Fake News Medien Zivilgesellschaft

Raus mit allen, die andere Menschen rauswerfen wollen!

geschrieben von: Lucas Schoppe

Drei Aufregungen zum Jahresbeginn – Erster Teil

Ich bin in dieser Woche mit einem neuen Text einen Tag zu spät. Ich habe nämlich drei der großen, eigentlich auch ganz unmäßigen Aufregungen des Jahresbeginns aufgegriffen und sie in einem Text gemeinsam betrachtet. Das lässt sich besser in zwei Teilen veröffentlichen. (Zum zweiten Teil geht es hier.)

Im ersten geht es um die Angriffe auf die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann nach einer misslungenen Witzelei auf Twitter und um Robert Habecks zerknirschten Rückzug aus den sozialen Medien. Im zweiten, nächsten Text dann um die erregten Debatten anlässlich eines Werbespots.

Eine enorme Aufregung, die einen relativ kleinen Anlass hat – und völlig unterschiedliche, kaum miteinander zu vereinbarende Wahrnehmungen desselben Sachverhalts durch unterschiedliche Akteure: Darin drücken sich, in jedem der Beispiele, soziale Spaltungen aus, die wir jenseits aller Aufregungen ernst nehmen müssen.

 

Wer sind eigentlich diese „Nazis“, von denen alle reden?

„Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt.“ 

Das antwortet die ZDF-Korrespondentin Nicole Diekmann ironisch auf die Frage, wen sie denn eigentlich für einen Nazi halte – was wiederum eine Reaktion auf einen Tweet Diekmanns war, in dem gleich zu Jahresbeginn nur zwei Worte standen: „Nazis raus.“ Dies alles, der Schnelligkeit sozialer Netzwerke entsprechend, innerhalb von drei Minuten.

 

Diekmann erhält darauf so heftigen Widerspruch, nach ihren Angaben auch massive Drohungen, dass mehrere Zeitungen sogleich von einem „rechten Shitstorm“ sprechen.   Tatsächlich konnte ich selbst nicht verstehen, warum auf eine missglückte, aber offensichtlich ironisch gemeinte Witzelei solch eine heftige Reaktion folgte.

„Nazis raus“ twitterte ZDF-Journalistin Nicole Diekmann am Neujahrstag auf ihrem privaten Account – und bekommt seitdem Mord- und Vergewaltigungsdrohungen,

meldete dann die Tagesschau. Sie erweckte so den Eindruck, die wütenden Reaktionen, unter denen es auch unentschuldbare Drohungen gab, würden sich nicht darauf beziehen, dass Diekmann beliebig vielen Menschen unterstellt hatte, Nazis zu sein – sondern auf die schlichte Selbstverständlichkeit, dass sie den Nationalsozialismus ablehnt.

Das spornte eine große Gegenbewegung an: Hunderte, wohl auch Tausende posten den Satz #NazisRaus als Hashtag, von Bundesligavereinen über Boris Becker bis hin zum Bundesminister Heiko Maas. Keiner fragt sich, ob es denn tatsächlich stimmen kann, dass eine bekannte Journalistin massenhaft kritisiert und angegriffen wird, nur weil sie sich als Gegnerin von Nazis gezeigt hat.

So sehr die Tagesschau womöglich über Drohungen gegen Diekmann erschrocken war, trägt ihre Falschdarstellung – die von anderen Medien übernommen wird – gleichwohl zur Zuspitzung bei.

Hätte die Tagesschau über einen Sachverhalt falsch berichtet, der den meisten nicht vertraut ist, dann wäre die Meldung einfach ein Irrtum oder eine Lüge gewesen. Wenn die – ganz offenkundig bewusste – Falschdarstellung sich aber auf Sachverhalte bezieht, die den meisten vertraut sind, die sie gar selbst verfolgt haben, dann wird diese Falschdarstellung zur Demonstration der Stärke.

Entscheidend ist nicht das, was ihr seht oder das, woran ihr euch erinnert – sondern das, was wir daraus machen. Was Realität ist und was nicht, ist dann kein Gegenstand eines gemeinsamen Diskurses mehr, sondern eine bloße Machtfrage.

Der Diskurs selbst wird dadurch sauber gespalten: in die, die der Falschmeldung folgen, wider besseres Wissen oder weil sie es nicht besser wissen – und diejenigen, die ihr aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht glauben, sei es, weil sie sich angegriffen fühlen, oder sei es, weil sie es einfach nicht richtig finden, mit Falschmeldungen zu operieren.

Der Hashtag #NazisRaus bezieht sich dann überhaupt nicht mehr auf reale Nazis, sondern wird zum Ausweis der Zugehörigkeit zur richtigen Gruppe.

Auch Menschenrechte sind ja irgendwie Nazi.

Schon Diekmanns ursprünglicher Tweet hielt offen, auf wen sich der Begriff „Nazis“ eigentlich bezieht – und so war die Frage danach keineswegs, wie Diekmann meint, eine „Fangfrage“, sondern durchaus berechtigt. Diekmanns Ironie ermöglichte es ihr, einer klaren Antwort auf diese Frage auszuweichen.

 

Vom Verschwinden der Schrecken im hohlen Gerede

Nahe liegt natürlich der Bezug auf die AfD, und dort gibt es tatsächlich auch nach meiner Meinung Akteure, die Positionen nahe am Neonazismus vertreten. Das gilt z.B. für Björn Höcke, der die Erinnerung an den Holocaust als Mittel hinstellt, die deutsche Nation zu knechten – oder für Andre Poggenburg, der seit Jahren schon versucht, den Begriff „Volksgemeinschaft“ wiederzubeleben. 

Der Begriff war ursprünglich kein Nazi-Begriff und wurde schon vor 1933 für die Verteidigung des Volkes gegen die da oben verwendet, aber auch als Gegenbegriff einer imaginären völkischen Homogenie gegen eine als chaotisch empfundene pluralistische Demokratie. So war er natürlich für die Nationalsozialisten brauchbar und legitimierte, als ein zentraler Begriff ihrer Ideologie, die Aussonderung derjenigen, die nicht dazugehörten.

Allerdings reicht es für einen Nazi-Vorwurf nicht, dass jemand schlicht etwa die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ablehnt, auch dann nicht, wenn er die Grenzen ganz dichtmachen möchte. Das ist hartherzig, womöglich egoistisch, aber nicht nationalsozialistisch: Der ungeheure Schrecken des Nationalsozialismus bestand schließlich nicht darin, dass die Nazis nicht genügend Flüchtlinge aufgenommen hätten.

Zumal aus heutiger Sicht – aber eigentlich auch schon damals – ist es kaum zu ertragen, dass westliche Staaten sich in den Dreißiger Jahren weigerten, flüchtende Juden aufzunehmen und Flüchtlingsschiffe von den USA gar abgewiesen wurden. Wer aber diese Hartherzigkeit des Westens gleichsetzt mit dem deutschen industriellen Massenmord, dem Bau und Betrieb von Vernichtungslagern, der bedient damit offenkundig eine deutsche Schuldabwehr.

Das gilt umso mehr, wenn Menschen völlig ohne Anlass, auch ohne willkürlichen oder hergeholten Anlass, in Nazi-Nähe gerückt werden. Ich kenne das als Trennungsvater selbst. Unser Kind wächst weitgehend ohne mich auf, bloß weil die Mutter das so möchte, ohne weitere Begründung oder Überprüfung. Weil das offensichtlich massiv ungerecht ist, bin ich schon vor Jahren dem Väteraufbruch für Kinder beigetreten. Obwohl ich mein Leben lang nichts anderes als SPD oder Grüne gewählt hatte, wurde ich dafür in Publikationen der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung oder der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, so wie viele andere, mit Rechtsradikalen oder auch mit Fans des Massenmörders Breivik in Verbindung gebracht.

Hier erfüllt die Unterstellung, dass andere irgendwie Nazis wären, neben der Schuldabwehr auch die Funktion, Ausschlüsse aus dem gemeinsamen Diskurs zu legitimieren. Dass nicht MIT anderen, sondern nur ÜBER sie geredet wird, dass sie lediglich als Objekte der Debatte, aber nicht als Subjekte und Teilnehmer akzeptiert werden – das ist offenkundig basal undemokratisch und braucht daher eine sehr starke Begründung. Der aus sehr guten Gründen moralisch hoch und stark negativ aufgeladene Begriff „Nazi“ macht eine solche Begründung leicht.

Das hat nicht nur den Nachteil, dass es demokratische Debatten zerstört, es entleert auch den Begriff „Nazi“ – Nationalsozialist, weil er ganz aus seinem historischen Kontext gerissen wird. Das wiederum ist gefährlich, weil es den Blick auf reale Schnittmengen mit dem Nationalsozialismus verdeckt. Es ist wohl kein Zufall, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung ihren Menschenrechtspreis ausgerechnet an den Women’s March verleihen wollte, dessen Führerinnen unverhohlen antisemitische Positionen unterstützen.

Erst nach entschiedenen Protesten setzte die FES die Preisverleihung aus – als ob sich in diesem vielmillionenschweren Verein (die FES ist rechtlich ein Verein, keine Stiftung) vorher niemand in der Lage gewesen wäre, sich mit dem offenkundigen Juden- und Israelhass der designierten Menschenrechtspreisträgerinnen zu beschäftigen.

Zweifel an der Sinnhaftigkeit der „Nazis raus“-Parole formuliert in der Süddeutschen Zeitung auch Kathleen Hildebrand. Sie nehme „für viele Ohren einfach die verbale Gewalt des Rufs ‚Ausländer raus!‘ auf und wendet sie gegen die Fremdenfeinde.“

Wer rechtsextrem ist, nutzt die Klage über die ‚Keule‘ zur Selbstverharmlosung. Und wer vielleicht einfach nur nicht die liberale Migrationspolitik von Linken und Grünen unterstützt, hat das Gefühl, er werde vorschnell vom politischen Diskurs ausgeschlossen.

Die Spaltung des Diskurses hat so gleich zwei ungünstige Folgen: Einerseits werden Menschen ausgeschlossen, die durchaus legitime Positionen und Interessen formulieren – andererseits werden Akteure, die Extreme besetzen und die vielleicht gar gewaltbereit sind, gleichgesetzt mit vielen anderen, die solche Extreme entschieden ablehnen.

Die verballhornende Darstellung hat gleich zwei wünschenswerte Folgen: Sie bannt den Schrecken des Nationalsozialismus, und sie macht klar, dass Nazis ganz anders sind als wir, die wir #NazisRaus tweeten und Grüne wählen.

Gegen Drohungen wie die, die Diekmann offenbar erhielt, hilft eine solche Spaltung eben gerade nicht. Anstatt Gegner beliebig als Feinde zu betrachten, wäre es wichtig, die gemeinsame Ablehnung von Gewalt und Bedrohung über alle politische Gegnerschaft hinweg klarzustellen. Wer hingegen beliebig „Nazis raus“ ruft oder tweetet, erweckt den Eindruck, die Gewalt käme ganz gewiss immer nur von den anderen.

In den USA hat gerade eine der wichtigsten Kritikerinnen des heutigen Feminismus ihr Bloggen eingeschüchtert eingestellt, weil ihre Kinder gezielt und systematisch bedroht wurden, wohl von feministischen Aktivisten. Wer diese Gewalt und die Gewaltdrohungen gegen Diekmann nicht gleichermaßen ablehnt, steht für keinen demokratischen, zivilen Diskurs.

 

Robert Habecks Irrfahrten im Reich der wütenden Trolle

Wenn jemand mehrmals denselben Fehler macht, gibt es dafür eine naheliegende, aber möglicherweise unangenehme Erklärung: Nämlich die, dass es gar kein Fehler ist.

Grünen-Chef Robert Habeck hatte vor Landtagswahlen gleich zweimal den Eindruck erweckt, erst durch die Grünen könnte in Bayern bzw. in Thüringen die Demokratie eigentlich erst beginnen. Natürlich lud das zum Vorwurf der Arroganz ein – Habeck aber entdeckte die Verantwortung für seine unglücklichen Aussagen schließlich nicht allein bei sich selbst, sondern vor allem bei den sozialen Medien, insbesondere bei Twitter, das mit Trump zu einem „Instrument der Spaltung“ geworden wäre. 

Tatsächlich ist in den sozialen Medien die Bereitschaft einiger Akteure enorm, mit Beschimpfungen, Unterstellungen, Drohungen, schlicht: mit Hetze zu agieren. Ich habe das auch schon erlebt, zum Beispiel, als ich feine Unterscheidungen der postmodernen identitären Linken (in diesem Fall zwischen „rassistisch“ – guter Begriff – und „fremdenfeindlich“ –  geht gar nicht) mit Rückgriff auf Pierre Bourdieu kritisiert hatte. Ich hatte geschrieben, dass solche feinen Unterschiede dazu dienen, sich vom „dummen Volk“ abzugrenzen und damit „klassische Rituale der sozialen Distinktion zu reproduzieren.

 

Es gibt deutlich schlimmeres als solch eine Reaktion, trotzdem ist es natürlich maßlos, jemanden quasi-öffentlich und ohne nachvollziehbaren Grund als „ekelhaftes Arschloch“ zu bezeichnen.

Habeck wird als Politiker mit solchen Reaktionen sehr viel häufiger konfrontiert sein als andere, und trotzdem ist seine Erklärung nicht plausibel. Er hat nicht unbedacht auf Provokationen agiert, sondern – zumindest in Thüringen – eine  Spot produziert, und er hat anders als normale Nutzer sozialer Medien ein Team zur Verfügung, das seine Accounts pflegen kann.

Zudem gibt es einen einfachen, nachvollziehbaren Grund für seine Äußerungen, der mit Twitter oder Facebook gar nichts zu tun hat. Was Habeck sagt, entspricht tatsächlich einem grünen Selbstverständnis, immer noch eine irgendwie andere, irgendwie auch humanere Partei zu sein, die nicht völlig Teil des machtorientierten politischen Betriebes wäre. Eine Partei eben, die Demokratie überhaupt erst richtig ernst nimmt.

Wenn mich meine Vertrautheit mit dem grünen Milieu nicht völlig täuscht, dann ist dort die Vorstellung überhaupt nicht anstößig, erst die Grünen brächten richtige Demokratie in die Länder. Anstößig wäre eher die Idee, dass die Grünen eine Partei wie alle anderen sind – oder dass etwa die CSU ebenso demokratisch wäre wie die Grünen selbst.

Habeck hatte also einfach das Pech, in die Schnittmenge zweier unterschiedlicher Diskurse zu geraten: Er wollte Grüne mobilisieren und appellierte so an ein grünes Selbstverständnis – er sprach aber auch zu allen anderen, die mit der Selbstbezüglichkeit grüner Debatten gar nichts anfangen können. Was im internen Selbstverständnis der Grünen aber gar nicht weiter auffällt, wirkte plötzlich skandalös, als es an die freie Luft offener Debatten geriet.

Anstatt aber nun die Spaltung zwischen einem internen und einem allgemeinen Diskurs zu überbrücken, sucht Habeck die Lösung darin, diese Spaltung noch zu vertiefen. Verantwortlich ist für ihn die wilde Welt irgendwo da draußen, wo bei Twitter „Hass, Böswilligkeit und Hetze“ verbreitet werden und wo sich lauter ungeschlachte Gesellen, Trolle und sogar grausame Fabelwesen wie dieser Trump herumtreiben.

Bei seinem Rückzug in interne Strukturen wird Habeck nicht nur von Kritik, sondern auch von einer auffällig verständnisvollen Presse begleitet. Der Spiegel widmet ihm – auch mit Hinweis auf die Veröffentlichung privater Daten, von der Habeck ebenfalls betroffen war – ein Titelbild, das ihn als schutzloses Opfer digitaler Gewalt präsentiert.

In der Süddeutschen Zeitung beschreibt der Medienwissenschaftler Berthold Pörksen Reaktionen auf Habeck als „Lehrstück furioser Mitleidlosigkeit“. 

Tatsächlich sind auch in meinen Augen die Aufregungen viel zu groß, die auf die Äußerungen Habecks oder Diekmanns folgten. Sie sind aber möglicherweise Ausdruck sozialer Spaltungen – so dass es scheint, dass die Kluft zwischen verschiedenen Gruppen überhaupt nicht mehr durch ruhige Argumente, sondern nur durch stürmische Lautstärke zu überwinden ist.

Wer sich zudem selbst zum eigentlichen Träger der Demokratie erklärt, der legt damit zugleich nahe, dass die anderen, die ganz anderer Meinung sind als er, nicht wirklich zur Demokratie gehörten. Sie auszuschließen wäre demnach nicht undemokratisch, sondern gar ein Dienst an der Demokratie.

In der Aufregung über die Äußerungen von Habeck und Diekmann, so unmäßig sie auch war, drückt sich so womöglich – neben der bloßen Lust am Angriff – auch das Gefühl vieler Menschen aus, nur noch Objekte demokratischer Debatten zu sein, an diesen Debatten selbst aber gar nicht mehr teilnehmen zu können.

Ganz besonders deutlich wird das an einer tagelangen, weltweiten Aufregung über einen scheinbar winzigen Anlass – über einen Werbespot für eine Firma nämlich, die Rasierer herstellt.

Dazu mehr morgen.

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27 Comments

  • Sehr spannender und anregender Beitrag wieder mal!

    Die „sozialen Spaltungen“ — sind sie schon vorhanden und die Treiber dieser heftigen Dispute oder entstehen sie gerade erst dadurch? Oder ist diese Frage so eine wie die sprichwörtliche nach der Henne oder dem Ei?

    Wo liegen die tatsächlichen Verwerfungslinien? Sind das soziale Schichten, die spannungsreich aneinander reiben? Oder sind die Verwerfungslinien rein mentaler Art, gezogen durch Ideologien, Weltanschauungen, Glauben?

    Man kann natürlich nicht die tatsächliche Biographie der Menschen in den hier geschilderten Auseinandersetzungen durch schnellen Augenschein erfahren, aber der ohnehin eher elitäre Rahmen der benutzten Medien (wie twitter), legt nahe, dass der Streit innerhalb einer mehr oder minder wohlhabenden Schicht stattfindet. Der grosse Unterschied scheint vor allem darin zu bestehen, dass die eine Seite (Nazis raus und pro Habeck) die Menschen sind, die ihren Job in den Medien oder in der Politik und ihren „NGOs“ haben, während die anderen ein bunt zusammengewürfelter Haufen Namenloser sind. Man kann das Ganze Streit-Phänomen als die Auseinandersetzung einer institutionellen Orthodoxie mit ihren Laien, Kritikern, Feinden, ansehen.

    Und was treibt die Auseinandersetzung?

    Lukas hat hier festsitzende Schuldgefühle und deren demonstrative Überwindung als Ursache gesehen, was eine tragfähige Erklärung ist. Man will die Vergangenheit überwinden und Sühne leisten, weshalb man Die Grünen wählt und im Zweifel „Nazis raus“ skandiert.

    Diese Erklärung scheint erst mal schlecht, da ein ganz vergleichbarer Streit in den USA tobt, aber die NS-Zeit hier gar kein direkt belastender Faktor sein kann, ganz im Gegenteil. Doch ist in den USA ein „Antirassismus“ herrschend, der unter dem Stichwort „White Guilt“ ganz vergleichbare sehr tiefe Schuldgefühle produziert, die eine perfekte Entsprechung zur deutschen Situation liefert.

    Aber warum ist diese Aufarbeitung der Vergangenheit so wichtig? Warum igelt sich die medial-politische Elite immer eifriger in den Schreckensbildern einer eigentlich abgeschlossenen Vergangenheit ein, wie der NS-Zeit, dem Kolonialismus, der Zeit vor dem *Frauen*wahlrecht? Nicht nur der Vergangenheit, auch die Zukunft wird in Schreckensbildern gemalt, in denen des Weltuntergangs durch Klimawandel, wobei ein ausgerägter allgemeine Menschenfeindlichkeit auffällt.

    In der westliche Elite scheint eine Psychose sich auszubreiten, mit Verfolgungs- (Nazis überall) und Grössenwahn (wir retten die Welt). Darüber merken sie nicht, wie sie selbst immer extremere Formen von Sexismus, Rassismus und Antisemitismus hervorbringen.

    Die für mich naheliegenste Erklärung wäre, dass diese Elite sich bedroht fühlt, aber nichts Sinnvolles dagegen tun kann und den Feind aus Bequemlichkeit und Feigheit bei sich selbst sucht, um einen symbolischen Gegner zu schaffen, auf den man gefahrlos und billig rumprügeln kann, zum Abreagieren. Statt das Militär aufzurüsten, rüsten diese Leute lieber verbal auf Twitter auf. Mit mit dem gesparten Geld kann man auf Wählerfang gehen.

    Die ganze Pathologie dieser kollektiven Form des Selbsthasses scheint mir eine Folge von dem epochalen Terroranschlag 2001 zu sein, keine Ursache, aber eine erhebliche Beschleunigung.

    Eine andere und auch alternative Ursache mag die exorbitante Wohlstandsschraube der letzten Jahrzehnte sein. Immer mehr Reichtum wurde finanztechnisch angehäuft und aufgetürmt. Der virtuelle Charakter des neuen Reichtums, der mehr in den Künsten der Buchführung als an der Verbesserung und Steigerung der Produktivität liegt, mag auch dieses Klima von Fragwürdigkeit und Verunsicherung, man tanze auf dem Vulkan, erzeugt oder beflügelt haben.

    Soweit meine Eingeweideschau hier 😉

    • Erstmal Danke an Lucas für den wie immer lesenswerten Beitrag.
      @Alex, was Du schreibst trifft meine eigenen Erfahrungen. In den letzten Jahren habe ich auf WG-Partys die Erfahrung gemacht, dass eine bestimmte, relativ homogene Gruppe von Leuten sich total vor den Kopf gestoßen fühlt, wenn man bestimmt Positionen vertritt oder ihre Positionen in Frage stellt. Was Du schreibst, trifft das irgendwie schon: Relativ privilegierte „Menschen […], die ihren Job in den Medien oder in der Politik und ihren ‚NGOs‘ haben, während die anderen ein bunt zusammengewürfelter Haufen Namenloser sind.“
      Eine Reihe von Glaubenssätzen gehören in dem genannten Milieu zusammen und ergeben zusammen eine Weltanschauung. Man ist dort für die Europäische Union. Wer das Demokratiedefizit deren Institutionen kritisiert ist „gegen Europa“, als wäre das identisch mit der EU. Man glaubt dort aus Prinzip alles, was die ‚öffentlich-rechtlichen‘ Medien berichten und übernimmt deren Deutungen. Wer die Berichterstattung der Leitmedien anzweifelt, ist ein Verschwörungstheoretiker oder ein rechter Spinner. Man ist für Hillary Clinton und gegen Trump. Wer einzelne Punkte von Trumps Programm, wie den Truppenabzug aus dem Ausland (leider doch nicht realisiert), lobt und Clintons militärische Interventionspolitik (wie in Libyen) kritisiert, ist ein „Trump-Fan“ und damit sozial desavouiert.
      Das sind jetzt nur drei herausgegriffene Fälle, die aber m.E. etwas gemeinsam haben: Wer sich gegen die genannten Dogmen äußert, wird als jemand hingestellt, der nicht rational denken könne. Es wird vorausgesetzt, dass eine rationale Kritik an den genannten Dogmen nicht möglich sei. Eine Möglichkeit zur Diskussion besteht so kaum noch. Soweit meine Eindrücke.

      • Dogmen, Glaubenssätze, Unfähigkeit zum Umgang mit innerer und äußerer Kritik: typische Zeichen einer (Ersatz-)Religion.

        In der christlichen Kirche gibt immerhin noch Barmherzigkeit und Vergebung, selbst für die schlimmsten Sünder (und sogar für Nazis).

      • Vielen Dank für das Lob zum Text, das freut mich! Ich antworte spät, weil ich noch am zweiten Teil saß.

        Ich gehe, @Alex, gar nicht davon aus, dass die Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld eine URSACHE der Spaltungen ist, die wir heute erleben, auch wenn sie durchaus damit zu tun hat. Ursächlich ist in meinen Augen, dass ökonomisch die Realitäten weit auseinanderklaffen zwischen Menschen, die ihr Kapital durch Kapitalbesitz vermehren, und einem großen Teil der Menschen, die sich ihr Geld durch Erwerbsarbeit verdienen müssen.

        Politik und massenmedialer Journalismus orientieren sich dabei offensichtlich nach oben, und das ist nicht einmal ganz absurd: Schließlich haben sie Zugriff auf große Summen, die Parteien können sich aus Steuermitteln jährlich große Millionensummen in ihre Stiftungs-Vereine schieben (170 Millionen allein für die FES im letzten Jahr), der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat jährlich gesicherte Milliardensummen zur Verfügung.

        Schade aber, dass in den Parteistrukturen oder den Medienhäusern sich diejenigen, die einen Blick für weniger Wohlhabende haben, offenbar keine große Chance haben – wenn es sie überhaupt gibt.

        In einem Interview der Schweizer „Republik“ mit den französischen Intellektuellen Didier Eribon, Edouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie sagt de Lagasnerie:

        „Die Popularität der Bewegung ist erstaunlich. Diskreditiert ist sie vorwiegend bei Kommentatoren, die 10’000 Euro im Monat verdienen und es unerklärlich finden, dass Leute, die 1200 Euro verdienen, auf die Strasse gehen, weil ihre Steuern erhöht werden.“ https://www.republik.ch/2019/01/12/die-herrschenden-haben-angst-und-das-ist-wundervoll

        Die permanente moralische Diskreditierung großer Teile der Bevölkerung (Männer, Ostdeutsche, Alte – sogar Weiße, und das in einem Land, in dem wohl 90-95% der Bevölkerung weiß sind) versucht, etwas Altbekanntes immer wieder neu zu verkaufen: Den naserümpfenden Blick der Wohlhabenden auf den Pöbel.

        Das permanente Moralisieren ist wichtig, um die Amoralität der sozialen Spaltung zu kaschieren und diese Spaltung zu legitimieren: Es ist schon wichtig, dass WIR diese Macht haben, denn DIE ANDEREN würden sie furchtbar missbrauchen.

        Deshhab halte ich es ich auch für möglich, dass viele, die Trump gewählt habe, sich gar keine Illusionen darüber gemacht haben, dass er eine Politik für die Reichen machen wird (er hat ja auch erstmal Reiche steuerlich entlastet). Ausbeutungsstrukturen hätte allerdings auch Clinton bedient.

        Der Unterschied: Während Clinton noch dazu selbstgerecht moralisierte über die Menschen, die in den letzten Jahren sozial und ökonomisch den Anschluss verloren haben, sie stupide als „basket of deplorables“ hinstellte – währenddessen warb Trump um eben diese Menschen („The forgotten men and women of our country will be forgotten no longer.“) und wurde von denselben Akteuren moralisierend angegriffen, die auch große Teile der Bevölkerung moralisierend angreifen.

        Die Amerikaner hatten also die Wahl zwischen jemandem, von dem (bzw. der) sie ausgebeutet und noch dazu moralisierend massiv degradiert werden – und jemanden, von dem sie ausgebeutet werden, der sie aber wenigstens nicht auch noch ausbeutungsflankierend und moralisierend zu Menschen zweiter Klasse erklärt.

        In Deutschland hat das mit der deutschen Schuld in meinen Augen insofern etwas zu tun, als dass die NazisRaus-Hashtagger sich insgeheim aus der gemeinsamen Schuld davonstehlen. Sie haben ja viel gelernt, wissen, dass Faschismus nicht gut ist, können Faschismus sogar subtil im Alltag aufecken – irgendwie gehören sie nicht mehr zum gemeinen Volk, das die Verstrickung in das wohl größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte geerbt hat.

        Ich selbst finde übrigens, dass es bei Menschen, die nach ’45 geboren wurden oder die im Nationalsozialsismus Kinder waren, überhaupt keinen Sinn ergibt, von einer „Schuld“ zu sprechen. Wir müssen aber damit klarkommen, dass wir Teil einer Gesellschaft sind, von ihr vielfältig geprägt und unüberschaubar in sie verstrickt, die diese Verbrechen geplant, organisiert und exekutiert hat. Dies sogar unabhängig davon, ob direkte Familienmitglieder von uns an den Verbrechen beteiligt waren.

        Die Nazis-Raus-Hashtagger schaffen sich hingegen die Illusion, sich im Unterschied zu anderen aus diesen Verstrickungen befreit und damit unter sich eine gewisse Reinheit gefunden zu haben. „Nazis raus“ ist eigentlich ganz wörtlich gemeint – „Nazis raus aus unseren Diskursen“. Nazi wiederum können alle möglichen Leute sein, aber es sind zufälligerweise immer irgendwie die anderen.

        In dieser unterschwelligen Selbst-Freisprechung drücken sich aber m.E. soziale Spaltungen aus – der Umgang mit der Schuld steht nicht im Mittelpunkt, aber die Freisprechung von ihr ist eines der Privilegien, die halt nicht allen zustehen.

        • »Die permanente moralische Diskreditierung großer Teile der Bevölkerung (Männer, Ostdeutsche, Alte – sogar Weiße, und das in einem Land, in dem wohl 90-95% der Bevölkerung weiß sind) versucht, etwas Altbekanntes immer wieder neu zu verkaufen: Den naserümpfenden Blick der Wohlhabenden auf den Pöbel.«

          Danke für den Hinweis auf das Interview in der »Republik«! In diesen Zusammenhang passt auch sehr schön das Ende letzten Jahres erschienene Buch Die Moralfalle von Bernd Stegemann, einem Mitbegründer der »Aufstehen«-Bewegung. Den Kern seiner Argumentation kann man auch in Interview im Cicero nachlesen: Der moralische Populismus reagiert wie der Pawlowsche Hund.

        • „weil ich noch am zweiten Teil saß.“

          @Lukas, super, aber du könntest dich gleich an den dritten Teil machen, das mit der medialen Dämonisierung dieser katholischen Jugendlichen drängt sich geradezu auf. Ein Fass ohne Boden 🙁

          Die für immer mehr Leute immer ungünstiger werdende ökonomische Lage oder *Ausblick*, eine richtige Diagnose, halte ich auch für eine treibende Kraft der gesammelten sozialen Unruhen. Das französische Triumvirat um Lagasnerie bietet aber leider nur einen Wiederaufguss der kommunistischen These vom Klassenkampf als Erklärung an. Die Drei sind kollektivistisch, identitär, antiwissenschaftlich (!), pro-existenzialistisch und antiindividualistisch, was De Lagasnerie besonders klar im 2. Teil anklingen lässt:

          „Mythen wie der Autonomie des Subjekts oder der Wert­freiheit der Wissenschaft verstecken kann.“

          https://www.republik.ch/2019/01/14/das-ist-nicht-neoliberalismus-das-ist-klassenkampf

          Vermutlich würden sie auch den Maduro für einen „Neoliberalen“ halten.

          Richtig übel finde ich den unverhohlen positiven Bezug zur Gewalt, die beschönigend als „die Politik des Abfackelns“ bezeichnet wird, wobei man sich drüber freut, dass „die Herrschenden“ Angst hätten. Das ist die Freude über ein mögliches Kommen einer kommunistischen Revolution, die ruhig gewalttätig sein kann.

          Ich halte die drei für „Teil des Problems“ (welches sie als „Neoliberalismus“ bezeichnen) und nicht für dessen Lösung.

          Trumps Unterschied zu Macron und Merkel (ich kann hier nicht Clinton nennen, denn das wäre ja rein hypothetisch) besteht nicht nur in einer sich den einfachen Leuten hinwendenen Rhetorik — unter seiner Ägide öffnen die Bundesbehörden auch tatsächlich die Geldhähne. So sehr, dass die Zentralbank den Leitzins schon erstaunlich stark heben musste. Mit dem Euro ist das nicht möglich und so kann Herr Macron auch kein Trump sein, sondern ist gezwungen das Geld nur umzuverteilen. Und das trifft natürlich nicht zuletzt die Schwächsten! Genau das ist auch der Grund, warum in den USA trotz des polternden Kandidaten Trump dieser gewählt wurde: weil die Demokraten unter Obama die bundesbehördliche Brieftasche geschlossen hielten und den Staat wie ein Eurozonenland regiert haben.

          Ich habe es ja schon häufiger gemeint: die Linke muss endlich Wirtschaft und Währungssystem ernst nehmen und ohne ideologische Brillen betrachten! Leider kann sie nicht vom Antikapitalismus lassen.

          Wenn ich aber denke, dass die unbewältigte (wie man so merkwürdig zu sagen pflegt) Vergangenheit *Ursache* für die politischen Verwerfungen heute sind, dann hat das mit klassischen und schon existierenden politischen Erklärungsmustern nichts zu schaffen. Ich versuche mal, mit einem Vergleich das klar zu machen: wenn die ökonomische Schieflage die Erdbeben sind, dann ist die Vergangenheit das aus dem Mittelozeanischen Rücken aufsteigende Magma, welches die Ursache auch der Erdbeben ist. Die Erdbeben merkt jeder, die treibende Kraft dahinter ist aber unauffällig.

          „Ich selbst finde übrigens, dass es bei Menschen, die nach ’45 geboren wurden oder die im Nationalsozialsismus Kinder waren, überhaupt keinen Sinn ergibt, von einer „Schuld“ zu sprechen.“

          Ja, viel besser ist es, das im Rahmen von *Ehre, Stolz und Scham* zu betrachten, daher mein Post „23. Januar 2019 um 12:46 Uhr“ unten. Die Bewältigung der Vergangenheit wird so zum heroischen Akt einer Art neuen National-Stolzes und kann gegen den Pöbel als abgrenzende Moral verwendet werden.

          „dass die NazisRaus-Hashtagger sich insgeheim aus der gemeinsamen Schuld davonstehlen.“

          Wenn man sich als nachträglichen Widerstandshelden glorifiziert, dann brauch man keine Verantwortung übernehmen. Es ist vergleichbar mit den extremen Nationalisten, die ihre eigenen Politikfehler auch immer damit zudecken, dass sie das böse Ausland ja immer an allem schuld sei. Ähnlich die Kommunisten, die das böse Bourgeoisie, die gnadenlos den permanten Klassenkampf führt, für alles verantwortlich machen.

          „In dieser unterschwelligen Selbst-Freisprechung drücken sich aber m.E. soziale Spaltungen aus“

          Sicher ist der Moralismus der Elite als Rechtfertigung für die soziale Auseinanderdrift zu gebrauchen. Ich vermute nur, dass es näher an der treibenden Kraft liegt, weshalb ich die „Ursache“ drin sehe, in Ermangelung alternativer Erklärungen.

        • @alle: ich habe den langen Text von Eribon et al. jetzt auch gelesen.

          Der Hinweis auf die Arroganz und Abgehobenheit der Eliten ist richtig, aber bekannt, und dies nicht nur in Frankreich.

          Die Versuche, die Gelbwestenbewegung zu beschreiben und ihre Ursachen zu identifizieren, sind interessant, aber wie üblich mit Vorsicht zu genießen. Nur weil da irgendwer etwas mit ernster Miene behauptet, muß es nicht stimmen.

          Schlimm fand ich das Denkmuster, daß die Armen nur lange genug auf den Putz hauen und Scheiben einschlagen müssen, damit sie am Ende mehr Geld in der Tasche haben. Die Frage, wie der gesellschaftlich erarbeitete Wohlstand verteilt wird, wird hier auf ein triviales Modell reduziert, bei dem „die Reichen“ alles haben und es in deren Willkür liegt, ob sie den Geldhahn aufmachen und die Armen etwas abbekommen. Denken wir uns die Kaste der Reichen einfach mal weg. Produziert die Bevölkerung dann überhaupt die Produkte und Dienstleistungen, die sie konsumieren möchte? Das ist mir bei Frankreichs hoher Staatsquote und sehr früher Pensionierung alles andere als klar. Wie steht es mit den internationalen Verflechtungen? Wie kommt man mit der Konkurrenz durch den chinesischen Staatskapitalismus und dessen unfairen Methoden klar? usw. Das wird alles ausgeblendet.

          Das ganze erinnert mich an dem Feminismus als Bewegung, die auf Sozialneid basiert und die immer nur „ich will das auch haben“ (was Männer angeblich geschenkt bekommen) ruft, aber nicht darüber nachdenkt, wo es denn herkommen soll.

        • Ich glaube nicht, dass die Nazihysterie etwas mit realen historischen Verbrechen zu tun hat … die politische Bewältigung der NS-Staates ist mit unserem extrem liberal-defensiven, das Individuum schützenden und den Staat zügelnden Grundgesetz hervorragend gelungen, und sie ist von 1949, nicht von 1968. Es ist übrigens nicht von den Amerikanern entworfen, sondern steht in der grossen deutschen liberalen Tradition von 1848 und 1919! Der Nazivorwurf hingegen soll den Gegner stattdessen „irgendwie“ einfach in Schockstarre versetzen schlicht wegen der Ungeheuerlichkeit des Vorwurfs selbst, da man i.d.R. dann gleichzeitig immer auch „grün“ mit seiner Menschlichkeit etc. prahlt ist die ungeheure Aggressivität des Vorwurfs gebannt: „Willst Du etwa behaupten, dass, wer so lieb ist wie ich, so einen Vorwurf einfach aus der Luft greift, hmmm … also handelt es sich bei Dir tatsächlich um einen Nazi“. Billig, aber wirkungsvoll! Dass es nun gerade die Nazis (z.T. ja auch die Kirche, soweit sie nicht grün ist wie die evangelische) sein müssen hat m.E. einen anderen Grund: Das grosse Menschheitsverbrechen des Sozialismus, dessen Experimente so unvorstellbar viele Menschenleben gekostet haben, ist intellektuell noch nicht bewältigt, und es ist mit den akademischen und medialen Eliten in Ost und West eng verknüpft, gerade weil der Sozialismus beiden viel Aufstiegschancen bot und bietet: Stalin war deshalb schlicht ein Frauenfreund (Hitler nicht ….), ausserdem haben sie die Autobahn gebaut nach Berlin (mit Westgeld ….), und insgesamt gab es nicht so viel Gier und Unmoral, mehr Ruhe und Solidarität (nicht zu verwechseln mit „spiessig“!); in diesem Bezugsrahmen sollen – auch um die Wiedervereinigung des Landes intellektuell nicht zu gefährden – die Verbrechen der Sozialisten gar nicht erst angesprochen, oder zumindest relativiert werden. Da geht es nicht, dass man die „kleinen“, konkreten Vorzüge der alten Bundesrepublik hervorkehrt (die Grünen waren immer g e g e n diese wunderbar liberale, alte Bundesrepublik, weil sie ihnen nicht sozial genug war … zu „spiessig“) und ihre Abschaffung beklagt. Das Schreckgespenst eines jederzeit drohenden Nazistaates ist schon wegen seiner ständigen medialen Wiederholung „real“, und dieses kann bei jeder Kritik an konkreten aktuellen Regierungsentscheidungen geradezu beliebig aktiviert werden (Flüchtlingspolitik, Europa, Klima, Frauen, Finanzkrise, Schlamperei bei Bahn und Telekom etc. etc.) Fazit: Wir müssen die liberalen Werte der alten Bundesrepublik, die diese so stark und lebenswert gemacht hatten, in die Ex-DDR tragen – und uns gegen die Ausdehnung eines billig-apologetischen DDR-Antifaschismus auf den Westteil der Republik wehren.

    • > „Lukas hat hier festsitzende Schuldgefühle und deren demonstrative Überwindung als Ursache gesehen….“

      Nochmal zur „Schuldabwehr“.

      Ist es wirklich ein Gefühl der Schuld gegenüber den Ereignissen der Vergangenheit oder ist es nicht eher ein Gefühl von Scham, welches hier relevant ist?!
      Im Falle der Scham fühlt man sich in seiner *Ehre* wegen der Vergangenheit gekränkt. Die hohen moralischen Standards von heute werden dabei bedingungslos an die Vergangenheit angelegt und so kann sich daher nur noch für die Vergangenheit schämen. Als Beleg dafür würde ich anführen, dass, wenn es um „Nazis“ geht, in den Mittelpunkt des Interesses immer das angebliche Bild des Auslands, die Ehre Deutschlands rückt. (a la „Was sollen die Ausländer über Deutschland nur denken, wenn sie Sachsen sehen.“) Jemand, der sich mit einer Schuld rumträgt, der denkt nicht zuerst an Ehre und das Bild, welches andere von einem haben.

      Es ist also Scham und verletzter Stolz, also moralischer Narzissmus, mit dem wir es hier zu tun haben.

      Und so wird dann auch die Haltung eines Habecks verständlich, der mit stolzerfüllter Brust sich als moralisch Überlegenden posiert, der den Eingeborenen die Demokratie bringt.

      Wie sollte sein Verhalten alternativ auf Schuldgefühlen aufgebaut sein? Dann wäre Habeck ein Zauderer, der nicht drüber hinwegkäme, sich selbst und vielelicht noch seine Partei zu kritisieren.

      Die Antinazi-Haltung entstammt also einer *Ehrenkultur* besonderer moralischer Standards. Diese Ehrenkultur demütigt und schliesst das unerwünscht Eigene mit dem Bannspruch „Nazis“ aus und rollt gleichzeitig dem Fremden den roten Teppich aus im Namen einer Gastfreundschaft, die als „Willkommenskultur“ bezeichnet wurde und ebenfalls klarstens auf Ehrgefühlen und erwiesener Ehre aufbaut.

      Wenn Schuld und Sühne zusammenpassen, dann sind die Pendents der Ehre die Scham und die Beschämung.

      Und was ist es, alle anderen Nazis zu nennen? Eine Sühne? Oder eine Beschämung?

      Auffälligerweise lädt die neue deutsche Ehrenkultur bedingungslos und am liebsten Menschen ein, die aus den originalen Ehrenkulturen stammen, deren extremster Ausdruck „Ehrenmorde“ sind. Diese werden aus Gründen der Ehrerweisung vor den Gästen dann verleugnet, wobei es eine weitere Frage der Ehre ist, jedem kleinsten Verdacht an Fremdenfeindlichkeit energisch gegenüberzutreten. Denn das ist ja absolut schädlich für die Ehre Deutschlands ….

      Nicht mit „Schuldgefühlen“ weiterzudenken, um die heutigen Zerwürfnisse zu erklären, sondern in Kategorien von Ehre/ Scham und Beschämung scheint mir der Weg zu sein!

      • Ich kann mir gerade einen Kommentar nicht verkneifen:
        Ist „Ehrenmann / Ehrenfrau“ nicht gerade zum „Jugendwort des Jahres 2018“ gekürt worden?

        • Ach du Schande, ja 🙁

          https://www.tagesschau.de/inland/langenscheidt-jugendwort-103.html

          „“Ehrenmann“ beziehungsweise „Ehrenfrau“ ist das Jugendwort des Jahres 2018. So werde jemand bezeichnet, der etwas Besonderes für einen tut, erklärte der Langenscheidt-Verlag in München.“

          Vor ein paar Jahrzehnten wäre das als sicherer Beleg für die Unterwanderung des Langenscheidt-Verlags durch Rechtsextreme gewertet worden.

          Den Titel „Ehrenmann“ hätte wohl niemand so sehr verdient wie der Ehrenwerte (Reverend) Farrakhan, Nestor des Women´s March, dem die Friedrich-Ebert-Stiftung ja keine Ehrerbietung machen will….

  • Mal wieder sehr guter Text, Lob von südlich des Weißwurstäquators.

    Und da bin ich schon beim Thema: Habeck hat ja auch im bayerischen Wahlkampf messerscharf ein Demokratiedefizit festgestellt, welches nur – na wer schon – beheben kann.

    Ehrlich gesagt, da war ich dann schon baff. Man muss sicherlich kein CSU-Fan sein, um festzustellen, dass auch in Bayern jede(r) das Kreuz bei der gewünschten Partei machen kann. Es gibt auch hier gaaanz viele Parteien. Nein, in Bayern gibt es keine CSU-Aufpasser im Wahllokal.

    Dieser Einblick in die geistige Struktur der Grünen Führungskräfte war schon erhellend – und erschütternd. Nach Thüringen war klar, Habeck denkt wirklich so.

    Mittlerweile sehe ich darin nur noch bodenlose Dummheit. Dagegen ist das Führungspersonal der CSU ja nachgeradezu ein Paradebeispiel an Reflektionsfähigkeit und Selbstkritik.

    Selbst die Vertreter der katholischen Kirche in Bayern sind da im Durchschitt weiter als Habeck.

    Für mich machen die Grünen immer mehr eine Transformation zu einer Art Ersatzreligion durch. Es muß stark geglaubt, die Glaubenssätze aber dürfen nicht hinterfragt werden.

    • „Für mich machen die Grünen immer mehr eine Transformation zu einer Art Ersatzreligion durch“ – genau, so ist’s. Ganz in der Tradition der abendländischen Religionskultur. Die Grünen agieren wie es die katholische Kirche vor 300 Jahren tat.

  • Herzlichen Dank! Mal wieder genau auf den Punkt gebracht. Ich erlaube mir trotzdem noch den Versuch einer Ergänzung: Die links weit verbreitete Ansicht „alles Nazis außer uns“ führt auch zu einer gewissen Denkfaulheit. Da man selbst ja die per Definition „guten“ Positionen vertritt, braucht man sich weiter nicht bemühen, die eigene Meinung auch mit soliden Fakten und Argumenten zu unterlegen.
    Und es fehlt dann auch an Selbstreflexion und dem kritischen Hinterfragen der eigenen Positionen und Aktionen. Da ist es dann okay, die Kinder einer Bloggerin zu bedrohen oder das Leben und die Karriere von Männern mit unbewiesenen Anschuldigungen zu zerstören.

  • Die Überzogenheit der Reaktionen auf Dinge, die für sich allein stehend schlimmstenfalls Petitessen darstellen, was dann eben die Reaktionen nur den Einzelfall betrachtend schon fast manisch erscheinen lassen, gehen für mich selbstverständlich auf den Gesamtkontext und das allgemeine Klima in der Gesellschaft – oder besser der Gesellschaft, wie sie medial gezeichnet wird – zurück.

    Ein Beispiel aus meinem „Kernsujet“: Der Autor und Creative Director des 2013 erschienenen Videospiels „The Last Of Us“ bestätigte im Hinblick auf die dieses Jahr erscheinende Fortsetzung, dass die Protagonistin Ellie lesbisch sei. Dies wurde bereits in einer Storyerweiterung des ersten Teils mit dem Titel „Left Behind“ durch einen Kuss vorsichtig angedeutet, war dort aber schon aufgrund Ellies damals noch recht jungen Alters von 14 Jahren nicht zwingend aussagekräftig. Dieses Statement und eine entsprechende Szene in einem Trailer triggerte sofort wieder teils empörte Reaktionen, in denen man Druckman bzw. dem Entwicklerstudio „Naughty Dog“ vorwarf, sich nur wieder der LGBT-Community anbiedern zu wollen. Ich bin mir recht sicher, dass innerhalb eines Klimas wie vor noch zehn bis fünfzehn Jahren diese Sache kein Schwein besonders tangiert und schon gar nicht provoziert hätte. Denn an sich ist der Anlass banal und ich bin mir auf Basis der erzählerischen Qualität des Vorgängers sowie der des ebenfalls von Neil Druckman geschriebenen „Uncharted 4“ sehr sicher, dass Ellies Sexualität weder permanent krampfhaft in den Mittelpunkt gerückt werden, noch dass man ununterbrochen identitätspolitische Apelle in die Geschichte quetschen wird.

    Warum aber reagieren einige Menschen inzwischen auf jede noch so belanglose Kleinigkeit derart gereizt? Nun, es ist leider so, dass nicht nur die unselige Annita Sarkeesian ein zeitweiliges Geschäftsmodell daraus machte, Videospiele als eine Ausgeburt der Erniedrigung von und des Hasses gegen Frauen darzustellen und auch nicht verlegen war, jede dadurch getriggerte Gegenreaktion als Beleg heranzuziehen, dass auch die Community durchweg „toxisch“ sei. Inzwischen kann kaum noch ein Spiel veröffentlicht werden, ohne dass sich irgendwelche Hansels lang und breit beklagen, dass man mal wieder keine schwarze, lesbische Rollstuhlfahrerin spielen kann. Und ja, es gibt einige Studios und Publisher, die vor diesem Schmarrn kuschen. Und die Ergebnisse sind selten gut, denn diese wirken dann oft wirklich verkrampft und erzwungen. Und so kann dann natürlich der Transsexuelle Kamerad im Schützengraben keine zwei Sätze von sich geben, ohne auf den Umstand seiner Transsexualität hinzuweisen. Frei nach dem Motto: wenn wir schon so woke sind, einen transsexuellen Charakter einzubauen, dann muss es auch wirklich der Begriffsstutzigste nach spätestens fünf Minuten mitbekommen haben und auch unentwegt daran erinnert werden, egal ob es passt oder nicht oder überhaupt in der Gesamthandlung auch nur die geringste Relevanz hat.

    Und das führt zu einer Grundgenervtheit bei vielen Leuten, die sich dann in überzogenen Reaktionen und einer völligen Überempfindlichkeit in diesen Richtungen äußert.

    Ich denke auch die hier erwähnte Frau Diekmann wurde Opfer dieses Impulses. Dass über die Hohlphrase „Nazis raus“ überbordendes Virtue Signalling betrieben wird (wie wohl auch von ihr in betreffendem Tweet) und unter Nazi regelmäßig alle Menschen zusammengefasst werden, die nicht umfassend derselben Meinung sind, wie derjenige, der diese Phrase von sich gibt, nervt einfach nur noch sehr viele Menschen; und das vollkommen zurecht, weil damit ja auch eine Abwehr der Auseinandersetzung mit missliebigen Argumenten betrieben wird. „Mist, ich habe leider keine Argumente für meinen Standpunkt und kann deinen entsprechend nicht begegnen, aber zum Glück bist du eh nur ein Nazi.“

    Dass dann wiederum in der medialen Berichterstattung die Sache so verdreht wird, als würden sich Heerscharen von Menschen darüber echauffieren, dass sich Nicole Diekmann gegen Nazis ausgesprochen hat, ist da eben nur die Fortführung eben genau der manipulativen, moralisierenden Masche, die seit Jahren zu genau diesem aufgeheizten Klima der überempfindlichen Grabenkämpfe geführt hat. Da möchte man unseren Medienschaffenden doch ganz generös nur allzu gerne einen Slow Clap zukommen lassen. Gut gemacht, Leute! Wirklich gut gemacht!

    Dasselbe gilt im Übrigen auch für den Gamingbereich. Auch dort hat sich die Fachpresse unisono auf die Seite von Radikalfeministinnen und Was-Auch-Immer-Aktivisten geschlagen. In der amerikanischen Fachpresse wurde gar, in Anlehnung an Atheist+, das Konzept von Gamer+ entworfen. Ein Gamer+ war in diesem Sinne, genau wie ein Atheist+, jemand, der zusätzlich zum Gaming als Hobby auch uneingeschränkt hinter feministischen „Werten“ steht. In diesem Zuge tat man in der Fachpresse nichts geringeres, als einen nicht unerheblichen Teil der eigenen Leserschaft als Rückständige Idioten abzustempeln und wunderte sich dann, dass GamerGate massiven Zulauf bekam und der Tenor dort immer rauer wurde. Und statt sich mal zu hinterfragen, sah man sich lieber selbst als Opfer, dessen Thesen durch die selbst gesäte Zwietracht bestätigt würden. Für mich klar erkennbare Parallelen zu den von dir @Lucas thematisierten Vorfällen.

    • „ist da eben nur die Fortführung eben genau der manipulativen, moralisierenden Masche, die seit Jahren zu genau diesem aufgeheizten Klima der überempfindlichen Grabenkämpfe geführt hat.“

      Das Rad dreht sich immer schneller.

      Sehr eindringliche Beschreibung.

  • Danke für diesen interessanten Beitrag. Bin gespannt auf den zweiten Teil.

    Zur Ironie von solchen Tweets („Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt“ = Nazi):
    In Zeiten, wo absurde Schlagworte wie „Männer sind Müll“ und dergleichen ernstgemeint verbreitet werden und populär sind, kann man sich gar nicht mehr sicher sein, dass in besagtem Tweet Ironie drinsteckt. Dazu müsste man sich ja gewiss sein können, dass die Nazi-Aussage wirklich weit weg von der Überzeugung des Tweeters ist. Solche Gewissheiten erodieren aber immer mehr.

    • Es hätte ja ein “ 😉 “ am Ende des Tweets gereicht.

      Ich bekomme seit einiger Zeit immer öfter den Eindruck, dass das zur Strategie wurde: Zunächst mal eine starke Aussage in den Raum stellen. Wird diese dann kritisiert, zieht man sich flugs auf ‚War ja Ironie/Satire! Dummkopf!‘ zurück. Auf die Weise verkneift es sich der Kritiker dann irgendwann, starke Aussagen zu kritisieren. Und *die* bleiben dann stehen, ganz unironisch.

      (Schoppe als Deutschlehrer wird sicher besser wissen als ich, wie man Ironie in einem Text erkennt. Mit zunehmendem Auftreten von Poe’s Law bin ich mir nicht mehr sicher, es zu können.)

      • Ich persönlich fand den Tweet selbst schon erkennbar nicht ganz Ernst gemeint. Wobei sich der Ärger darüber ja glaub ich nicht nur wegen der Aussage an sich entwickelte, sondern weil viele diesen ironischen Umgang mit der Frage, was denn nach ihrer Meinung ein Nazi sei, als völlig deplatziert empfanden. Und letztlich hatten diese Leute Recht damit. Wer sagt, Gruppe XY raus, der muss auch erklären können, was denn jemanden dazu qualifiziert, zur Gruppe XY dazuzugehören. Und, das ist unter anderem auch hier schon oft Thema gewesen, der Begriff Nazi wird erfahrungsgemäß beileibe nicht nur für Menschen genommen, die alles Nichtdeutsche mindestens raus aus Deutschland haben wollen, sondern gerne auch für Menschen, die es aus rein volkswirtschaftlicher Sicht nicht für die beste Idee halten, nahezu unkontrolliert Menschen einreisen zu lassen, die absehbar mindestens mittelfristig nur „gesellschaftliche Kostenfaktoren“ bleiben werden. Und das vor dem Hintergrund, dass z. B. bei den Grünen nicht mehr viel fehlt, dass die auch Länder wie Frankreich und Holland als unsichere Herkunftsländer betrachtet sehen wollen.

        Nur die wenigsten Menschen haben wirklich ein Problem damit, dass wir Menschen, die hier aus unterschiedlichsten Gründen Asyl oder auch nur ihr Glück suchen wollen, aufgenommen werden. Ich glaube, was viele umtreibt ist eher das Gefühl, dass unser Land von inkompetenten Moralaposteln regiert wird, die, trunken von der eigenen Güte, unserer Volkswirtschaft und unserer Gesellschaft weit mehr zumuten, als diese tragen können. Und von den Konsequenzen, die so etwas haben kann, haben weder die schon immer hier Lebenden etwas, noch jene, die hierher kommen.

        Vor diesem Hintergrund ist die Ironie eben verfehlt, weil es gerade Leute aus dem Dunstkreis einer Frau Diekmann sind, die beständig die Grenzen dessen, was einen Nazi ausmacht, sehr weit ausdehnen. Man darf nicht vergessen, dass selbst eine Sarah Wagenknecht unlängst wegen Bedenken, wie ich sie gerade eben dargelegt habe, auch schon zu einer Art „linkem Nazi“ erklärt worden ist. Dass ihre Bedenken ganz pragmatisch sind und darauf beruhen könnten, dass sie als Doktorin der Volkswirtschaften vielleicht ein Bissel mehr Durchblick bei so etwas hat, das kommt natürlich mal gar nicht in die Tüte…

    • „… nicht mehr sicher sein, dass in besagtem Tweet Ironie drinsteckt.“

      Kinder und Betrunkene lügen nicht, wie man so schön sagt. Für das Lügen muß man die eigene Meinung, also die „subjektive Wahrheit“, bevor man sie ausplappert, abfangen und filtern oder transformieren. Das ist anstrengend und erfordert Konzentration.

      Die haben ÖR-Journalisten offenbar ebenfalls nicht, wenn sie mal eben Tweets raushauen. Es war vielleicht weniger Ironie und mehr ins Unreine gedacht.

      Daß die ÖR-Journalisten den Grünen die absolute moralische Lufthoheit zubilligen (im Vergleich zu den anderen Parteien) und für die neuen Heilsbringer halten, ist seit langem unübersehbar und in den Kreisen herrschendes Narrativ. Und zufällig paßt diese Aussage genau zu diesem Narrativ.

      • @mitm

        Verwunderlich ist eigentlich, dass die anderen linken Parteien – also SPD und die Linken – nicht so richtig begriffen haben, sie sind damit automatisch auch Nazis.
        Aus ihrer Sichtweise sind 8,9% für die Grünen bei der Bundestagswahl 2017 der Beweis dafür, dass 91,1% der Bevölkerung falsch (Nazi) gewählt haben.

        Das ist aber nicht ironisch und nur als Witz ein Witz.
        Es ist die Perspektive des Geisterfahrers, dem hunderte von Geisterfahrern entgegen kommen.
        DASS sie mir entgegen kommen BEWEIST doch nur, es handelt sich bei DENEN um Geisterfahrer.

        Diese Verkennung von Realität schrappt haarscharf an Geisteskrankheit vorbei – selbst dabei bin ich mir nicht so sicher.
        Was mich beunruhigt ist, sie arbeitet mit dieser Mentalität im ÖR.

        • Intersektionalismus aller alternativen Themen, das ist die neue sekulare Halbreligion mit ihren Ersatzpredigern in den Medien – lol

  • Bei der „Nazis raus-Twitterolympiade“ frage ich mich: Muss man das ernst nehmen? Kaum, denn dann stellen sich unmittelbar ein paar Fragen wie;

    – wer ist ein Nazi und wer stellt das fest? Die Grünen?
    – welche Massnahmen müssen denn gegen diese „Nazis“ zusätzlich ergriffen werden, die nicht schon im Strafgesetz vorgesehen sind?
    – wo sollen sie denn hin, wenn sie deutsche Staatsbürger sind?

    Offensichtlich ist es nur ein weiteres Kapitel aus der unendlichen und ermüdenden Geschichte „Kampf gegen rechts“, was auch immer rechts bedeuten mag. Virtue signalling.
    Ich habe eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, was ein Nazi ist und was nicht und die unterscheidet sich ganz erheblich von dem, was die Grünen so alles in ihrer Hysterie als Nazi bezeichnen.
    Die politischen Parteien sind total auf den Hund gekommen und sind mittlerweile kontraproduktiv für eine demokratische politische Willensbildung. Unterstützt werden sie dabei von den Massenmedien, angegriffen werden sie von unabhängigen Bloggern und in den sozialen Medien. Ich erwarte in den nächsten paar Jahren Gesetzesänderungen, die den Meinungsaustausch im Internet beschränken, um die Kontrolle über die (ver)öffentlich(t)e Meinung wieder zu erlangen. Das wird noch spannend werden.

  • Im Beitrag und im Thread wurde darüber diskutiert, ob Nicole Diekmanns Antwort auf die Frage „Wer ist für Sie ein Nazi?“: „Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt“ als ironisch zu erkennen ist und was die Ironie hier bedeuten könnte. Mir scheint das etwas damit zu tun zu haben, dass Diekmann die besagte Frage, wie sie erklärt hat, als „Fangfrage“ interpretiert hat. Fangfrage — ist das nicht ein eigenartiges Wort, das die deutsche Sprache hier hervorgebracht hat? Der Duden definiert sie als
    „geschickte Frage, mit der man erreichen will, dass der Befragte sich verrät, etwas ungewollt preisgibt“

    Diese Definition hängt mit der Kategorie der Ironie zusammen. Wenn Ironie (oder die Fangfrage) funktionieren soll, setzt das voraus, dass der Autor antizipieren kann, was sein Zuhörer/Leser denken wird. Sonst würde die Aussage unverständlich sein oder fehlerhaft oder dumm wirken.

    Nun hat Diekmann auf die vermeintliche Fangfrage ironisch antworten wollen. Damit hat sie die Frage überhaupt erst zu einer Fangfrage gemacht: Sie hat preisgegeben, was sie über den Fragesteller denkt. Diekmann denkt, der Fragesteller denke, sie halte diejenigen, die nicht die Grünen wählen für Nazis. Nun will sie zeigen, dass sie die Fangfrage erkannt hat und serviert ihm die Antwort auf dem silbernen Tablett, vielleicht mit der Absicht, seine Frage als Fangfrage zu entlarven und ihn bloßzustellen. Der Fragesteller hat jedoch wahrscheinlich keineswegs so gedacht, seine Frage war sachlich gemeint, er und viele andere halten ihre Unterstellung für bizarr und verrückt. Sie hat so lediglich verraten, wie schlecht sie über andere Leute denkt. Wäre es nicht viel unverfänglicher gewesen zu antworten: „Mit ‚Nazi‘ meine ich Leute, die menschenverachtende Ideologien vertreten und gegen Minderheiten hetzen.“ Ist es nicht eigentlich ganz interessant zu sehen, dass Kommunikation aufgrund falscher Annahmen und Vorurteile über die Mitmenschen nicht mehr funktioniert?

    Es ist immer so umständlich, Kleinigkeiten der Kommunikation zu erklären. Ich habe gestern und heute jedenfalls lange darüber nachgedacht.

    • Ich denke Diekmann wich deshalb aus, weil sie gar keinen genauen Begriff von „Nazi“ hat. Irgendwie sind es alle, die sie als unangegnehm empfindet, und deshalb reagiert sie so.

  • Das ist doch reichlich naiv. Hier läuft ganz primitiv ein banales »Stamm gegen Stamm« ab. Es ist nicht unmoralisch seinen eigenen Stamm vor dem Gang ins Nichts schützen zu wollen und andere Stämme auszugrenzen, oder – wie Sie es formulieren – rauswerfen zu wollen. Ich halte das für für normal.

    Aber nun, Sie sind ja »links«. Dazu gehört wohl auch eine selbstmörderische Persönlichkeitsstruktur.

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