geschlechtergerechte Sprache Gleichberechtigung Identitätspolitik

Gesslers neue Hüte und Hannovers neue Regeln

geschrieben von: Lucas Schoppe

Wie genderpolitische Sprachregeln Klischees zementieren, anstatt sie zu verändern

Der Streit um die „geschlechtergerechte Sprache“, der gerade besonders intensiv in Hannover geführt wird, ist weniger eine Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern als eine zwischen verschiedenen Milieus. Alle Seiten greifen dabei stimmig auf reale soziale Erfahrungen zurück – wenn auch nicht immer ganz klar ist, auf welche.

 

Sprache ist funktional: Von Mordenden und Gnossinundgnossen

Im Laufe des Jahres müssten

Mitarbeiter, die sich bewusst und beharrlich den neuen Regeln versperren, (…) mit Konsequenzen rechnen.“

Das erklärt die Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Hannover, Friederike Kämpfe, zu den genderpolitischen sprachlichen Vorgaben für die Stadtverwaltung. Dass entweder Frau Kämpfe selbst oder Hannovers Neue Presse, die Frau Kämpfe wiedergibt, ganz beharrlich von „Mitarbeitern“ statt „Mitarbeiter*innen“ oder „Mitarbeitenden“ schreibt, zeigt schon, wie schwierig es ist, diese neuen Regeln auch tatsächlich einzuhalten. (via Genderama)

Die unverhohlene Drohung zeigt immerhin, dass sich die sprachlichen Regeln offenbar nicht einfach durch Überzeugungsarbeit per Broschüre durchsetzen lassen. Das wiederum gibt mir einen Anlass, etwas zu tun, was ich nach der vielfältigen Diskussion im Kommentarstrang zum Artikel Geschlecht und Sprache und Hannover schon länger vorhatte – nämlich anhand einiger Kommentare noch einmal auf das Thema zurückzukommen.

Billy Coen hatte dort noch ein besseres Beispiel als den Begriff der „Mitarbeitenden“, an dem aber immerhin auch schon deutlich wird, dass er den Begriff „Mitarbeiter“ nicht reibungslos ersetzen kann. Sprache funktioniert offenbar subtiler und differenzierter, als das Sprachgestaltern klar ist. Gendergerecht müsse es, so Billy Coen,

in der Mehrzahl statt ‚die Mörder‘ ‚die Mordenden‘ heißen. Dann steht in Zeitungen künftig „Heute begann der Strafprozess gegen die mutmaßlichen, gemeinschaftlichen Mordenden…‘ und jeder Leser denkt sich bei diesen Worten: ‚Eiderdaus, was muss denn da im Gerichtssaal gerade abgehen und warum hält die keiner auf?‘.“

Stefan Fleischhauer wiederum wies auf den Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hin, der in Deutschland einer der engagiertesten Vertreter einer genderpolitisch korrekten Sprache ist:

Niemand dieser Geläuterten spricht privat Gendersprache. Deshalb sind sie auch so schlecht im Training. Kann man auch bei Stefanowitsch beobachten.“

Dass die sprachlichen Regeln in Hannovers Verwaltung nicht einfach dankbar akzeptiert werden, muss also keineswegs an bewusstem und beharrlichen Widerstand liegen. Sprache erfüllt vielfältige, differenzierte Funktionen, und es ist durchaus möglich, dass diese Funktionen durch eine Konzentration auf aktuelle genderpolitische Vorgaben eingeschränkt werden: Dass Texte zu kompliziert und unverständlich werden – dass sie ungenau oder gar juristisch angreifbar werden – oder dass die Verwaltung sich von der gängigen Umgangssprache zu weit entfernt, um für Menschen noch zugänglich zu wirken.

Ein Mitarbeiter der Verwaltung in Hannover beim Versuch, den neuen Regeln zu folgen (Symbolbild)

Wie störend die genderpolitischen sprachlichen Vorgaben wirken können, ist mir selbst insbesondere an Politikerreden aufgefallen – und zwar gerade in den Reden von Menschen, die von diesen Vorgaben nach außen hin überzeugt waren. Doppelungen wie „Bürgerinnen und Bürger“, „Genossinnen und Genossen“, „Mitbürgerinnen und Mitbürger“ werden von den Redner*innen bzw. Redenden regelmäßig genuschelt und verschluckt: „Gnossinundgnossen“, „Birginnundbirger“, „Mitbirgiundmitbirger“. Diese Formulierungen sind lästige Signale, dass die genderpolitischen Vorgaben ernst genommen werden, aber sie tragen darüber hinaus  inhaltlich kaum eine Funktion.

Eine Funktion, wenn auch eine ungewollte, erfüllt allerdings das Verschlucken. Ausgerechnet dann, wenn Politiker die Menschen, die ihnen zuhören, direkt ansprechen, werden sie nuschelig und reden oberflächlich über die Wörter hinweg. Damit sagen sie dann, wenn auch ganz unbeabsichtigt, sehr wohl etwas über ihr Verhältnis zu den Menschen aus, über die sie regieren wollen: Sie signalisieren Desinteresse, und auch wenn dieses Signal wohl von kaum jemanden unter den Anwesenden bewusst analysiert wird, kommt es unterschwellig doch an.

Einfach formuliert: Wer vorn die Funktionalität von Sprache ignoriert, und sei es aus noch so guten moralischen Gründen – dem wird sie hinten wieder ins Gesäß beißen. Gerade weil Sprache aber funktional ist, spiegelt sie auch immer eine soziale Wirklichkeit wieder.

 

Sprache spiegelt Wirklichkeit: Working while woman

Natürlich ist die Spiegel-Metapher trügerisch – Sprache kann Strukturen der Wirklichkeit schon allein deshalb nicht unverzerrt widerspiegeln, weil sie von einer sehr wirksamen Eigenlogik geprägt ist.

Wir brauchen Sprache aber, um mit ihr unsere Kooperation zu organisieren: Wir treffen Verabredungen und Entscheidungen, formulieren Pläne, wir geben Erfahrungen weiter und profitieren von der Weitergabe der Erfahrungen anderer. Wir präsentieren uns unweigerlich auch selbst, zeigen, was wir von anderen erwarten und was sie von uns erwarten können oder zu welchen Gruppen wir gehören. Wir sprechen über die Wirklichkeit auf eine Weise, die auch dann funktional ist, wenn wir in ganz unterschiedlichen Kontexten sprechen.

Sprache spiegelt Wirklichkeit also etwa so wieder, wie ein Instrument oder Werkzeug die Wirklichkeit widerspiegelt, in der es eine Funktion erfüllen muss. Ein Hammer beispielsweise ist konstruiert für seine Funktion und kann nicht beliebig anders gestaltet werden. Selbst wenn wir finden, dass ein Hammerkopf aus Glas schöner aussehen würde oder einer aus Schaumgummi weniger gewaltsam wirkte, hätte es keinen Sinn, ihn entsprechend umzukonstruieren.

Wir würden auch nicht beliebig Teile hinzufügen, die mit seiner Funktion nichts zu tun haben. Kein Mensch käme etwa ernsthaft auf die Idee, einen Hammer immer auch mit einem Tonabnehmer für Langspielplatten oder mit einem Salz- und Pfefferstreuer zu versehen. Das würde möglicherweise nicht einmal nachhaltig stören, aber es wäre eben unnötig und damit unökonomisch.

Das lieblose Dahinnuscheln der „Gnossinundgnossen“ zeigt, dass die aktuellen genderpolitischen Vorgaben für die meisten sprachlichen Funktionen in ganz derselben Weise unnötig und unökonomisch sind.

Gleichwohl sind diese Vorgaben nicht absurd, und wenn Sprache soziale Wirklichkeit widerspiegelt, dann gilt das auch für diese Vorgaben. Für welche soziale Wirklichkeit aber erfüllen sie eine Funktion?

In den Jahren nach der Öffnung der DDR-Grenze fiel mir oft im Gespräch mit Studentinnen oder anderen Frauen aus dem Osten etwas auf, was mir als geübtem Wessi sehr seltsam vorkam: Sie sprachen über sich selbst völlig selbstverständlich als „Lehrer“, „Arbeiter“ oder „Student“. Die weiblichen Endungen spielten keine Rolle.

Natürlich weiß ich, dass das eine anekdotische Evidenz ist, die für sich nichts beweist. Immerhin wird damit aber deutlich, dass die westdeutsche Entwicklung wohl nicht alternativlos war. Die Funktionsbegriffe „Lehrer“, „Arbeiter“ und andere wurden zumindest von den Ost-Frauen, mit denen ich sprach, offenbar tatsächlich als Funktionsbegriffe verstanden, nicht als männliche Bezeichnungen.

Aus dieser Perspektive ist dann sogar eher die westdeutsche Entwicklung seltsam: Eine Doppelung wie „Arzt/Ärztin“ bezeichnet erst eine Funktion – und dann erwähnt sie die Funktion noch einmal, aber nun mit dem besonderen Hinweis, dass diese Funktion von einer Frau ausgeübt wird.

Wer bei Pixabay die Begriffe „Frau“ und „Arbeit“ eingibt, erhält einige recht klischeehafte Bilder. Als wäre Arbeit etwas, was grundsätzlich in aller Ruhe vom sicheren Zuhause aus erledigt werden kann.

So wird denn auch deutlich, warum es viele Männer recht kalt lässt, wenn einige Frauen bemängeln, in Begriffen wie „Arzt“, „Lehrer“, „Professor“, „Politiker“ – seltener: „Müllmann“, „Straßenbauarbeiter“, „Kanalarbeiter“ – wären Frauen immer nur mitgemeint. Für Männer ist es selbstverständlich, dass auch sie jeweils nur mitgemeint sind, und das nicht einmal immer, sondern nur gerade dann, wenn sie tatsächlich die Funktion erfüllen, um die es gerade geht.

Deswegen haben Männer wohl auch in aller Regel kein Problem damit, wenn sie mit weiblichen Funktionsbezeichnungen benannt werden. Der Begriff „Lehrkräfte“ hat sich sogar längst als geeignetes Mittel etabliert, die lästige Doppelung „Lehrerinnen und Lehrer“ zu vermeiden – und es fällt Männern nicht einmal auf, dass der Begriff grammatikalisch weiblich ist. Dasselbe gilt für Begriffe wie „Führungskraft“, „Koryphäe“, „Person“, „Hoheit“, „Majestät“ oder ähnliches: Wird ein Mann mit „Exzellenz“ angesprochen, fühlt er sich vermutlich veräppelt, er würde aber mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Vortrag darüber beginnen, dass er in der weiblichen Form lediglich mitgemeint und eigentlich exkludiert würde.

Das heißt: Was wir als „geschlechtergerechte Sprache“ kennen, ist tatsächlich grundsätzlich durch das Bemühen geprägt, erstens eine Funktion zu bezeichnen und zweitens dieselbe Funktion dann noch einmal zu bezeichnen, aber gesondert darauf aufmerksam zu machen, dass sie von einer Frau erfüllt wird. Das aber gibt die heutige bürgerliche Geschlechterordnung tatsächlich sehr exakt wieder.

Einerseits müssen wir uns, ob wir das wollen oder nicht, der Logik moderner Gesellschaften und ihrer funktionalen Differenzierung anpassen. Für Männer sämtlicher Schichten, mit Ausnahme des Adels, war das schon lange selbstverständlich: Da Männlichkeit eben ohnehin wesentlich bedeutete, sich in eine berufliche Funktion einzufinden, wäre es bis heute völlig sinnlos, erst eine Funktion zu bezeichnen und dann eigens darauf aufmerksam zu machen, dass diese Funktion von einem Mann erfüllt wird.

Bei Frauen, und zwar bei bürgerlichen Frauen, war das anders: Für die spezifisch weibliche Funktion der Mutter und Ehefrau war es gerade bezeichnend, dass eben keine berufliche Funktion erfüllt werden musste. Das hat sich nicht völlig gewandelt. Zwar üben heute auch viele bürgerliche Frauen einen Beruf aus, aber die Teilzeitquote ist bei Frauen noch immer um ein Vielfaches höher als bei Männern, und bei Frauen mit minderjährigen Kindern ist sie sogar etwa elf Mal so hoch. 

Das heißt: Für Frauen ist es auch heute sehr viel selbstverständlicher als für Männer, neben der beruflichen Funktion noch einen anderen Lebensschwerpunkt haben zu können, der wesentlich durch ihre Geschlechtszugehörigkeit bestimmt wird.

Das ist überraschend in der Dynamik einer marktwirtschaftlichen Logik, die eigentlich auf eine möglichst umfassende Verfügbarkeit des Arbeitskräftepotenzials ausgerichtet ist. Es kostet also Anstrengung, dieses Modell einer geschlechtsspezifischen Befreiung vom Arbeitsmarkt aufrechtzuerhalten.

Diese Anstrengung wird beispielsweise sichtbar an der Verbissenheit, mit der ausgerechnet solche politische Gruppen an der rechtlichen Ungleichheit von Vätern und Müttern festhalten, denen es vordergründig um Gleichberechtigung geht. Sie wird auch sichtbar an der schäumenden Wut, mit der über Väter geschrieben wird, die angeblich mutwillig ihren Kindern Unterhalt entziehen – die also ihre Funktion in der Erwerbsarbeit für Frau und Kinder nicht ausreichend wahrzunehmen scheinen. Die Frage, ob diese Väter ihre Kinder eigentlich noch sehen können, stellt sich dann nicht einmal: So wenig lässt dieses Männerklischee eine familiale Identität neben der beruflichen Funktion zu.

Kein Bild ist klischeehaft genug, als dass es nicht einer aufrechten Partei als Plakatmotiv dienen könnte. (Quelle)

So sehr sich die vorgeblich „geschlechtergerechte Sprache“ also progressiv gibt, so spiegelt sie doch eigentlich eine überkommene bürgerliche Geschlechterordnung wider, die neben der Logik einer funktionalen Differenzierung in der Erwerbsarbeit immer auch noch eine spezifisch weibliche Position der Suspendierung vom Zwang zur Erwerbsarbeit aufrechterhält. Es reicht deshalb nicht, bloß die Funktion einer Tätigkeit zu benennen, das ist Männern vorbehalten – nötig ist zudem auch ein Signal, dass diese Funktion erfüllt wird und dass die Person, die das tut, darüber hinaus weiblich ist. Working while woman.

 

Sprache signalisiert Zugehörigkeit: Gesslers neue Hüte

Die Anstrengung, mit der diese Sprache gar unter Androhung von  Strafen durchgesetzt wird, zeigt wiederum, dass ein großer Teil der Menschen mit dieser Geschlechterordnung nicht mehr viel anfangen kann: Die genderpolitisch korrekte Sprache erfüllt für sie schlicht keine Funktion.

Wie sehr diese Sprache von der internen Logik eines spezifischen Milieus geprägt ist, zeigt gerade die Stadt Hannover. In den Regeln dort geht es wesentlich darum, intersexuelle Menschen – also Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau ansehen – sprachlich nicht auszuschließen. Dieses Problem aber entsteht aber ja überhaupt erst dadurch, dass sprachliche Doppelformen mit der Betonung einer Geschlechtszugehörigkeit eingeführt wurden.

Reine Funktionsbezeichnungen haben nichts mit Geschlechtern zu tun – sie inkludieren oder exkludieren Geschlechter nicht, sondern kümmern sich schlicht nicht um Geschlechtszugehörigkeiten. Erst durch deren ausdrückliche Markierung in der genderpolitisch korrekten Sprache sind die Intersexuellen dann tatsächlich exkludiert: Nun gibt es  in den Funktionsbezeichnungen Frauen und Männer, aber es gibt nichts Drittes.

In Hannover soll die „geschlechtergerechte Sprache“ also Probleme lösen, die ohne sie gar nicht erst entstanden wären.

Dadurch sind diese Probleme keineswegs Scheinprobleme – sie sind real, aber sie sind eben reale Probleme eines spezifischen Milieus, mit denen Menschen anderer Milieus nicht viel anfangen können. Die genderpolitisch korrekte Sprache wäre also völlig legitim, vielleicht auch eine interessante und lohnende sprachliche Entwicklung – wenn hier nicht die spezifischen Probleme eines bestimmten Milieus durch staatliche Macht zu Problemen aller erklärt würden.

Als Kommentator macht mitm das noch deutlicher als ich. Für ihn drücken die Symbole der genderpolitisch korrekten Sprache

die Zugehörigkeit zu einer Ideologie aus. Das ostentative Zeigen dieser Symbole drückt die Machtposition dieser Ideologie bzw. die Macht ihrer Vertreter aus. Andere zu zwingen, diese Symbole zu benutzen, ist ein Akt der Kolonisierung und Unterwerfung, so wie der Gruß des Gessler-Huts.“ 

Das Beispiel des Gesslerhuts ist stimmig. Für den, der diese sprachlichen Symbole benutzen muss, haben sie womöglich ebenso wenig eine Funktion wie ein Hut auf der Stange. Bei Schiller besteht die Demütigung eben darin, dass die Schweizer zum Gruß eines Hutes gezwungen werden, der tatsächlich von niemandem getragen wird: Der Zwang, etwas offen Sinnloses tun zu müssen, ist auch offen degradierend.

Der Kommentator djadamoros zeigt schon, warum die Grünen deutlich erfolgreicher damit sind als die SPD, wenn sie auf solche Symbole zurückgreifen.

Dass die Grünen diese Ideologie besser als die SPD als ihren Markenkern verkaufen, dürfte daran liegen, dass sie das (klein-)bürgerliche Trägermilieu dieser Ideologie authentischer repräsentieren als die Sozen, die historisch gewissermaßen ‚verkleinbürgerlichte Arbeiter‘ sind.“ 

Der Streit um die genderpolitisch korrekte Sprache ist also tatsächlich keiner zwischen Frauen und Männern, sondern einer um die Durchsetzung milieuspezifischer Geltungsansprüche. Was aus der Innenperspektive des dabei tonangebenden Milieus als moralisch geboten, fraglos stimmig und längst überfällig erscheint, muss aus anderer Perspektive als ein Ausdruck von Machtansprüchen dastehen.

So wie aber die genderpolitisch korrekte Sprache reale soziale Strukturen widerspiegelt, wenn auch anders, als ihre Protagonisten das glauben – so basiert eben auch die Einschätzung ihrer Gegner auf realen Erfahrungen.

Dass in einer demokratischen, zivilen Gesellschaft partikulare Interessen geäußert werden, ist legitim und sogar wichtig – weil sie sich mit und an anderen Interessen messen und vermitteln können. Die neuen Regeln der Stadt Hannover aber vermitteln, dass es überhaupt nur einen richtigen Weg geben könne und jede Abweichung davon falsch wäre.

Wenn Partikularinteressen so als Gemeininteressen verkauft und durchgesetzt, und wenn abweichende Interessen so als Kampf gegen ein Gemeinwohl diskreditiert werden – dann versündigen sich die Sprach-Aktivisten selbst an demokratischen und zivilgesellschaftlichen Werten.

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53 Comments

  • Schon vor 30 Jahren machten wir uns am 1. Mai lustig, wenn die „Gnossinungnossen“ mit abregnendem Tusch vom Pult der Maidemo ins Mikro gepustet wurden. Die Mitglieder der Gewerkschaft wurden trotz der neuen Pusch-Binnen-I-Regelung immer weniger. Ich war im Verband deutscher Schriftsteller (VS) erst Mitglied IG Druck und Papier, dann bei der IG Medien und schließlich bei ver.di. Erst war die DruPa und dann die IG Medien wegen Mitgliederschwund nicht mehr lebensfähig; so fusionierten sie mit anderen Gewerkschaften zu ver.di. Bei ver.di schwanden die Mitglieder weiter unter die Zweimillionen-Grenze. Schließlich trat ich aus der Gewerkschaft aus, nachdem die neue grüne Vorsitzende des VS, Eva Leipprand, meinte, den VS in „Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller“ umbenennen zu müssen; denn einem Verband der Schriftsteller, die das generische Maskulin für ein patriarchales und kein grammatikalisches Problem hielten, sprich, die ihre eigene Sprache nicht verstehen, wollte ich nicht angehören.

    Mein eigentliches Problem mit dem sprachlichen Gendergaga ist allerdings ein diverses oder exklusives. Ich habe Aspergereigenschaften, insbesondere hinsichtlich Mustern und Texten. Einen Text in Gendergaga geschrieben, kann ich nicht lesen. Es geht nicht, ich komme über zwei Sätze nicht hinaus. Das Textmuster wirkt auf mich derart schräg, dass ich physische und psychische Zustände bekomme. Gendergaga schließt mich also von der Teilhabe an Schriftstücken aus. Ich vermisse das nicht, denn in Gendergaga verfasste Texte sind für mich ideologischer Schwurbel, doch denke ich, dass viele Leute ähnliche Verständnisprobleme wie ich haben. Menschen mit Apergerstrukturen, Leseschwache, Legastheniker, Zweitsprachler und ganze normale Leute, die mit der dekadenten Verrücktheit gepamperter Mittelständler nichts am Hut haben.

    Gleichermaßen ergeht es mir, wenn ich Gendergaga wie „Studierende“ im Radio höre. So höre ich seit 10 Jahren nicht mehr die Sendung Campus & Karriere im DLF. Ich verstehe das gesagte nicht mehr, sobald die falsche Verlaufsform gesprochen wird. Denn mein Aspergerkopf bleibt daran hängen und achtet nicht mehr auf den Rest der Rede. Der Treppenwitz gerade der DLF bringt Nachrichten in einfacher Sprache! – Leider kann ich denen auch nicht folgen, weil sie mir zu schlicht sind.

    Insofern plädiere ich dafür, Sprache wieder „sichtbar“ zu machen, indem man sie hör- und lesbar belässt. Alles andere ist Arroganz der Macht, die den Arroganten hoffentlich bald vor die Füße fällt.

  • „Was aus der Innenperspektive des dabei tonangebenden Milieus als moralisch geboten, fraglos stimmig und längst überfällig erscheint, muss aus anderer Perspektive als ein Ausdruck von Machtansprüchen dastehen.“

    Ich habe grade A. Stefanowitschs kleinbes Buch (https://www.amazon.de/Eine-Frage-Moral-politisch-Duden-Streitschrift/dp/3411743581/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1551859859&sr=8-1&keywords=stefanowitsch) gelesen.

    Seine Argumentation ist eine moralische. Er konstruiert analog zur „Goldenen Regel“ in der Moral eine sprachliche Regel: „Stelle andere sprachlich stets so dar, wie du wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.“

    Er würde also entgegnen, dass man die geschlechtergerechte Sprache einfach übernehmen muss, weil die Frauen das so wollen, was ich in Frage stellen würde, denn woher weiß man, was „die Frauen“ wollen? Die Gleichstellungsbeauftragte einfach zur Sprecherin aller Frauen zu erklären, wäre jedenfalls gewagt.

    Stefanowitsch entgegnet hier übrigens, dass man sich hier an die Vertreter der entsprechenden Gruppen halten sollte, die (angeblich) für alle Betroffenen sprechen. Ich kenne allerdings keine entsprechenden legitimen Vertreter, es sind alles politische Aktivisten, die sich selber zum Vertreter ernannt haben. Warum sollte man tun, was die wollen?

    • @ El Mocho Die Goldene Regel passt gerade NICHT in typische links-identitäre Argumentationen und damit auch nicht in klassische Gender-Kontexte.

      Erstens nicht, weil dort „Privilegierten“ abgestritten wird, die eigene Position mit der von „Marginalisierten“ überhaupt vergleichen zu können. Was ein Privilegierter aufgrund seiner Privilegien unproblematisch fände (nach der Herkunft gefragt zu werden – beiläufig berührt zu werden – etc.), könne für einen Marginalisierten gerade ein großes Problem sein, weil sich darin Machtstrukturen ausdrücken würden. Unter denen der Privilegierte nun einmal nicht leide.

      Zweitens geht die Goldene Regel, als Regel für alle, von einer stillschweigenden Reziprozität aus, die von identitären Politiken rechter wie linker Herkunft ja gerade geleugnet wird. Frauen könnten nun einmal was von Männern verlangen, was Männer nicht von Frauen verlangen könnten – Stefanowitsch kann ja mal schauen, was passiert, wenn er es bei einer Feministin mit dem Satz „Listen and believe“ probiert. Die Goldene Regel ist mit der Vorstellung nicht vereinbar, dass die Perspektive von „Marginalisierten“ besondere Beachtung verdiene.

      Stefanowitsch wendet die Goldene Regel also wohl behelfsmäßig an, ohne sie tatsächlich konzeptionell einbinden zu können – das heißt: da, wo es halt gerade irgendwie passt. Ich vermute mal, er spielt darauf an, dass ein Mann sich ja auch nicht als „Lehrerin“ etc. bezeichnen lassen würde.

      Das aber wäre ein schlechtes Beispiel: „Lehrerin“ war nie eine allgemeine Funktionsbezeichnung, sondern immer schon eine Funktionsbezeichnung PLUS eindeutigem Hinweis auf eine weibliche Geschlechtszugehörigkeit.

      Gegen eine neutrale Funktionsbezeichnung aber haben Männer in aller Regel auch dann überhaupt nichts einzuwenden, wenn sie grammatikalisch weiblich ist. Daher hatte ich das Beispiel „Lehrkraft“ im Text. Hier würde die Goldene Regel also zu dem Schluss führen, dass die Probleme, die durch die genderpolitisch korrekte Sprache gelöst werden sollen, nicht recht nachvollziehbar sind.

      • Da hast du nen Punkt, Lucas. Eine goldene Regel KANN konzeptionell gar nicht im Sinne Identitärer sein. Das Weltbild Identitärer besteht ja fundamental aus vermeintlichen Ungleichgewichten meist recht willkürlich gebildeter Gruppen und der Vorstellung legitimer realer Ungleichgewichtung zum Zwecke der Kompensation. Dass dieses Denken faschistoide Züge hat, muss hier nicht weiter erwähnt werden.

        Die Empörung über Bernd Stelters Witzeleien über Doppelnamen in Bezugnahme auf Kramp-Karrenbauer stellt da ein gutes Beispiel dar. Hier wird von den in Medien weit überproportional vertretenen Identitären Gift und Galle gespuckt, dass es sich dabei mal wieder um typischen karnevalistischen Sexismus handele, obwohl der (recht maue) Witz nirgends einen erkennbaren Bezug zu Kramp-Karrenbauers Geschlecht erkennen ließ. Alleine der Fakt, dass ein Witz über einen Menschen weiblichen Geschlechts gemacht wird, unabhängig von seinem tatsächlichen Inhalt, reicht aus, um bereits Frauenfeindlichkeit zu attestieren. Wundert es da noch jemanden, dass man offene Kritik an Politikerinnen in unseren Medien mit der Lupe suchen kann? Wer, der mitten in diesem Piranhabecken schwimmt, will sich schon mit einer allzu kritischen Aussage über Merkel, Barley und Co. dem Risiko eines blutenden Schnittes aussetzen, welcher sie dann umgehend alle anlockt, die zähnefletschenden Raubfische, um „Misogynie“ geifernd über ihn herzufallen.

        Auf der anderen Seite muss man sich aber mal anhören, was etwa zur Weiberfassnacht so über Männer vom Stapel gelassen wird. Und nicht zu vergessen „Komikerinnen“ vom Schlage einer Kebekus, die aus der Rausposaunerei dumpfer Verächtlichmachungen von Männern geradezu ein Geschäftsmodell gemacht hat. Oder auch die regelmäßigen, grob sexistischen Aussagen führender Politikerinnen (Schwesig: „ Wäre ich ein Mann, würde ich jetzt sicher sagen, ich habe das alles ganz allein gemacht.“; Giffey: „Wir müssen den Männern an ihr empfindlichstes Körperteil: ihr Portemonnaie.“; Nahles: „Wäre es einfach, könnte es ja auch ein Mann machen.“; Barley zum Brexit: „Männer haben es verbockt, Frauen müssen es wieder aufräumen.“).

        Im Sinne einer goldenen Regel müsste es aber heißen, wenn schon ein Witz, wie der von Stelter, zu solchem Furor führt, müssten besagte Damen eigentlich alle durch die Bank schon längst in jeder Form beruflich wie sozial erledigt sein, berücksichtigt man die faktische „Schwere ihrer Vergehen“. Effektiv hat aber nichts davon überhaupt dazu geführt, dass wenigstens mal dem einen oder anderen Medienschaffenden mal eine Augenbraue nach oben gezuckt ist. Es wird als vollkommen normal betrachtet.

        Aber man muss sogar konstatieren, dass Identitäre nicht nur nichts auf eine objektiv vertretbare goldene Regel geben, sondern selbst philosophischen Ethikvorstellungen nicht mehr annähernd genügen. Es ist ja nicht nur so, dass in hypothetischer Form nicht mehr die Möglichkeit einer allgemeinen Gesetzwerdung der eigenen Maxime als Leitbild befolgt wird, es werden ja vielmehr sogar von einem selbst faktisch durchgedrückte Gesetze plötzlich wieder angegriffen, sobald sie irgendwo der eigenen Maxime zuwiderlaufen.

        Zum Beispiel die Damen vom Juristinnenbund, als sie mit wutschnaubendem, verbalem Brechdurchfall darauf reagierten, als ein zur Abwechslung tatsächlich mal geschlechtsneutral formuliertes Quotengesetz in Hamburg dazu führte, dass in der Staatsanwaltschaft Männer bevorzugt eingestellt werden sollten. Oder feministische Aktivistinnen in den USA, die inzwischen wieder Druck auf die Politik ausüben, dass Gesetze, die schon auf ihre Initiative hin geschrieben worden sind, so geändert werden müssten, dass sie faktisch nur noch für Frauen gelten können, nachdem in letzter Zeit vermehrt Männerrechtler auf Basis dieser Gesetze erfolgreich gegen Dinge wie Veranstaltungen, auf denen Männern der Zutritt untersagt worden war, geklagt haben.

        So etwas ist weder mit einer goldenen Regel noch mit ethischen Basisstandards im Sinne des kategorischen Imperativs in Einklang zu bringen. Das ist nichts weiter als der heuchlerische Versuch, eigene höchst subjektive Privilegierungsinteressen über den Umweg vermeintlicher Gruppeninteressen zu legitimieren und zu exekutieren. Und Typen vom Schlage eines Stefanowitsch machen zeitgeistig hirnsediert begeistert mit, weil man sich durch Gemeinmachung mit den Neofeudalherren so wunderbar als dem ganzen Pöbel überlegen inszenieren und spöttisch auf ihn herabblicken kann.

      • Wenn staatliche Organe die Sprachregelungen erzwingen, die nicht organisch aus dem Sprachgebrauch erwachsen, sondern erdacht wurden, um einer politischen Maxime zu genügen, dann überschreitet der Staat und seine Organe seine Kompetenzen, Die Sprache – in diesem Fall die deutsche – ist vorstaatlich und gehört nicht dem Staat. Gegen diesen Übergriff sollte vor dem BVG geklagt werden.

        • Also bei der „Gästin“ drehen sich mir die Zehennägel auf. Das ist wohl eine moderne Wortschöpfung, die von der Wortherkunft eher nicht begründbar ist, aber dazu finde ich nichts auf Belles Lettres. Allerdings steht im Duden oft auch Quatsch.

          Der Gast kann übrigens genauso eine Frau sein wie die Person ein Mann. Wenn man mit „Gast“ eine Frau meint, muß man das eben dazusagen, das ist dann ein weiblicher Gast.

          Ich hab „Gästin“ übrigens erst vor ein paar Monaten zum ersten Mal gehört.

        • Zusatz:
          „maskulinum nicht so ganz“

          Das ist falsch. Maskuline Personenbezeichnungen sind definitiv nicht männlich sondern geschlechtsneutral, im Gegensatz zu den meisten femininen.
          Das liegt daran, daß im Deutschen das Maskulinum immer noch das Standardgenus ist, was aus dem Urindogermanischen ererbt ist. Wenn Sie Belles Lettres gelesen hätten, dann wüßten Sie das.
          Das heißt: „Der Radfahrer“ enthält keine Information über das natürliche Geschlecht der so bezeichneten Person. Bei der Radfahrerin liegt diese Information im Suffix „in“ (und nicht im Genus). Daher kann es männliche und weibliche Radfahrer geben, aber keine männlichen Radfahrerinnen.

          • Selbstverständlich habe ich Belle Lettres gelesen. Aber im Gegensatz zu Ihnen habe ich auch andere Sprachwissenschaftler gelesen.

            Wie erklären Sie sich eigentlich den Genuswechsel bei Radfahrerin? Warum ist das auf einmal Femininum? Warum bleibt man nicht einfach beim Standardgenus?

          • Wie erklären Sie sich eigentlich den Genuswechsel bei Radfahrerin? Warum ist das auf einmal Femininum? Warum bleibt man nicht einfach beim Standardgenus?

            Ernsthaft?
            Das hat Robert doch oben erklärt:

            „Der Radfahrer“ enthält keine Information über das natürliche Geschlecht der so bezeichneten Person. Bei der Radfahrerin liegt diese Information im Suffix „in“ (und nicht im Genus).

            Die Endung -in zeigt an, dass es sich um eine Frau handelt. Und weil Frauen feminin sind, steht das Wort im Femininum.

          • „Und weil Frauen feminin sind, steht das Wort im Femininum.“

            Haha, weil Frauen feminin sind …

            Aber was hat das dann noch mit dem urindoeuropäischen Genus-System zu tun? Da geht es ja gerade NICHT darum, welches natürliche Geschlecht vorliegt.

          • Die Regeln einer Sprache muss man aus dem Sprachgebrauch ableiten, nicht aus der Sprachgeschichte.

            Das Maskulinum ist heute ambivalent. Es kann „geschlechtslos“ sein, aber auch dem männlichen natürlichen Geschlecht zugeordnet. Das zeigt z.B. die Wendung „ist es ein Er oder eine Sie“.

          • @Stephan:

            Die Regeln einer Sprache muss man aus dem Sprachgebrauch ableiten, nicht aus der Sprachgeschichte.

            Und Sprachgebrauch schwebt nicht im luftleeren Raum, sondern hat immer eine historische Komponente. Alleine deshalb, weil der Mensch das Sprechen erst erlernen muss. Er tut das im Normalfall durch Nachahmung dessen, was er bei den Erwachsenen hört. Diese wiederum konnten auch nicht schon immer sprechen, sondern haben es als Kinder wiederum von ihren Eltern gelernt. Die zeitliche Komponente ist m.E. nicht zu übersehen.

            Das Maskulinum ist heute ambivalent. Es kann „geschlechtslos“ sein, aber auch dem männlichen natürlichen Geschlecht zugeordnet. Das zeigt z.B. die Wendung „ist es ein Er oder eine Sie“.

            Dieses Beispiel funktioniert nur, weil es den alten Trick verwendet implizit einen starken Kontext herzustellen, der nur eine mögliche Interpretation erlaubt. Der Kontext besteht darin, dass allen Lesern des Satzes klar ist es handelt sich um Personen. Und da Personen auch ein biologisches Geschlecht haben sind wir wieder bei dem Missverständnis, dem auch die Genderideologen aufsitzen: Der Vermischung von grammatikalischem mit biologischen Geschlecht.

            Gegenprobe: Ohne den starken Kontext würde dein Satz nicht funktionieren. „Ist es ein er (Kübel) oder eine sie (Gabel)“ Das ergibt offenkundig keinen Sinn und niemand würde so etwas sagen.

            Haha, weil Frauen feminin sind …
            Aber was hat das dann noch mit dem urindoeuropäischen Genus-System zu tun? Da geht es ja gerade NICHT darum, welches natürliche Geschlecht vorliegt.

            Ja du hast recht, meine Antwort war zu ungenau. Hier eine ausführlichere Erklärung

            Tatsächlich sind die Bezeichnungen für weibliche Geschöpfe im Deutschen feminin, sowohl Ableitungen wie Diebin, Bundeskanzlerin, Cousine, Souffleuse und Garderobiere als auch Frauenbezeichnungen, die nicht abgeleitet aussehen, zum Beispiel die Mutter, die Tochter, die Schwester, die Tante, die Oma, die Nichte, die Amme, die Braut, die Hure, die Nonne, die Witwe.
            Wo Frauenbezeichnungen nicht feminin sind, handelt es sich um eine Trope, also um eine uneigentliche Verwendung eines Begriffs für eine Frau.
            So kann ein Mann seine Frau seinen Schatz (Maskulinum) nennen, sie kann ihn als ihre große Liebe (Femininum) bezeichnen.
            […]
            Neben solchen Metaphern gibt es noch eine andere Trope, die man Metonymie nennt. Hierbei vergleicht man etwas nicht mit etwas anderem, sondern mit sich selbst, und zwar mit einem Teil oder dem größeren Zusammenhang.
            Wenn wir in den Nachrichten hören, das Weiße Haus habe mal wieder einem Land den Krieg erklärt, dann ist damit natürlich nicht das Gebäude gemeint oder der Gärtner oder der First Dog, sondern der Präsident, der im Inneren des Weißen Hauses residiert.
            […]
            Im Mittelalter traten vornehme Frauen nicht allein auf, sondern mit weiblichem Gefolge. Weil es in denselben Räumen wie die Dame lebte, sprach man vom Frauenzimmer und meinte damit die Frau darin, auf die es einzig ankam.
            […]
            Alle Bezeichnungen für Frauen sind also feminin, wenn sie keine Metaphern oder Metonymien sind. Das macht die beiden Dreifaltigkeiten Mann, Frau, Ding und Maskulinum, Femininum, Neutrum für unseren gesunden Menschenverstand zu einem eitel Karfunkelstein.
            Wir dürfen es Mark Twain nicht verübeln, dass er daraus den Schluss zog, das Femininum sei erfunden worden, um die Frau in der Grammatik widerzuspiegeln, und das Maskulinum folglich für den Mann. Denn ein weiteres archaisches Schema unseres Verstandes erblickt immer und überall Motive.
            […]
            Zwar gibt es zwischen den beiden Instanzen [Verstand und Sprachzentrum] eine Schnittstelle, die es uns ermöglicht, unsere Gedanken in Worte zu fassen oder umgekehrt darüber nachzudenken, was uns andere erzählen, doch darüber hinaus bleibt unserem Verstand jeder Einblick ins Sprachzentrum verwehrt. Das gilt auch umgekehrt: [Das Sprachzentrum] hat keinen Schimmer, was eine Frau ist. Frau ist für [das Sprachzentrum] nicht mehr als eine Folge aus zwei Konsonanten und einem Zwievokal: /frau/. Dafür weiß [es], warum die Mehrzahl Frauen und nicht Fraue, Fraus oder Frauer lautet. Unser Verstand weiß es nicht.
            Das fällt dem Menschen schwer zu glauben. Weil die Sprache in seinem Kopf steckt, bildet er sich ein, sie zu durchblicken.

            D. Scholten, „Denksport Deutsch“, S. 41ff

            Was für ein unbeschreibliches Ding meinen wir mit eine Schönheit vom Lande?
            Wir meinen eine Frau. Damit sind wir beim letzten Rätsel angelangt: Was hat das schöne Geschlecht mit dem Femininum zu schaffen?
            Mann und Frau kommen im Alltag viel häufiger zur Sprache als Bäume. Um ein Wort für sie zu erschaffen, kann man eine Phantasiefolge aus Lauten komponieren, zum Beispiel Mama oder Papa, man kann ein Wort aus einem anderen ableiten, zum Beispiel lat. vir „Mann“ aus wichro.s „stark“ oder es wie Dame (aus dem französischen la dame und aus lat. domina „Herrin“) aus einer anderen Sprache entlehnen.
            Mit dieser Methode lassen sich aber nur Namen gewinnen, die den Mann als Männchen und die Frau als Weibchen bezeichnen. Meist wollen wir sie jedoch mit einer Eigenschaft (schön – Schöne), einer Tätigkeit (lesen – Leserin) oder einer Sache (Schule – Schülerin) verknüpfen.
            Für die Frau als Betschwester gibt es den originären Namen Nonne, für die Frau als Ehebrecherin Hure (eine Profession bezeichnet dieser Ausdruck erst seit der Neuzeit) und noch einige andere Bezeichnungen […]. Aber wie soll es weitergehen, wenn die Frau Fußball spielen, ein Land regieren oder zum Mars fliegen will? […] Soll man für jede Lage, in die sich eine Frau begibt, ein anderes Frauenwort zusammenreimen?
            Diese Strategie würde bald scheitern. […] Es bedarf eines Schemas, einer Schablone, und solche Schemata sind es, was wir als Grammatik bezeichnen.
            Unser Sprachzentrum versteht zwar nicht, was eine Frau sein soll, zum Glück gibt es jedoch ein Schema, mit dem wir Dinge benennen, die wir nicht verstehen: Es abstrahiert die hervorstechende Eigenschaft. Die Frau ist aus demselben Grund feminin, aus dem Ecken, Waagen, Leitern und die Namen von Bäumen feminin sind.
            Die Frau ist zwar im Sinne der Grammatik nicht femininer als die Ecke, sie wird dafür ständig erwähnt, weshalb uns die Verknüpfung zwischen Inhalt (Frau) und Form (Femininum) ins Auge springt und sich in unserem Verstand alles an ihr messen lassen muss. Aber nur dann, wenn wir wie Mark Twain mit unserem Verstand auf die Sache blicken. Das tun wir allerdings beim normalen Sprechen nicht.
            Die Methode, Frauen durch Abstraktion in Worte zu fassen, findet sich sogar im Anatolischen. Das Lykische ist bis vom 7. bis zum 4. Jhd vor Christus an der türkischen Ägäisküste bei Izmir belegt.
            […]
            Seit „die Schöne“ nicht mehr die Schönheit als Abstraktion zu schön bezeichnet, weil es im Rahmen des Schemas für Frauen gebraucht wird, haben wir in „die Schönheit“ einen Ersatz gefunden, der selbstverständlich auch feminin ist.
            […]
            Auch unser Suffix -in entspringt dieser List. Damit wurden im urgermanischen zunächst Abstraktionen gebildet, althochdeutsch fest.in (Feste, Festung) zu „fest“ oder wuost.in (Wüste) zu „wüst“. Ebenso henn.in zu „Hahn“ und fuhs.in zu „Fuchs“.
            Sogar im Englischen gab es einst eine vyx.en. Sie ist als einziges bis heute erhalten, weil man im Englischen gern Frauen mit fuchsrotem Haar und anderen verdächtigen Eigenschaften als „vixen“ bezeichnet. […]
            Das Frauensuffix -in ist dem Suffix entsprungen, das im Mittelalter aus der Magd eine maged.in (Mägd.chen) machte und im englischen zu „maiden“ führte. […]
            Im Deutschen blühte die Motion, wie man schematische Frauenableitungen (Leser – Leserin) fachlich nennt, und das Suffix -in schon im Mittelalter üppig. Eine Freundin ist nicht erst im im Althochdeutschen eine friuntin, sondern bereits bei den Goten: frijond.s (Freund) – frijond.i (Freund.in). Es handelete sich zunächst um eine kleine Menge an Personenbezeichnungen, bei denen man das Geschlecht erwähnenswert fand. Als man später häufiger Menschen nach ihrer Rolle bezeichnete, wurde dieses Schema blind und mechanisch fortgeführt: beckerinnen, weberinnen, wirtinnen, zouberinnen, arzatinnen, meisterinnen und sogar eine marnerin, eine Seefahrerin, gab es im Hochmittelalter.

            D. Scholten, „Denksport Deutsch“, S. 98ff

          • Ich kenne die Bücher von Scholten nicht, aber die zitierten Passagen helfen nicht so recht weiter. Insbesondere die ständigen Spekulationen über die Fähigkeiten des Sprachzentrums finde ich wirr.

            Wir können uns offenbar aber darauf einigen, dass Genus sehr wohl etwas mit natürlichem Geschlecht zu tun hat, jedenfalls was das Femininum betrifft. Nun müsste Scholten noch belegen, dass das beim Maskulinum ganz anders ist. Dass das Standardgenus immer noch unverändert ist seit Tausenden von Jahren.

          • @Stephan:

            Ich kenne die Bücher von Scholten nicht, aber die zitierten Passagen helfen nicht so recht weiter. Insbesondere die ständigen Spekulationen über die Fähigkeiten des Sprachzentrums finde ich wirr.

            Inwiefern ist das zitierte für dich unverständlich? Was meinst du mit „Spekulationen über die Fähigkeiten des Sprachzentrums“?

            Wir können uns offenbar aber darauf einigen, dass Genus sehr wohl etwas mit natürlichem Geschlecht zu tun hat, jedenfalls was das Femininum betrifft.

            Nein können wir nicht. Das ist ja gerade der Kern der Misere! Leider zwingt einen schon die Benennung der Genera zu diesem Missverständnis, es wäre in der Tat wesentlich leichter wir sprächen von „Genus 1“, „Genus 2“ und „Genus 3“. Oder irgendwelche anderen Namen, wenn einige Verwirrte die Nummerierung nicht betrachten können ohne sofort auf die irrige Idee zu verfallen Genus 1 wäre [wichtiger/höherwertiger/besser…] als die anderen beiden. Es sollten einfach Namen ohne Bezug zu natürlichem Geschlecht sein, wie beim Kasus. Z.b. Kamio (Genus 1, Standardgenus), Minio (Genus 2, „femininum“) und „Pohero“ (Genus 3, „neutrum“). Die Genera sind grammatikalische Kategorien, nichts weiter.

            Nun müsste Scholten noch belegen, dass das beim Maskulinum ganz anders ist. Dass das Standardgenus immer noch unverändert ist seit Tausenden von Jahren.

            Ich verstehe nicht was du damit meinst.

          • Ich finde Scholten leider auch nicht ganz unproblematisch … ich vermisse bei ihm Literaturangaben, die ich mir insbesondere bei seinen Thesen zum indoeuropäischen Genus-System dringend gewünscht hätte. Und einen Blogpost zu den Eskimo-Worten für Schnee, in dem er eine Stefanowitsch-Polemik attackiert hatte, hat er anscheinend irgendwann stillschweigend zurückgezogen. was er da sagt klingt für mich alles sehr plausibel, aber ich würde gerne auch seine wissenschaftlichen Quellen kennen, denn ohne diese sind seine Argumente nicht in Publikationen zitierfähig.

          • @pingong
            Das hier z.B. verstehe ich überhaupt nicht:
            „Aber wie soll es weitergehen, wenn die Frau Fußball spielen, ein Land regieren oder zum Mars fliegen will? […] Soll man für jede Lage, in die sich eine Frau begibt, ein anderes Frauenwort zusammenreimen?
            Diese Strategie würde bald scheitern. […] Es bedarf eines Schemas, einer Schablone, und solche Schemata sind es, was wir als Grammatik bezeichnen.
            Unser Sprachzentrum versteht zwar nicht, was eine Frau sein soll, zum Glück gibt es jedoch ein Schema, mit dem wir Dinge benennen, die wir nicht verstehen: Es abstrahiert die hervorstechende Eigenschaft. Die Frau ist aus demselben Grund feminin, aus dem Ecken, Waagen, Leitern und die Namen von Bäumen feminin sind.“

            Eas will er da eigentlich sagen? Warum muss es für Frauenbezeichnungen ein besonderes „Schema“ geben? Will er hier begründen, weshalb sich das Femininum für die Bezeichnung weiblicher Personen durchgesetzt hat? Und schon wieder diese Anmerkungen zum Sprachzentrum, dass angeblich bestimmte Dinge versteht und andere nicht.

            Allerdings könnten wir uns doch darauf verständigen, dass es bei Bezeichnungen für weibliche Personen bis auf ganz wenige Ausnahmen („das Weib“) einen starken Zusammenhang von grammatischem und natürlichem Geschlecht gibt.

            Wie lasst sich das erklären?

          • Was will er da eigentlich sagen? Warum muss es für Frauenbezeichnungen ein besonderes „Schema“ geben? Will er hier begründen, weshalb sich das Femininum für die Bezeichnung weiblicher Personen durchgesetzt hat?

            Weil das Genus eines Wortes eben keine Repräsentation des biologischen Geschlechts ist. Was machst du jetzt, wenn du hervorheben willst dass es sich bei einer Personenbezeichnung um eine Frau handelt, das Genus hierfür aber nicht zur Verfügung steht? Das funktioniert für die einigen wenigen Fälle für die es explizite „Frauenworte“ gibt (Nonne, Hure), die die Frau als Frau bezeichnen. Aber für die Millionen andere Fälle? Jedes mal eine eigenes „Frauenwort“ erfinden? Das ist offenbar nicht zielführend.

            Allerdings könnten wir uns doch darauf verständigen, dass es bei Bezeichnungen für weibliche Personen bis auf ganz wenige Ausnahmen („das Weib“) einen starken Zusammenhang von grammatischem und natürlichem Geschlecht gibt.

            Ja du hast recht. Meine Antwort vorher war wohl schon wieder etwas zu voreilig 😉 Mir scheint, der springende Punkt ist: wie sieht dieser Zusammenhang aus?

            Die Sache ist aber auch diffizil. Ich versuche es nochmal:
            Niemand bestreitet diesen offensichtlichen Zusammenhang, auch Scholten nicht. Was bestritten wird ist, dass Genus die Repräsentation von biologischem Geschlecht ist. Und der Umkehrschluss der sich daraus ergibt: dass Wörter für biologisch weibliche Personen das Genus Femininum haben müssen. Und dass biologisch weibliche Personen mit Wörtern aus der Kategorie Standardgenus nicht bezeichnet werden können (Wenn man es doch tut, dann nur weil man Frauen unsichtbar machen will…).

          • @djad:
            Zustimmung.
            Dass er den Leser in seinem Buch am Schluss mit dem Hinweis die linguistische Fachliteratur wäre ohne entsprechendes Fachwissen nicht zugänglich und er verzichte deshalb auf Quellenangaben abspeist, ist mir auch sauer aufgestoßen.

        • Gästin ist nichts anderes als eine genderideologische Wortschöpfung.
          Nur weil etwas tatsächlich im Duden steht, heißt es noch lange nicht, dass es das gibt bzw. dass es richtig ist.
          Es ist allerdings „korrekte Rechtschreibung“, wenn man Gästin schreibt.

          Der Genderstern ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die deutsche Sprache durch Feministinnen verhuntzt wird. – Und hat es bisher zum Glück noch nicht in den Duden geschafft.

    • Hält sich Stefanowitsch eigentlich selbst an seine „goldene Regel“? Und lässt dich seine Regel überhaupt befolgen?

      Er selbst verwendet ja nur die alte, dudenkonforme Doppelnennung mit „und“ (zB Lehrer und Lehrerinnen). Irgendwo am Anfang seines Buchs schreibt er auch, dass er seine Leser mit Genderschreibweise nicht „strapazieren“ will.

      Es gibt aber nun fraglos Gruppen, die gerne durch Verwendung von Gendersternchen dargestellt werden wollen. Andere wollen vielleicht lieber das Binnen-I, den Unterstrich oder ein angehängtes x. Tatsächlich ist es also unmöglich, den Wünschen aller zu entsprechen, man muss sich entscheiden.

      Stefanowitsch verwendet einfach seine Doppelnennung, zwängt also alle in ein binäres Geschlechterschema, und meint offenbar, damit seine goldene Regel zu befolgen.

      Eigentlich müsste Stefanowitsch die Unerfüllbarkeit seiner Regel erkennen. Ich weiß gar nicht, ob er das überhaupt thematisiert. Ist schon länger her, dass ich in das Buch reingeschaut habe. Schreibt er etwas dazu?

  • Der Irrtum all dieser Befürworter einer „geschlechtergerechten“ Sprache liegt darin, daß das Genus das natürliche Geschlecht eben nicht repräsentiert. Sonst gäbe es nicht so viele Gegenstände mit maskulinem oder femininem Genus. (Eine Übereinstimmtung gibt es übrigens nur bei 5% der deutschen Substantive.)
    Daniel Scholten, der das Blog „Belles Lettres“ betreibt, erklärt das sehr gut: https://www.belleslettres.eu/content/deklination/genus-gendersprech.php
    Auch das folgende Buch von ihm, das ich derzeit gerade lese, kann ich sehr empfehlen: https://www.amazon.de/Denksport-Deutsch-blo%C3%9F-Gabel-L%C3%B6ffel-gemacht/dp/342326134X/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1551861997&sr=1-1&keywords=Daniel+Scholten

    • Meines Erachtens hat der Blogartikel von Scholten einen Schwachpunkt: Er zeichnet rein historisch die Entwicklung des Genus nach, beschäftigt sich aber nicht mit dem modernen Deutschen.

      Könnte Scholten noch zu denselben Schlussfolgerungen kommen, wenn er ausschließlich die Gegenwartssprache betrachten würde?

      Einzig relevant für das Thema ist nämlich, wie Sprache heute funktioniert.

      • Könnte Scholten noch zu denselben Schlussfolgerungen kommen, wenn er ausschließlich die Gegenwartssprache betrachten würde?

        Einzig relevant für das Thema ist nämlich, wie Sprache heute funktioniert.

        „Wie Sprache funktioniert“ kann man doch gar nicht losgelöst von der historischen Entwicklung betrachten? Was ist denn sonst das Kriterium mit dem du entscheidest ob Erklärung A oder B besser ist?

        Es reicht ja nicht den Gendersens zu sagen „Grammatikalisches und biologisches Geschlecht sind in der Sprache aber verschiedene Dinge und haben nur sehr bedingt miteinander zu tun, und schon gar nicht so wie ihr euch das vorstellt“. Man muss das schon auch begründen. Und wie will man das tun wenn nicht anhand der historischen Entwicklung? Wenn du nur Gegenwartssprache zulässt, dann ist die eine ad-hoc Erklärung genauso gut wie die andere…

        • Fast alle Menschen sprechen ihre Sprache, ohne deren historische Entwicklung zu kennen. Es sind ja nur wenige Spezialisten, die sich da auskennen, und selbst die wissen nur einen Bruchteil, müssen spekulieren usw.

          Das Wort Idiot bedeutete mal Privatperson.

          Welche Relevanz hat diese Tatsache für die heutige Sprache?

          • „Fast alle Menschen sprechen ihre Sprache, ohne deren historische Entwicklung zu kennen.“

            Richtig.

            „Es sind ja nur wenige Spezialisten, die sich da auskennen“

            Auch richtig.

            „und selbst die wissen nur einen Bruchteil“

            Falsch, die wissen eigentlich recht viel, obwohl es natürlich weiße Flecken gibt.

            „Das Wort Idiot bedeutete mal Privatperson.“

            Das ist so leider falsch, siehe hier: https://www.belleslettres.eu/content/wortkunde/idiot-idiotes.php

            „Welche Relevanz hat diese Tatsache für die heutige Sprache?“

            Schlechtes Beispiel, weil Sie hier nur ein Bruchstück aus dem großen Ganzen herausgreifen. Wenn Sie sich bspw. mal die Entstehung der Genera anschauen, werden Sie schnell merken, welche Relevanz das noch immer hat. Das hier im Forum zu erklären, würde aber erstens den Rahmen sprengen und zweitens bin ich nur ein interessierter Laie, der die Erklärung lieber einem Fachmann wie Herrn Scholten überläßt. Daher nochmal: Die Antwort finden Sie auf Belles Lettres. Sie können dort übrigens auch Fragen stellen.

          • Zu Idiot: Scholten schreibt doch selbst: „Neben der Bedeutung des Privatmanns bedeutet ἰδιώτης (idiōtēs) sekundär un­kun­dig (…)“

            Fakt ist, dass die ursprüngliche Bedeutung keine Relevanz mehr hat. Weshalb sollte es also ein schlechtes Beispiel sein?

            Man muss für die heutige Bedeutung den heutigen Sprachgebrauch analysieren.

            Und das gilt eben auch für die Frage, in welcher Beziehung grammatisches und natürliches Geschlecht zueinander stehen.

            Die Sprachgeschichte ist zwar hochinteressant und deren Kenntnis führt zu einem besseren Verständnis, aber man darf den Sprachwandel nicht ignorieren.

            Scholte beschreibt ja sogar den Sprachwandel, nur „vergisst“ er die Entwicklung der letzten Jahrhunderte bis heute.

          • „Zu Idiot: Scholten schreibt doch selbst: „Neben der Bedeutung des Privatmanns bedeutet ἰδιώτης (idiōtēs) sekundär un­kun­dig (…)““

            Ja. Das gilt für das griechische Wort. Der deutsche Idiot hat das aber nie bedeutet, der ist nicht mal aus dem griechischen übernommen sondern aus dem Englischen.

            Und zum Thema Relevanz ist mir noch ein passendes Beispiel eingefallen: Der Plural von „Bonus“. Der ist nämlich nicht „Boni“. Das kann gar nicht sein, weil das lateinische „bonus“ ein Adjektiv ist, kein Substantiv. Das deutsche Substantiv „Bonus“ ist auch nicht aus dem Lateinischen übernommen sondern aus dem Englischen, wo das auch ein Substantiv ist, und dort lautet der Plural „bonuses“. Man ist also besser beraten, wenn man schlicht „Bonusse“ schreibt oder sagt.

        • „Was ist denn sonst das Kriterium mit dem du entscheidest ob Erklärung A oder B besser ist?“

          Es gibt Techniken der Sprachwissenschaft, die Semantik von Wörtern zu klären, ohne Sprachgeschichte zurückzugreifen.

          • Stimmt, und Herr Scholten hat in einigen dieser Fällen gezeigt, daß die schlicht falsch sind.
            Daher nochmal: Bitte sich die Zeit zu nehmen, das Blog mal ausführlich anzuschauen. Ich weiß, das ist viel Material und man muß sich schon sehr dafür interessieren, aber die Erklärungen dort finde ich viel schlüssiger als alles andere, was ich dazu kenne.

          • Einzig relevant für das Thema ist nämlich, wie Sprache heute funktioniert.

            Wie Sprache funktioniert erklärt sich anhand der inneren Regeln (Grammatik). Das ist m.E. keine Frage der Semantik (Bedeutung).

          • @pingpong:
            „Wie Sprache funktioniert erklärt sich anhand der inneren Regeln (Grammatik). Das ist m.E. keine Frage der Semantik (Bedeutung).“

            Vollkommen richtig.

          • „Wie Sprache funktioniert erklärt sich anhand der inneren Regeln (Grammatik). Das ist m.E. keine Frage der Semantik (Bedeutung).“

            Es geht doch gerade um Semantik. (Wird eine Aussage über das biologische Geschlecht gemacht? Ja/nein)

      • Das geht eigentlich aus seinen Blogeinträgen schön hervor: Scholten betont nämlich daß Sprache ist, wie die Menschen sprechen. Er beschäftigt sich sehr wohl mit dem modernen Deutsch. (Er beschreibt ja, warum das moderne Deutsch so ist, wie es ist.) Und er schreibt, daß das Sprachzentrum immer noch genauso funktioniert, wie es durch die historische Entwicklung der Sprache vorgegeben ist. Jeder, der den Gendersprech verwendet, muß daher bewußt das Sprachzentrum übersteuern.
        Man probiere das mal, indem man einen Binnen-I-Verwender ärgert – man wird sehen, daß derjenige dann plötzlich auf den Gendersprech vergißt.

        Vielleicht mal etwas mehr von ihm lesen? Dann wird das nämlich schön klar. (Das Buch ist auch sehr zu empfehlen, weil er da in einigen Bereichen mehr ins Detail geht. Bei anderen Dingen sind dann dafür die Blogbeiträge und Podcasts eine gute Ergänzung wie z.B. bei der Stammschreibung der Rechtschreibreform.)

      • Meines Erachtens hat der Blogartikel von Scholten einen Schwachpunkt: Er zeichnet rein historisch die Entwicklung des Genus nach, beschäftigt sich aber nicht mit dem modernen Deutschen.

        Das ist bedeutsam, weil er damit auf die Argumentation der Spracherneuerer eingeht. Die behaupten nämlich, dass sich durch die männliche Form, die das Allgemeine bezeichnet (der Bäcker, der Ingenieur etc.), sich die Diskriminierung der Frauen in der Sprache widerspiegle. Um das zu prüfen, ist die Entstehungsgeschichte des Sprachgebrauchs, insbesondere des Genus, wichtig.

        • Die Entstehungsgeschichte muss dann aber weit über die Entstehung hinausgehen.

          Man müsste die Sprachentwicklung minutiös bis zum heutigen Tag nachvollziehen, ohne Sprünge.

  • Sehe ich das richtig?
    „Im Laufe des Jahres müssten
    Mitarbeiter, die sich bewusst und beharrlich den neuen Regeln versperren, (…) mit Konsequenzen rechnen.““

    Das ist doch eine klare Diskriminierung der männlichen Mitarbeiter, gemäß den Sprachvorschriften dieser Gleichstellungsbeauftragte, oder?

    Wäre doch mal ein Protest wert.

  • @Lucas: S. schreibt: „Fast jede praktische Moralphilosophie von Konfuzius bis Kant beruht mehr oder weniger dirket auf der sogenannten goldenen Regel. Als Sprachwissenschaftler und moralphilosophischer Außenseiter werde ich diesen Vorbildern folgen und es ebenso halten. … Machen wir es ebenso und fromulieren folgende goldene Sprachregel“ (S.23/24) Dann folgt die oben genannte Regel.

    Die Analogie zwischen Moral und Sprache wird also vorausgesetzt und nicht begründet.

    • Dieser Stefanowitsch ist offenbar wirklich nur Sprachwissenschaftler, denn stilistisch ist diese Formulierung „Stelle andere sprachlich stets so dar, wie du wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.“ ein Totalschaden.

      • Er ist sich für keine Verrenkung zu schade.

        Übrigens kommt er selbst gar nicht gut damit zurecht, wenn man ihn duzt.

      • Am problematischsten erscheint mir, dass er empfiehlt, sich an dei „Betroffenen“ zu wenden, um zu wissen, wie sie angesprochen werden wollen. Es gibt da halt keine unbstrittenen legitimen Vertreter; für Schwarze empfiehtl er Noah Sow oder die „Initiative schwarzer Deutscher“. Dass sind politische Aktivisten, weiter garnichts. Alle sind also moralisch verpflichtet, sich von Linken vortschreiben zu lassen, wie sie reden sollen.

  • Mitarbeiter, die sich bewusst und beharrlich den neuen Regeln versperren, (…) mit Konsequenzen rechnen.“

    Das erklärt die Gleichstellungsbeauftrage

    Orwell lässt grüßen.

  • „Mitarbeiter, die sich bewusst und beharrlich den neuen Regeln versperren, (…) mit Konsequenzen rechnen.“

    @ Lucas „Das erklärt die Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Hannover, Friederike Kämpfe, zu den genderpolitischen sprachlichen Vorgaben für die Stadtverwaltung. Dass entweder Frau Kämpfe selbst oder Hannovers Neue Presse, die Frau Kämpfe wiedergibt, ganz beharrlich von „Mitarbeitern“ statt „Mitarbeiter*innen“ oder „Mitarbeitenden“ schreibt, zeigt schon, wie schwierig es ist, diese neuen Regeln auch tatsächlich einzuhalten. (via Genderama)“

    Ich glaube, dass es in diesem Fall vielmehr die übliche Doppelmoral/Gewohnheit des Feminismus, im Negativkontext ( „beharrlich zu versperren“) es mit der Gleichberechtigung nicht ganz so genau zu nehmen, der Gleichstellungsbeauftragten bzw. feminisierten Presse ein Schnippchen geschlagen hat, ohne das sie es wirklich merken.
    Allein dieser eine Satz scheint mir äußerst entlarvend zu sein.
    Konterkariert er doch ihre eigenen Forderungen und impliziert gewohnheitsmäßige Dummheit.

  • Zu dieser Aussage und dem Kommentar:“Mitarbeiter, die sich bewusst und beharrlich den neuen Regeln versperren, (…) mit Konsequenzen rechnen.“

    @ Lucas „Das erklärt die Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Hannover, Friederike Kämpfe, zu den genderpolitischen sprachlichen Vorgaben für die Stadtverwaltung. Dass entweder Frau Kämpfe selbst oder Hannovers Neue Presse, die Frau Kämpfe wiedergibt, ganz beharrlich von „Mitarbeitern“ statt „Mitarbeiter*innen“ oder „Mitarbeitenden“ schreibt, zeigt schon, wie schwierig es ist, diese neuen Regeln auch tatsächlich einzuhalten. (via Genderama)“

    Ich glaube, dass es in diesem Fall vielmehr die übliche Doppelmoral/Gewohnheit des Feminismus, im Negativkontext ( „beharrlich zu versperren“) es mit der Gleichberechtigung nicht ganz so genau zu nehmen, der Gleichstellungsbeauftragten bzw. feminisierten Presse ein Schnippchen geschlagen hat, ohne das sie es wirklich merken.
    Allein dieser eine Satz scheint mir äußerst entlarvend zu sein.
    Konterkariert er doch ihre eigenen Forderungen und impliziert gewohnheitsmäßige Dummheit.

  • @BilyCoen.“Auf der anderen Seite muss man sich aber mal anhören, was etwa zur Weiberfassnacht so über Männer vom Stapel gelassen wird. Und nicht zu vergessen „Komikerinnen“ vom Schlage einer Kebekus, die aus der Rausposaunerei dumpfer Verächtlichmachungen von Männern geradezu ein Geschäftsmodell gemacht hat. Oder auch die regelmäßigen, grob sexistischen Aussagen führender Politikerinnen (Schwesig: „ Wäre ich ein Mann, würde ich jetzt sicher sagen, ich habe das alles ganz allein gemacht.“; Giffey: „Wir müssen den Männern an ihr empfindlichstes Körperteil: ihr Portemonnaie.“; Nahles: „Wäre es einfach, könnte es ja auch ein Mann machen.“; Barley zum Brexit: „Männer haben es verbockt, Frauen müssen es wieder aufräumen.“).

    Im Sinne einer goldenen Regel müsste es aber heißen, wenn schon ein Witz, wie der von Stelter, zu solchem Furor führt, müssten besagte Damen eigentlich alle durch die Bank schon längst in jeder Form beruflich wie sozial erledigt sein, berücksichtigt man die faktische „Schwere ihrer Vergehen“. Effektiv hat aber nichts davon überhaupt dazu geführt, dass wenigstens mal dem einen oder anderen Medienschaffenden mal eine Augenbraue nach oben gezuckt ist. Es wird als vollkommen normal betrachtet“.

    Auch wenn dieses Zitat von Billy Coen relativ lang ist. Es ist ( so sagt Arne Hoffmann öfters ) in Gänze lesenswert.
    Hätte es nicht besser schreiben können.

  • „Mitarbeiter, die sich bewusst und beharrlich den neuen Regeln versperren, (…) mit Konsequenzen rechnen.“
    Da würde mich die Rechtsgrundlage interessieren: Woher will die Stadtverwaltung das Recht nehmen, ihren Mitarbeitern die Wortwahl vorzuschreiben (und ggfs. Abweichungen zu bestrafen)?
    Nach § 23 Abs. 1 VwVfG (des Bundes) ist die Amtssprache Deutsch; im niedersächsischen Landes-Verwaltungsverfahrensgesetz fehlt eine solche Regelung. Allenfalls kann daher von den städtischen Mitarbeitern die Verwendung der deutschen Sprache (statt türkisch o.ä.) verlangt werden. Schon die Frage, was „richtiges“ Deutsch ist, ist schwer zu beantworten. Durchgegendertes Deutsch ist möglicherweise schon nicht „richtig“ – und selbst wenn: Die genaue Wortwahl kann schwerlich unter Strafandrohung erzwungen werden (abgesehen von Eigennamen, die korrekt zu nutzen sind). Vielleicht gibt es dazu bald einen reizvollen Prozeß vor dem VG Hannover?

  • Sehr treffende Analyse oben im Haupttext.

    Nur eine kleine Ergänzung, weil es häufig vergessen wird. Ein wesentliches Motiv für die Forderung nach einer gender-gerechten Ausdrucksweise ist die These, daß bei einer herkömmlichen Ausdrucksweise Frauen – aber auch andere angeblich marginalisierte Gruppen wie intersexuelle Menschen -, daß hierbei Frauen „unsichtbar“ gemacht werden und mitunter explizit ausgeschlossen.

    Wer diese These ernst nimmt, der muß Ausdrücke wie „Studierende“ (= Studenten), „Lehrende“ (= Gruppe der Lehrer), „Mitarbeitende“ (= Gruppe der Mitarbeiter) als nicht gender-gerecht ablehnen. Denn mit derartigen Formulierungen werden Frauen eben gerade nicht „sichtbar“ gemacht: Sie bleiben vielmehr unsichtbar und marginalisiert.

  • Auf diesen wunderbar treffenden Blogbeitrag gestossen:
    Wenn die Wölfin mit der Schaf*in, von Thomas Schmid
    http://schmid.welt.de/2019/03/11/wenn-die-woelfin-mit-der-schafin/

    „Mit einigem Erfolg sind seit geraumer Zeit einige wenige selbsternannte Tugendwächter dabei, den Universitäten und den Diskursen den Geist der Freiheit auszutreiben. Es geht ihnen um ein schäbiges Stückchen Macht. Das ist keine harmlose Spinnerei, sondern Ausdruck geistiger Gewaltbereitschaft. Solchen Feinden der Freiheit sollte man entschieden entgegentreten. Die Diskurssheriffs selbst sind, was sie ihren Gegnern vorwerfen: nicht progressiv, sondern reaktionär.“

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