Film Geschlechterdebatte Väter

Der Spuk im Hill House und das wahre Grauen unserer Welt

geschrieben von: Lucas Schoppe

Die Netflix-Serie Spuk im Hill House wird eine zweite Staffel bekommen. Die erste Staffel ist nicht nur eine beeindruckende Horror-Serie, sondern, unter anderem, auch eine ungewöhnlich differenzierte Reflexion über das Verhältnis von Kindern und Eltern und über Geschlechterverhältnisse.

 

Ich gehe ein paar Mal in der Woche laufen, und am liebsten morgens. Wenn aber die Arbeitstage früh anfangen und lang sind, die Tage ansonsten im Herbst und Winter aber kurz werden, laufe ich auch noch abends, wenn es schon dunkel ist.

Im letzten November machte ich dabei eine seltsame Erfahrung. Ich fing an zu laufen und merkte schnell und überrascht, das etwas ganz anders war als sonst: Ich gruselte mich im dunklen Park.

Dass ich zum ersten Mal seit Jahrzehnten einen deutlichen Anflug von Angst im Dunkeln hatte, hatte einen einfachen Grund. Ich war zu dieser Zeit gerade dabei, die Netflix-Serie Spuk im Hill House/The Haunting of Hill House zu schauen, und diese Serie fand ich mitreißend und beeindruckend, aber auch beeindruckend gruselig. Über den kunstvoll und überlegt aufgebauten Schrecken hinaus ist sie aber auch eine Reflexion über Geschlechterverhältnisse, die deutlich differenzierter und stimmiger ist als das, was wir politisch und medial als „Geschlechterdebatten“ kennen.

SPOILER-WARNUNG: Ich habe allerdings keine Möglichkeit gefunden, über diese Serie zu schreiben, ohne dass der Text sehr ernsthafte Spoiler enthält. Ich habe sie mittlerweile zwei Mal ganz geschaut, und sie ist auch beim zweiten Mal ein Vergnügen, weil mir mit dem Wissen um das Ende viele Kleinigkeiten auffielen, die ich beim ersten Mal übersehen hatte. Der besondere Genuss bzw. Schrecken, die Serie ohne das Wissen um die Auflösung anzusehen, wird aber durch die Informationen dieses Textes zerstört. Wer gerne Horror- und Gruselfilme schaut, sollte sich vor der Lektüre die Serie also besser erst einmal ansehen.

 

Fünf Kinder und ein Haus, das nicht zu reparieren ist

Hugh und Olivia Crain mit ihren fünf Kindern – dem Ältesten Steve, Shirley, Theodora und den Jüngsten, den Zwillingen Luke und Nell – verdienen ihren Lebensunterhalt damit, dass sie alte, baufällige Häuser aufkaufen, sie renovieren und dann mit einem großen Gewinn wieder verkaufen. In dieser Zeit leben sie mit ihren Kindern selbst im Haus. Das imposante Hill House, in das sie zu Beginn der Serie einziehen, soll ihnen genügend finanzielle Mittel verschaffen, sich ein ganz eigenes Haus zu bauen, in dem sie dann auch bleiben können: Das „Forever House“, das Olivia schon entworfen hat.

Allerdings wird der Aufenthalt im Hill House, genregerecht, sehr schnell seltsam. Die kleine Nell schreckt im Bett auf, weil ihr eine angsteinflößende „Bent-Neck Lady“, eine Frau mit gewaltsam zur Seite gekrümmten Hals, erscheint. Ihr Zwillingsbruder Luke sieht nachts einen riesenhaften und erschreckenden Mann durch sein Zimmer schweben. Die Mutter Olivia wirkt zunehmend zerrütteter, angegriffen, nervös, und sie kann nach einer Weile nicht mehr unterscheiden, ob sie wacht oder träumt. Ein massives Unwetter, das offenbar das Hill House allein trifft, zerstört eine lange Fensterreihe – und dabei entdecken Steve und Hugh einen massiven Schimmelbefall.

Woher die dafür nötige Feuchtigkeit kommt, findet Hugh allerdings nicht heraus. „It’s okay, I’ll fix it“ ist eigentlich sein meistgebrauchter Satz, aber nun kann er nur mutmaßen, dass der Ursprung offenbar im Red Room liegt: Einem Raum, der verschlossen ist und für den auch das Hausmeisterpaar der Dudleys keinen passenden Schlüssel hat. Als Hugh eine ganz vom Schimmel befallene Kellerwand abträgt, findet er dahinter ein Skelett: offenbar die Leiche eines lang vermissten Hausherren, der sich dort, so scheint es, aus unerklärlichen Gründen selbst eingemauert hatte.

Olivia schließlich bricht ganz zusammen: Im halluzinatorischen Glauben, die Kinder vor undefinierbaren Gefahren zu retten, bittet sie nachts Luke, Nell und Abigail, die Tochter des Hausmeisterpaares, im nun plötzlich offenen Red Room zu einer Teeparty, bei der sie ihnen Rattengift verabreicht. Abigail stirbt, Luke und Nell können durch ihren Vater gerade noch gerettet werden. Hugh holt auch die anderen Kinder aus den Betten, setzt sie in ein Auto, flieht mit ihnen aus dem Hill House und bringt sie in ein Motel. Als er zurückkehrt, um auch Olivia zu holen, findet er sie tot vor – sie hat sich von einer Galerie gestürzt.

Die Serie wechselt beständig zwischen zwei Zeitebenen – zwischen der Geschichte der Familie im Hill House und den Erfahrungen der Crain-Familie Jahre später.

Steve hat mit einem Buch über den Spuk im Hill House viel Geld verdient, glaubt aber nicht an Geister, geht paranormalen Erscheinungen nach und findet für sie regelmäßig rationale Erklärungen.

Shirley besitzt mit ihrem Mann in ein Beerdigungsinstitut, in dem sie die Leichen für deren Aufbahrung im offenen Sarg herrichtet. „You fixed her“: Das war Jahre zuvor einer der ersten Sätze, den sie staunend noch als Mädchen zu ihrem späteren Mann sagte, der ihre Mutter für die Aufbahrung präpariert hatte.

Theo ist Kinderpsychologin geworden, trägt aber beständig Handschuhe, weil sie bei Berührung die Emotionen anderer Menschen spüren kann.

Luke ist heroinsüchtig und bei Beginn der Serie gerade in einer Entzugsklinik. Nell hatte massive Schlafstörungen, die sie durch die Hilfe ihres späteren Mannes, eine „Schlaftechnikers“, weitgehend überwunden hatte – nach dem Tod des Mannes aber bricht sie zusammen, und ihre Schlafstörungen kehren zurück.

Der Tod Nells, die ins Hill House zurückkehrt und sich dort das Leben nimmt, bringt die Kinder der Familie wieder in Shirleys Beerdigungsinstitut zusammen – auch mit ihrem Vater, zu dem sie den Kontakt weitgehend verloren hatten, weil er sie nach der Flucht aus dem Hill House bei einer Tante untergebracht hatte. Für die Kinder ist er ein „Arschloch“, das sie und die Mutter im Stich gelassen hat.

Als Luke schließlich, verzweifelt über den Tod seiner Zwillingsschwester, zum Hill House fährt, um es niederzubrennen, beginnt der Showdown der Serie. Steve und Hugh, Shirley und Theo fahren im nach, doch sie sind dem Haus und seinen geisterhaften Bewohnern nicht gewachsen: Mit Ausnahme Hughs erwachen sie im verfallenen Red Room, begegnen dort dem Geist Nells und auch dem ihrer Mutter. Olivia ist froh, ihre Kinder endlich bei sich und in Sicherheit zu haben, sie möchte sie nicht wieder gehen lassen – bis Hugh sie schließlich davon überzeugt, die überlebenden Kinder freizulassen. Er bietet sich selbst an, bei ihr zu bleiben.

 

Mr. Fix-It begegnet dem Zauber und dem Grauen des Absoluten

Was in der knappen Wiedergabe der Handlung durchaus klischeehaft und vertraut wirkt, ist in der Serie sehr viel komplexer und vielschichtiger. Die ersten fünf der zehn Folgen sind jeweils aus der Perspektive eines anderen der Kinder erzählt, gipfelnd in der unendlich traurigen Folge, die im Tod Nells endet: genau in der Mitte der Serie. Die Serie springt zudem, oft mit kunstvollen Übergängen, zwischen den Zeitebenen.

Vor allem aber hat der Spuk einen sehr realen, stimmigen Hintergrund. Olivia fantasiert sich das Hill House und insbesondere dessen Zentrum, den Red Room, zu einem Ort der Sicherheit, an dem die Zeit aufgehoben ist und an dem die Kinder ewig bei ihr bleiben können, geschützt vor allen Gefahren. Tatsächlich erfahren wir am Ende, dass wir den Red Room schon oft gesehen haben. Für jeden aus der Familie Crain, mit der bezeichnenden Ausnahme des Vaters, war er ein ganz besonderer, eigener Raum: Ein Raum für Computerspiele für Steve, ein Baumhaus für Luke, ein Leseraum für Olivia, ein Familienraum für Shirley, ein Spielraum für Nell und ein Tanzstudio für Theo.

Die erwachsenen Geschwister Crain: Theo, Steve, Nell, Luke und Shirley

Zu Beginn der letzten Folge hat Olivia ihre kleinen Kinder Luke und Nell im Arm und erklärt Hugh, sie wünsche sich, die beiden ewig so halten zu können: geschützt vor allem, was ihnen in der Welt geschehen könnte.

Der Zauber des Hill House ist für sie ein Zauber des Absoluten. Als Ort der absoluten Zeitlosigkeit und des absoluten Aufgehobenseins ist es schließlich ihr Forever House. Den Tod dort nimmt sie entsprechend als Erwachen aus einem schrecklichen Traum war, und sie wünscht sich auch für ihre Kinder, sie können ebenso erwachen und auf ewig bei ihr bleiben.

Hugh hingegen, als klassischer Mr. Fix-It, lebt in einer Welt des Relativen, in der er immer wieder aufbaut, was kaputt gegangen ist – in der es immer neue Zwecke gibt, zu deren Erreichung er immer neue Mittel finden muss – und in der die Zeit weiter geht, so dass sich in ihr Geschichten entspinnen können. Der älteste Sohn Steve folgt seinem Vater darin – er schreibt die Geschichte seiner Familie auf und findet für Spukerzählungen wieder und wieder Erklärungen im Rahmen herkömmlicher Wissenschaft.

Erst der Geist seiner gerade gestorbenen Schwester Nell zerstört ihm seine Sicherheit – so wie auch Hugh im Laufe der Handlung seinen Standardsatz „It’s okay, I’ll fix it“ aufgibt. Die Serie lebt vom Zusammenstoß der Welt eines Absoluten, in der Olivia für ihre Kinder eine absolute Sicherheit sucht, in der ein Fortgang der Zeit aufgehoben ist und alles bleiben kann, wie es war – und unserer vertrauten Welt des Relativen, in der es keine absolute Sicherheit geben kann.

Die Pointe: Der Spuk ist tatsächlich der Einbruch dieses Absoluten in die immer nur relative Welt. Was Olivia als absolute Sicherheit erscheint, ist aus der Perspektive einer Welt des Relativen zerstörerisch: Die Sicherheit gibt es nur um den Preis des Todes. Was Olivia als Zeitlosgkeit erscheint, ist aus der Perspektive des Relativen ein Ende aller Geschichten. Was ihr als Erlösung erscheint, ist ein erschreckendes Nichts, in dem auch keine menschlichen Beziehungen mehr möglich sind, weil es ohnehin keine Relationen mehr gibt: Jeder ist dort absolut allein.

Die erwachsene Theo spürt das, als sie Nells Leiche berührt. Sie merkt, dass Nell nur noch ein gigantisches Nichts erlebt – und sie fürchtet sich davor, dass so unser aller Ende eines Tages aussehen könnte.

Im Horror drückt sich also eine Auseinandersetzung aus, die statt in einer Gruselserie auch in einer philosophischen Debatte geführt werden könnte: Eine Auseinandersetzung mit dem Zauber des Absoluten, das aus der Innenperspektive rettend und erlösend erscheint, das in der Perspektive unserer Welt des Relativen aber zerstörerisch und grauenhaft ist. Es ist eine der großen Stärken dieser Serie, dass diese Reflexionen die Handlung nicht überlagern und überladen, sondern sich ganz selbstverständlich und unmerklich in sie einfügen.

Die beständige Atmosphäre des Unheimlichen entsteht hier auch dadurch, dass immer wieder im Hintergrund kurz geisterhafte Gestalten zu sehen sind, die aber gar nicht in die Handlung eingreifen und die wir meist gar nicht bewusst wahrnehmen. Das trägt einerseits zur Wirkung der Serie bei, es passt sich aber auch in den Konflikt zwischen einer halluzinatorischen Welt des Absoluten und einer technisch-rationalen Welt des Machbaren und Kontrollierbaren ein. Als Zuschauer merken wir unterschwellig beständig, dass etwas geschieht, was sich unserer bewussten Aufmerksamkeit entzieht und was wir deshalb gar nicht kontrollieren können, was aber in der Handlung überall anwesend ist.

Eine siebzehnminütige Einstellung, die offenbar ganz ohne Schnitt auskommt und die in beständigen Kamerabewegungen eine Auseinandersetzung der Geschwister an Nells offenem Sarg zeigt, ist nicht nur filmisch faszinierend: Sie lässt sich auch gleichzeitig so verstehen, dass wir hier mit Nells Augen die Geschwister sehen, während sie von ihnen aber nicht mehr gesehen werden kann. Nells unendliche Einsamkeit wird so auch filmisch gespiegelt.

Als Nell in einer vorangegangenen Folge kurz vor ihrem Tod nachts zum Hill House fährt, wissen wir als Zuschauer natürlich, dass sie dieses Haus auf gar keinen Fall betreten darf. Sie geht aber hinein, nachdem die Eingangslampe ein paar Mal geblinkt hat. Eben das war das Zeichen, das Jahre zuvor Olivia mit ihren Kindern ausgemacht hatte, um ihnen zu zeigen, dass sie abends in das sichere Zuhause zurückkehren sollen. Was aus der Sicht der Zuschauer zurecht als Weg ins Grauen erscheint, ist aus der Perspektive Olivias und Nells ein Weg ins Heimelige und Sichere.

 

Das väterliche Opfer und das wahre Grauen

In der letzten Folge vergleicht Nells Geist den Red Room mit Organen des Körpers, ist dabei aber unsicher: Zunächst sieht sie ihn als Herz des Hauses an, dann als Magen, der alles verschlingt. Tatsächlich wäre die passendste Körpermetapher aufgrund der deutlich weiblich konnotierten Zuordnung des Raums zu Olivia aber die einer Gebärmutter – nur dass diese Gebärmutter die Kinder nicht zur Welt bringt und nicht frei lässt, sondern sie auf immer in einer vermeintlichen Sicherheit in sich behält. Dieses Ineinander aus Sicherheitsbedürfnis und Zerstörung spiegelt sich auch im Verhalten des Hausmeisterpaares, das seine Tochter aus pathologischer Sorge von allen sozialen Kontakten abschirmt – und das eben dadurch schließlich zu ihrem Tod beiträgt.

Hugh aber überzeugt Olivia davon, die Kinder freizugeben. Seine Erscheinung als Arschloch, das seine Kinder allein gelassen hat, ist am Ende der Serie gründlich revidiert. Die Distanz zu den Kindern ist nun erkennbar als Bemühen darum, sie zu schützen in einer Zeit, in der er sich mit den Schrecken des Hill House intensiv auseinandergesetzt hat, um sie schließlich bannen zu können. Sein Versuch, technische Lösungen für etwas zu finden, für das es keine technischen Lösungen geben kann, resultiert immerhin in einem realistischen Blick auf das, was geschieht. Der Mann, der seinen Kindern als kaltherziger Egoist erschien, löst am Ende den radikalen Widerspruch zwischen einer Welt des Relativen und des Absoluten, indem er sich für sie opfert.

Hugh Crain und seine überlebenden Kinder in Shirleys Beerdigungsinstitut

Die Serie greift so vertraute negative Männlichkeits- und Väterlichkeitsklischees auf und wendet sie schließlich ins Positive. Wichtiger noch: Diese Aufwertung des Männlichen ist trotz der grauenhaften Agierens Olivias nicht mit einer pauschalen Abwertung des Weiblichen verknüpft. Olivia ist von dem verständlichen Wunsch getrieben, ihre Kinder in absoluter Sicherheit zu wissen, und erscheint so eher fehlgeleitet denn als eine Agentin des Bösen. Mehr noch: Die lesbische Theo findet so etwas wie Heilung auch in der Beziehung zu einer Frau. Dort baut sie schließlich die Mauern ab, die sie nach eigener Darstellung um sich herum aufgebaut hat.

Wie aber ist es möglich, dass eine sehr erfolgreiche Serie gängige Geschlechterzuordnungen klar konterkariert, Väterlichkeit systematisch aufwertet und Mütterlichkeit auf kritische Weise präsentiert – ohne dass dies die üblichen Empörungen provozierte?

Womöglich läuft Spuk im Hill House als Gruselserie, also als irgendwie nicht ganz ernst zu nehmender Bestandteil der Popkultur, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle gängiger Empörungsbereitschaften. Das ungeheure Interesse an dem Ghostbusters-Remake im Jahr 2016 ist kein Gegenargument gegen diese Vermutung. Der erste Ghostbusters aus dem Jahr 1984 war noch immer ein Kultfilm, hatte so einen hohen Status und versprach erhebliche Verdienstmöglichkeiten. Verglichen damit fällt auch eine erfolgreiche Netflix-Serie kaum auf.

Das Desinteresse der Ghostbusters-Remaker um den Regisseur Paul Feig an den Gründen, warum die originale Geschichte so erfolgreich war, war ein wesentlicher Grund für das ästhetische Desaster ihres Filmes – zeigt aber eben auch die Fixierung auf Äußerlichkeiten, auf den Status und das finanzielle Potenzial der Ghostbusters-Marke.

Auch im Vergleich dazu wird die hohe Qualität der Netflix-Serie deutlich. Sie ist so liebevoll und gedankenreich gemacht, dass ich hier nur einen kleinen Teil ihrer erwähnenswerten Details erwähnt habe. Sie ist sehr effektvoll, schielt aber kaum einmal auf den bloßen Effekt.

Der Philosoph Richard Shusterman hat sich in seiner pragmatischen ästhetischen Theorie „Living Beauty, Rethinking Art“  aus dem Jahr 2000 auch mit Popkultur intensiv auseinandergesetzt. Für ihn sucht populäre Kultur keineswegs einen kleinen gemeinsamen Nenner, ganz im Gegenteil: Da sie Menschen in ganz unterschiedlichen Kontexten ansprechen solle, müsse sie Möglichkeiten schaffen, auf ganz unterschiedliche Weise wahrgenommen und gedeutet zu werden.

Spuk im Hill House kann schlicht als sehr effektvolle, angsteinflößende Gruselserie genossen werden. Sie lässt sich als Familiendrama verstehen, in dem ein gemeinsames Trauma Familienmitglieder nicht zusammenführt, sondern sie trennt. Sie kann als Erzählung davon interpretiert werden, wie unterschiedlich Menschen mit traumatischen Erfahrungen umgehen. Sie kann als Reflexion über das Verhältnis von Erwachsenen und Kindern oder als Reflexion über das Geschlechterverhältnis verstanden werden – oder schließlich auch schlicht als Liebesgeschichte.

Mit Geschlechterthemen geht die Serie so deutlich reifer um, als wir das aus politischen und medialen Debatten gewohnt sind. Erstens sind Geschlechterfragen hier wichtig, sie sind aber nicht die Achse, um die sich alles andere dreht – die Serie kann auch Menschen gefallen, die diese Fragen hier völlig kalt lassen.

Zweitens unterläuft die Serie, und dies ganz offensichtlich bewusst, die simplen Gut-Böse-Zuordnungen gängiger Debatten. Dass Männlichkeit und Väterlichkeit hier aufgewertet werden, mündet nicht in einer Abwertung von Weiblichkeit und Mütterlichkeit. Diese sind allerdings, ebenso wenig wie Männlichkeit, nicht über Kritik erhaben – auch das ist ein Unterschied zum desaströsen Ghostbusters-Remake.

Ein erfolgreiches Produkt der populären Kultur ist so also deutlich differenzierter, gedankenreicher und humaner als die Debatten, die wir aus den zuständigen Institutionen – Parteien, Ministerien, Medien, auch Universitäten – gewohnt sind. Das ist wohl kein Zufall. Es spiegelt wieder, das wir in der Organisation unseres Zusammenlebens längt weiter sind als das wahre Grauen öffentliche Debatten, die unbeweglich in simplen Gut-Böse- und Freund-Feind-Mustern erstarren.

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3 Comments

  • Ich kenne die Serie nicht, deine Zusammenfassung lässt mich aber stark vermuten, dass es sich um eine freie Adaption eines bereits zweimal verfilmten Horrorromans handelt.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Geisterschloss

    Auch wenn hier wohl tatsächlich vieles an der Ausgangssituation geändert und scheinbar weit komplexer aufgefahren wurde. In der Originalgeschichte war übrigens Hugh Crain, der schon lange tot war, der Böse, der Kinder bis zu ihrem Tode im Hill House gefangen hielt und selbst ihre Seelen nicht gehen lassen wollte.

    Wer übrigens glaubt, dass Horror ein „minderwertiges“ Genre wäre und über derlei psychologischen Tiefgang überrascht ist, ist da definitiv auf dem Holzweg. Guter Horror muss psychologisch sein, weil er nur dann auch wirklich richtig tiefgreifend funktioniert. Billige Jumpscares hat man schon wieder vergessen, sobald sich der Herzschlag wieder normalisiert hat. Aber ein gut gesetztes Dauerbohren auf der Psyche des Lesers / Zuschauers / Spielers, das kriegt der nicht so schnell wieder aus dem Kopf (siehe dein plötzliches Unbehagen im nächtlichen Dunkel).

    Und es ist dabei auch durchaus genretypisch, dass man sich dabei in metaphorischer Weise mit dem menschlichen Sein und dessen Abgründen auseinandersetzt. Es hat, um mal wieder auf mein liebstes Medium zu kommen, schon seine Gründe, warum das auch schon 17 Jahre alte Silent Hill 2 immer noch als absoluter Meilenstein gilt und sich in seinen unzähligen Implikationen und Metaphern nicht vor Werken aus Literatur und Film zu verstecken braucht.

    Guter Horror ist eine nicht zu unterschätzende Kunst.

    • @ Billy Die Serie orientiert sich tatsächlich an demselben Roman wie die Filme. Ich kenne den Text nicht, aber die anderen Verfilmungen – und finde, dass die Serie etwas ganz Eigenes, Besonderes ist. Dass es vorher der Vater und nicht die Mutter war, der die Kinder festhielt, wusste ich aber nicht mehr. Es passt gut, dass das in der Serie geändert wurde.

      Was Horror angeht, lese ich gerade, tatsächlich zum ersten Mal, IT von Stephen King. Ich finde es ein sehr gutes Buch. Eigentlich ist es eine Auseinandersetzung mit dem Horror, den Kinder während des Aufwachsens erleben können, ohne dass Erwachsene viel davon registrieren würden. Auch hier wäre Horror unterschätzt, wenn er einfach nur als effektheischerische Art der Unterhaltung abgetan würde.

      Ich habe aber übrigens – was durchaus ein wenig dazu passt – in dieser Woche extra einen Text über die Hill-House-Serie veröffentlicht, weil ich mir dachte, dass das vermutlich nur für wenig Diskussionen sorgen wird. Ich war nämlich die Woche über mit meiner Klasse weg und wäre nicht dazu gekommen, hier an Diskussionen teilzunehmen. Da dachte ich, es wäre ganz gut, einen Text zu veröffentlichen, der politisch wenig spektakuläre Themen behandelt. Ich wollte aber schon sehr lange über die Serie schreiben, weil sie einfach sehr gut gemacht ist.

      Umso mehr freue ich mich, dass wenigstens ein bisschen kommentiert wurde. 🙂 Von Silent Hill kenne ich aber leider nur den Film, und da auch nur den ersten. Meine Computerspiel-Zeit hat nicht lange angehalten…

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