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Die Nazi-Macher

geschrieben von: Lucas Schoppe

Warum stärkt ein sozialdemokratischer Verein Rechtsradikale?

Die Ergebnisse der vieldiskutierten Mitte-Studie aus der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung sind fast durchgängig nicht schlüssig. Das ist nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch fatal – denn die Studie bestätigt Rechtsradikale öffentlich in ihrem fantasierten Selbstbild, Sprachrohre eine schweigenden Bevölkerungsmehrheit zu sein.

 

 

Brände im Sumpf: Verschwindet in Deutschland die Demokratie?

„Mehr als jeder zweite Deutsche hat eine negative Einstellung gegenüber Flüchtlingen,“ erklärt die Süddeutsche Zeitung.  „Demokratische Orientierung geht verloren,“ warnt der Deutschlandfunk, denn „rechtspopulistische Einstellungen“ wären „tiefer verankert als noch vor wenigen Jahren“.  Der WDR fragt in einer Presseschau, ob der „Rechtsextremismus auf dem Vormarsch“ sei, und zitiert einen Kommentar des Mannheimer Morgen, nach dem die politische Stimmung in Deutschland „brandgefährlich“ werde. Das ZDF wiederum ergänzt die feuer- durch eine Sumpf-Metapher: „Die Mitte steht auf sumpfigen Boden und droht ihre demokratische Orientierung zu verlieren“.

Natürlich geht es jeweils um die Studie „Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19“ (zur Zeit noch hier als pdf abrufbar), die gerade von Franziska Schröter für die sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben wurde. Sie soll zeigen, dass „dass Rechtsextremismus auch in der Mitte unserer Gesellschaft stattfindet“ (S. 11).

Die Ergebnisse unterstützen diese Aussage allerdings auf den ersten Blick überhaupt nicht – wie übrigens auch, ausgerechnet, der Sozialdemokrat Sigmar Gabriel in einer scharfen Kritik zeigt. Die „Zustimmung zu den Dimensionen rechtsextremer Einstellungen“, die von den Forschern skizziert werden, ist fast durchweg sehr gering (S. 127): Die Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur liege bei 3,3%, 2,5% der Befragten würden den Nationalsozialismus verharmlosen, 3,4 seien antisemitisch, 2,2% äußerten sich sozialdarwinistisch.

Immerhin einer Gruppe von 8,9% der Befragten jedoch attestierten die Forscher Fremdenfeindlichkeit, sogar 12,5% „Chauvinismus“ – wobei allerdings der größte Anteil auf die Aussage entfiel, dass die Deutschen wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben sollten. (S. 124f.) Das ist mit guten Gründen kontrovers, aber in der Regel wohl kaum rechtsextrem.

„Brandgefährlich“: Zerstört sich die Mitte der Gesellschaft selbst?

Ein Abrutschen der „Mitte“ in rechtsextreme Haltungen ist daraus nicht zu schließen, im Gegenteil: Die Ablehnung rechtsextremer Positionen ist durchgehend so groß, dass sie sich offenkundig durch sämtliche politische Lager zieht. Auf die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl projiziert, lehnt offenbar selbst ein Großteil der AfD-Wähler rechtsextreme Positionen ab. Wie ist also angesichts solcher ermutigenden Ergebnisse der Schluss möglich, dass die demokratische Mitte in Deutschland verloren gegangen wäre und das Land sich in feindseligen Zuständen eingerichtet habe?

Den Forschern geht es nicht allein um rechtsextreme Einstellungen, sondern um die „empirische Beobachtung von menschenfeindlichen, rechtsextremen wie rechtspopulistischen und neuen rechten Meinungen“ (S. 38f.). Kurz gefasst: Es geht ihnen um Menschenfeindlichkeit, aus der sich auch rechtsextreme Positionen speisen können, und die finden sie bei großen Teilen der Befragten wieder.

Natürlich ist dieses Vorgehen mit einer großen Gefahr verbunden: Wenn die Kategorien nicht klar definiert und die Aussagen zu den einzelnen gemessenen Items nicht eindeutig formuliert werden, dann messen die Forscher möglicherweise eine deutlich zu hohe potenzielle Zustimmung zu rechtsradikalen Positionen. Das ist dann auch deswegen fatal, weil es Rechtsextreme mit einer scheinhaften wissenschaftlichen Bestätigung für ihr Selbstbild ausstattet: für die Fantasie nämlich, sie würden für eine große schweigende Mehrheit der Bevölkerung sprechen.

Dass die Forscher mit dieser Verantwortung enorm fahrlässig umgehen, lässt sich beispielhaft an drei Themenbereichen zeigen: an der Feindseligkeit gegenüber Flüchtlingen, an Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit und am Antifeminismus. Kritik dieser Art wird allerdings schon in der Studie selbst potenziell diskreditiert:

„Gegner_innen solcher Studien, oder jene, die sich mit einer Gruppe identifizieren, die sich laut Studie eher extremistisch orientiert, werden motiviert sein, die Ergebnisse als Unwahrheit abzutun, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“ (295)

Das mag durchaus sein, kann aber auch der Immunisierung dienen – denn es schließt natürlich die Möglichkeit nicht aus, dass die Studie auch aus sachlichen Gründen kritisiert werden muss.

 

Herrschaftsverhalten gegen den Kurs nach rechts?

Michael Klein würde, auch wenn er sich ausführlich auf Adorno beruft, durch die FESler vermutlich als einer der irgendwie Rechten eingeordnet, die Kritik an der Studie nur deshalb üben, weil nicht sein könne, was nicht sein dürfe. Das zeigt vor allem, wie fragwürdig es ist, Kritik nicht an ihrem sachlichen Gehalt zu werten, sondern daran, von wem sie hervorgebracht wird.

Denn Klein zeigt nicht allein, wie fragwürdig der Umgang mit statistischen Daten ist, etwa das gleichzeitige Hantieren mit 5er- und 4er-Skalierungen, die sich eben nicht einfach miteinander verknüpfen lassen. Er macht auch darauf aufmerksam, dass die „Abwertung asylsuchender Menschen“ in der Studie durch gerade einmal zwei Aussagen begründet wird: „Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein“ sowie „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.“ (in der Studie S. 72)

Zur ersten Aussage hat schon Claus Kleber gefragt, warum denn jemand als rechtspopulistisch eingeordnet werde, wenn er meine, Gerichte sollten nicht großzügig, sondern nach Recht und Gesetz urteilen.

Die Antwort, die er im heute-Journal dazu von Beate Küpper, Mit-Autorin der Studie, erhielt, ist irreführend. Küpper behauptet dort, die Zustimmung zu der genannten Aussage werde erst dann als problematisch gewertet, wenn sie im Zusammenspiel mit anderen Aussagen insgesamt als Teil einer rechtspopulistischen Einstellung erscheine.

Nach allen vorliegenden Daten stimmt das schlicht nicht: Die „Abwertung aslysuchender Menschen“ wird in der Studie insgesamt als „feindselige Haltung gegenüber Menschen, die vertrieben wurden und/oder geflüchtet sind und in Deutschland Schutz und Asyl suchen“ (S. 61) gewertet. Zwar werden gelegentlich Korrelationen zu anderen Einstellungen untersucht, die „Abwertung Asylsuchender“ wird aber mehrmals für sich genommen als ausgesprochen hoch angegeben: bei 54,1 % (S. 83) zum Beispiel oder bei 52,9 % (S. 86) oder in der Aussage, dass sie bei den mittleren Einkommen mit 55,8% besonders hoch wäre.

Wie die Forscher zu diesen Zahlen kommen, wird jeweils nicht ganz klar – aber diese hohen Zahlen wären nicht erreichbar, wenn tatsächlich zuvor die Antworten herausgenommen worden wären, die sich nicht durch andere „rechtspopulistische Einstellungen“ bestätigen ließen. Küpper hat im heute-Journal offenbar nicht die Wahrheit gesagt.

Im Hinblick auf die zweite Aussage, dass viele Asylsuchende im Heimatland gar nicht verfolgt würden, macht schon Klein darauf aufmerksam, dass hier keine Einstellung gemessen, sondern eine einfache Sachaussage bewertet würde. Wer die sehr hohen Zahlen der abgelehnten Asylanträge kennt, kann durchaus auf die Idee kommen, dass viele Asylbewerber in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt würden.  Selbst wenn das falsch sein sollte, wenn Ablehnungen aus formalen Gründen nicht auf eine Nicht-Verfolgung schließen lassen, ist das eine nachvollziehbare sachliche Fehleinschätzung und kein notwendiges Indiz für Feindseligkeit.

Möglicherweise ist das Bild, das die Forscher von den Befragten haben, ein wenig verzerrt.

Wichtig daran ist: Hier treffen die Befragten eine Aussage über die Welt, über die soziale Wirklichkeit. Anstatt aber zu überprüfen, ob diese Aussage falsch oder wahr ist, werten die Forscher sie schlankweg als bloße Selbstauskunft, als unfreiwillige Entblößung feindseliger Einstellungen. Kommunikativ ist das ein deutliches Herrschaftsverhalten: Die Forscher ignorieren, dass sie und ihre Gesprächspartner sich auf eine gemeinsame Welt beziehen, und sie deuten die Äußerungen ihrer Gesprächspartner zu einem bloßen Symptom um, ohne ihre inhaltlichen Aspekte ernst zu nehmen.

 

Antisemitismus von links, Muslimfeindlichkeit aus der Mitte?

Noch fragwürdiger ist die Studie dort, wo sie sich mit Antisemitismus und „Muslimfeindlichkeit“ beschäftigt. Die Werte für klassischen Antisemitismus sind mit 5,3 % relativ gering (S. 86), die für den sekundären Antisemitismus – für die Unterstellung, Juden würden versuchen, aus dem Holocaust heute Vorteile zu ziehen – sind höher (eine zumindest teilweise Zustimmung von 12,5% in der 5er-Skalierung, S. 70f.)

Für fast ein Viertel der Bevölkerung aber, für 23,7%, stellt die Studie einen israelbezogenen Antisemitismus fest. (S. 86) Die Forscher erklären das damit, dass der Antisemitismus hier „weniger offen und direkt“ sei und daher leichter geäußert werden könnte (S. 80) – und sie übergehen damit einen wesentlichen Aspekt.

Denn den israelbezogenen Antisemitismus messen sie unter anderem an der Zustimmung zur Aussage „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts Anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.“ (S. 70) Die Solidarisierung mit Palästinensern gegen Israel und die hohe Bereitschaft, politische Gegner mit Nazis zu vergleichen, ist allerdings sehr viel eher für ein linkes als für ein rechtes politisches Spektrum kennzeichnend.

Daraus lässt sich nun nicht schließen, dass der rechte Antisemitismus im Vergleich zum linken heute bedeutungslos geworden wäre – dafür sind die Ergebnisse der Studie insgesamt zu diffus, und die Datengrundlage ist deutlich zu klein. Es wird aber deutlich, dass nicht einmal die Macher der Studie ihre Ergebnisse ernst nehmen, sobald sie politisch nicht opportun sind.

Die „Muslimfeindlichkeit“ wird demgegenüber mit zwei Äußerungen abgefragt, die sich von den Äußerungen zum Antisemitismus deutlich unterscheiden. „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“ und „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden.“ (S. 70, 72)

Natürlich sind die Ergebnisse zu beiden Aussagen sehr unterschiedlich: von Gefühlen des Heimatverlustes berichten in der 5er-Skalierung 30,3% (teilweise oder vollständige Zustimmung, S. 70f.), aber die muslimische Zuwanderung will nur etwa ein gutes Drittel davon stoppen (11,2%, S. 72f.) Trotz des massiven Unterschiedes mitteln die Studienmacher einfach beide Werte und stellen eine „Muslimfeindlichkeit“ von 20% der Bevölkerung fest. (S. 86)

Wieder wird dabei Menschen eine sachliche Auskunft schlicht als Selbstauskunft ausgelegt. Es gibt nun einmal Stadtviertel in Deutschland, in denen mehrheitlich Muslime wohnen, in denen sie das Straßenbild prägen und in der Öffentlichkeit kaum Deutsch gesprochen wird. Wenn Menschen das erleben und sich dabei – eben: „manchmal“ – selbst fremd fühlen, dann lässt das nicht notwendig auf Muslimfeindlichkeit schließen.

In der 4er-Skalierung sind es sogar 34,8%, die angeben, sich in dieser Weise fremd zu fühlen (S. 71) – das ist ein Indiz für ein politisches Problem, das sich nicht dadurch lösen wird, es in ein Problem der Feindseligkeit gegenüber Muslimen umzudeuten.

Ein Bild aus einem Café, von mir eigenhändig aufgenommen. Auf den ersten Blick heimelig, zweiten Blick ist hochproblematisch: Ist das Bedürfnis nach einem Heimatgefühl rechts? Könnte gar der Spiegel für das Sonnensymbol der Neonazis stehen?

Zudem sind die Äußerungen zur „Muslimfeindlichkeit“ nicht mit denen zum Antisemitismus vergleichbar. Dort wird etwa folgende Äußerung vorgelegt: „Durch ihr Verhalten sind Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig.“ (S. 70) Diese „Verfolgungen“ werden sicherlich von vielen mit dem Massenmord an den europäischen Juden assoziiert – wer hier bejaht, weist Juden also eine Mitschuld an ihrer massenweisen Ermordung zu und legitimiert damit zumindest teilweise eine ungeheure Gewalt. Im Vergleich dazu ist das Abfragen gelegentlicher Gefühle des Heimatverlustes deutlich harmloser.

Eine vergleichbare Äußerung wäre etwa gewesen: „Durch ihr Verhalten wären Muslime mitschuldig, wenn sie europaweit in großer Zahl durch staatliche Institutionen ermordet würden.“ Es ist zu erwarten, dass einer solchen Ungeheuerlichkeit auch viele Menschen nicht zustimmen würden, die den Islam ablehnen.

Das bedeutet: Die Äußerungen sind so formuliert, dass sie eine im Vergleich zum Antisemitismus proportional deutlich vergrößerte „Muslimfeindlichkeit“ vorspiegeln. Ob das nun politische Absicht ist oder auf Unachtsamkeit und Ungenauigkeit beruht – es zeigt auch hier, dass die „Studie“ wissenschaftlich in wesentlichen Punkten nicht haltbar ist.

 

Nationalistische Antifeministen: die Mitte im Genderwahn?

Das gilt auch für ein Thema, das nicht im Fokus der Berichterstattung steht. Der Feminismus wird im Text als eines der Feindbilder des Rechtspopulismus ausgemacht (S. 153), und „Antifeminismus“ wird als Kennzeichen einer neuen rechten Mentalität präsentiert. (S. 194) Antifeministische Einstellungen werden durch zwei Äußerungen überprüft: „Es gibt heutzutage einen Krieg gegen die traditionelle Ehe und Familie“ sowie „Durch den Feminismus werden in unserer Gesellschaft die Männer systematisch benachteiligt.“

Tatsächlich hat die erste dieser Äußerungen überhaupt keinen notwendigen Zusammenhang mit Feminismus oder der Kritik daran – wer hier zustimmt, könnte ja auch an familienfeindliche Strukturen der Arbeitswelt denken. Die Formulierung „Es gibt“ nennt schließlich nicht einmal konkrete Akteure.

Gesellschaftliche Benachteiligungen für Männer gibt es wiederum durchaus, beispielsweise in der Gesetzgebung – und etwa für die Nachteilen im Sorgerecht sind feministische Akteurinnen durchaus mitverantwortlich. Dass Väter weiterhin schlechter gestellt sind als Mütter, beruht auf einer gemeinsamen Interessen konservativer Familienpolitiker bei der Union und feministisch inspirierter Mütterpolitikerinnen bei den rot-grünen Parteien.

Das heißt: Hier fragen die Studienmacher schlicht ab, ob die Befragten über diese Sachverhalte informiert sind – und wenn sie informiert sind, wird ihnen das als Ausweis einer rechtspopulistischen oder neurechten Gesinnung ausgelegt. Ganz so, als gäbe es Bereiche der Politik, bei denen es irgendwie anrüchig ist, sich mit ihnen auszukennen.

Die Ergebnisse müssten trotzdem für jeden Männerrechtler deprimierend sein: Einen Krieg gegen die Familie können nur etwa 10%, feminismusinduzierte Benachteiligungen für Männer nur etwa 7% der Befragten erkennen. (S. 165) Eigentlich müsste das für die Forscher ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass „Antifeminismus“ erstens keine verbreitete Haltung ist und zweitens mit rechtspopulistischen Einstellungen kaum korreliert.

Sieht so eine Stadt aus, wenn Antifeministen in ihr gewütet haben?

Doch obwohl die Studienmacher selbst einräumen, dass hier die „Zustimmungswerte insgesamt niedrig“ (S. 168) sind, halten sie später ungerührt über „die neuen rechtsextremen Einstellungen“ fest:

„Dazu gehört aber nun auch und ganz besonders ein Antifeminismus, der durch einen unterstellten ‚Genderwahn‘ weit in die Mitte gedrungen ist. Er ist getragen vom Leitbild einer Nation, die ihre Größe wiedererlangen muss, und andere Völker, so sie denn die Größe akzeptieren, toleriert.“ (S. 291)

Ich habe die Passage mehrmals gelesen und keinen Hinweis darauf gefunden, warum Antifeminismus von einem nationalistischen Leitbild getragen sein sollte. Klar ist nur: Dass die Bemühungen der Studienmacher, ein antifeministisch-rechtspopulistisches Problem zu beschreiben, im Sande verlaufen waren, wird von ihnen in ihren Schlussfolgerungen schlicht ignoriert.

 

Nazis machen – Nazis stark machen: Was soll das?

Ich habe hier nur an drei Beispielen skizziert, wie wenig tragfähig die Ergebnisse der FES-Schrift sind. Tatsächlich finden sich auf jeder Seite Aspekte, die in dieser oder ähnlicher Weise kritisiert werden könnten. Andreas Zick (Professor an der Universität Bielefeld), Beate Küpper (Professorin an der Hochschule Niederrhein) und Wilhelm Berghan (Universität Bielefeld) legen hier eine Schrift vor, die weniger eine wissenschaftliche Arbeit ist als ein politisches Pamphlet, das sich als wissenschaftliche Arbeit verkleidet.

Insgesamt bleiben die Korrelationen (z.B. S. 166) eines rechtspopulistisch-rechtsextremen Komplexes assoziativ und willkürlich. Die Kategorien, mit denen die Studienmacher arbeiten, sind dafür zu unscharf und willkürlich – die Aussagen für die einzelnen Items sind undeutlich und suggestiv formuliert – es sind viel zu wenige Items – und Kontrollfragen fehlen ohne Angabe von Gründen vollständig.

Um eindeutige Korrelationen beschreiben zu können, fehlen auch Kontrollkategorien, die eindeutig nicht rechtspopulistisch sind. Wenn zu denen ähnliche „Korrelationen“ hergestellt werden können wie zu den anderen, dann wäre das ein deutlicher Hinweis darauf, dass diese Überschneidungen inhaltlich nicht viel mit rechtspopulutischen Haltungen zu tun haben.

Solche Selbst-Kontrollen fehlen in der Studie vollständig, und es fehlen generell Überprüfungen anhand basaler wissenschaftlicher Standards. Bei der Validität einer Untersuchung geht es beispielsweise um die Frage, ob tatsächlich das gemessen wird, was gemessen werden soll. Wenn jedoch sachliche Einschätzungen von Menschen abgefragt, ihnen diese Einschätzungen dann aber als Selbstauskünfte über rechtspopulistische Haltungen ausgelegt werden, ist die Studie schlicht nicht valide – sie fragt nach etwas anderem, als sie in ihren Ergebnissen behauptet.

Das ist zudem politisch hoch problematisch. Wenn beispielsweise ein Viertel der Befragten den Eindruck äußert, „Medien und Politik steckten unter einer Decke“ (S. 213), dann ist das ein Hinweis auf einen erheblichen Vertrauensverlust – dessen Gründe beispielsweise Thomas Meyer in „Die Unbelangbaren. Wie politische Journalisten mitregieren“ einleuchtend beschreibt. Für die Studienmacher aber weisen die Aussagen nicht auf ein Problem von Medien und Politik hin, sondern auf ein Problem derjenigen, die an Vertrauen verloren haben – sie nämlich würden „Verschwörungstheorien“ nachhängen.

Diese Form der Herrschafts-Kommunikation, die den Gesprächspartner als vernunftgeleitetes Wesen nicht ernst nimmt und ihn lediglich als Symptomträger deutet, gibt auch schon einen Hinweis darauf, was die Studienmacher womöglich motiviert. Denn was treibt Menschen, die sich diffus als politisch links verstehen, dazu, Rechtsradikale zu stärken, indem sie systematisch und auf wissenschaftlich haltlose Weise den Eindruck erwecken, Rechtsradikale wären Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit?

Wer hat eigentlich ein Interesse daran, ein Ende der Demokratie herbeizuschreiben?

Die „parteinahen Stiftungen“ sind rechtlich tatsächlich keine Stiftungen, sondern Vereine. Der Unterschied: Während Stiftungen für gewöhnlich private Mittel für öffentliche Zwecke einsetzen, agieren die „parteinahen Stiftungen“ genau umgekehrt und verbrauchen öffentliche Mittel für Parteiinteressen – und für die Interessen einzelner Beteiligter.

Im Jahre 2017 waren das insgesamt 581 Millionen Euro (!), von denen der Löwenanteil von über 170 Millionen auf die Friedrich-Ebert-Stiftung entfiel. Warum aber sollten Parteien über Stiftungen in solch immensem Maße die Deckelung staatlicher Zuschüsse umgehen können? Warum sollte zudem ein Parteiverein einer – nach gegenwärtigen Umfragen – 15%-Kleinpartei jährlich mit über 170 Millionen aus Steuermitteln finanziert werden?

So ist die Studie möglicherweise selbst ein Symptom des Demokratieverlustes, den aufzudecken sie vorgibt. Eine öffentlich aus immensen Mitteln finanzierte Institution legitimiert sich hier dadurch, dass sie sich als dringend benötigte Hüterin demokratischen Bewusstseins gegen antidemokratische Tendenzen in der Mitte der Bevölkerung präsentiert.

Auch in der durchgängigen Diffamierung von Anti-Establishment-Haltungen als „rechtspopulistisch“ (z.B. 25, 153, 162f., …) zeigt sich ein elitäres Selbstverständnis der Studienmacher. Sie bauen eben nicht auf die Selbst-Regulierung demokratischer Prozesse in einer demokratischen Bevölkerung, sondern setzen auf die Kontrolle dieser Prozesse durch eine institutionell abgesicherte Elite, die sich selbst als demokratisch und ihre Kritiker als antidemokratisch versteht.

Vorgeblich zum Wohl des Ganzen, aber vor allem zum eigenen Nutzen.

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28 Comments

  • Hallo Lucas,
    vielen Dank für diesen neuen sachlich und fachlich fundierten Text und die glasklaren Rückschlüsse daraus. Bei der Friedrich-Ebert-Stiftung ist es leider offenbar mittlerweile gängige Methode Kritiker der zeitgeistkonformen Politik braun zu pinseln. Wir kennen das von Gesterkamps „Expertise“. Siehe https://man-tau.com/2017/04/02/ist-thomas-gesterkamp-ein-verschwoerungstheoretiker/
    Gerade für Leute, wie mich, deren Eltern unter der Nazi-Herrschaft zu leiden hatten, ist es widerlich, wie leichtfertig alles zu „Nazi“ gemacht wird, nur weil es jemanden nicht in dem Kram passt. Dieser sehr leichtfertige Umgang mit den Naziverbrechen ist es, der die Naziverbrechen verharmlost.

  • Diese Studie ist einfach nur als Gaslighting im XXL-Format zu bezeichnen. Die ganze Gesellschaft soll als Fiebersumpf von primitiven Nazis und Halbnazis erscheinen, damit man die eigenen autoritär-repressiven Politziele als alternativlos verkaufen kann. Es ist im Grunde nur die alte Masche der Kommunisten, alle anderen als Nazis hinzustellen, um sich als die einzig mögliche Erfüllung der Geschichte zu inszenieren.

    Den Extremismus der „Mitte“, der unsere Gesellschaft bedrohen würde, gibt es tatsächlich, insofern stimmt die zentrale These der Studie.

    Nur geht der nicht von Herrn und Frau Mustermann aus, sondern von seiner intellektuellen Elite, die vollgesogen ist mit kollektivistischen, illliberalen und irratonalen Ideen und Vorstellungen und die Bevölkerung mit dem Knüppel der „einzig wahren Demokratie“ züchtigen will.

    Dieser Trend der intellektuellen Elite zum Antidemokratismus hin ist kein deutsches Phänomen, sondern hat allgemein alle westlichen Demokratien erfasst.

    • @ Alex Ich halte das für einen wichtigen Punkt: Wer einem Großteil der Bevölkerung schlicht die Vertrauenswürdigkeit abspricht und ihm Menschenfeindlichkeit und eine Tendenz nach Rechtsaußen unterstellt, der drückt damit eigentlich aus, dass das Volk nicht reif genug sei, selbst politisch zu entscheiden. Es ist die Legitimation einer autoritären Politik, deren Akteure sich aber als notwendige Schutzherren von Menschlichkeit und Demokratie verkaufen – als unverzichtbares Bollwerk gegen die drohende Barbarei der Bevölkerung.

      • @Lucas
        Das liefert natürlich einen guten Grund für Bevormundung, Enmündigung oder autoritäre Massnahmen.
        Das Bild unser Eliten auf die „einfachen Leute“ wäre sicher eine Untersuchung wert, hier scheint ja etwas im Argen zu liegen.

    • Genau deshalb wird auch die Massenüberwachung udn Zensur im Internet ausgebaut. Denn die Gesellschaft verroht zunehmend. Ich sehe da eher eine andere Tendenz. Es sind die Feministinnen und oberen 1% die verrohen !

      Ich hatte vor einigen Tagen einen Artikel in einer US Zeitung gelesen, wo ein Mann zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er im Internet einige Frauen gefragt hatte sich auszuziehen und die Fotos an ihm zu schicken. Er hatte nicht einmal damit gerechnet dass manche Frauen das wirklich durchziehen würden.
      In den USA befanden einige bekloppten männerfeindlichen Feministinnen das als ein Verbrechen!
      Er hatte die Frauen auch nicht dazu gezwungen, oder erpresst oder genötigt. Er hatte sie lediglich gefragt. Vielleicht war es nur ein Witz von ihm…Unfassbar
      Aber in Deustchland wird es bald auch soweit sein. Ich habe einen Bekannten, der Monate in einer geschlossenen verbringen musste, weil er einen makaberen Witz (nicht über Frauen) gemacht hatte und zwar nur unter „Bekannten“.
      Bevor er diesen einen Witz erzählen wollte, hatte er vorher sogar angekündigt, eine Satirische Anekdote zu erzählen. Dennoch sind manche Leute zu dumm, weil sie wahrscheinlich keine Ahnung davon haben, was Satire überhaupt bedeutet! Vor allem unter Frauen gibt es extrem viele, denen die Bedeutung von Satire nicht geläufig ist!
      Anschließend wurde die Polizei gerufen…

      Es ist schon grotesk wie die Justiz tickt. Denn gleichzeitig gibt es in Deutschland unzählige volljährige Intensivstraftäter, die noch nie ein Gefängnis von innen gesehen haben!

  • „Die „parteinahen Stiftungen“ sind rechtlich tatsächlich keine Stiftungen, sondern Vereine. Der Unterschied: Während Stiftungen für gewöhnlich private Mittel für öffentliche Zwecke einsetzen, agieren die „parteinahen Stiftungen“ genau umgekehrt und verbrauchen öffentliche Mittel für Parteiinteressen – und für die Interessen einzelner Beteiligter.“

    …interessanter Aspekt. Konkret: bei 80 Mio. Einwohnern und 400.000 SPD-Mitgliedern bekommt die FES öffentliche Mittel für die Interessen von etwa 0,005% der Bevölkerung.

    • Sorry, es muss natürlich heißen: „bei 80 Mio. Einwohnern und 400.000 SPD-Mitgliedern bekommt die FES öffentliche Mittel für die Interessen von etwa 0,5% der Bevölkerung.“

      Ich hatte vergessen, mit 100 zu multiplizieren. Aber was sind schon 100 bei 10.000 Jahren Frauenunterdrückung.

    • @Thomas Auch für die AfD gilt aber eben: Es ist ein Irrtum zu glauben, mit ganz rechten Positionen wie denen von Höcke oder mit einer Fixierung aller möglichen Themen auf das Thema Migration würde irgendjemand einer schweigenden Mehrheit Ausdruck verleihen.

      Das würde ich tatsächlich gerne mal von der FES wissen: Wie man so blöd sein kann, mit einer wissenschaftlich absurd unhaltbaren „Studie“ den Eindruck durch die Medienlandschaft zu schicken, eine Mehrheit der Menschen stünde rechts.

      • Wirklich blöd und absurd ist doch vor allen Dingen, dass Medien uns letztendlich auch die Konsumenten genau diesen Blödsinn auch glauben.

  • Die Ergebnisse müssten trotzdem für jeden Männerrechtler deprimierend sein: Einen Krieg gegen die Familie können nur etwa 10%, feminismusinduzierte Benachteiligungen für Männer nur etwa 7% der Befragten erkennen.

    Die ganze Umfrage ist für die Tonne, wahrscheinlich auch in diesem Punkt.

    Dazu erinnere ich mich an eine im Auftrag des GEO-Magazins durchgeführten Umfrage, nach welcher eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung u.a. der Ansicht ist, dass inzwischen Väter die Benachteiligten im Trennungs- und Sorgerecht seien (Das Magazin beeilte sich zu erklären, dass das schon in Ordnung so sei, da ja Frauen sonst überall benachteiligt und Männer bevorzugt wären).

    Eine mögliche Erklärung zu der hier besprochenen Umfrage wäre, dass die Befragten witterten, dass sie sich mit den falschen Antworten „outen“ würden, keine vollwertigen Mitglieder der Gesellschaft zu sein. So nach dem Motto: Sind sie ein primitives, rückständiges Arschloch oder ein kompetentes, progressives, zivilisiertes Mitglied einer demokratischen, gleichberechtigten, toleranten, modernen Gesellschaft!!??“ Ein Maskulist schrieb dazu mal, dass hier der Zeitgeist fragt, und dieser Zeitgeist bekommt die Antworten, die er verdient, und diese müssen nicht unbedingt die Meinung der Befragten abbilden.

    Danke für den Artikel, mal wieder großartige Arbeit.

    • @yx Danke für den Kommentar zum Text!

      Ich schätze die Gründe für die Antworten genau so ein wie Du: Wer nicht völlig uninformiert ist, wird nach einer Weile merken, worauf die Aussagen hinauslaufen und was vermutlich aus ihnen geschlossen wird. Das umso mehr, als es ja nicht einfach um sachliche Zuordnungen geht, sondern um stark moralisierende Zuschreibungen.

      Insgesamt finde ich deprimierend, wie schlecht der FES-Text ist. Deprimierend, weil er immerhin wesentlich von Leuten auf Professuren verfasst und verantwortet würde – weil er bei einer Organisation erscheint und verbreitet wird, die mit vielen, vielen Millionen Steuermitteln ausgestattet wird – und weil er medial oft völlig unkritisch referiert wird, obwohl die erheblichen Mängel eigentlich unübersehbar sind. Immerhin finde ich es ermutigend, dass es mittlerweile auch klare Kritik an so etwas gibt und dass nicht alle bei so etwas blind mitmachen.

  • Danke, Lucas, dass Du dir die „Studie“ angeschaut hast. Ich für meinen Teil erspare mir die Lektüre. Was von der FES in der Vergangenheit so alles als wissenschaftliche Studie angepriesen wurde war in der Regel eine Ansammlung von Bestätigungsfehlern („confirmation bias“) und somit nichts weiter als politische Propaganda.
    Du stellst richtig fest, dass diese sogenannten Studien von der Propagandaschleuder FES nur ihren eigenen Interessen dienen, d.h der Partei und dem parteinahen Institut. Das Bundesverfassungsgericht stellte übrigens in einem Urteil aus den Sechzigerjahren fest, dass die Finanzierung der politischen Parteien nur zulässig sei, soweit die Finanzierung in unmittelbarem Zusammenhang zum Wahlkampf stünde und der politischen Willensbildung des Bürgers diene. Nun kann man sicherlich endlos streiten, was denn nun noch in unmittelbarem Zusammenhang zum Wahlkampf steht und was nicht. Eines aber ist klar: Eine permanente Finanzierung der Parteien wurde vom BVG als verfassungswidrig eingestuft. Was also tun die Parteien? Sie erfinden die „parteinahen Stiftungen“, die „politische Bildung“ für den Bürger anbieten, womit sich diese Propagandaschleudern das Mäntelchen der Gemeinnützigkeit anlegten und das Grundgesetz so eben mal aushebelten. Auch die Bezeichnung Stiftung ist – wie hier bereits erwähnt – irreführend und sachlich falsch. Das ganze ist ein Skandal. Da aber alle Parteien profitieren, kann sich eine Opposition nur ausserhalb des Parteiengefüges artikulieren.

    • @ Pjotr Danke für die Hintergründe! Ich wüsste gern mal, wie es „der politischen Willensbildung des Bürgers“ dient, wenn man auf halsbrecherische Weise versucht, der „Mitte“, also schlicht dem Großteil der Bevölkerung, Menschenfeindlichkeit und neurechte Gesinnungen zu unterstellen.

      • Ich glaube nicht, dass es hierbei um „politische Willensbildung des Bürgers“ in einem liberalen Sinne geht. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass man mit dieser „Studie“ die Bürger aufrütteln möchte – wobei aufrütteln wohl eher als Euphemismus für erschrecken zu verstehen ist. Es ist gewiss kein Zufall, dass, wie schon an den wenigen von dir genannten Beispielen erkennbar, beständig eindeutig rechte – teils gar weit rechte – Positionen in Verbindung mit völlig normalen, nicht selten gar empirisch begründbaren Positionen gesetzt werden. Das ist reines Framing.

        Es geht darum, dass jeder Bürger, der auch schon mal besorgt zur Kenntnis genommen hat, dass sich unser Staat offensichtlich in den letzten Jahren bei der Durchsetzung geltenden Rechts schwer getan hat, zusammenzuckt, wenn man ihm darlegt, dass dasselbe auch von Leuten gedacht wird, die pauschal allen Muslimen jegliches Aufenthaltsrecht in unserem Land absprechen möchten. Der Bürger soll von seinem sündigen Denken Abstand nehmen, nachdem man ihm sein Denken überhaupt erst durch diffuse Verbindung zu völlig andersartigen Rechtsaußenpositionen zur Sünde erklärt hat.

        Darüber hinaus hat die ganze Nummer natürlich auch etwas peinlich selbstbezügliches, mit klarer Tendenz zu politischer Propaganda. Seit Jahren wird von sich als links bezeichnenden Parteien verlautbart und durch die Presse gepumpt, wir hätten in unserer Gesellschaft einen besorgniserregenden „Rechtsruck“. Dann werden im Zuge einer „Studie“ fragen gestellt, die diese Aussage bei halbwegs objektiver Betrachtung überhaupt nicht widerspiegelt. So ist es natürlich zwingend erforderlich, dass man durch assoziative Gymnastik an dem Ergebnis herumdreht, um schließlich doch irgendwie zu dem erwünschten Resultat zu kommen, dass wir in unserem Land offensichtlich kurz vor dem Ausruf des vierten Reiches ständen.

        Diesen beschworenen Rechtsruck sehe ich persönlich auch nicht. Ich bin davon überzeugt, dass traditionell linke Positionen immer noch großen Rückhalt in der Bevölkerung fänden. Wenn man diese aber natürlich ergänzt oder teils sogar völlig ersetzt durch diskursiven Schwachsinn, der auch nur für Leute von Relevanz sein kann, die den Luxus genießen, einen großen Teil ihres Lebens vorwiegend in Parteibüros oder universitären Elfenbeintürmen zu verbringen, darf man sich nicht wundern, wenn man immer weniger Menschen mit diesem plötzlich zu linken Themen erklärten Blödsinn noch überzeugen kann. Der vermeintliche Rechtsruck entsteht meines Erachtens also vielmehr durch ein Problem der relativen Wahrnehmung. Das „linke“ Parteienspektrum, leider vor allem die SPD, hat sich massiv wegbewegt von dem, was sie einst definierte, scheint sich dessen aber nicht bewusst sein zu wollen. Also definiert man die Distanz zur Bevölkerung, aus der Gewissheit der eigenen unveränderten, linken Position einfach als einen Rechtsruck. Das ist quasi so, wie jemand, der in einem fahrenden Zug sitzt und dabei denkt, er stände still und die ganze Welt rauscht draußen an ihm vorbei. Somit ist diese „Studie“ wohl auch ein Versuch der Selbstversicherung: eigentlich stände unser Zug noch im Bahnhof, wenn doch bloß alles außen rum nicht ständig so vorbeirasen würde.

        Für mich persönlich ist es ernüchternd, wenn man aus derlei Offenbarungseiden abzuleiten versucht, was man wohl alles mitbringen muss, um sich heute noch als links bezeichnen zu können. Mir scheinen vermehrte Grundvoraussetzungen zu sein, sich jeglicher Lebenswirklichkeit und Empirie durch schiere Moralisierung entziehen zu können und das in Kombination mit der mir nicht besonders attraktiv erscheinenden Wahrnehmung unserer Wirklichkeit, permanent von Heerscharen von Protonazis umgeben zu sein, die nur einen leichten Schubs von einem ihrer bereits offen rechtsextremen Führer benötigen, um dem dann unvermittelt in den nächsten Pogrom zu folgen.

        Irgendwie fällt es mir schwer, mich mit so etwas zu identifizieren. Und alleine das macht nun wohl auch mich zum „Neurechten“… 🙁

        • Danisch spricht demzufolge auch nicht von „Rechtsruck“, sondern von „Linksflucht“, was ich – unter Berücksichtigung von Danischs „leicht vereinfachter“ Vorstellung von „Lechts“ und „Rinks“ – für nachvollziehbar halte.

          Übrigens hat M. Klein noch einen draufgelegt und dann platzte H. Diefenbach der Kragen.
          Sehr lesenswert!

          M. Klein
          https://sciencefiles.org/2019/05/02/ard-faktenfinder-der-blodsinn-zur-mitte-studie-ist-nicht-mehr-steigerbar/

          H. Diefenbach
          https://sciencefiles.org/2019/05/02/genug-ist-genug-wider-den-mitte-studien-dilettantismus/

          Enough is enough!

        • @Billy Coen

          Die gängige Formel ist „Nicht Rechtsruck, sondern Linksflucht“, wobei das zu präzisieren ist:

          „Wenn man diese aber natürlich ergänzt oder teils sogar völlig ersetzt durch diskursiven Schwachsinn, der auch nur für Leute von Relevanz sein kann, die den Luxus genießen, einen großen Teil ihres Lebens vorwiegend in Parteibüros oder universitären Elfenbeintürmen zu verbringen, darf man sich nicht wundern, wenn man immer weniger Menschen mit diesem plötzlich zu linken Themen erklärten Blödsinn noch überzeugen kann. “

          Es ist noch schlimmer. SPD und Grüne haben linke Positionen nicht mit politisch korrektem Schwachsinn nicht ERGÄNZT sondern ERSETZT. Seit Agenda2010, HartzIV & Co sind die überhaupt nicht mehr sozial, sondern neoliberal oder schlicht rechts.

          Also man flüchtet nicht einmal vor links, sondern vor einer leeren Hülle die vor 30 Jahren mal links war.

        • Es geht darum, dass jeder Bürger, der auch schon mal besorgt zur Kenntnis genommen hat, dass sich unser Staat offensichtlich in den letzten Jahren bei der Durchsetzung geltenden Rechts schwer getan hat, zusammenzuckt, wenn man ihm darlegt, dass dasselbe auch von Leuten gedacht wird, die pauschal allen Muslimen jegliches Aufenthaltsrecht in unserem Land absprechen möchten.

          Ein gut gewähltes Beispiel. Wer die Auffassung teilt, dass sich der Staat schwer tat mit der Durchsetzung geltenden Rechts gilt bereits als „Neurechter“. Die naheliegende Frage wäre doch, ob es in dieser Hinsicht Probleme gibt. Die sogenannte Studie aber wertet allein schon eine derartige Sorge als „rechte Einstellung“, ohne in Erwägung zu ziehen, dass diese Bedenken rational begründbar sein könnten.
          Seit es Twitter und Facebook gibt, stellen sich Politiker vermehrt (oder noch mehr) in der Öffentlichkeit dar und es ist erschreckend zu sehen, wie borniert diese Leute zum Teil sind. Es ist erschreckend zu sehen, welche Auslese die Parteien bewirken. Der neue Star der SPD scheint Kevin Kühnert zu sein. Echt jetzt?

  • Das erinnert doch sehr an die Studie zur Gewalt an Frauen, bei der Vergewaltigungsopfer 1 zu 1 neben Frauen, die ab dem 14. Lebensjahr schon mal geschubst wurden, gestellt wurden, nur um dann zu behaupten das 1 von 3 Frauen Opfer von Gewalt wurde und wir hier ein riesiges Problem haben. Im Grunde sagte diese Studie aus das 2 von 3 Frauen noch nicht mal geschubst wurde und Frauen daher nur sehr wenig Gewalt erfahren.
    Genau wie dieses FES-Papier genau das Gegenteil von dem aussagt, was die FES versucht zu behaupten. Einfach unglaublich was für einen Schaden diese Leute bewusst anrichten.

    Wenn sich die Welt in einen messbar friedlicheren und gewaltfreieren Ort wandelt, würde die FES dann wohl behaupten das wir kurz vor der Auslöschung stehen. 1984

  • „Hier treffen die Befragten eine Aussage über die Welt, über die soziale Wirklichkeit. Anstatt aber zu überprüfen, ob diese Aussage falsch oder wahr ist, werten die Forscher sie schlankweg als bloße Selbstauskunft, als unfreiwillige Entblößung feindseliger Einstellungen. Kommunikativ ist das ein deutliches Herrschaftsverhalten: Die Forscher ignorieren, dass sie und ihre Gesprächspartner sich auf eine gemeinsame Welt beziehen, und sie deuten die Äußerungen ihrer Gesprächspartner zu einem bloßen Symptom um, ohne ihre inhaltlichen Aspekte ernst zu nehmen.“

    Leider muß man sagen, daß das nichts Neues ist. In manchen Kreisen scheint sowas leider gang und gäbe zu sein. Mir ist das jedenfalls (bspw. bei Berichten über „Studien“ im österreichischen Standard) schon öfter aufgefallen.

  • Da wo ich wohne, gibt’s den Markus. In der Schule tat er sich schwer mit der Rechtschreibung. Sonst hätte er am Ende studiert und wäre Redaktor oder Professor geworden. Die Berufslehre hat er gut gemeistert. Das Ziel in seinen Weiterbildungen war stets das Ziel und nie der Weg. ECTS-Punkte hat er keine.
    Heute ist Markus Brunnenmeister. Eine schöne alte Berufsbezeichnung. Er ist zuständig für die Trinkwasserversorgung in unserer Gemeinde, kennt die Anlage wie seine Hosentasche, ist rund um die Uhr auf dem Sprung. Unser Wasser kann man bedenkenlos trinken. Von der Multimillionärswitwe bis zum Asylbewerber hängen alle am selben Netz. Die Qualität wird laufend überwacht, auch von externen Stellen. Es ist Markus Ehrgeiz und Stolz, dass alles immer peinlich genau in Ordnung ist. Schummeln liegt ihm nicht, er ist eine ehrliche Haut. Die grosse Verantwortung trägt er unaufgeregt und weiss doch, dass es ohne ihn nicht geht. Er anerkennt den Sachverstand der Ingenieure und denkt darüber hinaus kaum darüber nach, ob es alle Studierten wirklich braucht. Mit der Normenflut tut er sich oft schwer, und doch garantiert gerade er die peinlich genaue Einhaltung.

    Markus versteht über die Addition hinaus auch das Wesen der Multiplikation. Er weiss, dass sich aus einem Wasserspeicher nicht beliebig viele Leute versorgen lassen, dass eine Erweiterung rechtzeitig geplant sein will und dass man vor der Realisierung über die Finanzierung sprechen muss. Markus ist nicht dumm, bloss weil er ehrlich ist. Aber er sagt, was es braucht, weil eh alle zu ihm rennen, wenn es zu spät ist. Markus ist ein Mann.

    Markus hat ein körperlich behindertes Kind. Er weiss, dass die Spezialschule und der tägliche Transport sehr teuer sind. Er könnte das niemals selbst bezahlen. Auf die Solidarität der Gesellschaft verlässt er sich genauso, wie sich die Gesellschaft auf ihn verlassen kann, über beides denkt er wohl nicht gross nach. Dass Care-Arbeit nur an den Frauen hänge, ist ihm nicht bewusst, er weiss nicht einmal, was das ist, sein Gehalt geht bis auf ein Taschengeld für seine Familie drauf und er ist ein guter Vater. Manchmal hört er im Radio ein paar Frauen klagen und schimpfen. Die Argumente versteht er nicht, vielleicht liegt es am fehlenden Studium, denkt er. Nur die Aggression nimmt er wahr, dafür braucht er kein Studium. Klar, sauberes Wasser kriegen auch die, das geht vor. Er weiss, was Prioritäten sind, auch wenn er den Begriff nicht aktiv nutzt.

    Ich freue mich, wenn ich Markus auf meinen Spaziergängen begegne. Er ist stets in Eile, aber für einen freundlichen Gruss reicht es allemal. Er spürt meinen ehrlichen Respekt. Das bedeutet ihm etwas. Vielleicht wählt Markus manchmal SVP. Das könnte sein. Die machen Sätze, die er versteht und beschimpfen ihn nicht. Markus hat keine Credits aber meinen Kredit. Er ist redlich, auf meinen Brunnenmeister ist Verlass.

    Wäre Markus ein Brunnenvergifter wie die Verfasser dieser Studie, bliebe nur das Wasser aus dem Supermarkt.

  • „Der Feminismus wird im Text als eines der Feindbilder des Rechtspopulismus ausgemacht (S. 153), und ‚Antifeminismus‘ wird als Kennzeichen einer neuen rechten Mentalität präsentiert.“

    Die betrachtete Studie habe ich nicht gelesen, aber es ist zweifellos oft so, dass diejenigen, die sich gegenüber dem Feminismus skeptisch zeigen, als „rechts“ diffamiert werden. Ist es aber nicht so, dass auch feministische und rassistische Positionen korrelieren können?

    Ich musste beim Lesen von Lucas‘ Beitrag an Oury Jalloh und Amed Amed denken — zwei Männer, die in Deutschland in Gefängniszellen verbrannten bzw. verbrannt worden sind (2005 bzw. 2018). Beide sind anscheinend oder zumindest meines Wissens unschuldig verhaftet worden und hätten für die vorliegenden Bagatellen nicht eingesperrt sein dürfen. Der äußere Anlass für ihre Verhaftung war jeweils der gleiche: Sie sollen Frauen sexuell bedrängt haben.

    Das mag ein Zufall sein, vielleicht trug der Vorwurf aber in beiden Fällen dazu bei, die Häftlinge vogelfrei zu machen und sie ihrer Würde und ihrer Rechte zu berauben. Insofern kann dieser Vorwurf, deutsche Frauen belästigt zu haben, gerade gegenüber Ausländern bewusst eingesetzt worden sein, um Gewalt gegen diese zu rechtfertigen und sie zu enthumanisieren. Die verletzte Würde der Frau erscheint so als Rechtfertigung für Gewalt. Ich will nun Feministen nicht pauschal zuschieben, Gewalt gegenüber ausländischen Männern gutzuheißen. Aber gerade die vorherrschende Ideologie des ‚listen and believe‘ und die kursierenden Forderungen nach drastischen Strafen gegenüber auch nur vermeintlichen Sexualstraftätern ohne ordentlich Prozess scheint mir doch ein Kernpunkt der feministischen Ideologie zu sein.

    Insofern lässt sich das Vorherrschen feministischer Ideologie durchaus als Vorherrschen rechter Gesinnung interpretieren. Hypothese: Der Aufstieg der AfD und des Feminismus wären so zwei Seiten der gleichen Medaille, da sie beide eng mit identirärer Ideologie zusammenhängen.

    • Ja, durchaus nachvollziehbar, daß Feminismus und originalrechter Fremdenhass in dem Punkte anschlussfähig sind. Aber nur, wenn beide Seiten glaubhaft bestreiten können, daß das überhaupt möglich ist. Auch ggü. sich selbst. Was aber durch die zeitliche und räumliche Trennung ( z.B. im Fall Yallo ) problemlos „konstruierbar“ wird.

    • @Martin: „Ist es aber nicht so, dass auch feministische und rassistische Positionen korrelieren können?“

      Alles mögliche kann korrelieren.
      Was Sie da vermuten oder gar unterstellen, …reiten Sie da nicht genau die Masche, die diese SPD-Studie strickt und die hier oben trefflich auseinandergenommen wird (ebenso wie bei den Sciencefiles)
      = Ideologie plus Vermutung und Unterstellung!
      Das ist keine Wissenschaft und auch keine Wahrheit.

  • Selbst wenn es so wäre, verstehe ich nicht das Problem. Wir sollten alle viel weiter nach rechts rücken. Der Autor dieses Blogs scheint allerdings kein Problem mit der eigenen Verdrängung durch allerlei Fremde zu haben.

    »Her damit! Ethnie spielt keine Rolle! AAALLLLEEE können Deutsche sein!!1 Komm kuscheln, Mohammed.«

    Er jammert über Feminismus und Männer-bashing und all diesem Scheiß, kann aber die naheliegende Verbindung zwischen Beidem nicht sehen.

    Armer Lucas.

  • In den letzten Monaten sammelte ich Unterstützungsunterschriften für die Humanisten (Partei der Humanisten).
    Dabei sprach ich mit hunderten Bürgern. Es war zuweilen schwierig sich von den Leuten zu lösen, weil viele mal „mit einem echten Politiker“ sprechen wollten.
    Bei diesen vielen interessanten Begegnungen konnte ich zwei Dinge definitiv nicht entdecken: rechtsradikale Einstellungen und Politikverdrossenheit.
    Natürlich ist ein ordentlicher Bias in meiner Stichprobe. Schließlich sammelte ich nur in Bremen und von den Bremern bin ich auch nur einer bestimmten Auswahl begegnet. Allein über die Wahl der Sammlungsorte ist eine Verzerrung enthalten.
    Dennoch bin ich bestürzt wie weit das mediale Bild von der Bevölkerung abweicht.

    • @ Krischan Danke für den Kommentar!

      Ich habe beim „wahlomaten“ immer wieder die Humanisten dabei gehabt, einfach des Namens wegen – und jetzt schon mehrfach festgestellt, dass sie bei mir auf dem ersten Platz gelandet waren. Allerdings habe ich keine Ahnung, woran das eigentlich liegt, weil ich wenig über die Partei weiß.

      Ich kann das natürlich auch googeln – ich fänd es aber schön, wenn Du auch hier in den Kommentaren kurz beschreiben würdest, warum Du Dich für diese Partei einsetzt.

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