Feindbild Mann Feminismus Identitätspolitik Männerpolitik Zivilgesellschaft

Wie der Linken die Welt abhanden kam

geschrieben von: Lucas Schoppe

Feminismus Revisited, letzter Teil. Viele sind sich darüber einig, dass es mittlerweile eine vierte Welle des Feminismus gibt, nach der zweiten Welle, die in den sechziger und siebziger Jahren anhob, und der dritten Welle, die sich auf gendertheoretische Überlegungen der sozialen Konstruktion von Geschlechtern konzentrierte. Nur was genau diese vierte Welle ist, wir sehr unterschiedlich beschreiben.

In meinen Augen lohnt es sich, sich auf einen Feminismus zu konzentrieren, der von dem sperrigen Adjektiv „intersektional“ begleitet wird.  Für manche ist der Begriff mittlerweile ein Schimpfwort, weil er für enorm harte Abgrenzungen von Menschen, die sich für links halten, steht – untereinander und nach außen. Aber tatsächlich hatte dieser Begriff ein großes Potenzial für positive, humanisierende Entwicklungen.

Wie auch in der letzten Teilen zur kleinen Skizze des modernen Feminismus orientiert sich so auch dieser Teil an der Leitfrage, wie eine Bewegung, die mit sehr positiven und plausiblen Zielen anhob, in ihr Gegenteil kippen kann.

1. Können wir es uns wirklich leisten, gegeneinander zu kämpfen? -Ach, lösch dich von dieser Welt!

2. Weiße Feministinnen, schwarze Feministinnen – und ihre Briefträger

3. Die Werkzeuge des Herren und der Spiegel boshafter Augen

4. Toxische Männlichkeit und die Härte der Reinheitssehnsucht

Fazit: Wie der Linken die Welt abhanden kam

 

1. Können wir es uns wirklich leisten, gegeneinander zu kämpfen? – Ach, lösch dich von dieser Welt!

Menschen, die sich für links halten, gehen manchmal in einer Weise miteinander um, die mit dem Anspruch auf Errichtung einer humaneren Gesellschaft nicht recht zu vereinbaren ist.

Der User KaNoNym (@kamnonym), der diese Nachricht erhalten hatte, hatte zuvor schon über seine Depressionen  geschrieben, was den Selbstmordempfehlungen von @wasloshamburg eine besondere Schärfe gibt. Was aber war eigentlich los?

Wenn ich die Situation und die unübersichtlichen Verhaltenstregeln postmodern-linker Zirkel richtig verstanden habe, hatte „KaNoNym“ eine österreichische Antifaschistin bei einer Kritik am muslimischen Kopftuch unterstützt. @wasloshamburg ist allem Anschein nach der Account einer muslimischen Frau, und dass sie mit Selbstmordwünschen reagiert, lässt sich natürlich auch damit erklären, dass nun einmal jede hinreichend große soziale Bewegung auch Soziopathen anzieht.

Es liegt aber auch an Verwerfungen in der Linken selbst, die unter anderem mit dem sperrig wirkenden Stichwort „Intersektionalität“ erklärt werden können. Die britische und schwarze Feministin Reni Eddo-Lodge erläutert den Begriff in ihrem Buch „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ (Why I’m No Longer Talking To White People About Race) so:

Bei den schwarzen Feministinnen benutzten wir das Wort Intersektionalität, um über die Überschneidung von zwei Formen der Diskriminierung zu sprechen – Rassismus und Sexismus –, wie sie Menschen erleben, die sowohl Frauen als auch schwarz sind. Die schwarze Juristin und Feministin Dr Kimberlé Crenshw prägte den Begriff, der mittlerweile in den Mainstream eingegangen ist, im Zuge ihrer Forschung. (S. 134)

Tatsächlich ist der Gedanke, dass sich verschiedene Formen der sozialen Benachteiligung kreuzen können wie zwei Straßen, älter als der Begriff – und er sollte eigentlich einmal auf die Vielfältigkeit der politische Linken aufmerksam machen, anstatt sie in verfeindete kleine Provinzen zu zersplittern.

Die schwarze amerikanische Feministin Audre Lorde kritisierte schon 1982 in der Rede „Learning from the 1960s“ die „Wer-ist-schwärzer-als-andere- und Wer-ist-ärmer-als-andere-Spiele, bei denen es keine Gewinner geben könne“ („playing who’s-Blacker-than-who or who’s-poorer-than-who games, ones in whsich there could be no winners“, S. 40) – und sie fragte: „Können wir uns wirklich noch leisten, gegeneinander zu kämpfen?“ („Can we really still afford to be fighting each other?“).

Das führt zur gleichen Frage, die auch mit jeweils etwas anderen Schwerpunkten Leitfrage der letzten, zusammenhängenden drei Texte hier im Blog war: Wie ist es möglich, dass der Ansatz einer Politik mit humanen Absichten bei seinem genauen Gegenteil endet?

 

2. Weiße Feministinnen, schwarze Feministinnen – und ihre Briefträger

Eddo-Lodge beschäftigt sich in ihrem Buch in einem eigenen Kapitel, „Die Feminismusfrage“, mit den Spannungen zwischen weißen und schwarzen Feministinnen. Eines ihrer Beispiele ist eine Diskussion mit Caroline Criado-Perez im Rahmen der Sendung „Woman’s Hour“, in der sie über ihre Publikationen zu „Rassismus in der feministischen Bewegung“ berichtet und über ihre „Frustration angesichts der hartnäckig weißen Perspektive der ‚Worführerinnen‘“. (126/127)

Criado-Perez hingegen berichtet über die Beschimpfungen und Bedrohungen, denen sie aufgrund ihrer Kampagne für Frauen auf britischen Geldscheinen ausgesetzt war, sie gibt unter anderem auch „eine antirassistische Perspektive“ als eine der vorgeschobenen Gründe dieses Mobbings an und stellt Eddo-Lodge so als eine der Mobberinnen dar. Der Vorwurf wird vielfach aufgegriffen, und besonders von der konservativen weißen Feministin Louse Mensch wird Eddo-Lodge heftig angegriffen.

Wie ungerecht die Vorwürfe sind, betont beispielweise der Journalist und, laut Arne Hoffmann, „linke Männerrechtler“  Ally Fog, der Eddo-Lodge engagiert verteidigt. Sie wäre die Letzte, die andere mit Mobbing-Kampagnen oder Verleumdungen zum Schweigen bringen würde: „It is simply not her style.“  Warum aber kochte der Streit überhaupt so hoch, wenn es doch offensichtlich war, dass er auf unhaltbaren Unterstellungen beruhte, für die sich Criado-Perez zudem gleich nach der Sendung entschuldigt hatte? (S. 129)

Es hätte für diese Zuspitzung kein Motiv gegeben ohne eine Gemengelage der Diskurse, in der es gewinnbringend ist, wenn Menschen sich erfolgreich als Opfer präsentieren. Natürlich war Criado-Perez tatsächlich ein Opfer zumindest von erheblicher verbaler Gewalt – aber Eddo-Lodge vertrat, ohne sie damit direkt zu meinen, eben auch die Position, dass weiße Feministinnen keineswegs in jeglicher Hinsicht Opfer wären, sondern in anderer Hinsicht und in manch anderen Kontexten auch Privilegien besäßen.

Dass Louise Mensch und Criado-Perez diese Kritikerin als Mobbing-Täterin hinstellten, diente offenbar auch dem Ziel, die Provokation ihrer intersektionalen Position zu entschärfen und die eigene uneingeschränkte Opfer-Position zu verteidigen.

Das aber zeigt auch das starke positive Potential intersektionaler Positionen, allzu starre und simple Täter-Opfer-Zuordnungen zu verwirren. Eine Frau kann dann eben durchaus in einem Kontext, als Frau, Nachteile erleben, in einem anderen, als Weiße oder als Angehörige der Oberschicht, aber von Privilegien profitieren.

Könnte am Ende gar die Vorstellung, für ein Ende der Geschlechterklischees Feminismus zu benötigen, auf Geschlechterklischees beruhen?

Auch Männer erscheinen dann nicht als geschlossene patriarchale Front. Enno-Lodge:

Männer sind ebenso wenig wie Frauen eine homogene Gruppe. Der Finanzminister führt ein anderes Leben als der Briefträger, der jeden Tag die Post durch meinen Briefschlitz steckt. Er hatte im Leben vollkommen andere Chancen als sein Gegenpart in der Regierung. Er wurde wahrscheinlich nicht reich geboren, und seine Eltern konnten wahrscheinlich nicht das Geld aufbringen, um ihn auf eine private Eliteschule zu schicken, die ihm für den Rest seines Lebens Oberklassenansprüche gesichert hätte. Männer leben in unterschiedlichen Welten. Manche werden mit Rassismus konfrontiert. Manche mit Homophobie. (155)

Dass viele der erfolgreichsten weißen britischen Feministinnen hingegen Töchter aus gutem Hause waren, die auf den privaten Schulen der Oberschicht ausgebildet wurden, muss eine solche Aussage umso provozierender machen. Warum also kippte der intersektionale Ansatz, der sich doch zur Differenzierung starrer Fronten geeignet hätte, in eine Balkanisierung linker Gruppen?

 

3. Die Werkzeuge des Herren und der Spiegel boshafter Augen

Auch Eddo-Lodge zitiert Audre Lorde:

Wenn ich mich nicht selbst definierte, würde ich zermalmt von anderer Leute Vorstellungen von mir und lebendig gefressen. (S. 129, bei Lorde S. 38)

Das identitätsstiftende Wechselspiel von Selbst- und Fremdbild ist hier gestört: Weil das Fremdbild so übermächtig und zugleich böswillig ist, kann das Selbstbild nur in der Abgrenzung davon bewahrt werden.

Diese Erfahrung war immer wieder Gegenstand afro-amerikanischer Literatur, beispielsweise in dem ersten Roman der späteren Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. „The Bluest Eye“ aus dem Jahr 1970 (deutsch „Sehr blaue Augen“, 1979) erzählt von dem jungen schwarzen Mädchen Pecola, das sich wünscht, blaue Augen wie die Weißen zu haben, weil sie ihre dunkle Hautfarbe und ihren dunklen Augen ganz selbstverständlich als hässlich erlebt. Immer wieder gibt es Szenen im Roman, in denen das vernichtende Fremdbild unmittelbar in ein vernichtendes Selbstbild umschlägt.

Solch eine Situation beschreibt auch, in einem anderen und extremen Kontext, Ruth Klüger, wenn sie von ihrer Kindheit als jüdisches Mädchen im nationalsozialistischen Wien erzählt. Eine Formulierung von Yeats („mirror of malicious eyes“) zitierend schreibt sie:

Man sieht sich im Spiegel boshafter Augen, und man entgeht dem Bild nicht, denn die Verzerrung fällt zurück auf die eigenen Augen, bis man ihr glaubt und sich selbst für verunstaltet hält.“ (S, 48)

Extreme Muster aus Macht und Ohnmacht stellt Lorde allerdings auch für die amerikanische Gesellschaft fest. In einer Rede zu einer feministischen Konferenz in New York im Jahre 1979, The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House,  beklagt sie, dass die „weiße amerikanische feministische Theorie“ (20) kein Interesse an den unterschiedlichen Situationen weißer und schwarzer Frauen habe. Lorde wendet also die klare Unterteilung von Unterdrückern und Unterdrückten, mit denen Feministinnen im Geschlechterkontext arbeiten, auf den Kontext von Rassenunterschieden an und wendet sie gegen die weißen Feministinnen selbst: Sie stehen nun selbst als Unterdrückerinnen da.

Wer aber eine Veränderung der Verhältnisse wolle, müsse aus den eigenen Unterschieden Stärken machen:

Denn die Werkzeuge des Herren werden niemals das Haus des Herren abreißen. Sie erlauben uns vielleicht, ihn zeitweilig in seinem eigenen Spiel zu schlagen, aber sie werden uns niemals ermöglichen, echte Veränderungen zu bewirken. (19, Übersetzung von mir, LS)

Die Akzeptanz für Verschiedenheit, die gegenseitige Fürsorge, für die Lorde sich einsetzt, setzen jedoch stillschweigend eine grundlegende Spaltung voraus: Eine gemeinsame Position der verschiedenen Unterdrückten gegen ein gemeinsames Feindbild, gegen die „Herren“. Diese schroffe Gegenüberstellung aber ist trügerisch.

Dass die Werkzeuge des Herren niemals das Haus des Herren abreißen werden, mag gut klingen – es stimmt aber schlicht nicht. Die Geschichte von Befreiungsbewegungen ist immer auch eine Geschichte davon, wie sich Menschen die Werkzeuge ihrer Herren angeeignet und gegen sie gewendet haben. Die indische Befreiungsbewegung hat, angeführt von Gandhi,  gezielt und erfolgreich auf den Wiederhall in den britischen Medien spekuliert.

Heute verwenden Schriftsteller aus den ehemaligen britischen Kolonien die englische Sprache, um sich mit der Kolonialgeschichte und ihren Folgen auseinanderzusetzen: „The Empire Writes Back“ – diese Formulierung Salman Rushdies für diesen Prozess spielt zugleich auf einen der größten Filme des Hollywood-Imperiums an und wendet den Titel für eigene Zwecke.

In der europäischen Arbeiterbewegung drückte sich ein zentraler Gedanke sowohl in der marxistischen Theorie der Entfremdung wie im einfachen Slogan – „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ – aus: Die Herrschaft habe sich ihre Werkzeuge lediglich von denen angeeignet, denen sie eigentlich gehören, und es sei an der Zeit, sie sich zurückzuholen.

Heute ist eines der wichtigsten Stilmittel des Hip-Hop, das Sample, ein Gestus der selbstbewussten Aneignung. Da den Nachfahren verschleppter und versklavter Afrikaner gleichsam ihre Wurzeln genommen wurde, bedienen sie sich nun aus der Kultur, die sie vorfinden, und machen sie zu eigen.

Das muslimische Kopftuch als altes Symbol der Geschlechtergerechtigkeit? Seine Verwendung als Accessoire der Emanzipation radikalisiert eine westliche Perspektive auf den Selbstausdruck durch Kleidung und blendet die Perspektiven der Frauen – und Männer – aus, die sich gegen das Kopftuch als Symbol und Instrument der Repression auflehnen.

Dass der Herrschaft auf ganz unterschiedliche Weise ihre Werkzeuge entwendet werden können, hat einen einfachen Grund: Wer überhaupt Werkzeuge braucht, ist nicht allmächtig und hat nicht die Möglichkeit, den eigenen Willen unmittelbar Realität werden zu lassen. Zumal dann, wenn die moderne Wissenschaft als Machtinstrument präsentiert wird, ist Lordes Metapher irreführend.

Denn wer Wissenschaft betreibt, muss sich mit einer Wirklichkeit auseinandersetzen, die er nicht vollständig versteht und beherrscht – und wer sich an wissenschaftliche Basisregeln hält, muss für eigene Positionen nachvollziehbare Belege finden und die eigenen Ergebnisse in anderen Perspektiven und Kontexten überprüfbar machen.

Natürlich: Es gibt Werkzeuge, die nur für totalitäre Herrschaft, nicht aber für demokratische Entwicklungen nutzbar sind:  Es gibt keine demokratische Gestapo, und es gibt auch keine demokratische Zerstörung der Redefreiheit. Über diese Selbstverständlichkeit hinaus, dass nicht alle Werkzeuge für jeden Zweck geeignet sind, produziert Lordes schroffe Abgrenzung von Herrschaftswerkzeugen allerdings Widersprüche.

Sie versperrt vor allem die Einsicht, dass Herrscher und Beherrschte sich bei allen Unterschieden auf eine gemeinsame Wirklichkeit beziehen und dass sie jeweils, wenn sie in dieser Wirklichkeit etwas erreichen möchten, dafür geeignete Instrumente brauchen.

 

4. Toxische Männlichkeit und die Härte der Reinheitssehnsucht

So presst dann auch Lorde schon die Vielfalt, für die sie ausdrücklich eintritt, stillschweigend in eine einfache Gegenüberstellung von Herrschern und Beherrschten. Zusammengehalten wird die Diversität stillschweigend durch den gemeinsamen Feind, der alle Vielfältigen beherrsche, aber diffus bleibt.

Diese Gemeinsamkeit ist auch nötig, denn intern teilen sich die Beherrschten untereinander auf in diejenigen, die an der Herrschaft noch teilhaben, ohne es einzugestehen (weiße, heterosexuelle Feministinnen), und diejenigen, die ganz von ihr ausgeschlossen sind (schwarze, lesbische Feministinnen wie Lorde selbst).

Das heißt heute mit besonderer Schärfe: Es gibt unreinere und reinere Gruppen – Gruppen, die noch an bestehenden Machtverhältnissen teilhaben, und Gruppen, die ganz ausgeschlossen sind und die so von der Macht nicht kontaminiert sind.

Es ist kein Zufall, dass einer der Lieblingsbegriffe für Männlichkeit heute der Begriff der toxischen Männlichkeit ist: Die Macht, die angeblich durch Männlichkeit repräsentiert wird, vergiftet aus dieser Perspektive den ganzen Rest der Gesellschaft. Es irritiert nicht einmal, dass diese Bildlichkeit, die bis weit in scheinbar seriöse Publikationen verbreitet ist, am faschistische Bilder der Vergiftung des Volkskörpers durch eingedrungene Feindesgruppen anknüpft.

Frauen als besetztes afrikanisches Volk, Männer als tumbe weiße Besatzer: Die Geschlechterklischees des Feminismus haben sich über die Jahrzehnte hinweg als bemerkenswert stabil erwiesen. Ein Ausriss aus dem Schlussteil von Erica Fischers „Feminismus Revisited“

Anstatt zu überprüfen, auf welche Weise Veränderungen in einer gemeinsamen Welt aller bewirkt werden können, entwickelt sich in dieser Frontstellung gegen ein toxisches Außen eine Opferkonkurrenz, die zugleich auch eine Konkurrenz um die größere Reinheit und Unschuld ist.

Bei allem Anspruch, „emanzipatorisch“ und „progressiv“ zu sein, ist die Fixierung auf Reinheit allerdings statisch und unbeweglich – denn wer etwas verändern möchte in der Welt, muss in ihr tätig werden, ihre Wirkungsweise akzeptieren und lernen, sich selbst auch aus der Perspektive anderer wahrzunehmen.

Zugleich erscheint in einer Logik der Reinheitssehnsucht jede Härte, jede Verrohtheit gegen andere gerechtfertigt, ja sogar notwendig, ganz besonders dann, wenn sie beanspruchen, selbst zum „emanzipatorischen“ Lager zu gehören. Denn diese Härte lässt sich unschwer als besonders entschiedene Abgrenzung gegen die Kumpanei mit den bestehenden Machtverhältnissen fantasieren. Wer so agiert, weiß wie auf wunderbare Weise immer schon, was richtig ist – hat aber, ohne das einzugestehen, kein Interesse an einer Veränderung der sozialen Welt.

 

Fazit: Wie der Linken die Welt abhanden kam

Die großen Analysen sind geleistet. Das Grundsätzliche wird nicht mehr in Frage gestellt. Nicht einmal Männer sind heute mehr so verwegen, die Herrschaft ihres Geschlechts auf Kosten der Frauen zu leugnen. (S. 312)

Was Erica Fischer hier in ihrem gerade erschienenen Feminismus Revisited schreibt, wirkt angesichts der überfordernden Komplexität moderner Gesellschaften, der unüberschaubaren Vielfalt ihrer Perspektiven und ihrer unberechenbaren Veränderungen auf infantile Weise arrogant. Zudem hat die Fantasie, dass alle großen Analysen bereits geleistet wären, Folgen für den Diskurs.

Nun geht es nicht mehr darum, dass Menschen sich in offenen Debatten mit einer allen gemeinsamen Wirklichkeit beschäftigen. Stattdessen bekommen öffentliche Debatten den Charakter eines gelenkten Unterrichtsgesprächs, in dem die geleisteten Analysen nur noch den Menschen vermittelt werden müssen, die sie noch nicht verinnerlicht haben.

Die demokratische Gesellschaft wird dabei stillschweigend in drei Gruppen gespalten: in die der Immer-Schon-Wissenden, die der Noch-zu-Unterrichtenden und in die Renitenten, die nicht einsehen wollen, was für sie und andere gut ist.

Noah Sow und ein selektiver Blick auf selektive Hilfe für Kinder:  Wie folgenreich eine solche Störung der öffentlichen Debatte sein kann, illustriert Noah Sow unbeabsichtigt in ihrer Schrift „Deutschland Schwarz Weiß“. Als ein Beispiel für alltäglichen Rassismus der Medien führt sie dort eine Werbung der Hilfsorganisation PLAN an, die mit dem Bild eines schwarzen Mädchens für Patenschaften werbe.

Nur bei einem Schwarzen Kind lässt sich auf die Idee kommen, dass es hilfsbedürftig sei, obwohl es fröhlich aussieht.“(S. 125)

Nun wirbt PLAN durchaus auch mit Bildern von Kindern anderer Hautfarbe, und vor allem entgeht Sow ein Aspekt, der eigentlich unübersehbar ist und in der Beschriftung der Werbung groß und ausdrücklich erwähnt wird: PLAN wirbt ausschließlich mit Mädchen und ausschließlich für die Hilfe für Mädchen. Ganz offensichtlich kalkuliert das Unternehmen erfolgreich damit, dass viele Menschen eher für Mädchen spenden als für Jungen oder für beide Geschlechter.

Zeigt Werbung von Plan International

Keine Gewalt gegen Kinder? Nein – Keine Gewalt gegen Mädchen… Eine Werbung der Hilfsorganisation PLAN

Dass Sow diese zynische Selektion von Kindern in den ärmsten Ländern der Welt entgeht, bedeutet nun nicht zwangsläufig, dass sie eine Sexistin wäre, die sich ihrer eigenen Privilegien nicht bewusst ist. Es bedeutet aber, dass sie andere Schwerpunkte setzt und andere Probleme hat und entsprechend selektiv auch die Werbung wahrnimmt. Die Einschränkungen ihrer Perspektive aber lassen sich ja durch Beiträge aus anderen Perspektiven leicht ergänzen.

Das aber zeigt, wie wichtig eine offene Debatte ist, in der nicht von Beginn an immer schon klar ist, wer Opfer und wer Täter ist, wer reden darf und wer zuhören muss.

In einer Position aber, wie Fischer sie stellvertretend beschreibt, werden nicht nur störende Perspektiven ausgeblendet, es werden – schlimmer noch – ganz generell empirische Daten nicht mehr gebraucht. Genauer: Sie werden lediglich noch als Bestätigung des Immer-schon-Gewussten gebraucht, aber nicht als empirische Daten, also als Informationen, die bestehende Einschätzungen ändern könnten.

Plädoyer für eine linke Männerpolitik: Arne Hoffmann ist einer der vielen Männer und Frauen, die von Frau Fischer unbemerkt schon lange an der Idee einer männlichen Herrschaft auf Kosten der Frauen zweifeln.  Sein „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ präsentiert eine unendliche Fülle empirischer Daten, die diesen Zweifel begründen. Von Fischer wird das Werk ebenso ignoriert wie von anderen Feministinnen, von der universitären Geschlechterforschung oder von etablierten Medien.

Durch diese Ignoranz werden nicht nur Ressentiments gegen Männer perpetuiert, sondern es hat sich auch längst eine Politik etabliert, die kein Interesse daran hat, sich aus empirischen Daten informieren und gegebenenfalls korrigieren zu lassen. Die Überzeugung beispielsweise, dass es keinen Rassismus gegen Weiße oder keinen Sexismus gegen Männer geben könne, wird nicht anhand empirischer Daten belegt und diskutiert, sondern auf der Ebene der Definitionen entschieden – Angehörige einer Gruppe, die Macht habe, könnten keine Opfer von Rassismus oder Sexismus werden.

MeToo. Aber Du nicht.: Das Empirie-Desinteresse hat auch der MeToo-Bewegung geschadet, zu deren Konsequenzen eben mittlerweile auch mehrere Todesopfer gehören, ohne dass das ernsthaft diskutiert würde. Zwar hat die Bewegung Erfahrungen veröffentlicht, die zuvor weiten Kreisen nur stillschweigend bekannt waren, und sie hat damit unbestreitbare Verdienste – aber auch hier wurden Erfahrungen immer nur dann ernst genommen, wenn sie bereits feststehende Überzeugungen vom männlichen Täter und von weiblichen Opfer bestätigten.

Die Ersetzung der Unschuldsvermutung durch das nur für Frauen geltende Listen-and-Believe-Prinzip stellte eben klar, dass es nicht um ergebnisoffene Untersuchungen gehen könne. Stattdessen agierten die Protagonistinnen in der Überzeugung, die verdeckte Wahrheit immer schon zu kennen und nun nur noch ans Tageslicht holen zu müssen.

Das ist keine Satire, auch wenn es so aussieht, als würde Orwell re-inszeniert. Die Rednerin ist die amerikanische Feministin Anita Sarkeesian.

Das aber ist eben das Gegenteil klassischer linker Politik. Dort ging es eben gerade darum, Erfahrungen von Menschen aufzugreifen, die eben nicht in etablierten Diskursen vertreten waren – und darum, diese Erfahrungen wirksam werden zu lassen. Der Absturz der SPD ist auch, und vor allem, darauf zurückzuführen, dass die Partei diese Funktion nicht mehr übernimmt, die sie jahrzehntelang stark gemacht hat.

Warnungen vor einer problematischen Welt: Natürlich ist es nur aus erheblich privilegierten Positionen möglich, sich gegen Erfahrungen abzugrenzen, die zum Alltagsleben eines großen Teiles der Menschen gehören. Das Ausgegrenzte aber wird dann wahrgenommen als beständige diffuse Bedrohung: Die Einschränkungen der freien Rede an den Universitäten oder die infantil anmutende studentische Erwartung, mit Triggerwarnungen auf beunruhigende Texte aufmerksam gemacht zu werden, sind vor allem ein Ausdruck der Angst vor einer Wiederkehr des Verdrängten.

Dass diese Einschränkungen ausgerechnet in der akademischen Kultur wuchern, ist für sich genommen schon ein deutliches Zeichen dafür, dass sich hier ein elitäres Milieu gegen andere Teile der Gesellschaft abschottet.

Auch das zentrale Kennwort für alles, was nicht in einen etablierten, scheinhaft linken Diskurs aufgenommen werden dürfe, verrät diese elitäre Position: „problematisch“. Von dem Popper’schen Ethos, dass alles Leben Problemlösen sei, ist hier nichts übrig. Denn unproblematisch – also glatt, widerspruchsfrei, untragisch – sind allein Positionen von Menschen, die das unvermeidbar Problematische des einfachen alltäglichen Lebens auf andere abwälzen können. Auch dies ist ein Kennzeichen einer uneingestanden elitären Politik.

Identitätspolitik und Wunscherfüllungsspiegel: Es ist fast unvermeidbar, dass eine solche Politik sich als Identitätspolitik formiert. In der Gruppenidentität können alle Beteiligten alle anderen Mitglieder als Spiegelungen des Eigenen wahrnehmen, als Menschen, die so sind wie sie. Identitätspolitik ist auch eine Politik des Selbstbezugs.

Das tatsächlich identitätsstiftende Spiel von Selbst- und Fremdbildern aber scheitert hier nicht am Spiegel boshafter Augen, sondern ganz im Gegenteil daran, dass andere Menschen zu Wunscherfüllungsspiegeln degradiert werden. Die Nicht-Erfüllung lässt sich dann als Akt der Aggression wahrnehmen.

Mit diesem entschlossenen Rückzug aus sozialen Erwartungen, Spiegelungen und Handlungszwängen agieren Protagonisten linker Politik, als ob alle Analysen immer schon geleistet, als ob jede Infrastruktur immer schon errichtet und jede Versorgung immer schon gewährleistet wäre – und als ob es nun nur noch um die gesellschaftliche Inneneinrichtung ginge.

Hier rächt sich wohl auch, dass zwar die bürgerliche, aber nicht die proletarische Frauenbewegung der ersten Jahrunderthälfte eine Fortsetzung fand: Was heute als fortschrittliche Geschlechterpolitik gehandelt wird, überträgt das Modell einer großbürgerlichen Ehe vom Ende des 19. Jahrunderts in die heutigen Institutionen.

Alte weiße Männer und Töchter aus gutem Hause: Die Abstraktheit und Erfahrungsferne dieser Politik zeigt sich auch in dem putzigen Anspruch, das Lieblingsfeindbild des „alten weißen Mannes“ würde keine alten weißen Männer bezeichnen, sondern eine allgemeine Geisteshaltung. Tatsächlich ist das nicht einmal ganz falsch: Der „alte weiße Mann“ steht, ressentimentgeladen, für diejenigen, die sich um die Infrastruktur der Gesellschaft kümmern, sich aber gefälligst nicht in ihre Inneneinrichtung einmischen sollen. Es sei denn, sie sind so wie Robert Habeck, dem Sophie Passmann in ihrem Buch „Alte weiße Männer“ gönnerhaft bescheinigt, „einer von den Guten“ (S. 66) zu sein.

Natürlich wird auch dieses Ressentiment mit der Fantasie legitimiert, alte weiße Männer würden privilegiert die Gesellschaft beherrschen, ohne sich ihrer Privilegien bewusst sein zu müssen. Tatsächlich spiegelt diese Fantasie einer Männerherrschaft eher einen klischeehaften weiblichen Blick auf Männer, der zwar erfolgreiche und statushohe Männer genau und ausgiebig fixiert, in dem andere Männer, die mit Mühe ihr alltägliches Leben meistern, jedoch nicht einmal aus den Augenwinkeln wahrgenommen werden.

Die Rede vom Patriarchat baut, ohne dass das ihren Protagonistinnen bewusst werden müsste, auf den Männerfantasien von Töchtern aus gutem Hause.

 

Literatur, wenn nicht bereits verlinkt:

Reni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weißen über Rassismus rede, Stuttgart 2019

Erica Fischer: Feminismus Revisited, Berlin 2019

Nadja Hermann: Fettlogik überwinden, Berlin 2016

Arne Hoffmann: Plädoyer für eine linke Männerpolitik, Springen 2014

Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend, München 1997

Audre Lorde: The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House, London 2017 (ein Sammelband Zami / Sister Outsider / Undersong ist als pdf auch hier erhältlich. Er enthält ebenfalls die beiden hier zitierten Texte „The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House“ und „Learning from the 1960s“)

Toni Morrison: The Bluest Eye, London 2007

Sophie Passmann: Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch, Berlin 2019

Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiß, Norderstedt 2018

RSS
Follow by Email
Twitter
Google+
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

44 Comments

  • Der intersektionale Ansatz führt zwangsläufig zu einer Zersplitterung und Verlust einer ganzheitlichen Welt.

    Intersektionalität bedeutet

    a. die Untersuchung, wie ein Unterschied beschaffen ist und wie er entsteht und wie dieser Unterschied wahrgenommen wird und wie diese Wahrnehmung wieder die Beschaffung des Unterschieds beeinflusst.
    b. das Bewusstsein, dass die Auswahl der Art und Menge der Unterschiede festlegt, wie das daraus Konstruierte ( der höherstufige Unterschied, also Mann, Frau, schwarz, lesbisch, heterosexuell, weiß, etc.) wahrgenommen wird, was daran als wesentlich betrachtet wird.
    c. die Entscheidung, sich auf eine bestimmte Gruppe von Unterschieden festzulegen, die ausreichend erscheinen, um den Mechanismus der Bildung und der rückbezüglichen Wahrnehmung der Unterschiede zu erklären und aufzuzeigen.
    d. die Überzeugung, dass die Wahl der Gruppe der Unterschiede durch Macht abgesichert wird.
    e. die Überzeugung, dass die gewählte Gruppe der Unterschiede einen Menschen und seine Qualitäten wesentlich abbilden kann
    f. der Wille

    1. jede Gruppierung von Unterschieden und jedes Festhalten an diesen zu torpedieren, damit nichts Wesentliches entstehe, was immer für mindestens eine Gruppe von Menschen zur Diskriminierung (negatives, unterdrückendes Unterscheiden) führe
    2. eine bestimmte Gruppierung von Unterschieden festzuhalten und negativ zu
    konnotieren, um mit dieser ein bestehende Wesentliches (Mann,
    Familie, weiß) zu zersetzen.
    3. die Negation von 2 dazu zu verwenden, um die Opfer von 2 (Frau) als positiv konnotiert und als wesentlich zu beschreiben (was gegensätzlich zu 1 ist)

    Man hat dadurch die Konstruktion von Menschen durch sich überschneidende Unterscheidungen, die durch Macht abgesichert wird. Darin analytisch enthalten sind Täter und Opfer, Sprache als Herrschaftsinstrument und weitere materielle Ressourcen, die zur Stabilisierung des Sprachzusammenhangs, der wiederum die Konstruktionen bewerkstelligt, dienen.

    Zwingend folgt hieraus, dass Intersektionalisten

    1. die Kritik an den ausgewählten Unterschieden
    2. die Kritik an der Zahl der Unterschiede
    3. die Kritik an der Macht, die die Unterschiede auswählt

    zu ihrem Gegenstand hat, wobei diese Kritik sich selbst auch als von 1,2 und 3 betroffen wahrnimmt.

    Intersektionalisten erfahren, dass es kein gültiges Kriterium gibt, außer amorpher und zufälliger Macht, das innerhalb der intersektionalistischen Theorie zu finden wäre, das eine bestimmte Macht, bestimmte Arten von Unterschieden, bestimmte Anzahlen von Unterschieden, als allgemeingültig festlegen könnte. Jede Festlegung führt zu ihrer Widerlegung, jede Anzahl zu ihrer Mehrung oder Minderung, jede Macht zu ihrer Gegenmacht usw. Der Begriff der sich überschneidenden Diskriminierungen (Unterscheidungen) wird dadurch zwangläufig unüberschaubar vielfältig und in letzter Konsequenz irrational. Es gibt tausende von Standpunkten, d.h., es gibt nichts Ganzes mehr, keine wesentlichen Unterschiede, keine Hierarchie zwischen den Unterschieden. Dadurch zersetzt sich diese Theorie selbst und hinterlässt, wenn sie erfolgreich war, eine zersetzte Gesellschaft.

    Intersektionalismus gehört begrifflich zum Postmodernismus. Intersektionalismus dient vor allem der materiellen und kulturellen Ressourcenmehrung derjenigen Gruppe, die man als akademisches Proletariat bezeichnen könnte.

  • „Die demokratische Gesellschaft wird dabei stillschweigend in drei Gruppen gespalten: in die der Immer-Schon-Wissenden, die der Noch-zu-Unterrichtenden und in die Renitenten, die nicht einsehen wollen, was für sie und andere gut ist.“

    Ach ja, der ewige HeckMeck um die gemeinsame Schnittmenge der relativ gut objektivierbaren Realität. Können die Femis einfach nicht ……

    Richtig schlimm finde ich die universelle Zuweisung abgeblicher ( und fast immer als „unbewußte Störung“ hingebogene ) Renitenz.

    Fefe hatte da vor einigen Tagen mal wieder ein hübsches Beispiel von der ETH-Zürich:
    https://blog.fefe.de/?ts=a25159e9

    Ich zitier mal ein Stückchen aus einer E-Mail an eine gute Bekannte dazu:
    „Die Härte sind die absolut typischen Versatzelemente in der Story. Letztendliche ( einzige! sic! ) Begründung der ganzen Show: „Sie ist nicht einsichtig“. Das mit Abstand bekloppteste aller autoritaristischen Nichtargumente weltweit, seit immer!
    Wohlgemerkt, nicht im HJ-Kindergarten, sondern einer ( post-)modernen Weltspitzenuni!
    Und latürnich hat man einen externen „Gutachter“ ( ausgerechnet einen Rechtsverdreher, weil der so schön unangreifbar labern kann ) eingesetzt, selbstverfreilich mit plattest getürkter „Beweisfrage“. Das Ergebnis konnte also nur lauten: „Andererseits habe sich die Professorin im ganzen Verfahren vollständig uneinsichtig gezeigt und sei sich noch heute keines Fehlverhaltens bewusst. «Ist keine Hoffnung auf Besserung absehbar, ist für mich die Voraussetzung für eine vertrauensvolle Zusammen­arbeit nicht länger gegeben.»“
    Im Sondergericht AG/FG hier nennt sich das offiziell „das Zerrüttungsprinzip“, w.h.: Wer was verbockt, interessiert keine Sau, hauptsache eskalierter Streit, das reicht. Wem man an’s Bein pinkeln wollte, war ja vorher schon klar.
    Kurzformel: Unschuld = besonders schwere Schuld!
    Die dreckigste tribalistische Atombombe der Postmoderne überhaupt. In meinem Fall wurde das sinngemäß so formuliert: „Er zeigt keine Einsicht in Eigenanteile, erkennt diese teilweise nicht“.
    Einem wg. Vergewaltigung verurteiltem Lehrer ( Horst Arnold ) hat man darauf fünf Jahre lang sämtliche „Vergünstigungen“ im Knast gestrichen, eben weil er unschuldig war!
    Und hinterher, nach dem nachträglichen Freispruch, die Entschädigung und Resozialisierung verweigert. Weil böser Feind hat nicht mitgespielt, als man masochistische Submission von ihm verlangte.“

    Oder, wie Brittney Spears es mal nur unwesentlich extremer formulierte, sie sei ja für die Todesstrafe, weil anders „kapieren DIE DAS nicht“ ….

    • Einem wg. Vergewaltigung verurteiltem Lehrer ( Horst Arnold ) hat man darauf fünf Jahre lang sämtliche „Vergünstigungen“ im Knast gestrichen, eben weil er unschuldig war!

      Nein, nicht weil er unschuldig war, sondern weil er stets sagte, dass er unschuldig war.
      Er hätte ja auch lügen und sich schuldig bekennen können. Dann hätte er ebenfalls Hafterleichterungen erhalten.

    • Nun, dieses System hat sich ja schon zur Zeit der Hexenververfolgung bewährt:

      „Gestehe, Weib!“ – „Ich bin unschuldig!“- „Höret, wie verschlagen und uneinsichtig sie ist! Sie ist des Teufels! Auf den Scheiterhaufen mit Ihr!“.

      Es ist interessant zu sehen, dass im intellektuellen Umfeld einer modernen Universität mit mittelalterlichen Methoden gearbeitet wird. Was meine These, dass der Mensch in den letzten 5000 Jahren nicht wirklich schlauer geworden ist, bestätigt.

  • Zitat: „… das Lieblingsfeindbild des „alten weißen Mannes“ würde keine alten weißen Männer bezeichnen, sondern eine allgemeine Geisteshaltung“ – So wie das Feindbild des Negers, der gerne schnackselt, bekanntlich auch kein Rassismus ist, sondern nur eine allgemeine Einstellung zur Sexualität beschreibt. Ach so, na wenn es in Wirklichkeit rassistisch gemeint ist, dann ist Rassismus natürlich in Ordnung.

    Zum Text: Intersektionaler Feminismus wird gebraucht, weil die feministischen Ziele längst durchgesetzt sind. Was es noch an geschlechtsbezogenen Diskriminierungen gibt, bewegt sich für beide Geschlechter auf dem gleichen Niveau. Das ist sicher in jedem Fall behebenswert, aber eben kein Grund mehr, speziell auf Frauen zu schauen.

    Nun wollen hauptberufliche Feministinnen auch von irgendwas leben, also erklären sie sich nun auch für die gehbehinderte Menschin-der-Farbe mit schiefen Zähnen zuständig. Damit können sie dann behaupten, dass sie immer noch gebraucht werden, sprich: man sie weiterhin finanzieren muss.

    Bemerkenswert ist hier die Selbstverständlichkeit, mit der sich der intersektionale Feminismus fremde Diskriminierungserfahrungen aneignet (und sie den Betroffenen damit faktisch wegnimmt). Das ist quasi die Steigerung des alten Vorwurfs, dass Feministinnen gar nicht für alle Frauen sprechen: Noch viel weniger sprechen sie für Menschen, die aus anderen als sexistischen Gründen diskriminiert werden.

    Ob den Akteuren die eigene Widersprüchlichkeit auffällt, wenn sie ihre unendlich privilegierte Position ausnutzen, um weniger privilegierte Menschen aus deren eigenen Themen zu verdrängen?

    • „Das ist quasi die Steigerung des alten Vorwurfs, dass Feministinnen gar nicht für alle Frauen sprechen…“

      Ich würde das nicht Vorwurf nennen, sondern schlicht: Fakt.
      Eine Frau, die Hausfrau und Mutter sein will, wird von Feministinnen ja im besten Fall als patriarchal okkupiert und im schlimmsten Fall als Verräterin am wahren Geschlecht angesehen.

      Was mich zu der Frage bringt, wie es sein kann, dass Feministinnen es geschafft haben solche eine diskursbestimmende und -entscheidende Stellung einzunehmen?

    • Was es noch an geschlechtsbezogenen Diskriminierungen gibt, bewegt sich für beide Geschlechter auf dem gleichen Niveau. Das ist sicher in jedem Fall behebenswert, aber eben kein Grund mehr, speziell auf Frauen zu schauen.

      Das sehe ich anders. Ich kenne jetzt ganz konkret kein Gesetz, das Frauen benachteiligt. Dafür aber einige, die Männer benachteiligen.

      Es ist zudem Fakt, dass Frauen seltener als Männer als Täterin wahrgenommen werden, Frauen werden idR. weniger hart bestraft, Frauen bekommen Hilfsangebote (häusliche Gewalt), obwohl sie genau so häufig Täterin sind.

      Frauenquoten, Frauenbevorzugung bei Beförderung, Frauentage in öffentlichen Bädern, Saunen usw.
      Die Diskriminierung von Frauen und Männer ist keinesfalls auf dem selben Niveau, denn Männer (und Jungen) werden massiv benachteiligt.
      Stört aber niemand, weil wir ja böse, toxische Männern sind, die dem allen beherrschenden Patriarchat angehören und somit privilegiert sind.

      • Mach‘ einfach eine ganze Gruppe der Gesellschaft immer wieder nieder und dann trampel ungehemmt auf ihr herum. Ob man da nun einen unrasierten „Uwe“ im Vergleich zu zwei Scheuermitteln für die Ceranfeldplatte nimmt oder ihn gleich mit dem Katalog KO schlägt, dass ist doch egal. Soll der doofe Uwe doch froh sein, dass wenigstens die Herdplatte ausgeschaltet war.

        Komisch auch, dass die wenigsten Uwes dieses Land überhaupt dagegen aufbegehren, sondern sich noch gröhlend die Schenkel klopfen. So vermutlich auch die Intention bei einem Parkettboden-Hersteller, der eine arrogante Blondine auf dem knallroten Ledersessel inmitten eines leeren Wohnzimmers zeigte, während eines ihrer Stilettos in Richtung Betrachter zeigte. Bildunterschrift:

        „Das schöne an Männern ist, dass man so hemmungslos auf ihnen rumtrampeln kann“ – Witzig, nicht wahr?

        Unkraut-Ex ist ja leider verboten …

        • Falls man mir o.g. nicht glaubt, dann sehe man sich nur mal diesen „Spontex Kochfeld-Blitzer“-Spot aus den 1998ern an, der den Scheuermilchvergleich noch mal aufgriff:

          https://www.youtube.com/watch?v=VvixGfVlLo4

          Witzig, so eine toughe (taffe) Emanze, nicht wahr? Und dann trotzdem noch mit solch einem antiquierten Weltbild: „.. Was taugt ein Mann im Haushalt? Machen wir (pluralis majestatis) den Praxistest! ..“

  • Bei der Rückbeschau der Herkunft des „Intersektionalismus“ teile ich dein Wohlwollen nicht, Lucas. Meines Erachtens sind die von dir beklagten Balkanisierungen bereits in den zitierten Textauszügen inhärent, sie fallen wohl nur nicht sofort ins Auge, weil man, in Anbetracht der Nachvollziehbarkeit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA, schnell eine gewisse Benevolenz entwickelt. Faktisch ist aber schon dort die Festschreibung von Stoßrichtungen erkennbar. Dass eine schwarze Feministin mit völliger Selbstverständlichkeit annimmt, bei schwarz und weiblich handele es sich in jedem Fall um zwei sich überschneidende Diskriminierungsfaktoren, ist ideologisch ebenso erwartbar wie blödsinnig. Berücksichtigt man die Zustände in den Ghettos amerikanischer Großstädte, fällt es mir schwer zu erkennen, wo da die Männer privilegiert sein sollen, die in nicht unerheblicher Zahl „Jobs“ als kleine, mehr oder weniger unbedeutende „Soldaten“ in Bandenkriegen verrichten, weil sie darin ihre einzige Möglichkeit sehen, Frau und Kinder zu Haus zu versorgen. Und zu Zeiten der Segregation waren schwarze Männer und Frauen ohnehin vereint in Rechtlosigkeit, ebenso wie die Schichten der Arbeiter und Bauern in feudalen Herrschaftssystemen.

    Dass in dieser Berücksichtigung der Faktor der sozialen Schicht eine Rolle spielte, geht auch aus keinem der Zitate hervor und scheint mir auch eher wohlwollend von dir mit hineininterpretiert. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass auch schon in den Anfangszeiten, als man begann diesen – in meinen Augen als „wissenschaftlichen Terminus“ unsinnigen Begriff – zu etablieren, kein wirkliches Interesse an einer Beschreibung sozialer Zustände unter Berücksichtigung gesamtgesellschaftlicher Bedingungen bestand.

    Für unsinnig halte ich den Begriff, weil er mit dem Versuch hoch wissenschaftlichen Anklangs etwas beschreibt, was nichts anderes ist als eine Binsenweisheit, die dir wohl auch schon Menschen vor 3000 Jahren aus ihren Alltagserfahrungen heraus hätten beschreiben können. Nur dass wohl schon der unter ägyptischer Sklaverei stehende Nubier ein intellektuell weit kompexeres Bild der Gesellschaft zu beschreiben im Stande gewesen wäre, als neuzeitliche Intersektionalisten, beginnend, meines Erachtens, bei der Sekunde Null dieser Ideologie.

    Was mich stört ist eben diese nicht selten larmoyante Festschreibung von Diskriminierungsstrukturen. Wo lebt denn der weiße Schüler seine weißen Privilegien und seinen weißen Rassismus aus, wenn ihn seine schwarzen Mitschüler auf dem Schulhof vertrimmen, weil sie auf ihn als Weißen sauer sind, weil die Medien mal wieder darüber berichteten, dass ein Schwarzer von der Polizei getötet wurde? Wo ist der weiße Student gegenüber seiner schwarzen Mitstudentin privilegiert, wenn er wegen von ihr nur aufgrund persönlicher Antipathie in Umlauf gebrachter Vorwürfe sexueller Übergriffigkeit, ohne Chance auf Anhörung oder Verteidigung, von der Uni geschmissen wird?

    Intersektionalismus war von vornherein der Versuch, hoch komplexe Muster, die nicht nur sozialen Bedingungen unterliegen sondern oft auch situativ geprägt sind, in möglichst einfache, parolentaugliche Muster zu pressen. Dass die ganze Sache über die Zeit dabei sogar noch erheblich an der von Anfang an bedenklich knappen Komplexität eingebüßt hat, dürfte daran liegen, dass sich, gerade durch die Mainstreamtauglichkeit dieser Ideologie, Heerscharen von – nennen wir das Kind einfach beim Namen – kompletter Vollidioten dort zu „geistigen Führern“ emporgeschwungen haben.

    Ach und PS (wegen der einen Bildunterschrift): Annita Sarkeesian ist Kanadierin. Glaub mir, ich als „Gamer“ weiß das. Know your enemy und so weiter… 😉

    • @billy:

      Für unsinnig halte ich den Begriff, weil er mit dem Versuch hoch wissenschaftlichen Anklangs etwas beschreibt, was nichts anderes ist als eine Binsenweisheit, die dir wohl auch schon Menschen vor 3000 Jahren aus ihren Alltagserfahrungen heraus hätten beschreiben können. Nur dass wohl schon der unter ägyptischer Sklaverei stehende Nubier ein intellektuell weit kompexeres Bild der Gesellschaft zu beschreiben im Stande gewesen wäre, als neuzeitliche Intersektionalisten, beginnend, meines Erachtens, bei der Sekunde Null dieser Ideologie.

      Danke, ich wollte gerade etwas ähnliches schreiben.
      Die ganze Idee der Intersektionalität ist so banal, dass selbst Kindergartenkinder das Konzept völlig problemlos erfassen. Dass die Intersektionalität sich ausgerechnet in den Universitäten, also den Orten der höheren (!) Bildung, welche der „Pflege und Entwicklung der Wissenschaften durch Forschung, Lehre und Studium dienen“ (wiki) entwickelt und breitgemacht hat, ist eine Schande.

      • „Dass die Intersektionalität sich ausgerechnet in den Universitäten, also den Orten der höheren (!) Bildung, welche der „Pflege und Entwicklung der Wissenschaften durch Forschung, Lehre und Studium dienen“ (wiki) entwickelt und breitgemacht hat, ist eine Schande.“

        korrigier mich, aber war „Genderstudies“ nicht schon vorher an der Uni
        Ich frage mich mehr, welch Schwachsinn sich noch so alles breit macht an der Uni…

    • @ Billy 1. „Was mich stört ist eben diese nicht selten larmoyante Festschreibung von Diskriminierungsstrukturen. Wo lebt denn der weiße Schüler seine weißen Privilegien und seinen weißen Rassismus aus, wenn ihn seine schwarzen Mitschüler auf dem Schulhof vertrimmen, weil sie auf ihn als Weißen sauer sind, weil die Medien mal wieder darüber berichteten, dass ein Schwarzer von der Polizei getötet wurde?“ Da stimme ich völlig zu. Ich hatte auch nicht die Absicht, jetzt einen geläuterten Intersektionalismus weiterzuempfehlen, sondern es kam mir darauf an zu zeigen, dass dieser Ansatz durchaus Zweifel hätte streuen und Bewegungen initiieren können, anstatt alle Fronten noch weiter zu verhärten.

      Wer merkt, dass jemand, der als Frau in einer Hinsicht benachteiligt ist, als Weiße in anderer Hinsicht bevorzugt sein kann – wer also einsieht, dass ein sozialer Nachteil nicht notwendig eine allgemeine soziale Benachteiligung bedeutet – der könnte dann vielleicht auch einmal auf die Idee kommen, dass eine Frau in einem Kontext geschlechtsspezifische Vorteile, in einem anderen Kontext geschlechtsspezifische Nachteile haben kann.

      Er, oder sie, könnte vielleicht sogar mal auf die Idee kommen, dass das, was in einer Hinsicht ein gewaltiger geschlechtsspezifischer Vorteil ist (etwa: die massiven Vorteile von Frauen im Kindschaftsrecht), in einer anderen Hinsicht (hier: beim Engagement auf dem Arbeitsmarkt) unwillkommene Folgen haben kann.

      Das ist dann nicht mehr intersektional – aber wenn die starren Opfer-Täter/Töpfchen-Kröpfchen-Zuteilungen erst einmal verwirrt sind, werden theoretisch interessante gedankliche Entwicklungen möglich.

      Intersektionale Ansätze scheitern eben daran, dass sie davon ausgehen, in jeder einzelnen Hinsicht Macht und Ohnmacht, Privileg und Marginalisierung genau unter bestimmten Gruppen aufteilen zu können. Dadurch entstehen dann absurde Rechnungen, in denen die einen Opferpunkte sammeln, während die anderen gefälligst ihre Privilegien checken sollen. Und wenn sie dann fragen „Welche Privilegien denn eigentlich?“, wird ihnen dass noch als nachweis dafür gewertet, wie wenig sie sich ihrer Privilegien bewusst sein müssen.

      Es ist ja ein alter und, wie ich denke, absolut richtiger Vorwurf, dass diese Linke Trump an die Macht geholfen hat. Die Opioid-Krise wurde eben auch deswegen lange von Linken ignoriert, weil die weitaus meisten Opfer Weiße waren. https://www.spektrum.de/wissen/5-fakten-zur-opioid-krise-in-den-usa/1544581 Das passte nicht in die gewohnten Opfer-Kategorien – und gab Trump so die Gelegenheit, den vergessen Amerikanern das Gefühl zu geben, sie würden in seiner Präsidentschaft nicht mehr vergessen sein. https://man-tau.com/2016/11/13/wie-man-einen-trump-bastelt/

      Ich bin auf solche Zusammenhänge nicht mehr eingegangen, weil der Text eh schon viel zu lang für einen Blogtext war und weil ich, vor allem, nicht den Eindruck erwecken wollte, diese Politik sei VOR ALLEM deshlab schlecht, weil sie Trump zum Präsidenten gemacht hat. Auch ganz ohne Trump wäre sie tief inhuman.

      2. Eddo-Lodge setzt sich übrigens das gesamte Folgekapitel zur „Feminismusfrage“ mit dem Thema „Hautfarbe und soziale Klasse“ auseinander. Sie kommt auch zu Schlüssen, die ich nicht teile, aber sie versucht immerhin nachzuweisen, dass Hautfarbe und soziale Klasse keine unabhängigen Größen sind, sondern dass es für Schwarze deutlich wahrscheinlicher ist, zur Working Class zu gehören als für Weiße.

      3. Das mit Sarkeesian weißt Du sicher tatsächlich besser als ich. Sie ist in Toronto geboren, und die wikipedia, auch die englischssprachige, führt sie als kanadisch-amerikanisch. Ich möchte das „amerikanisch“ deswegen gern stehen lassen, weil sie auf die Positionen der US-amerikanischen Debatte ja einen erheblichen Einfluss hat.

      • @Billy @Lucas

        „Was mich stört ist eben diese nicht selten larmoyante Festschreibung von Diskriminierungsstrukturen.“

        Drei Anmerkungen:
        1. Bevor nüchtern festgestellt wird, jemand habe einen Nachteil oder werde benachteiligt, ist die Steigerungsform der wissentlichen und willentlichen Diskriminierung bereits gesetzt.

        D.h. hier hat sich ein undifferenziertes Verständnis der Welt in Form einer hyperbolen Verwendung der Alltagssprache festgesetzt.
        Wenn man die APA-Guidelines liest, gehen die US-Psychologen in der „Fachsprache“ sogar noch steiler: Frauen und Mädchen werden demgemäß natural born unterdrückt (opressed).
        Warum und wie zeigt sich das in der Realität?
        Don´t give it a second thought.

        Diese Selbstradikalisierung im Sprachgebrauch folgt m.E. lediglich den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie und wird sich demzufolge in kürzester Zeit von selbst verschleißen.

        2. Die „Diskriminierung/Unterdrückung“ in dieser Theorie ist nicht das Resultat einer Untersuchung der empirischen Realität, sondern sie ist eine theoretische Grundannahme, die auf einer – nun ja – theoretischen Grundannahme beruht.
        Sie stellen die These in den Raum, als wäre es eine religiöse Offenbarung, die keinerlei Beweis mehr bedürfte und die durch die empirische Realität auch nicht zu widerlegen ist.
        Das ist keine Wissenschaft, es ist Religion.

        3. „Die Opioid-Krise wurde eben auch deswegen lange von Linken ignoriert, weil die weitaus meisten Opfer Weiße waren.“
        Korrekt.
        Ebenso wie Armut in den USA mehrheitlich weiß ist.
        „Ignoriert“ ist für diesen Vorgang nicht angemessen, es handelt sich um eine offensive Leugnung und aggressive Verdrängung.

        In meinen Augen ist das die Funktion der Pseudo-Linken, nämlich die mehrheitlich erbärmliche Lage derjenigen auszublenden, die „theoretisch“ die „weiße Überlegenheit“ verkörpern müssten.
        Da sich deren überlegene soziale Lage aus der Hautfarbe nicht herleiten lässt, muss diese real existierende Realität verleugnet und verdrängt werden.

        Ich habe mir spaßeshalber die APA-Guidelines für die Arbeit mit Männern und Jungen durchgelesen und kann mir nicht vorstellen, dass ein psychisch gesunder Mensch einen solchen Text verfassen kann.
        Es handelt sich m.E. um eine Horde von zutiefst gläubigen, selbstherrlichen Narzissten, die nicht in der Lage sind, die Brüche und Widersprüche in ihrem eigenen Text zu erkennen.
        Zuallererst, weil sie diesen offensichtlich ohne Rückbezug auf die empirische Realität geschrieben haben, sondern gegen diese.
        Das sind keine Psychologen, es sind Psychopathen.

        • @ crumar

          Ja, die zielgerichtete Verleugnung aller prekären Zustände, die sich nicht in intersektional-identitätspolitische Muster pressen lassen ist gerade in den USA überdeutlich. Mir ist das schon vor langem alleine schon an der Selbstvertändlichkeit aufgefallen, mit der weiße Angehörige der US-amerikanischen Unterschicht – nicht nur umgangssprachlich sondern regelrecht als ein auch von großen Medien bis hin zu Politikern verwendeter „Fachterminus“ – als „white trash“ bezeichnet werden. Das ist eine so unfassbar unverhohlene Verhöhnung von Menschen auf Basis ihrer sozialen Umstände, dass es mir regelrecht Brechreiz verursacht, wenn ich diese Bezeichnung irgendwo lese oder höre. Und der einzige Grund, dass dies weithin akzeptiert wird, liegt in der Hautfarbe derer, deren Not man selbstverständlich ausschließlich ihnen selbst als Alleinverantwortlichen zuschustert und sie mit dem Gefühl vollkommener Berechtigung als Müll bezeichnet (Vertreter einer anderen aber durchaus in Teilen verwandten Ideologie verwendeten Worte wie „Untermenschen“, mit demselben Ziel des Ausschlusses so Betitelter aus dem Kreis derer, die in der Gesellschaft so etwas wie Empathie oder schlicht nur die Behandlung als menschliches Wesen erwarten dürfen). Hierin zeigt sich auch sehr deutlich, wie richtig es ist, diese Klappspaten als „Pseudo-Linke“ zu betiteln. Auf Menschen in prekären Lebenssituationen auch noch einzutrampeln und sie als Müll zu bezeichnen könnte nicht mehr weiter von traditionell linkem politischen Denken entfernt sein.

          Und die rassistische Heuchelei dahinter wird ja schon offenbar, wenn man sich nur die mit absoluter Sicherheit eintretende Schnappatmung derselben Leute, die so daherreden, vorstellt, wenn man einfach nichts anderes täte, als in der Bezeichnung „white trash“ das Wort „white“ durch „black“ zu ersetzen. Diese Verlogenheit ist so offenbar, dass ein Kleinkind im Stande wäre, sie zu erkennen; was wohl einiges über die Anhänger dieser politischen Ideologie aussagt.

          @ Lucas

          Dir übrigens nochmals ein Kompliment. Ich dachte ja, es liefe nur auf eine Trilogie dieser Artikel hinaus und dann legst du nochmal so einen nach…

          Was du in diese vier Artikel an Arbeit investiert hast, verdient wirklich Hochachtung. Und gleichzeitig erfüllt es einen mit Wehmut, wenn man mitkriegt, wie Leute in ihrer Freizeit, nebenberuflich in x-facher Potenz mehr Arbeit und Sachkenntnis in Blogartikel fließen lassen, wie die erdrückende Mehrheit derer, die sich heutzutage mit der einst durchaus angesehenen Berufsbezeichnung „Journalist“ adeln zu können glauben.

          Von mir beide Daumen und meinetwegen auch noch beide großen Zehen nach oben… 😉

          • @Lucas @Billy

            Wie unhöflich von mir…
            Zunächst einmal vielen Dank für deinen sehr gelungenen Vierteiler, Lucas! 🙂

            Dann zu der Bemerkung von Billy, „die zielgerichtete Verleugnung aller prekären Zustände, die sich nicht in intersektional-identitätspolitische Muster pressen lassen ist gerade in den USA überdeutlich“.

            Und man kann umgekehrt feststellen, die real existierenden Zustände finden sich eben nicht in den intersektional-identitätspolitische Mustern.

            Als der alte weiße Mann Rolf Dahrendorf mit dem geflügelten Spruch von der „Katholischen Arbeitertochter vom Land“ den Intersektionalismus erfand, hatte die Kombination von Nachteilen und Benachteiligungen einen Sinn.

            Hier waren Geschlecht, Klassenherkunft und traditionelles Milieu eng verzahnt und – wie nicht anders in der BRD Mitte der 1960er zu erwarten – spielten Hautfarbe und sexuelle Orientierung keinerlei Rolle.

            Real – und darin sind sich alle einig – ist dieses Muster in D inzwischen übergegangen zu dem Sohn mit Migrationshintergrund aus einem urbanen Milieu.
            Geschehen ist hierzulande: NICHTS.

            Das Opfernarrativ passt nicht, es passt nicht zu dem linksidentären Muster und demnach musste und wird sich das vollziehen, wie in den 90ern mit schwarzen Jungen und Männern in den USA verfahren worden ist.
            Die mussten über die Klinge springen.

            Ich habe noch einen Text eine weißen US-Feministin aus den 90ern vorliegen, in dem sie darauf hinweist, es seien nun alle feministischen Ziele erreicht in Sachen Bildungsbeteiligung.
            Es gäbe nur begrenzte gesellschaftliche Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Probleme und begrenzte gesellschaftliche Ressourcen.
            Sie hat mit dem Finger auf die realen Probleme gezeigt und dann gab es eben eine feministische Bürokratie, deren Interesse es in erster Linie ist, sich selbst zu erhalten.

            Wir alle dürfen raten, wer gesiegt hat.
            Ich wiederhole mich ungern: Die Gegnerin geht im Zweifelsfall über Leichen.
            Das ist nicht erst seit #metoo so.
            Die hässliche, faschistische Fratze der Entscheidung für das zu ignorierende Anliegen der „Untermenschen“ ist wesentlich älter und in diese Bewegung eingeschrieben.

          • @crumar

            Als der alte weiße Mann Rolf Dahrendorf mit dem geflügelten Spruch von der „Katholischen Arbeitertochter vom Land“ den Intersektionalismus erfand, hatte die Kombination von Nachteilen und Benachteiligungen einen Sinn.

            Mittlerweile bin ich überzeugt, dass die vermeintliche Benachteiligung von Mädchen so nie existierte. Ralf Dahrendorf bezog mMn dies eh nur auf die Bildungschancen bzw. Bildungsaufstieg. Die bessere Bildung erhöhte die Wahrscheinlichkeit zum sozialen Aufstieg. Für Mädchen gab es mindestens theoretisch diese Möglichkeit auch durch Heirat. Insofern war es schon verständlich, wenn die Arbeiterfamilie eher versuchte einem Sohn das Studium zu ermöglichen. Insgesamt würden mich aber die tatsächlichen Zahlen interessieren. Wenn z.B. nur 5% der Mädchen aus Arbeiterfamilien studieren konnten und 10% der Arbeiterjungen, dann ergibt sich zwar dass doppelt soviel Jungen, wie Mädchen aus dieser sozialen Schicht studieren konnten. In der Realität bedeutete dies immer noch, dass 90% der Arbeiterjungen keine Chance zum Bildungsaufstieg hatten, und der Unterschied zu den Mädchen mit 95% ist dann eher marginal.

            Was mich aber ärgert ist, dass als Ralf Dahrendorf seiner Untersuchung „Bildung ist Bürgerrecht“ 1966 veröffentlichte, war es gerade mal 10 Jahre her, dass Konrad Adenauer in Moskau über die Freilassung von mehr als 10.000 Kriegsgefangenen verhandelt hatte. Welche super tollen Bildungschancen hatte denn der 18-jährige Sohn, egal aus welcher sozialen Schicht, der 1939 seine Wehrpflicht ableisten musste und dann vielleicht mit viel Glück den Krieg überlebt hatte und später in Kriegsgefangenschaft geraten war, als er 1955 (mit 34 Jahren) zurückgekommen ist?

            Vielsagend ist übrigens auch ein Zitat von Carlo Schmid, der 1955 mit in Moskau war:

            Ich möchte vorausschicken, dass im Namen des deutschen Volkes am russischen Volke Verbrechen begangen worden sind wie vielleicht noch nie in der Weltgeschichte. Ich rufe darum nicht die Gerechtigkeit an, sondern die Großherzigkeit des russischen Volkes. Und wenn ich das tue, denke ich in erster Linie nicht an die Menschen, die noch hier zurückgehalten werden, sondern an ihre Frauen, an ihre Kinder, an ihre Eltern. Lassen Sie Gnade walten und lassen Sie diese Menschen zurückkehren zu denen, die auf sie warten – die seit mehr als zehn Jahren auf sie warten.

            In erster Linie interessierte ihn nur das Leid der Frauen und nicht die kriegsgefangenen Männer!

            Ich hatte mich neulich mit einer guten Bekannten (Lehrerin übrigens) unterhalten und sie hatte durchaus zugegeben, dass heutzutage Frauen nicht mehr benachteiligt sind. Aber sie meinte, dass gerade im Bildungsbereich Mädchen bzw. Frauen früher benachteiligt waren. Als Beispiel nannte sie Dorothea Christiane Erxleben, die erste promovierte deutsche Ärztin und wie schwer sie es wohl hatte. Bei Wikipedia findet man dazu folgendes:

            Dorothea durchlief dieselbe Ausbildung wie ihr Bruder, und wie er strebte sie die Erlangung eines akademischen Grades an. Der Wunsch, mit ihrem Bruder zu studieren, wurde durch dessen Einberufung zum Militär unmöglich. Der Bruder ließ sich jedoch zum Studium vom Militär vorzeitig beurlauben, um mit seiner Schwester ein Studium aufzunehmen. Da er zeitweise als Deserteur galt, flüchtete er in die nahe gelegene Landgrafschaft Hessen-Kassel.

            Ihr Bruder hatte also auch nicht die Freiheit zu studieren wann und wie er wollte, sondern musste sogar flüchten.

          • @Kibo

            Ich möchte mich zunächst nur mit dieser Passage deines Kommentars beschäftigen, weil die m.E. voraussetzungsreich ist:

            „Die bessere Bildung erhöhte die Wahrscheinlichkeit zum sozialen Aufstieg. Für Mädchen gab es mindestens theoretisch diese Möglichkeit auch durch Heirat. Insofern war es schon verständlich, wenn die Arbeiterfamilie eher versuchte einem Sohn das Studium zu ermöglichen.“

            Die dahinter stehende Logik ist im ersten Schritt eine andere.
            Die Tochter verlässt auf jeden Fall die Herkunftsfamilie und der Sohn verbleibt in dieser.

            Der Unterschied ist nicht trivial.
            In welches Geschlecht würdest du vor diesem Hintergrund investieren in der Hoffnung, dass dir diese Investition selber nützt?

            Man muss sich vergegenwärtigen, die umlagenfinanzierte Rentenversicherung ist gar nicht so alt.
            Vor dieser war es normal, von elterlicher Seite die Ressourcen des Sohnes als Teil der Rente zu beanspruchen.

            Da „Mutter“ 50% von „Eltern“ stellt wird so klar, warum die Bildungsinvestition in den Sohn keine „internalisierte Frauenfeindlichkeit“ war, sondern (ökonomisches) Kalkül.

            Die Bevorzugung, oder gar Verhätschelung des Sohnes gegenüber der Tochter ließe sich dann zurückführen auf das strategische Motiv der Implementierung einer Dankesschuld.
            Welche dann durch die Teilung der Ressourcen des Sohnes abgegolten wird.

            Was m.E. erklärt, warum das Muster „sozialer Aufstieg durch Bildung“ zunächst für Söhne eröffnet worden ist.
            Während du berechtigt darauf hinweist, das Muster „sozialer Aufstieg durch Heirat“ hätte ohnehin nur dem weiblichen Geschlecht offen gestanden.

            Fatal ist, wenn die Töchter nicht begreifen, das Muster der Ergreifung eines „Girlandenstudiums“ ohne Nachfrage folgt präzise dem Weg des „sozialen Aufstiegs durch Heirat“, weil er auf einen Mann verwiesen ist, der dies als Hobby alimentiert.
            Ich wiederhole mich, aber „Selbstverwirklichung“ als Programm war nur für eine schmale soziale Schicht von Frauen vorgesehen und dieses ist per se nicht massenkompatibel.

            Ironisch ist, die aktuellen „Netz-Feministinnen“ wiederholen 1:1 ein traditionelles, bürgerliches Programm.
            Nämlich ihre Attraktivität und ihr „erotisches Kapital“ zu nutzen, um eine Stellung zu erlangen.
            Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie feststellen, dass Investitionen in dieses ein vergängliches Gut sind.
            Demzufolge wird Teresa Bücker mit 33 Chefredakteurin der Edition F, Anne Wizorek ist hingegen nichts, sondern 38 Jahre alt geworden.

            So lange aber die „Siegerinnen“ die Geschichte schreiben und umschreiben, werden sich solche Muster hinter dem Rücken der Akteurinnen festigen und nicht auflösen.

          • @crumar: Deinen Kommentar zur politischen Ökonomie des Studierens und Heiratens habe ich aufmerksam gelesen — so wie Du es beschrieben hast, habe ich das bisher noch gar nicht gesehen, obwohl der beschriebene Sachverhalt einleuchtend ist, danke dafür. Bezüglich des vermeintlich nutzlosen „Girlandenstudiums“ eine Anmerkung. Genau genommen ist es selten das Studienfach selbst, das nutzlos ist. Die Frage ist, was der Student daraus macht. In meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis haben einige Leute Geisteswissenschaften studiert und darin promoviert und alle, die ich kenne, darunter die meisten Frauen, haben Anstellungen gefunden. Wenn sie nicht im akademischen Bereich geblieben sind, betreiben sie Kulturmanagement oder Öffentlichkeitsarbeit oder arbeiten in Verlagen, wofür durchaus Nachfrage da ist. Vom Einkommen her bewegt man sich da natürlich am unteren Rand der Mittelschicht. Dagegen habe ich studierte Chemiker kennengelernt, die in der näheren Umgebung keine Arbeit gefunden haben. Eine Frau aus meinem ferneren Bekanntenkreis hat Medizin studiert, geht aber keiner Lohnarbeit nach, sondern kümmert sich nur um die Kinder und den Haushalt, während ihr Mann als Arzt das Geld verdient. Es sei ihr gegönnt, doch volkswirtschaftlich gesehen ist das völlig ineffizient, dass jemand Medizin studiert, aber dann nicht im Gesundheitswesen arbeitet; es kostet den Staat einige Hunderttausend Euro, jemanden zum Mediziner zu machen.

          • @Martin

            Vielen Dank für dein Lob!

            „Genau genommen ist es selten das Studienfach selbst, das nutzlos ist. Die Frage ist, was der Student daraus macht.“

            Das ist einerseits korrekt, auf der anderen Seite ist es auch ein Luxus, an den Erfordernissen des Arbeitsmarkts vorbei zu studieren.
            Und das ist ein weibliches „Privileg“.
            Die Wahl eines Studienfaches erfolgt aus weiblicher Perspektive immer in Hinsicht auf einen Plan B – den Männer nicht haben.

            Der den zukünftig vollständigen Ausstieg aus der Erwerbsarbeit oder den partiellen ermöglicht.
            Beim Lob über die bessere „work-life-balance“ von Frauen wird sehr auffällig ausgespart, sie selbst könnten diese gar nicht finanzieren.

            Wenn du hier schreibst: „doch volkswirtschaftlich gesehen ist das völlig ineffizient, dass jemand Medizin studiert, aber dann nicht im Gesundheitswesen arbeitet; es kostet den Staat einige Hunderttausend Euro, jemanden zum Mediziner zu machen.“, dann hast du eigentlich alle rationalen Argumente genannt, die eine Lohndiskriminierung von Frauen aus gesellschaftlicher Perspektive rechtfertigt.

            Wenn eine Gesellschaft aus dem Erwerbsverhalten von Frauen ablesen kann, die Investition einiger hunderttausend Euro führen im Endeffekt zu keiner Erwerbsarbeit oder einer in Teilzeit, dann ist ein return-on-investment nicht zu erwarten.

            Dass man Männer auf einer Vollzeitstelle ausbeuten kann und diese auf Verschleiß fahren lässt ist untrennbar damit verbunden, dem anderen Geschlecht alle Optionen für die eigene Lebensführung offen zu halten.
            Man erwartet noch nicht einmal, dass die Bildungsinvestition gerechtfertigt ist.
            Oder akzeptiert stillschweigend, dass für die doppelte Investition eine (männliche) Vollzeitstelle herausspringt.

            Vor diesem Hintergrund noch „Diskriminierung!“ zu schreien ist nicht nur perfide, sondern es festigt das, was vorgeblich bekämpft werden soll.

        • „Das ist keine Wissenschaft, es ist Religion.“

          Hierzu nur ein aktueller Hinweis. Mittlerweile ist es im Angelsächsischen weit verbreitet, daß im akademischen Milieu, aber auch in bestimmten Bereichen der Medien, die Leute überhaupt nur dann eine Anstellung erhalten, oder ihren befristeten Vertrag verlängern bekommen, wenn sie feministischen Aktivismus, zumindest Diversity-Aktivismus nachweisen können: Sie müssen nachweisen, daß sie bei etlichen Gelegenheiten der jüngeren Vergangenheit, sich aktiv und überwiegend privat für Diversity oder für Feminismus stark gemacht haben – richtig stark, am besten für Beides.

          Dieser Zwang macht viele Menschen kreativ und vor allem proaktiv. Ist so ein bißchen wie Leben unter Mao oder unter Stalin.

  • Viel zu lang, zu kompliziert, zu verschwurbelt, und zu WIRR, um nicht zu sagen: IRRE.
    Und ich mein‘ damit das Beschriebene wie auch den Versuch, das hier auseinanderzuklabüsern.
    Es interessiert (und betrifft) doch 99% (oder doch nur 95%?) der Bevölkerung überhaupt nicht.
    Ich lach die alle aus. Das hilft.

    • Das mit dem Lachen kann ich nachvollziehen – aber: diese ganze „Philosophie“ und ihre Vertreter haben mittlerweile erheblichen Einfluß in der Politik. Dann fliesst das in Parteiprogramme und letztendlich in Gesetze und Vorschriften, es wird in großem Stil Staatsknete an entsprechende Interessenverbände verteilt. Der Punkt ist längst erreicht. Da vergeht einem das Lachen dann ganz schnell.

      Von daher schätze ich die Arbeit sehr, die „Argumente“ dieser selbsternannten Progressiven zu hinterfragen und auseinanderzunehmen. Immerhin ein Anfang.

    • @kdm Ich weiß, dass es Männer und Frauen gibt, die es schlicht bescheuert finden, sich mit feministischen Positionen überhaupt auseinanderzusetzen. Ich vermute, dass das eine ziemlich deutliche Mehrheit der Bevölkerung ist, je nach Thesen, um die es gerade geht. Man kann ja z.B. mal rumfragen, wie viele Menschen denn tatsächlich „menspreading“ für ein großes Problem oder „free-bleeding“ für eine gute Idee halten.

      Es ist aber eben, wie auch motu schon schreibt, ein in vielen Positionen fest verwurzelter politischer Ansatz. Die Positionen bescheuert zu finden, ändert nichts daran, dass sie politisch wirkungsvoll sind.

      So stehen sich dann zwei Gruppen gegenüber: Eine, die schlicht davon ausgeht, dass es im Feminismus um Gleichberechtigung ginge und dass nur Wirrköpfe oder Arschlöcher etwas dagegen haben könnten. Und eine andere, die den Feminismus irre, bösartig-destruktiv oder beides findet.

      Mit dieser Frontstellung können institutionalisierte Feministinnen – die in Ämtern, Parteien oder auch Unis, aber auch die in Massenmedien wie Stokowski – sehr gut leben können. Sie haben ja immer ein Feindbild zur Hand, auf das sie verweisen können – und müssen die naive Hochschätzung feministischer Positionen niemals ernsthaft begründen.

      Daher ist es wichtig, Verbindungen zwischen den Positionen zu schaffen – eben z.B. nachzuvollziehen, warum Menschen feministische Positionen als human und wichtig wahrnehmen, aber auch zu zeigen, dass – und warum – diese Positionen ihre humanen Versprechen nicht einhalten oder, wie meist, konterkarieren.

  • „wie eine Bewegung, die mit sehr positiven und plausiblen Zielen anhob, in ihr Gegenteil kippen kann.“
    Das ist ein grundlegender Irrtum. Alle feministische Wellen, einschließlich der ersten, gingen von Mißverständnissen menschlicher Natur und Kultur aus, haben daher Schaden angerichtet, Ungleichgewichte (die zugunsten von Frauen waren und sind) vergrößert, und zu diesem Zwecke irrationale Hysterie benutzt und als Mittel etabliert. Alle feministischen Wellen zeichneten sich durch Hysterie, Radikalität, Intoleranz und Militanz aus.
    Wer solche auf Irrtum beruhende Sichten und Ziele als „sehr positiv und plausibel“ bezeichnet, ist bereits einer Ideologie und ihrer Fehlwahrnehmung auf den Leim gegangen.
    Obwohl also der Artikel und einige gute Kommentare analytisch vorgehen, Widersprüche scharfsinnig herausarbeiten, befinden wir uns damit in einer Debatte innerhalb feministischer Themen, Begriffe und Sichten. Obgleich ich die Qualität von Artikel und solchen Kommentaren gut finde, bringt uns derlei feminismusinterne Debatte nicht aus dem Ideologiekomplex heraus.
    Erst wenn erkannt wird, daß alle feministischen Ansätze falsch waren, evolutionären Gegebenheiten menschlicher Natur ebenso widersprechen wie der Funktionsweise von Kultur, menschlichen Universalien, die unabhängig sind von Kultur und Zeit, kommen wir voran. Um diesen Ausbruch und Neugründung von Analyse der Geschlechterbezüge außerhalb feministischen Denkens zu bewerkstelligen, schreibe ich.
    Für solche Debatten habe ich daher keine Zeit, weil sie uns nicht aus dem Käfig des feministischen Denkgebäudes herausbringen.

    • Zustimmung. Die feministischen Positionen sind schon im Ansatz falsch und das ist auch erkennbar. Sie sollten daher auch in ihren Voraussetzungen kritisiert werden und nicht an Kuriositäten.

    • „Erst wenn erkannt wird, daß alle feministischen Ansätze falsch waren, evolutionären Gegebenheiten menschlicher Natur ebenso widersprechen wie der Funktionsweise von Kultur, menschlichen Universalien, die unabhängig sind von Kultur und Zeit, kommen wir voran.“

      Kommt mir eher unrealistisch vor. Die Machtverhältnisse sind einfach so, daß man überhaupt nur dann eine Chance hat, eine Kritik am Feminismus öffentlichwirksam zu entfalten, wenn man innerhalb des feministischen Diskurses operiert – vielleicht am Rande, aber doch innerhalb.

      Ich stimme den anderen Punkten oben zu, insbes., daß der gesamte historisch gewachsene Feminismus – 18. Jahrhundert usw. – in der Basis oder im Kern verkehrt war (was übrigens nicht ausschließt, daß nicht doch ein paar zutreffende und sogar zukunftsweisende Aspekte entwickelt wurden) – dennoch: wer mit dieser Position im heutigen Diskurs Wirkung erzielen will, der wird allein bestimmte Verschwörungstheoretiker oder bestimmte Leute am Stammtisch für sich gewinnen können.

      Wir müssen es uns eingestehen: Die Machtverhältnisse sind so, daß wer heute eine kritische Öffentlichkeit (oder gar mehr) in Bezug auf den Feminismus schaffen oder ausbauen will, daß der feministische Kröten schlucken muß – und zwar viele.

  • In der identitätspolitischen Zeitung „The Guardian“ erschien kürzlich ein tieftrauriger Text einer jungen schwarzen Frau. Es geht darum, dass Frauen mit dunkler Haut auf dem US-amerikanischen Partnerschaftsmarkt geringere Chancen hätten als Frauen mit hellerer Haut und infolgedessen auch seltener heiraten würden. Einige ihrer Aussagen wirken aus europäischer Perspektive eigenartig, ich fand den persönlichen Text trotzdem berührend und in seiner Offenheit lesenswert.
    „Dating has made me feel like I must drop some of my must-have criteria – a college education, a steady job, and able and willing to pay for the first date – in order to find a match. My mother has even scolded me for it, telling me to raise my standards: ‚I’ve been on a lot of dates, and no girl should ever pay for a first date!'“
    In einem begleitenden Text wird eine andere schwarze Frau zitiert: „People don’t even look at me.“ In diesem Fall erscheint das eine leidvolle Erfahrung, als Mangel an erotischer Erfahrung und basaler Beteiligung am Leben. Ich war von dieser Perspektive überrascht, weil man durch feministische Publikationen ja nun schon über Jahre Tag für Tag eingehämmert bekommen hat, der größte Gefallen, den man fremden Frauen in der Öffentlichkeit tun könne, sei, ihnen aus dem Weg zu gehen, sie nicht zu beachten und vor allem nicht mit ihnen zu kommunizieren.

    Dream McClinton: „Why dark-skinned black girls like me aren’t getting married“, https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2019/apr/08/dark-skinned-black-girls-dont-get-married

    • @Martin, interessant. Weniger das Gejammer und die Anspruchshaltung der zu Wort kommenden Frauen. Aber die kleine Grafik des Datinganbieters zeigt, dass Männer in Bezug auf Hautfarbe erheblich toleranter sind als Frauen. Interessant auch, dass „Black Women“ die intolerantesten sind, wenn es um Männer mit anderer Hautfarbe geht.

      • @Klaus: Geht es in der Tabelle nicht eher um Attraktivität als um Toleranz? Man kann ja jemanden durchaus erdulden, ohne ihn attraktiv zu finden. Mit der Tabelle tue ich mir schwer, da ich es heikel finde, Menschen in verschiedene „Rassen“ einzuteilen. Besonders unter der Differenzierung „Latino“-Race vs „White“-Race kann ich mir nicht so viel vorstellen, war aber auch lange nicht in den USA. Wenn ein „Asian“- und ein „White“-Mensch ein Kind bekommen, zählt das dann als „Asian“ oder als „White“? Könnte man bei den anderen „Rassen“ genauso fragen.
        Auch der Untertext zu der Tabelle leuchtet mir nicht ein, da er durch die gelieferten Zahlen nicht belegt wird.

  • „Wie der Linken die Welt abhanden kam“ … ?

    Ganz einfach: durch Antisemitismus.

    „Intersektionalismus“ ist in erster Linie nichts anderes als Antisemitismus, der unter anderem „Antizionismus“ (Eigenbezeichnung) genannt wird.
    Er wurde in den 1960ern von Kommunisten in den Feminismus eingeführt, und führte dort zum Wegmobben und Zersetzen der zahllosen jüdischen Femistinnen. Dann wurde das „Spielfeld“ auf „Schwarze“ erweitert, die ganz allgemein das „Weisse“ (wobei das Jüdische immer als „das Weisse schlechthin“ galt.

    Genau die gleichen intersektionalen und „antizionistischen“ Ideen kann man heute zB im „Forward“ lesen. Ganz geschichtsvergessen, übrigens, als wären sie erst heute darauf gekommen und nicht schon über 50 Jahre vorher.

    Wozu das Ganze geführt hat, verkörpert niemand anders emblematischer als der Führer der extrem rassistisch-antisemtischen „Kirche“ der „Nation of Islam“ Loius Farrakhan, der auch die „graue Eminenz“ des „Women´s March“ ist. Der Mann, für den den Bezeichnung „Black Hitler“ erfunden sein könnte, ist ein „Untouchable“ der Demokratischen Partei.

    Mit der Bürgerechtsbewegung hat das nichts zu tun. Der Intersektionalismus hat sich da als Minderheit eingeschmuggelt und versuchte diese zu vereinnahmen. Heute wird der kommunistischer Intersektionalismus durch massiven lügnerischen Geschichtsrevisionismus versucht zur Bürgerrechtsbewegung schlechthin umzumünzen.

    Es ist also mE ganz klar der Antisemitismus, der die Linke vergiftet hat und zu einer poitischen extremen Rechten transformiert hat. In den USA ist es nur besonders schillernd und deutlich, aber anderswo genauso.

    Der Feminismus war nur die Eingangspforte für den Befall der Linken mit dem Virus Antisemitismus.

    • Ich denke, in Anlehnung an Godwin’s Law, könnte man das jetzt Alex’s Law nennen.
      Hinkt etwas, weil Godwin selbst, soweit mir bekannt, nicht andauernd alles auf Hitler bezog. Aber wer regelmäßig auf AE o. hier reinschaut, müßte eigentlich ähnlich oft auf diese Korrelation treffen, wie bei den meistens Godwins…

      • @Fiete, mit anderen Worten: du monierst, dass ich überall nur Antisemitismus sehen würde, bzw andauernd diesen als Art Trumpfkarte für die Erklärung von allem ziehen würde, analog wie bei jedem Gespräch angeblich „Godwin´s Law“ greifen würde.

        Finde ich völlig nachvollziehbar, dass diese Idee als abwegig erscheinen mag. Diese alten, überkommenen Vorurteile wie der Antisemitismus können ja schliesslich keine Macht und Wirkung über uns vernünftige Menschen mehr haben! Ich fürchte, hier bist du und so viele andere zu unbekümmert.

        • „Ich fürchte, hier bist du und so viele andere zu unbekümmert.“
          Im Gegenteil, ich postuliere Dir ( warum auch immer ) eine gewise Restintelligenz, weshalb mich Dein Fetisch ernsthaft bekümmert. Sonst würde ich das nicht kommentieren.

        • Ich kenn‘ jetzt Deine gesammelten Werke nicht, aber Du müßtest halt mal genauer erklären, was Du überhaupt unter „Antisemitismus“ verstehst. Konkret, wie Du z. B. zur EUMC Working Definition of Antisemitism stehst.

          https://en.wikipedia.org/wiki/Working_Definition_of_Antisemitism

          https://en.wikipedia.org/wiki/3D_test_of_antisemitism

          Dann müßtest Du Deine Analyse(n) im Detail belegen.

          Und dann müßte man mal so ein paar Texte diskutieren, z. B.

          – Contemporary left antisemitism, David Hirsh, Routledge 2017
          – Jews and leftist politics, ed. Jack Jacobs, Cambridge University Press 2017
          – Antisemitism in North America, ed. Steven K. Baum, Brill NV 2016
          – Antisemitism and the American far left, Stephen H. Norwood Cambridge University Press 2013.

          Aber fang‘ bitte nicht hier im Thread mit dieser Diskussion an.

          • Oh, das mit der Def. mache ich mir ganz einfach: AS ist Abneigung, typischerweise bis in Fanatische gesteigert, von allem Jüdischen (oder als jüdisch angesehen).

            Die Diagnose ist aber nicht einfach, wie die ganzen Kontroversen und Begriffsbestimmungen zeigen.

            Beispiel derzeit: wie erklärst du völlige Diskrepanz der Anteilnahmen an den Terroranschlägen Christchurch und Sri Lanka?

            Ich erkläre das mit Antisemitismus. Und für den wird jedes Opfer gebracht. Da halten die Christen gerne die Wange hin, sie sind ja nicht die Hauptleidtragenden.

          • Bitte auch eine Erklärung für die frappierende Ähnlichkeit der feministischen Verschwörungstheorie vom „Patriarchat“ und der „jüdischen bzw zionistischen Weltverschwörung“. Warum fällt das niemandem auf?
            Auch das kann man mE nur mit einem ganz tief sitzenden Antisemitismus erklären.

            Und als „neue Kirche“, als ein „neues Jerusalem“ hat die politische Linke nicht nur den Anspruch des Christentums, sondern auch genauso die Besonderheiten geerbt: von der Klima-Apokalyptik, der Geschlechterapokalyptik zum Antisemitismus (das Christentum wird natürlich ähnlich gehasst).

            In der Gesamtschau macht das ein extrem bedrohlichen Gesamteindruck der politischen Linken als einer Art fanatischer Weltuntergangssekte.
            Eine niederschmetternde Erkenntnis war das für mich, aber diesem Maelstrom wähne ich mich entkommen.

  • Weiß nicht was die Experten meinen, aber ich hatte mir das so zusammengereimt. Vielleicht zu simpel? Vielleicht aber auch näher an Occham’s Razor:

    Ich würde mal behaupten, der „herkömmliche“ Feminismus basiert grob auf Marxismus. Nicht alle Feministen sind Marxisten, aber hier wurde viel entlehnt was bei linken Intellektuellen gut ankam: Die Rhetorik des Zusammenhalts genauso wie die des Klassenkampfes, vorallem aber die nuancenlose Dichotomie von Unterdrückern und Unterdrückten.

    Jetzt betritt der Intersektionalismus die Bühne. Diese genauere Betrachtung einer komplexeren Welt und deren multidimensoinalen Benachteiligungs- oder Unterdrückungsszenarien sollte eigentlich zu einer Aufarbeitung dieser vereinfachenden Täter/Opfer/Klassenschematik führen. Das wurde aber versäumt. Stattdessen wurde versucht die alten Dogmen einfach mitzunehmen: Die Mann=Unterdrücker, Frau=Unterdrückte wurde einfach um alle denkbaren intersektional relevanten Gruppen erweitert. Was bei dieser intellektuell trägen Fusion von Feminismus und Intersektionalität sozusagen als Rest übrigbleibt ist nicht, wie früher „die Männer“, sondern eben genau das Gegenbild aller intersektional unterdrückten Merkmale, nämlich der nicht fette, „ablebodied“, weisse cis het Mann. Aus Gründen der dogmatischen Rückwärtskompatibilität mit dem alten Feminismus und dem Marxismus führen nämlich alle Strassen dieser „Intersections“ genau auf diese Gruppe zurück weil, rückwärtskompatibel mit Marx, profitiert diese Gruppe auf nicht genauer besprochene Weise von allen intersektionalen Unterdrückungen. Durch… ihr Privileg.. irgendwie.

    Meine Folgerung: Feminismus und Intersektionalität passen eigentlich überhaupt nicht zusammen. Wer Feminismus ernst nimmt muss die komplexitäten der Intersektionalität häufig übersehen, wer Intersektionalität ernst nimmt muss den Feminismus hinten anstehen lassen. Die einzige Möglichkeit diese Gegenpole zu vereinigen ist eine sehr autoritär-aggressive Verteidigung von strikten Dogmen. Und aufgrund der großen Verwundbarkeit dieses rational nicht schlüssigen Kartenhauses muss jede Verteidigung auf moralischer, emotionaler, persölicher Ebene stattfinden.

    Noch kurz erwähnt weil mir das sonst zu lang wird: Eine weitere interessante Sollbruchstelle ist die schizophrene Sicht von Kategorien. Einerseits wird die Kategorisierung von Menschen als Unterdrückung per se angesehen, andererseits basiert Intersektionalismus darauf.

    • Sehr knackig auf den Punkt gebracht!
      ( Wobei ich den Begriff der rückwärtsgewandten Marxismuskompatibilität nicht nachvollziehen kann, weil ich davon praktisch keine Ahnung habe. Möglw. wäre da die Formulierung „Abwärtskompatibilität zu Marxismuspopulismen“ passender )

  • Zu Beginn des Beitrages wird eine Frau zitiert, die einen mutmaßlich depressiven jungen Mann dazu auffordert, Suizid zu begehen. Sie ergänzt im feministischen Jargon, er würde dann endlich nicht länger „rummackern“ können.
    Ein Gedankenspiel: Wie könnte ein feministischer Mann sich verhalten, wenn er ein konsequenter Feminist sein wollte? Wäre der Selbstmord nicht der konsequente Schritt? Ich schreibe das ganz unpolemisch, weil sich für mich gerade hier die Destruktivität dieser Ideologie zeigt. Manchmal werde ich gefragt: Bist du ein Feminist? Warum bist du kein Feminist? Ich überlege dann einerseits, welche Handlungsoptionen ich im Leben noch hätte, wenn ich ein konsequenter Feminist wäre. Andererseits wundere ich mich über die unangenehm aggressiv, arrogant und belehrend auftretenden Männer, die sich selbst als Feministen bezeichnen.
    In ihrem Hass-Pamphlet „Why can’t we hate men?“, das im Juni 2018 in der Washington Post erschien, fordert Suzanna Danuta Walters, die an der Northeastern University (Boston) Gender Studies unterrichtet, Männer dazu auf, keine Verantwortung mehr zu übernehmen („Don’t be in charge of anything.“).

    „So men, if you really are #WithUs and would like us to not hate you for all the millennia of woe you have produced and benefited from, start with this: Lean out so we can actually just stand up without being beaten down. Pledge to vote for feminist women only. Don’t run for office. Don’t be in charge of anything. Step away from the power. We got this. And please know that your crocodile tears won’t be wiped away by us anymore. We have every right to hate you. You have done us wrong. #BecausePatriarchy. It is long past time to play hard for Team Feminism. And win.“
    https://www.washingtonpost.com/opinions/why-cant-we-hate-men/2018/06/08/f1a3a8e0-6451-11e8-a69c-b944de66d9e7_story.html

    Wenn man nun wirklich konsequent nach diesem Pamphlet handeln wollte, wie sollte man dann leben? Wenn man nur morgens aus dem Bett aufsteht, muss man ja Verantwortung zumindest für sich selbst übernehmen. Als soziales Wesen muss man sich auch in andere hineinversetzen können und die Interaktion mittragen. Egal wie wenig man besitzt, der wenige Besitz könnte auch einer Frau gehören. Egal wie wenig freundliche Worte man hört, diese Worte könnten auch statt zu einem Mann zu einer Frau gesprochen werden. Wäre es da nicht konsequent, dass männliche Feministen ihren Besitz Frauen überschreiben und aus dem Leben treten? Eine konsequente Dystopie entwickelt die bekannte Feministin Lori Day, die sich wünscht, alle Männer mit einem Virus zu töten und ihnen zuvor noch für die zukünftige Reproduktion ihr Erbgut zu rauben (https://www.feministcurrent.com/2016/02/03/we-need-a-mandemic/).
    Mir scheint nun, dass die zitierten hasserfüllten Texte keine Abweichungen von der feministischen Ideologie sind, sondern diese im Gegenteil besonders konsequent und offenherzig auf den Punkt bringen.

    • Der Feminismus kulminiert regelmässig in Vernichtungsphantasien, das ist richtig. Dass Feministen sich niemals davon distanzieren, sondern das ganz unsachlich als Parodie“ oder Satire abtun, zeigt, dass sie diese Phantasien teilen.

      Zur Erklärung: das ist wie mit dem Komplementär-Effekt beim Sehen. Bildet man sich seine eigene Überlegenheit feste ein und sieht wie man in der Realität damit scheitert, entwickelt man komplementär dazu paranoiden Hass auf die vermeintliche Gegenseite, der man bösartige Intrigen und Schlimmeres unterstellt. Wie könnte es sonst sein, dass man als höher geartetes Wesen keine angemessene Position bekommen kann?!

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.