs, und als hätten einige Hamburger Journalisten einen exklusiven Zugang zu ihr, an dem sie dann andere demokratiefreundlich teilhaben ließen.

In den Diskussionen zum Artikel ging es dann, unter anderem, auch um die Frage, wodurch der Journalismus des Spiegel und anderer, ehemals respektierter Medien so sehr an Glaubwürdigkeit verloren habe  – dadurch, dass seine Qualität spürbar abgebaut habe, oder dadurch, dass unsere Perspektive sich durch den Zugang zu sozialen und anderen Medien so deutlich verbessert habe.

Vielleicht ist es beides: Anstatt die sozialen Medien als Konkurrenz und als Möglichkeit zu begreifen, ziehen sich etablierte Journalisten in Wagenburgen zurück, pflegen Ressentiments gegen das Chaos des Netzes und versuchen so, eine Position zu bewahren, die sie eigentlich längst verloren haben.

Der Vertrauensverlust wurde hier im Blog auch in den Diskussionen zu einem Text deutlich, in dem es eigentlich gar nicht um Medien ging: Im Kreis der Abgehängten. Rosa Hannah Zieglers Film „Familienleben“ dokumentiert auf eine beeindruckende und bedrückende Weise das Leben einer Familie, die von Harz4 lebt und vom sozialen Leben abgehängt ist.

Der Film, so schrieb z.B. crumar, sei ihm „unheimlich, ohne ihn gesehen zu haben“.  Ich selbst sehe das anders und halte den Film, der übrigens beim NDR lief, für sehr gut – ich verstehe aber die Skepsis. Wir sind so sehr daran gewöhnt, passend gemachte Geschichten geliefert zu bekommen, dass wir uns angewöhnt haben, mediale Darstellungen misstrauisch daraufhin zu überprüfen, welches „Narrativ“ uns mit ihnen jeweils serviert werden soll.

Das gilt dann für Dokumentationen sogar ganz besonders, weil sie den Eindruck erwecken, einfach nur Wirklichkeit abzubilden – aber durch Auswahl der Szenen und Schnitte natürlich jeweils einem eigenen Muster folgen und die Wirklichkeit nach diesem Muster ordnen.

Wir sind also an die Frage gewöhnt, ob das, was wir in den Medien sehen, lesen oder hören, überhaupt etwas mit der sozialen Wirklichkeit zu tun hat, auf die es sich angeblich bezieht – oder ob es nicht einfach nur eine weitere Drehung in einem um sich selbst kreisenden System ist, in dem sich verschiedene Texte jeweils gegenseitig in ihren Klischees und Urteilen bestätigen, ohne noch einen Seitenblick auf die soziale Wirklichkeit nötig zu haben.

So erklärt sich dann auch das schöne Beitragsbild, das crumar beigesteuert hat: Vielen Dank dafür! Es spielt auf einen ganz anderen, aber ebenfalls systematischen Realitätsverlust an, von dem ausgerechnet der Spiegel noch im Jahr 2007 berichtet hat. 

 

Rückkehr zum §218 und den Blogs des Jahres 2018

Zu den medialen Klischees gehört immer wieder auch das kaum zu erschütternde Ressentiment, mit dem positive und negative Aspekte dieser sozialen Wirklichkeit fein säuberlich ausgerechnet den unterschiedlichen Geschlechtern zugeteilt werden. Bernd Ulrich beispielsweise, stellvertretender Chefredakteur der Zeit und Leiter des Politikressorts, schreibt so selbstverständlich von „toxischer Männlichkeit“, als würden ihm die inhumanen, sogar faschistoiden Aspekte dieser Begrifflichkeit überhaupt nicht auffallen: Von toxischer Männlichkeit und vergifteten Debatten.

Die Gewohnheit, unüberschaubar komplexe politische Realitäten auf simple Geschlechterklischees (Männer: machtgierig, unkommunikativ, toxisch; Frauen: sozial, kommunikativ, heilend) einzudampfen, ist unverkennbar ein Versuch, sich diese Realitäten vom Leib zu halten. Diese mutwillige Realitätsentrücktheit ist zugleich immer auch ein Signal sozialer Distinktion: Wer so agiert, demonstriert damit unwillkürlich, dass er oder sie es nicht nötig hat, sich intensiv und pragmatisch mit der umgebenden Wirklichkeit auseinanderzusetzen.

Daher war es auch ein gutes, aber zugleich schockierendes und verrückt wirkendes Beispiel für den Absturz der SPD und seine Ursachen, dass die Jusos sich in einem Beschluss auf ihrem Bundeskongress gegen die bisherige Fristenlösung bei der Abtreibung und für eine allgemeine Legalisierung der Abtreibung ausgesprochen haben: Der § 218 und das Recht zu töten.

Im Beschluss lehnen die Jusos die „sogenannte Fristenlösung“ ausdrücklich ab – und er ist so formuliert, dass die Ablehnung sich allgemein auf jede Fristenlösung beziehen lässt, aber auch allein auf die bisher geltende, die eine Frist bei 12 Wochen setzt.

Welche Frist die Jusos stattdessen wollen, und ob sie überhaupt eine wollen, lassen sie im Beschluss offen: Sie lehnen die bisherigen Fristen ausdrücklich ab, sprechen sich aber nicht ausdrücklich gegen eine Freigabe der Abtreibung bis zum Ende der Schwangerschaft aus. Politische Gegner von rechts drechselten daraus selbstverständlich die Behauptung, dass sie eine Freigabe der Abtreibung bis zum 9. Monat wollten – was nicht vollkommen hergeholt war, aber eben nur einen ausgewählten Teil des Beschlusses wiedergab. Auch hier ist das Reden über Wirklichkeit natürlich von politischen Kalkülen bestimmt.

Besonders schockierend beim Juso-Kongress war jedoch die ungeheure Härte, mit der dort Genossinnen öffentlich fertiggemacht wurden, weil sie sich gegen eine Freigabe der Abtreibung bis zum sechsten Monat oder später aussprachen. Die Rednerinnen hatten weiter nichts getan, als auf die realen medizinischen Konsequenzen einer solch späten Abtreibung hinzuweisen – aber ausgerechnet dieser Hinweis auf eine Realität außerhalb der politischen Diskurse wurde ihnen als „pathetische Rhetorik“ angekreidet.

So dokumentierte der Kongress, zumindest in dieser Hinsicht, einen doppelten und durchaus gewollten  Realitätsverlust: Einerseits wollten die Jusos nichts wissen von einigen realen Konsequenzen, die ihre Entscheidungen hätten, wenn sie denn Gesetz würden – andererseits führten die Jusos einen in sich abgeschotteten Diskurs, der intern zwar irgendeinen Sinn ergeben mag, der mit den alltäglichen Diskursen außerhalb begrenzter Gruppen und Milieus aber kaum vermittelt werden kann.

Immerhin hat die Diskussion zu dem Text, zumindest aus meiner Perspektive, einen sehr versöhnlichen Ausgang genommen, über den ich mich sehr gefreut habe. „Claudia Berlin“ zweifelte in einem Kommentar an, dass es einen Text wie meinen und die Debatte dazu überhaupt gäbe, wenn „Männer aus eigener Erfahrung wüssten, was das Durchleben einer Schwangerschaft bedeutet“. Mich ärgerte das etwas, weil sie überhaupt kein Argument dafür benannte, warum denn der Text eigentlich an den Erfahrungen von Frauen vorbeigegangen sei. Meine Absicht jedenfalls war nicht zu schreiben, dass die Erfahrungen von Frauen belanglos wären – sondern dass auch andere Beteiligte existenzielle Erfahrungen in der Situation machen würden und nicht einfach übergangen werden dürften.

Ich wurde nun aber durch Twitter darauf aufmerksam, dass Claudia das Blog man tau, so wie auch Genderama  und den Misomanie-Blog von Robin Urban, bei den „Acht Best of Blogs des Jahres 2018“ aufführt.  Ganz unabhängig von der eigenen Erwähnung, die mich natürlich sehr gefreut hat, finde ich es sehr wichtig, dass es solche Positionen gibt wie die von Claudia: Empfehlungen trotz deutlicher Meinungsunterschiede auszusprechen und sich mit Texten über die verschiedenen etablierten Lager hinweg auseinanderzusetzen.

 

Propheten und Frauenfreunde

Der Monat und das Jahr endeten natürlich festlich: Mit einem Weihnachtsgedicht, dass sich auf ein Gedicht von Robert Gernhard bezog , und mit einem Gedicht aus der Anfangszeit dieses Blogs.

Ein Text bei Meedia fasst die Realitätsentrücktheit medialer Darstellungen und ihre Selbstbezüglichkeit beeindruckend zusammen: Preisgekrönte Frauenfreunde. Thomas Fischer schreibt dort darüber, wie die die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit mit den Frauen umgegangen ist, die sie als Kronzeuginnen für ihre scharfen Vorwürfe gegen Dieter Wedel im Rahmen der #metoo-Bewegung gebraucht hat. Der Text ist keine pauschale Entlastung Wedels, lässt aber die Zeit nicht nur als unseriös, sondern auch als Intrigenstadl dastehen.

Bei einem Text wie dem von Fischer denke ich mir manchmal, wie auch zum Beispiel bei einigen Texten zum Spiegel-Skandal: Wenn davon auch nur die Hälfte stimmt, dann können die dichtmachen. Tatsächlich stimmt dann in der Regel weit mehr als die Hälfte, ohne dass jemand jemals deswegen dichtmachen würde.

Dass ich mir angewöhnt habe, an das Ende der Monatsrückblicke etwas Musik zu stellen, ist da wenigstens ein kleiner Trost. In diesem Monat schreibe ich dazu sehr persönlich, weil einer meiner absoluten musikalischen Lieblinge wieder etwas veröffentlicht hat – wer die persönlichen Bemerkungen nicht unbedingt lesen will, kann also gleich zum Video weiterscrollen.

Van Morrison veröffentlicht, seit er über 70 Jahre alt ist, immer gleich mehrere Alben pro Jahr – beginnend mit Keep Me Singing aus dem Jahr 2016  ist nun im Dezember mit The Prophet Speaks sein fünftes Album in zwei Jahren herausgekommen.

Ich finde Keep Me Singing sehr schön, die anderen Alben sind nicht schlecht, aber ich hätte sie vermutlich kaum gehört, wenn sie nicht von Van Morrison wären. Den hab ich kennengelernt über ein Album, das eines meiner liebsten überhaupt ist, das meditative Common One. Mir hatte das Album irgendjemand mal empfohlen, ich hatte es bei einem Second-Hand-Laden entdeckt und mir gekauft – und war beim ersten Hören sehr enttäuscht. Auch beim zweiten und dritten – die Musik klang einfach langweilig.

Irgendwann aber hatten mich die tranceartigen Strukturen der sechs langen und überlangen Stücke so gepackt, dass ich mich später sogar einmal zu einer Rezension bei Amazon hinreißen ließ. 

Auch eines meiner liebsten Lieder überhaupt stammt von Van Morrison, nämlich In the Garden vom Album No Guru, No Method, No Teacher. Das Lied hat deutliche religiöse Obertöne, die aber ganz selbstverständlich an die einfache, pragmatische Wirklichkeit zurückgebunden werden. „The father and the son and the Holy Ghost / In the garden / Wet with rain“

Das Lied erzählt offenbar die die Geschichte einer Frau, die ihre Heimat und einen heimatlichen Garten verlässt und die schließlich zurückkehrt. Obwohl die religiösen Bezüge überdeutlich sind, stören sie nicht allzu sehr – und mir ist erst nach Jahren, in denen ich das Lied schon sehr schön fand, aufgefallen, dass es dabei offenbar um eine Rückkehr ins Paradies geht.

Das ist, bei allen Unterschieden, eine Gemeinsamkeit von Van Morrison und Iggy Pop, einer anderen meiner musikalischen Privatikonen unter den alten Männern – beide machen Sachen, die eigentlich als enorme Peinlichkeiten Fremdscham auslösen müssten, die bei ihnen aber ganz selbstverständlich wirken.

Wenn Van Morrison jetzt jedenfalls davon singt, dass meist niemand zuhört, wenn der Prophet spricht – dann ist durchaus zu befürchten, dass er sich irgendwie selbst als diesen Propheten ansieht. Macht aber nichts – es ist trotzdem ein sehr schönes Lied.

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5 Comments

  • Zunächst einmal vielen Dank für den tollen Rückblick – dem Forum sei gesagt, ich habe nur das Bild beigesteuert, den Artikel vorher aber nicht gelesen.

    Ich freue mich, dass Claudia, die hier bereits öfter kommentierte, dich in ihre Auswahl zum Blog des Jahres 2018 übernommen hat.
    Zartes Pflänzchen Hoffnung…willkommen im Jahr 2019! 😉

      • Prost Neujahr auch dir!

        Ich nutze den ausklingenden Sonntag, um so zu tun, als wäre er ein „Selbermach Samstag“ auf AE.

        Extrem aufregend und produktiv finde ich die Diskussion der der Star Wars-Fans auf youtube.

        Ich hatte an anderer Stelle bereits darauf hingewiesen, es formierte sich eine Bewegung, die offen zum Boykott von Filmen von Disney aufgerufen hat.
        Diese Bewegung hat ganz offensichtlich dafür gesorgt, „Han Solo“ war der erste Film aus dem Star Wars-Universum, der rote Zahlen geschrieben hat.

        Der Ärger nahm seinen Anfang mit “ The Force Awakens“, den darin präsentierten Charakteren, der unglaubwürdigen Handlung mit offensichtlich plagiatorischen Elementen und ab „The Last Jedi“ und der Hinrichtung (character assassination) der Rolle von Luke kippte die Stimmung vollends.

        Der Strom von Veröffentlichungen, die das „Werk“ von Abrahams und Johnson geradezu sezierten ist seitdem nicht abgerissen.

        Spannend ist vor allem, dass die Filme nunmehr als Vehikel dienen, um grundsätzlichere Fragestellungen zu thematisieren.
        Nämlich, welche postmodernen Haltungen überhaupt erst die Produktion und positive Rezeption dieser Filme ermöglicht haben. Bzw. dass auf rotten tomatoes die Einschätzung von Filmkritikern und Konsumenten in direktem Widerspruch zueinander stehen.

        Ganz vorne dabei ist ein User namens MauLer, der am 25.12.18 unter „A Critique of Star Wars: The Force Awakens – Introduction“ – in einem fast dreistündigen (!) Beitrag – die Auseinandersetzung auf das abstraktere Niveau von „Objektivismus vs. Subjektivismus“ gebracht hat.
        https://www.youtube.com/watch?v=95mL3us0HSQ

        Die Beispiele, die er vorbringt, um seine Einschätzung zu rechtfertigen, es handle sich um objektiv schlechte Filme (am Beispiel von SW), die sich einer schlechten story writing verdanken sind großartig und sehenswert.
        Faktisch geht es um die Forderung nach Konsistenz und Kohärenz und den Beweis anzutreten, dass deren Missachtung zwangsläufig in schlechter Kunst / schlechten Filmen münden wird.
        Was ihm m.E. nicht nur gelungen ist, sondern die schiere Anzahl von Menschen, die diesen Film gesehen (über 400.000) und positiv bewertet haben ist atemberaubend.

        Ich bin erstaunt und begeistert, der erste massenwirksame Angriff auf den radikalen Subjektivismus kommt aus der Kulturfront.

        Seine dreiteilige Kritik von „The Last Jedi“ dauert fast 6 (!) Stunden – jede Folge wurde von annähernd 1.000.000 Menschen gesehen.
        Ich habe noch immer den Eindruck, wir sind hier falsch; wir sollten zu youtube wechseln.

  • Van Morrison! So schön! Beseeltes, Authentisches aus der Welt der lebendigen alten Männer. Er läuft bei mir durch heute. Vielen Dank für diesen Wegweiser zurück in eine Realität, die ich mir aufspüren, erhören und, ja, auch selbst erschaffen muss, dies aber ohne jede Gängelei und ohne ‘Thought Control’. Schluss ist noch lange nicht, und es gibt deshalb Anlass zu jeder Menge Hoffnung.
    Den Spiegel habe ich mir jede Woche gekauft, damals in den späten Siebziger- und in den Achtzigerjahren. Ich tue es längst nicht mehr. Auf Information und Berichterstattung bin ich angewiesen, aber denken muss ich alleweil noch selbst und auf Manipulation reagiere ich wie ein scheues Reh am Waldrand.

    Das Generalversagen und der folgerichtige ökonomische Niedergang der vierten Gewalt beschäftigen mich. Presse, Rundfunk und Fernsehen müssen in der politischen Berichterstattung unabhängig agieren, um ihren Auftrag zu erfüllen. Das ist nicht mehr gegeben. Aus Schweizer Sicht ist der Zerfall in Deutschland deutlich ausgeprägter als bei uns. Seit einem Jahr verfolge ich sehr regelmässig das Programm des Deutschlandfunks und seltener dasjenige von ARD und ZDF. Was die sich in Bezug auf Neutralitätsverletzung und Unsachlichkeit leisten, ist haarsträubend. Es ist heikel, dem grossen Bruder Ratschläge zu erteilen, vor allem wenn vor der eigenen Türe genug zu kehren ist. Die politischen Systeme sind bei aller kulturellen Nähe auch komplett verschieden. Aber unser gebührenfinanziertes Radio und Fernsehen ist der Ausgewogenheit und der inhaltlich umfassenden Berichterstattung verpflichtet. Wird der Grundsatz verletzt, regt sich unmittelbar Widerstand von wechselnder politischen Seite. Instrument ist eine respektierte und häufig wirksame Ombudsstelle (https://www.srgd.ch/de/uber-uns/ombudsstelle/) . Im letzten Frühjahr haben wir in einer Volksabstimmung dem Fortbestand des gebührenfinanzierten Rundfunks und Fernsehens deutlich zugestimmt. Die vorausgehende, sehr intensive Diskussion drehte sich kaum um die Qualität der politischen Berichterstattung, sondern mehr um die Redimensionierung des aufgeblähten Apparats und der Inhalte im Unterhaltungsbereich und damit auch um die Gebührenlast. Es mag sein, dass in einer repräsentativen Demokratie solche Volksentscheide nicht praktikabel sind. Trotzdem müsste stets der Volkswille repräsentiert sein, und ich wage zu bezweifeln, dass die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland ein Plebiszit überstehen würden. Wutbürger, äh Wutbürger*innen, werden ja geradezu gezüchtet, wenn ich die deutsche Berichterstattung im Fall Chemnitz verfolge. Dazu ein Gegenbeispiel aus der behäbigen Schweiz: https://www.srf.ch/news/international/angela-merkel-in-chemnitz-war-es-eine-hetzjagd-oder-nicht

    Zusammengefasst:

    Ein Journalist braucht nicht mehr Distanz zu den Fällen als ein Psychotherapeut, aber sicher auch nicht weniger. Das ist sehr anspruchsvoll. Supervision an Stelle von kollektivem #Aufschrei! wäre angezeigt. Die eigene Meinung gehört in die Kommentarspalte, wenn’s denn nicht anders geht. Denken können wir selbst.

    Heutzutage besser (na ja …) gebildete Spiessbürger greifen nun mal nicht mehr unbefangen zum Groschenroman. Die taugen nicht als Statussymbol. Und doch will die Sozialromantik im Kopf gefüttert sein, nicht dass sie noch ausbricht.
    Aber: Den Spiegel, die Zeit und den Tages-Anzeiger muss man ja nicht kaufen.
    Umso wichtiger ist die Existenz eines unabhängigen, dem journalistischen Ethos und Ehrgeiz verpflichteten Mediums. Und das kann nur gebührenfinanziert sein, unabhängig von Firmen, Parteien und Regierungen.

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