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Eine Torte zum Frauentag – und ein Rückblick auf den Februar

geschrieben von: Lucas Schoppe

Am Frauentag hatte ich, wieder einmal, den Eindruck, dass das Leben in den Medien und das Leben außerhalb davon nach ganz unterschiedlichen Regeln und Moralvorstellungen funktioniert. Ein freundlicher und aufmerksamer Kollege hatte für einige Kolleginnen, mit denen er eng zusammenarbeitet, und für die Sekretärinnen Blumen mitgebracht – und die freuten sich ganz einfach darüber. Es gab keine Diskussion über den Sinn eines Frauentages, es gab aber auch keine Frauen, die ihm erklärten, dass sie keine Blumen, sondern lieber Gleichstellung, faire Arbeitsteilung, gleiche Löhne und sexuelle Gleichbestimmung haben würden.

Das hatte nämlich Katja Berlin mit einer ihrer bescheiden betitelten „Torten der Wahrheit“ für die Wochenzeitung Die Zeit bei Twitter verbreitet. Da Frauentag war, schenkte ich Frau Berlin eine Torte zurück, bin aber nicht ganz sicher, ob sie die erhalten hat.

Die Rede vom legendären Patriarchat lebt immer noch, obwohl sie gerade im letzten Monat gleich mehrfach als seltsam deplatziert dastand. Sie ist wohl deswegen so populär, weil sie es vielen Frauen und auch Männern ermöglicht, ohne schlechtes Gewissen an einer längst überholten bürgerlichen Geschlechterordnung festzuhalten.

Da Männer angeblich 23% mehr verdienen würden als Frauen, lohnt es sich dann natürlich für ein Paar nicht, wenn beide gleichermaßen der Erwerbsarbeit nachgingen – die klassische Aufteilung, bei der die Frau zuhause bleibt oder einen kleinen Teilzeitjob hat und der Mann das Geld verdient, ist im Lichte der Rede vom Gender Pay Gap viele ökonomischer.

Da patriarchale Strukturen Frauen den Weg nach oben versperren würden, ist es dann auch ohnehin vernünftig, die Klettertour auf Spitzenpositionen Männern zu überlassen. Da das Patriarchat Frauen unsichtbar und die Anstrengungen von Frauen zunichtemachen würde, ist es denn auch viel vernünftiger, Männern die Gestaltung der Gesellschaft zu überlassen – noch immer liegt der Frauenanteil der Parteien bei etwa einem Drittel.

Gerade die Institutionen, die den öffentlichen Diskurs besonders stark prägen können, hängen auch besonders fest an einer klassischen Geschlechterordnung. Als im Rechtsausschuss des Bundestags im letzten Monat über die Doppelresidenz debattiert wurde, waren keine Vertreter von Vätern dabei, obwohl sich Väterorganisationen vorher monatelang darum bemüht hatten: Der Rechtsausschuss spricht nicht mit jedem.

Das ist schade, weil so die längst überholte Vorstellung, Kinder könnten nur bei der Mutter gut gedeihen, für den Bundestag wichtiger ist als die vielen Vorteile der Doppelresidenz, bei der nach einer Trennung Kinder einen guten Kontakt zu beiden Eltern behalten können. In dem Text Eine moderne Familienpolitik und ihre Feinde versuchte ich, diese Vorteile im Überblick dazustellen.

Der Vorsitzende des Rechtsausschusses, Stephan Brandner von der AfD, erweckte allerdings den Eindruck, Väter hätten sich überhaupt nicht um eine Teilnahme bemüht oder hätten es nicht geschafft, an die Fraktionen heranzutreten. Gerd Riedmeier von der Interessengemeinschaft Jungen, Männer, Väter listete mir auf Nachfrage daraufhin auf, wie intensiv sich allein diese Gemeinschaft mehrfach und auf verschiedenen Wegen bei den Fraktionen um eine Teilnahme bemüht habe. Wenn es um die Ausgrenzung von Vätern und die Verschleierung ihrer Hintergründe geht, arbeiten auch die Vertreter rot-grüner Parteien mit AfD-Vertretern Hand in Hand. 

Beim Ausschluss von Vätern aus den Diskursen, die sie doch angeblich so uneingeschränkt und patriarchal beherrschen, setzt der Rechtsausschuss aber ohnehin bloß fort, was in der institutionalisierten Parteipolitik üblich ist. Riedmeier hatte auch den Bundespräsidenten angeschrieben, als der die Deutschen aufgefordert hatte, doch wieder mehr miteinander zu reden, gerade auch mit Menschen anderer Meinung. Da Vertreter von Vätern im Familienministerium kein Gehör fänden, wäre es schön, wenn sie der Bundespräsident einmal zum Gespräch bitten würde.

So aber waren die warmen Worte des Präsidenten denn wohl doch nicht gemeint. Er antwortete nicht auf die Anfrage, gar nicht, nicht einmal mit einer Absage. Der Präsident sprich nicht mit jedem.

Aber nicht nur Parteien, sondern auch die anderen großen prägenden Institutionen des politischen Diskurses schotten diese Diskurse gegen unerwünschte Beiträge ab: die Medien. Als im vergangenen Jahr in den Räumen der Frankfurter Universität ein Kongress zur häuslichen Gewalt organisiert wurde, beteiligten sich Medien und Parteien gleichermaßen an  Angriffen dagegen, die den Charakter einer gezielten politischen Verleumdung hatten. Der Grund war wohl, dass viele Redner und Rednerinnen des Kongress es der internationalen Forschung entsprechend vom etablierten Klischee des männlichen Täters und des weiblichen Opfers abwichen und häusliche Gewalt als Teil einer Dynamik beschrieben, zu der mehrere beitragen.

Letztlich haben nahezu alle Medien von Merkurist, Frankfurter Rundschau, hessenschau bis hin zu der Fraktion der Grünen im Römer Unterlassungserklärungen abgegeben oder eine einstweilige Verfügung der Pressekammer des Landgerichts Frankfurt am Main hinnehmen müssen und diese als endgültige Regelung akzeptiert,“

schreiben die Veranstalter des Kongresses in einer Pressemitteilung, die ich hier zu großen Teilen dokumentiert habe: „Wir müssen der politischen Denunziation Einhalt gebieten!“ 

Der Begriff „Denunziation“ ist sogar noch zu schwach für das, was Georg Meck in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung lancierte. Mit einer immer wieder entgleisenden Sprache schrieb er dort über „böse Väter“, über „Sozialschmarotzer“, die ehrlos auf Kosten ihrer Kinder und der gesamten Gemeinschaft leben würden: über Väter nämlich, die keinen oder zu wenig Unterhalt zahlen.

Ganz ohne journalistische Distanz zu Politikerinnen übernahm Meck deren Behauptung, das fast alle dieser Väter zahlen könnten, wenn sie nur wollten – und berief sich dabei auf den “Ifo-Forscher“ Andreas Peichl, der allerdings auf Nachfrage erklären musste, dass er diese Position gar nicht direkt belegen könne, sondern nur „indirekte“ Evidenz habe.

„Indirekte“ ist hier ein anderes Wort für „gar keine“: Mittlerweile hat Thomas Fischer beim Spiegel die Vorwürfe in Mecks Bericht und andere ähnliche, wie von der Süddeutschen Zeitung,  gründlich auseinandergenommen und gezeigt, dass die suggerierte „Explosion der Väterkriminalität“ tatsächlich eine mediale und parteipolitische Fantasie ist. 

Meck selbst nimmt die Kritik kaum zur Kenntnis, tut so, als ob er gar nicht verstünde, worauf Fischer eigentlich hinauswolle – und verlinkt bei der Gelegenheit sein Gerede von den „Sozialschmarotzern“ gleich noch einmal.

Es ist auch diese Unfähigkeit, oder dieser Unwille, die eigene Fehlbarkeit einzugestehen, die Meck zu einem Paradebeispiel für das macht, was den deutschen Journalismus heute beschädigt.

Im Text Framing Relotius beschäftigte ich mich mit den Gemeinsamkeiten zwischen beiden großen deutschen Medienskandalen des Jahreswechsels – den Relotius-Fälschungen beim Spiegel und dem 120.000 Euro teuren „Framing Manual“ der ARD. In beiden Fällen wird der Bezug zur empirischen, sozialen Wirklichkeit verloren und durch ein selbstbezügliches Sprachspiel ersetzt – und beide Fälle sind geprägt von einer uneingestandenen, aber manifesten Missachtung gegenüber den eigenen Lesern und Zuschauern.

Mit ihrer ganz unironisch gemeinten Rede von der „kontrollierten Demokratie“ besetzt die ARD tatsächlich eine antidemokratische Position: Störende Akteure werden nach den Vorstellungen des Manuals aus den öffentlichen Diskursen ausgeschlossen, indem sie gezielt als Schädiger der Gemeinschaft hingestellt werden. Wenn Meck also seine eigene, partikuläre Position selbstverständlich mit dem Gemeinwohl identifiziert und Menschen mit abweichenden Positionen so als Gemeinschaftsschädlinge hinstellt, steht er damit nicht allein – der milliardenschwere öffentlich-rechtliche Apparat der ARD agiert ebenso, zumindest in den Regeln des Manuals: Demokratie ist gut, Kontrolle ist besser.

Selbst das aber wird medial noch verteidigt. Detelef Esslinger stellt in der Süddeutschen Zeitung Kritiker des so kritisierenswerten Manuals schlankweg als „Gegner von Information und Aufklärung“ hin und tut so, als ob es in dem Manual lediglich um die Auseinandersetzung mit Begriffen wie dem des „Staatsfunks“ ginge – im Einsatz für „redliche Debatten“.

Das stimmt so einfach nicht: Der Begriff „Staatsfunk“ spielt in dem Manual fast keine Rolle, ebenso wenig wie die Angriffe von politisch rechts stehenden Akteuren auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Alles dreht sich dort um die Abwehr von Kritik am Beitragssystem, also um rhetorischen Begleitschutz für die Sicherung der eigenen jährlichen, garantierten Milliardeneinnahmen.

Detlef Esslinger ist bei der Süddeutschen Zeitung laut Wikipedia für die Ausbildung der Volontäre zuständig.  Er liefert aber selbst ein Lehrbeispiel für einen Journalismus, der sich selbst über leicht überprüfbare Tatsachen hinwegsetzt, wenn es den eigenen, immer schon feststehenden Urteilen dient.

Solche Texte wie der von Meck wären aber kein ernsthaftes Problem, wenn sie im Rahmen eines allgemeinen medialen Diskurses veröffentlicht würden, der sich beständig selbst kontrolliert und korrigiert. Andere Journalisten jedoch reagierten weder auf die erstaunlichen professionellen Schwächen des Textes  noch auf seine hetzerische Sprache – mit Fischer stellte erst ein Richter klar, wie dürftig Mecks Text tatsächlich ist.

Der „Mut für den eigenen Weg“ ist in meiner Torte für Frau Berlin eines der vier großen Tortenstücke, die für Frauen ebenso wie für Männer wichtig sind. Dieser Mut fehlt zumindest nach meinem Eindruck in den medial vermittelten Debatten, die so selbstbezüglich sind, dass sie die Wirklichkeit ganz aus den Augen verlieren, um die es in ihnen doch angeblich geht.

 

Im letzten Monat starb ein Musiker, der eben für das Gegenteil steht und über dessen Tod ich wirklich traurig war. Mark Hollis war in den achtziger Jahren mit der Band Talk Talk bekannt geworden, mit Liedern wie „It’s My Life“ oder „Such a Shame“. Spätestens das vierte Album „Spirit of Eden“ aus dem Jahr 1988 aber lässt sich, so Arno Frank im Spiegel, „mit kaum etwas vergleichen, was es vorher oder nachher gegeben hat.“  Die Musik strahle „eine Menschlichkeit und Würde aus, wie es sie in der Unterhaltungsmusik eigentlich nicht geben dürfte.“

Sie wurde in den letzten Alben der Gruppe fragil, wie kurz vor dem Auseinanderfallen – und sie entzog sich damit so selbstbewusst den kommerziellen Erwartungen der Plattenfirma, die immerhin viel in die Band investiert hatte, dass die dagegen klagte. Die Gruppe aber, und insbesondere Hollis, gingen weiter, bis hin zu Hollis‘ Soloalbum aus dem Jahr 1998, das sein letztes Album ist. Das Stück „Watershed“ stammt daraus.

Es würde zur stillen, fragilen Musik passen, den Rückzug aus der Öffentlichkeit als ein Verstummen zu interpretieren – als wäre Hollis einfach nur konsequent weiter gegangen. Tatsächlich aber wissen wir ja nur, dass er sich schlicht aus einer medialen Welt zurückgezogen hat, dorthin, wo die allermeisten anderen Menschen ihr ganzes Leben lang selbstverständlich leben.

Ich habe immer gehofft, dass Hollis noch einmal zurückkommt und noch einmal so besondere, berührende Musik macht, wie er es mit Talk Talk oder zuletzt allein gemacht hat. Aber vielleicht ging es ihm ja auch schlicht gut in den letzten beiden Jahrzehnten, die er außerhalb der medialen Selbstbezüglichkeiten gelebt hat.

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