Feminismus Grüne Identitätspolitik Moderne/Postmoderne

Feminismus, Judith Butler und der kurze Marsch in die Institutionen

geschrieben von: Lucas Schoppe

Im heutigen Feminismus steht das Selbstbild einer emanzipatorischen, progressiven Politik, die Menschen ein Leben außerhalb enger Geschlechterkorsetts ermögliche, im Widerspruch zu realen politischen Positionen und ihren realen Konsequenzen. In Judith Butlers Theorie, die für die dritte feministische Welle zentral war, werden diese Widersprüche nicht gelöst, sondern zugespitzt.

Dass der Text relativ theorielastig ist, lässt sich bei seinem Thema nicht vermeiden. Ich versuche aber, wann immer es möglich ist, Bezüge zu konkreten politischen Positionen herzustellen, und verlinke zum leichteren Überblick wieder die einzelnen Teile im Inhaltsverzeichnis zu Beginn.

 1. Men Working, Women Complaining? Von der überraschenden Beständigkeit der Geschlechterklischees

2. Judith Butler: Warum Männer binär und Frauen unendlich sind

3. Reinheit, Unschuld, Politik

4. Vom Verschwinden der Erfahrungswelt in ihrer rituellen Entlarvung

Zwischenbilanz: Der kurze Marsch in die Institutionen

 

1. Men Working, Women Complaining? Von der überraschenden Beständigkeit der Geschlechterklischees

Caitlyn Collins, Assistenzprofessorin an der University of St. Louis, hat gerade unbeabsichtigt und eindrücklich demonstriert, wie schnell der Kampf gegen Geschlechterklischees selbst in Geschlechterklischees kollabieren kann. Sie hatte an einer Straßenbaustelle das Warnschild „Men Working“ entdeckt, das zum Schutz der Arbeiter aufgestellt wird, und sprach einen Arbeiter darauf an – offensichtlich verärgert darüber, dass der kurze Warnhinweis Frauen exkludiert.

Der irritierte Arbeiter erklärte ihr auf Nachfrage, dass gar keine Frauen in seiner Crew arbeiten würden, sie deutete an, dass das auch an dem ausgrenzenden Zeichen liegen könnte, woraufhin er nichts mehr sagte und ein verlegenes Gesicht machte. All dies wäre nicht weiter schlimm gewesen, wenn Collins über die Situation nicht auch noch bei Twitter berichtet hätte, einschließlich eines Fotos ihres verärgerten Gesichts neben dem exkludierenden Schild. Sie bekam so viele verärgerte, wütende, aber auch schlicht ironische Antworten, dass sie seitdem ihren Account schützt.

Tatsächlich war es ihr gelungen, einen solchen Reichtum an Klischees in einem kurzen Tweet unterzubringen, als ob darauf irgendein Preis ausgesetzt wäre. Men working, women complaining: Das Mann-Frau-Klischee wird hier durch einen wiederum durchaus typisierenden Schichten-Unterschied vergrößert. Die Assistenzprofessorin versucht den scheinbar unverständigen Arbeiter über eine Problematik seiner Arbeit aufzuklären, bemerkt aber nicht, dass sie die Situation selbst nicht versteht. Die Pointe, dass der Mann am Ende verlegen verstummt, bedient schließlich nicht nur das alte Frau-spricht-Mann-schweigt-Klischee: Möglicherweise bleibt der Mann schlicht deswegen wortlos, weil er höflich einen Satz wie „Fuck off and let us do our jobs“ herunterschluckt, der ihm hier mit einiger Wahrscheinlichkeit auf der Zunge liegt.

Wirkungsvoll wird die Darstellung, weil Collins ihre eigene privilegierte Position überhaupt nicht wahrnimmt, sondern sich durch die Tätigkeit des Arbeiters exkludiert sieht, weil sie zudem lächerlich wenig Skrupel hat, ihn damit zu belästigen, und weil sie die Situation dann auch noch medial ausschlachtet. Sie kommt auch nicht auf die Idee, dass Frauen in der Crew vielleicht deswegen fehlen, weil die härtesten, körperlich anstrengendsten, am meisten gesundheitsgefährdenden Jobs fast durchweg Männerberufe sind  – dass es also an der real zu verrichtenden Arbeit liegen könnte, nicht lediglich an einem sprachlichen Signal.

So wirkt die Situation durch die erstaunliche Differenz zwischen Selbst- und Fremdbild: Collins hält sich für exkludiert, merkt aber nicht, wie sehr sie hier Privilegien ausspielt.

Mit eben solchen Unterschieden zwischen Selbst- und Fremdbild, zwischen verkündeten Absichten und realen Resultaten, beschäftige ich mich hier im Blog gerade in einer kurzen Reihe zum Thema Feminismus. Ich weiß, dass es seltsam und verbissen wirken kann, sich so intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es lohnt sich aber zumindest deswegen, weil es politisch sehr wichtig ist. Die Grünen, mit einiger Wahrscheinlichkeit eine der nächsten Regierungsparteien, haben sich beispielsweise gerade entschlossen zur feministischen Partei erklärt: „ein neuer feministischer Aufbruch quer durch alle Themengebiete,“ so die stellvertretende Parteivorsitzende Gesine Agena.

Das wäre ja gut, wenn es dabei um Gleichberechtigung ginge und darum, dass Menschen aus den Einengungen strikt geschnürter Geschlechterkorsette befreit würden. Tatsächlich aber steht Feminismus heute aber eben zugleich auch für das genaue Gegenteil: für einen Kampf gegen gleiche Rechte und für ein Re-Betonierung von Geschlechterbildern, die eigentlich längst in Bewegung geraten sind.

Im letzten Text hier habe ich zu beschreiben versucht, wie diese Ambivalenz aus den Positionen der zweiten Welle in den Siebziger und Achtziger Jahren zu erklären ist. Im folgenden Text erzählt die Geschichte weiter – zur Auseinandersetzung mit Positionen Judith Butlers, zentrale Figur einer dritten Welle, die sich auf die Beschreibung von Geschlechtern als sozialen Konstruktionen konzentriert.

 

2. Judith Butler: Warum Männer binär und Frauen unendlich sind

„Der kleine Unterschied (und seine großen Folgen)“: Natürlich erhielt der Titel von Schwarzer auch einen Kleiner-Penis-Witz, aber vor allem machte er deutlich, dass relativ begrenzte biologische Unterschiede erhebliche soziale Folgen haben.

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird es“: Diesen klassischen Satz Simone de Beauvoirs, auf den sich natürlich auch Schwarzer bezieht, zitiert Butler direkt in ihrem Schlüsselwerk „Das Unbehagen der Geschlechter“ (Gender Trouble) und radikalisiert ihn dann.

„Nichts in Beauvoirs Darstellung garantiert, daß das Wesen, das eine Frau wird, notwendigerweise weiblichen Geschlechts ist. Wenn ‚der Leib eine Situation ist‘, wie Beauvoir sagt, so gibt es keinen Rückgriff auf den Körper, der nicht bereits durch kulturelle Bedeutungen interpretiert ist.“ (Das Unbehagen der Geschlechter. S. 26)

Verächter Butlers stellen die Idee gemeinhin als absurd hin, dass auch biologische Geschlechtsunterschiede durch kulturelle Bedeutungen geprägt, also sozial konstruiert seien. Dass aber ist für eine Kritik an Butler der falsche Ansatzpunkt.

Denn dass wir mit sozialen Konstruktionen arbeiten, um uns unsere Welt zu ordnen, ist eine ganz plausible Idee, die spätestens mit den Soziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann in der 1966 erschienen Schrift „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ ausbuchstabiert wurde. Grundsätzlich gehen Sozialkonstruktivisten davon aus, dass wir unsere Welt nicht unmittelbar sinnvoll geordnet wahrnehmen, sondern dass wir Strukturen im Kopf haben, mit denen wir unsere Wahrnehmung ordnen, Relevantes von Irrelevantem unterscheiden und bereits gemachte Erfahrungen auf neue Situationen anwenden können.

Ein wichtiger Bezugspunkt, auch für Berger/Luckmann, ist die pragmatische Theorie George Herbert Meads. Um sinnvoll handeln, die Erfahrungen anderer nutzen und mit anderen interagieren zu können, reicht es nicht, dass wir jeweils unsere ganz eigenen Konstruktionen haben. Wir brauchen auch gemeinsame Konstruktionen – Konstruktionen der Wissenschaft ebenso wie Konstruktionen, mit denen wir unsere Alltagswahrnehmung strukturieren und unsere alltägliche Erfahrung organisieren.

Wenn wir also Menschen anhand biologischer Unterschiede in Männer und Frauen einteilen, dann ist das natürlich eine soziale Konstruktion. Das aber bedeutet eben nicht, dass die Geschlechtsunterschiede nur scheinhaft wären – sondern es bedeutet, dass wir mit solchen Unterscheidungen einigermaßen sinnvoll agieren und interagieren können.

Eben in diesem Punkt aber unterscheidet sich Butler radikal vom gängigen Sozialkonstruktivismus. Für sie sind soziale Konstruktionen keine notwendigen Instrumente alltäglichen Handelns, sondern Inszenierungen zur Reproduktion von Macht, in denen sich – wie sie im Anschluss an Luce Irigaray formuliert – „die Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie“ (Unbehagen, 33) äußern.

Die „Aneignung und Unterdrückung des Anderen“ stünde, als eine der Taktiken dieser maskulinen Bedeutungs-Ökonomie, „hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, im Dienste der Ausdehnung und rationalen Rechtfertigung des ‚Gebiets der Männlichkeit‘“ (Unbehagen, 34)

Was aber soll das heißen?

Materialien aus einem deutschen Rathaus, als Bestandteil der Mitmach-Ausstellung zur Frage „Wer braucht Feminismus?“ der Heinrich Böll Stiftung

Männlichkeit und Macht sind bei Butler auf doppelte Weise verknüpft, formal und inhaltlich. Die „Konstruktion des Geschlechts als Binarität, als hierarchische Binarität“ (Unbehagen, 216) setze inhaltlich Männlichkeit hierarchisch über die Weiblichkeit. Schon dass aber überhaupt eine binäre Ordnung in die reichhaltige Wirklichkeit hineingeschrieben wird, erscheint bei Butler als Gestus männlicher Machtreproduktion.

Weiblichkeit hingegen assoziiert Butler mit einer Unendlichkeit, die sich diesen Ordnungen entzieht. Das „unbeschränkbare et cetera“ biete sich „als neuer Ausgangspunkt für die feministische politische Theorie an.“ (Unbehagen, 210) Ganz gleich, wie ausdauernd aufgezählt würde, wofür Frauen stünden, es gäbe immer noch mehr – „et cetera“. Damit bezieht sich Butler gegen Ende ihrer Schrift auf deren Anfang zurück.

Ein Feminismus nämlich, der die „Kategorie ‚Frau(en) als kohärentes festes Subjekt“ (Unbehagen, 21) zu seinem Ausgangspunkt nimmt, bestätigt aus ihrer Sicht daher eben gerade die Ordnung, die eigentlich kritisiert werden soll. Da das, was eine Frau ist, Konstruktion einer „maskulinen Bedeutungs-Ökonomie“ ist, reproduzieren Feministinnen diese Ökonomie ungewollt, wenn sie Frauen als selbstverständlichen Ausgangspunkt ihrer Politik ansehen – anstatt einzusehen, dass

„die Kategorien ‚weiblich‘/‘männlich‘ bzw. ‚Frau‘/‘Mann‘ beide in gleicher Weise innerhalb des binären Rahmens produziert werden.“ (Unbehagen, S. 46)

Was aber Butler so als Öffnung des theoretischen Rahmens ins Unendliche hin, in einen unerschöpflichen Reichtum der Möglichkeiten („et cetera“) hinstellt, ist tatsächlich eine radikale Verengung.

 

3. Reinheit, Unschuld, Politik

Denn natürlich, da hat sie recht, können soziale Konstruktionen auch Herrschaftsinteressen dienen. Werden sie aber ganz darauf reduziert, und wird die Fülle anderer Funktionen für Handeln und Interaktion ausgeblendet, dann ändert sich der Charakter sozialer Konstruktionen. Sie erscheinen dann nicht mehr als Instrumente, die wir alle brauchen, um mit unserer Welt zurechtzukommen – sondern bloß noch als Inszenierungen und Legitimationen von Machtverhältnissen, die als solche entlarvt werden müssen.

In ihrer späteren Schrift „Excitable Speech. A Politics of the Performative“ von 1997 (auf Deutsch dramatisierend mit “Haß spricht” übersetzt) schreibt Butler über die „unreinen Begriffe“ gängiger Diskurse, die anfällig dafür seien, „unerwartet wieder unschuldig zu werden.“ (Haß, S. 227) Diese religiös anmutende Wortwahl ist kein Zufall. Wenn soziale Konstruktionen Macht reproduzieren und legitimieren, dann sind sie in diesem Sinn schuldig und unrein – aber das Entlarven und Subvertieren dieser Begriffe schafft demgegenüber einen unerwarteten Raum der Reinheit und der Unschuld.

So ist Butlers Theorie in ihrer Zielrichtung eigentlich ein Anti-Sozialkonstruktivismus, dessen positive Perspektive darin besteht, in der Kritik sozialer Konstruktionen eine unschuldige Reinheit freizulegen, die eben nicht mehr durch soziale Konstruktionen geprägt ist. Dadurch, dass sie diese Reinheit mit Weiblichkeit assoziiert, während die entlarvten sozialen Konstruktionen als Teile einer maskulinen Ökonomie dastehen, kollabiert Butlers Theorie in eben der simplen binären Geschlechterordnung, die zu „hinterfragen“ sie vorgibt.

Feminismus als Chiffre für alles, was irgendwie positiv ist, unendlich fortsetzbar: Der Mitmach-Bereich der Ausstellung

„Universalität“, „Freiheit“, „Gleichheit“, „Gerechtigkeit“: Diese Begriffe, auf die Butler sich an der zitierten Stelle bezieht, würden „auf dem Ausschluß von Frauen oder Farbigen beruhen“ – so skizziert sie im Anschluss an den britischen Historiker und Soziologen Paul Gilroy zumindest den Begriff „Universalität“. (Haß, 226) Sie könnten aber wieder rein und unschuldig werden durch Wiederaneigungen in einer subersiven Sprache und mit dem Ziel, „diejenigen Gruppen in die Begriffe der Moderne mit einzubeziehen, die diese traditionell ausgeschlossen haben“ (Haß, 227)

Nun stimmt es durchaus, dass Philosophen und Politiker, die sich auf „Universalität“ beriefen, damit wiederholt vor allem an weiße Männer dachten. Berühmt ist Olympe de Gouges Kritik an der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789, weil Frauen darin ausgeschlossen würden – eine Kritik, die sich auf die Logik der kritisierten Menschenrechte stützen konnte.

Eben das aber ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Begriffen wie dem der „Menschenrechte“ oder dem der „Universalität“ und einem rassistischen Begriff wie etwa dem des „Herrenmenschen“. Wer von universellen Menschenrechten spricht und  dabei bloß Männer und Weiße meint, produziert dabei notwendig leicht erkennbare Widersprüche.

Die angeführten Begriffe der Moderne enthalten daher selbst schon die Möglichkeit, einen eingeschränkten Gebrauch zu kritisieren – diese Kritik wird nicht erst durch subversive Sprachspiele der Postmoderne möglich. Die – fälschlich, übrigens – als männlich und weiß präsentierte politische Philosophie der Moderne drängt von sich aus schon auf ihre Kritik, und sie war niemals ein selbstgerecht in sich ruhender Machtblock, der erst durch feministische Einsprüche in Bewegung geriet.

Wie aber ist es möglich, dass Butler, und ganz offenbar ohne es zu merken, so mit schroffen binären Klischees agiert?

 

4. Vom Verschwinden der Erfahrungswelt in ihrer rituellen Entlarvung

Ein wesentlicher Grund ist sicherlich, dass sie ihre Theorie von einer empirischen Basis abkoppelt. Sie bezieht sich auf andere Diskurspositionen, auf Freud, Lacan, Foucault, Irigaray, Monique Wittig und andere, führt diese Positionen weiter – aber sie fragt an keiner Stelle, ob die angeblich maskuline Bedeutungs-Ökonomie, die soziale Machtpositionen reproduziere, tatsächlich mit empirisch nachweisbaren männlichen Privilegien belegt werden könnte.

Das ist erstens rhetorisch durchaus geschickt. Denn wenn die angebliche männliche Macht immer schon vorausgesetzt und niemals belegt wird, dann entsteht damit unweigerlich der Eindruck, dass hier auch gar nichts belegt werde müsse – als ginge es um Selbstverständlichkeiten, die ohnehin niemand sinnvoll anzweifeln könne.

Zweitens ist die Empirie-Ferne aber auch konsequent. Es geht Butler schließlich darum, die binären Ordnungen zu kritisieren, die unserer Alltagswahrnehmung ebenso zu Grunde liegen würden wie wissenschaftlichen Positionen. Kurz: Ihr Ziel ist nicht, ihre Theorie empirisch zu überprüfen – sondern umgekehrt, jede Empirie mittels ihrer Theorie hinterfragen zu können.

Das ist denn auch ein wesentlicher Unterschied zwischen Butler und Alice Schwarzer, deren Buch „Der kleine Unterschied (und seine großen Folgen)“ im vorangegangenen Text analysiert wurde. Schwarzer bezieht sich noch auf konkrete Erfahrungen, greift auf Interviews mit einzelnen Frauen zurück – und gerade deshalb werden bei ihr auch Bruchlinien sichtbar: Die Perspektiven von Männern bleiben ebenso ausgeblendet wie die von Frauen, die halbwegs sinnvoll mit Männern kooperieren können.

Butler hingegen hat sich so weitgehend von empirischen Daten distanziert, dass bei ihr alles scheinbar glatt aufgeht. Erst mit Aufwand, nämlich mit Bezügen auf andere Theoretiker, wird deutlich, was bei Butler auf der Strecke bleibt.

Das ist tatsächlich kein Beitrag zur Ausstellung, ergänzt aber mindestens eine Perspektive, die dort fehlt. (Quelle)

Nach George Herbert Mead können wir uns unserer selbst nur dann bewusst werden, wenn wir uns selbst aus der Perspektive der anderen wahrnehmen. Wir brauchen die Erfahrung mit den Perspektiven anderer auf uns selbst, um überhaupt eine eigene Perspektive formulieren zu können. (Mind, Self, and Society, 138)

Bei Butler hingegen bleibt diese Perspektivübernahme aus – denn es geht ja eben nicht um die Übernahme anderer Perspektiven, sondern um die subvertierende Kritik an ihnen. Das hat Folgen.

Wer sich ganz von empirischen Erwägungen distanzieren kann, muss pragmatischen Handlungszwängen weitgehend enthoben sein. Denn wer handeln muss, muss sich auch mit eben der Welt beschäftigen, in der er handelt – und wer solchen Handlungszwängen enthoben ist, braucht andere, die ihm diese Zwänge abnehmen. Diese Privilegien ihrer eigenen Position, die sich unverkennbar auch in einem spezifischen hermetischen akademischen Jargon ausdrücken, geraten Butler an keiner Stelle in den Blick. Während sie über „Strategien der subversiven Wiederholung“ (Unbehagen, 216) bestehender Ordnungen nachdenkt, reproduziert sie Privilegien, für die sie blind bleibt.

Als Kern einer dritten Welle des Feminismus ist Butlers Philosophie aber nicht nur eine akademische Fingerübung von mehr oder weniger großer Überzeugungskraft, sondern zugleich auch Rahmen und Legitimation politischer Positionsnahmen und Institutionalisierungen. Sie prägt bis heute die Gender Studies, zumal in der Tendenz, Hypothesen nicht durch empirische Daten zu überprüfen, sondern Empirie auf eine Illustration unbezweifelter Überzeugungen zu reduzieren. Der „Grievance Studies Hoax“, bei dem Gender Studies durch eine Reihe von absichtlich absurden Forschungstexten bloßgestellt wurden, wäre ohne diese Tendenz nicht möglich gewesen.

Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Trans- und Intersexualität. Dass Transsexualität in den vergangenen Jahrzehnten in den Fokus geschlechterpolitischer Überlegungen rückte, lässt sich mit dem winzigen Anteil Transsexueller an der Bevölkerung eigentlich kaum begründen. Transsexuelle können aber, da sie die binäre „Zwangsordnung“ (Unbehagen, 22) zu unterlaufen scheinen, als Avantgarde einer Menschlichkeit erscheinen, die sich von dieser Ordnung befreit hat.

Transsexualität wird damit zum politischen Symbol, zum Vorschein eines irgendwie reineren, unschuldigeren Menschseins. Wie abgehoben das von empirischen Untersuchungen ist, hat die amerikanische Wissenschaftlerin Alice Dreger in ihrem Werk „Galileo’s Middle Finger“ beschrieben, das sich an mehreren Beispielen mit der politischen Einflussnahme auf die Wissenschaftsfreiheit auseinandersetzt.

Obwohl Dreger für die Rechte Trans- und Intersexueller aktiv war, sich zum Beispiel gegen Operation von Kindern engagierte, die mehrere Geschlechtsmerkmale besaßen, wurde sie zum Ziel wütender Angriffe von Aktivisten. In ihren Forschungen beschrieb sie nämlich pragmatische Gründe für Transsexualität, die mit ihrer politisch-symbolischen Aufladung nicht vereinbar waren.

Es mag ja sein, dass eine Mutter das so wahrnimmt, wie es hier eine Mutter aufgeschrieben hat. Warum sie überhaupt nicht auf die Idee kommt, dass es aus der Perspektive der Väter ganz anders aussehen könnte – und warum stattliche Institutionen solche Einseitigkeiten kommentarlos verbreiten: Das würde ich trotzdem gern wissen.

Das Desinteresse an einer Auseinandersetzung mit empirischer Wirklichkeit zeigt sich auch in politischen oder juristischen Entscheidungen. Die Transfrau Karen White beispielsweise hatte als Mann („formerly known als David Thompson“) viele Jahre lang sexuelle Überfälle auf Kinder und Frauen begangen – wurde aber nun, da er/sie sich als Frau identifizierte, in ein Frauengefängnis gebracht – und überfiel dort, wenig überraschend, wieder Frauen.

Warum aber ist die Selbstwahrnehmung eines Menschen selbst in solch einem extremen, nach außen hin absurd anmutenden Beispiel so entscheidend, während die Wahrnehmung durch andere als illegitim, als bedrohlich, gar als kriminell erscheint, auch wenn sie offensichtlich gute pragmatische Gründe hat?

Bei Twitter beispielsweise wurde der Account einer Feministin gesperrt, weil sie eine Transfrau nicht als Frau wahrnehmen wollte.  Martina Navratilova wurde als Vertreterin einer „Anti Trans-Ideologie“ hingestellt, weil sie sich aus Gründen sportlicher Fairness gegen eine Beteiligung von Trans-Frauen am Damentennis ausgesprochen hatte.

Warum ist die Selbstzuweisung der Geschlechtszugehörigkeit so entscheidend, während es absurd erschiene, wenn Menschen sich in ähnlicher Weise ihr Alter, ihre Hautfarbe oder ihren Gesundheitszustand zuweisen würden?

Der Gedanke, in der Geschlechterordnung würden sich basale Machtstrukturen ausdrücken, und die unterschwellige Sehnsucht nach Unschuld münden in einer seltsamen, zwanghaft anmutenden Fetischisierung von Geschlechterkategorien. Zugleich münden sie in einer erstaunlich selbstverständlichen Selbstbezüglichkeit: Denn da die sozialen Ordnungen unrein wären, ließe sich Reinheit zwangsläufig nur im Rückzug aus diesen Ordnungen finden.

So wie sich mittelalterliche Mönche intensiv und ruhelos mit Möglichkeiten der Sünde beschäftigten, um die Welt von der Sünde zu befreien, so setzen sich Aktivisten und andere Interessierte heute mit Geschlechterzuschreibungen auseinander, als ob ihre beständige Entlarvung den Weg in einer unschuldige Zukunft eröffnen würde. Gender-Debatten erscheinen als Generalschlüssel, um jedes beliebige Feld der Politik aufschließen zu können.

So erst wird auch der grüne Anspruch verständlich, jedes politische Feld feministisch bearbeiten zu wollen. So erst lassen sich denn auch Bildungspläne erklären, die Schulen vorschreiben, bei jeglichem Thema Geschlechterthemen einzubinden.

Wie sehr diese Position ihrerseits stillschweigend und selbstverständlich uneingestanden soziale Privilegien reproduziert, illustriert auch die kleine Aktion der aus erheblichen Steuermitteln finanzierten Heinrich Böll Stiftung. In einer Sonder-Mitmach-Ausstellung „Wer braucht Feminismus?“ bewirbt sie Feminismus als Mittel zu einer Gesellschaft,  „die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt akzeptiert“ (aus dem Geleitwort zum Begleitheft), und platziert die Ausstellung, zum Beispiel, im örtlichen Rathaus.

Das Selbstverständnis, „kritisch gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse zu hinterfragen“, mündet darin, sich von eben diesen Strukturen präsentieren, repräsentieren und finanzieren zu lassen.

 

Zwischenbilanz: Der kurze Marsch in die Institutionen

Judith Butlers Anspruch, eine binäre Geschlechterordnung zu dekonstruieren, kollabiert seinerseits in lang bekannten Geschlechterklischees, bei denen Männlichkeit mit Macht, Unreinheit, Schuld und Kontrollbedürfnissen, Weiblichkeit mit Ohnmacht, Reinheit, Unschuld und Subversion assoziiert werden.

Der Anspruch, damit ein  Instrumentarium zur Überprüfung und Subvertierung beliebiger empirischer Aussagen zur Verfügung zu haben, tritt dabei an die Stelle des Anspruchs, Hypothesen empirisch zu überprüfen. Die Theorie fixiert sich ganz auf Sprache, auf Diskurse und ihre Analyse – während die Analyse ökonomischer Verhältnisse, die für eine klassische Linke noch zentral war, in den Hintergrund gerät oder allenfalls als Bestätigung des Immer-schon-Gewussten gebraucht wird (etwa in der Behauptung, Care-Arbeit werde marginalisiert – die zu untersuchen ein Thema für eine eigenen Text wäre).

Zugleich drücken sich in der faktischen Befreiung von Handlungszwängen, ohne die diese Theorie nicht möglich wäre, soziale Privilegien aus. Insgesamt hat die Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit überwiegend die bürgerliche Frauenbewegung aus der ersten Jahrhunderthälfte fortgesetzt, während die proletarische Frauenbewegung fast ohne Weiterführung blieb.

Mit Butler distanziert sich der Feminismus dann ganz von dem Anspruch, massenwirksam sein zu können, und konzentriert sich auf eine Verankerung in den Institutionen. Zugleich dient er damit der Legitimation institutioneller Herrschaftspositionen.

Ein deutscher Rathausflur – einer von vielen

Es ist ein Zeichen für die mangelhafte Fähigkeit der deutschen – und insgesamt der westlichen – Linken zur politischen Analyse und Debatte, dass sie so rückwärtsgewandte und elitäre politische Positionen nicht deutlich kritisiert, stattdessen Kritiker umstandslos als „rechts“ rubriziert und Selbstzuschreibungen als „emanzipatorisch“ und „progressiv“ kritiklos übernimmt.

 

Literatur, soweit sie nicht verlinkt ist:

Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main 1991

Judith Butler: Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin 1998

Peter L. Berger/Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt am Main 2003

Alice Dreger: Galileo’s Middle Finger: Heretics, Activists, and One Scholar’s Search for Justice, London 2015

George Herbert Mead: Mind, Self, and Society from the Standpoint of a Social Behaviorist, hrsg. von Charles W. Morris, Chicago 1967

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61 Comments

  • Die Texte von Butler sollen nahezu unverständlich geschrieben sein, sagt man. Meine Bewunderung gilt nicht nur Deinem verständlichen (!) Text, sondern auch Deiner Fähigkeit, Butler gelesen und verstanden zu haben! Danke! 🙂

    • @ Klaus Butler knüpft an einen Jargon an, der nach meinem Eindruck eigentlich eher in der französischen Philosophie als in angloamerikanischen Texten üblich ist. Es geht aber, sich darauf einzustellen – ich fand z.B. Texte von Derrida sehr viel rätselhafter und sperriger als die von Butler (aber am seltsamsten Heidegger, auch wenn ich bei dem manchmal nicht wusste, ob der eigentlich ernst meint, was er schreibt, oder ob er sich gerade parodiert). Ich vermute, der gewollt-rätselhafte Jargon französischer Poststrukturalisten hat auch etwas mit der besonderen Situation zu tun, dass sich in Frankreich das intellektuelle Leben in Paris enorm ballt – so dass alle etwas Außergewöhnliches bieten müssen, um sich gegenüber anderen irgendwie auszuzeichnen.

      Bei Butler finde ich es besonders schwer, dass sie eigentlich nur im Kontext verständlich ist und einzelne Zitate von ihr sehr missverständlich sein können, wenn dieser Kontext nicht klar wird. Ein Beispiel. In „Das Unbehagen der Geschlechter schreibt sie an einer Stelle (S. 209):

      „Das feministische ‚Wir‘ ist stets nur eine phantasmatische Konstruktion, die zwar bestimmten Zwecken dient, aber zugleich die innere Vielschichtigkeit und Unbestimmtheit dieses ‚wir‘ verleugnet und sich nur durch die Ausschließung eines Teils der Wählerschaft konstituiert, die sie zugleich zu repräsentieren sucht.“

      Das klingt deutlich danach, dass Feministinnen viele Frauen gar nicht vertreten würden, die zu repräsentieren sie vorgeben – und das ist ja eine ganz realistische Einschätzung. Es ließe sich auch leicht sagen, was dagegen zu tun wäre: Sie könnten einfach viele unterschiedliche Frauen fragen, was denn aus ihrer Sicht geschlechtsspezifische Probleme von Frauen sind und ob einige davon nur politisch gelöst werden können. Daran könnte feministische Politik dann justiert werden.

      Bei Butler spielen solche empirischen Erhebungen aber keine Rolle. Sie würde auch nicht einfach Frauen fragen – weil Frauen als Ausgangspunkt des Feminismus zu setzen aus ihrer Sicht ja ohnehin eine heterosexistische Ordnung reproduzieren würde. Es geht Butler nicht um reale politische Probleme von Frauen, die sich durch Feminismen nicht repräsentiert fühlen – sondern um Diskusstrukturen, die nicht vorzeitig festgelegt werden sollen. De facto geht es darum, lesbische Frauen ebenso einzuschließen wie Transfrauen und andere – es geht darum, offenzuhalten, für wen sich der Feminismus eigentlich einsetzt – und damit dann auch den Diskurs nicht frühzeitig festzulegen.

      Das aber ist sehr viel abstrakter als der einfache Gedanke, dass man doch schlicht mal Frauen fragen könnte, wo sie denn spezifische Probleme sehen.

      Ich bin mittlerweile überzeugt, dass gerade diese Abstraktion für viele den eigentlichen Reiz bei Butler ausmacht. Auf diese Weide kann eine ganz allgemeine Grundstruktur – der Gedanke einer maskulinen Herrschaftsökonomie, die sich in einer heterosexistischen Ordnung reproduziere – immer wieder und beliebig neu gefüllt werden. Eigentlich ist Butler Theorie eine Aufforderung, sämtlichen sozialen Daten als Ziechen dafür zu interpretieren, dass Frauen marginalisiert und eingeengt würden.

      Dass Arne Hoffmanns ungeheuer faktenreiches „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ überhaupt keinen Widerhall fand, lag auch daran, dass sich Geschlechterpolitik längst in einer solch hohlen Abstraktion eingerichtet hat. Ihre Protagonistinnen sind an empirischen Daten gar nicht interessiert, jedenfalls nicht an ihnen ALS empirische Daten – also als Informationen über eine gemeinsame Wirklichkeit, die eine Änderung bestehender Überzeugungen nahelegen können. Diese Art des Feminismus braucht Daten immer nur als Bestätigung des längst Gewussten – und blendet Daten aus, die dazu nicht passen.

  • Martina Navratilova wurde als Vertreterin einer „Anti Trans-Ideologie“ hingestellt, weil sie sich aus Gründen sportlicher Fairness gegen eine Beteiligung von Trans-Frauen am Damentennis ausgesprochen hatte.

    Hier zeigt sich, wie eine Ideologie, die absolut gesetzt wird, am Denken hindert. Spitzensport ist niemals inklusiv, sondern selektiert erbarmungslos nach Leistung, eine Leistung, die wiederum nur mit geeigneten genetischen Voraussetzungen erreicht werden kann. Für geschätzte 99.99 % aller Männer ist es selbst bei optimalem Training unmöglich, die 100 m in zehn Sekunden zu laufen, weil sie nicht die genetischen Voraussetzungen dazu haben. Spitzensport ist vieles, aber ganz sicher nicht inkludierend.

    Was Judith Butler anbelangt, so sieht sie Sprache als Werkzeugkasten, um subversiv zu operieren und „Gewissheiten“ in Frage zu stellen. Meine Auffassung aber ist, dass Sprache primär der Verständigung und nicht der Manipulation dient. Wer einmal Judith Butler gelesen hat, der weiss, dass für sie die Sprache ganz gewiss kein Mittel der Verständigung ist. Es ist eine Qual, sie zu lesen und es ist zumindest für mich in grossen Teilen unverständlich.

    • Zum Sportthema: die Sache mit der Leistung an sich ist ja schon das eine. Aber diese rigorose Infragestellung geschlechterspezifischer Aufteilungen hat ja noch ganz andere Folgen. Wenn man sich Bilder anschaut, von sich „als Frau verstehenden“ Männern, die dann im Frauenhandball oder Frauenrugby mitspielen… Da sind dann eigentlich im Vergleich mit Ottilde-Normalbürgerin schon durchaus gut durchtrainierte Frauen, die aber immer noch wie Rehkitze wirken im Vergleich zu so einem Bullen. Und das alles in Vollkontaktsportarten! Da wird zur Befriedigung politischer Ideologien mit der Gesundheit von Menschen gespielt. Und die sollen dann natürlich brav die Schnauze halten, weil sie ja eh nur privilegierter Cis-Genderabschaum sind und ansonsten geshitstormt werden.

      Das ist doch wirklich alles nur noch reiner Irrsinn; der aber natürlich logisch konsequent ist, wenn man berücksichtigt, dass dahinter eine Ideologie steht, die selbst die Existenz biologischer Geschlechter an sich in Abrede stellt. Und da wird es dann eben als Unterdrückung nicht heteronormativer, nonbinärer Menschen empfunden, wenn man es einem biologischen Mann mit 150 Kilogramm Körpermasse – fast alles natürlich nur Muskeln – verwehrt, Vollkontaktsportarten im professionellen Frauenbereich nachzugehen, wo er es mit im Schnitt 80 bis 100 Kilogramm schweren Frauen zu tun bekommt, nur weil er sich selbst als Frau definiert.

  • Warum man Judith Butler und ihre wirren Thesen nicht mit einem liebevollen „Weib, du spinnst“ aus den Universitäten gelacht hat, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Diese Frau hat, wie man so schön sagt, offensichtlich ein oder zwei Schrauben locker 😉

    Danke Lucas für die gewiss anstrengende Auseinandersetzung und die gelungene Dekonstruktion (hahaha!) mit diesem Irrsinn.

  • Sehr schön Logikfehler und Widersprüche in dieser Theorie aufgezeigt. Die Ausführungen zur intelektuellen Verflachung des linken Politspektrums kann ich nur noch unterschreiben. Simpelste Widersprüche und Inkonsistenzen zwischen Theorie und Realität werden verdrängt. Ein echtes Armutszeugnis.

  • Zuerst einmal: Herzlichen Dank und Respekt für den hervorragenden Beitrag. My Two Cents:

    Ich kann Butler – obwohl ich Akademiker bin – ebenfalls nicht lesen, weil ich ihre Texte nicht verstehe. Noch nicht einmal übersetzt, geschweige denn im Original. Ihre Sprache dient erstens der Immunisierung gegen Kritik (ich kann nicht etwas fundiert kritisieren, wenn ich es nicht verstehe) und zweitens der Ausgrenzung. Arbeiter und Migranten haben höchstwahrscheinlich nicht den Hauch einer Chance, ihre Positionen und Gedanken auch nur zu formulieren.
    Drittens täuscht ihre bewusst komplizierte Sprache eine akademische Qualität vor, die ihre Arbeiten (wie die Gender Studies insgesamt) eben gerade nicht haben.

    • Ich bin schon seit meiner Schulzeit überzeugt, dass jemand, der sich nicht verständlich ausdrückt, was verbergen möchte.

  • LS: „… unterscheidet sich Butler radikal vom gängigen Sozialkonstruktivismus. Für sie sind soziale Konstruktionen keine notwendigen Instrumente alltäglichen Handelns, sondern Inszenierungen zur Reproduktion von Macht …“

    Mir kommt es vor, als sei der wesentliche Unterschied des Sozialkonstruktivismus-Begriffs von Butler hier verloren gegangen. Für Butler besteht die gesamte Welt, Wirklichkeit, Realität (oder wie man auch immer die Gesamtheit der Welt bezeichnen will) nur und ausschliesslich aus sozialer Konstruktion. Die Welt ist für Butler nur eine magisch-esoterische Inszenierung eines nackten Willens ohne eine Realität ausserhalb oder unabhängig davon.

    Man missversteht Butler nur allzu leicht, weil man gar nicht erwartet, ein derart primitives und absurdes magisches Denken als zentrale Methode der Butlerischen Denkens vorzufinden. Vereinfacht gesagt lautet sie: „ich bin der Ansicht, dass die Dinge so und so sind, also habe ich recht.“ Daher geht dieses Denken immer von dem radikalstmöglichen Subjektivismus aus und beruft sich auf eine existenzielle und nicht zu hinterfragende Erfahrung. Die im Zweifel natürlich vollkommen ausgedacht sein darf.

    Dass so ein Denken gar keine anderen Standpunkte mehr einbezieht, ja einbeziehen kann, und direkt zu einem abgehobenen Absolutismus führt, sollte vollkommen klar sein! Die „Erkenntnis“, dass es nur die reine Macht ist, die die Dinge bewegt und alle „sozialen Konstrukte“ wie „Realität“, „Wirklichkeit“ oder gar „Wahrheit“ nur feindliche und bösartige Zwecklügen führt direkt in die eigene Willkür des Denkens und Handelns.

    Das Denken Butlers führt ganz direkt in den politischen Totalitarismus. Es ist fanatisch, fatalistisch, manichäistisch und apokalyptisch. Es ist das typische Denken des Rechtsextremismus, zutiefst irrational und radikal subjektiv. Was man damals um die Vorstellungen von „Rasse“ und „Nation“ zelebrierte, das geschieht dank Butler jetzt um den Begriff „Geschlecht“.

    Das ist mEn die Erklärung, warum das linke Denken aus der politischen Linken verschwand. Es wurde durch rechtes Denken ersetzt, nahezu widerstandslos. Butler ist in dieser Geschichte der poitischen Transformation aber nur ein Rad im Getriebe. Sie hat nur besonders radikal ausgestaltet, was längst so vorgedacht war.

    Dass radikaler Subjektivismus ein extrem beliebtes Herrschaftsinstrument abgibt, dürfte ja jedem sofort einleuchten und warum der Feminismus ein ideales Menschenbild eines aufziehenden Neofeudalismus liefert, auch.
    Ganz sicher ist diese politische Einstellung nicht mehrheits- und demokratiefähig und wird diese abschaffen müssen, um sich durchzusetzen. Die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts durch die „Gleichstellung“, die derzeit läuft, ist so ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

    • Sehr gut. Ich schlage vor, die Sünden von Linken – sobald die Sünde allzu schwer wird – nicht den Rechtsextremismus zuzuschlagen, sondern sie bei den Linken zu belassen.

      Ist Rechtsextremismus radikal subjektiv? Das Konzept des Volkes ist es jedenfalls nicht, auch nicht der Raum, den ein Volk benötigt und auch nicht der Rassebegriff.

      • „Volk“ und „Rasse“ sind natürlich Kategorien, die an sich nicht von einem radikalen Subjektivismus abhängen, genauso wenig wie der Begriff „Geschlecht“. Geschichtlich aber wurden diese Begriffe erst durch radikalen Subjektivismus zu dem, wie sie heute erscheinen — pseudowissenschaftlich begründet, komplett irrational und völlig an den Haaren herbeigezogen. Wie die Theorie von den „Ariern“, die am ähnlichsten der Butlerischen Theorie von den „Nichtgeschlechtlichen“ ist.

        Aus praktischen Gründen verleugnet der radikale politische Subjektivismus seine Natur. Er tut immer so, als hätte er die Wahrheit schlechthin für sich gepachtet, leugnet aber gleichzeitig im Abstrakten die Möglichkeit der Existenz einer Wahrheit. Für den Rassisten sind die Rassen die oberste Realität und für die Sexisten wie Butler ist das Geschlechtliche Mass aller Dinge. Unverzichtbar ist auch das mänichäistische Denken, die Idee einer Reinheit gegen das Böse, Unreine — der Arier von heute ist Frau (oder noch besser Geschlechtsloser).

  • Immerhin haben deine Texte den Vorzug, komplizierte Konzepte des theoretischen Feminismus unter die Leute zu bringen. Sie sind gut lesbar und erhalten dadurch regelmäßig Lob. Leider fehlt zwar nicht die analytische Schärfe, oft die begriffliche Konsequenz.

    Der notwendige Schluss zu Judith Butler hätte sein müssen: die Methode der soziale Konstruktion hat abgewirtschaftet und ist unhaltbar. Judith Butler hat sich dieser Methode vor 50 Jahren bedient, als sie gerade in Mode war (-> einer der letzten Ausläufer der Sprachwende in den Sozial- und Geisteswissenschaften).

    Du schreibst:

    „Wenn wir also Menschen anhand biologischer Unterschiede in Männer und Frauen einteilen, dann ist das natürlich eine soziale Konstruktion. Das aber bedeutet eben nicht, dass die Geschlechtsunterschiede nur scheinhaft wären – sondern es bedeutet, dass wir mit solchen Unterscheidungen einigermaßen sinnvoll agieren und interagieren können.“

    Der erste Satz sagt explizit, dass biologische Unterschiede nicht real, sondern konstruiert seien. Dies ist exakt die Aussage von Judith Butler, mit dem Unterschied, dass sie von dir stammt. Der erste Halbsatz des zweiten Satzes sagt, das die Unterschiede nicht konstruiert seien, sondern real. Die Synthese dieses Widerspruchs geschieht im zweien Halbsatzes ist nach man tau, dass, da, alle Menschen die Methode des Konstruktion verwendeten ( -> Abbildung des Realen auf das Scheinhafte), um miteinander agieren und kommunizieren zu können, sei das Geschlechtliche im Diskurs nicht eine unnötige Zufälligkeit, weil, wenn der Diskurs über die Ursprungsmenge (Biologie) der Abbildung (Mann/Frau) reden wolle, er diese dafür notwendig abbilden (konstruieren) müsse und dann gar nicht anders kann, als über Mann und Frau zu reden.

    Judith Butler könnte auf diese Synthese folgendermaßen antworten:

    „man tau, du hast vollkommen recht: tatsächlich ist alles konstruiert. Damit deine Synthese einen Sinn macht, musst du noch einen Schritt weitergehen. Du verwendest ein Mittel des herrschenden Geschlechterdiskurs, wenn du die Abbildung des Biologisch-Geschlechtlichen auf Mann und Frau innerhalb des Konstruktionsvorganges zulässt. Dein Zulassen magst du vielleicht als liberal oder empirisch verstehen, das ist es aber nicht. Du sagst ja selbst in deinem ersten Satz, alles sei konstruiert, also menschengemacht, durch seinen Willen, sein (Unter-) Bewusstsein gesteuert. Das bedeutet aber, der Diskurs ist durch Macht gesteuert. Das ist völlig logisch. Du musst diesen Zirkel akzeptieren. Wenn du das nicht tust, dann sagst du, es gäbe Wesentliches. Dieser Standpunkt ist aber vorreflektiv und naiv. Dann müsste es ja auch Gott geben, weil der ist ja das Wesentlichste überhaupt. Also: es gibt keine Biologie. Die ist konstruiert. Das ist alles ganz logisch und zwingend, vorausgesetzt, du glaubst an die Wesentlichkeit der Konstruktion und das tust du ja offensichtlich.“

    Die Idee ist hier, dass Menschen ein Mittel verwenden (Konstruktion), um miteinander zu agieren. Das Mittel sei formbar und flexibel, wie eine mathematische Funktion, die ein A auf ein B abbilde. Die Abbildung sei willkürlich, woraus folgt, dass es auch die Konstruktion sein müsse, also zum Beispiel die Abbildung biologische Menschen auf Männer und Frauen. Diese Abbildung hätte viele weitere, zu ihr adäquate Abbildungen (Konstruktionen) im Gepäck, die eine Gesamtkonstruktion des Männlichen und Weiblichen ergäbe.

    Der moderne Standpunkt muss sein:

    1. es gibt Reales
    2. es gibt Wesentliches. Es kommt darauf an, das Wesentliche zu finden.
    3. Geschlecht ist wesentlich

    Das heißt, weil es hier um eine Standpunktfrage geht, dass das Reale, Wesentliche, Geschlecht auch Gegenstand des Willens und damit der Macht oder der Konstruktion ist. Aber die Konstruktion spiegelt sich im Realen. Die Konstruktion erzeugt nicht das Reale. Dieser Ansatz ist viel fruchtbarer, als das zirkuläre, inzestuöse Konstruktionsgelaber von Judith Butler.

    Dein Satz:

    „Wenn wir also Menschen anhand biologischer Unterschiede in Männer und Frauen einteilen, dann ist das natürlich eine soziale Konstruktion“

    hat meiner Einschätzung nach den Fehler, dass es das Wort „ist“ zur Gleichsetzung von Biologie und Konstruktion verwendet. Das ist ein Lapsus, der einem schnell passiert, wenn man mit zirkulären Konzepten arbeitet. Außerdem wirkt das Attribut „natürlich“ zusätzlich unpassend.

    Vielleicht hätte man den Satz so sagen können:

    Wenn wir also Menschen anhand biologischer Unterschiede in Männer und Frauen einteilen, dann geschieht das notwendig mit den Mittel der sozialen Konstruktion, die versucht, die empirische Biologie in Worte zu fassen.

    • Sehr richtig. Ich frage mich schon lange, warum niemand die Sozialkonstruktivisten fragt, wie man sich denn die Existenz der konstruierenden Instanz (Gesellschft; „Diskurs“) erklären kann, ohne auf irgendwie empirische Erklärungen naturwissenschaftlich/biologischer Art zurück zu greifen. Marx war da schon weiter.

      • Esoterik und Mystizismus a la Butler haben sich noch nie um Meta-Erklärungen geschert. Die Erkenntnis besteht nur im „Einswerden“ des Innen mit dem Aussen, ist also eine *Geisteshaltung*. „Listen and Believe!“
        Und wenn du dem nicht folgst, dann bist du der Feind, das Problem.

      • Meine persönliche, zugegeben einigermassen steile These ist, dass der Radikalkonstruktivismus im Kern faschistisch ist. Indem jede Aussage sich an keiner denkbaren, auch nur angenäherten Objektivität messen lassen muss, bleibt als letztes und einziges Mittel nur die Macht, die Macht, die eigene Deutung als Wahrheit zu etablieren und gegen alle Widerstände, auch wenn diese wohlbegründet sind, durchzusetzen.
        Operieren sie denn nicht genau so, die Radikalkonstruktivisten, die sich mittlerweile vollständig – vor allem und zuerst sich selbst – dekonstruiert haben?
        Ich möchte hier betonen, dass sich mein Faschismusbegriff sich nicht einfach als politisch links oder rechts einordnen lässt, sondern als links oder rechts ausgekleidet in Erscheinung tritt.

        Ich frage mich schon lange, warum niemand die Sozialkonstruktivisten fragt, wie man sich denn die Existenz der konstruierenden Instanz (Gesellschft; „Diskurs“) erklären kann, ohne auf irgendwie empirische Erklärungen naturwissenschaftlich/biologischer Art zurück zu greifen.

        So etwa wie Objektivität, auch nur das Bemühen um eine solche, gibt es bei den RK nicht. Wahrheit wird produziert und etabliert von denjenigen, die die Macht dazu haben. Genau das nenne ich den Kern des Faschismus.

        • Sehe ich ganz genauso: Faschismus ist die Doktrin der alleinigen Gültigkeit der reinen und unbedingten Macht – das ist sein Kern. Das wird ganz besonders deutlich bei den Gottkaisern Roms, auf die sich der moderne Begriff „Faschismus“ ja ausdrücklich bezogen hat.

          Es scheint Foucault gewesen zu sein, der diese Idee von der letzthinnigen und absoluten Wirksamkeit der Macht in die moderne Geisteswelt gebracht hat. Als weitere Verantwortliche sehe ich den Existenzialismus und den dialektischen Materialismus. Letzterer könnte der Grund sein, warum das Foucaultsche faschistische Machtbegriff überhaupt den Weg in die politische Linke gefunden hat.

          • https://de.wikipedia.org/wiki/Macht/Wissen

            „Macht/Wissen bilden in der Theorie Michel Foucaults zwei miteinander verflochtene Konzepte. Beide betonen damit die enge Bindung von Macht und Wissen aneinander. Für Foucault ermöglicht extensiveres und detaillierteres Wissen neue Möglichkeiten der Kontrolle, die wiederum die Möglichkeiten für weitere Nachfragen und Offenlegung, und damit weiteres Wissen ermöglicht. Auch wenn Macht und Wissen nicht identisch sind, verfügen sie über zahlreiche gemeinsame Elemente. In Überwachen und Strafen schreibt er: ..dass es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert.“

        • Foucaults links-nietzscheanischer Machtbegriff ist m.E. eine der großen Errungenschaften seines Werkes und ziemlich genau das, was man braucht, um die postmoderne Political Correctness zu überwinden.

          Wie ich schon häufiger erwähnte, sollten linke Political-Correctness-Kritiker sich meiner Ansicht nach für eine Forschung und Theoriebildung zu den Themen Macht und Diskriminierung einsetzen, die tatsächlich wissenschaftlich und d.h. ERGEBNISOFFEN UND KONTEXTBEZOGEN ist. Wie eine solche Forschung und Theoriebildung m.E. aussehen könnte, hatte ich u.a. hier kurz skizziert:

          https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/12/23/gastartikel-leszek-darueber-wie-eine-echte-ungleichheits-und-diskriminierungsforschung-aussehen-kann/

          Dafür braucht es die Abwendung von einem schematischen Machtverständnis, wie es von politisch korrekten Linken und extremen Feministinnen vertreten wird, also eine Abwendung von dem einseitigen, dualistischen Schema „Gruppe x ist stets privilegiert, Gruppe Y ist stets diskriminiert“.

          Ein Verständnis von Macht und Diskriminierung, das bewusst ergebnisoffen und kontextbezogen vorgeht, ist m.E. mit allen freiheitlich-linken Theorie-Traditionen gut vereinbar (z.B. mit egalitär-liberalen, neomaxistischen oder anarchistischen Theorien), aber am prägnantesten und explizitesten ist ein solches Verständnis von Macht von Michel Foucault entwickelt worden.
          Und genau deshalb sollte Michel Foucaults Machttheorie m.E. bei einer theoretischen Überwindung der Einseitigkeiten und Beschränktheiten des politisch korrekten Denkens auch ins Zentrum gestellt werden. Michel Foucault ist DER Theoretiker der Überwindung eines einseitigen, schematischen Machtverständnisses (und es ist m.E. höchste Zeit, dass sein Machtbegriff auch stärker in diesem, von ihm intendierten Sinne, genutzt wird).

          Meine Ausführung sollten sollte allerdings nicht als prinzipielle Ablehnung anderer ernsthafter wissenschaftlicher/philosophischer Machttheorien aufgefasst werden, (z.B. bei Max Weber, Hannah Arendt, Elias Canetti etc.), vielmehr sollte man m.E. bei jeder Machttheorie, die gut begründet ist, schauen, welche Teilwahrheiten es dort gibt und für welche Kontexte diese jeweilige Machttheorie für ein vertieftes Verständnis spezifischer Machtphänomene brauchbar ist. Aber für eine Überwindung des schematischen Machtverständnisses zeitgenössischer politisch korrekter Linker ist Foucaults Machttheorie m.E. am besten geeignet. Ohnehin war Foucault in seiner Spätphase ein starker Kritiker jeder Form von Political Correctness.

          Das folgende Zitat von Michel Foucault hatte ich schon einmal auf diesem Blog gepostet:

          „Ich glaube – jedenfalls ist das der Sinn der Analysen, die ich vornehme (…), dass wir Machtbeziehungen nicht schematisch betrachten dürfen, auf der einen Seite jene, die Macht haben, und auf der anderen jene, die keine haben. (…) Dieser Dualismus findet sich bei Marx niemals, wohl aber bei reaktionären und rassistischen Denkern wie Gobineau, (…).
          Die Machtbeziehungen sind überall. Allein schon die Tatsache, dass Sie Studentin sind, versetzt sie in eine bestimmte Machtposition. Andererseits bin ich als Professor gleichfalls in einer Machtposition. Ich bin in einer Machtposition, weil ich keine Frau bin, sondern ein Mann. Und als Frau sind Sie gleichfalls in einer Machtposition, nicht in derselben, aber wir beide sind gleichermaßen in einer Machtposition. (…)
          Interessant ist (…) wie die Maschen der Macht in einer Gruppe, einer Klasse, einer Gesellschaft funktionieren, das heißt, wo sie jeweils im Netz der Macht lokalisiert sind und wie sie Macht ausüben, sichern und weitergeben.“

          (aus: Michel Foucault – Die Maschen der Macht, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften, Vierter Band 1980 – 1984, Suhrkamp, 2005, S. 244)

          Auch bei anderen französischen Poststrukturalisten gibt es z.T. interessante Passagen zur Kritik eines schematischen Machtverständnisses.
          An dieser Stelle noch ein Zitat von Roland Barthes hierzu.

          Barthes Machtbegriff überschneidet sich in einigen Aspekten mit dem von Foucault, ein großer Unterschied ist aber, dass Barthes den Begriff Macht mit einer negativen Wertung verbindet, während er bei Foucault erstmal neutral und deskriptiv ist. Bei Foucault kann also nur aus dem jeweiligen Kontext heraus begründet werden, ob Macht hier negativ oder positiv zu beurteilen ist.
          Dafür verbindet Barthes sein Verständnis von Macht mit dem Erzeugen von Schuldgefühlen und diesen Aspekt kann man – vgl. hierzu auch die Kritik an irrationalen Über-Ich-Funktionen bei dem von mir geschätzten Tiefenpsychologen Wilhelm Reich – ebenfalls ausgezeichnet zur Kritik jeder Form von Political Correctness verwenden, ist doch Political Correctness vor allem eines, das Erzeugen irrationaler Über-Ich-Funktionen:

          https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/10/31/gastartikel-was-ist-political-correctness/

          Roland Barthes:

          „Die moderne „Einfalt“ spricht von der Macht, als ob sie einzig wäre: auf der einen Seite jene, die sie besitzen, auf der anderen Seite jene, die sie nicht besitzen (…) Und wenn die Macht in der Mehrzahl vorkäme, wie die Dämonen? „Mein Name ist Legion“, könnte sie sagen: überall, auf allen Seiten, Vorgesetzte gewaltige oder winzige Apparate, Gruppen der Unterdrückung oder zur Ausübung von Druck; überall „autorisierte“ Stimmen, die sich selbst autorisiert haben, dem Diskurs jeder Macht Gehör zu verschaffen: dem Diskurs der Überheblichkeit. Wir ahnen jetzt, dass die Macht in den feinsten Mechanismen des gesellschaftlichen Verkehrs gegenwärtig ist: nicht nur im Staat, in den Klassen, den Gruppen, sondern ebenso in den Moden, gängigen Meinungen, Schauspielen, Spiel- und Sportveranstaltungen, Informationen, familiären und privaten Beziehungen bis hin zu den befreienden Aufschwüngen, durch die versucht, wird sie in Frage zu stellen: ich nenne Diskurs der Macht, jeden Diskurs, der Schuld erzeugt und infolgedessen Schuldgefühle bei dem, der ihn aufnimmt.“

          (aus: Roland Barthes – Lecon/Lektion, Suhrkamp, 1980, S. 15)

          • Aber für eine Überwindung des schematischen Machtverständnisses zeitgenössischer politisch korrekter Linker ist Foucaults Machttheorie m.E. am besten geeignet.

            @ Leszek

            Siehst du, darum sind mir die Marxisten doch wesentlich lieber, weil sie verstehen, dass sich Macht in einer kapitalistischen Gesellschaft primär vom Besitz des Kapitals ableitet. Das ist zwar nicht die ganze Wahrheit, legt den Fokus aber auf den wirkunsvollsten Faktor. Deine Franzosen aber mit ihren Ideen, die sie sicherlich in einer Pariser Spelunke, vernebelt von den Dämpfen der glimmenden Gauloises ersonnen haben, zerfleddern das Machtgefüge so grundsätzlich, so dass es völlig vage und unbestimmt wird.
            Ich verstehe deine Begeisterung für sie nicht. Wo bleibt die materielle Basis bei all dem? Sie verschwindet hinter einem Schwall von Worten und wird zu einem Faktor unter vielen anderen.

            Die Machtbeziehungen sind überall.

            Genau, und wenn sie überall sind, dann sind sie nirgends.

          • Sorry, ich sehe nicht, wie Foucault dem Vorwurf des Relativismus entgehen kann, s. oben von mir angeführtes Zitat. Eine politische Praxis im Sinner der Linken, also im Sinne der Interessen aller und nicht irgendwelcher privilegierter Gruppen, kann nicht ohne einen Begriff objektiver Wahrheit auskommen.
            Wenn man nun sagt, die Unterdückten haben ein anderes Interesse als die Mächtigen und deshalb kann es keinen für beide gleichermßen gültigen Begriff von Wahrheit geben, dann hat es sich damit. Warum sollte das Interesse der Unterdrückten legitimer sein als das der Unterdrücker? Selbst wenn erstere die Macht erobern, ändern sich nur die herrschenden Personen, nicht die Machtverhältnisse.

            Wie Habermas sagt: „.“Wenn es aber nur noch um die Mobilisierung von Gegenmacht, um fintenreiche Kämpfe und Konfrontationen geht, stellt sich die Frage, warum wir denn dieser im Blutkreislauf des modernen Gesellschaftskörpers zirkulierenden allgegenwärtigen Macht überhaupt Widerstand leisten sollten, statt uns ihr zu fügen…. Sobald man aber versucht, den wortstarken Anklagen gegen die Disziplinarmacht die implizit verwendeten Maßstäbe abzugewinnen, begegnet man bekannten Bestimmungen aus dem explizit zurückgewiesenen normativistischen Sprachspiel.“ (Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 333/4)

          • Ergänzend noch dies, auch von Habermas:

            „Foucaults Konzept der Macht erlaubt einen geschichtsphilosophischen, erkenntnisprivilegierenden Begriff der Gegenmacht nicht. Jede Gegenmacht bewegt sich schon im Horizont der Macht, die sie bekämpft, und verwandelt sich, sobald sie siegreich ist, in einen Machtkomplex, der eine andere Gegenmacht provoziert. … Jedenfalls kann er für sein Wissen keine Überlegenheit nach Maßgabe von Wahrheitsansprüchen geltend machen, die lokale Übereinkünfte transzendieren würde. … Es gibt für ihn keine „richtige Seite“. (a.a.o., S. 330/1)

          • Die Macht ist kein intellektueller Wert und wenn jemand wie Foucault (oder andere dieser Nietzscheaner) die Macht ins Zentrum allen Intellektuellen stellen will, dann ist er kein Intellektueller, sondern will die Intellektualität zugunsten pragmatischer Machtpolitik ins Abseits schieben.

            Foucault ist ein intellektueller Verräter und ein geistiger Faschist.

            Ideen sind immer nur so machtvoll wie sie wahr sind! Die Wahrheit ist daher immer der Leitstern der Linken gewesen und man wusste, dass sie die höchste und gleichzeitig nobelste Macht verkörpert, vor der die weltliche Macht nichts ist.

    • @quellwerk:

      Die Idee ist hier, dass Menschen ein Mittel verwenden (Konstruktion), um miteinander zu agieren. Das Mittel sei formbar und flexibel, wie eine mathematische Funktion, die ein A auf ein B abbilde. Die Abbildung sei willkürlich, woraus folgt, dass es auch die Konstruktion sein müsse, also zum Beispiel die Abbildung biologische Menschen auf Männer und Frauen.

      Interessant.
      Die Genderfeministischen Ideologen verstehen nicht den Unterschied zwischen x, f und f(x), also zwischen Argument, Funktion und Funktionswert, bzw. zwischen Domain, Funktion und Image.

      Aber was will man von Leuten deren mathematischer Horizont bei Addition und Divison endet (gender pay gap = Mittelwert) auch anderes erwarten…

    • „alles sei konstruiert, also menschengemacht, durch seinen Willen, sein (Unter-) Bewusstsein gesteuert.“ Tatsächlich sind Konstruktionen viel einfacher, selbstverständlicher – so selbstverständlich, dass es fast peinlich ist, darüber lange zu sprechen oder schreiben.

      Wenn z.B. Biologen mit Klassifikationen von Pflanzen oder Tieren arbeiten, dann sind das natürlich Konstruktionen. Die Lebewesen kommen ja nicht mit Schildern auf die Welt, auf denen alles festgehalten ist. Ihre Einteilung in Klassen, Arten etc. ist eine menschlich konstruiert.

      Aber eben: Es ist nicht einfach Ausdruck eines Willens und auch nicht beliebig. Es gibt unterschiedlich funktionale Klassifikationsprinzipien. Es ist wichtig, zu unterscheiden, welche Eigenschaften wichtig für die Klassifikation sind und welche vernachlässigt werden können. Das geschieht in der Auseinandersetzung mit der realen Welt und unter der Bedingung realer Handlungszwänge.

      Dass etwas irgendwie „nicht wirklich“ oder bloß Ausdruck eines subjektiven Willens wäre, weil es konstruiert ist – das wäre ungefähr so, als wenn wir sagen würden, dass Häuser nicht real sind, weil sie ja schließlich von einem Architekten entworfen, also konstruiert wurden. Und auch hier gilt natürlich: Konstruktionen können nicht beliebig sein, wenn sie zugleich noch eine halbwegs pragmatische Funktion zu erfüllen haben. Ein Architekt, der das Dach unten und das Fundament im achten Stock anbringt, macht etwas falsch, so sehr diese Konstruktion auch Ausdruck seines Willens sein mag.

      Mein Punkt bei Butler ist nun: Sie agiert in einer Situation, in der ihr die Funktionalität von Konstruktionen TATSÄCHLICH weitgehend egal sein kann. Es ist nämlich eine Position, in der ihr pragmatische Handlungszwänge von anderen abgenommen werden. Daher kann sie sich auch auf die Diskurse konzentrieren, auf sprachliche oder allgemein zeichenhafte Systeme, als ob die keinen Bezug außerhalb ihrer selbst hätten.

      Natürlich: Auch eine Diskursanalyse kann sehr vernünftig und lohnend sein, solange klar bleibt, dass nicht die ganze Welt bloß aus Diskursen besteht, sondern dass diese Analyse immer nur ein Teilsystem im Blick hat. Es ist typisch für einen akademischen Kontext, Diskurse absolut zu setzen – denn sich selbst in den Fach-Diskursen zu positionieren, ist so ziemlich der einzige Handlungszwang, der dort noch übrig bleibt. Alles andere erledigen andere.

      Deshalb ist es mir so wichtig, mit Butler nicht gleich die ganze Idee sozialer Konstruktionen zu verdammen. Wenn wir akzeptieren, dass soziale Konstruktionen als Instrumente der Auseinandersetzung mit der Welt reale Funktionen erfüllen – und wenn wir feststellen, dass von dieser Funktionalität bei Butler nichts übrig bleibt außer einer diffusen Machtunterstellung – dann lässt sich daraus auf die hochprivilegierte Position eines Menschen schließen, dem andere den Zwang abnehmen, funktional agieren zu müssen.

      In diesem Sinne ist Butlers Theorie eine unreflektiert elitäre Ideologie, weil sie eben die Zuarbeit anderer (um im Jargon zu bleiben:) unsichtbar macht, ohne die sie gar nicht existieren könnte.

  • Das Butlersche Denken ist in diesem Aufsatz recht gut kritisiert :
    https://www.jehsmith.com/1/2018/01/gender-trouble-as-anthropocentric-idealism.html

    Zitat: „The concrete sexed human body is, alongside volcanoes, worms, etc., a thing of nature– unless, that is, you are an idealist and you think there is no such thing as nature at all. But in any case, the sexed human body, the volcano, and the worms, whether ‘constructs’ or natural objects, can only have the same ontological status– unless, that is, you are a human exceptionalist.

    Which brings us to our second point. Let’s take a purportedly natural object that is somewhat closer to a human, in the classical scale of being, than it is to a volcano: the male of some species of anglerfish (e.g., Haplophryne mollis). It is several times smaller and vastly weaker than its female counterpart. In order to mate, the only option it has is to bite into the side of the female’s body, to pass its seminal material into her blood stream, and then slowly to wither away, eventually becoming a tiny appendage of its polyandrous spouse.

    Now, is there anything ‘constructed’ about this? Anglerfish sexual dimorphism is extreme, but it is not different in principle from that of mammals. And if we insist that anglerfish reproduction is just a natural fact, while human sex and sex difference is ‘constructed’, then we are more or less explicitly claiming that human beings are not animals alongside others, but that their essence is non-natural in origin. … Biology may not be exclusive destiny, but it does dictate the terms under which the will is free to do its work.“

    • Ich habe mal gedeepLet:
      „Und wenn wir darauf bestehen, dass die Fortpflanzung von Seeteufel nur eine natürliche Tatsache ist, während das menschliche Geschlecht und die Geschlechtsunterschiede „konstruiert“ sind, dann behaupten wir mehr oder weniger ausdrücklich, dass der Mensch kein Tier neben anderen ist, sondern dass sein Wesen nicht-natürlichen Ursprungs ist. …. Die Biologie ist vielleicht kein exklusives Schicksal, aber sie diktiert die Bedingungen, unter denen der Wille frei ist, seine Arbeit zu tun.“

      Mein Reden seit immer!
      Von wg. „Krone der Schöpfung“ und so, … facepalm!
      Insofern hat Kutschera durchaus recht mit dem direkten Kreationismusvergleich.

      • Den Kreationisten fällt aber nicht ein, dass die Wissenschaft ein reines Teufelswerk ist, um die Schöpfung zu verleumden. Das sagt nur die Gender-„Wissenschaft“ und Konsorten. Es ist ein erheblicher Unterschied, ob man pseudowissenschaftlich oder antiwissenschaftlich ist, das hat Herr Kutschera leider nicht kapiert.

  • Ich bin wiederum sehr angeregt von der präzisen Analyse des Artikels und von den zahlreichen Gedankengängen in den Kommentaren. Hier meine Interpretation, ergänzt mit einer kleinen Provokation:

    Wir erleben die Geburtsstunde einer neuen Religion. Wie immer ist die Triebfeder einzig der Profit weniger. Das Rezept ist altbewährt. Viele Zutaten sind bereits im Topf:
    – Symbiose von weltlicher und kirchlicher Macht, von Klerus und Adel.
    – Ausbeutung der Massen durch Fronarbeit.
    – Herzlosigkeit gegenüber den Massen.
    – Inkaufnahme von massiven Wohlstandsverlusten für die Massen.
    – Rückkehr hinter die Aufklärung.
    – Verherrlichung des Irrationalen.
    – Unterdrückung von Meinungsvielfalt.
    – Ablehnung von selbstständigem Denken.
    – Demontage von demokratischen Strukturen.
    – Gesinnungszwang.
    – Glaubensbekenntnisse.
    – Beschämung am Pranger.
    – Deutungshoheit über das Böse.
    – Schuld und Sühne.
    – Redaktion der Heiligen Schrift.
    Und weil das alles zusammen nicht genügt, Menschen sind aber auch gar eigensinnig und kreativ:
    – Die uneingeschränkte Kontrolle über die Sexualität. Missbrauchstoleranz innerhalb der eigenen Stände inbegriffen.

    Die Heilige Schrift muss natürlich speziell kryptisch sein, weil die Literalität heute recht hoch ist. Die fetten Bonzen sind nun Frauen, das ändert wenig am Gesamtergebnis. Im Klerus streiten jetzt die Weibchen um die Exegese und ein paar beflissene Männchen haben sich schon ihren Platz am Futtertrog gesichert. Die breite Masse der Menschen, Männer und Frauen, werden die Betrogenen sein. Die Frauen sind reines Stimmvieh, bis die Macht gefestigt ist.

    Triggerentwarnung: Ich bin kein Marxist, nur weil ich den Begriff «die Massen» verwende. Ich glaube auch nicht an die grosse Verschwörung. Es scheint im System Mensch zu liegen, dass er in Gruppen Machtstrukturen anlegt. Da ist er fix mit Seilschaften und egoistisch motivierter Kooperation. Es geht um die Kontrolle der Macht, und diese Kontrolle ist in unseren Staaten institutionell geregelt. Es liegt an uns.

    Ich bin auch kein Pessimist. Die westlichen Demokratien sind einer hohen Belastungsprobe ausgesetzt. Wie gross diese tatsächlich ist, wird man wohl erst im Rückblick feststellen können. Es braucht den Zusammenschluss aller demokratischen Kräfte, unabhängig vom Geschlecht und von politischen Positionen in Detailfragen, wenn der Rückfall ins Mittelalter abgewendet werden soll. Bei der Gesamtheit der Männer ist das Bewusstsein um politische Zusammenhänge leider auch viel zu gering, aber doch höher als bei den Frauen. Wir haben in der Gesamtheit viel weniger vom süssen Gift der leistungslosen Grundversorgung abgekriegt und sind deshalb fit genug, uns auch dieser Aufgabe zu stellen.

    Zum Schluss sattle ich mein schnelles Pferd und sage noch: Liebe Geisteswissenschaftler, mistet euren Augiasstall endlich aus.

  • Der Fehler, der in den Arbeiten von Butler steckt, ist dem Typus nach auch schon von Pierre Bourdieu beschrieben worden: es ist »der Anspruch des Theoretikers auf den absoluten Standpunkt«: »Die Übertragung eines nicht objektivierten theoretischen Verhältnisses auf die Praxis, die man objektivieren will, ist Ursache einer ganzen Reihe wissenschaftlicher Fehler, die alle miteinander zusammenhängen.« (Bourdieu, Sozialer Sinn, S. 55 f.) Das ist genau das, was Lucas beschreibt: die Art, wie Butler die »sozialen Bedingungen der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis« (a.a.O.) ausblendet. In Lucas‘ Worten:

    »Wer sich ganz von empirischen Erwägungen distanzieren kann, muss pragmatischen Handlungszwängen weitgehend enthoben sein. Denn wer handeln muss, muss sich auch mit eben der Welt beschäftigen, in der er handelt – und wer solchen Handlungszwängen enthoben ist, braucht andere, die ihm diese Zwänge abnehmen. Diese Privilegien ihrer eigenen Position, die sich unverkennbar auch in einem spezifischen hermetischen akademischen Jargon ausdrücken, geraten Butler an keiner Stelle in den Blick.«

    Das ist kein spezifisch feministischer Fehler, aber ein Fehler, dem nicht zu erliegen man jeder sich selbst als »kritisch« verstehenden Theorie zumuten muß. Feministisch ist daran die besondere Art, die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht als privilegierten Standort der Erkenntnis zu inszenieren, ohne zu realisieren, dass sich darin nichts anderes als der soziale Standpunkt der bürgerlichen Akademikerin ausdrückt.

    So wie Claude Lévi-Strauss und Ferdinand de Saussure (die Bourdieu hier ursprünglich im Blick hatte) die logische Struktur ihrer Modelle der Verwandtschaft respektive der Sprache gegenüber dem praktischen, strategisch ausgerichteten Umgang mit Sprache und Verwandtschaft verabsolutieren, so verabsolutiert der butlersche Feminismus die Bedeutung des von ihr analytisch konstruierten binären Geschlechtermodells für die Praxis des Umgangs der Geschlechter miteinander. Und wie bei jenen, so geht auch bei dieser letztlich um eine Form von intellektueller, bildungsbürgerlicher Macht, nämlich um »die Forderung nach einer auf Vernunft gegründeten Macht über die infolge der parteiischen Einseitigkeit ihrer partikulären Standpunkte zum Irrtum und damit zur Unvollkommenheit verdammten schlichten Normalbürger.«

    Die Macht, die Butler überall am Werke sieht, übt sie daher als diskursive Macht selbst aus, und so liegt – wie auch Lucas anmerkt – eine wichtige Pointe ihrer Theorie in dem, was sie selbst diskursiv unsichtbar machen will, nämlich (a) die Biologie und (b) jede ihrem Modell zuwiderlaufende Empirie.

    • Das ist eben das Problem; diese sich selbst genügenden Theorien bleiben ja nicht im akademischen Elfenbeinturm, sondern sie erheben den Anspruch, die Welt in ihrem Sinne zu verändern. Das geschieht über Politik und Medien und wirkt in das Alltagsleben aller hinein, über Vergabe staatlicher Gelder, über Lehrpläne, über Gesetzgebung.

      Und wenn das dann mit der Realität kollidiert im Sinne von Fehlschlägen und Widerstand der betroffenen Gruppen, wird eben nicht noch mal nachgedacht oder ein Kompromiss gesucht, sondern nur der Druck erhöht. Wer weiß wo das noch hinführt….

  • Ach ja, von mir auch noch mal Lob an dich, Lucas, für diese „Feminismus-Trilogie“. Wirklich schön, wie es dir gelungen ist, kritisch auch auf die neuzeitlichen Bereiche dieser Ideologie einzugehen, die sich – wohl nicht ganz unbeabsichtigt – allein schon durch die Verwendung einer immer mehr durch Verschwurbelungen und (oft selbst ausgedachte) „Fachtermini“ unverständlich gemachten Sprache von immer größeren Teilen der Bevölkerung abkapselt. Wenn hier selbst Kommentatoren, von denen man aus früheren Diskussionen schon weiß, dass sie durchaus als ziemlich intellektuell einzuschätzen sind, sagen, dass sie Butlers Texte einfach nicht verstehen, dann wirklich Respekt an dich, wie du es geschafft hast, ihre sich ja selbst nach Erleichterung um sprachlichen Ballast noch immer als eher wirr darstellenden Gedankengänge recht klar und – sogar für jemanden wie mich – verständlich zu skizzieren.

    Zu dem Bild, welches laut Unterschrift eine Materialsammlung einer „Mitmachausstellung“ in einem deutschen Rathaus zeigt: Mal davon ab, dass ich es befremdlich finde, wie gerade Vereine wie die Grünen- und SPDnahen Stiftungen alles dafür tun, einer Ideologie immer wieder Raum zu schaffen, der in keinerlei Verhältnis dazu steht, wie relevant diese Ideologie tatsächlich im und für das Leben sehr großer Teile der Bevölkerung wirklich ist, aber das auf dem Bild sehr prominente Statement ist doch echt der Knaller. Als ich mal kurz drüber nachgedacht habe, kam ich zu dem Schluss, dass es ein „böser Maskutroll“, im Bestreben diese Ideologie satirisch bloßzustellen, nicht besser hätte auf den Punkt bringen können.

    Feminismus wird also gebraucht, weil es da ein paar Nasen gibt, die sich von „heteronormativen Geschlechterbinarismen“ angekotzt fühlen. So, so! Feminismus wird gebraucht, weil einzelnen unter uns die – zum nicht unerheblichen Teil biologisch determinierten – Lebensentwürfe von mindestens 95 % der Bevölkerung – mit denen diese mindestens 95 % auch in der Regel sehr glücklich und zufrieden sind – nicht in den Kram passen. Somit braucht man wohl Feminismus damit diese ganzen heteronormativ und geschlechterbinär gepolten Menschen mal anfangen, sich zu hinterfragen und ihr ganzes sündiges heteronormatives und geschlechterbinäres Treiben einzustellen.

    Prägnanter könnte man den gleichermaßen autoritären wie totalitären Duktus sehr vieler Anhänger speziell des Gender- und des intersektionalen Feminismus – mit noch dazu nur so wenigen Worten – nicht ausdrücken. Einfach Wunderbar! 😀

  • Der Siegeszug des von der Realität losgelösten Feminismus, der in dem Beitrag beschrieben wird, lässt sich mit der langen Vorherrschaft des Poststrukturalismus an den Universitäten in Verbindung bringen. Ich habe in der ersten Dekade des dritten Jahrtausends studiert und es war bei uns damals irgendwie üblich, dass, wenn man „Wirklichkeit“ oder „Realität“ gesagt hat, dazu mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft zu malen. Das sollte signalisieren, dass man natürlich schon weiß, dass es die besagte Realität nicht gebe. Die seltsame Annahme, dass es keine Realität außerhalb des Textes gebe war rückblickend so eine Art Gespenst in den Köpfen von vielen von uns. Es gibt ja gar keinen ernstzunehmenden Forscher, der diese Position mal wirklich theoretisch begründet hätte, aber mit dem Begriff des Poststrukturalismus war diese Annahme doch in der alltäglichen Diskussion weit verbreitet.

    • „dass man natürlich schon weiß, dass es die besagte Realität nicht gebe“

      https://i.imgflip.com/ecunf.jpg

      „Die seltsame Annahme, dass es keine Realität außerhalb des Textes gebe war rückblickend so eine Art Gespenst in den Köpfen von vielen von uns.“

      Da hilft die Methode Derrida doch weiter: die metaphysische wahre Wirklichkeit verrät sich als das Komplement des überhaupt Gemeinten. Das grösstmögliche Verborgene ist die Realität! Ist von einem Mann die Rede, ist die dahinterliegende Wahrheit „die Frau“! Alles im Vordergrund stehende ist korrumpiert und falsch und die überkommende Ordnung.

      „Es gibt ja gar keinen ernstzunehmenden Forscher, der diese Position mal wirklich theoretisch begründet hätte“

      Es ist reiner Antiintellektualismus. Es zählt nur WER WAS WANN sagt. Und der Rest ist Schweigen.

    • Ich habe in der ersten Dekade des dritten Jahrtausends studiert und es war bei uns damals irgendwie üblich, dass, wenn man „Wirklichkeit“ oder „Realität“ gesagt hat, dazu mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft zu malen. Das sollte signalisieren, dass man natürlich schon weiß, dass es die besagte Realität nicht gebe.

      Ja, das kommt mir doch ziemlich bekannt vor.

      Ich bin ja soweit einverstanden, dass es den absolut objektiven Standpunkt nicht gibt und dass es aus erkenntnistheoretischer Sicht Lücken gibt, die nicht geschlossen werden können. Es gibt aber sehr wohl Modelle, oder sagen wir Konstrukte der Wirklichkeit, die den Beobachtungen nicht widersprechen und solche, die es tun.

      Absolute und letztgültige Wahrheiten halte ich ohnehin für religiöse Konzepte, die ich nicht beanspruche.

      • Es gibt auch Modelle der Wirklichkeit, die sich als gültig und brauchbar erweisen, wenn auch nicht als letztgültig. In Anbetracht der technischen Entwicklungen und Leistungen, die in der Moderne erzielt worden sind ist die damalige Scheu der Geisteswissenschaftler vor der Realität besonders kurios. Einerseits ist es gelungen, mit wissenschaftlicher Technik, die Welt immer weiter und tiefgehender zu beherrschen, sei es mit Gentechnik, Molukulartechnik, Kernphysik, künstlicher Intelligenz, Big Data, und auch auf emotionaler Ebene mit politischer und kommerzieller Propaganda, etc. und gleichzeitig hatte sich in den Geisteswissenschaften über einige Jahrzehnte mit dem Schlagwort Poststrukturalismus das Dogma festgesetzt, Aussagen über eine gemeinsam bewohnte Realität seien eigentlich nicht möglich. Das ist allerdings nun auch Geschichte. Eine Publikation, die den Paradigmenwechsel markiert, ist „Der Neue Realismus“, hg. von Markus Gabriel 2014.

        • und gleichzeitig hatte sich in den Geisteswissenschaften über einige Jahrzehnte mit dem Schlagwort Poststrukturalismus das Dogma festgesetzt, Aussagen über eine gemeinsam bewohnte Realität seien eigentlich nicht möglich.

          Das ist doch ziemlich fragwürdig. Wurde nicht vor einigen Tagen ein Objekt erstmals gesichtet, dass bis anhin nur als Objekt in der Theorie, im mathematisch-physikalischen Modell existierte: Das schwarze Loch. Das ist der schlagende Beweis, dass das „Konstrukt der Wirklichkeit“, das „geistige Modell“ eine vorläufig gültige Beschreibung der Wirklichkeit ist. Was ist überzeugender als ein Vorhersage, dass es etwas geben muss, was noch nie als existent verifiziert werden konnte und dann beobachtet wird. Das geht über eine schlichte Interpretation des Beobachteten hinaus.

          • Die schlichte „Interpretation des Beobachteten“ wird aber, wenn mit einer angemessene Theorie erklärt, immer zu Vorhersagen über ein noch nicht Beobachtetes führen.

            Man kann nur sehen, was man weiss. Doch wie weiss man etwas?

    • @ Martin

      „Die seltsame Annahme, dass es keine Realität außerhalb des Textes gebe war rückblickend so eine Art Gespenst in den Köpfen von vielen von uns. Es gibt ja gar keinen ernstzunehmenden Forscher, der diese Position mal wirklich theoretisch begründet hätte,“

      Doch, Jacques Derrida hat dies durchaus begründet und er hat – aus Perspektive des sehr weiten Textbegriffs, von dem er ausgeht – wahrscheinlich auch Recht mit der Aussage, dass es nichts außerhalb des Textes gibt – den Gott der Negativen Theologie, an den Derrida offenbar glaubte, mal ausgenommen. Dieser scheint ja mit Meister Eckharts „Nichts“ oder Jakob Böhmes „Ungrund“ weitgehend identisch zu sein und stünde somit tatsächlich außerhalb des Textes.

      Ein paar Zitate aus Jacques Derridas Artikel „Unterwegs zu einer Ethik der Diskussion“ zu seinem Textbegriff:

      „Das, was man die „Objektivität“ nennt, zum Beispiel die wissenschaftliche (an die ich in einer gegebenen Situation fest glaube), besteht nur innerhalb eines extrem großen, alten, stark verankerten, in einem Netz von Konventionen (zum Beispiel denen der Sprache) stabilisierten oder verwurzelten Kontextes, der nichtsdestoweniger ein Kontext bleibt. Und das Auftauchen des Wertes der Objektivität (und so vieler anderer mit ihm) gehört ebenfalls einem Kontext an. Man kann, wenn Sie so wollen, die gesamte „reale Weltgeschichte“ den „Kontext“ nennen, in dem dieser Wert Objektivität und im weiteren Sinne der der Wahrheit Bedeutung gewonnen und sich behauptet haben. Das diskreditiert sie in keiner Weise. In welchem Namen, im Namen welcher anderen „Wahrheit“ würde man sie im übrigen diskreditieren? Eine der Definitionen dessen, was man Dekonstruktion nennt, wäre das Miteinbeziehen dieses unbegrenzten Kontextes, die möglichst wache und umfassende Beachtung des Kontextes und somit eine unablässige Bewegung der Rekontextualisierung. Der Satz der für manche gleichsam zum Slogan der Dekonstruktion geworden ist und im allgemeinen völlig falsch verstanden wurde („es gibt kein außerhalb des Textes“) (…), heißt nichts anderes als: Es gibt kein außerhalb des Kontextes (…). In dieser Form, die genau dasselbe besagt, hätte diese Formel sicher weniger schockiert.“

      „Dieses Denken des Kontextes ist als solches kein Relativismus, mit allem, was man damit assoziieren könnte (…). Zunächst einmal, Husserl, hat es besser denn irgend jemand sonst gezeigt, weil der Relativismus, ebenso wie all seine Surrogate, eine philosophische Position bleibt, die sich selbst widerspricht. Dann weil dieses „dekonstruktive“ Denken des Kontextes weder eine philosophische Position noch eine Kritik der abgeschlossenen Kontexte ist, die es ohne absoluten Vorsprung analysiert. In dem Maße jedoch, in dem es durch seinen Diskurs, seine sozio-institutionelle Situation, seine Sprache (langue), die historische Einschreibung seiner Gesten in einen gegebenen (aber stets differenzierten und beweglichen) Kontext verwurzelt ist, kann es nicht (es darf und kann es nicht) auf die herrschenden „Werte“ in diesem Kontext verzichten (zum Beispiel auf den der Wahrheit.).“

      „Ich wollte daran erinnern, dass der von mir vorgeschlagene Begriff des Textes weder auf die Graphie noch auf das Buch, noch auf den Diskurs und noch weniger auf den semantischen, repräsentativen, symbolischen, ideellen oder ideologischen Bereich beschränkt ist. Was ich „Text“ nenne, beinhaltet alle sogenannten „realen“, „ökonomischen“, „historischen“, gesellschaftlich-institutionellen Strukturen, kurz alle möglichen Referenten. Mit anderen Worten erinnere ich nochmals daran, dass es kein Außerhalb des Textes gibt. Das bedeutet nicht, dass alle Referenten außer Kraft gesetzt, geleugnet oder in ein Buch eingeschlossen werden, wie oft vorgegeben wird oder wie man oft naiverweise glaubt und mir vorwirft.“

      „Denn natürlich gibt es einen „richtigen Weg“ , einen besseren Weg, und ich war, nebenbei bemerkt, oft erstaunt, beziehungsweise je nach Gemütslage erheitert oder entmutigt, über den Gebrauch oder Mißbrauch des folgenden Arguments: Da man annimmt, dass der Dekonstruktrionist (…) nicht an die Wahrheit, die Stabilität oder Einheit der Bedeutung, an die Intention und das Sagen-Wollen glaubt, wie kann er dann von uns verlangen, ihn mit Kompetenz, Genauigkeit und Strenge zu lesen? Wie kann er fordern, dass man seinen eigenen Text richtig interpretiert? Wie kann er jemanden beschuldigen, ihn schlecht verstanden zu haben, vereinfacht oder entstellt zu haben? Anders gesagt, wie kann er etwas diskutieren und wie kann er die Lektüre dessen diskutieren, was er schreibt? Die Antwort ist recht einfach: Diese Definition des Dekonstruktionisten ist falsch (ich sage wirklich falsch: nicht richtig) und schwach; sie folgt einer schlechten Lektüre (ich sage wirklich schlecht: nicht gut) und einer schwachen Lektüre zahlreicher Texte, auch meiner, die man lesen muss, wenn man über sie reden will. Man wird sehen, dass der Wert der Wahrheit (und aller dazugehörigen) darin nie bestritten oder zerstört, sondern nur in stärkere, weitere und vielschichtigere Kontexte eingeschrieben wird. Und dass man innerhalb dieser relativ stabilen und bisweilen nahezu unerschütterlich scheinenden Kontexte der Interpretation (…) Regeln der Kompetenz, Kriterien der Diskussion und des Konsenses, guten Glauben, Hellsichtigkeit, Strenge, Kritik und Pädagogik geltend machen können muss.“

      „Eine „radikale Infragestellung“ von Begriffen wie der Wahrheit, der Referenz und der Stabilität von Interpretationskontexten“ habe ich nie betrieben, wenn „radikale Infragestellung“ bedeutet, dass bestritten wird, dass es Wahrheit, Referenz und stabile Interpretationskontexte gibt und geben muss.“

      Für weitere Erläuterungen zu Derridas Textbegriff und Wahrheitsverständnis siehe den lesenswerten Artikel des Derrida-Experten Gregory Desilet:

      Gregory Desilet Answers Jordan Peterson on Derrida

      https://auticulture.com/blog/2018/04/04/gregory-desilet-answers-jordan-peterson-on-derrida-prisoner-of-infinity-primer-video/

      • „Das, was man die „Objektivität“ nennt, zum Beispiel die wissenschaftliche (an die ich in einer gegebenen Situation fest glaube), besteht nur innerhalb eines extrem großen, alten, stark verankerten, in einem Netz von Konventionen (zum Beispiel denen der Sprache) stabilisierten oder verwurzelten Kontextes, der nichtsdestoweniger ein Kontext bleibt.“

        Und schon da hat Derrida Wissenschaft – die er wohl mit ‚Objektivität‘ meint – nicht verstanden.
        Objektiv ist, wenn das Ergebnis einer Beobachtung dasselbe ist, unabhängig davon, wer diese Beobachtung macht. Und mit Unabhängigkeit ist JEDE Form der Unabhängigkeit gemeint, also sowohl die der Zeit, des Ortes und der Kultur des Beobachtenden.
        Ein Apfel fällt an jedem Punkt der Erde zum Boden, immer auf dieselbe Weise, egal, wer ihm dabei zusieht.
        Ich bin allenfalls bereit, unterschiedliche Schwerpunkte bei der Erklärung der Welt zuzulassen, was aber dann schon wieder mehr in Derridas Bereich fällt.
        Aber im Bereich MINT ist Derridas These falsch.

        • @ Carnofis

          „Und schon da hat Derrida Wissenschaft – die er wohl mit ‚Objektivität‘ meint – nicht verstanden.“

          Ich denke doch. Derrida spricht ja an dieser Stelle nicht aus einer wissenschaftstheoretischen Perspektive, die du gerade einnimmst.

          Er spricht aus einer sprachphilosophischen Perspektive (die eher der Wissenssoziologie nahesteht). D.h. Derrida meint hier Objektivität ALS BEGRIFF UND WERT. Und er bekennt sich zur Objektivität als Begriff und Wert. Objektivität als Begriff und Wert steht aber tatsächlich in einem bestimmten Kontext und hat sich in diesem entwickelt.

          • @Leszek: Was ist der Zusammenhang zwischen Objektivität im Sinne der wissenschaftstheoretischen Perspektive und Objektivität als „Begriff und Wert“ in der sprachphilosophischen Perspektive?

          • @ pingpong

            Der Zusammenhang besteht darin, dass Objektivität als Begriff und Wert (wie er in der Wissenschaft moderner Gesellschaften verstanden wird) sich in bestimmten sprachlichen bzw. historischen und soziokulturellen Kontexten (und seien es subkulturelle Kontexte) herausgebildet haben muss, bevor auf dieser Grundlage empirisch-wissenschaftliche Forschung im modernen Sinne etabliert werden kann.

            Wenn der empirisch arbeitende Wissenschaftler also fragt: „Was ist (bei diesem oder jenem Thema) wahr?“ – im Sinne der Korrespondenztheorie der Wahrheit, dann fragt der Wissenssoziologe oder der französisch-poststrukturalistische Sprachphilosoph hierbei: „Wie bzw. in welchen sprachlichen, historischen und soziokulturellen Kontexten hat sich der Begriff Wahrheit mit dieser spezifischen Bedeutung entwickelt und in welchen sprachlichen und soziokulturellen Kontexten steht er heute?“

          • @Leszek: Wenn ich dich richtig verstehe, dann sagst du: Objektivität als Begriff und Wert hat sich in
            1) sprachlichen
            2) historischen
            3) kulturellen
            Kontexten herausgebildet.
            Das ist m.M.n. eine Nullaussage. Die Bedeutung JEDES Wortes hat sich in sprachlichen, historischen und kulturellen Kontexten herausgebildet, was denn sonst?

            Oben in deiner Antwort auf carnofis machst du einen Gegensatz auf. carnofis meint dass Derrida Wissenschaft/Objektivität nicht verstnaden hat, du antwortest er habe es doch mit dem Hinweis dass er „Objektivität“ eben aus einer anderen Perspektive heraus verstehe. Deshalb habe ich nachgefragt, was denn der Zusammenhang zwischen diesen Perspektiven ist.

            Diesen Zusammenhang zwischen der wissenschaftstheoretischen und sprachphilosophischen Perspektive sehe ich weiterhin nicht. Insbesondere der zweite Teil deines Satzes: „… bevor auf dieser Grundlage empirisch-wissenschaftliche Forschung im modernen Sinne etabliert werden kann.“
            Was soll das heißen? Das man zuerst das passende Wort (hier: Objektivität) haben muss, um etwas zu tun? Ist das nicht völlig trivial bzw. völlig beliebig?

            Ich sehe nicht inwiefern dieses ganze Gedankenspiel eine neue Erkenntnis bringt.

          • @pingpong

            „Das ist m.M.n. eine Nullaussage.“

            Das macht doch nichts. Wenn ich deine Frage eben nur mittels einer „Null-Aussage“ wahrheitsgemäß beantworten kann, dann tue ich das halt. 🙂

            „Die Bedeutung JEDES Wortes hat sich in sprachlichen, historischen und kulturellen Kontexten herausgebildet, was denn sonst?“

            Ja, aber trotzdem scheint es ja Verständnisschwierigkeiten mit dem Satz von Derrida zu geben, also muss ich das Gemeinte eben genauer erklären.

            „Oben in deiner Antwort auf carnofis machst du einen Gegensatz auf. carnofis meint dass Derrida Wissenschaft/Objektivität nicht verstnaden hat, du antwortest er habe es doch mit dem Hinweis dass er „Objektivität“ eben aus einer anderen Perspektive heraus verstehe.“

            Derrida meint, dass Begriffe und ihre Bedeutung unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit wesentlich miterschaffen und dass die Bedeutung von Begriffen kontextabhängig ist.

            Er ist der Ansicht, dass Zeichen (und auch materielle Gegenstände und kulturelle Artefakte sind für ihn Zeichen) ihre Bedeutung durch die Differenz zu anderen Zeichen erhalten. Um ein Zeichen zu verstehen, muss es daher stets vor dem Hintergrund seines Kontextes angemessen interpretiert werden.

            Bestimmte Zeichen werden kulturell besonders hervorgehoben und in ihrer Bedeutung besonders stabilisiert, so dass die anderen Zeichen sich quasi bis zu einem gewissen Grad um diese herumdrehen müssen. (Dies kann aus Sicht Derridas im Einzelfall positiv, neutral oder negativ zu beurteilen sein, auch dies hängt wieder vom Kontext ab.)

            In einem soziokulturellen Kontext, in dem es den Begriff der Objektivität z.B. nicht gibt oder wo er nicht mit der in der modernen empirischen Wissenschaft anerkannten Bedeutung verbunden wurde, lässt die Wahrnehmung der Wirklichkeit in diesem spezifischen Kontext noch keine Etablierung moderner empirischer Wissenschaft zu.

            In einem soziokulturellen Kontext, in dem der Begriff Objektivität existiert und auch mit der für moderne empirische Wissenschaft typischen Bedeutung versehen wurde, dieser Begriff aber gesellschaftlich/kulturell noch nicht in größerem Maße hervorgehoben wurde, ist moderne empirische Wissenschaft bislang nur in einem geringen Maße möglich.

            Carnofis schien davon auszugehen, dass Derrida, wenn er von der Kontextbezogenheit von Objektivität spricht, nicht verstanden habe, dass Objektivität im modernen wissenschaftlichen Verständnis gerade bedeutet, dass das Ergebnis einer Beobachtung unabhängig vom Beobachter gleich ausfällt und dass Objektivität daher nicht von soziokulturellen Kontexten abhängig ist.

            Ich habe darauf hingewiesen, dass Derrida etwas Anderes meint, dass er den Begriff Objektivität an dieser Stelle vor dem Hintergrund der Annahmen der poststrukturalistischen Sprachphilosophie verwendet. Bei Derrida ist, wie gesagt, alles kontextbezogen (außer der Gott der Negativen Theologie).

            „Das man zuerst das passende Wort (hier: Objektivität) haben muss, um etwas zu tun? Ist das nicht völlig trivial bzw. völlig beliebig?“

            Ja. Aber es ging mir u.a. darum den Mythos zu widerlegen, Derrida habe Objektivität und Wahrheit abgelehnt – und das ist an dieser Stelle nicht trivial.

            Und wenn Derrida einen philosophischen oder literarischen Text mittels seiner dekonstruktiven Methode analysiert oder wenn ein Ideenhistoriker oder ein Wissenssoziologe die Entwicklung oder den aktuellen Status von für bestimmte Gesellschaften oder bestimmte gesellschaftliche Bereiche wichtige Begriffe und Konzepte untersucht, ist dies auch nicht trivial, vorausgesetzt es geschieht mit der für die jeweilige Disziplin angemessenen wissenschaftlichen Kompetenz.

          • @Leszek
            „Aber es ging mir u.a. darum den Mythos zu widerlegen, Derrida habe Objektivität und Wahrheit abgelehnt – und das ist an dieser Stelle nicht trivial.“

            Derrida kann diese Begriffe aber nur einem radikalen Subjektivismus zuordnen und damit ergibt sich diese scheinbare Selbstaufhebung der Begriffe. Derrida muss denken, dass „Wahrheit“ und „Objektivität“ nur dem Einzelnen zugänglich sind, was seine Philosophie als Mystizismus charakterisiert.

            Im schroffen Gegensatz dazu ist die Idee von „Wahrheit“ und „Objektivität“ in der Wissenschaft davon abhängig, dass sie (prinzipiell) Jedem nachvollziehbar sein muss.

            Beide Konzepte schliessen einander aus.

            Dass die Sprache zur letzten Bastion der Mystik geworden ist, ist nicht zufällig. Sprache entwickelt sich extrem schnell, ist unübersehbar vielfältig und kaum verstandesmässig zu durchdringen, ein idealer Tummelplatz für alles Irrationale.

            Pseudowissenschaftliche, irratonale Theorien bauen seit jeher auf „Sprachwissenschaft“ auf, wie der Rassismus auch in seinem ursprünglichen Begründungskern (die Erklärung der „Arier“ aus dem Sankrit).

          • @ Alex

            „Derrida kann diese Begriffe aber nur einem radikalen Subjektivismus zuordnen“

            Das ist falsch.

            „Derrida muss denken, dass „Wahrheit“ und „Objektivität“ nur dem Einzelnen zugänglich sind,“

            Das ist auch falsch. In Derridas Sichtweise stellt es sich vielmehr so dar: Sobald die Begriffe Wahrheit und Objektivität im kulturellen Bedeutungssystem einer Sprachgemeinschaft vorhanden sind und sie mit den spezifischen Bedeutungen verknüpft wurden, die sie in der modernen Wissenschaft haben und es gelungen ist diese Bedeutungen zu stabilisieren, sind sie potentiell für jedes Mitglied dieser Sprachgemeinschaft zugänglich.

          • Leszek, mit Verlaub, das ist alles völliger Unsinn was du da von dir gibst. Der Begriff der Wahrheit ist nicht von Sprache abhängig. Ob das, was da mir gegenüber im Wald sitzt ein Tiger ist, der mich fressen möchte, oder ein Kuh, die nur an Gras interessiert ist, kann ich herausfinden, auch ohne in irgendwelche Diskurse eingebunden zu sein, ohne überhaupt ein Wort zu sprechen. Und ich muss herausfinden, welche der beiden Annahmen objektiv wahr ist, ansonsten könnte es mich das Leben kosten. Als könnten Tiere oder Kleinkinder, die noch nicht sprechen können, die Realität nicht erkennen!

          • @Leszek:

            Das macht doch nichts. Wenn ich deine Frage eben nur mittels einer „Null-Aussage“ wahrheitsgemäß beantworten kann, dann tue ich das halt. 🙂

            Fair enough. Aber eine Null-Aussage ist dann eben auch keine Antwort und die Frage bleibt unbeantwortet… 😉

            Ja, aber trotzdem scheint es ja Verständnisschwierigkeiten mit dem Satz von Derrida zu geben, also muss ich das Gemeinte eben genauer erklären.

            Mir scheint es ist ein wiederkehrendes Thema dass es Verständnisschwierigkeiten mit einer der zentralen Aussagen von Derrida gibt. Aus dem oben von dir verlinkten Text: „The purveyance of these kinds of errors with regard to Derrida’s thinking was extremely exasperating for him […]“. Wenn eine große Anzahl an Menschen immer wieder dieselben Verständnisschwierigkeiten bei einem Text hat, dann stellt sich die Frage ob das Problem nicht eher beim Text selbst liegt und nicht bei den Menschen. Du schreibst:

            Bestimmte Zeichen werden kulturell besonders hervorgehoben und in ihrer Bedeutung besonders stabilisiert, so dass die anderen Zeichen sich quasi bis zu einem gewissen Grad um diese herumdrehen müssen.

            Und folgendes Zitat von Derrida:

            Der Satz der für manche gleichsam zum Slogan der Dekonstruktion geworden ist und im allgemeinen völlig falsch verstanden wurde („es gibt kein außerhalb des Textes“) (…), heißt nichts anderes als: Es gibt kein außerhalb des Kontextes (…). In dieser Form, die genau dasselbe besagt, hätte diese Formel sicher weniger schockiert.

            Ev. hat Derrida seine eigene Theorie zu wenig beachtet, besonders den Teil „Bestimmte Zeichen werden […] in ihrer Bedeutung besonders stabilisiert, so dass die anderen Zeichen sich quasi bis zu einem gewissen Grad um diese herumdrehen müssen.“ Wenn das stimmt, warum erfindet er dann eine solche missverständliche Definition von „Text“, wo doch „Text“ ganz bestimmt „in seiner Bedeutung besonders stabilisiert“ ist, er also gemäß seiner Theorie „sich [um diese Bedeutung] herumdrehen muss (sic!)“? Noch dazu wo er doch das was er sagen will lt. seinen eigenen Worten genau so gut mit „Kontext“ hätte ausdrücken können?

            Die ganze Sache erinnert ein bisschen an den Autofahrer der auf der Autobahn im Radio eine Geisterfahrermeldung hört und sich denkt „Was heißt hier ein (1) Geisterfahrer, hunderte!“ 😉

            Und es gibt eine Verbindung zu dem was Lucas in seinem Artikel schreibt, dass nämlich die Theorien von Butler völlig von der empirischen Realität abgekoppelt sind. Es gibt keinen Rückgriff auf eine gemeinsam (!) erlebbare Realität. Mir scheint ein Problem von Derridas Theorie ist, das es in eine ähnliche Richtung geht. Wenn alles kontextbezogen ist und der Kontext auch die jeweilige Person als Subjekt beinhaltet, dann wird das mit der gemeinsamen (!) Realität durchaus schwierig.
            Vielleicht kannst du mit deiner Expertise (die ich schätze!) erklären wo und wie die Theorien von Derrida in Kontakt mit der Realität treten.

          • @Leszek
            „sind sie potentiell für jedes Mitglied dieser Sprachgemeinschaft zugänglich.“

            Damit reduzierst du selbst diesen „Wert“ der Wahrheit auf eine sozio-kulturelle Bedingtheit und negierst jeden universellen Anspruch. Was ja angeblich der Derrida nicht machen würde.

      • @Leszek

        Wo andere die Ideen von „Wahrheit“ oder „Objektivität“ benutzen, da will Derrida sein Konzept vom „Kontext“ oder einfach „Text“ stattdessen gesetzt sehen:

        „Was ich „Text“ nenne, beinhaltet alle sogenannten „realen“, „ökonomischen“, „historischen“, gesellschaftlich-institutionellen Strukturen, kurz alle möglichen Referenten.“

        Da diese sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen in den eigentlichen, buchstäblichen „Texten“ gerne mehr oder weniger als selbstverständlich vorausgesetzt werden, „fehlen“ diese natürlich. So kommt dann dieses Missverständnis zustande, Derridas Interpretation suche nach Dingen „ausserhalb“ des Textes. Ein Streit um Semantisches.

        Was Derrida nicht beachtet: die Möglichkeit und das Vermeiden von Fehlinterpretationen, das Hineintragen von Vorstellungen, die niemals im Original-„Text“ vorhanden waren.

        Und so wird Derrida zu einer Lizenz, zu behaupten, was man denn gerne möchte. Und er wird ja ganz genau so benutzt. Und dazu sollte Derrida ehrlicherweise Stellung beziehen. Man hat aber den Eindruck, dass er diesbezüglich kein Missverständnis aus der Welt räumen will.

        Was Derrida will sind Text-Exegesen – Ausdeutungen von Texten. Und so wird der „Kontext“ zum eigentlichen „Text“ gemacht, durch die Ausdeutung.

        „Man wird sehen, dass der Wert der Wahrheit (und aller dazugehörigen) darin nie bestritten oder zerstört, sondern nur in stärkere, weitere und vielschichtigere Kontexte eingeschrieben wird.“

        Zur Wahrheit gelangt man also durch Textexegese. Das ist im Grunde mitterlalterliche Scholastik.

        Jede Empirie und Falifizierung, Theorien- und Hypothesenbildung ist hier unnötig und wird zur x-beliebigen Methode. Damit ist Derrida bestenfalls unwissenschaftlich zu nennen, im schlimmsten Fall antiwissenschaftlich.

      • @Leszek
        Danke erstmal für die Zitate, diese neuere Stellungnahme Derridas zu „Kein außerhalb des Textes“ kannte ich noch nicht. Mir fällt daran zunächst auf, dass dieser Weltzugang sehr an der Literatur orientiert ist. Mir scheint, auf solche Ideen kann nur jemand kommen, der sich vor allem lesend und schreibend mit der Welt auseinandersetzt. @Alex hat ja schon erklärt, dass nach Derrida eigentlich das ganze Universum nur ein einziger quasi schriftartiger „Text“ oder „Kontext“ sei. Das ist schon ein geheimnisvoller Zugang zur Wirklichkeit, wo alles existierende zugleich ein Zeichen mit einer tieferen Bedeutung ist.
        Der Rückblick auf Derrida bereichert, finde ich, unsere Diskussion des Feminismus, es ist hier ja immer wieder beobachtet worden, das dessen Weltbeziehung ebenfalls schriftlich ist und eine Art eigenes, in sich geschlossenes Textuniversum hervorgebracht hat, dass von der empirischen und erlebten Realität schon völlig losgelöst ist.

        • Jacques Derrida war Zeit seines Lebens primär in der Philosophie verankert und er war innerhalb dieser sehr gebildet und kompetent und ein sehr sorgfältiger Leser und Interpret. Wollte man Derrida in einem ähnlichen Sinne eine bestimmte Rolle und Funktion zusprechen, wie ich es weiter oben bezüglich Foucault als Theoretiker eines nicht-schematischen Machtverständnisses tat, dann könnte man sagen, dass Derrida ein Denker des Kontextualismus sowie eines Anti-Dogmatismus im Sinne eines beständigen reflektierenden Hinterfragens von Begriffen und Konzepten war.

          Jacques Derrida:

          „Die einzige Haltung (…), die mir vollkommen verurteilenswert erscheint, wäre jene, die direkt oder indirekt die Möglichkeit eines wesenhaft unendlichen Hinterfragens, eines wirksamen und folglich verändernden Hinterfragens verwirft.“

          (aus: Jacques Derrida – Die Rhetorik der Droge, in: Jacques Derrida – Auslassungspunkte. Gespräche, Passagen Verlag, 1992, S. 252)

          Judith Butler ist schon lange nicht mehr primär in der Philosophie verankert. Sie schreibt dazu in der Einleitung zu einem Artikel:

          „Ich scheibe diesen Beitrag als jemand, der einst in Philosophiegeschichte ausgebildet wurde, jetzt aber häufiger in interdisziplinären Zusammenhängen schreibt, in denen diese Ausbildung, so wie sie eigentlich war, nur in gebrochener Form vorkommt. Aus diesen und sicherlich auch aus anderen Gründen ist das, was Sie von mir zu lesen bekommen werden, keine „philosophische Skizze“ oder gar ein Beitrag zur Philosophie, obgleich es von der Philosophie handeln mag, aus einer Perspektive allerdings, die als philosophisch gewürdigt werden kann oder auch nicht. (…) Ich bin seit etlichen Jahren nicht in der Institution Philosophie beheimatet, schreibe oder arbeite nicht in ihr, und es ist fast ebenso viele Jahre her, dass ich mir die Frage gestellt habe: Was würden Philosophen mit dem anfangen, was ich anzubieten habe?“

          (aus: Judith Butler – Kann das „Andere“ der Philosophie sprechen?, in: Judith Butler – Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Suhrkamp Verlag, 2017, S. 367)

          • Ich sag mal, in Abwandlung eines Wortes von Hans Eisler: Wer nur was von Philosophie versteht, versteht auch davon nichts.

  • Noch ein schönes Zitat von Derrida, diesmal aus einem (m.E. amüsanten) Text zur Antwort auf Sokal und Bricmont.

    Jacques Derrida:

    „Und was den „Relativismus“ betrifft, dessentwegen sie, wie es heißt, beunruhigt seien: Nun, dort wo dieses Wort über einen strengen philosophischen Sinn verfügt, gibt es bei mir keine Spur davon. Auch keine Spur irgendeiner Kritik der Vernunft oder der Aufklärung. Ganz im Gegenteil.“

    (aus: Jacques Derrida – „Sokal und Bricmont sind nicht seriös“, in: Jacques Derrida – Maschinen Papier, Passagen Verlag, 2006, S. 258)

  • Lucas Schoppe schrieb:

    „Denn dass wir mit sozialen Konstruktionen arbeiten, um uns unsere Welt zu ordnen, ist eine ganz plausible Idee, die spätestens mit den Soziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann in der 1966 erschienen Schrift „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ ausbuchstabiert wurde.“

    Richtig.
    Die beiden genannten Soziologen – die ihren Status als Klassiker der Soziologie m.E. auch völlig zu Recht haben – sind übrigens in politischer Hinsicht eher konservativ und beide Christen, der eine ist Katholik, der andere ist Protestant. Haben naheliegenderweise beide auch einiges zum Thema Religionssoziologie geschrieben.

    Also mir ist ja eigentlich egal, ob ein Klassiker der Soziologie, Philosophie etc. links, liberal oder konservativ, Atheist, Agnostiker oder religiös ist. Ich interessiere mich für die jeweiligen Teilwahrheiten seines Werkes.

    Aber in diesem Fall finde ich es extrem witzig, dass ausgerechnet die Begründer des Sozialkonstruktivismus, des Schreckgespenstes von allen möglichen (oft anti-links eingestellten) Leuten, die es sich erspart haben zum Thema zu recherchieren, konservative Christen sind. 🙂

  • Oben im Artikel heißt es z. B.:

    „Bei Butler hingegen bleibt diese Perspektivübernahme aus – denn es geht ja eben nicht um die Übernahme anderer Perspektiven, sondern um die subvertierende Kritik an ihnen.“

    Ich will mal einen Punkt anführen, der wohl etwas wegführt von der Thematik des Artikels oben, der aber (hoffentlich) deutlich macht, in welcher Dimension Judith Butler und ihresgleichen hier agieren.

    Bei einigen Vögelarten gibt es Pärchen (Männlein und Weiblein), die gemeinsam ein Nest betreiben und ihre Jungen gemeinsam aufziehen. Diese Aufzucht besteht zu einem wesentlichen Teil in einer Kooperation zwischen Männlein und Weiblein: Sie wechseln sich teilweise ab, betreiben auch so etwas wie Arbeitsteilung.

    Das Wesentliche: diese Kooperation ist nur dann möglich, wenn sowohl Männlein als auch Weiblein ab und zu die Perspektive ihres Partners übernehmen und seine / ihre jeweiligen Handlungen oder Bedürfnisse antizipieren und berücksichtigen: Das Männlein muß z. B. „wissen“, wann das Weiblein Nahrung braucht und deshalb das Nest verlassen muß – dann muß das Männlein entsprechend handeln. Analog für das Weiblein, u. dgl.

    Wir haben also schon bei diesen niederen Tieren kognitiv hochkomplexe Vorgänge: Übernahme der Gegen-Perspektive, Antizipation fremder Handlungen, u. dgl. Das geht ganz selbstverständlich und funktioniert normalerweise gut.

    So, und jetzt zurück zu Feministen wie Judith Butler: Hier wird beim Theoretisieren genau das verweigert, was bei diesen Vögeln mit ihrem Spatzenhirn ganz selbstverständlich abläuft und funktionieren muß, damit ihre Jungen erfolgreich aufgezogen werden können.

    Man sieht hieran sehr gut, wie enthoben diese Leute von praktischen Notwendigkeiten sind (Schoppes Punkt oben) und auf welch niederes Niveau sich diese Leute begeben, bloß um ihren Feminismus zu propagieren.

    Dies nur mal zu Verdeutlichung der Dimension.

    • „wie enthoben diese Leute von praktischen Notwendigkeiten sind“

      Nun, der Mensch hat gegenüber den Tieren die Fähigkeit in reinen Abstraktionen zu denken und sich in diesen endlos scheinenden virtuellen Welten zu verlieren. Diese Fähigkeit ist unbestreitbar biologisch positiv, sie brachte die Technik und mit ihr die Ausbreitung der Menschheit.

      Das ist also nichts anderes als das „gute alte“ evolutionäre Prinzip der Mutation, der Schaffung von Varianten, die der Selektion durch die „Umwelt“ (also Summe aller Ausseneinflüsse) vorangehen.

      Butlers Philosophie ist insofern objektiv erfolgreich, als dass sie für das materielle Fortkommen einer gar nicht kleinen akademischen Elite gesorgt hat, die sich jetzt beweisen kann, was sie für die Gesamtgesellschaft leistet und bedeutet.

      Man soll ja nie sagen, dass man alles im Voraus wissen kann — die Evolutionstheorie sagt ja sogar voraus, dass es notwendigerweise gar nicht klar sein, was zum Erfolg führen und was den „Weg des Dodo“ gehen wird.

      Insofern sollte man das an sich gelassen sehen.

      An sich, denn Butlers Denken ist keinesweg ein unschuldiger Versuch des Neuen, sondern die Rückkehr längst überwundener, vor-steinzeitlicher Denkschemata.

  • Dass auch Männer als Unterdrückte, wie Frauen, im radikalen Feminismus berücksichtigt wurden, das ist das Neue an Butlers Feminismus.

    Der auch eine ganz neue, typische Front aufgemacht hat, der Trans gegen Terfs, die gesteigert schärfer ausfällt als das einfache Geschlechterschisma des Feminismus vorher.

  • Ja, alles extrem gescheite Kommentare hier. Aber was, bitte, ändert das am Umstand, dass unter dem Sammelbegriff ‚Feminismus‘ agierende Gruppierungen auch und besonders aus der Akademie mit tumber Ignoranz im Begriff sind, das Staatsverständnis der Republik, der res publica, nach Irgendwohin zu verbiegen? Ohne jedes Bewusstsein dafür, was der liberale, demokratische Rechtsstaat ist und was er leistet, welches Mass an innerer geistigen und äusserer materiellen Unabhängigkeit und Freiheit er dem Individuum garantiert, sowohl horizontal in der geografischen wie auch vertikal in der historischen Betrachtung? Der Staat finanziert die Fakultäten zur Festigung und Weiterentwicklung seiner demokratischen Strukturen, im Minimum zum Selbsterhalt, aber ganz sicher nicht zu seiner eigenen Zerstörung. Natürlich kann man Begriffe wie ‘Macht’ oder ‘Wahrheit’ mit Genuss auseinandernehmen, von allen Seiten akribisch betrachten, nachlesen, was andere dazu von sich gegeben haben und vom Zwang zur mühsamen Synthese befreit die Einzelteile liegenlassen, wenn sich Überdruss einstellt. Wenn dem Lucas Schoppe aber ‚wahrhaftig‘ der Zugang zu seinem eigenen Kind erschwert und anderen Vätern gänzlich verwehrt wird, spielt eine ganz konkrete, greifbare und ‘ermächtigte’ Kraft, und um genau die Kontrolle dieser Macht, um den Prozess der Ermächtigung geht es, wenn ihnen geholfen werden soll. Sollte man bei Zugluft und Kälte nicht erst das Fenster schliessen, bevor man sich dem Wesen der beiden Phänomene in seiner ganzen gedanklichen Tiefe annimmt?

    Die Fragestellungen müssen frei, die Forschung muss ergebnisoffen und die Lehre muss zwingend politisch neutral sein. Wenn wieder ein Galileo Galilei die Scheibe zur Kugel macht, so soll er daran nicht gehindert und dafür nicht verfolgt werden. Man soll die Ergebnisse prüfen und diskutieren. Die politischen Schlüsse (=Entscheidungen) sind aber ganz sicher nicht an den Schulen und Universitäten zu treffen. Wer sein Gehalt vom Staat bezieht, hat sich dieser Grundordnung zu unterziehen, sonst ist er am falschen Platz. Nicht zuerst, weil er sich nicht subordiniert, sondern weil er gar nicht verstanden hat, welches das übergeordnete Ziel ist und warum es seine Stelle gibt. Das gilt bereits im Normalzustand und gilt erst recht in einer Zeit, wo sich zuerst der politische Wille (hier die systematische Diskriminierung von Männern) manifestiert und dann auf Staatskosten eine dazu passende wirre Lehre zusammengeschustert und eingepeitscht wird.

    Lucas stellt das Blog unter den Titel ‘Beiträge zur Zivilgesellschaft’. Was verstehst du Lucas, was verstehen andere hier unter dem Begriff ‘Zivilgesellschaft’? Nicht was andere dazu geschrieben haben, ist von Interesse. Nein, was denkt ihr selbst als voll berechtigte und voll zuständige und voll verantwortliche Bürger in Gemeinden, Kantonen und Bund, in Kommunen, Bundesländern und Bundesrepublik darüber?

    Auf Wikipedia findet sich im Artikel zum Begriff ‚Zivilgesellschaft‘ der folgende Satz:
    „Allgemein wird unter dem Begriff meist der Teil der Gesellschaft verstanden, der nicht durch den Staat und seine Organe (Behörden, Verwaltungen) gesteuert und organisiert wird.“

    Das sehe ich eigentlich mit einer gewichtigen Einschränkung auch so. Die Zivilgesellschaft umfasst das Private. Familie und Beziehungen. Erwerbsarbeit in der Privatwirtschaft. Freundeskreis. Nachbarschaft. Gesangsverein, Motorradclub, Philosophenzirkel. Selbstbefriedigung und Selbstzweck. Konsum. Sitten und Gebräuche. Vorlieben, Abneigungen und Haltungen. Privatsphäre. Im liberalen Rechtsstaat steckt die Zivilgesellschaft die Grenzen des Staates ab, im totalitären Staat ist es genau umgekehrt.
    Die Wikipedia-Umschreibung von Staatsorganen als ‘Behörden, Verwaltungen’ ist allerdings mehr als liederlich. Das erste Staatsorgan ist immer noch das Volk, zumindest aber der Souverän als Gesamtheit der Wahlberechtigten. Aber hallo?! Der liberale Rechtsstaat lebt von aktiver Teilnahme und nicht von passiver Teilhabe.

    Widmen sich eigentlich die meisten Artikel hier nicht Fragen der staatlichen Ordnung und eben nicht Fragen der Zivilgesellschaft? Bleibt entrechteten Männern wirklich nur das Steak aus der Eisenpfanne und die Frage, ob der Letzte das Licht löschen wird?

    • @lupo: Bravo! Dein Kommentar drückt aus was mich auch umtreibt. Im diesem Sinn, lasst uns die Fenster schließen vor Zugluft und Kälte!

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