Feminismus Gleichberechtigung

Die seltsame Flugbahn des Feminismus

geschrieben von: Lucas Schoppe

Der Begriff „Feminismus“ hat sich zu einem Instrument der Spaltung von Diskursen entwickelt. Je nach der Gruppe, in der wir uns gerade bewegen, können wir uns unmöglich machen, wenn wir feministischen Positionen zustimmen oder wenn wir sie kritisieren – völlig unabhängig von der Qualität unserer Argumente, die dann jeweils ohnehin nicht mehr gehört werden.

Welchen Inhalt aber hat der Begriff Feminismus neben dieser instrumentellen Funktion eigentlich noch?

 

Vorspann: Von der politischen Verwertung eines Massenmordes

„Männlichkeit und Gewalt sind in unserer Gesellschaft so eng miteinander verwoben, dass der Zusammenhang kaum noch erwähnenswert erscheint“.

Natürlich könnte es auch sein, dass der Zusammenhang deswegen so selten erwähnt wird, weil er klischeehaft ist und Ressentiments transportiert – aber dieser Gedanke kommt Julian Dörr gar nicht erst, wenn er in der Süddeutschen Zeitung den Massenmord von Christchurch mit der Geschlechtszugehörigkeit des Täters erklärt.

Der Kolumnist stört sich auch nicht daran, dass im Text, mit dem der Täter seinen Terror motiviert, von Männlichkeit gar keine Rede ist. Dörrs Interpretation basiert ganz auf seinen eigenen, durchaus stereotypen Fantasien: Er betont männliche Täterschaft und geht desinteressiert darüber hinweg, dass auch die Opfer des Massenmordes vorwiegend männlich waren.

„Männer fühlen sich als Opfer, benachteiligt, übervorteilt,“ schreibt Dörr mit Bezug auf den amerikanischen Autoren Michael Kimmel – sie wären keine Opfer, nähmen sich aber so wahr, weil sie gekränkt an überzogenen Anspruchshaltungen festhielten.

Es lohnt sich kaum, diesen Text eingehend zu analysieren, allzu eindeutig ist der Versuch, aus dem Massenmord politisch Kapital zu schlagen. Interessant ist aber, wie selbstverständlich hier ein Geschlechter-Ressentiment publiziert wird, das Dörr mit direktem Bezug auf feministische Texte pflegt: Männlichkeit verknüpft er wie selbstverständlich mit Täterschaft, Gewalt, Machtfixiertheit, dem Anspruch, „über den weiblichen Körper verfügen und bestimmen zu dürfen“ (auch wenn das mit dem Massenmord erkennbar nichts zu tun hat, muss es unbedingt gesagt werden), mit Aktivität, mit der Unfähigkeit zum Umgang mit Gefühlen und dem Unwürdigkeit zur Empathie.

Die Zukunft ist gottlob immer noch das, was sie immer schon war. Wär ja auch noch schöner, wenn sich da etwas ändern würde.

Für mich war „Feminismus“ über den größten Teil meines Lebens hinweg ein sehr positiver Begriff, als Bewegung für Gleichberechtigung und eine Öffnung tradierter Geschlechterklischees. Wie aber ist es möglich, dass eine politische Bewegung so in Klischees münden kann, die doch ihrem eigenen Anspruch offen widersprechen?

 

Ist das noch Feminismus, oder kann das weg? (Oder gar beides?)

Die Bloggerin Anne Nühm hat gerade einen sehr kritischen Text zum Feminismus  veröffentlicht – im Rahmen der Blogparade Feminismus – Wer braucht das heute noch?!“,  die Mitte März gestartet wurde und die bis heute allein aus Annes Beitrag besteht.

Die Frage, ob Feminismus wichtig ist, hätte ich viele Jahre lang ohne zu zögern bejaht. Schließlich hatte ich schon als Jugendlicher Interesse an gleichaltrigen Mädchen, wollte ihnen natürlich nichts Schlechtes tun und fand es sehr interessant, Texte aus Perspektiven zu lesen, die sich als „weiblich“ präsentierten und die, wie ich, politisch links waren.

Vor allem wuchs ich in einer Kultur auf, in der feste Geschlechtermuster längst in Bewegung geraten waren. Die nervöse Sensibilität James Deans, die Jungenhaftigkeit der Beatles, die langen Haare der Hippies: Das war in meiner Jugend schon längst Vergangenheit, aber es war mir ganz selbstverständlich sehr viel näher als die steife Zackigkeit deutscher Schauspieler der 50er Jahre, die für mich aus einer anderen Welt stammte.

Eine Freundin erzählte mir während der Schulzeit, dass sie – wie ich – sehr gern spazieren gegangen sei, dass sie das aber nicht mehr tun würde, seit eine gute Freundin von ihr vergewaltigt worden war. Solche Ängste hatte ich nie, und so bekam ich den Eindruck, dass Mädchen und Frauen vielleicht, ganz ohne dass mir das klar war, eine andere Realität erlebten als ich. Dass sie immer wieder Übergriffen von Männern ausgesetzt waren und so eine Gewalt erlebten, vor der Männer sich nicht fürchten mussten und die sie noch nicht einmal wahrnahmen.

Ich las also schon als Jugendlicher feministische Texte, „Gegen unseren Willen“ von Susan Brownmiller zum Beispiel, und wurde wieder und wieder in dem Eindruck bestätigt, dass Frauen in einer irgendwie viel gefährlicheren, bedrückenderen Realität lebten als Männer. Wir würden zwar die Schuld an diesen Gefahren tragen, die Konsequenzen aber nicht wahrhaben.

Dieses Bild änderte sich erst und ausgerechnet durch die #Aufschrei-Bewegung.

Beim #Aufschrei waren mir die Männer suspekt, die sich mit telegenem Gestus des aufrechten Erschreckens von Frauen über Sachverhalte belehren ließen, die sie längst selbst hätten wissen können, wenn sie denn mal die Augen aufgemacht hätten. Viele Frauen, die ich kannte, hatten von Situationen sexueller Übergriffigkeit oder gar Gewalt erzählt, so dass ich Brownmillers These einleuchtend fand, diese Gewalt würde alle Frauen betreffen.

Das änderte sich, als ich die #Aufschrei-Tweets las. Tatsächlich berichteten Frauen dort über massive sexuelle Gewalt, aber den Großteil der Situationen, die Alltagssexismus belegen sollten, kannte ich als Mann so oder ähnlich auch. Unerbetene Berührungen – unmotivierte und unerbetene sexualisierte Kommentare – Frauen, die mir viel zu nah kamen: Situationen, die andersherum eine alltägliche sexualisierte Bedrängnis von Frauen belegen sollten, waren mir ebenso wenig fremd wie Freunden, mit denen ich darüber sprach.

Die Vorstellung, dass Frauen irgendwie in einer ganz anderen Realität leben würden als Männer, wich damit konkreteren, weniger umfassenden und damit wohl auch realistischeren Einschätzungen. Ganz offensichtlich bewerten wir Verhalten unterschiedlich, je nachdem, ob es Frauen oder Männer betrifft. Männerkörper nehmen wir als vergleichsweise profan wahr. Eine Lehrerin zum Beispiel, die – so eines von vielen Beispielen, die ich selbst miterlebt habe – einem Kollegen beiläufig auf den Hintern klopft und sich über dessen empörte Proteste amüsiert, muss nicht damit rechnen, dass jemand sie wegen sexueller Belästigung belangt.

Zugleich gibt es tatsächlich Verhaltensweisen von Männern, die so verrückt und grenzverletzend sind, wie ich sie von Frauen nie erlebt habe.

Beim #Aufschrei und anderswo gingen Aktivistinnen und Journalisten jedoch mit seltsamer Selbstverständlichkeit davon aus, dass sich in solchen extremen Verhaltensweisen irgendwie etwas typisch Männliches, ein männliches Privileg ausdrücke – eine schräge „patriarchale Dividende“ (Connell), die Männern ein solches Verhalten erlaube und von der irgendwie alle Männer profitieren würden, auch und gerade die, die gar nichts von dieser Dividende bemerken.

Der naheliegende Hinweis, dass sich doch bei weitem nicht alle Männer so verhielten, wurde mit hippen Hashtags wie #notallmen durchaus höhnisch abgewehrt. Dabei ist es natürlich tatsächlich wesentlich plausibler, einfach davon auszugehen, dass das Verhaltensspektrum von Männer weiter gespreizt ist als das von Frauen. Es gibt, simpel formuliert, mehr männliche Idioten als weibliche, aber auch mehr Männer, die ganz besondere Leistungen vollbringen.

Es gibt zum Beispiel mehr männliche Gewalttäter wie den Massenmörder von Christchurch, aber auch deutlich mehr Männer, die ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen. Beim Terroranschlag auf das World Trade Center wurden beispielsweise 343 Feuerwehrleute getötet – Feuerwehrmänner, denn keine einzige Frau war darunter.  Ein typisches Geschlechterverhältnis in der Katastrophenhilfe.

Wer, wie Dörr, eine prinzipielle Verknüpfung von Männlichkeit und Gewalt fabuliert, nimmt sowohl Männer als auch Gewalttaten selektiv wahr und rechnet dann diese selektive Wahrnehmung kurzerhand zu allgemeinen, aber auffällig diffus bleibenden „Strukturen“ hoch. Das aber greift dann auch die Vorstellung einer Gleichberechtigung direkt an, die auf einer breiten menschlichen Gemeinsamkeit basiert, und es lädt ein zu einer ungleichen Bewertung des Verhaltens von Männern und Frauen.

Häusliche Gewalt von Frauen müsse anders bewertet werden als die von Männern, befindet beispielsweise gerade die britische Journalistin Yasmin Alibhai-Brown anlässlich einiger Parlamentarierinnen, die selbst häusliche Gewaltaten eingestehen und die dafür als mutige Frauen gefeiert werden.  Schließlich würden weibliche Täterinnen bei häuslicher Gewalt nicht mit Massenmorden und terroristischen Anschlägen weitermachen (tatsächlich: „Female perpetrators of domestic violence do not go on to mass murders and terrorist binge kills“).

Nun käme bei einem Mann wohl niemand auf die Idee zu behaupten, seine Frau zu verprügeln wäre halb so wild, solange er nur hinterher keine Moscheen oder Weihnachtsmärkte attackiert. Der Feminismus ist hier beim simplen Gegenteil dessen gelandet, was er einst als sein Ziel ausgegeben hat – nicht bei Gleichberechtigung, sondern bei einer strikten Seperation von Menschen, deren individuelles Verhalten anhand ihrer Geschlechtszugehörigkeit ganz unterschiedlich bewertet wird.

Der moderne Feminismus ist so wie ein Reiseunternehmen, das Menschen eigentlich an die Côte d’Azur befördern wollte, das aber stattdessen aus ungeklärten Gründen mit ihnen in Nordgrönland gelandet ist und ihnen nun beharrlich versichert, alles habe so seine Richtigkeit und laufe ganz nach Plan. Dem Baden im Meer stehe kaum noch etwas im Wege.

Wie konnte das passieren?

 

Von der Herrschaftsdienlichkeit der Opfer-Inszenierungen

Die geschlechterpolitische Umstellung von Gleichberechtigung auf Gleichstellung baut auf der Annahme, es gäbe allgemeine männliche Herrschaftsstrukturen, die durch staatliches Agieren abgebaut werden müssten. Gleiche Rechte würden Menschen schließlich nicht viel helfen, wenn ihre Lebensbedingungen ihnen ganz unterschiedlichen Chancen gäben, diese Rechte auch zu nutzen.

Auch wer das plausibel findet, müsste eigentlich einräumen, dass die Umstellung Konsequenzen hat. Wer Gleichstellung möchte, also eine gleiche Repräsentation von Männern und Frauen in ausgewählten Bereichen, der muss ihr Verhalten steuern und die Freiheiten und Rechte einiger begrenzen, um ein erwünschtes Endresultat erreichen zu können. Gleichstellung verträgt sich nicht mit gleichen Rechten.

Vor allem aber: Gleiche Rechte lassen sich leicht mit einem Blick ins Gesetz überprüfen – und wir können bis heute feststellen, dass wir durchaus nicht unter Bedingungen der Gleichberechtigung leben, weil Männer in einer Reihe von Gesetzen rechtlich benachteiligt sind.

Rechtliche Gleichheit ist zudem nicht nur überprüfbar, es ist auch leicht einsehbar, warum sie sich auf Männer und Frauen konzentriert und nicht etwa auf Katholiken und Protestanten, Norddeutsche und Süddeutsche, Zwanzig- und Vierzigjährige oder andere Gruppen. Rechtliche Ungleichheiten beruhten und beruhen nun einmal tatsächlich oft auf der Geschlechtszugehörigkeit, nicht auf anderen der genannten Faktoren.

Warum aber sollten demgegenüber bei der Gleichstellung nur Männer und Frauen in ausgewählten Bereichen entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil repräsentiert sein, nicht auch Katholiken und Protestanten und andere, oder Nord-, Süd-, West- und Ostddeutsche und viele andere Gruppen? Und wenn schon nur Männer und Frauen: warum dann in Aufsichtsräten, nicht aber beim Sorgerecht, nur in Parlamenten, nicht aber in Grundschulen und Kindergärten, nur beim Gehalt, aber nicht bei der Lebenserwartung?

Die Antwort ist leicht: Eine umfassende Gleichstellung aller in allen Bereichen würde jedes System umgehend durch Überfordung stillstellen – Gleichstellungspolitik funktioniert überhaupt nur dann, wenn sie auf einer Auswahl basiert, die notwendig willkürlich bleiben muss.

Das aber ist ein wesentlicher Unterschied. Gleichberechtigung ist überprüfbar, nachvollziehbar, kontrollierbar, die Informationen dazu sind allgemein zugänglich – Gleichstellung aber basiert auf Willkürentscheidungen, und in einer hochkomplexen Massengesellschaft wird sich niemals überzeugend bestätigen lassen, dass zwei gesellschaftliche Gruppen tatsächlich erfolgreich gleichgestellt wurden.

Während aber die Forderung nach Gleichberechtigung traditionell ein leistungsstarker Motor für demokratische Bewegungen ist, ist eine Politik, die auf Willkür basiert, notwendig eine Politik, die von oben und aus privilegierten Positionen heraus betrieben wird. Die Möglichkeit zur Willkür bedeutet nun einmal, Entscheidungen treffen zu können, die zwar alle oder viele betreffen – die aber den Betroffenen gegenüber nicht nachvollziehbar begründet werden müssen. Diese Möglichkeit zu haben ist kennzeichnend für Akteure in Herrschaftspositionen.

Während Feministinnen heute, zumal in den Parteien, in ihrem Selbstverständnis für marginalisierte Gruppen eintreten, ist ihre Politik nur als Politik Privilegierter denkbar. Das gilt nicht nur für Deutschland.

Toby Young hat gerade im britischen Spectator eine Liste wichtiger britischer Feministinnen veröffentlicht, die allesamt auf den teuren Privatschulen ausgebildet wurden:

„Laurie Penny (Brighton College), Zoe Williams (Godolphin and Latymer), Laura Bates (King’s College), Afua Hirsch (Wimbledon High School) and Grace Blakeley (Lord Wandsworth College).“

Das ist nicht nur ein Ad-Personam-Argument, das die Lebensgestaltung von Menschen angreift, um ihre Positionen zu diskreditieren, sondern es sagt auch etwas über die politische Konstellation auf, in der sie agieren.

Denn wenn es ein Vorteil ist, sich öffentlich als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse präsentieren zu können – und wenn soziale Vorteile natürlich vor allem von Menschen in Anspruch genommen werden können, die ohnehin schon privilegiert sind – dann haben gerade gut etablierte, gut vernetzte Akteure eben auch besonders gute Möglichkeiten, sich öffentlich als Opfer und als Benachteiligte darzustellen. Sie haben besseren Zugang zu Medien und anderen wichtigen Institutionen, sie sind ausgebildet im passenden Jargon, haben besseren Zugang zu Informationen, und ihr soziales Kapital ist durch die Bekanntschaft mit Personen, die ihnen Türen öffnen können, deutlich größer.

Die Opfer eines solch schrägen Opfer-Diskurses eines medialen Establishments sind keineswegs nur Männer, und einige Männer können davon gewiss auch profitieren. Die eigentlichen Opfer sind eben die Menschen, männlich wie weiblich, die tatsächlich erhebliche soziale Nachteile erleben, deren Anliegen aber überdeckt werden von anderen Akteuren, deren Möglichkeiten zur effektvollen medialen Selbstinszenierung sehr viel größer sind als ihre.

 

Frau Ministerin Barley exekutiert die Gleichberechtigung

Dass in einer hochkomplexen Massengesellschaft viele unterschiedliche Gruppen, auch Männer, in einigen Bereichen spezifische Benachteiligungen erleben, ist erwartbar und nicht überraschend. Außergewöhnlich aber ist es, dass spezifische männliche Nachteile unter den Bedingungen einer diffusen, sozial geteilten Fantasie einer männlichen Herrschaft kein Thema politischer Diskurse sind. Die Beispiele dafür sind zahlreich und alltäglich, ich beschränke mich aber hier auf zwei aus den letzten Tagen.

Natürlich sind Väter im Sorgerecht weiterhin, und in mehrfacher Weise, benachteiligt. Doch auch in Debatten darüber finden sie keinen Platz. Das Forum Soziale Inklusion, das sich für die Gleichbehandlung von Frauen und Männern einsetzt, hat gerade beim Justizministerium nachgefragt, welche Sachverständigen denn in den ministeriellen Arbeitsgruppen zum Abstammungsrecht und zum Sorge- und Unterhaltsrecht geladen waren. Die Sorge, dass hier Lobbyismus für Mütterinteressen betrieben wird, ist angesichts einer langen Geschichte der Ausgrenzung von Vätervertretern leider begründet.

Das Ministerium verweigerte die eigentlich übliche Auskunft, stellte aber für die Auskunft über die Auskunftsverweigerung 30 € in Rechnung. Auf die Entgegnung, dass aufgrund des öffentlichen Interesses das Verschweigen der Sachverständigen unangebracht sei, reagierte das Ministerium lediglich mit einer Vollstreckungsankündigung.

Das ist nur eines von vielen möglichen Beispielen, in denen Väter aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit aus politischen Entscheidungsprozessen ausgegrenzt werden, die für sie selbst und für ihre Kinder existentiell sind. Dass das Ministerium einer Initiative, die nachhakt, mit höhnisch anmutenden Schikanen begegnet, bestätigt den Eindruck der Willkür demonstrativ.

Natürlich habe ich dieses Bild vorsichtig überarbeitet. Hier findet sich das Original.

Verantwortlich für dieses demokratiefremde Agieren ist die Sozialdemokratin Katarina Barley, die bei Twitter feministische Literatur empfiehlt. Ihren beiläufig platzierten Hohn über alte weiße Männer könnte sich umgekehrt kein alter männlicher Politiker als Hohn über alte weiße Frauen leisten, ohne sich – verdientermaßen – unmöglich zu machen.

In Bremen hat gerade die grüne Senatorin Anja Stahmann durch ihre Sprecherin Dr. Dorothea Steiger ausrichten lassen, dass es ganz in Ordnung gewesen wäre, als ein Mann wegen seiner Geschlechtszugehörigkeit mit seinem Kind von einem Eltern-Kind-Schwimmen ausgeschlossen wurde. Der Mann hatte niemandem etwas getan, sein Kind natürlich auch nicht – aber einige muslimische Teilnehmerinnen hatten sich an seiner Anwesenheit gestört. Steiger und Stahmann berufen sich auf ein Zusammenleben in „gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Achtung“, ohne einen Widerspruch zu ihrem Agieren zu bemerken.

Safe Spaces für Frauen, die von männlicher Anwesenheit gereinigt wurden: In solchen Exerzitien der Geschlechterapartheid trifft sich der moderne Feminismus mit dem reaktionären Islam und fällt selbst noch hinter die katholische Kirche zurück, in deren Gottesdiensten Männer und Frauen immerhin seit langer Zeit zusammensitzen können, ohne dass irgendjemand daran Anstoß nähme.

Es wäre nun leicht, zu erklären, dass jemand, der für Gleichberechtigung und für eine Öffnung von Geschlechterrollen eintritt, heute notwendig Antifeminist sein muss. Tatsächlich ist aber auch dieses Label ebenso plakativ wie inhaltsleer.

Mir fällt schon seit einer Weile auf, dass ich versuche, den Begriff „Feminismus“ zu vermeiden, weil er allzu diffus und widersprüchlich ist. Feminismus steht für Gleichberechtigung und für einen ausdauernden, institutionell gut verankerten Kampf gegen Gleichberechtigung. Feminismus steht für ein Aufbrechen traditioneller Geschlechtererwartungen und zugleich für eine wütende, empörte Betonierung längst überlebter Geschlechterklischees. Feministische Akteure haben den Anspruch, sich für Marginalisierte einzusetzen, und reproduzieren dabei beständig eigene, uneingestandene Herrschaftspositionen, die sie moralisierend ausschmücken.

Feminismus als Pose: Bei den MTV Video Music Awards 2014 präsentierte sich Beyoncé als Feministin. Beim gleichen Auftritt inszenierte sie sich mit uniformen Tänzerinnen, von denen jeweils nur Körperteile – nackte Beine, fast nackte Hintern – im Bild waren. Inmitten dieser weiblichen Objekte konnte die Sängerin als einzige vollständige Person mit erkennbarem Gesicht inszeniert werden. (Quelle)

Der Begriff Feminismus eignet sich in seiner Diffusität und seiner extremen, aber kaum einmal eingestandenen Widersprüchlichkeit weder für eine Analyse sozialer Strukturen noch für klare politische Positionsnahmen – aber er ist ein hochwirksames Instrument, um Frontstellungen zu verhärten und Schützengräben durch die Diskurse zu ziehen. Je nach der Gruppe, in der wir uns gerade bewegen, können wir uns unmöglich machen, wenn wir feministischen Positionen zustimmen oder wenn wir sie kritisieren – völlig unabhängig von der Qualität unserer Argumente, die dann jeweils ohnehin nicht mehr gehört würden. In vielen Kontexten wirken wir auch albern, wenn wir den Begriff Feminismus überhaupt ernsthaft verwenden – sei es nun ablehnend oder zustimmend.

Wie aber lässt sich diese seltsame feministische Flugbahn, mit der wir statt an der Côte d’Azur aus Versehen in Nordgrönland landen, überhaupt erklären? Wie ist es möglich, dass eine politische Bewegung, die als Bewegung für Gleichberechtigung gestartet ist, als Bewegung des Kampfes gegen gleiche Rechte landet? Das lässt sich mit einem kleinen Rückblick auf die letzten Jahrzehnten gut erklären.

 

 

Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich weiß, dass ich von Feminist*innen als Antifeminist rubriziert werde, auch wenn ich selbst mit dem Begriff nichts anfangen kann und auch wenn mir viel an Gleichberechtigung und an der Öffnung von klischeehaften Geschlechtererwartungen liegt. Ich habe ihn auch deswegen ein paar Tage später als in meinem normalen Wochenbeginn-Rhythmus veröffentlicht, weil er zu lang geworden war. Den zweiten Teil mit dem angekündigten Rückblick veröffentliche ich dann zu Beginn der nächsten Woche.

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11 Comments

  • Lucas, ich bin es ja gewohnt dass jeder Artikel von dir von hoher Qualität ist, aber diesmal hast du dich wirklich selbst übertroffen. Das beste was ich in letzter Zeit zum geschlechterthema gelesen habe.

    Bravo!

    Wenn es für deine Artikel ein bezahlabo gäbe hätte ich es schon längst abonniert. Gibt es Möglichkeiten zur Unterstützung?

    • Ich schließe mich an.
      Der Artikel ist der Wahnsinn. Selbst wenn ich ihn mit inhaltlich/thematisch anderen vergleiche ist er wirklich das Beste.
      (Schoppe for Pulitzer!)

      Ich finde die heausgearbeitete Ambivalenz des Begriffs sehr schön herausgearbeitet, vor dessen hintergrund mir tatslich für einige Diskussionen klar wird, warum sie nichts gebracht haben, bzw. im Sande verlaufen sind.
      Auch der Aspekt der Gruppenzugehörigkeit durch zuwenig Ablehnung bzw. Zustimmung finde ich gut dargestellt. (Auch wenn es letztlich im Komplementär gemacht ist).

      Danke für den (ganzen) Artikel

  • @Lucas:

    »Der Feminismus ist hier beim simplen Gegenteil dessen gelandet, was er einst als sein Ziel ausgegeben hat – nicht bei Gleichberechtigung, sondern bei einer strikten Seperation von Menschen, deren individuelles Verhalten anhand ihrer Geschlechtszugehörigkeit ganz unterschiedlich bewertet wird.«

    Ich nenne das den »Treitschke-Feminismus«: mittlerweile ist diese Ideologie auf einem Level der Verallgemeinerung und Verflachung angekommen, auf der sie sich mit dem Satz »Die Männer sind unser Unglück!« vollständig zusammenfassen lässt. Was immer in unserer Zivilisation schiefläuft, kann als »männlich« charakterisiert und Männern zugeschrieben werden. Das ist ziemlich genau die Funktion, die auch der Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts hatte: ob »Kapitalismus«, »Rationalismus«, »Materialismus« oder sexuelle Liberalisierung – das alles ließ sich in der einen oder anderen Weise einem »jüdischen Geist« zuschreiben – heute wird alles das als »männlich« und/oder »patriarchal« charakterisiert, und kaum jemand scheint sich an der Banalität und Ressentimenthaftigkeit dieser Zuschreibungen zu stören.

  • Das aber ist ein wesentlicher Unterschied. Gleichberechtigung ist überprüfbar, nachvollziehbar, kontrollierbar, die Informationen dazu sind allgemein zugänglich – Gleichstellung aber basiert auf Willkürentscheidungen, und in einer hochkomplexen Massengesellschaft wird sich niemals überzeugend bestätigen lassen, dass zwei gesellschaftliche Gruppen tatsächlich erfolgreich gleichgestellt wurden.

    Wobei Gleichstellung als solche keinen sozialen Ausgleich erfordert, da lediglich ein Durchschnitt ermittelt wird. Zumindest theoretisch könnte eine Gesellschaft dem feministischen Ideal nahe kommen und gleichzeitig von extremen Unterschieden zwischen arm und reich geprägt sein.
    Mir haben Feministen schon zu erklären versucht, dass ein männlicher Obdachloser gegenüber einer weiblichen Obdachlosen privilegiert (!) sei, da er nicht mit sexuellen Übergriffen ausgesetzt sei, die Frau aber sehr wohl. Mein Einwand, dass es völliger Blödsinn sei, bei einem Obdachlosen von Privilegien zu sprechen, wurde abgewehrt. Auf der anderen Seite des sozialen Spektrums, bei den gut Verdienenden, der Spitze der sozialen Pyramide, gilt die Frau, die bei einem Grosskonzern im Management einige Hunderttausend pro Jahr verdient als Diskriminierungsopfer, weil dort ein Mann noch etwas mehr kassiert. Was eine solche Denke noch mit linker Politik zu tun hat, die sich doch den Menschen am unteren Ende der sozialen Pyramide annehmen müsste anstatt diese gegeneinander auszuspielen, Solidarität zu zerstören und zu spalten, das bleibt mir ein Rätsel. Ich denke, hier ist der destruktive Kern des Geschlechterkrampfes und der Identitätspolitik ganz allgemein offensichtlich: Es wird mit untauglichen Analysekategorien operiert. Eine vernünftige Gesellschaftspolitik kann damit nicht gemacht werden.

    Feministische Akteure haben den Anspruch, sich für Marginalisierte einzusetzen, und reproduzieren dabei beständig eigene, uneingestandene Herrschaftspositionen, die sie moralisierend ausschmücken.

    Auch in dieser Hinsicht ist Identitätspolitik Gift. Der Ursprung dieser groben Raster, die privilegierte und marginalisierte Gruppen anhand rassischer, geschlechtlicher und sexueller Merkmale postuliert, ist in den USA zu finden. Aufgrund der sich wandelnden Demografie setzen die US-Demokraten auf eine Koalition „Mehrheit der Frauen plus (vor allem) rassische Minderheiten, insbesondere Schwarze und Latinos. Da wird hemmungslos die Rassenkarte von denjenigen gespielt, die sich als die grossen Antirassisten darstellen. Da bleibt für die Republikaner und die Trump-Unterstützer nur noch die Rolle der „white supremacist“. In dieser Auslegeordnung müssen die Reps Rassisten sein, nur so macht die politische Agitation der Dems Sinn.

    • Mir haben Feministen schon zu erklären versucht, dass ein männlicher Obdachloser gegenüber einer weiblichen Obdachlosen privilegiert (!) sei, da er nicht mit sexuellen Übergriffen ausgesetzt sei, die Frau aber sehr wohl.

      Wer sagt das eigentlich? Bzw. was macht deine Feministinnen da so sicher?
      Ach ja, vermutlich der Umstand, dass er es ja auch wollte, sollte er jemals sexuell belästigt und/oder missbraucht werden.

      Ich würde Obdachlosen grundsätzlich erst mal gewisse Defizite in der sonst üblichen Körperhygiene unterstellen wollen, insofern halte ich sexuelle Übergriffe nicht für unmöglich aber eher selten.
      Umso mehr gehe ich aber, nicht zuletzt aufgrund der Schlagzeilen des letzten Jahres, davon aus, dass Obdachlose durchaus häufig Opfer von Gewaltstraftaten werden. Und da meistens Männer, schon allein, weil sie ja zahlenmäßig dominieren.

      Mein Einwand, dass es völliger Blödsinn sei, bei einem Obdachlosen von Privilegien zu sprechen, wurde abgewehrt.

      Lass mich raten. Eine Begründung gab es dafür nicht, ganz zu schweigen von einer sinnvollen Erklärung. 😉

  • „Die seltsame Flugbahn des Feminismus“ — ja, ganz wie ein Bumerang. Die grosse Frage, die jetzt (?) offenbar wird:

    „Wie aber ist es möglich, dass eine politische Bewegung so in Klischees münden kann, die doch ihrem eigenen Anspruch offen widersprechen?“

    Und niemand – insbesondere die Feministen selbst – scheint auch nur zu ahnen, dass sie „Geisterfahrer“ sind. Ich finde das extrem faszinierend.

    „Ich las also schon als Jugendlicher feministische Texte …“

    Ich war davon überzeugt in der besten aller feministischen Welten zu leben, der vollendeten Gleichberechtigung! Typen wie Schwarzer schienen nur Relikte zu sein, die sich durch ihren eigenen Erfolg selbst überflüssig gemacht hatten. Eine Beschäftigung mit dem Feminismus war daher für mich überhaupt nicht interessant. Nur auf eine dringende Empfehlung las ich Badinter, mit Begeisterung, aber mein Vorurteil über den Feminismus vollends bestätigend: dass es dem wirklich nur um Gleichberechtigung ginge. Das grosse Erwachen kam dann ganz plötzlich, einige Zeit nach dem „Aufschrei“. Der Auslöser war eine ganz unbedeutende Sache, an die ich mich nicht mal mehr erinnere. Dann dauerte es allerdings nicht lange die Sache in etwa so zu sehen, wie @djad das oben schilderte. Ich wähnte mich immer an der Côte d’Azur und plötzlich entpuppte sich die Lokalität als Nordnorwegen! Mein Reisebüro war die Partei der Grünen, denen vertraute ich voll und ganz die Tagespolitik an, es gab ja schliesslich Wichtigeres zu tun: die Wissenschaft, Philosophie, Literatur, Kunst und all das, ein Lob auf den Reiseveranstalter und die das ermöglichende parlamentarische Demokratie! Das Erwachen war bitter. Nicht nur fand ich mich an einer völlig trostlosen Destination, viel schlimmer war die Erkenntnis, dass ich mir mein Leben etwas vollkommen Falsches vorgemacht hatte. Und damit einer Entwicklung Vorschub leistete, die ein Ziel ansteuert, welches ich immer als die Dystopie schlechthin ansah, wie sie in zahllosen Romanen, von „1984“ angefangen, beschrieben wurde, die ich alle gelesen hatte und – da das populär war – als geschichtlich abgehakt sah. Es war ja geradezu Mode sich damit auseinanderzusetzen, wie kann denn je noch eine Gefahr von einem Totalitarismus ausgehen?! Man hatte das ja im Wesentlichen verstanden und als noch der Kommunismus von der Weltbühne abtrat, drohte das Paradies, insofern als es höchstens von Langeweile bedroht zu sein schien. Die Bedrohung kam dann aus dem Nichts eines strahenden Kaiserwetterhimmels über New York City. Als guter Linker glaubte ich natürlich alsgleich an eine amerikanische Urheberschaft. Aber dann brach irgendwann mein gesamtes links-alternatives Weltbild über dieser Geschichte ein, ganz wie das Word Trade Center. Der Anlass war die Beschäftigung mit dem Antisemitismus, in allen möglichen Aspekten. Vorher hatte ich den nur als Phänomen des Nazireichs wahrgenommen, wofür ich mich natürlich immer interessiert hatte. Das Verständnis des Antisemitismus half mir dann auch beim Verständnis des gegenwärtigen Feminismus nach dem Erkenntnismoment wie oben beschrieben.

    Ich schreibe das, was es vermutlich noch sehr viele Leute geben könnte, die so vorzeitig aus ihrem „Schlaf“ aufwachen könnten. Vielleicht hilft ihnen das dabei.

  • Satire: Ich will „Frau Renate“ wiederhaben, buhu …

    https://www.youtube.com/watch?v=MEu7Vf5gvZk

    Aber es gibt Hoffnung: „… Dr. Oetker erwägt, die frühere Markenikone „Frau Renate“ zurück in die Werbung zu bringen. Das dürfte polarisieren – denn die alten Werbefilme mit „Frau Renate“ transportieren ein Frauenbild, das heute befremdet.“ Quelle: Lebensmittelzeitung

    Ich denke, bei eventueller Realisierung wird das sicherlich ein riesen Spaß – und befürchte, dass Dr. Oetker dann einknicken wird. Es sind halt nicht solche kampferprobten Jungs, wie die von „True Fruits“ (Schluck im Dunklen)

  • Danke erstmal @Lucas für einen wie immer lesenswerten Beitrag.
    Du schreibst: „Die nervöse Sensibilität James Deans, die Jungenhaftigkeit der Beatles, die langen Haare der Hippies: Das war in meiner Jugend schon längst Vergangenheit, aber es war mir ganz selbstverständlich sehr viel näher als die steife Zackigkeit deutscher Schauspieler der 50er Jahre, die für mich aus einer anderen Welt stammte.“
    Ich habe 1983 das Licht der Welt erblickt und James Dean, die Beatles und die Hippies waren dann in den 1990ern schon längst die Kultur der Eltern. Diese Gegenstände hat man im Schulunterricht als historische Zeugnisse einer vergangenen Zeit kennengelernt. So richtig interessiert hat das niemanden mehr von uns. Mitgenommen hat einige Schulkameraden und mich aber der frühe Tod von Kurt Cobain. Mit der Grunge-Kultur verbinde ich eine Art Mann, der nicht so richtig weiß, was er will, jedenfalls keine Karriere, keinen Geld, keinen Ruhm. Das positive Moment ist bei all der Traurigkeit vielleicht das: Diese Art Mann sucht eine Intensität im Moment, im unmittelbaren Erleben des Seins, und diese äußerlichen Sachen sind dabei eher hinderlich.

    Was ich eigentlich fragen wollte: Woran denkst Du bei der „steifen Zackigkeit deutscher Schauspieler der 50er Jahre“? Weihnachten sehe ich mit der Familie manchmal so alte Filme wie „Drei Männer im Schnee“ oder den „Hauptmann von Köpenick“ und ich fand die dann bisher immer besser, als ich vorher erwartet hätte.

  • Feminismus steht für ein Aufbrechen traditioneller Geschlechtererwartungen und zugleich für eine wütende, empörte Betonierung längst überlebter Geschlechterklischees.

    Das liegt daran, dass sie sich die Vorteile aus beiden Welten erhalten wollen. Sie wollen die Frau aus der Hausfrauenrolle „befreien“ aber zugleich nicht auf die Früchte männlicher Arbeit verzichten.

    Das Paradebeispiel hierfür ist der Unterhaltssklave, der seine Kinder zwar gar nicht mehr sieht, aber dennoch für die Restfamilie zu arbeiten hat. Die althergebrachte, männliche Funktion wird hier mit Staatsgewalt durchgesetzt, eine solche Männlichkeit wird zwangsweise erhalten. Gleichzeitig sollen Frauen die Einschränkungen durch alle Rollenmuster ablegen und Karriere machen, sich selbst verwirklichen. Die privilegierten Frauen sind in Amüsierberufen in vollklimatisierten Büros mit Kaffeemaschinenreichweite unterwegs; Feminismus war schon immer eine sehr elitäre Angelegenheit. Was hat er der Arbeiterin gebracht, die ihre Tätigkeit nicht als „Selbstverwirklichung“ begreift sondern als schlauchende Maloche?

    Feministen haben den Geschlechtervertrag umgeschrieben. Dabei wurden die jeweiligen Nachteile für Frauen gestrichen, aber für Männer erhalten, und die Vorteile für Frauen erhalten und für Männer gestrichen. Und Männer tendieren dazu, diesen Vertrag zu unterschreiben.

    • ich stimme dir voll zu,
      zugestehen muss man aber, dass das kein Problem des Feminismus ist, sondern der Menschen (oder besser der Menschinen) dahinter.
      Wir neigen alle dazu im Vergleich mit anderen erstmal selektiv die Vorteile des anderen mit den eigenen Nachteilen zu vergleichen. Da kommt zwangsweise bei raus, dass es der andere besser hat.
      Als Lehrer kennt Schoppe sicherlich die Diskussionen mit Nicht-Lehrern, wie gut wires als Lehrer doch haben (12 Wochen Urlaub, mittags frei und überbezahlt sind da die klassiker). Seltsamerweise hat noch keiner dem ich es dann angeraten habe selbst Lehrer zu werden es auch nur in betracht gezogen. (Danach ist die Diskussion auch immer beendet.)
      Jetzt könnte man meinen Lehrer wären da etwas weitsichtiger, aber dann kommt der nächste Stundenplan und siehe da, die Kollegen haben immer einen besseren Stundenplan. Bei sich selbst wird dann auf die dreimal Nachmittagsunterricht geschaut und beim Kollegen auf darauf, dass er eben keinen Nachmittagsunterricht hat. Man selbst hat dann aber auch einen Tag keine Unterrichtsverpflichtung und der Kollege dafür an allen Tagen. Letzteres wird dann aber erst wahrgenommen, wenn man den Stundenplan des Kollegen bekommen hat und man sich ja dann gleich wieder beim Planer beschwert, dass man jetzt fünf Tage die Woche zur Schule muss. (Und ich denke, auch das kennt Schoppe).

      Bei den Geschlechterrollen ist das nicht anders.
      Es gab (gibt!) klassische Rollenverteilungen mit Vor- und Nachteilen. Gerade die Gutbürgerlichen Damen waren es, die aber als erste aus dieser Rollenverteilung ausbrechen konnten (aber auch nur, weil ihre Männer in ihren Aufgaben so gut waren, dass entsprechend viel Geld da war, dass die Damen ihre Aufgaben an andere abgeben konnten.) Sie nahmen schließlich einfach nicht mehr wahr, was sie hatten und wollten die Vorteile der Männer.
      Als sie diese dann bekamen, erkannten sie erst, dass damit auch erhebliche Nachteile verbunden sind, gleichzeitig nahmen sie auch wieder ihre alten Vorteile wahr und wollten schlicht beides natürlich ohne die jeweiligen Nachteile.

      Und wie du selbst geschrieben hast, tendieren Männer dazu das zu unterschreiben.

      Und genau so, wird das leider noch sehr lange weitergehen…

  • Ich lese gerade das Buch „Men on Strike: Why Men Are Boycotting Marriage, Fatherhood, and the American Dream – and Why It Matters“ von Helen Smith (2014) und ein Punkt, der in diesem Beitrag berührt worden sind, erscheint mir nun in einem anderen Licht. In Lucas‘ Beitrag wird eine gegen Männer gerichtete Polemik aus der Süddeutschen Zeitung zitiert, in der es heißt:
    „Männlichkeit und Gewalt sind in unserer Gesellschaft so eng miteinander verwoben, dass der Zusammenhang kaum noch erwähnenswert erscheint.“
    Das war anscheinend auf einen bewaffneten Amoklauf bezogen. Die meisten Amokläufe mit halbautomatischen Schusswaffen ereignen sich doch wohl in den USA und danach noch in anderen angelsächsischen Ländern. Ich würde daher nicht so pauschal von „unserer Gesellschaft“ schreiben, da sich ja kulturelle Phänomene nicht immer reibungslos von einem Land auf ein anderes übertragen lassen. Nachdem ich in dem oben genannten Buch von Helen Smith gelesen habe, erscheinen mir die deutschen Geschlechterverhältnisse als vergleichsweise idyllisch. Dem Buch zufolge, ist der Graben zwischen Männern und Frauen dort noch mal viel tiefer, was uns eine Warnung sein mag. Smith schreibt, viele US-amerikanische Männer seien inzwischen sozial völlig entwurzelt, ihrer Gesellschaft entfremdet und hätten kaum noch Kontakt zu anderen Menschen. Der Feminismus habe eine „dog-eat-dog“-Mentalität hervorgebracht, in der das zwischenmenschliche Band der Solidarität zerschnitten sei. In den anderen Menschen und vor allem Männern würden dort keine Partner mehr für eine potentiell produktive und bereichernde Interaktion gesehen, sondern nur noch von düstern Motiven getriebene Perverslinge und Räuber. Die Erfahrung einer solch feindlichen Einstellung trage, so ließe Smith sich zusammenfassen, bei Männern wiederum zu einer gewissen Empathielosigkeit gegenüber den Mitmenschen bei (wer keine Empathie erfahre, sei auch gegenüber anderen Menschen weniger empathisch).

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